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Full text of "Milton und seine Zeit"

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MILTON 

UND SEINE ZEIT. 



ZWEITER THEIL. 

1649—1674. 



MILTON 



UND SEINE ZEIT. 



Von 

ALFRED STERN, 

Professor dei- Geschichte an der Universität Bern. 



ZWEITER THEIL. 

1649—1674. 

Drittes Buch. Unter der Republik und dem Protektorat. 



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LEIPZIG. 

VERLAG VON DUXCKER & HÜÄIBLOT. 

1879. 




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MILTON 



UND SEINE ZEIT. 



Von 



ALFRED STERN. 



Drittes Buch. 
Unter der Republik und dem Protektorat. 

1649-1660. 



Mit einem Portrait des ziveiundsechzigjälirigen llilton. 




LEIPZIG. 
VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 

1879. 



Das Recht der Uebersetzung wie alle anderen Rechte vorbehalten von der 

Verlagsbuchhandlung. 



D r i 1 1 e s B u c li. 

Unter der Republik und dem Protektorat 1649 — 1660. 
Inhalts - Yerzeicliniss. 



Erstes Kapitel. 

Eintritt in den Staatsdienst S. 3 — 49. 

Gründung der Republik 4. Der Staatsrath 5. Die Eoyalisten 6. Lil- 
burne und die Levellers 7 — 9. Irland 8. Cromwell in Irland 11. Schott- 
land 12. Cromwell in Schottland 13. Schlacht bei Dunbar 14. Schlacht 
bei Worcester 15. Die Republik und das Ausland 16. Prinz Rupert 
und Blake 17, 18. Navigationsakte. Krieg mit den Niederlanden 19. 
Das Sekretariat für die ..fremden Sprachen" 20. Georg Rudolf Weck- 
herlin. Anstellung Milton's 21. Henry Vane 22, 23. Verhältnis zu 
den Mitgliedern des Staatsraths 24. Sonett auf Vane 2.5. Frost, 
Thurloe, Fleming, Haak, Sterry, T. Goodwin, Owen, Peters, Caryl, Young, 
Durie, Hartlib 25 — 28. Milton's Gesehäftskreis. Lateinische Depeschen 
28, 29. Uebersetzungen u. a. m. 30. Untersuchung von Papieren und 
Druckschriften. Pressverhältnisse 31. Marchmont Needham 31, 32. 
Milton und der Mercurius politicus 33. Der Rakow'sche Katechismus 
33. 34. Milton's „Bemerkungen" zum Frieden vonKilkenny 
34 — 37. Eixd)v ßaadiXT] 38, 3^. Milton's „Bilderstürme r" 39— 44. 
Charakteristik des Königs 40. Kritik des Königthums 41, 42. Konsti- 
tutionelle Theorie 42, 43. Omnipotenz des Parlaments 44. Die Frage 
nach der Aechtheit des Eixwv ßaaiXixi] 45, 4G. Gleichzeitige Urtheile 
47 — -19. 

Zweites Kapitel. 

Der Kampf mit Salmasius S. 50 — 78. 

Salmasius 50, 51. Seine „Defensio regia" 52 — 56. Milton mit der Er- 
widerung beauftragt 57. Seine „erste Vertheidigung des eng- 



VI Inhalts - Verzeichniss. 

lischen Volkes" 58 — 78. Form, Persönliche Anzüglichkeiten 59. 
Polemik gegen philologische Pedanterie 60. Rücksicht auf Presbyterianer 
nnd Niederländer 61. Der Gegensatz der Principien 62. Menschlicher 
Ursprung der einzelnen Staatsverfassungen 63. Befürwortung der Re- 
publik 64. Idee der Volkssouveränetät. Der Volksbegriff 65. Hervor- 
hebung des dritten Standes 66. Quellen der Milton'schen Theorie. Schrif- 
ten der Jesuiten 6S, 69. Hotman , Languet, liuchanan 69, TU. Volks- 
souveränetät und Independentismus 71 — 74. Milton und Hobbes 74 — 76. 
Schlussbetrachtung 77, 78. 

Drittes Kapitel. 
Folgen des Kampfes mit Salmasius S. 79 — 117. 

Gegenschriften gegen Milton's Vertheidigung des englischen Volkes. „Pro 
Rege et Populo Anglicauo Apologia" SO. „Joannis Philippi Responsio" 
81. „Carolas I. . . a Securi et Calamo >Hltonii Vindicatus". Gegen- 
schriften von Ziegler, Kieffer, Güntzer 82. Urtheile über Salmasius und 
Milton. Christine von Schweden und ihr Hof S3. Verhältnis des Sal- 
masius zu Vossius und Heinsius 84, 85. Nachrichten über Milton durch 
F. Jnnius etc. 86. Christine und Whitelocke. Salmasius' Tod 87. Seine 
nachgelassene Schrift gegen Milton 88. A. Pauw, Leonard' Philaras 89. 
Milton's Briefwechsel mit Philaras 9ü. Milton's Erblindung 91 — 93. Ein- 
wirkung der Erblindung auf seine amtliche Stellung 94. Die Schrift: 
„Regii sanguinis clamor'' 95. Peter du Moulin der Verfasser 96. Alexan- 
der Morus von Milton für den Verfasser gehalten 97- Milton's „zweite 
Vertheidigung des englischen Volkes" 98 — 106. Der Buch- 
händler Vlac 99, lOo. Angriffe gegen Morus 101, gegen Salmasius und 
Vlac 102. Miltons Selbstportrait 103. Charakteristik der politischen 
Grössen England's 104. Behauptung des früheren Standpunktes 105, 106. 
Vlac's Sachdruck nebst Morus' „Fides publica" 107 — 110. Milton's Selbst- 
vertheidigung 111 — 114. Schwächen und Stärken Milton's 115 — 117 

Viertes Kapitel. 
Milton und Cromwell S. 118 — 180. 

Oliver Cromwell 118—120. Milton's Sonett auf Cromwell 121. Kir- 
chenpolitische Angelegenheiten 122 — 124. Auswärtige Politik 125. Miss- 
bräuche der Verwaltung 126. Reformbill 127. Rumpparlament und Heer 
12^ — 130. Zersprengung des Rumpparlaments 131. Auflösung des re- 
publikanischen Staatsraths 132. Das kleine Parlament 133. Hoffnungen 
„der Heiligen" 134. Wahl eines neuen Staatsraths 135. Gesetze über 
Schuldhaft, Civilehe u. a. m. 136. Debatten über Zehnten, Patronate, 
Kanzleihof 137. Stellung Cromwell's 138, 139. Resignation des kleinen 
Parlaments 140. Die Protektoratsverfassung 141, 142. Installation Crom- 
well's als Protektor 143. Befestigung der neuen Regierung, Verordnun- 



Inhalts - Verzeichniss. VII 

gen, Union mit Schottland 144. Friede mit den Niederlanden, Verträge 
mit Schweden und Norwegen 145, 146. — Milton im Dienste des Pro- 
tektorats 147, 14S. Seine Beurtheilnng Crom well' s. Mahnun- 
gen an den Prote ktor. 149 — 152. — Cromwell's innere Politik 153. 
Parlament von 1 654 154 — 156. Komplotte, Overton, Royalisten 156. Ein- 
führung der Generalmajore 157, 158. Gefangennahme H. Vane's 159. 
Parlament von 1656 ff. 160. Abschaffung der Generalmajore 161. Ver- 
handlung über Erneuerung der Königswürde 162, Die neue Protektorats- 
verfassung 163. Wiederherstellung eines Hauses der Lords. Autlösimg 
des Parlaments 164. Die Frage der Unterrichtsreform 165. Das kirchen- 
politische Kompromiss 166. Die Toleranz und ihre Grenzen 167. Ge- 
gensatz^ Cromwell's und Milton's 168, 169. Auswärtige Politik 17(». Ihr 
protestantischer Charakter. Verhältnis zu den reformirten Kantonen 
. der Schweiz 171. Verfolgung der Waldenser 172, 173. Eindruck in 
England 173. Milton's Sonett und Depeschen 174, 175. Krieg 
mit Spanien 176. Allianz Cromwell's und Mazarin's. Eroberung Dün- 
kirchens 177. Nordische Politik. Milton's Depeschen 179, 180. 

Fünftes Kapitel. 

Familie und Freunde S. 181 — 201. 

Geburt eines Sohnes (John). Streitigkeiten mit Mrs. Powell 182. Geburt 
einer Tochter (Deborah). Tod von Milton's Frau und Sohn. Ueber- 
setzung der acht ersten Psalmen 18:{. Fremde Besuche bei Milton 
Christoph Arnold. Peter von Heimbach 184. Briefwechsel mit Peter 
von Heimbach, Henri de Brass, LeovouAitzema 185. Roger 
Williams in England. Sein -Verkehr mit Milton 186. Sonette an (^y- 
riack Skinner und Lawrence 187. Milton's Neffen 188. Andrew 
Marvell 188 — 190. Samuel Hartlib und seine Bestrebungen 191 — 194. 
Beziehungen zu Lady Rauelagh, Richard Jones, Heinrich Oldenburg 194, 
195. Briefwechsel mit ß. Jones, H. Oldenburg, E. Bigot, 
J, Labadie, A. Sandelands 196. Verheiratung mit Katharine Wood- 
cock. Tod Katharine's und ihrer Tochter. Milton's Sonett auf die 
Verstorbene 197. Veröffentlichung von Walter Raleigh's Traktat „über 
die Regierungskunst" 198. — Die politischen Varhältnisse. Schwierige 
Stellung des Protektorats 199. Tod Oliver Cromwell's 200. 

Sechstes Kapitel. 
In den letzten Zeiten der Republik . . . , S. 202 — 251, 
Protektorat Richard Cromwell's. Zusammentritt des Parlaments 203. Ab- 
schaffung des Protektorats 204. Wiederherstellung des langen Parlaments 
205. Milton's Schrift ,,über das Verhältnis des Staates zu 
den kirchlichen Angelegenheiten" 206 — 211. Praktischer Zweck 
207. Gegen den Autoritätsglauben 208. Bibel und Interpretation 209. 



Vlil Inhalts- Verzeichniss. 

Mangel eines legislatorischen Programmes 210. Gegen Duldung des ka- 
tholischen Kultus 211. Brief John Wall's an Milton 212. Milton's 
Schrift „Betrachtungen über die geeignetsten Mittel, um 
Miethlinge aus der Kirche zu entfernen'" 212 — 221. Gegen 
staatliche Prüfung und Besoldung 214. Bekämpfung der Zehnten 215. 
Befürwortung einer Säkularisation zu Gunsten der Volksbildung 216. Bür- 
gerlicher Charakter von Ehe und Begräbnis 217. Auffassimg des geist- 
lichen Standes 21S. Polemik gegen die Schul theologie 219. Einwirkung 
der Quäker 220. Einwirkung von Roger Williams 221. — Konflikt 
zwischen Heer und Parlament 222. Besiegung des George Booth. Zer- 
sprengung des Parlaments durch Lambert 223. Milton's Brief ,,über 
die Wirren des Gemeinwesens" 224. Günstige Aussichten für 
die Restauration 225. Monk und Lambert 226. Rückkehr des Rump- 
parlanients 227. Monk in England 22S. Monk und die City. Rück- 
kehr des langen Parlaments 230. Milton's Schrift „der sichere 
und leichte Weg zur Begründung eines freien Gemein- 
wesens" 232 — 241 . Vorzug der Republik vor der Monarchie 232. Appell 
an Gefühl und Berechnung 233 — 235. Vorschläge zu Gunsten der Er- 
haltung der Republik 236. Der , .grosse Rath" der Nation 237. Gegen 
allgemeines Wahlrecht 238. Für ständige Dauer des „grossen Rathes" 
239. Idee einer neuen Decentralisation 24ü, 241. Milton's Brief 
an Monk 242. Harrington und die Rota 243. Das fingirte ,,Urtheil 
der Rota'' über Milton's Schrift 244 — 246. Die ,,Vertheidigung der Würde 
des Königthums" von G. S. gegen Milton 247. — Die Wahlen. Das 
Konventionsparlament 248. Deklaration von Breda. Predigt M. Grif- 
fith's „Die Furcht Gottes und des Königs" 249. Milton's ,, Anmer- 
kungen" zu Griffith's Predigt 250. R. l'Estange's Gegenschrift 
„Keine blinden Führer" 250. 

Anmerkungen und AnhSng-e S. 252 — 303. 

Anmerkungen. 
Anhang I. 
Ueber eine bisher unbekannt grebliebene Kor- 
respondenz Milton's S. 287 — 297. 

Anhang IL 
Aktenstücke betreffend Alexander Morus . . S. 297—308. 



Drittes Buch. 

Unter der Republik und dem Protektorat. 
1649-1660. 



Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 



Erstes Kapitel. 
- Eintritt in den Staatsdienst. 



„i)as Recht, seine Regierung zu ändern, liegt nach 
Gottes Yerwilligung beim Volke." Mit diesem unerbittlichen 
Satze hatte Milton den letzten Akt jener Revolution in Schutz 
genommen, deren erste Anfänge schon Gegenstand seiner 
Bewunderung gewesen waren. In der That, es war die Idee 
der Souveränetät des Volkes, die als treibende Kraft hinter 
den äusseren Ereignissen stand, und welcher König und 
Königthum zum Opfer fielen, Sie war nicht auf dem Boden 
der altparlamentarischen Opposition erw^achsen. Sie war gross 
geworden im Lager des independentischen Heeres. Nur durch 
dessen gewaltthätigeS Einschreiten war der Widerstand der 
Parlamentsmehrheit gebrochen, war das Verhängnis des Königs 
herbeigeführt worden. Der klaffende Widerspruch zwischen 
Lehre und Wirklichkeit blieb bestehen, dass das Volk, dessen 
Souveränetät man proklamirte, durch die drohende Masse der 
Soldaten und durch ein paar dutzend zurückgebliebene Mit- 
glieder eines verstümmelten Unterhauses dargestellt wurde. 
Aber dem Zeitgenossen, der mit dem ganzen Feuer seines 
Naturells Partei ergriffen hatte, kam dieser Widerspruch 
nicht sofort zum Bewusstsein. Die nächsten Folgen der Hin- 
richtung Karl's I. erschienen ihm um nichts weniger gerecht- 
fertigt, weil die Nation sie aus den Händen der kleinen An- 
zahl von ^lachthabern entgegennehmen musste. 

Die Abschaffung des Hauses der Lords durch Votum 
der Gemeinen vom 6. Februar 1649 war das Vorspiel zur 



4 Gründung der Republik. 

förmlichen Verwerfung der monarchischen Staatsform den Tag 
darauf. Das „Amt des Königs als unnöthig, lästig und gefähr- 
lich für die Freiheit, die Sicherheit und das Wohl des Volkes" 
wurde für aufgehoben erklärt. Die Ausrufung eines Königs ohne 
Zustimmung des Parlaments galt als Hochverrath. Mit den 
königlichen Abzeichen und Bildern verschwand der königliche 
Name aus den Formeln des Rechts, die ihn bis dahin an 
ihrer Spitze getragen hatten. Die königlichen Güter und 
Schlösser wurden als Eigenthum der Nation betrachtet, die 
herrliche Sammlung von Kunstwerken, die Karl I. angelegt 
hatte, zerstreute sich in alle Welt. England war zur Repu- 
blik geworden, ohne dass die grosse Mehrheit seiner Bevöl- 
kerung aufgehört hätte monarchisch gesinnt zu sein, unter 
dem unwiderstehlichen Druck der independentischen Krieger 
und Staatsmänner, denen die überaus schwierige Aufgabe zu- 
fiel, das neue Gemeinwesen zu organisiren und aus den rings- 
um sich aufthürmenden Gefahren zu erretten. Das eine wie 
das andere gelang mit einer Schnelligkeit und Sicherheit, 
welche die zahlreichen Gegner der Republik nicht erwartet 
hatten, aber freilich auch mit einer Anspannung der Kräfte und 
einer Anwendung von Strenge, welche der so genannten 
republikanischen Herrschaft wenig Freunde erwerben konnten. 
Dem Namen nach lag die höchste Regierungsgewalt bei jener 
zusammengeschrumpften Körperschaft, die der Spott ihrer 
Feinde als Runi^Darlament kennzeichnete. Allein es war 
klar, dass die laufenden Geschäfte durch eine Versammlung 
dieses Charakters nicht besorgt werden konnten. In einer 
Zeit, in welcher die ganze alte Maschinerie der Staatsver- 
waltung zertrümmert und durch die gefürchteten „Committees" 
von Anhängern der Revolution ersetzt worden war, entschloss 
man sich dazu, auch die Summe der Exekutive einem höch- 
sten Committee anzuvertrauen, das auf je ein Jahr durch das 
Parlament gewählt wurde. Es war der „Staatsrath". Seine 
Befugnisse waren freilich gegenüber denen seines Auftrag- 
gebers keineswegs genau abgegrenzt, aber da seine einund- 
vierzig Mitglieder grossen Theils immer auch Mitglieder des 
Rumpparlaments waren, so hatten die häufigen Verweisungen 



Der Staatsrath. 5 

auf paiiamentarische Entscheidung kaum eine ernstliche Be- 
deutung. In Wahrheit ruhten die Zügel der Gewalt anfangs 
so gut wie ganz in den Händen der Männer, die sich bald 
mehr bald weniger zahlreich zu den Sitzungen des Staatsraths 
versammelten. Sie verfügten über die Land- und Seemacht 
des Reiches. Sie hatten die diplomatischen Beziehungen zum 
Ausland zu unterhalten. Ihrer Sorge war die Bekämpfung 
monarchischer Ansprüche, die Unterwerfung widerstrebender 
Reichstheile, die Erhaltung der Ruhe, der Schutz des Handels 
und der Kolonien anvertraut. Neben einem nicht scharf be- 
stimmten Kredit war ihnen die diskretionäre Gewalt ertheilt, 
zur Sicherung des gefährdeten Gemeinwesens von einem 
Zeugniszwang Gebrauch zu machen oder in anderen Fällen 
die Festnahme Widerspänstiger zu verfügen. 

Man hat nicht Unrecht gehabt zu sagen, dass diese Ver- 
bindung von Machtvollkommenheiten verschiedenster Art kaum 
jemals durch die Fülle königlicher Gewalt erreicht worden 
sei. Auch lehren die Protokolle des Staatsrathes , die man in 
unseren Tagen zu veröffentlichen begonnen hat, dass die 
neue Regierung von ihren Befugnissen einen sehr ausgiebigen 
Gebrauch machte. Harmlose Vergnügungen der Bevölkerung 
in Stadt und Land wurden gestört, weil sie den Anlass zu 
staatsgefahrlichen Verbindungen oder zu offenem Aufruhr zu 
geben drohten. Schriftsteller und Buchhändler hatten selten 
schlimmere Tage gesehn, als diejenigen, in denen einige 
Schwärmer nach dem „ersten Jahre der Freiheit Englands" 
zu rechnen pflegten. Willkürliche Verhaftungen erinnerten 
nur allzu lebhaft an die düstersten Zeiten des Königthums. 
Eine scharfe Beaufsichtigung der Post mahnte zur Vorsicht 
beim brieflichen Gedankenaustausch. Allein wenn die urkund- 
lichen Zeugnisse jener Epoche keinen Zweifel daran auf- 
kommen lassen , wie schwer die Herrschaft der neuen Staats- 
lenker auf dem Lande lastete, so stellen sie auch das Be- 
denkliche, ja beinahe Verzweifelte ihrer anfänglichen Aufgabe 
in's hellste Licht. Es bedurfte einer Arbeitskraft, einer Un- 
erschrockenheit und eines sittlichen Ernstes, wie sie nicht 
leicht vereinigt gefunden werden, um das schwankende Fahr- 



Q Der Staatsrat^. — Die Eoyalisten. 

zeug, das seine Flagge gewechselt hatte, durch Stürme und 
Klippen hindurchzuführen. Die kühnen Männer, von denen 
manche die einfachsten Handgriffe ihres Werkes noch zu 
lernen hatten, konnten stolz darauf sein, dass das Ergebnis 
ihres rastlosen Schaffens die sorgsam studirten Künste geschulter 
Praktiker mitunter beschämte. Sie wussten das Talent, wo 
es sich fand , in ihren Dienst zu nehmen und an seinen rich- 
tigen Platz zu stellen. Sie Hessen persönliche Rücksichten 
der Sache, der sie dienten, nicht vorgehen. Ein einheitlicher, 
grossartiger Zug geht durch ihre Geschäftsleitung. Ihr Erfolg 
war die Bändigung der widerstrebenden Kräfte im Inneren 
und die Erhöhung der englischen Macht gegenüber dem Ausland. 
Zuerst galt es den Kampf mit jenen bedrohlichen inlän- 
dischen Elementen aufzunehmen. Es konnte kein Zweifel 
darüber sein, dass die Hinrichtung des Königs, die Ab- 
schaffung der Monarchie von der Masse der Nation nicht ge- 
billigt wurde. In diesem Punkte waren die Anhänger der 
bischöflichen Kirche und die Anhänger des Presbyterialsystems 
vollkommen einig. Es gab keine Grafschaft, in welcher der 
Royahsmus nicht zahlreiche begeisterte Anhänger gehabt hätte, 
die den Sohn Karl's I. als den rechtmässigen Erben des 
Thrones seiner Väter betrachteten. Im Westen und im Nor- 
den des Landes waren die royalistischen Sympathieen so stark, 
dass es häufig unmöglich wurde , die Büssungsgelder der 
..Delinquenten'" einzutreiben. An verschiedenen Stellen wag- 
ten die Anhänger des Königthnms sich mit den Waffen in 
der Hand zu erheben. Die republikanischen Machthaber 
verstanden sich zu ausserordentlichen Gegenmassregeln. Noch 
befanden sich einige der vornehmsten Anhänger des Königs, 
die im zweiten Bürgerkriege für ihn aufgetreten waren, in 
ihrer Hand. Ein neues Ausnahmegericht wurde eingesetzt, 
um ihnen den Process zu machen, und an dem Herzog von 
Hamilton, dem Grafen von Holland, Lord Capel wurde der 
Spruch, der sie zum Tode verdammte, ohne Gnade vollzogen. 
Im Lande selbst blieb kein Mittel unversucht, nicht nur um 
dem Ausbruch von Empörungen vorzubeugen, sondern auch 
um der freien Meinungsäusserung, sei es der Presse oder 



Die Eoyalisten. — Lilbume und die Levellers. 7 

der Kanzel, entgegenzutreten, bis die Auflage eines allge- 
meinen Treueides als sicherster Prüfstein verlässlicher Ge- 
sinnung erachtet wurde. Die stärkste Gefahr lag darin, dass 
der Widerstand der Royalisten an einer Opposition von ganz 
anderer Seite her Rückhalt finden konnte. Die grosse politische 
Veränderung, in der Form wie siejzu Tage getreten war, 
beruhte auf einem Verständnis zwischen den independen- 
tischen Ueberbleibseln des langen Parlaments und den weniger 
radikalen Officieren des Heeres. Sie hatten das Princip der 
Volkssouyeränetät für ihr Verfahren aufgerufen, aber sie 
hatten nicht gewagt, von diesem Princip eine folgerichtige 
Anwendung zu machen. Wäre dies geschehn, so hätte das 
verstümmelte Parlament, das ein Hohn auf den Begriff einer 
Volksvertretung war, sofort sich selbst das Todesurtheil 
sprechen müssen. Eben darum, weil es vor diesem Sprung 
in's Ungewisse zurückbebte, war ihm ein denkwürdiges Akten- 
stück wenig genehm gewesen, das ihm Namens des Ober- 
befehlshabers und des Officierrathes der Armee an dem Tage, 
da der König zum ersten Male vor seinen Richtern stand, 
feierlich überreicht worden war. Wahrscheinlich von Ireton 
verfasst, nahm dies Aktenstück die Ideen der „grossen 
Remonstranz des Heeres" wieder auf. Es forderte den baldigen 
Schluss der tagenden Versammlung und enthielt nichts mehr 
und nichts weniger als die Grundzüge einer Reformbill, in 
der die weite Ausdehnung des Wahlrechts und eine neue Ver- 
theilung der Wahlbezirke zuerst in die Augen springen musste(i). 
Die Spitzen der bewaffneten Macht mochten sich vorläufig 
dabei beruhigen, dass jene Vorschläge bei Seite gelegt wurden. 
In der Masse des Heeres konnte die Erinnerung an die Ziele, 
denen man in so viel Kämpfen und Entbehrungen zugestrebt 
hatte, nicht so rasch verblassen. In diesen Kreisen, eben 
denen, aus welchen einst die Agitatoren hervorgegangen 
waren, wollte man einen Neubau des ganzen Gemeinwesens 
von unten herauf, eine radikale Umgestaltung eben so wohl 
der bürgerlichen wie der kirchlichen Zustände auf Grund der 
leidenschaftlich ergriffenen Ideen von einer glücklicheren Zu- 
kunft. Die baldige Einführung einer auf breitester Basis 



g Lilburne und die Levellers. 

ruhenden, rasch wechselnden Volksvertretung war die notli- 
wendige Voraussetzung aller weiteren Neuerungen. Unter 
diesen fand die Verbesserung des Rechtsverfahrens, der Weg- 
fall der Schuldhaft, die Beschränkung der Todesstrafe eben- 
sowohl eine Stelle wie die Aufhebung der Zehnten, die freie 
Wahl der Pfarrer und ihr Unterhalt durch die Gemeinden, 
die Unabhängigkeit der politischen Rechte, soweit nicht die 
Katholiken in Betracht kamen, vom religiösen Bekenntnis. 
Wer sich diesen Forderungen widersetzte, wurde als Ver- 
räther an der Sache der Freiheit gebrandmarkt. Die Parla- 
mentsmitglieder, die sich an ihre Sitze anklammerten, galten 
als Männer ohne Ehre, denen ihre Stellung nur zur Aus- 
beutung ihres Privatvortheils diene. Die Mitglieder des 
Staatsrathes wurden als Tyrannen betrachtet, deren Joch 
nicht weniger hart sei, als das der königlichen Absolutie. 
Auch dies Mal kamen dieselben Gründe wie früher dazu, die 
Unzufriedenheit des gemeinen Soldaten zu steigern und ihn 
den Verfechtern jenes radikalen Programms in die Arme zu 
treiben. Er hatte rückständigen Sold zu fordern, er hielt 
den Dienst in Irland, zu dem er ausgeloost werden sollte, für 
ein Mittel, sich seiner auf bequeme Art zu entledigen. In 
dem einstigen Lieutenant -Colonel John Lilburne erhielt die 
widersetzliehe Masse des Heeres ihr sichtbares Haupt. Es 
war derselbe Lilburne, der als ein unermüdlicher Mann der 
Opposition längst bekannt war, mit allen Talenten eines 
Demagogen ausgerüstet, im höchsten Grade populär schon 
seit den Tagen, da er unter der Gewaltherrschaft des Königs 
ein schwer zu vergessendes Martyrium auf sich genommen 
hatte. Flugschriften, wie ,,England's neue Ketten", deren 
zweiter Theil im März 1649 erschien, gaben den Gesinnungen 
Lilburne's und seiner Anhänger einen unverhohlenen Aus- 
druck. Der Staatsrath liess ihn nebst dreien seiner Partei- 
gänger in Haft nehmen. Allein damit war die Aufregung 
nicht beschwichtigt. Dringliche Petitionen forderten ihre Frei- 
lassung. Aus dem Kerker heraus verbreiteten sie ihr Reform- 
programm, das ein ausserordentliches Aufsehn erregte (^). 
Und währenddess hatte die Meuterei in den Regimentern, 



Lilburne und die Levellers, 9' 

zum Trotz der energischen Massregeln des Oberfeldlierrn^ 
immer weitere Foilschritte gemacht. Von stürmischen Ver- 
sammlungen und Petitionen kam es zu offener Rebellion. In 
London weigerte sich ein Trupp , nach Irland zu gehn. In 
Oxfordshire, Gloucestershire , Salisbury verliessen Hunderte 
ihre Fahnen, um den Aufrührern zu folgen. Weitergehende 
Tendenzen machten sich bei den Männern bemerklich, die in 
Surrey brachliegendes Gemeindeland zu beackern anfiengen, 
indem sie es für den gemeinen Nutzen reklamirten, und ihr 
Verfahre^ mit Berufung auf das altsächsische Recht und den 
ursprünglichen Willen Gottes zu rechtfertigen suchten. Grund- 
verschieden, wie diese Bestrebungen einer socialen Umwälzung 
von denen Lilburne's und seiner Genossen auch waren, ge- 
wöhnte man sich doch alsbald daran, beide unter einem 
Xamen zusammenzufassen. Als Levellers, als Gleichmacher, 
wurden diese wie jene bezeichnet und angegriffen. Ward 
die levellistische Bewegung im eigentlichen Sinn mit leichter 
Mühe unterdrückt, so kam es mit den meuterischen Truppen 
hie und da zu förmlichen Kämpfen. Es bedurfte der ganzen 
Kraft und Geschicklichkeit von Fairfax und Cromwell, um 
eine grössere Ausdehnung des Aufruhrs zu verhindern, die 
Rebellion rasch zu ersticken und die erschütterte Disciplin 
wieder herzustellen. Einige der Rädelsführer büssten mit 
dem Tode. Noch sass Lilburne gefangen und man wagte 
nicht, ihm den Process zu machen. Als man sich entschloss 
ihn gegen Bürgschaft zu entlassen, glaubte man durch ein 
neues überaus scharfes Hochverrathsgesetz gegen seine Angriffe 
geschützt zu sein. Allein die Rolle des unversöhnlichen Pam- 
phletisten war noch nicht ausgespielt und er bereitete in der 
Folge der Regierung ebensoviele Verlegenheiten, wie sich 
selbst vorübergehende Triumphe. 

Erst hienaeh , als das Dasein der neuen Regierung gegen 
ihre gefährlichsten Feinde von rechts und von links einiger- 
massen sicher gestellt war, konnte sich die Aufmerksamkeit 
in erster Linie jenem Theile des Reiches zuwenden, der seit 
Jahren von den wildesten Kämpfen nationaler und religiöser 
Gegensätze zerrissen, sich ganz und gar von der Gesammt- 



10 Irland. 

masse ablösen zu wollen schien. In der That konnte Irland, 
vom Standpunkt der englischen Gewalthaber aus betrachtet, 
fast für einen verlorenen Posten gelten. Der Graf von Or- 
mond, welcher lange Zeit mit soviel Ausdauer das angli- 
kanische und königliche Interesse zugleich verfochten hatte, 
war freilich einige Jahre vorher zu dem Entschluss gedrängt 
worden, die Hauptstadt des Landes lieber den parlamentari- 
schen Truppen als der Heeresmacht des Nuntius auszuliefern 
und sich selbst von einem Kriegsschauplatz zu entfernen, auf 
dem er keine Stelle mehr fand. Allein im Herbste des Jahres 
1648 war er mit neuen Vollmachten des Königs zurück- 
gekehrt. Er kam zu spät, um von Irland aus der pres- 
byterianischen Erhebung gegen den Independentismus die 
Hand zu reichen, aber eben recht, um den klerikalen Fana- 
tikern die Zügel zu entwinden und durch eine Aussöhnung 
von Katholiken und Protestanten eine starke Macht zu Gunsten 
des Royalismus zu bilden. Der Ausgang des zweiten Bürger- 
krieges, der Process und die Hinrichtung Karl's I. durch- 
kreuzten freilich alle Pläne, die man von dieser Seite für seine 
Rettung gefasst hatte. Aber immerhin wurde durch Ormond's 
Bemühungen zu Kilkenny ein Friedensvertrag mit den Katho- 
liken zu Stande gebracht, nach dessen Abschluss alle roya- 
listischen Elemente der Insel, einerlei von welchem Bekennt- 
nis, sich unter seinem Banner zu schaaren drohten. Wenig 
später wurde Karl IL von Ormond als König proklamirt. 
Auch ergieng an Michael Jones, den republikanischen Gou- 
verneur von Dublin, die Aufforderung, sich Ormond's Autorität 
zu unterwerfen, „um unter Führung Karl's IL der protestan- 
tischen Religion ihre Reinheit, dem Parlament seine Unab- 
hängigkeit, guten Gesetzen ihre Kraft und den Mitbürgern 
ihre gerechten Freiheiten wiederzugeben" , ein Ansinnen, 
welches Jones freilich mit Entschiedenheit zurückwies. In- 
dessen wurde es immer dringlicher, mit Entschiedenheit auf 
der grünen Insel einzuschreiten. Bereits hatte Ormond den 
Prätendenten eingeladen, sich persönlich an die Spitze seiner 
dortigen Getreuen zu stellen, die Häuptlinge der celtisch- 
katholischen Masse schlössen sich ihm grössten Theils an, die 



Cromwell in Irland, H 

schottischen Ansiedler machten gemeinsame Sache mit ihm, 
bald waren die Mauern der Hauptstadt fast der einzige Zu- 
fluchtsort der republikanischen Truppen. 

Die Männer, welche in England zur Herrschaft berufen 
worden waren, schwankten nicht lange, wem sie die Leitung 
des irischen Feldzuges anvertrauen sollten. Niemand schien 
einer solchen Aufgabe gleich gewachsen zu sein wie Cromwell, 
und er übernahm das lastende Amt, durch das ihm die 
höchste militärische und bürgerliche Gewalt anvertraut wurde, 
unter dej- Voraussetzung, dass man mit den Mitteln an Geld 
und Menschen nicht sparen werde. Die grossartigsten An- 
strengungen wurden gemacht, um seinen Wünschen zu ent- 
sprechen. Nachdem alle Vorbereitungen mit musterhafter 
Genauigkeit getroffen waren, verliess er London am 10. Juli 
1649 mit ungewöhnlichem Pompe und landete einige Wochen 
später an der irischen Küste. Und nun erfolgte Schlag auf 
Schlag in jenem erbarmungslosen Kriege, der als der erste 
vollgemessene Racheakt des Puritanismus und des Sachsen- 
thums nach der Rebellion des Jahres 1641 gelten konnte. 
Das Gemetzel von Drogheda und Wexford hat sich mit blutigen 
Zügen in die Jahrbücher der Geschichte eingeschrieben, und 
selbst an den Buchten von Galway und Clewe, die sein Fuss 
nie betreten hat, dient CromwelFs Name noch heute als 
Schreckmittel für den celtischen Schreihals. Entstellt durch 
Ausbrüche fanatischer Grausamkeit, wie seine Siege waren, 
sollten sie doch nicht dem Zwecke dienen, einen ganzen 
Volksstamm der Vernichtung zu weihen, sondern vielmehr 
seine wilden Triebe zu bändigen und seine Widerstandskraft 
auf lange hinaus zu brechen. — Als Cromwell im Frühjahr 1650 
die Stätte seiner jüngsten Thaten verliess, war der Krieg 
zwar noch nicht beendigt, aber sein Nachfolger Treten konnte 
die begonnene Arbeit mit Erfolg fortsetzen, bis ihn ein früher 
Tod von einer glänzenden Laufbahn abrief. Nachdem Tausende 
der eingeborenen Bevölkerung durch das Schwert zu Grunde 
gegangen, in die Sklaverei verkauft oder als brauchbare 
Kriegsleute von den katholischen Mächten in Sold genommen 
worden waren, begann in Irland jenes Werk der Konfiskation 



12 Schottland. 

von Grund und Boden zu Gunsten der Sieger, das freilich 
zu einer wohlthätigen Anpflanzung weiter Landstrecken führte, 
aber den Hass der Verjagten und Geknechteten verewigen musste. 
Cromwell hatte Irland eben zu rechter Zeit verlassen, 
um an einer anderen Stelle das bedrohte Gemeinwesen zu 
schützen und sich neue Lorbeeren zu pflücken. Seit den. 
entscheidenden Siegen des Independentismus war das Band, 
w^elches einst das englische und schottische Volk zum ge- 
meinsamen Kampf geeinigt hatte, zerrissen. Der zweite 
Bürgerkrieg war allerdings gegen den Willen der strengen 
Covenanters von Schottland aus unterstützt worden, aber die 
Hinrichtung des Königs verletzte einen Argyle nicht weniger 
tief wie einen Ormond. Aus politischen und religiösen Grün- 
den fühlte sich der schottische Presbyterianismus von den 
independentischen Usurpatoren getrennt. Auch jenseits des 
Tweed war Karl IL als rechtmässiger König ausgerufen und 
eingeladen worden, sich an die Spitze seiner Getreuen zu 
stellen. Indessen war ihm die Beihilfe der herrschenden 
Partei nur unter der Bedingung zugesichert, dass er die 
Rechte des schottischen Parlaments und der schottischen 
Kirche anerkenne, und dass er das presbyterianische System 
für alle drei Reiche genehmige. Er zögerte noch durch eine 
so weitgehende Nachgiebigkeit sich selbst zu erniedrigen und 
zahlreiche Freunde, Katholiken wie Episkopalisten, der pres- 
byterianischen Unduldsamkeit aufzuopfern, als der feurigste 
seiner Anhänger sich vermass, mit einer angeworbenen Schaar 
von Bewaftheten in Schottland zu erscheineii, um die Häupter 
der dortigen Regierung zu stürzen und seinen Fürsten unab- 
hängig von ihren Forderungen zu machen. Es war der Mar- 
quis von Montrose, dessen wechselnde Siege und Niederlagen 
noch in aller Gedächtnis lebten. Montrose hoffte die glänzende 
Rolle, die er einst gespielt hatte, wieder aufnehmen zu können, 
aber sehr bald nach seiner Landung an den heimatlichen 
Gestaden, im Frühjahr 1650, wurde seine kleine Schaar zer- 
sprengt und er selbst gefangen. Argyle und seine Genossen 
kannten gegenüber dem alten Feinde keine Gnade. Bis zum 
letzten Augenblick ungebrochen, litt er in Edinburg einen 



Cromwell iu Schottland. 13 

schmachvollen Tod. — Das Unternehmen Montrose's war ge- 
scheitert, von Irland war nichts mehr zu hoffen, Karl II. 
gewann es daher über sich, die angebotene Hand der Cove- 
nanters anzunehmen. Seine Demüthigung erschien nunmehr 
noch grösser, als sie vor dem traurigen Ende seines getreuesten 
Dieners hätte sein können. Im Sommer des Jahres 1650 langte 
er in Schottland an, beschwor Liga und Covenant und ver- 
stand sich dazu, die Maske eines überzeugten Presbyterianers 
anzulegen, ja sogar das Andenken seines Vaters durch eine 
ihm vorgeschriebene Erklärung zu beschimpfen. Die kriege- 
rischen Rüstungen wurden mit Eifer aufgenommen. Niemand 
konnte zweifelhaft darüber sein, dass sie auf eine Bekämpfung 
der independentischen Republik, auf ihre Ersetzung durch 
ein presbyterianisches Königthum abzielten. 

In England war man entschlossen, dem Angriff der Schotten 
zuvorzukommen. Es wurde beabsichtigt, Faiifax die Leitung 
des Unternehmens zu übertragen und ihm Cromwell an zwei- 
ter Stelle beizugeben. Fairfax war indessen auf keine Weise 
zu bewegen, sich zu diesem Zweck gebrauchen zu lassen. Er 
räumte seinen Platz dem alten Kriegskameraden, dessen Ruhm 
den seinigen längst überstrahlte. Cromwell wurde zum Be- 
fehlshaber aller Truppen- in England ernannt und setzte sich 
an der Spitze von 15,000 Mann nach Norden in Bewegung. 
Der Vormarsch gegen Edinburg fand keine Schwierigkeiten, 
aber die geschickten Bewegungen des feindlichen Anführers, 
David Leslie, und die Nothwendigkeit, auf Zufuhr bedacht zu 
sein, zwangen Cromwell, an die Küste nach Dunbar zurück- 
zuweichen. Hierhin zogen die Schotten ihm nach und be- 
setzten die umliegenden Anhöhen. Schon drohte die Lage 
des schwächeren, durch Kränkelten decimirten englischen 
Heeres höchst bedenklich zu werden, als Leslie, zum Theil 
auf den Antrieb der siegesgewissen, fanatischen Geistlichen 
in seinem Lager, die gewohnte Vorsicht aufgab und sich zum 
Angriff in der Ebene anschickte. Mit Freuden bemerkte 
Cromwell diese Bewegung und traf seine Bestimmungen für 
den folgenden Tag. Es war der 3. September 1650, dessen 
aufgehende Sonne das schottische Heer überrascht und nach 



J4 Schlacht bei Dunbar. 

kurzer Gegenwehr zersprengt sah. An dreitausend blieben 
auf dem Platze, gegen zehntausend wurden gefangen, das' 
ganze Lager fiel in die Hände der Sieger. In diesen war der 
kriegerisch - religiöse Enthusiasmus zu voller Stärke erwacht. 
Ihr Führer stimmte während der Verfolgung den hundertund- 
siebenten Psalm an. „Es ist die That des Herrn," schrieb 
er an den Sprecher des Parlaments, „er hat England und 
seinem Volke eine sichtbare Gnade erwiesen." 

Die Folge des Sieges war die Unterwerfung eines grossen 
Theiles von Schottland. Aber während des Winters rüsteten 
sich die Schotten zur energischen Fortsetzung des Krieges, 
indem sie sich dazu verstanden, dem jungen König einen 
grösseren Einfluss einzuräumen als bisher. Während ein Theil 
der Geistlichkeit in seinem Dasein den Grund des schweren 
Missgeschicks fand, suchten die leitenden Parteihäupter durch 
Aufnahme solcher Royalisten, die vordem als staatsgefährlich 
gegolten hatten, ihre Streitkraft zu stärken. Die feierliche 
Krönung Karl's H. erhob ihn auch äusserlich aus seiner ge- 
drückten Lage. Er sah sich an der Spitze eines Heeres, in 
dem viele der getreuen Kavaliere standen. In England waren* 
die heimlichen Emissäre des Royalismus geschäftiger als je. 
Der kühne Plan tauchte auf, ohne w^ eitere Rücksicht auf 
Cromwell's drohende Stellung zu nehmen, die englische Grenze 
zu überschreiten und in Eilmärschen den Weg nach Süden 
einzuschlagen. Im Sommer 1651 kam der Gedanke, der be- 
sonders den Wünschen des jungen Königs entsprach, zur Aus- 
führung. Ungehindert von Cromwell drang Karl IL von Carlisle 
aus in England vor. Er durchzog die nordwestlichen Grafschaften, 
ohne grosse Hindernisse zu finden, aber freilich auch ohne die 
erhoffte Begeisterung unter der Bevölkerung hervorzurufen. Die 
Energie, welche die republikanischen Machthaber gegenüber 
den Empörungsversuchen der Royalisten gezeigt hatten, war 
genügend gewesen, um diese einzuschüchtern. So verhasst 
die Herrscher des Tages auch sein mochten , das englische 
Volk wollte sich nicht durch fremde Waffen einen Fürsten 
aufzwingen lassen, der für den Presbyterianismus zu kämpfen 
gelobt hatte. Wo die Ruhe ernstlich gestört wurde, genügten 



Schlacht bei Worcester. 1 5 

die verfügbaren Truppen und die Grafschaftsmilizen unter 
vertrauenswürdiger Führung sie wiederherzustellen. Aber es 
rief doch eine gewaltige Aufregung in London hervor, als 
man hörte, dass der Prätendent immer weiter vorrücke, dass 
er in Worcester am Severnfluss erschienen sei, von wo ein 
glücklicher Verstoss in südöstlicher Richtung ihn vor die 
Thore der Hauptstadt führen konnte. Da galt es, alle Kräfte 
anzuspannen. Nach allen Seiten hin ti'ugen von Whitehall 
aus Kuriere die Befehle des Staatsraths, und bei einem Ver- 
gleich dfti" eigenen Rüstungen mit dem abgematteten Heer 
des Stuart'schen Prinzen durfte man mit grösserer Ruhe auf 
* die Augenblicke der ersten Bestürzung zurückblicken. Schon 
katte auch Cromwell seine ^fassregeln mit gutem Erfolg ge- 
troffen. Während die Generale Lambert und Han-ison dera 
schottischen Heer auf den Fersen gefolgt waren, hatte er 
selbst einen wohlüberlegten Flankenmarsch über York, Not- 
tingham, Coventry angetreten. Auf dem ganzen Wege flössen 
ihm grosse Verstärkungen zu. Sobald er von der Stellung" 
des Feindes in Worcester Kunde hatte, schwenkte er mit seiner 
überlegenen Streitmacht nach Westen ab, verband sich mit 
den dortigen Truppen der Republik und schloss die Schotten 
von beiden Seiten des Severn her ein. Am 3. September, 
dem Jahrestag von Dunbar, erfolgte der Angriff, dessen ver- 
nichtende Wirkung im voraus so gut wie entschieden war. 
So tapfere Gegenwehr die schottischen Soldaten auch leisteten, 
so sehr ihr fürstlicher Anführer selbst sich aussetzte, vor der 
Uebermacht und der Wucht des feindlichen Ansturmes mussten 
sie zurückweichen. In den Strassen von Worcester setzte der er- 
bitterte Kampf sich fort, zuletzt artete er in eine regellose Flucht 
der Schotten aus, bei der jeder auf seine eigene Sicherheit be- 
dacht war. Der eine Tag hatte der ganzen gewagten Expe- 
dition ein Ende gesetzt. Haufenweise wurden die Flüchtigen 
aufgefangen. Der junge König entkam nach abenteuerlich- 
romantischen L-rfahrten auf's Festland. In Schottland voll- 
endete der Lieutenant -General George Monk das Werk der 
Eroberung. Ein fester Platz nach dem anderen fiel in seine 
Gewalt. Auf den Orknev- und Shetland-Inseln flatterte das Ban- 



16 Die Republik und das Ausland. 

iier der Republik. Aber ein höherer staatsmännischer Gedanke 
beseelte ihre Führer. Die Idee einer Union der beiden Reiche 
in Form einer gemeinsamen parlamentarischen Vertretung 
brach sich Bahn. Eine Kommission, in der Henry Yane eine 
der ersten Stellen einnahm, verhandelte seit dem Anfang des 
Jahres 1(352 über diese Frage in Schottland selbst, und dem 
Parlament in Westminster schien der Augenblick günstig ge- 
wählt zu sein, um eine Bill in Angriff zu nehmen, nach welcher 
Schottland und England ein einziges republikanisches Gemein- 
wesen bilden sollten. — 

Die neue Regierungsgewalt hatte sich organisirt, sie hatte, 
die feindlichen Regungen im Lande unterdrückt, aus zwei ge- 
fährlichen Kriegen war sie triumphirend hervorgegangen. Sie 
zwang auch den Mächten Europa's wenn nicht Theilnahme an 
ihrem Gedeihen, so doch Achtung vor ihrer Stärke ab. Un- 
mittelbar nach der Hinrichtung Karl's I. und nach der Ab- 
schaffung des Königthums waren die independentischen Usur- 
patoren von den Staatsgewalten des Festlandes mit Gefühlen 
betrachtet worden , in denen sich Abscheu und Misstrauen 
mit einander mischten. Auch setzte sich der Eindiiick des 
erschütternden Ereignisses in die Tiefe fort, und in protestan- 
tischen Ländern sorgte namentlich die Geistlichkeit dafür, 
dem Volke die englischen Vorgänge in den schwärzesten 
Farben zu malen. Die „Königsmörder" begegneten nirgends 
Sympathieen. Die Agenten KarFs H. sahen sich fast überall 
zuvorkommend aufgenommen. Er selbst hatte im Haag, am 
Hofe seines Schwagers, des Statthalters Wilhelm's H. von 
Uranien, ein Asyl gefunden, in dem sich ein Haufe thatlustiger 
und fanatischer Kavaliere um ihn sammelte. Eben liier kam 
es zu einem ersten tragischen Ereignis, das zu einer diplo- 
matischen Verwicklung zu führen drohte. Isaac Dorislaus, 
ein Holländer von Geburt, aber seit langer Zeit in England 
ansässig , wurde vom Parlament als ausserordentlicher " Ge- 
sandter neben dem Residenten Walter Strickland nach dem 
Haag geschickt. Seine Persönlichkeit war den Kavalieren 
um so mehr verhasst, da er im Prozess des Königs als einer 
der Ankläger aufgetreten war. Seine Ankunft war kaum 



Prinz Ruijert und Blake. 17 

bekannt geworden, als einige Maskirte in den Gasthof ein- 
drangen, wo er eben beim Mahle sass, über ihn herfielen und 
ihn auf barbarische Weise ermordeten (Mai 1649). Es waren 
allem Anschein nach Schotten, aus der Umgebung Montrose's. 
Das Verbrechen rief keine geringe Aufregung in England 
hervor. Der Staatsrath beantragte sofort, für die Familie 
des Ermordeten zu sorgen und die Leiche in der Abtei von 
Westminster beisetzen zu lassen. Verhandlungen erfolgten, 
die über die Schuldlosigkeit der holländischen Behörden keinen 
Zweifel ürbrig Hessen, aber die That selbst wurde nicht ge- 
sühnt, und die Mörder bheben unbelästigt. Noch war kein 
Jahr vergangen als Anton Asham, republikanischer Agent am 
Hofe von Madrid, in dieser Stadt mit seinem Dolmetscher 
ebenfalls der Wuth royalistischer Sendlinge zum Opfer fiel 
(Juni 1650). Die Mörder flüchteten in eine Kirche. Ver- 
geblich forderte die englische Regierung ihre Bestrafung, nur 
einer, ein Protestant, wurde dem weltlichen Gericht aus- 
geliefert und gehangen. Darauf hin hielt sich auch Karl Vane, 
den die Republik nach Portugal gesandt hatte, daselbst nicht 
mehr für sicher. Schon früher waren, in gleicher "Weise gegen 
Frankreich gerichtet, Beschwerden über die Störung des eng- 
lischen Handels, die Wegnahme englischer Schifte laut geworden. 
Aber ein anderer Grund hatte der Republik noch entschiedener die 
Pflicht auferlegt, ihre Ehre gegenüber dem Ausland zu wahren. 
Prinz Rupert von der Pfalz, der während des Bürger- 
krieges mit einer so rücksichtslosen Tapferkeit für seinen 
königlichen Oheim gefochten hatte, führte seit geraumer Zeit 
mit nicht geringerer Kühnheit auf einem anderen Gebiete den 
Kampf gegen die republikanischen Machthaber fort. Ein Theil 
der englischen Flotte war während des zweiten Bürgerkrieges 
von der Sache des Parlaments abgefallen. Was von diesen 
Schift"en nicht unter dessen Botmässigkeit zurückgebracht wor- 
den war, bildete den Kern eines Geschwaders, mit welchem 
der wilde Prinz die Meere unsicher machte. Er gefiel sich 
in der Rolle eines Korsaren und bezahlte seine Matrosen mit 
der Ladung gekaperter Kauffahrer, sie mochten angehören, 
welcher Nation sie wollten. Aber seine wichtigste Aufgabe 

Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 2 



28 Prinz Rupert vmcl Blake. 

sah er darin, den englischen Handelsschiffen aufzulauern, die 
Verbindung Englands und Irlands zu erschweren und dem neuen 
Gemeinwesen auf jede mögliche ^Yeise Abbruch zu thun. Hie- 
gegen musste nothwendig etwas geschehen. Es war das unver- 
gängliche Verdienst Henry Vane's durch seine hervorragende 
Theilnahme an den Arbeiten des Committee der Marine für die 
Herstellung einer starken Flotte zu sorgen. Seinen rastlosen 
Bemühungen, seinem Talent, Mittel und Menschen auszuwählen 
und richtig zu verwenden, hatte man es vorzüglich zu danken, 
wenn England sich in diesen Jahren zu einer kriegerischen 
Seemacht ersten Ranges erhob und seit langer Zeit wieder 
fähig wurde, in die grosse europäische Politik einzugreifen. 
Auch war bereits der Mann gefunden, dessen Hand das ge- 
waltige "Werkzeug nationaler Grösse mit Meisterschaft zu 
führen verstand und der sich in diesem Amt mit unsterb- 
lichem Ruhm bedeckte. Es war Robert Blake, ein Mann 
von jener einfachen, heroischen Hoheit, die darauf verzichten 
kann, dur-ch den Schein zu blenden und die sich durch keinen 
Schein blenden lässt, Republikaner und Puritaner von Ueber- 
zeugimg, durch seine Vertheidigung von Taunton schon all- 
gemein bekannt, und fähig, aus einem der tapfersten Land- 
soldaten noch als Fünfzigjähriger einer der ersten Seehelden 
seines Vaterlandes zu werden (M- Er vertrieb den Prinzen 
Rupert zunächst von der irischen Küste, blokirte ihn alsdann 
im Tajo, wandte sich gegen die portugiesischen Handelsschiffe, 
um die Preisgebung der beschützten Freibeuter zu erzwingen, 
folgte ihnen an die Küsten Spaniens und Frankreichs und 
übte auch gegen diese Staaten sehr fühlbare Repressalien. 
Nachdem es ihm gelungen war, den grössten Theil der Kavalier- 
flotte zu vernichten, kehrte er in die heimischen Gewässer 
zurück und zerstörte die gefährlichen Raubnester, die sich 
unter royalistischer Flagge zwischen den Klippen der Scilly- 
Inseln und auf den Felsen von Jei-sey und Guernsey gebildet 
hatten. Dem englischen Handel war seine Sicherheit zurück- 
gegeben. Der englische Name wurde gefürchtet, wo er vorher 
nur gehasst worden war. Im Verein mit den Siegen Crom- 
weirs trugen die Thaten Blake's nicht wenig dazu bei, die 



Navigationsakte, Krieg mit den Niederlanden. 19 

Republik aus ihrer politischen Isolirang zu befreien. Ein 
regelmässiger oder ausserordentlicher diplomatischer Verkehr 
mit den Grossmächten Europa's und einer Reihe kleinerer 
Gemeinwesen, auch ohne jedesmalige förmliche Anerkennung, 
leitete sich ein. Schon sah sich der emporstrebende Freistaat 
von Spanien und Frankreich, den beiden rivalisirenden Ge- 
walten des Erdtheils, gleichzeitig umworben. 

Es gab indessen eine Macht, deren Beziehungen zu England 
in dem Grade gespannt w urden, dass ein feindlicher Zusammen- 
stoss nicht mehr vermieden werden konnte: die vereinigten 
Niederlande. Der Tod des Prinzen von Oranien schien aller- 
dings einem freundschaftlichen Verständnis beider Republiken 
gute Aussichten zu eröffnen. Die Partei des Statthalters, 
welche die Stuarts begünstigt hatte, verlor an Einfiuss. Die 
Provinz Holland, deren Kaufleute und Patricier immer für 
Frieden mit England gewesen waren, erhielt das Uebergewicht. 
Es gab eine Zeit, in der man sich schmeichelte, nicht nur 
eine Allianz, sondern eine Art von Union der beiden reformirten 
Freistaaten zu "Wege bringen zu können. Aber die Verhand- 
lungen einer englischen Gesandtschaft mit den Generalstaaten 
erwiesen das Phantastische eines solchen Gedankens. Der natür- 
liche Gegensatz zweier Mächte, die auf so verschiedenen Grund- 
lagen ruhten und mitNothwendigkeit Nebenbuhler werden muss- 
ten, trat unverkennbar hervor. Beleidigungen der Gesandten 
durch Anhänger der oranischen und stuartischen Partei verbitter- 
ten die Stimmung noch m.ehr. Die Verhandlungen wurden 
abgebrochen, und England's Antwort auf die kühle Aufnahme 
seiner Vorschläge war der Erlass der Navigationsakte (Okt. 
1651). Diese Akte gab lediglich englischen Schiffen das Recht 
der Waareneinfuhr aus anderen Welttheilen und gewährte 
fremden Kauffahreni nur in dem Falle Eiulass, wenn ihre 
Fracht auf die Erzeugnisse ihres eigenen Landes beschränkt 
blieb. Es war ein brutaler Schlag gegen die Niederlande 
welche der Beherrschung des Zwischenhandels ihre grösste 
Blüthe verdankten. Streitfragen anderer Art, wie über den 
Flaggengruss , das üurchsuchungsrecht und die Fischerei, 
trugen dazu bei, die Gemüther auf beiden Seiten zu erhitzen. 

2* 



20 Das Sekretariat für „die fremden Sprachen." 

Wohl erschien Ende 1651 eine niederländische Gesandtschaft, 
mit Jakob Cats, gewesenem Rathspensionilr von Holland an 
ihrer Spitze, um die unterbrochenen Yeihandlungen wieder- 
aufzunehmen. Aber schon hatten die Feindseligkeiten be- 
gonnen. Im Mai des Jahres 1652 kam es in der Nähe von 
Dover zu einem ersten Seegefecht zwischen den Admirälen 
Blake und van Tromp. j\Ian glaubte den Zusammenstoss 
noch einem Missverständnis zuschreiben zu können. . Ein 
neuer Gesandter wurde im Juni vom Haag mit Entschuldigungen 
nach London geschickt: Adrian Pauw, Rathspensionär von 
Holland, der nicht zum ersten Mal den englischen Boden be- 
trat (^). Aber die Leiter der englischen Regierung waren 
entschlossen keinen Schritt breit zurückzuweichen. Im Ver- 
trauen auf die Mittel, die ihnen zu Gebote standen, stürzten 
sie sich in einen Krieg mit der grössten Seemacht der Zeit, 
welcher die ganze reformirte Welt mit Sorgen erfüllte. Auf 
allen ]\Ieeren lauerten die englischen und niederländischen 
Schiffe einander auf, der Kanal ertönte von der Kanonade 
der gewaltigen Seeschlachten, und führten sie auch zu keiner 
endgiltigen Entscheidung, so trat doch beim Fortgang des 
Krieges die Ueberlegenheit der jungen englischen Marine 
immer deutlicher zu Tage. 



Mit diesem grossartigen Gewebe der allgemeinen Ge- 
schichte verschlingt sich in den Jahren, welche unmittelbar 
auf die Gründung der Republik folgen, der Faden von Milton's 
Leben (-). Wenn man den Worten seines Neifen Glauben 
schenkt, so war es ein bewusstes Widerstreben gegen „den 
schmeichlerischen, kriechenden Jargon des süsshchen Franzö- 
sisch", was den Staatsrath dazu bewog, für den Briefwechsel 
mit den auswärtigen ]\Llchten die lateinische Sprache zu 
adoptiren. Es schien zwar anfangs mit der Anknüpfung eines 
solchen Briefwechsels noch gute Wege zu haben. Indess 
■wurde am 13. März 1649 doch eine Kommission niedergesetzt, 
um die Beziehungen zum Ausland zu prüfen und Vorschläge 
über die Erneuerung alter Verbindungen zu machen. Damit 
drängte sich nothwendig der Gedanke auf. einen Sekretär für 



Weckherlin. — Anstellung Milton's. — H. Vane. 21 

die auswärtige Korrespondenz anzustellen. Man bedurfte also 
einer Persönlichkeit, welche die lateinische Sprache vollständig 
beherrschte, wenn man den Posten würdig ausfüllen wollte. 
Immerhin war es unerlässlich, dass diesem Beamten auch die 
wichtigsten modernen Idiome wenigstens verständlich seien, 
wie er denn den ofticiellen Titel „eines Sekretärs für die 
fremden Sprachen" führte. Einen ähnlichen Posten hatte 
unter Karl I. ein Deutscher bekleidet, Georg Ptudolf Weck- 
herlin, Dichter wie sein grosser Nachfolger, wenn er sich auch 
mit einem bescheideneren Lorbeer begnügen muss. In jungen 
Jahren nach England gelangt, hatte der gelehrte Schwabe 
sich eine gründliche Kenntnis der englischen Sprache zu eigen 
gemacht, bis die Vermählung der Prinzessin Elisabeth mit 
dem Kurfürsten von der Pfalz ihn wieder nach Deutschland 
führte. Auf heimatlichem Boden kam sein poetisches Talent 
zu vollerer Entfaltung, freilich oft genug nur im Dienste fürst- 
licher Gönner, dem Volksmässigen durch Nachahmung aus- 
ländischer Formen entfremdet. Vermuthlich bald nach der 
Schlacht am weissen Berge nach England zurückgekehrt, 
hatte der gewandte Deutsche in der Kanzlei für die Korre- 
spondenz mit dem Ausland Verwendung gefunden und gleich- 
zeitig die Helden der protestantischen Sache in steifen, bom- 
bastischen Versen gepriesen. Während des Bürgerkrieges stand 
er auf Seite des Parlaments. Von der Zeit an, da das Committee 
der beiden Königreiche begründet war, erscheint er als Unter- 
sekretär für die „auswärtigen Angelegenheiten" und diese Stelle 
hatte er noch in den letzten Zeiten des Königthums inne('). 
Es bleibt unklar, warum Weckherlin beim Beginn der Republik 
sein Amt nicht fortführte. Genug dass es erledigt wurde, und 
dass sich die Aufmerksamkeit der Machthaber auf Milton, als 
geeigneten Kandidaten zur Ersetzung Weckherlin's, hinwandte. 
Schon am 13. März 1649 wurde dasselbe Committee, 
welches über die auswärtigen Verhältnisse des Staates be- 
richten sollte, damit beauftragt Milton den erledigten 
Posten anzubieten. Von allen Mitgliedern des Staatsraths 
war ihm vielleicht nur der eine Henry Vane persönlich 
bekannt. Man erinnert sich jener Lady Margarethe Ley, die 



22 H. Vaue. 

der Dichter durch ein Sonett geehrt hat. In ihrem Hause 
konnte er am ehesten die Bekanntschaft Henry Vane's ge- 
macht hahen, da dieser für die Familie Ley kein Fremder 
war(^). Auch gab es unter den damaligen hervorragenden 
Politikern kaum einen, dem sich ]\Iilton gleich geistesverwandt 
fühlen konnte wie Yane. Noch nicht vierzig Jahre alt, hatte 
er während der Revolution bereits in den wichtigsten An- 
gelegenheiten eine hoch bedeutende Rolle gespielt und ein 
seltenes praktisches Geschick gezeigt. Allein niemals hatte 
er über dem ermüdenden Getriebe der täglichen Geschäfte 
die hohen Ziele aus dem Auge verloren, denen er die grosse 
Bewegung anzunähern hoffte. Er war Idealist wie Milton, 
gleich diesem von dem Glauben erfüllt, dass ein glücklicheres 
Zeitalter für sein Volk anbrechen werde. Er war Doktrinär 
wie Milton, gleich diesem durch die Begeisterung für das als 
wahr Erkannte über die Hindernisse des . wirklichen Lebens 
mitunter getäuscht. Betrat der Dichter Milton mit einem 
grossen Theil seiner Werke das politische Gebiet, so gab der 
schwärmerische Grundton in mündlichen und schriftlichen 
Aeusserungen des Politikers Henry Vane von einer beinahe 
dichterischen Phantasie Kunde. Vor allem waren es die 
Fragen über die Grenzen der Gebiete von Kirche und Staat, 
in deren Beuitheilung beide Männer sich begegneten. Dem 
gemeinsamen Stamm des Independentismus erwuchsen in ihnen 
zwei seiner edelsten Blüthen. An den letzten erschütternden 
Ereignissen hatte Vane allerdings keinen Antheil genommen. 
Er hatte die gewaltsame Verstümmelung des Parlaments 
missbilligt und sich auf das Land zurückgezogen. Der Process 
des Königs hatte sich ohne sein Zuthun abgespielt. In den 
Staatsrath gewählt, war er erst nach einiger Zeit dazu be- 
wogen worden seinen Sitz einzunehmen, aber wie andere Mit- 
glieder hatte auch er sich geweigert einen Eid in derjenigen 
Form zu leisten, welche einer nachträglichen Billigung des 
Geschehenen gleichgekommen wäre. ]\ran mag immerhin an- 
nehmen, dass Vane es war, der den Dichter in seiner be- 
scheidenen Wohnung aufsuchte, um ihm den Antrag des Staats- 
raths zu übermitteln. Die Aufforderung kam ihm, wie er 



H. Vane. 23 

selbst andeutet, überraschend, aber er war schnell entschlossen 
ihr zu folgen (^). Schon am 15. März empfieng er seine Be- 
stallung und die Zusicherung eines Gehaltes entsprechend der 
Summe, die Weckherlin empfangen hatte, nach einer späteren 
Quittung zu schliessen etwa 290 ^£. Es dauerte geraume 
Zeit, bis ihm auch eine Amtswohnung zugewiesen wurde. 
Koch behalf sich der Staatsrath selbst mit Derby-House, dem 
Sitze des ehemaligen „Commitee der beiden Königreiche". Erst 
Ende Mai siedelte er nach Whitehall über, das nur allmäh- 
lich untl, nicht ohne Widerstreben von seinen bisherigen In- 
sassen, meistens militärischen Eindringlingen, geräumt wurde. 
Milton hatte ein nahgelegenes Haus in Charing-Cross bezogen (-). 
Erst am 19. November wurde verfügt in Whitehall für ihn 
eine Wohnung in Stand zu setzen. Der republikanische Schrift- 
steller bezog im Königsschloss Quartier. Wenig später wurden 
ihm einige „Tapeten" aus dem Hausrat des hingerichteten 
Monarchen zu eigenem Gebrauch überliefert. 

Sehr lange hat indess INIilton's Aufenthalt in dem Palaste 
nicht gedauert. Obwohl es für unerlässlich erklärt wurde, 
dass er „in der Nähe des Staatsraths wohne" , nahm das 
„parlamentarische Committee für Whitehall" keine Rücksicht 
darauf. Schon am 10. April 1651 war es nöthig, dass der 
Staatsrath sich für sein Bleiben verwendete. Ein kurzer Auf- 
schub wurde erreicht, aber einige Wochen später ergieng „der 
positive Befehl zu seiner schleunigen Entfernung". Yermuth- 
lieh wurde es als ein Missbrauch betrachtet, dass ihm eine 
Vergünstigung gewährt war, auf die auch andere Beamte 
hätten Anspruch machen können. Eine Kommission, in der 
sich kein Geringerer als der Generallieutenant Fleetwood be- 
fand, empfieng den Auftrag namens des Staatsraths zu prote- 
stiren (11. Juni). Aber auch dieser Protest blieb auf die 
Dauer unwirksam. Wenigstens finden wir den Dichter seit 
dem Ende 1651 „in einem hübschen Gartenhause in Petty- 
Erance, Westminster," installirt, in dem er acht Jahre lang, 
„bis wenige Wochen vor der Restauration Karls II." gelebt 
hat. Das Haus war neben dem des Lord Scudamore gelegen, 
dessen Name ihm die Erinnerung an alte Zeiten erwecken 



24 H. Vane. — Verliältnis z. d. Mitgliedern des Staatsraths. 

musste, (s. o. I. 264), mit der Aussicht auf den Park von 
St. James, dem Sitze des Staatsraths immerhin nahe genug, 
um es ihm möglich zu machen, sich in kurzer Zeit dorthin 
zu begeben (*). Nach der jedesmaligen Neuwahl des Staats- 
raths und seines Protokollführers durch das Parlament, hatte 
auch jene Behörde das ihr zugehörige Beamtenpersonal aufs 
neue zu bestätigen. Viermal, für die Jahre 1650 — 53 wurde 
]\Iilton sein Posten und sein Gehalt wieder zugesichert, da 
man allen Grund hatte mit seinen Diensten zufrieden zu sein. 
Jedes Mal wurde ohne Zweifel der vorgeschriebene Eid der 
„Geheimhaltung und Treue'" auch von ihm wiederholt. So 
sah er sich denn für Jahre aus der Stille und Unabhängigkeit 
seines Gelehrtenlebens herausgerissen und als dienendes Glied 
in die grosse Yerwaltungsmaschine eingefügt, die mit ebenso 
erstaunlicher Sicherheit wie mit unnachsichtiger Gewalt im 
^Mittelpunkte des neuen Gemeinwesens arbeitete. 

In keiner Epoche seines Lebens wurde er mit so vielen 
ausgezeichneten und merkwürdigen Persönlichkeiten in die 
nächste Berührung gebracht wie in dieser. Die Mitglieder 
des Staatsrathes nahmen unter diesen selbstverständlich die 
erste Stelle ein , und da ein Theil dieser Behörde bei ihrer 
jedesmaligen Erneuerung in den Jahren 1651 — 53 auszuscheiden 
verpflichtet wurde, so hatte er beständig Gelegenheit den 
Kreis anziehender Bekanntschaften zu erweitern. Sein Amt 
nöthigte ihn zwar nicht dazu, den Sitzungen des Staatsrathes 
regelmässig beizuwohnen. Aber es war doch nichts natür- 
licher, als dass er durch seine Geschäfte, sei es um Aufträge 
in Empfang zu nehmen oder um sich solcher zu entledigen, 
mit einzelnen Mitgliedern oder mit gewissen Kommissionen 
der regierenden Körperschaft häufig zusammengefühlt wurde. 
Die berühmten Soldaten, die grossen Rechtsgelehrten, die 
vorurtheilsfreien Männer von Adel und die muthigen Bürger^ 
die sich zu ein- und demselben schwierigen Werke mit- 
einander verbunden sahen, müssen ihm im Laufe der Jahre 
oft genug in der Vorhalle, in den Gemächern, in den Gärten 
oder in der Kapelle von Whitehall begegnet sein. Es waren 
Namen darunter, wie die von Fairfax und Ludlow, von Fleet- 



« 



Sonett auf Vane, — Frost. 25 

w'ood und Märten, von Whitelocke und St. Jolin, von Philip 
und Algernon Sydney, von Arthur Haselrig und Isaac Penning- 
ton, welche jeder Engländer kannte und mit lautem Lobe 
oder mit heimlichen Verwünschungen aussprach. Cromwell 
verweilte allerdings, von der kurzen Pause zwischen dem 
irischen und dem schottischen Feldzug abgesehn, seit dem 
Sommer 1649, durch wichtigere Geschäfte in Anspruch ge- 
nommen, fern von London und kehrte erst im Herbst 1651 
dauernd zurück. Mit Henry Vane dagegen wird Milton schon 
früh in nahem persönlichen Verhältnis gestanden haben. Im 
Sommer 1652 hat er ihm ein Sonett gewidmet, das seiner 
Verehrung für den republikanischen Staatsmann entsprungen 
ist und die Verdienste desselben in wenigen treffenden Worten 
hervorhebt. Er wird mit einem der grossen Senatoren Rom's 
verglichen. Den Frieden weiss er eben so wohl zu befestigen, 
wie er sich darauf versteht „die beiden Hauptnerven des 
Krieges, Eisen und Gold, in Bewegung zu setzen". Was aber 
dem Gefeierten den höchsten Ruhm in Milton's Augen zu 
verleihen scheint: „Er hat wie wenige gelernt, der bürger- 
lichen und geistlichen Gewalt ihre Grenzen zu ziehn". . . 
Auf deine starke Hand ist Religion 
Gestützt und nennt dich ihren ersten Sohn (^). 

Nicht minder hat man gute Gründe anzunehmen, dass 
Bradshaw, derselbe, welcher dem Process des Königs präsidirt 
hatte, dem Dichter genau bekannt wurde. Seine anerkannte 
Rechtlichkeit und Tüchtigkeit hatten ihm das allgemeine Ver- 
trauen erworben. Er war drei Jahre lang Vorsitzender des Staats- 
rathes, und auch nachdem man das Präsidium jeden Monat 
wechseln Hess, wurde ihm diese Würde noch mehrfach übertragen. 

Indessen es waren nicht allein die Mitglieder des Staats- 
rathes, mit deren Wegen sich die Wege Milton's fast täglich zu 
kreuzen hatten. Das ganze Personal von Unterbeamten, über 
das die Centralbehörde gebot, Männer, von denen einige eine 
Zeit lang mit ihm unter einem Dach wohnten , musste ihm 
vertraut werden. Da war Gualter Frost, der sehr in An- 
spruch genommene „Sekretär des Staatsrathes" , dessen Ge- 
schaftskreis über den des blossen Protokollführers oft genug 
hinausgieng. Ihm zur Seite stand um sein gleich- 



26 Thurloe. Fleming. Haak. 

namiger Sohn. Der Nachfolger des Vaters wurde nach dessen 
Tode (April 1652) jener John Thurloe, den Gewandtheit und 
Arbeitskraft später dem Protektor unentbehrlich machten. Da 
war ferner der erfahrene „Ceremonienmeister" Oliver Fleming, 
dem es oblag den officiellen Verkehr mit den fremden Ge- 
sandten zu erhalten, sie feierlich zu empfangen, zur Audienz 
zu geleiten und über Bewahrung des angenommenen Cere- 
moniell's zu wachen, (i) Auf Fleming's Rath sah sich Milton 
mehrfach angewiesen. Sein Amt brachte es mit sich, dass 
er nicht selten mit den fremden Gesandten mündlich oder 
schriftlich zu verkehren hatte, und das Tagebuch eines dieser 
Gesandten , des Oldenburgers Hermann Mylius bringt uns zu 
lebendiger Anschauung, wie dieser Verkehr sich mitunter ge- 
staltete (s. Anhang I). Der deutsche Dichter Weckherlin, dessen 
Posten ?iIilton eingenommen hatte, wurde später gleichfalls 
wieder augestellt, und zwar als sein Gehilfe, so dass er zu 
ihm in das engste Verhältnis treten musste. Er war nicht 
der einzige Deutsche, den der Staatsrath der Republik in 
seinen Diensten verwandte. Seit langen Jahren lebte in Eng- 
land ein Pf älzer, Theodor Haak, der durch seine Studien auf % 
den dortigen wie auf fremden Universitäten gebildet und durch 
regen Eifer für gemeinnützige und wissenschaftliche Be- 
strebungen ausgezeichnet, ähnlich wie Samuel Hartlib mit 
vielen bedeutenden Männern in Verbindung stand. Hartlib 
selbst, der Mathematiker John Pell, Weckherlin gehörten zu 
seinen Freunden. Den Comenius hatte er bei dessen Er- 
scheinen in London zuvorkommend aufgenommen. Er soll in 
den vierziger Jahren den ersten Anstoss zu jenen Gelehrten- 
zusammenkünften gegeben haben, aus denen später die „Royal 
Society" erwuchs. Auch als theologischer Schriftsteller machte- 
er sich bekannt. Die Vermuthung, dass er Milton nicht fremd 
geblieben ist, wird durch die Thatsache bestärkt, dass er die 
Hälfte des verlorenen Paradieses in's Deutsche übersetzt hat. 
Aus seinen Sympathieen für die Sache des Parlaments hatte 
er nie ein Hehl gemacht. Während des dreissigjährigen 
Krieges war er es gewesen, der von England aus Geld- 
sendungen an die Protestanten Deutschlands vermittelt hatte. 



Steny. Goodwin. Owen, Peters. Caiyl. — Young. Durie. Hartlib. 27 

Seine Verbinclungen mit dem Ausland müssen indess noch 
anderen Zwecken gedient haben. Ohne Zweifel war er wie 
Hartlib und Durie auf eine internationale „Korrespondenz" 
der Reformirten bedacht(^). So ist es zu erklären, dass er am 

16. Juli 1649 der Berücksichtigung des Committee von Gold- 
smith Hall empfohlen wurde, und' dass der Staatsrat!! am 

17. Aug. 1650 ihm „wegen seiner vielen guten Dienste in der 
Führung einer überseeischen Korrespondenz und um die Fort- 
setzung derselben zu ermöglichen" 50 '£. auszahlen Hess. 
Allein der .welterfahrene und sprachkundige Pfälzer leistete 
der neuen Regierung noch auf andere Weise seine Dienste. 
Man findet, dass ein und dasselbe Aktenstück, eine Deklaration 
des Parlamentes zur Rechtfertigung des ]\farsches gegen Schott- 
land, von Milton in's Lateinische, von Haak in's Holländische 
übersetzt werden sollte (-). 

Unter dem ständigen Beamtenpersonal des Staatsrathes 
waren ferner die Geistlichen nicht zu übersehn. Die täglichen 
Sitzungen sollten mit feierlichem Gebet beginnen, und in der 
Kapelle wurde ein regelmässiger Gottesdienst eingerichtet 
Peter Sterry, Thomas Goodwin, John Owen, Hugh Peters er- 
scheinen nebeneinander oder nacheinander mit diesem Ge- 
schäft betraut, lauter ^länner, die in der Geschichte der eng- 
lischen Revolution oder der englischen Theologie eine Rolle 
gespielt haben. Eine Zeitlang fand auch jener Joseph Caryl 
Verwendung, derselbe, den Milton einst in seiner vierten 
Schrift über die Ehescheidung so unsanft angefasst hatte. 

Waren ihm die meisten dieser Persönlichkeiten bis dahin 
nur dem Namen nach bekannt gewesen, so wusste er sich mit 
einigen alten Freunden nicht zwar im täglichen Geschäfts- 
verkehr, aber doch im Dienst für dieselbe Behörde verbunden. 
Patrick Young blieb vorläufig Hüter der schwer gefährdeten 
Bibliothek von St. James, bis ihn John Durie in seinem Amte 
ablöste. Dieser , von Hartlib gegen ausgestreute Verdäch- 
tigungen in Schutz genommen, hoffte von dem Umschwung 
der Dinge in England nicht wenig für seine Unionsbestrebungen. 
Aber gleichzeitig wandte auch er sich der Frage einer Reform 
des Erziehungswesens zu. Seine Vorschläge über eine Neu- 



28 Milton's Geschäftskreis. — Lateiniselie Depeschen. 

Ordnung des Jugendunterrichts wie der Universitäten gemahnen 
eben so wohl an die Ideen des Comenius wie an diejenigen 
Milton's. Dass er mit dem letzten oft aufs merkwürdigste 
übereinstimmt, wird um so erklärlicher, wenn man bedenkt, 
dass Hartlib das beste Bindeglied zwischen beiden Männern 
bilden konnte (^). Samuel Hartlib selbst wurde in derselben 
Weise und aus gleichen Gründen wie Theodor Haak vom 
Staatsrath aufgemuntert, seinen Briefwechsel mit dem Aus- 
lande fortzuführen und erhielt zudem Aussicht auf eine 
Jahresrente von 100 £. 

Es war ein grosser Kreis sehr verschiedenartiger, aber 
doch zu einem Werk vereinter Naturen, in den Milton ein- 
trat. Die Obliegenheiten seines Amtes gaben ihm Anlass, 
mit ihnen allen in vielfache Berühning zu kommen und dann 
und wann an ihren Leistungen unbefangene Kritik zu üben (s. 
z. B. Anhang I). Die Protokolle des Staatsrathes lassen un- 
schwer erkennen, worin diese Obliegenheiten bestanden. Man 
muss sich von dem Gedanken frei machen, als sei j\Iilton's 
Amt ein scharf umgrenztes gewesen. Allerdings blieb die 
Abfassung der lateinischen Depeschen seine hauptsächhehe 
Aufgabe. Der regelmässige Geschäftsgang war anscheinend 
der, dass er seinen selbstständig verfassten oder nach einer 
Vorlage übersetzten Entwurf dem Staatsrath zur Prüfung vor- 
zulegen hatte, wonach, wenn es nöthig war, die Bestätigung 
des Parlamentes eingeholt wurde. Ein grosser Theil jener 
„Staatsbriefe", die in Milton's Werken abgedruckt, erst kürz- 
lich eine werthvolle Ergänzung aus dem englischen Reichs- 
archiv erfahren haben, gehört jener Zeit an, da er als 
„Sekretär der fremden Sprachen" für die republikanische 
Regierung die Feder führte. Es sind ^Muster würdiger Sprache, 
kraftvoll und elegant zugleich, vom Hauche humanistischer 
Bildung durchdrungen. Ein ganzes Stück englischer Geschichte 
schliessen sie in sich ein. Nur selten scheint das individuelle 
Gefühl des Schreibers durchzubrechen. Im allgemeinen weiss 
er sich auf einer Höhe leidenschaftsloser Ruhe zu halten, die 
der Eigenthümlichkeit seiner Aufgabe entspricht und der Art, 
wie er sie löst, einen klassischen Werth verleiht f^). 



Lateinische Depeschen. 29 

Das erste officielle Schreiben von seiner Hand , das man 
kennt, ist ein Brief des Parlamentes an die Stadt Hambur.ff, 
durch welchen Isaac Lee, der Vorstand der englischen Kauf- 
mannsgesellschaft daselbst, zugleich als Vertreter der Republik 
akkreditirt werden sollte. Das Aktenstück, von Lee, der sich 
einem solchen Posten nicht gewachsen fühlte, unbenutzt ge- 
lassen, trägt das Datum des 2. April 1649 (i). Von da an 
fliesst der Strom der lateinischen Korrespondenz, deren Führung 
Milton's Geschick anvertraut wurde, ununterbrochen. Waren, 
wie in HaHiburg, Reibungen zwischen dort ansässigen Eng- 
ländern und Emissären des Prätendenten vorgekommen, so 
ermahnt er namens des Parlamentes die parteiischen Behörden 
der Stadt „die vertriebenen Tarquinier der Freundschaft des 
englischen Volkes nicht vorziehen zu wollen." Wurden Agenten 
nach Spanien und Portugal geschickt, so hatte er für sie die 
Kredenzbriefe abzufassen. Und als der eine von ihnen der 
Wuth der Kavaliere zum Opfer gefallen war, musste Milton 
den König von Spanien an seine Pflicht erinnern „die Urheber 
des schmählichen Meuchelmords'' zu bestrafen. Noch näher 
mochte ihn die Ermordung des Dorislaus berührt haben, da 
er diesen vielleicht von Cambridge her kannte. Doch findet 
sich nicht, dass seine Feder auch bei diesem Anlass in Be- 
wegung gesetzt worden wäre. Hingegen der Dank für diplo- 
matische Höflichkeiten fremder Mächte war von ihm in ge- 
bührende lateinische Form zu bringen. Der Grossherzog von 
Toskana und der Doge von Venedig, Christine von Schweden 
und der König von Dänemark, die Hansastädte und die 
reformirten Kantone der Schweiz empfiengen Schreiben von 
musterhafter Latinität, die ein grosser englischer Dichter auf- 
gesetzt hatte. Desgleichen wenn es galt von Portugal die 
Ausweisung der royalistischen „Piraten" zu fordern, über die 
Wegnahme fremder Schiffe Aufklärung zu geben, den Schutz 
englischer Unterthanen im Ausland wahrzunehmen, für die 
verletzten Rechte englischer Kaufleute einzutreten, so war es 
Milton, durch dessen Mund der Staatsrath sich vernehmen 
liess. 

Aber der Kreis seiner Geschäfte blieb nicht hierauf be- 



30 Uebersetzungeu u. a. m. 

schränkt. Meister des Lateinischen, wie er es war, wurde er 
nicht nur dazu verwandt, officielle Aktenstücke in dieser 
Sprache anzufertigen, sondern auch hie und da, wo es nöthig 
war, den Uebersetzer abzugeben. Bei den Audienzen der 
fremden Diplomaten, bei schriftlichen Verhandlungen mit den 
ausländischen Agenten diente er als Dolmetscher. Er war 
gleich geschickt eine englische Salva-Guardia für das Gebiet 
des Grafen von Oldenburg in's Lateinische zu übersetzen wie 
umgekehrt ein lateinisches Werk, welches Henry Vane ihm 
überliefern würde, oder ein eingelaufenes französisches Akten- 
stück in's Englische (^). Er hatte mit Buchhändlern und Buch- 
druckern über den Druck von trfficiellen Deklarationen und 
officiösen Schriften zu verhandeln. Er hatte Auszüge aus 
Verhörsprotokollen zu machen, welche die Insurrektionen von 
Kent und Essex betrafen. An ihn sollten nach einer Ver- 
fügung vom 2. Februar 1650 alle dem Staate gehörigen Ur- 
kunden ausgeliefert werden, die sich in den Händen von 
Privaten befanden. Schon früher war er zum „Inspektor" des 
Archivs in Whitehall ernannt worden. Man hält sich für be- 
rechtigt, ihm einen wesentlichen Theil des Verdienstes daran 
zuzuschreiben, dass die unschätzbaren Aktenstücke aus der 
Zeit der Republik in verhältnismässig guter Ordnung auf 
uns gekommen sind (2). Eine ähnliche Aufgabe fiel ihm zu, 
als er mit den Geistlichen Thomas Goodwin und Sterry, dem 
Sekretär Frost u. a. nach dem Schluss der Westminster-Synode 
in eine Kommission gewählt wurde, der es oblag die Papiere 
der Synode zu untersuchen und zu ordnen. 

Nicht immer indessen trugen seine Pflichten einen so 
unverfänglichen Charakter. Umgeben von Tausenden offener 
und geheimer Feinde, sah sich die neue Regierung zu gewissen 
Massregeln der Abwehr genöthigt, bei denen auch Milton zu 
seinem Theil mitwirkte. Es ist nicht zu entscheiden, ob diese 
Massregeln sämmtlich von ihm gebilligt wurden. Genug, dass 
er der vorgesetzten Behörde seine Dienste nicht entzog, wenn 
diese sie forderte. Als Lilburne's Flugschrift „England's neue 
Ketten" erschienen war, hatte Milton dem Staatsrath seine 
Bemerkungen darüber vorzulegen. Papiere von Gefangenen 



Untersuchung v. Papieren u. Druckschriften. -- Pressverhältuisse. 31 

und Verdächtigen, deren man sich bemächtigt hatte, waren 
von ihm zu durchsuchen. Mitunter hatte er die zarte Auf- 
gabe, Privatbriefe von Akten, denen ein öffentliches Interesse 
anhaftete, zu trennen. Es ist ein aufgefangener Brief der 
pfälzischen Prinzessin Sophia an ihren Bruder iNIoritz erhalten, 
der sichtlich unter Milton's Aufsicht und Mitwirkung zur 
Kenntnisnahme des Staatsraths in's Englische übersetzt worden 
ist. Die Korrekturen der Uebersetzung des Briefes selbst 
und die englische Wiedergabe der Nachschrift stammen ohne 
Zweifel von der Hand des Dichters. Sie legen auch dafür 
ein hinreichendes Zeugnis ab, dass er des Deutschen einiger- 
massen mächtig war(^). 

Aus allen diesen Angaben geht hinlänglich deutlich her- 
vor, dass Milton's Amt keineswegs einer Sinekur glich. Und 
doch bleibt von den laufenden Geschäften, die er zu besorgen 
hatte, noch eines zu erwähnen, das man am wenigsten denken 
sollte in Verbindung mit seinem Namen gebracht zu sehen. 
Wie bemerkt, hatte sich die Presse nach Errichtung der 
Republik eine Behandlung gefallen zu lassen, in der von dem 
freien Geiste der Areopagitica nichts zu finden war. Ein 
Gesetz vom 20. Sept. 1649 brachte die einzelnen Massregeln 
der Beaufsichtigung und Unterdrückung in ein System. Es 
enthielt u. a. neue Bestimmungen über die Handhabung der 
Censur, erklärte die früher ertheilten Licenzen für aufgehoben 
und bestimmte als künftige Censoren neben den Sekretären 
des Parlaments und der Armee solche Personen, „die der 
Staatsrath bevollmächtigen werde" (^). Das Gesetz sollte nur 
einen provisorischen Charakter haben. Allein es wurde am 
7. Jan. 1653 erneut, und allem Anschein nach sind auch 
später noch die Normen, die hier vorgezeichnet waren, be- 
folgt worden. Besonders auf die royalistischen Zeitungs- 
schreiber und Pamphletisten war es abgesehen. Unter ihnen 
hatte sich vorzüglich Marchmont Needham einen gefürchteten 
Namen gemacht. Needham gehörte zu den Naturen, die mit 
einem aussergewölmlichen literarischen Talent den jNIangel 
an Charakter verbinden, dasselbe ohne langes Bedenken in 
den Dienst entgegengesetzter Parteien zu stellen. ]\Iit drei- 



32 Pressverhältnisse. — Marchmont Xeedham. 

iindzwanzig Jahren hatte er begonnen, eine Wochenzeitung unter 
dem Xamen Mercurius Britanniens herauszugeben. Beinahe 
vier Jahi-e lang, von 1643—1647, hatte er in diesem Blatt die 
parlamentarische Sache verfochten, bis es den Kavalieren ge- 
lang ihn auf ihre Seite zu ziehen. Sein Mercurius pragmaticus, 
mit Witz und Leidenschaft geschrieben, wurde fortan eine 
ihrer schneidigsten Waffen. Da er auch nach dem Tode des 
Königs seine Feder nicht ruhen liess, so ergieng der Befehl 
ihn zu verhaften und seine Papiere mit Beschlag zu belegen. 
Milton erhielt am 23. Juni 1649 den Auftrag über den Inhalt 
der eingezogenen Schriften dem Staatsrath Bericht zu er- 
statten. Yermuthlich ist darauf hin die Unterdrückung des 
Blattes eifolgt. Xeedham war indess nicht gesonnen die 
Eolle des Märtyrers zu spielen. Er liess sich nicht lange 
bitten die Farbe wiederum zu wechseln und arbeitete für 
gutes Geld mit dem Eifer eines überzeugten Republikaners 
im Interesse der zeitigen Machthaber. In einer umfangreichen 
Flugschrift setzte er die „Vortheile, die ein Freistaat vor dem 
Königthum voraus hat," auseinander. Er erwiderte einem 
Spanier, der die Mörder Asham's in Schutz genommen hatte 
und wurde angewiesen, seine Erwiderung iu's Lateinische zu 
übersetzen. Er veranstaltete eine englische Ausgabe der be- 
rühmten Schrift von Seiden „Mare clausuni", die sich vor- 
trefflich gegen die Ansprüche der Niederländer verwenden 
liess. Für diese Mühe wurden ihm 200 '£. zugesichert. 
Schon vorher im j\Iai 1650 hatte der Staatsrath ihm eine 
Pension von 100 '£. jährlich ausgesetzt und ihm 50 £. als 
Lohn „für bereits geleistete Dienste" auszahlen lassen. Durch 
nichts indessen verdiente er sich mehr den Dank seiner neuen 
Gönner und den Hass seiner alten Freunde, als durch die 
Leitung eines politischen Wochenblattes, für die seine früheren 
Unternehmungen der Art ihm gleichsam als Vorschule gedient 
hatten. Die Zeitung erschien unter dem Titel Mercurius 
politicus, und die erste Nummer, die sich erhalten hat, datirt 
vom 13. Juni 1650 (i). 

Wenn man überhaupt Censur übte, so war nichts natür- 
licher, als dass man einem j\Iann wie Keedham namentlich 



Miltoa u. der Mercurius politicus. — Der Rakow'sche Katechismus. 33 

anfangs scharf auf die Finger sah. Wer sollte indess ver- 
muthen, dass der Verfasser der Areopagitica sich zu diesem 
Geschäft verstanden hätte? Und doch lässt es sich aus den 
Registern der Stationers nachweisen. In ihnen findet sich 
unter dem 17. März 1651 der Eintrag von sechs Nummern 
der Zeitung Needham's „auf Befehl Mr. Milton's". Am 
27. April tritt statt dessen die übliche Formel auf: „Unter 
der Hand Mr. Milton's". Dieser Eintrag kehrt in der Folge 
bis zum 29. Januar 1652 regelmässig wieder. Von da an 
scheint Milton mit der Sache nichts mehr zu thun gehabt zu 
haben. So überraschend die Entdeckung sein wird, dass er 
wenigstens eine Zeit lang mit dem Amte eines Censors be- 
traut erscheint, so wäre es doch voreilig daraus einen ehren- 
rührigen Schluss zu seinen Ungunsten ziehen zu wollen. In 
diesem Falle handelte es sich nicht um eine Handhabung der 
Censur in der Weise, welche er einige Jahre vorher bekämpft 
hatte. Die Zeitung Needham's war kein Privatunternehmen, 
sondern das Organ der Regierung. Sie erschien, wie einer 
der Einträge in den Registern der Stationers besagt, nicht 
nur „mit Erlaubnis der Obrigkeit", sondern auf Veranlassung 
und mit Unterstützung der Obrigkeit. Es war dem Staats- 
rath nicht zu verübeln, wenn er ein Blatt, das er bezahlte, 
auch beaufsichtigen Hess. Es war kein Abfall von früher ver- 
theidigten Grundsätzen, wenn Milton eine Weile diesen Auf- 
seher machte oder wohl gar dann und wann an der Redaktion 
der Leitartikel sich betheiligte (0- Man trifft ihn freilich un- 
gern in der Gesellschaft eines Marchmont Needham an. Er 
mag indessen seine Bekehrung zu den Ansichten seiner Jugend 
für ehrlich gehalten haben, wie denn der witzige und gebildete 
Journalist auch zu den Besuchern seines Hauses gehörte (^). 
Hatte der Verfasser der Areopagitica sonstwie Anlass sich 
mit Angelegenheiten der Presse zu befassen, so konnte man 
darauf rechnen, dass er sehr ft-eien Grundsätzen huldigte. 
Das Jahr 1652 lieferte dafür einen deutlichen Beweis. Der 
s. g. Rakow'sche socinianische Katechismus, der in Polen be- 
kannt genug war, hatte einen Neudruck in England erlebt. 
Als ein unverhohlener Ausdruck socinianischer Ansichten, er- 
stem, Milton u. s. Z. II. 3. 3 



34 Milton's „Bemerkungen" zum Frieden von Kilkenny. 

regte diese Veröffentlichung grosses Aergernis. Die Exemplare 
wurden mit Beschlag belegt. Der Drucker wurde vor den 
Staatsrath gefordert. Das Parlament nahm sich der Sache 
mit um so grösserem Eifer an, da eine Anzahl von Geistlichen 
sich wegen des ketzerischen Inhalts jenes Buches bitter be- 
klagt hatte. Der Drucker, ein ^Mann, den der Staatsrath 
selbst zu beschäftigen pflegte, berief sich auf die vorgängige 
Genehmigung Milton's. Dieser läugnete keinen Augenblick, 
dass er nur seiner Ueberzeugung gefolgt sei und erinnerte 
nicht ohne Stolz an seine früheren Bemühungen fiir die Press- 
freiheit. Aber er war seiner Zeit weit vorangeeilt. Das 
Parlament erklärte das Buch für „blasphemisch , irrig und 
skandalös" und liess alle Exemplare, deren man habhaft 
werden konnte, öffentlich verbrennen (^). 



Die Nachwelt würde es im höchsten Grade bedauern müssen, 
wenn Milton in seinem Amte nicht auch Gelegenheit gefunden 
hätte, seine Kraft an grösseren Aufgaben zu erproben. In 
der That hatte der Staatsrath ihn nicht nur deshalb in seinen 
Dienst genommen, um ihn lateinische Depeschen schreiben, 
Auszüge und Uebersetzungen anfertigen oder den Inhalt des 
Regierungsblattes überwachen zu lassen. Milton's publicistische 
Talente waren zu wohl bekannt, als dass man sich ihrer nicht 
hätte bedienen sollen. Gleichsam sein Probestück auf diesem 
Felde bildete eine Arbeit, die sich auf die Verhältnisse Irland's 
bezog. Der Friede von Kilkenny, den Ormond mit den 
Katholiken geschlossen hatte, sein Briefwechsel mit dem 
Kommandanten von Dublin, die Proklamation Karls 11., alle 
diese Vorgänge riefen, sobald sie im Frühjahr 1649 in England 
bekannt wurden, eine nicht geringe Aufregung hervor. Zu 
gleicher Zeit wurde eine Urkunde bekannt, die gleichfalls von 
der grünen Insel, wenn schon aus einem anderen Lager, 
stammte, aber nicht weniger Zeugnis dafür ablegte, welche 
Gefahren an dieser Stelle dem Gemeinwesen drohten. Es 
war eine „nothgedrungene Vorstellung" des schottischen Pres- 
byteriums in Belfast vom 15. Febmar 1649, die, gestützt auf 
den Covenant, sich an alle „Gutgesinnten" richtete und sie 



Milton's „Bemerkungen" zum Frieden v. Kilkenny. 35 

von jeder Verbindung mit der „sektirerisclien Partei" der 
Königsmörder in England abmahnte. Der Staatsrat!! gab 
Befehl die einschlägigen Aktenstücke durch den Druck zu 
veröffentlichen. Zu gleicher Zeit beauftragte er Milton einige 
„Bemerkungen" hinzuzufügen. Auf diese Weise ist eine Staats- 
schrift entstanden, deren Ton von dem sonst üblichen ähn- 
licher Dokumente sehr merklich abweicht ('). Es ist keine 
ruhige geschichtliche oder rechtliche Auseinandersetzung, 
sondern ein Ausfluss tief erregter Leidenschaft, die sich in 
die Foiin -einer mehr als kraftvollen Rhetorik kleidet. Und 
zwar wendet sie sich in gleicher Weise gegen Ormond wie 
gegen die Presbyterianer von Belfast. Denn wenn auch diese 
letzten in ihrem Protest sich ausdrücklich gegen eine Ver- 
bindung mit „Papisten und anderen notorischen Malignanten" 
verwahrt hatten, so sieht Milton im jetzigen Augenblick doch 
in ihnen nur Mitschuldige der „verabscheuungswürdigen irischen 
Aufrührer". Ist Ormond ein „windiger Lästerer," dem Namen 
nach ein Protestant, aber „gegenwärtig der Rädelsführer der 
irischen Rebellen", so werden die „hochmüthigen Inhaber des 
Pontifikalsitzes in Belfast" als ein „Geschlecht von Hochlands- 
dieben" titulirt, die es nicht verdienen, dass man „Zeit und 
Gründe an sie verschwende". Es genügt an diesen Stilproben 
den Charakter des ganzen Aktenstückes gezeigt zu haben. 
Auch sei nur beiläufig darauf hingewiesen, mit welcher Ent- 
schiedenheit Cromwell's Ehre gegenüber Ormond in Schutz 
genommen wird, der es für gut befunden hatte, ihn mit 
Johann von Leyden auf eine Linie zu stellen. 

Wichtiger ist es an die allgemeinen Urtheile zu erinnern, 
welche Milton sowohl über die Irländer wie über den Katho- 
licismus fällt. Der Friede von Kilkenny, von staatsmännischem 
Geiste eingegeben wie er war, musste dem englischen Puritaner 
als ein Verrath an seinen heiligsten Ueberzeugungen gelten. 
„Jeder wahre Engländer konnte ihn, nach Milton's Worten, 
nur mit Entrüstung und Widerwillen lesen". Während „die 
barbarische Abschlachtung von so viel tausenden von Eng- 
ländern" noch ungesühnt schien, räumte dies Aktenstück den 
katholischen Irländern „Freiheiten und Rechte ein, wie sie 



36 Milton's „Bemerkungen" zum Frieden v. Kilkenny. 

ihre Vorfahren selbst durch ihren Gehorsam, auf welchen im 
besten Fall kein Verlass gewesen war, niemals hatten erwerben 
können". Die Strafgesetze wurden aufgehoben, die freie Aus- 
übung des Gottesdienstes und der kirchlichen Jurisdiktion, 
der Besitz aller Kirchen und Kirchengüter seinem augenblick- 
lichen Stande nach gewährleistet. Ein irisches Parlament 
ward in Aussicht genommen, das nicht nur die volle politische 
Gleichberechtigung zwischen Protestanten und Katholiken her- 
zustellen, sondern zugleich die Poyning's Akte abzuschaffen 
bestimmt war, die bisher die Berathungen des Parlaments in 
Dublin von der vorgängigen Genehmigung des königlichen 
Rathes in London abhängig gemacht hatte. Den Katholiken 
wurde das Recht gegeben Schulanstalten zu gründen. Bis 
zur endgiltigen Regelung aller Verhältnisse auf parlamen- 
tarischem Wege sollten sie ein stehendes Heer von 17,500 Mann 
unter Waffen halten dürfen. — 

In diesen wichtigsten Artikeln des Vertrages waren mit 
einem Federstrich Fragen abgethan, welche noch Generationen 
ein Meer von Blut und Thränen kosteten. Für die damalige 
Zeit würden sie eine Lösung des bisherigen staatsrechtlichen 
Verhältnisses bedeutet und die Zukunft der protestantischen 
Ansiedle)- mindestens zu einer sehr zweifelhaften gemacht 
haben. Man muss sich dieses und das Ereignis von 1641 vor 
Augen halten, um Milton's drakonisches Urtheil zu verstehen. 
Was die Irländer als Nation betrifft, so steht ihm fest, dass 
sie Barbaren und Wilde sind, „jeder Belehrung abgeneigt, 
unfähig in Folge einer kultivirenden Eroberung selbst zur 
Kultur zu gelangen". Er kennt keine Schuld auf Seite dieser 
ihrer Eroberer. Er hält die Besiegten für blosse „Vasallen", 
die „durch ihre endlosen Verräthereien und Revolten das 
Recht verwirkt haben, überhaupt Parlamente zu halten, und 
die nichts besseres verdienen, als durch Verordnungen und 
Garnisonen regiert zu werden". Dieser harten Anschauung 
entspricht vollkommen die puritanische Befangenheit gegen- 
über dem Katholicismus. Wir wissen bereits, dass selbst für 
einen Milton das Princip der Duldung hier seine Grenze hatte. 
In dieser Staatsschrift weist er um so nachdrücklicher auf 



Milton's „Bemerkungen" zum Frieden v. Kilkenny. 37 

sie hin, je heftiger die Independenten von Ormond einer Be- 
günstigung „der Irreligion und des Atheismus", von den Pres- 
byterianern zu Belfast einer Begünstigung „allgemeiner Toleranz 
selbst des Heidenthums und Judenthums" geziehen worden 
waren. Er bemerkt den inneren Widerspruch nicht, in dem 
er sich bewegt, wenn er sich entschieden gegen jede staatliche 
„Verfolgung von Ketzereien" ausspricht und doch erklärt, der 
Staat werde „die freie Ausübung einer Religion nicht dulden, 
die gesunder Doktrin vollkommen widerstrebend erscheine." 
Er verthpidigt den Grundsatz, dass die „Staatsmacht , . der 
Geistlichkeit in Ausführung der Kirchenzucht nicht zu Hilfe 
komme", und ihr Schwert nur gegen „bürgerliche Vergehen" 
wende, aber er findet es völlig in Ordnung, vor allem den 
Katholiken jegliche Kultusfreiheit zu versagen und sie „auf den 
blossen Genuss des Gewissens" zu beschränken. Auch kann 
man in einigen anderen Sätzen weitere Zeugnisse für seinen 
Mangel an Klarheit in der Behandlung dieser Fragen finden. 
Er erwartet vom Parlamente, dass es „erklärte Atheisten, bös- 
willige Feinde Gottes und Christi nicht toleriren , sondern 
unterdrücken werde". Er hebt mit Nachdruck hervor, dass 
„die wahren Diener des Wortes" auch finanziell vom Parla- 
mente unterstützt worden seien, obwohl es in „Geld und Lohn 
eben nicht die beste Ermuthigung eines wahren Geistlichen" 
erblicke. Er gesteht: „Wir verabscheuen das Juden- 
thum," aber er fügt hinzu: „Wir wissen, dass Paulus Piöm. 11 
uns befiehlt die Juden zu achten und auf alle Weise ihre 
Bekehrung anzustreben". — Man wird indessen im Auge be- 
halten müssen, dass nicht sowohl der selbstständige Schrift- 
steller Milton seine Meinung darzulegen, als vielmehr der 
Sekretär des Staatsraths diejenige seiner Auftraggeber aus- 
zudrücken hatte. Es wäre daher unbillig in einer Schrift, 
deren Tendenz in erster Linie eine politische war, eine syste- 
matische Behandlung des Themas vom Verhältnis des Staates 
zu den Religionsgesellschaften erwarten zu wollen. Im Hin- 
blick auf Irland zeichnete dies Dokument eben das grausame 
Programm deutlich genug vor, welches wenig später Crom- 
welPs eiserne Hand mit fürchterlicher Folgerichtigkeit aus- 
führte. 



38 Ei-Aoiv ßaadixri. 

Kur wenige Monate seit dem Erscheinen dieser „Be- 
merkungen" Milton's waren verflossen, als er sich mit einer 
noch wichtigeren literarischen Aufgabe betraut sah. Von allen 
de-n Schriften, die das Andenken Karls I. verherrlichten, er- 
regte keine ein ähnliches Aufsehen wie das berühmte Buch, 
welches sich unter dem Titel „das Bild des Königs" beim Publi- 
kum einführte. Betraclitungen, die sich auf einzelne wichtige 
Momente der letzten neun Jahre richteten, Gebete, mit diesen 
historischen Rückblicken in passender Weise verbunden, eine 
rührende Ansprache an den Prinzen von Wales ; Todes- 
Gedanken und Gelübde der Reue: das alles war in diesen 
Blättern enthalten, deren Leser glauben mussten den hin- 
gerichteten Monarchen selbst inmitten seiner Prüfungen, in 
der Einsamkeit seiner qualvollen Haft zu belauschen. Seine 
Gestalt erschien als die eines verklärten Märtyrers, wie ein 
allegorisches Titelbild ihn darstellte: die Dornenkrone in der 
Hand, das Haupt von den Strahlen eines Heiligenscheins um- 
flossen. Seine Sprache athmete ein Gefühl christlicher Geduld 
und Ergebenheit, das ihn dazu antrieb auch für seine bitter- 
sten Feinde die göttliche Verzeihung zu erflehen. Hochtönende 
Gemeinplätze, unerwartete Bilder belebten einen Stil, dessen 
sentimentaler Grundton unschwer hätte ermüden können. 
Wohlwollenden Lesern war es leicht gemacht, über dieSophistik 
so mancher dieser historisch-politischen Betrachtungen und 
über den schlecht verhüllten Hochmuth so mancher dieser 
salbungsvollen Phrasen hinwegzusehen. Und indem der könig- 
liche Schriftsteller seine eigene Handlungsweise im glänzendsten 
Lichte darzustellen schien, wurde fast jeder Satz zugleich zu 
einer furchtbaren Anklage gegen die Machthaber des Tages, 
deren List und Gewalt es gelungen war ein so reines und 
edles Wesen der Vernichtung zu weihen. Auch brachte die 
Schrift die ausserordentlichsten Wirkungen hervor. Es ist 
nicht völlig glaubwürdig nachgewiesen , dass sie schon einen 
Tag nach der Hinrichtung Karls L erschien. Das älteste 
Exemplar, das man kennt, enthält die handschriftliche Datum- 
Bezeichnung des neunten Februar, aber von da an folgte in 
kürzester Zeit Auflage nach Auflage, so dass man sich für 



Eixwv ßaaü.iy.i]. — Milton's ,. Bilderstürmer". 39 

berechtigt hält ihre Zahl auf etwa ein halbes Hundert anzu- 
schlagen (^). Auszüge aus der Schrift wurden in Umlauf ge- 
setzt, die Dichter der königlichen Partei spielten in ihren Versen 
auf sie an, durch Uebersetzungen ward dafür gesorgt, auch 
das Ausland mit dieser kostbaren Reliquie bekannt zu machen. 
Die Pioyalisten nahmen sie verehrungsvoll entgegen, Tausende 
wurden durch sie erbaut und zu einer trauernden Betrachtung 
der Vergangenheit und Gegenwart geführt. Das kleine Buch, 
das man nicht anstand den biblischen Schriften zu vergleichen, 
drohte eine wirkliche Macht zu werden und für den lebenden 
Karl IL ebenso erfolgreich Propaganda zu machen wie für 
das Andenken des todten Karls I. Man unterliess nichts um 
den Druck und die Ausbreitung der gefährlichen Schrift zu 
verhindern, und am 16. März verfügte das Parlament sogar 
eine Beschlagnahme sämmtlicher Exemplare in den Druckereien. 
Allein alle Versuche das , .königliche Bild" zu unterdrücken, 
blieben fruchtlos, ja sie dienten nur dazu seinen Erfolg zu 
steigern. So wurde denn beschlossen eine officielle Gegen- 
schrift zu verbreiten. 

Es ist behauptet worden, Cromwell habe sich bemüht, 
den grossen Gelehrten Seiden zur Abfassung einer solchen 
zu bewegen (-). Sei dem,, wie ihm wolle: in Wirklichkeit 
wurde diese Aufgabe Milton zu Theil. Zwar findet sich in 
den Protokollen des Staatsraths keine darauf bezügliche Ver- 
fügung, allein iNIilton's eigene Worte lassen keinen Zweifel 
aufkommen. „Ich erhielt den Auftrag eine Erwiderung zu 
schreiben," berichtet er in seiner zweiten Vertheidigung, und 
in der Einleitung dieser Erwiderung selbst macht er kein 
Hehl daraus, dass er in diesem Fall nicht sowohl freier 
„Wahl" als höherer „Weisung" gefolgt sei. Eben hieraus er- 
klärt er, dass seine Arbeit „so spät begonnen und inmitten 
anderer Beschäftigungen so langsam beendigt worden sei". 
In der That lässt sich nicht nachweisen, dass Milton's Schrift 
schon vor dem Oktober 1649 die Presse verlassen hatte. Ihr 
Titel konnte nicht geistreicher gewählt sein. Streuten die 
Royalisten dem „Bilde" des Königs Weihrauch, so erschien 
hier ein „Bilderstürmer" (=^J , der wie jene „gottesfürchtigen 



40 [Milton's „Bilderstürmer". — Charakteristik des Königs, 

griecliischen Kaiser" gegen den „Aberglauben" anzukämpfen 
entschlossen war. Er war in die Schranken getreten, nicht 
um sich über das Unglück des von seiner Höhe Herab- 
gestürzten aufzuhalten und nicht, weil ihn kleinliche Autoren- 
Eitelkeit angetrieben hätte, sondern weil er glaubte „die 
Königin Wahrheit dem Könige Karl vorziehen zu müssen". 
Allein so sehr sich der Schriftsteller auch bemühen mochte 
ruhig zu erscheinen , so gieng es doch über seine Kraft hin- 
aus, den Standpunkt des objektiv urtheilenden Historikers 
zu bewahren. Indem er Abschnitt für Abschnitt dem gegneri- 
schen Werke folgt und seinen Inhalt Satz für Satz mit Glossen 
versieht, entwiift er seinerseits ein Bild der Vergangenheit, 
zu dem ausschliesslich der Hass und die Vorurtheile des 
Puritanismus ihre düsteren Farben geliehen haben (^). Mit- 
unter glaubt man nur eine Umschreibung der Deklaration 
des Parlamentes zu lesen, welche die Errichtung der Republik 
begleitet hatte. Auf Buckingham bleibt der Verdacht haften, 
König Jakob vergiftet zu haben, auf Karl I, bleibt der Ver- 
dacht haften, den Sachverhalt haben „vertuschen" zu wollen. 
Es ist kein Zweifel, dass der König „Urheber und Anstifter" 
des irischen Aufstandes gewesen ist und dass er den Schotten 
für ihre Hilfe die ., Plünderung Londons" und den Besitz von 
,,vier Grafschaften des Nordens" versprochen hatte. Das 
häusliche Leben des ..zweiten Rehabeam" erscheint nicht minder 
abschreckend wie sein Wirken als ööenthcher Charakter. 
Die „unzüchtige Zügellosigkeit seines Sonntagstheaters" kann 
vor den Augen des Verfassers des Comus ebensowenig 
Gnade finden wie „jenes ehrwürdige Statut für Sabbathtänze 
und Maibäume, das er von seinem Vater Jakob entlehnt 
hatte," 

Einseitig und parteiisch wie die historischen Betrach- 
tungen Milton's sind, dienen sie doch dazu, die Schilderung 
der Regierung Karls I. , welche im „königlichen Bilde" ent- 
halten war, als eine durch und durch trügerische erscheinen 
zu lassen. Milton spart weder glühendes Pathos noch eisigen 
Hohn, um alle Widersprüche aufzudecken, alle Sophismen zu 
zerreissen, alle Schönfärbereien abzuwaschen, auf die sein 



Charakteristik des Königs. — Kritik des Königthums, 41 

Auge traf. Es ist, als wollte er den Todten noch einmal vor 
den Richterstuhl ziehen und Zeugnis auf Zeugnis häufen gegen 
den, welcher es wohl verstanden hatte „die Sprache Davids 
nachzuahmen, aber nicht sein Leben." Dass er schon auf 
Erden seinen Eichter gefunden, dünkt Milton die beste Antwort 
auf die zuversichtlichen Gebete, welche so manches englische 
Herz erschütterten. Gegenüber einem Manne, der „so oft an 
das Tribunal Gottes appellirt hatte", hebt er mit Genugthuung- 
hervor, dass Gott, der „seiner nicht spotten lässt", ihn „nach 
dem Verdijit seines eigenen Mundes" gerichtet habe. „Wir 
messen unsere Sache nicht nach unserem Erfolge, sondern 
unseren Erfolg nach unserer Sache. Aber in ;einer guten 
Sache ist Erfolg eine gute Bestätigung, denn Gott hat 
ihn fast auf jedem Blatt der Bibel den Guten versprochen". 
Man sieht, auf einer wie schmalen Grenzlinie der Politiker 
Milton sich hier bewegt, und wie leicht seine eigenen Worte 
vorkommenden Falls zu einer Waffe gegen ihn werden konnten. 
Ein Schriftsteller gewöhnlichen Schlages würde sich 
damit begnügt haben, den Charakter und die Handlungen 
Karls I. zu beleuchten und der Heiligengestalt, zu welcher 
der König geworden war, ein anderes Bild gegenüberzu- 
stellen, wie es freilich nur parteiische Hand entwerfen 
konnte, Milton sah seine Aufgabe damit nicht erfüllt. Für 
ihn handelte es sich nicht nur um eine Kritik des Königs, 
sondern um eine Kritik des Königthums, und das um so 
mehr, je sichtlicher das kleine Buch, dessen Bekämpfung ihm 
oblag, zum Wachsthum der royalistischen Strömung in der 
Nation beigetragen hatte. Er täuscht sich darüber nicht: es 
sind „nur wenige, welche die altenglische Tapferkeit und 
Freiheitsliebe bewahren," die Mehrzahl ,, schmachtet danach 
in die Gefangenschaft der Könige zurückzukehren" und eilt 
unaufhaltsam, „als hätten sie vom Circe-Becher der Knecht- 
schaft getrunken, den Nacken wieder unter das Joch zu 
beugen". Die Fiktion , als ' gründe sich das republikanische 
Gemeinwesen auf den Willen der Majorität, Hess sich nicht 
mehr aufrecht halten, und in keiner der Milton'schen Schriften 
finden sich so herbe Urtheile über das „elende, leichtgläubige 



42 Kritik des Königthums. — Konstitutionelle Theorie. 

Geschöpf, das man die grosse Masse nennt," über 
,,die tolle Menge", über das Volk von „bethörtem und ent- 
artetem Geiste" wie in dieser. Allein das gemeine Volk er- 
scheint immerhin nur als verführt. Die hauptsächliche Schuld 
der Umwandlung der öffentlichen Meinung, und nur von dieser 
kann nach Milton's Ansicht die Rede sein, — trifft die Männer 
von ..sanfter Gesinnung," die „ihre Führer zu gefährlichen 
Unternehmungen treiben, aus denen kein Rückzug möglich 
ist", um sie inmitten des Entscheidungskampfes „feige zu ver- 
rathen". Es sind die „Kollegen der Prälaten", deren Predigten 
von Anfang bis zu Ende die „Theorie der Sklaverei" ent- 
halten, und deren Leben ein „Abbild der Weltlust und Heuche- 
lei" ist, Leute, welche den König nicht zu verletzen glaubten, 
„indem sie das Schwert gegen ihn zogen" und die jetzt nicht Auf- 
hebens genug machen können von „ihrer Loyalität und Königs- 
treue", Menschen, die „sich selbst lieb hatten und nicht das 
Gemeinwohl, und deren Gewissen ein Loch bekommen hat, 
weil der Gewinn ausgeblieben ist, auf den sie gehofft hatten". 
Es ist klar, dass alle diese Ausfälle sich gegen die Pres- 
byterianer richten, deren Verbindung mit der KavaHerpartei 
die Lage der herrschenden Gewalten anfangs zu einer über- 
aus kritischen machte. Auch lässt sich deutlich verfolgen, 
wie sehr es sich ]\Iilton hat angelegen sein lassen in einer 
zweiten Auflage seiner Schrift gerade diesen Punkt zu betonen. 
Diese zweite Auflage erschien im März 1651 (^). Unter den 
vielfachen Zusätzen und Erweiterungen nehmen diejenigen 
nicht die geringste Stelle ein, welche gegen die „Bethörung" 
der Masse, das Verhalten der Presbyterianer und ihrer geist- 
lichen .„Hexenmeister" ankämpfen. 

Ebenfalls findet sich aber auch die politische Theorie 
hier weiter ausgeführt, die der Schriftsteller mit Stolz als 
Eigenthum der „wenigen" in Anspruch nimmt, welche „der 
Weisheit und Wahrheit anhängen." Wir kennen bereits ihre 
Grundzüge aus dem Pamphlet über „das Recht der Könige 
und Obrigkeiten". Hier wird mit noch grösserer Schärfe die 
Anwendung auf die heimischen Verhältnisse gemacht. Auch 
dies Mal bildet den Ausgangspunkt die Annahme, dass die 



Konstitutionelle Theorie. 43 

„Könige, wie alle anderen öffentlichen Beamten, zuerst nur 
durch Zustimmung und Wahl des Volkes eingesetzt worden 
sind''. „Wäre ihre Race so erhaben über die anderen Menschen 
wie die der Pferde von Tutbury über die anderen Pferde, so 
hätten sie freilich von Rechtswegen nur zu befehlen und wir 
nur zu gehorchen." So aber sind sie, — er nimmt einem 
grossen Monarchen den Ausdruck vorweg, — nichts weiter 
als „die Diener des Staates." Hiernach bestimmt der Autor 
das Verhältnis von König und Parlament. Er äussert sich, 
ohne sich um die vielen Abwandlungen der Vergangenheit zu 
kümmern, mit jener Siegesgewissheit der abstrakten Doktrin, 
welche den Zeiten der Revolution eigen zu sein pflegt. j\Ian 
fühlt sich einen Augenblick wie in's achtzehnte Jahrhundert ver- 
setzt unter die Jünger Montesquieu's, wenn man die Theorie der 
„Trennung der Gewalten", zu der sich die „weisesten Nationen" 
bekannt haben, angedeutet findet Und man wird an 
die Schlagworte der Constituante erinnert, wenn man hört, 
was bei dieser Trennung der Gewalten der einen und der 
anderen zugesprochen wird. Die Legislative ist die ,, höchste" 
(supreme), die Exekutive „untergeordnet" (subordinate), denn 
„der König ist nur dazu da, das Gesetz zu vollstrecken (i)." 
Die Folgerungen ergeben sich für Milton ganz von selbst. 
„Wo der Sitz des Parlaments ist, da ist auch untrennbar der 
Sitz des Königs." Das Recht des Veto kann unmöglich auf 
gesetzlicher Grundlage ruhn, es war „ein abgeschmacktes 
und vernunftwidriges Herkommen, eine Erfindung der Schmeiche- 
lei und der Usurpation". Ein Parlament wäre lächerlich und 
verächtlich, welches erst Gesetze ausarbeiten sollte, um sie 
dann stückweise der Vernunft, dem Gewissen, der Laune, der 
Leidenschaft, der Narrheit, dem Eigensinn eines Mannes abzu- 
handeln." Das Recht der beliebigen Berufung und Auflösung 
des Parlaments gehört nicht zur königlichen „Prärogative," 
sondern war ein blosser Ausfluss des öffentlichen „Vertrauens". 
Ohne die Möglichkeit zusammenzutreten .,so oft es die Noth 
erfordert," wie die Möglichkeit zusammenzubleiben, „bis die 
dringenden Geschäfte vollständig erledigt sind", würden die 
Parlamente „bald zu einem blossen Gegenstand des Spottes 



44 Omuijiotenz des Parlaments. 

werden". [ Das Recht der Militia eignet keineswegs der Krone. 
„Nur mit Zustimmung des Parlaments" kann über die Streit- 
kräfte des Landes verfügt werden. „Wenn die Macht des 
Schwertes von der Macht des Gesetzes getrennt ist, dann 
wird das Schwert bald Herr über das Gesetz werden". — 
Mit einem "Worte: Nicht der König, sondern das Parlament 
ist „omnipotent", aber in einem noch weit ausgedehnterem 
Sinn, als berühmte Staatsrechtslehrer späterer Zeit das W^ort 
verstanden haben. Denn da es in der Hand des Parlamentes 
liegt, die Gesetze zu ändern oder zu abrogiren, „jenachdem 
es ihm zum Besten des Gemeinwesens zu sein dünkt", so 
hat es auch das Piecht „das Königthum abzuschaffen, sobald 
dies zu herrisch und lästig wird". 

Es ist ungefähr die Theorie, welche das grosse Manifest 
der Armee Ende 1648 ausgeführt hatte, vor der das König- 
thum und das Haus der Lords zusammengebrochen war, 
während das „omnipotente" Parlament sich selbst zu einem 
blossen Werkzeug in nerviger Soldatenfaust hatte erniedrigen 
müssen. Ueber diesen inneren Widerspruch geht Milton 
schweigend hinweg, wie er sich denn auch wohl hütet anzu- 
geben , inwieferue in dem Parlamente der Wille der gesamm- 
ten Nation zum Ausdruck komme. Eine solche Betrachtung 
hätte, Avie die Lage der Dinge war, zu bedenklichen Schlüssen 
führen können. Weniger verfänglich schien es dem Verfechter 
der neuen Piegierung auf den Geist und die Präcedenztälle 
der alten Landesverfassung zurückzugehn. In der That, durch 
und durch radikal, wie der Schriftsteller erscheint, bleibt er 
insoweit Engländer, dass er jede Gelegenheit wahi-nimmt, wie , 
schon ein Mal, die „alten Gesetzbücher" heranzuziehn, freilich 
nur, um ihnen mehr oder weniger Gewalt anzuthun. Wenn 
B. n. 446 darauf hinzuweisen war, dass Milton's frühere 
staatsrechtliche Bemerkungen einem bekannten Publicisten 
der Zeit, John Sadler, nicht fremd geblieben zu sein scheinen, 
so führt er hier seinerseits Sadler s „kürzlich erschienenen 
Traktat: Rechte des Reiches" als seine Quelle an, deren 
juristische Auszüge ihm zu Gute kommen. — 

Nach allem, was er mit leidenschaftlicher Beredtsamkeit 



Die Frage nach der Aechtheit des E. ß. 45 

zur Vertheidigung der Revolution und zur Bekämpfung des 
Königs vorgebracht hat, wendet er sich zu einer letzten feier- 
lichen Beschwörung an seine Mitbürger : „Er gebietet seinem 
Sohn : halte fest an den wahren Grundsätzen der Frömmigkeit, 
Tugend und Ehre und du wirst nie eines Königreichs bedürfen. 
Ich aber sage dir, o Volk von England, halte du fest an 
diesen Grundsätzen, und du wirst nie eines Königs bedürfen". 
Wie der Wortlaut dieses Satzes zeigt, und wie sich durch viele 
Stellen des Eikonoklastes sonst belegen liesse, nimmt sein Ver- 
fasser an , dass das „königliche Bild" im ganzen und grossen 
wirklich aus der Feder Karl's I. stamme. Bekanntlich knüpft 
sich aber gerade an dieses Buch eine der berühmtesten Kon- 
troversen, die jemals über die Frage der Urheberschafteines 
literarischen Erzeugnisses geführt worden ist. Vor allen 
Dingen wird man daher zu erfahren wünschen, ob in Milton 
nicht wenigstens einige Zweifel aufgestiegen sind. Man weiss, 
dass gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts der heftigste 
Streit darüber entbrannte, ob der König in Wahrheit der Ver- 
fasser des merkwürdigen Buches gewesen, oder ob es nicht 
für eine geschickte und wohlberechnete Fälschung des Dr. 
Gauden zu halten sei, der fast im letzten ]\Ioment seine Stimme 
für Karl I. erhoben hatte, nach der Restauration vertraulich 
seine Autorschaft eingestand und 1662 als Bischof von Worcester 
starb. j\Ian kennt die grosse Literatur, welche sich in den 
zwanziger Jahren unsres Jahrhunderts ansammelte, als eine 
gründliche Revision jener anziehenden Streitfrage stattfand, 
und Christoph Wordsworth gegen eine ganze Phalanx von 
Widersachern den schriftstellerischen Ruhm des Königs mit 
Eifer und Scharfsinn zu retten suchte. Die Mehrzahl der 
Späteren hat sich gegen ihn erklärt, und das „königliche 
Bild" gilt heute als das Muster eines grossartigen Betruges, 
während einige Forscher immerhin eine ]\Iitwirkung des Königs, 
sei es bei der Vorbereitung, sei es bei der schliesslichen 
Redaktion für wahrscheinlich halten (^). Wie immer dem sei, 
der Biograph Milton's darf über den persönlichen Anspruch Gau- 
den's hinwegsehn. Denn soviel steht fest : in der Zeit, als Milton 
schrieb , wird Gauden's Name von niemandem genannt. Er 



46 Die Frage nach der Aechtheit des E. ß. 

ist überhaupt erst Jahre nach Milton's Tode in die Debatte 
geworfen worden. Pas schliesst indessen nicht aus, dass sich 
schon damals argwöhnische Stimmen gegen die Aechtheit des 
überaus wirksamen Pamphlets erhoben, oder dass mindestens 
auf die Spuren einer anderen Feder neben der des Königs 
hingewiesen ward. 

Bereits in der ersten Auflage seiner Gegenschrift hatte 
Milton von einem „geheimen Gehilfen" des Königs gesprochen, 
von seinem „Hofrhetoriker", „irgend einem Hof kaplan", der diese 
und jene Phrase „eingeschoben'", dies und jenes „ungesalzene 
Gebet zusammengestoppelt" haben möchte. Er hatte aus ein- 
zelnen Ptedewendungen den Schluss zu ziehen gesucht, dass 
sie nicht aus der Feder des Königs stammen könnten, ja das 
„ganze Buch" war ihm einmal „als ein Stück Poesie" vorge- 
kommen. In der zweiten Auflage erschienen diese Zweifel 
noch verstärkt. Zugleich wurde hier ein Punkt weiter aus- 
geführt, auf den er schon in seiner früheren Kritik mit sicht- 
lichem Hohn hingewiesen hatte. Es fanden sich als Anhang 
der „besten Ausgaben" des königlichen Bildes „Gebete seiner 
Majestät aus der Zeit seiner Leiden, unmittelbar vor seinem 
Tode dem Dr. Juxon, Bischof von London, überliefert". Milton, 
der seinen Philip Sidney kannte, entdeckte, dass gleich das 
erste dieser Gebete „Wort für \Yort" aus dessen berühmtem 
Roman Arcadia „gestohlen" sei, und zwar „aus dem Munde 
eines heidnischen Weibes, das zu einer heidnischen Gottheit 
betet", und dessen „süsse Pihapsodieen" der König nichtsdesto- 
minder kein Bedenken getragen habe, als seine „eigenen 
himmlischen Gedanken" Gott darzubringen. Hier freilich 
kommt es ihm darauf an, die Autorschaft Karls I. festzuhalten. 
Denn alle „seine besten und theuersten Freunde, die ihn 
vergötterten", erschienen somit durch ihn selbst hinter's Licht 
geführt. „Die heulenden Kanzelredner" mussten sich sagen 
lassen, dass er „in dem ganzen Magazin ihrer honigsüssen 
Gebete und Meditationen" nichts gefunden habe, was dem 
Gebete einer „gefangenen Schäferin" aus einem weltlichen 
„Liebesgedieht" gleich gekommen wäre. Es ist indessen klar, 
wie verdächtig damit alles das gemacht wurde, was aus der 



Gleichzeitige Urtheile. 47 

royalistischen Presse heivorgieng. Eine überraschende Ent- 
deckung wie diese konnte wahrlich nicht vortheilhaft auf 
die Beurtheilung des „königlichen Bildes" zurückwirken. 
Was aber war besser geeignet, seinen Nimbus zu zer- 
stören, als wenn es gelang wahrscheinlich zu machen, dass 
bei seiner Herstellung Betrug die Hand im Spiele gehabt 
habe?(i). 

Allerdings Milton ist der erste nicht gewesen , der diesen 
Gedanken geäussert hat, und andere haben ihn unmittelbar nach 
ihm weiter 'ausgesponnen. Schon im Mai hatte John Goodwin, 
der aufgeklärte Pfarrer in Colemanstreet , davon gesprochen^ 
dass man darüber streite, ob der König der „wirkliche oder 
nur der vermeintliche Autor" sei. Eine Schrift, welche wenige 
jNlonate nach dem Tode des Königs erschien, „der fürstliche 
Pelikan", hatte gleichfalls diese Verdächtigungen erwähnt. 
Sie nahm auf's entschiedenste für den König Partei, der wie 
ein Pelikan sein Blut für seine Kinder vergossen habe, und 
hatte besonders den Zweck, die Authenticität des „könig- 
lichen Bildes" zu retten. Denn ihr Verfasser konnte nicht 
läugnen, dass von mehreren „und darunter von den ersten 
Günstlingen unserer Grandees" das hämische Gerücht ver- 
breitet worden sei, das Werk stamme nicht vom König, son- 
dern von einem seiner „Hofkaplane", wie denn sogar die Namen 
„eines Dr. Harris und des Dr. Hammond" aufgeworfen worden 
waren. Einmal auf's Tapet gebracht, konnte die Streitfrage 
sobald nicht wieder verschwinden. Zwei Pamphlete, von denen 
das eine, El%wv alr]d-iv)] nachweisbar am 16. August, das 
andere, BI-kuv i) niGzri am 11. September 1649 in Umlauf 
war, nahmen sie wieder auf. Jenes, „veröffentlicht um die 
Welt zu enttäuschen" und „die falschen Farben abzuwaschen" 
behauptete, „irgend ein prälatischer Levit, der nach einem 
Bisthum, einer Dechanei oder dergleichen gierig sei, habe 
dies Stück Schmeichelei kompilirt" und sucht im einzelnen 
nachzuweisen, dass man nicht im König, sondern im „Doktor" 
den Autor sehn müsse. Das andere, eine direkte Entgegnung' 
der vorigen Broschüre, nimmt die Autorschaft des Königs ener- 
gisch in Schutz und erklärt, sein Buch stehe ausserhalb des 



48 Gleichzeitige Urtheile. 

Bereiches jeder Verleumdung, „in der ]Mitte eines Firmaments 
loyaler Herzen (^)". Wie man sieht: Milton trat mit seiner 
Schrift in eine bereits seit lange und heftig geführte Debatte 
ein. Aber dass seine Autorität sich mit derjenigen anderer 
verband, welche die vollkommene Aechtheit des königlichen 
Bildes angezweifelt hatten, war nicht ohne Bedeutung. Wenn 
wenig später ein antimonarchischer Schriftsteller erklärte, 
das royalistische Machwerk „sei schon gehörig und ohne 
Handschuhe von einem Gentleman vorgenommen worden, der 
keinem an Rechtschafienheit , Gelehrsamkeit und Verstand 
zu weichen habe", so liegt es nahe zu vermuthen, dass er 
an Milton gedacht hat. Ebenfalls nimmt der Astrolog William 
Lilly in einer Schrift vom Jahre 1651, in der er seine Be- 
denken gegen die vollkommene Aechtheit des königlichen 
Bildes äussert, ausdrücklich auf Milton Bezug (^). Auch legte 
der Staatsrath so grossen Werth auf seine Widerlegung, dass 
er am 5. März 1650 das Committee of Examinations beauf- 
tragte für einen Neudruck zu sorgen, falls dieser nützlich 
scheine. Nicht genug damit: er liess gegen angemessenen 
Lohn sogar eine französische Uebersetzung anfertigen, mit der 
sich kein Geringerer befasste als John Durie, und gab Befehl, 
die Exemplare dieser Uebersetzung zollfrei nach Frankreich 
auszuführen (^j. 

Aber auch die Royalisten rührten sich. Nachdem der 
„Bilderstürmer" zum zweiten Mal in erneuter Gestalt erschie- 
nen war, wurde ihm das „unzerbrochene Bild" direkt gegen- 
übergestellt. Wer immer der Autor gewesen, ob Dr. Earle, 
der Erzieher Karls IL, ob ein gewisser Jeanes, wie andere 
behaupten, er führte eine sehr kräftige Sprache. In Milton's 
Schrift sieht er einen „Verrath gegen Gott und die Menschen, 
Religion, Wahrheit und Gerechtigkeit". Er bemerkt, dass 
Milton „nicht nur die Gebeine des todten Königs wiederauf- 
zugraben, sondern alle Könige auszurotten" gedenke und weiss 
für seine Leistung keinen besseren Namen als „das Bild der 
Rebellen'M^)- Auch scheint darüber kein Zweifel zu sein, 
dass Milton's Schrift entfernt nicht die Wirkung hervorbrachte 
wie diejenige, die zu verdrängen sie bestimmt war. Jeden- 



Gleichzeitige Urtheile. 49 

falls konnte er fortan sicher sein, in den Geschichtswerken 
royalistischer Tendenz, als „boshafter feiler Skribler", „giftiue 
Schlange" und „schwarzmäuliger Zoilus" zu figuriren('). Sein 
„Bilderstininer" hätte ihn allein schon zur Zielscheibe ihrer 
heftigsten Angriffe machen müssen, selljst wenn seinem Namen 
nicht gleich darauf in einem anderen literarischen Waftengang 
ein europäischer Ruf zu Theil geworden wäre. 



Stern, Milton u. s. Z. U. 3. 



Zweites Kapitel. 
Der Kampf mit Salmasius. 



VTöthe beklagt einmal in seinen Gesprächen mit Ecker- 
mann, dass Uhland sich auf die thätige Theilnahme an den 
politischen Kämpfen eingelassen habe. »Geben Sie Acht, ruft 
er aus, der Politiker wird den Poeten aufzehren. Mit seinem 
Gesänge wird 'es aus sein." „Die täglichen Reibungen und 
Aufregungen" schienen ihm ,, keine Sache für die zarte Natur 
eines Dichters" zu sein. Man könnte versucht sein, mit dem- 
selben Bedauern von Milton's Betheiligung an den grossen 
Bewegungen des öffentlichen Lebens zu sprechen. Seine 
„zarte Dichternatur" gieng nicht ganz unversehrt aus dieser 
Probe hervor. Sein Geist nahm eine Richtung auf streitbare 
Tendenz, die der Unbefangenheit des Poeten allzuleicht 
schaden konnte. Aber weit entfernt davon, dass dieser in den. 
Kämpfen des Tages völlig untergegangen wäre, drängte er gleich- 
sam seine ganze Kraft in sich zurück, um viele Jahre später, 
als sich die Stürme der Revolution gelegt hatten, in seiner 
eigenthümlichen Grösse hervorzulirechen. Auch iMilton selbst 
war nichts weniger als unbefriedigt durch die Rolle, die er 
auf sich genommen hatte. Er war entschlossen, das Gelübde 
zu halten, zu dem er sieh einst vor seinem Gewissen ver- 
pflichtet hatte: ,,in die Posaune zu stossen zu trauernder Klage 
oder zu schmetterndem Schlachtruf, wie Gott es befiehlt". Und 



Salmasius, 5"[ 

SO schickte er sich zu einem neuen Kampfe an, in dem es 
galt, die Republik vor der Welt zu vertheidigen. 

Das „königliche Bild" hatte der Sache des Royalismus in 
England unberechenbar genützt, aber es kam darauf an, nicht 
nur in England, sondern in Europa für das Haus Stuart zu 
wirken. Es galt einen Schriftsteller von Talent und Hin- 
gebung zu gewinnen, welcher der gestürzten Monarchie und 
dem geächteten Sohne des hingerichteten Monarchen seine 
Feder leihe. Dieser Mann fand sich in dem berühmten 
Salmasius.* 

. Claudius Salmasius, mit seinem französischen Namen 
Claude Saumaise, nahm in der europäischen Gelehrtenrepublik 
eine der ersten Stellen ein. Fast noch ein Knabe hatte er 
in Paris die Aufmerksamkeit des Casaubonus erweckt. Wäh- 
rend seiner Studienzeit in Heidelberg machte er sich bereits 
als Schriftsteller bekannt und war in Gefahr, seinen schwäch- 
lichen Körper den Anstrengungen seines Fleisses zu opfern. 
Seine Neigungen wiesen ihn auf gelehrte und namentlich 
philologische Arbeiten hin, aber dem Wunsche seines Vaters 
entsprechend, nahm er eine Stelle als Advokat am Parlament 
von Dijon an. Indessen, wie ihm seine Anhänglichkeit an 
die reformirte Religion zum Hindernis auf der Beamtenlauf- 
bahn wurde, zogen ihn auch seine eifrig fortgesetzten Studien 
immer mehr von dieser ab. Man verdankte ihm eine Reihe 
von Editionen und Dissertationen. War früher die klassische 
Philologie der hauptsächlichste Gegenstand seiner Beschäftigung 
gewesen, so strebte er danach, sich nun auch der orienta- 
lischen Sprachen zu bemächtigen, und gelegentlich versuchte 
er sich sogar als Poet. Im Jahre 1632 folgte er einem höchst 
ehrenvollen Rufe nach Leyden, um einen Lehrstuhl auszu- 
füllen, den einst der grosse Scaliger inne gehabt hatte. Seine 
schriftstellerische Thätigkeit breitete sich immer weiter aus, 
indem sie auch juristische, geschichtliche und theologische 
Gegenstände umfasste, nicht ohne zu lebhaften literarischen 
Kämpfen Anlass zu geben. Mit den bedeutendsten Gelehrten 
seiner Zeit stand er in Verbindung, und mehr als einer 
schmeichelte ihm in Ausdrücken ungemessener Bewunderung. 



52 Salmasius. — Seine defensio regia. 

Allerdings wusste man ihm auch manches nachzusagen, was 
ihm nicht eben zur Ehre gereichte. Seine Schriften, ein so 
unbestreitbares Zeugnis staunenswerther Gelehrsamkeit sie 
ablegten, Hessen nicht selten die gehörige Ordnung und Klar- 
heit vermissen. Sie glichen oft einer aufeinandergehäufteu 
INIasse von Auszügen und Citaten. Wichtiges und Unwichtiges, 
Erwiesenes und Zweifelhaftes war miteinander vermischt, und 
der Autor schien häufig seinen vornehmsten Zweck zu ver- 
gessen, um desto besser mit seiner Belesenheit und mit seinem 
Gedächtnis prunken zu können. Dazu kam ein unverkennbar 
hoher Grad von Einbildung, die zu einer verächtlichen Be- 
handlung der Gegner führte. Man spottete darüber, dass 
der Gelehrte von seinem Adelstitel — er war seigneur de 
Tailly, Bonze, St. Loup — einen sehr ausgiebigen Gebrauch 
machte. Endlich war es ein offenes Geheimnis, dass seine 
Frau, ein Weib von herrschsüchtigem, eitlem Wesen, in seinem 
Hause .vollkommen das Regiment führte und ihm manche 
Verlegenheiten bereitete. Aber alles dies that seinem Ruhme 
keinen Eintrag, und dieser hatte seine Höhe erreicht, als 
der grosse Gelehrte sich dazu berufen sah , die neue englische 
Regierung anzugreifen (^). Seine Sympathie für die Stuarts 
war bekannt, und er liess sich sofort dafür gewinnen, ihre 
Sache zu führen. Er gab seinem Werke den Titel einer 
„Vertheidigung Karl's L", die aber zugleich eine „Vertheidigung 
des Königthums" war. Unter diesem Namen erschien das Werk 
Ende 1649 ohne Angabe des Verfassers „auf königliche Kosten 
gedruckt"' und „an den legitimen KönigKarl HJ' gerichtet (^). 

Salmasius setzte einen gewaltigen Apparat von Ge- 
lehrsamkeit in Bewegung, um seiner Aufgabe zu genügen. 
Es fehlte nicht viel, dass er drei und ein halbes Hundert 
Seiten in Folio mit allen den Citaten aus der Profan- 
und Kirchengeschichte, Bibel und Talmud, Kirchenvätern 
und Klassikern, römischem und englischem Recht gefüllt 
hätte, durch die sich, wie ein schmaler Pfad durch dichtes 
Waldgestrüpp, der Gang seiner Beweisführung mühsam hin- 
durchwindet. Indessen lässt sich dieser doch mit einiger Auf- 
merksamkeit verfolgen. Auch kann nicht bezweifelt werden, 



Inhalt. 53 

dass der Schriftsteller aus dem Reichthum seiner historischen 
und juristischen Studien den grössten Vortheil zieht, solanjje 
er sich auf die Rolle des Kritikers beschränkt. Es fällt ihm 
nicht schwer, die Vertrags -Theorie als eine unbeNveisbare 
Fiktion zu entlarven und alle Folgerungen, die sich aus ihr 
ziehen Hessen, durch die Erinnerung an gleichlautende Lehren 
der „sophistischen Jesuiten" zu brandmarken. Es gelingt ihm 
recht wohl, die Nutzanwendung auf die Geschichte der eng- 
lischen Verfassung zu machen und zu zeigen, dass es ver- 
lorene Mühe sei, alles das unter ihren Schutz stellen zu 
wollen, was das Werk einer gewaltigen Revolution gewesen 
war. Bedenkt man, dass Salmasius als Ausländer urtheilt 
und bringt man Irrthümer in Abrechnung, welche durch den 
damaligen Stand der Verfassungsgeschichte hervorgerufen 
wurden, so wird man mit Achtung vor seinen Kenntnissen 
erfüllt werden. Allein sobald er sich daran macht, selbst 
etwas Positives zu schaffen, zeigt sich seine Schwäche. 

Die staatsrechtliche Begründung der Monarchie , die er 
verficht, ist nicht minder willkürlich als diejenige, die er be- 
kämpft. Aber wenn jene die mystische Weihe des Königs 
aufhebt, so entwürdigt diese die Natur des Menschen. Das 
erbliche Königthum muss schlechterdings einen ülierirdischen 
Ursprung haben, und das Princip der Legitimität wird dem 
Stahl des siebzehnten .Jahrhunderts ebenso zum theologischen 
Dogma, wie die Alleingiltigkeit der Episkopalverfassung den 
Land und Neile oder die Alleingiltigkeit der Presbyterial- 
verfassung den Henderson und Baillie. Auch in dem ersten 
Königthum , das anscheinend rein menschlich aus der patri- 
archalischen Familiengewalt erwachsen gedacht wird, wirkt 
eine übernatürliche Kraft, und in allen Fällen, mittelbar oder 
unmittelbar, bleibt „Gott die erste Ursache der Könige". Mit 
unbarmherziger Konsequenz werden die Folgen dieses Princips 
entwickelt. Der König steht über dem Gesetz, niemandem 
verantwortlich denn allein Gott. Kein menschlicher Richter 
darf den zur V'erantwortung ziehn, „der alle richtet", keine 
menschliche Hand dessen Macht zurückfordern, der sie von 
Gottes Gnaden hat. Auch „schlechte und ungerechte Könige", 



54 Inhalt. 

als eingesetzt von Gott, sind zu ertragen. Ein König schuldet 
keinem Menschen Rechenschaft, auch wenn er die Eide bricht, 
deren Wahrung er selbst zur Bedingung für den Gehorsam 
der Unterthanen gemacht hat. Ein König bleibt straflos, 
auch wenn er „Ehebrecher oder Mörder" ist. Es giebt nur 
ein Verhältnis, das dem des Unterthanen zum König ent- 
spräche: es ist das Verhältnis des „Sklaven zu seinem 
Herren". 

Mit dieser Palette an der Hand liess sich ein Bild der 
englischen Verfassung entwerfen, wie es den kühnsten Wün- 
schen des Hauses Stuart entsprach. Der „König über dem 
Parlament", seine Gewalt „ununterbrochen und regelrecht" 
auch ohne dasselbe, „unabhängig in Sachen der Religion und 
kirchlichen Jurisdiktion, der Rechtspflege, des Krieges und 
Friedens", vollkommen befugt, von sich aus eine Steuer wie 
z. B. das Schiffsgeld aufzulegen. Den Besitz einer so um- 
fassenden Gewalt hatte Karl I. dem Autor zufolge in idealer 
Weise ausgenutzt. Die Welt hatte keinen „unschuldigeren, 
gerechteren" Fürsten gesehen als ihn. Seine Herrschaft war 
„unblutig". Ein einziges Todesurtheil , das unter ihm gefällt 
wurde, milderte seine Gnade. Unter allen Tugenden, mit 
denen er geschmückt war, stachen seine „Aufrichtigkeit" und 
seine „Treue" hervor. Wie er nach Christi Gesetz gelebt 
hatte, so endete er, jenem grössten Märtyrer vergleichbar, der 
auch die Verzeihung Gottes auf seine Mörder herabflehte. 

Wer die historischen Thatsachen für ein Gebiet in dieser 
Weise zurechtzustutzen weiss , von dem ist nicht zu erwarten, 
dass er auf einem anderen glimpflicher mit ihnen umspringe. 
In der That ist nichts aufi"allender , als der Mangel an Ver- 
ständnis für die Bedeutung der kirchlich -politischen Frage, 
der sich in Salmasius zeigt. Er, auf dessen theologische 
Schriften die Puritaner einst stolz gewesen waren, wird über 
Nacht zu einem Verfechter des Episkopalsystems. Er wird 
es, wie er später naiv genug gestanden hat, vorzüglich des- 
halb, weil er als Vertheidiger des Königs es werden musste, 
aber auch durch die „Erfahrung" eines besseren belehrt und 
immerhin in gemässigtem Sinn (^). Obwohl er zugesteht, dass 



Inhalt. 55 

die „ersten vier Akte des Dramas" den Presbyterianern zu 
danken seien, gilt doch sein ganzer Hass den Independenten, 
welche den „Schluss der Tragödie*' hinzugefügt haben. Er 
lässt sich die Mühe nicht verdriessen , ihre Geschichte auf 
holländischem, amerikanischem, englischem Boden zu ver- 
folgen, aber seine Erzählung kann nicht als befriedigend 
gelten. Er macht auch den Versuch, ihre Principieu zu ent- 
wickeln, aber es ist ihm unmöglich, sie in ihrer Reinheit zu 
würdigen. Der Name Independenten scheint ihm daher zu 
stammen t dass die Sekte nach einer vollständigen Zügellosig- 
keit strebt. Mrs. Hutchinson, von deren Schicksalen in 
Neu-England er Kunde hat . wagt er mit Johann von Leyden 
zu vergleichen. Den Gottesdienst der Independenten, bei 
dem nach Belieben geplaudert und geraucht wird, ihre Moral, 
welche den „Heiligen" gestattet, ,,was bei anderen als Sünde 
gilt'', weiss er drastisch zu schildern und mit pikanten Bei- 
spielen zu belegen. Dass sie Gütergemeinschaft anstreben, 
steht fest, was sie sich gegen die Keuschheit erlauben, ist 
dem Autor aus einem bestimmten Falle bekannt geworden. 
Am schwersten wird es ihm abei-, sich in das independen- 
tische Princip der Gewissensfreilieit zu finden. Er hält fest 
an dem Satze, dass „wer eine Ketzerei duldet, sie auch be- 
geht". Dem Einzelnen „volle Freiheit geben in Sachen der 
Religion zu glauben, was er will, und zu lehren, was er 
glaubt" , gilt ihm als etwas „Ungeheuerliches". Die ganze 
Gesellschaft löst sich damit auf, die festen bürgerlichen Ver- 
bindungen werden sich lockern, man wird Nomaden gleich 
,.nur noch in Zelten wohnen wie die alten Numidier". 

Es wäre gut gewesen, wenn wenigstens die Form der Schrift 
des Salmasius gegen mögliche Angriife geschützter gewesen 
wäre als ihr Inhalt. Der Autor hätte seiner Sache nur nützen 
können, wenn er bei seinem Vorsatz geblieben wäre, den 
,. König zu vertheidigen durch einfache Erzählung des Her- 
gangs" und auf alle ,, rhetorische Schminke" völlig zu ver- 
zichten. Aber statt einfach zu erzählen, nahm er sich he)-aus 
gröblich zu schmähen, und statt sich der rhetorischen 
Schminke zu begeben, trug er die Farben faustdick auf. Es 



56 Form. — Milton mit der Erwiderung beauftragt. 

war richtig, dass ein Process, wie der jüngst erlebte, in dem 
ein „legitimer, christlicher, reformirter Fürst von seinen Unter- 
thanen angeklagt und verurtheilt worden", seines gleichen 
nicht hatte. Aber es war eine hohle Phrase, den kommenden 
Geschlechtern zuzumuthen, das Ereignis mit derselben Skepsis 
zu betrachten wie die unglaublichen Wunderzeichen „sprechen- 
der Ochsen" oder „rückwärts fliessender Ströme', von denen 
die alten Chronisten berichten. Es war begreiflich, dass 
alles, was der „glorreiche Märtyrer" verschuldet hatte, mit 
Stillschweigen bedeckt, und alles, was seine Gegner vollführt 
hatten, verzerrt und entstellt wurde. Aber es war unnöthig, 
sie als ,,gTässliche Ungeheuer", als ,, wilde Thiere in Menschen- 
gestalt", als eine „Pest" der Gesellschaft zu brandmarken. 
Weit entfernt davon, sich mit einer Aufzählung der gewalt- 
samen Massregeln zu begnügen, denen die Republik ihre 
Entstehung und ihre Fortdauer verdankte, predigte der hitzige 
Professor mit derselben Leidenschaft wie nach ihm Burke 
gegen das revolutionäre Frankreich, einen förmlichen Kreuz- 
zug gegen das neue Gemeinwesen in England. Er wendet 
sich an alle Könige und Fürsten , ja überhaupt an alle Staats- 
gewalten Europas. Denn ,,jene Feinde des menschlichen Ge- 
schlechts", jene „tollen Hunde" sieht er darauf ausgehn, nicht 
allein das Königthum, sondern alle Gesetze abzuschütteln, und 
das nicht nur für sich, sondern um alle christlichen Völker 
zu gleichem fortzureissen. 

Die politische Kapuzinade des berühmten Gelehrten, den 
man unter der Maske der Anonymität versteckt wusste, 
machte ausserordentliches Aufsehn. Sobald der englische 
Staatsrath Kunde davon erhielt, dass Exemplare des Buches 
von Holland aus eingeführt werden sollten, gab er strengen 
Befehl, sie mit Beschlag zu belegen (29, November 1649). 
Aber damit wollte er sich nicht beruhigen. Er hielt es für 
nöthig, wie kurz zuvor nach dem Erscheinen des „könig- 
lichen Bildes", eine officielle Gegenschrift in Umlauf zu setzen. 
Und welche Feder wäre geeigneter für eine solche Aufgabe 
erschienen als diejenige, die eben erst ihr Bestes gethan 
hatte, den Wirkungen jener royalistischen Veröffentlichung 



Milton mit der Erwiderung beauftragt. 57 

entgegenzuarbeiten? Der Staatsrath war einstimmig. Schon 
am 8, Januar erliielt Milton den Auftrag, „etwas zur Er- 
widerung gegen Salmasius' Buch vorzubereiten". Viele 
riethen ihm ali, sich mit einem Gegner von so grossem Namen 
zu messen. Aber eben dadurch fühlte er sich um so mehr 
gereizt. Seine Arbeit gieng langsam von statten, wie er in 
der Vorrede seiner Schrift bemerkt, theils weil ihn Fülle der 
Geschäfte, theils weil ilm körperliches Leiden vom "Werke 
abzog. Am 23. December 1650 konnte erst der Befehl für 
den Druck ertheilt werden. Ende Februar oder Anfang März 
1651 wird das Werk ausgegeben worden sein. Es schloss sieh 
schön im Titel: „Vertheidigung des englischen Volkes" der 
gegnerischen Vorlage an(0. Auph war hier gleichfalls der 
Gebrauch der lateinischen Sprache, als des internationalen 
Idioms, von selbst geboten. An einer sofortigen Uebersetzung 
in's Holländische konnte es ohnehin nicht fehlen. Seinen 
Namen zu verschweigen, hielt Milton für unwürdig. Auch 
durfte er stolz darauf sein, in diesem Falle jede Belohnung 
in klingender Münze ausgeschlagen zu haben. Es findet sich 
allerdings in dem Protokollbuch des Staatsraths ein noch 
lesbarer Eintrag, demzufolge der Sekretär ,, wegen der guten 
Dienste, die er in seiner Erwiderung des Salmasius geleistet," 
mit dem Danke des Staatsrathes die Summe von „100 i^" 
erhalten sollte. Allein eben dieser Eintrag ist kassirt und 
ein anderer an seine Stelle getreten, der keine Silbe von 
einem Honorar enthält, dafür aber den Dank in noch höf- 
lichere Foi-men kleidet. Milton war daher ganz in seinem 
Rechte, wenn er später den Vorwurf zurückwies, dass er 
diesen Anlass benutzt habe, sich zu bereichern, während er 
seinen Gegner oft genug hören lässt, dass er sich „mit 100 
Jakobsthalern'' habe erkaufen lassen ^). 

Er hatte noch seine besonderen Gründe, in der Be- 
kämpfung des Salmasius eine persönliche Aufgabe zu sehn. 
Sein Name war allerdings in dem Werke des leydener Pro- 
fessors nicht genannt worden. Wenn dieser sich an einen be- 
stimmten „Advokaten der fanatischen englischen Hunde" 
gehalten hatte, .so war darunter der „infame" John Cook ge- 



58 Seine „erste Vertheidigung des englischen Volkes". 

meint, der durch den Druck veröffentlicht hatte, was im 
Process des Königs auszuführen ihm versagt gewesen war. 
Allein einige Stellen der Saumaise'schen Schrift konnte der 
Autor des „Rechtes der Könige und Obrigkeiten" und des 
„Eikonoklastes" unschwer auf sich beziehn. Er hatte zu den 
„Schwärmern" gehört, welche die Worte des Apostel Paulus 
über den göttlichen Ursprung der Obrigkeit in eben der 
„fanatischen" Weise ausgelegt hatten, die Salmasius' Zorn 
erregte. Er konnte als der „Gewisse aus der Sekte der In- 
dependenten" gelten, welcher den Presbyterianern zu Gemüth 
geführt hatte, dass „der König in Karl I" schon von ihnen 
getödtet worden sei. In jedem Fall hatte er als Publicist für 
die Sache der jungen Republik schon eine allzu hervorragende 
Stellung eingenommen , als dass er sich mit ihren Leitern 
nicht auch persönlich durch die Schmähungen des Salmasius 
hätte verletzt fühlen sollen. In gehobener Stimmung machte 
er sich an's Werk. Er gestand sich ein, dass er nicht von 
„kleinen und gewöhnlichen Dingen" zu reden haben werde. 
„Zu allen Völkern des Erdkreises" sollte seine Vertheidigung 
der eigenen Nation erschallen. Dass man ihn vor allen zu 
diesem Amte erwählt habe, erfüllt ihn mit Stolz, aber er 
bittet zugleich demüthig den „Spender aller Gaben" um 
Kraft, auf dass ihm sein neues Unternehmen ebenso wohl ge- 
linge, wie kurz zuvor die Zertrümmerung des falschen Kö- 
nigsbildes. 

Dem Schriftsteller des siebzehnten Jahrhunderts war es 
nicht möglich, sich auf dieser reinen Höhe zu halten. Bei 
allem Bestreben, seihe Sache mit möglichster Würde zu füh- 
ren, verfiel er fortwährend in die schlechten Sitten literari- 
scher Klopffechterei. Was Lessing ein Jahrhundert später 
vom Kritiker forderte, niemals verrathen zu dürfen , ,,dass er 
von seinem Autor mehr wisse, als ihm die Schriften desselben 
sagen können", hatte für die damalige Zeit am wenigsten 
Geltung. Milton vergass schon auf den ersten Seiten, dass 
er mit einem feierlichen Gebet zum Allmächtigen begonnen 
hatte, um sich an sehr menschlichen Persönlichkeiten, die 
nicht zur Sache gehörten, recht wohl sein zu lassen. 



Form. Persönliche Anzüglichkeiteu. 59 

Vor Jahren, in seiner Schrift über das Wesen der Kir- 
chenverfassung, hatte er keinen Anstand genommen, den „Fleiss 
des gelehrten Salmasius'' zu rühmen. { W. IIL 122.) Diese Stelle 
hatte er schwerlich noch im Gedächtnis, als er „den fremden 
Deklamator", den „elenden Professor", den „Grammatiker" voll 
von ,,Thorheiten und Kindereien", den „geschwätzigsten Esel", 
vor der gelehrten Welt an den Pranger zu stellen unternahm. 
Es leidet nach seiner Ansicht gar keinen Zweifel, dass Sal- 
masius, durch ,,G*eld bestochen", gegen seine bessere Ueber- 
zeugung geschrieben habe. Eine „Börse mit hundert Gold- 
stücken gespickt" hat ihn über Nacht zu einem Verfechter 
der Absolutio und des Bisthums gemacht, und was er ge- 
schrieben, ist daher nur Emigranten-Weisheit, deren „verleum- 
derischer und lügenhafter" Inhalt ihm in die Feder „diktirt" 
worden ist. Nicht genug damit die schriftstellerische Selbst- 
ständigkeit seines Gegners zu läugnen, sucht Milton ihn auch 
noch wegen seiner häuslichen Abhängigkeit lächerlich zu 
machen und die politische Gesinnungslosigkeit, deren er ihn 
zeiht, daraus abzuleiten. Das Wortspiel, zu welchem das la- 
teinische „Gallus" mit seinem Doppelsinn aufforderte, mochte 
sich Milton nicht entgehen lassen. Dieser „Gallier", mit dem 
er es zu thun hat, erscheint ihm nicht als ein Hahn, der über 
den Hühnerhof herrscht, sondern als ein Sklave seiner Henne. 
„Man sagt, dass deine Frau königliche Gewalt über dich 
ausübt. Sie ruft dir zu, wann sie will: ,,,, Schreib oder es 
setzt Schläge"" . . . und es ist kein Wunder, dass du allen 
ausserhalb deiner vier Wände das Joch der Tyrannei aufge- 
legt wissen möchtest, der du selbst im Hause die schmählichste 
Knechtschaft erträgst" . . „0 über dich Zuchthausritter und 
ewige Schmach deines Vaterlandes! Die niedrigsten Knechte 
auf dem Sklavenmarkte sollten auf einen so schändlichen 
Fürsprecher der Sklaverei und Seelenverkäufer mit Abscheu 
speien, keine bürgerliche Gesellschaft sollte dich unter sich 
aufnehmen, dich, die Pestbeule der Menschheit und den Schand- 
fleck der Freiheit". 

Stellen wie diese sind noch bei weitem nicht das Stärkste, 
was Milton's ungezügelte Leidenschaft ihm eingiebt, aber sie 



60 Polemik gegen philologische Pedanterie. 

gewähren einigermassen einen Begriff von der verletzenden 
Sprache, zu der er sich hinreissen liess. Eine andere Seite 
der Persönlichkeit seines Gegners, gegen die er seine Pfeile 
des Zornes und Hohnes versendet, ist dessen Gelehrteneitel- 
keit, die so deutlich in der „Vertheidigung des Königs" her- 
vorgetreten war. Selbst ein Mann der Studirstube und auf 
den verschiedensten Gebieten des Wissens wohlbewandert, 
hat Milton doch keine Gelegenheit vorübergehn lassen, sich über 
den Standesdünkel der gelehrten Kaste lustig zu machen und 
die Rechte des einfachen Mutterwitzes in Schutz zu nehmen. 
Zu gleicher Zeit kommt aber gegenüber dem philologischen 
Pedanten etwas von jenem bitteren Gefühl zum Ausdruck, 
das einst in der Schrift über die Erziehung sich Luft ge- 
macht hatte. Er freut sich, dem berühmten Latinisten einige 
sprachliche Schnitzer aufmutzen und dem Kenner der klassi- 
schen Literatur die Unrichtigkeit eines Gitats nachweisen zu 
können. Er geht so weit, auch die dauernden wissen- 
schaftlichen Verdienste seines Gegners zu verkennen. „Du 
hast dich zeitlebens mehr mit Wörterbüchern und Glossarien 
abgegeben, als mit verständiger Lektüre guter Autoren. 
Von verschiedenen Handschriften und Lesarten und Emenda- 
tionen machst du grossen Lärm, aber an soliden Kenntnissen 
zeigst du dich völlig baar . . Ueber die kleinsten Kleinigkei- 
ten führst du Krieg und thust jeden in den Bann, der dir 
den Ruhm der Wiederherstellung eines Buchstabens in irgend 
einem Codex zu bestreiten wagt . . Aber ich sage dir, irgend 
ein Mensch aus der Hefe des Volkes — diese Bezeichnung 
hatte Salmasius den englischen Republikanern zugeschleu- 
dert, — der des Glaubens ist, für Gott und sein Vaterland, 
aber nicht für seinen König geboren zu sein, er ist gelehrter, 
weiser, ehrenhafter und ein nützlicheres Mitglied der Gesell- 
schaft als du. Denn er ist verständig ohne Gelehrsamkeit, 
du aber hast Gelehrsamkeit ohne Verstand. Du kannst so 
viele Sprachen und hast so viele Bände durchgelesen und bist 
doch ein Dummkopf geblieben." 

Für denjenigen, der sich an dieser allgemeinen Charak- 
teristik des Salmasius genügen liess, musste das Werk, um 



Eücksicbt auf Presbyterianer und Niederländer. 61 

das es sich handelte, schon gerichtet sein. Indessen Milton 
nimmt sich die Mühe, es im einzelnen zu zergliedern, seine 
Unrichtigkeiten aufzudecken, seine Widersprüche blosszulegen, 
vor allem seine Grundansicht zu bekämpfen. Er thut es mit 
grossem dialektischen Geschick, mit wirksamen Uebergängen 
des Tones vom Pathetischen zur Ironie und ohne in der 
Hitze des Kampfes die praktischen Zwecke aus dem Auge zu 
verlieren, denen seine Arbeit dienen sollte. Auf presbyteria- 
nische Leser konnte es seine Wirkung vielleicht nicht ganz 
verfehlen,* wenn sie sich aus Salmasius' eigenen Worten nach- 
weisen lassen mussten, was für ein Schicksal die Restauration 
der Stuarts so manchen jener gesetzgeberischen Akte bereiten 
würde, bei denen sie selbst einst eifrig mitgewirkt hatten. 
Auf das niederländische Publikum war es berechnet, wenn 
auch hier wieder des Befreiungskampfes gegen Spanien rüh- 
mend gedacht ward, während die „batavische Jugend" von 
jenem ,, Sophisten" hören niusste, dass die elendeste Tyrannei 
jeder Revolution vorzuziehen sei. Die Universität Leyden 
insbesondere wird als „einstiger Sitz der Freiheit" hoch geprie- 
sen. Es scheint dem Autor kaum glaublich, dass in ihren 
Mauern ein Buch von so „sklavischer" Tendenz hat entstehen 
können. Freilich springt Milton auch hier wieder nicht we- 
niger frei mit den Thatsachen um, wie in den übrigen politi- 
schen Schriften, die er bisher für die Republik verfasst hatte. 
Es wäre eben so verfehlt, sich bei ihm Rathes erholen zu 
wollen über die Ereignisse, die seiner eigenen Zeit angehört 
hatten wie über die Geschichte der Verfassung seines Landes. 
Im einen Fall spricht der Puritaner, dem es nicht möglich ist, 
Dichtung und Wahrheit, zu scheiden , im anderen der Theo- 
retiker, der sich die staatsrechtliche Ueberlieferung willkürlich 
nach dem Bedürfnis seiner Doktrin zuschneidet. Allein eben 
diese verleiht dem ganzen Buche das hauptsächliche Interesse. 
Denn was früher nur in leichten Umrissen skizzirt worden 
war, erscheint hier in festen Zügen genauer ausgeführt, da es 
sich darum handelt, der Lehre des Salmasius eine andere 
gegenüberzustellen. 



Q2 Der Gegensatz der Principien. 

In dei' That , was ]\Iilton in seinem Widersacher be- 
kämpfte, war nicht dessen persönliche Ansicht, sondern die 
Zusammenfassung jener politischen Grundsätze, die schon oft 
in England eine Widerlegung hervorgerufen hatten. In glei- 
cher Weise wie der Professor von Leyden hatte das anglika- 
nische Hochkirchenthum dem unumschränkten Königthum das 
Wort geredet. Mit derselben Xaivetät wie er hatte der loyale 
Verfasser einer kleinen Flugschrift 1647 das Dasein monar- 
chischer Ordnung im ganzen Bereich der Natur nachzuweisen 
gesucht und daraus geschlossen, dass die Könige, als unmittel- 
bar von Gott eingesetzt, nöthigenfalk auch als Strafe Gottes 
zu ertragen seien (^). Ihre Spitze erhielt diese Richtung in 
Robert Filmer. Dessen Hauptwerk „Patriarcha" wurde frei- 
lich erst 1680 bekannt. Aber schon vor Begründung der Re- 
publik war er bestrebt gewesen, seine Leser von der „Noth- 
wendigkeit der absoluten -Macht aller Könige und insbesondere 
des Königs von England'", sowie von der „Anarchie einer ein- 
geschränkten oder gemischten Monarchie" zu überzeugen. 
Auch hat es Filmer an seinem Widerspruch gegen die staats- 
rechtliche Theorie Milton's nicht fehlen lassen (-). 

Der Ausgangspunkt dieser Theorie und der Theorie des 
Salmasius ist scheinbar der gleiche, der theologischen Denk- 
und Sprechweise des Zeitalters entlehnt: „die Obrigkeit hat 
ihren Ursprung von Gott". Es ist dieselbe Formel, mit der 
einst Luther das selbstständige Recht des Staates gegenüber 
der mittelalterlichen Anschauung in Schutz genommen hatte. 
Aber während Salmasius daran gelegen ist, einer bestimmten 
Staatsform, der monarchischen, dies Monopol zu sichern, fasst 
Milton den Satz in dem allgemeinen Sinne auf, wie er von 
Haus aus gemeint war. Er hütet sich, eine weitere Ver- 
mischung von Theologie und Politik vorzunehmen. „Die 
Obrigkeit geht insofern auf göttliche Einsetzung zurück", als 
nach Gottes Willen die Menschen in Staaten unter Gesetzen 
leben sollen. Eine prädestinirte , unter allen Umständen von 
Gott gewollte Staatsform giebt es aber nicht. Bei der ..Ent- 
scheidung über diese oder jene Art der Verfassung, bei der 
Wahl dieser oder jener Regiemng" beginnt das freie mensch- 



Menschlicher Ursprung der einzehien Staatsverfassungen. ßg 

liehe Ermessen, ausgedrückt durch den Willen des „Volkes". 
Von diesem „floss von Anfang an alle Gewalt, wie sie noch 
heute von ihm ausgeht". Dem gründlichen Kenner des alten 
Testamentes bieten sich alle jene so häufig angerufenen, von 
antimonarchischem, ja republikanischem Geist durchdrungenen 
Aussprüche als Hilfstnippen dar. Aber nicht weniger lässt 
er sich angelegen sein, das Evangelium gegen Versuche einer 
Auslegung in Schutz zu nehmen, die nicht zum ersten und 
nicht zum letzten Male einer bestimmten politischen Idee ihre 
wohlberecfinete Unterstützung lieh. „Jene göttliche Botschaft 
der. Freiheit" kann nicht für die Sache der über jeden An- 
griff erhabenen Monarchie angerufen werden. Im Gegentheil: 
„Christen sollten entweder gar keinen König haben, oder er 
sollte der Diener des Volkes sein". 

Den Beweisen aus der Bibel war bei Salmasius der Beweis 
aus der Natur gefolgt, dem Beweis aus der Natur der Beweis 
aus der Geschichte. Auch hier giebt Milton dem Gegner 
keinen Schritt breit nach. Es war ebenso kindlich wie be- 
quem, den absoluten Werth der Monarcliie durch gewisse 
Analogieen aus dem Thierreich zu begründen. Es war ebenso 
geschmacklos wie verfänglich zu gleichem Zweck mit sicht- 
lichem Behagen bei der Geschichte des orientalischen Alter- 
thums zu verweilen. Dem Naturgesetz , welches sich dort 
offenbaren sollte, stellt Milton ein anderes gegenüber: den 
angeborenen Trieb, sich seiner Haut zu weliren. Dem Hin- 
weis auf das vermeintliche Gesetz der Geschichte begegnet 
er durch die Bemerkung: „Was Natur und Vernunft erhei- 
schen, das lehrt uns die Betrachtung nicht der meisten , son- 
dern der weisesten Nationen". Dass Griechen und Römer an 
deren Spitze stehen , versteht sich für den begeisterten Ver- 
ehrer des klassischen Alterthums von selbst. Und indem er 
sie jenen grossen Despotieen des Ostens gegenüberstellt, die 
für Salmasius' Beweisführung hatten dienen müssen, gelangt 
er seinerseits unvermerkt dazu, republikanischen Einrichtungen 
das Wort zu reden. Mit seiner Hinneigung zur Antike ver- 
binden sich stolze Erinnerungen an gemeinsame politische 
Urbegriffe der Germanen und an die eigenthümliche bürgerliche 



g^ Befürwortung der Eepublik. 

Entwickelimg der Engländer insbesondere. Von ihnen rühmt 
er, dass sie „freigeboren sind, sich selbst genügen, sich nach 
ihrem Willen Gesetze geben können und dass sie vor allen übrigen 
jenes älteste, von der Natur selbst gegebene am höchsten 
achten: dass jedes Recht und jede Regierung der Wohlfahrt 
aller guten Bürger und nicht den Gelüsten einzelner Herr- 
scher zu dienen habe-'. Allerdings er verwahrt sich ausdrück- 
lich dagegen, der Monarchie an sich diesen Charakter zuzu- 
schreiben. Sie kann sich sehr wohl „mit der höheren Macht 
der Gesetze und des Volkes" vertragen. Aber immerhin be- 
trachtet er es als ein Zeichen von ,. Schlauheit und Schwäche", 
wenn ein Volk sein .,Hab und Gut, Freiheit und Frieden" 
nicht durch eigene „Tüchtigkeit, Fleiss, Klugheit und Energie" 
zu schützen im Stande ist. 

In der That war es begreiflich, wenn er, dem Gedanken 
einer alleinseligmachenden Staatsform entgegentretend, für 
die republikanische dennoch die Vorbedingungen einer höheren 
Bildung' voraussetzte und ihr selbst damit eine erhabenere 
Stufe anwies. Denn den menschlichen Ursprung der einzeU 
nen Verfassungsformen einmal zugegeben, scheint ihm die 
monarchische gleichsam nur ein Nothbehelf zu sein. Sie ent- 
stammt einer Epoche niederer Kultur, da das Volk es für ein 
Bedürfnis hielt, „einen Einzigen zur Wahrung des Wohles, des 
Friedens und der Freiheit aller an die Spitze zu stellen". Er 
spricht nicht ausdrücklich von einem „Kriege aller gegen 
alle", der dem Abschluss politischer Verträge vorangegangen 
sei. Aber seine Worte streifen, wie in der Schrift über das 
Recht der Könige und Obrigkeiten, doch nahe an diese Phrase. 
Allein es soll nicht gesagt sein, „dass das Volk dem Könige 
seine Macht einfach (ohne Bedingung) zu eigen gegeben habe", 
ja es kann ,,der Natur nach" nicht gesagt sein. Denn wie 
diese sich „durch die Mittheilung einer Kraft keineswegs er- 
schöpft", so bleibt „sozusagen virtuell die Macht beim Volke, 
auch wenn sie von diesem einem anderen übertragen worden 
ist''. „Das Volk ist immer das Höhere". Wird der Zweck 
nicht erreicht, der den Akt der Machtübertragung hervorge- 
rufen hat, so „kehrt diese Macht zum Volke zurück", das 



Idee der Volkssouveränetät. — Der Volksbegriff. 65 

fiüher Geschehene ist einem , .nichtigen Vertrage" gleichzu- 
aehten. 

Es war nicht möglich, die Idee der Volkssouveränetät 
entschiedener zu betonen. Trotz der biblischen Einkleidung 
bricht sie mit eben der Verständlichkeit durch, mit der sie 
ein Jahrhundert später durch Rousseau den modernen Leser 
zu packen gewusst hat. — Hier drängte sich nun aber die Frage 
auf, wer unter dem Volke zu verstehen sei, zu welchem die 
Macht zurückkehre, und durch welche Organe es sieh dieser 
wieder heimgefallenen Macht zu bedienen habe. Der Ver- 
theidiger der englischen Republik bemhrte damit ein gefähr- 
liches Thema. Wollte er sich auf den Begiiff der Mehrheit 
stützen, so musste er dem Einwurf begegnen, dass sie nicht auf 
seiner Seite stehe. Wollte er auf die Institution des Parla- 
ments zurückgreifen, so musste er sich sagen lassen, dass sie 
mit dem Wegfall der Lords ihr Wesen verändert habe. Und 
selbst wenn er sich darauf beschränkte, im Hause der Ge- 
meinen die Souveränetät des Volkes verkörpert zu sehn, so 
Hess sich die Erinnerung an den gewaltsamen Eingriff in den 
Bestand dieser Versammlung nicht abweisen. Salmasius hatte 
alle diese schwachen Seiten sehr wohl zu fassen gewusst. Er 
hatte gefragt, „was man sich denn unter dem Volke zu den- 
ken habe'^ Er hatte hervorgehoben, wie das Unterhaus 
schmähhch verstümmelt, das Oberhaus mit dem König dem 
Untergang geweiht worden sei. Er hatte geradezu erklärt, 
dass nichts mehr übrig geblieben sei als „der Schatten eines 
Parlamentes", und dass in Wahrheit nur noch die rohe Ge- 
walt des Säbels herrsche. Hier war ein klaffender Riss 
zwischen der Wirklichkeit und zwischen der Theorie vorhan- 
den, und keine noch so gewandte Dialektik war im Stande, 
ihn zu überbrücken. Indem Milton sieh dennoch genöthigt 
sieht, diesen vergeblichen Versuch zu unternehmen, beginnt 
er mit einer Erklärung des Volksbegrififes , die man um so 
mehr beachten wird, je deutlicher man sich der herben Worte 
eiinnert, die er im Eikonoklastes gegen die „grosse Masse" 
hatte fallen lassen. „Du scheinst zu meinen — ruft er sei- 
nem Geg-ner zu, — dass wir unter Volk nur die Plebs ver- 

Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 5 



QQ Der VolksbegiüfF. — Hervorhebung des dritten Standes. 

stehn, weil wir das Haus der Lords abgeschafft haben. Und doch 
beweist eben dies, dass wir mit dem Worte Volk alle Bürger 
jedes Standes zusammenfassen. Daher haben wir eine höchste 
Versammlung geordnet, in der auch Adlige, als Mitglieder 
des Volkes, Sitz und Stimme haben können, aber nicht aus 
eigenem Recht wie früher, sondern als Vertreter ihrer Wäh- 
lerschaften. Du ziehst auf die Plebs los, nennst sie blind und 
dumm, unfähig zur Regierung und behauptest, nichts sei win- 
diger, eitler, unbeständiger und unzuverlässiger als sie. Das 
alles passt Tortrefflich auf dich und in der That auch auf den 
gemeinen Pöbel, aber nicht 'auf den Mittelstand (de media 
non item). Unter ihm sind sehr viele höchst verständige und 
geschäftskundige Männer. Die anderen werden theils durch 
Luxus und Ueberfluss, theils durch Mangel und Noth von 
männlicher Tugend und Einsicht in die staatlichen Angelegen- 
heiten abgehalten." 

Wie man sieht, zeigt sich Milton der Ausdehnung politi- 
scher Berechtigung über eine gewisse Grenze innerhalb der 
Masse der Staatsbürger ebenso abgeneigt wie der Erhaltung 
gewisser Privilegien von Stand und Geburt. Man hat mit gutem 
Grunde in seinen Worten den Kern jenes Gedankens gefun- 
den, welchem der Abbö Sieyes am Vorabend der französischen 
Revolution die einschneidende, epigrammatische Form gegeben 
hat. Es ist der dritte Stand, der sich an die Stelle der bis- 
herigen Gewalten setzt. Die von ihm gewählten Vertreter 
erscheinen Milton als alleinige sichtbare Träger der Souverä- 
netät des Volkes, und er scheint in keiner Weise zu besor- 
gen, dass eine solche einzige „omnipotente" Versammlung 
ihrerseits nicht weniger tyrannisch auftreten könne, wie der 
unumschränkte Träger einer Krone. Dem Hause der Lords 
M'urde damit die Berechtigung des Daseins abgesprochen. 
Seine Mitglieder „vertraten nur sich selbst, standen, nicht aus 
Wahl hervorgegangen, in keinem Rechtsverhältnis zum Volk". 
„Das Haus der Gemeinen bildete für sich allein ein vollstän- 
diges und gesetzmässiges Parlament". Und wie hier Milton's 
Theorie den Thatsachen sich anzupassen weiss, so schreckt 
er nicht davor zurück, auch den Akt der Gewalt in Schutz 



Quellen der Milton'schen Theorie. 67 

ZU nehmen, der doch sichtlich einem Hohn auf den Begriff 
pariamen tarischer Autorität gleich kam, ^Der eine Theil des 
Parlamentes erstrebte die Knechtschaft und einen Frieden um 
jeden Preis, der andere die Freiheit und einen Frieden, der 
sicher und ehrenvoll wäre". Dies war der „gesundere Theil". 
Es war nur zu billigen, wenn dieser, um dem „Verrath des Vater- 
landes" entgegenzutreten, die Hilfe des „tapfersten und treue- 
ßten Heeres" anrief. Und so gewinnt Milton es über sich, 
auf Salmasius' Frage, ob „das Volk" es gewesen, welches das 
Unterhaus' verstümmelt habe, zu antworten: „Es war das 
Volk. Denn was der bessere, gesundere Theil des Parla- 
mentes that, bei dem die wahre Macht des Volkes ihren Sitz 
hatte, davon darf ich sagen, dass das Volk selbst es ge- 
than hat." 



Der Biograph einer bedeutenden Persönlichkeit kann sich 
nicht damit begnügen, diese für sich zu betrachten, abgelöst 
von dem Boden, auf dem sie erwachsen ist. Er wird den 
verschiedenen Bildungselementen nachgehn, die zur Entwick- 
lung des einen Genius beigetragen haben und zu sondern 
suchen, was diesem von Haus eigenthümlich ist, und was er 
der Einwirkung von aussen verdankt. Diese Vorschrift, an- 
gewandt auf die Biographie Milton's, hat eben so wohl Giltig- 
keit für die Würdigung des Politikers wie für die Würdigung 
des Dichters. Wer Milton's politische Schriften durchliest, 
wird sich mit Leichtigkeit davon überzeugen, dass sich der 
Grundstock seiner politischen Ansichten über den Staat aus 
zwei Bestandtheilen zusammensetzt. Der eine dient mehr 
zur Bildung seiner allgemeinen Ideen. Der andere bestimmt 
sein Urtheil über die besonderen Verhältnisse seiner Nation. 
Es sind die Schriftsteller des klassischen Alterthums und die 
staatsrechtlichen Versuche heimischer Autoren, bald Aristo- 
teles und Cicero, bald Fortescue und Sir Thomas Smith, auf 
die er sich ausdrücklich beruft oder deren Aeusserungen er 
umschreibt. Indem er sie mit gewissen Aussprüchen der 
Bibel in Verbindung setzt, ahmt er eben das Verfahren nach, 
welches er bei der Gestaltung seines poetischen Stils durch 



63 Schriften der Jesuiten. 

Verschmelzen biblischer, antiker und moderner Bestandtheile 
mehr oder weniger bewusst befolgt hatte. Man fühlt sich in- 
dess zu der Frage gedrängt, ob nicht noch näherliegende 
Quellen vorhanden waren, denen jene Anschauung von der 
Souveränetät des Volkes mit allem, was sich aus ihr ergab, 
entfliessen mochte. Bedenkt man, dass Milton mit Hugo Gro- 
tius persönlich bekannt war und nicht minder seine Werke 
hochschätzte, so ist man versucht zu fragen, ob nicht das 
„Recht des Krieges und des Friedens" ihm eine bedeutende 
Anregung gegeben habe. Allein wenn sich hier auch die Theorie 
angedeutet fand, nach welcher ein Vertrag der Einzelnen den 
Staat begründet haben sollte, so wird doch aufs entschie- 
denste Verwahrung dagegen eingelegt, dass die Souveränetät 
überall und ausnahmslos beim Volk beruhe, sodass eine Be- 
strafung tyrannischer Fürsten erlaubt sei ^). 

Verführerischer wäre es, an gewisse Werke der Jesuiten 
zu denken, die für die Ausbreitung jener Lehre eine so grosse 
Bedeutung gehabt haben. Anknüpfend an dieselbe Idee, zu 
deren Dolmetscher sich bereits Lainez auf dem Koncil von 
Trient gemacht hatte, waren namentlich Bellarmin, Rosseus 
und Mariana mit ebenso viel Eifer wie Geschick bemüht ge- 
wesen, eine Theorie zu entwickeln, die überaus geeignet war, 
gewaltige Kräfte und Leidenschaften für die Zwecke ihres 
Ordens in Bewegung zu setzen-). Dass die Regierung nur 
im allgemeinen Sinn, aber nicht nach ihrer besonderen Form 
göttlichen Ursprungs sei, dass die Gewalt in der gesammten 
Menge ruhe und von ihr auf einen oder mehrere übertragen 
werde, dass aber damit kein endgiltiger Verzicht auf die Ge- 
walt \^rbunden, vielmehr in gewissen Fällen das Recht ihrer 
Zurücknahme unläugbar sei: diese Ansichten finden sich, wie 
bekannt, durch die Autorität einer glänzenden Schaar jesui- 
tischer Schriftsteller gestützt. Dieser und jener, wie Mariana, 
geht dabei von der Annahme gleichsam eines doppelten Ver- 
trages aus, eines ersten, der die Gesellschaft, eines anderen, 
der die besondere obrigkeitliche Gewalt konstituirt, in eben 
der Weise wie Milton später in seinem Werkchen über „das 
Recht der Könige" (s. B. IL 442). r Aber derselbe Mariana 



Schriften der Jesuiteu. — Hotman. Languet. Buchanan. 69 

ist es auch, der die That des Jacques Clement erhebt, den 
Tyrannenmord rechtfertigt, während Milton sich immerhin nur 
dazu aufgerufen sah, einen Akt zu vertheidigen, bei welchem 
die äusserlichen Formen eines gerichtlichen Verfahrens inne 
gehalten waren ^). Und sollte es überhaupt angehen, in ihm 
einen Schüler von Männern sehn zu wollen, gegen die seine 
ganze puritanische Denkweise pm mit dem glühendsten Hass 
erfüllen musste? Läuft ihre Lehre nicht darauf hinaus, 
die Oberhoheit der geistlichen Macht zu begründen, deren 
unerschütterliches göttliches Recht, im Pabstthum verkörpert, 
den Ansprüchen der Staatsmacht um so siegreicher gegen- 
übertreten konnte, je menschlicher der Ui"sprung dieser letz- 
ten, auf dem veränderlichen Willen der Masse beruhend, ge- 
dacht ward? Vermeidet Milton nicht selbst bei seiner Defini- 
tion des Volksbegriffs sichtlich, das Volk der blossen Menge, 
der „tota multitudo", wie Bellarmin sich ausgediückt hatte, 
gleichzustellen? Mochte Salmasius immerhin von dem billigen 
Kunstgriff Gebrauch machen, die „beiden Sekten in der Chri- 
stenheit, Jesuiten und Independenten", als gemeinsame Väter 
jener „verabscheuungswürdigen Doktrinen" zu betrachten, 
Milton hatte nicht nöthig, sich gegen eine solche Gemeinschaft 
mit allen Kräften zu wehren. 

Man darf vermuthen, dass er in einem ganz anderen 
Lager Verfechter einer politischen Idee aufgesucht und ge- 
funden hat, für die er wenn nicht als der wirksamste so doch 
als einer der edelsten Kämpen in die Schranken trat. Das 
uns erhaltene Kollektaneenbuch des Dichters, zu dem man zu- 
nächst um weiterer Aufklärung willen greifen wird, gewährt 
fi'eilich nur eine magere Ausbeute. Allerdings finden sich 
unter den Titeln „Republik, König, Tyrann" zahlreiche 
charakteristische Einträge, denen man in den Milton'schen 
Schriften wieder begegnet. Am bemerkenswerthesten sind 
diejenigen Auszüge aus Macchiavelli , welche die tief republi- 
kanische Gesinnung des grossen vieldeutigen Florentiners aus- 
zudrücken scheinen. Auch der unerbittliche Satz aus den 
Discorsi „gegen einen schlechten Fürsten hilft nur das Eisen" 
hat Aufnahme gefunden (2). Allein die besondere Lehre, um 



70 Hotman. Languet. Buchanan. 

die es sich liier handelt, wird nicht berührt. Bemerkt man 
nun aber, dass Milton eben in seiner „Vertheidigung des eng- 
lischen Volkes" Franz Hotman's Franco-Gallia sowie wenig 
später Hubert Languet's „Gegen die Tyrannen" citirt und 
erwägt man andererseits, dass er auf Buchanan nicht hier zum 
ersten Male Rücksicht nimmt, so wird man annehmen dürfen, 
dass von diesen beiden Seiten her ein wesentlicher Einfluss 
auf seinen eigenen Gedankengang ausgeübt worden ist(^). 

Unter dem Eindruck der Bartholomäusnacht verfasst, 
von den bitteren Gefühlen erfüllt, welche durch das allgemeine 
Unglück und persönliche Schicksale hervorgerufen werden 
mussten, waren die Schriften von Hotman und Languet an's 
Licht getreten und hatten eine ganze Literatur nach sich ge- 
zogen. Dort sollte aus den Denkmalen der heimischen Ge- 
schichte und des heimischen Staatsrechts der Beweis erbracht 
werden, dass der grosse Rath der Nation von je die höchste 
Autorität besessen habe. Hier wurde aus biblischen und all- 
gemein-historischen Zeugnissen die Lehre abgeleitet, dass das 
Volk der Urquell der königlichen Gewalt sei, der wahre 
„Herr" im Gegensatz zu seinem „ersten Diener", dass ein 
gegenseitiger Vertrag Volk und König binde, jenes aber nur 
unter bestimmten Bedingungen, von deren Innehaltung die 
Rechtsgiltigkeit des Kontrakts abhänge. In beiden Fällen 
wurde die Idee von der Volkssouveränetät nicht mehr wie bei 
den Jesuiten einem bestimmten kirchlichen Zweck zu Gefallen, 
sondern aus allgemeinen politisch-historischen Gründen ver- 
fochten. 

Derselben Zeit gehörte Buchanan's berühmter Dialog 
„über das königliche Recht in Schottland" an. Der Geschichts- 
schreiber seines Vaterlandes und der Lehrer des Sohnes 
Maria Stuarts gab den Ueberzeugungen der presbyterianischen 
Partei einen kaum weniger energischen Ausdruck als die 
Hotman und Languet denen der Hugenotten. Das Volk hat 
das Recht die Herrschaft wem es will zu übertragen. Der Ver- 
trag, den es dadurch mit dem Herrscher eingeht, wird unter 
Umständen auflösbar. Der grössere Theil des Volkes darf 
den König vor Gericht stellen. Die Verfolgung des „Tyrannen", 



Volkssouveränetät und Independentismus. 71 

als eines „allgemeinen Feindes", sogar durch einzelne, erscheint 
nicht tadelnswerth(i). 

Es waren dies die politischen Grundbegriffe des Pres- 
byterianismus, deren Eindringen in England Karl L mit gutem 
Grunde als eine Gefahr für das Königthum, wie er es ver- 
stand, bezeichnet hatte. 

Inzwischen hatte der Independentismus schon längst sie 
nicht nur mit der ihm eigenen Entschiedenheit aufgenommen 
und weiter gebildet, sondern sogar jenseits des Weltmeeres 
den glücklichen ^' ersuch gemacht Gemeinwesen in's Leben 
zu rufen, die eben die Souveränetät des Volkes als Rechts- 
gTund ihres Daseins voraussetzten. Eigenthümlich war den 
independentischen Theoi'etikern nur dies, dass sie die Wirk- 
samkeit der Volkssouveränetät und folglich auch der aus ihr 
entfliessenden Gewalten ausdrücklich auf das bürgerliche Ge- 
biet beschränkten. In Roger Williams' „blutiger Lehre der 
Verfolgung" findet man vielleicht die schärfste Wiedergabe 
dieser Ansichten. „Ein bürgerliches Regiment ist eine Ordnung 
Gottes, um den bürgerlichen Frieden des Volkes zu bewahren, 
so weit er Leib und Gut betrifft". Auch hier indess ist unter 
der „Ordnung Gottes" keineswegs ein unmittelbares göttliches 
Eingreifen verstanden. Die bürgerliche Gewalt hat keinen 
„religiösen, "geschweige einen specifisch „christlichen" Charakter. 
Sie ist „natürlich," „menschlich" und daher um nichts weniger 
dort gesetzlich, „wo man nie etwas von Christi Namen ge- 
hört hat." Fragt man aber, wo „die Souveränetät, der Ur- 
sprung und Grund der bürgerlichen Gewalt liegt", so ist die 
Antwort: „Im Volke, welches sich diejenige Regierungsfoim 
geben kann, die seinen staatlichen Bedürfnissen am besten 
entspricht." Daraus folgt, „dass die vom ^'olk eingesetzte 
Regierung nicht mehr Gewalt und nur auf so lange besitzt, 
als inwiefern die Zustimmung des Volkes sie ihr anvertraut 
hat." Williams vergleicht daher die Gewalt „aller wahren 
Obrigkeit" mit derjenigen eines „Parlaments-Committee, dessen 
Handlungsfähigkeit durch die Ermächtigung des Hauses be- 
stimmt wird," die obrigkeitlichen Personen selbst mit „blossen 
Agenten, gleichsam Augen und Händen, die dem Wohl der 



72 Volkssouveränetät und ludependentismus. 

Gesammtheit dienen sollen." Dass das Volk gegen „Tyrannen" 
von seiner „natürlichen Freiheit" Gebrauch machen darf, ist 
eine selbstverständliche Folge. Dagegen würde es den heilig- 
sten Ueberzeugungen des Autors ebenso zuwider laufen eine 
„Entthronung und Absetzung wegen Abfalls von der Kirche" 
zu billigen wie einen Gewissenszwang der Fürsten gegenüber 
ihi-en Unterthanen für erlaubt zu halten. — Den Jesuiten 
sollte die Lehre von der Volkssouveränetät zur Erhöhung der 
einen unfehlbaren Kirche dienen. Williams benutzt sie zur 
Begründung seiner Doktrin der Trennung von Kirche und 
Staat (^). Wer möchte sich erkühnen im einzelnen die 
Wirkungen zu ennesseu, welche eine mit Nachdruck vor- 
getragene bedeutende Idee auf die empfänglichen Geister der 
Mitlebenden ausübt? Sie zittert in immer weiteren Kreisen 
nach, ähnlich denen der Wasserfläche, welche ein in sie 
Niederfallendes bewegt hat. Unzweifelhaft blieb Williams' 
Buch, in England von ihm in Druck gegeben und zuilick- 
gelassen,. nicht ohne Leser. Immer mächtiger drängte der 
Gedanke von der Souveränetät des Volkes sich vor, nirgends 
entschiedener als im siegreichen Heere. Vor dem zweiten 
Bürgerkrieg hatte er unter Einwirkung der Agitatoren seine 
bestimmte Form erhalten. Nach dem zweiten Bürgerkrieg 
war er in der Remonstranz der Armee zur Grundlage eines 
umfassenden politischen Programms gemacht worden. Der 
Process des Königs, die AbschaffuDg des Hauses der Lords, 
die Errichtung der Republik wurden durch ihn in erster 
Linie gerechtfertigt. 

Wenn Milton also auch immerhin aus den Werken gleich- 
gesinnter Autoren geschöpft haben mag, so sprach er doch 
auch nur aus, was die lebendige Gegenwart an's Licht ge- 
bracht und in zahlreichen Zeugnissen verkündigt hatte (-). 
Allein darin unterschied sich seine Darlegung wesentlich von 
der in den ]\Ianifesten des Heeres, dass er sich damit be- 
gnügte in dem vorhandenen Reste des Parlaments, gleich 
diesem selbst, eine „Vertretung des englischen Volkes" zu 
sehen und es vermied auf die Nothwendigkeit einer Reform 
der Repräsentation hinzuweisen. Es wäre sehr voreilig daraus 



Volkssouveränetät und Independentismus. 73 

sehliessen zu wollen, dass er diese verkannt hätte. Man muss 
immer im Auge behalten, gegen wen er zu schreiben hatte 
und für wen. Einem Salmasius gegenüber wäre es wenig am 
Platz gewesen die schwachen Seiten der heimischen Regierung 
aufzudecken. Einem Beauftragten des Staatsraths hätte es 
schlecht geziemt die Sprache Lilburne's zu reden. Milton 
schrieb in amtlicher Eigenschaft und war genöthigt in politischen 
Fragen, welche die Zukunft betrafen, sich eine gewisse Zu- 
rückhaltung aufzulegen. Nicht weniger verfehlt würde es sein 
im letzten' Drittel des neunzehnten Jahrhunderts ihm einen 
Vorwurf daraus zu machen, dass er die ungeschichtliche Basis, 
den mechanischen Grundzug der allgemeinen Theorie, die er 
vertrat, nicht durchschaut habe. Man hat zu bedenken, in 
welcher Zeit er schrieb und dass er mit allen, die den gleichen 
Gegenstand behandelt hatten, den Fehler theilte, eine Reihe 
von Fiktionen und Hypothesen dem System zu Gefallen als 
Gebilde der Wirklichkeit zu betrachten. Und Fiktion gegen 
Fiktion, Hypothese gegen Hypothese gehalten, wird man zu- 
geben, dass diejenigen, auf welche Milton seine Staatslehre 
aufbaut, die Befriedigung einer edlen und freien Auffassung 
der menschlichen Natur gewähren, indess sein Gegner ge- 
nöthigt ist, sich an die niedrigsten und rohesten Triebe zu 
w^enden. 

Mit Recht ruft Milton ihm zu, dass Nationen, welche 
seine Grundsätze bekennen, sich „von Sklaven und vom Vieh 
nicht unterscheiden." Ihn, der es gewagt hatte die Tyrannei 
unter den Schutz Gottes zu stellen, nennt er geradezu einen 
„Atheisten." Ja er macht ihn höhnisch darauf aufmerksam, 
dass er den Königen selbst einen sehr schlechten Dienst ge- 
leistet habe. ,.Denn indem du die königliche Gewalt über 
die Gesetze in's Unermessliche erhebst, bringst du fast allen 
Völkern zum Bewusstsein, dass sie nichts als Knechte sind, 
und die Königsherrschaft wird ihnen um so unerträglicher 
erscheinen, je mehr Mühe du dir giebst ihnen zu beweisen, 
diese schrankenlose Gewalt sei nicht allmählich mit ihrer 
Bewilligung so gross geworden, sondern von Anfang an nach 
ursprünglichem Königsrecht so gewesen . . . Wenn die Könige 



74 Milton und Hobbes. 

dagegen auf mich hören, wenn sie ihre Macht durch Gesetze 
beschränken lassen wollen, so werden sie statt einer unge- 
wissen, unsicheren, gewaltsamen und sorgenvollen Regierung 
eine sehr sichere, friedliche und dauerhafte Macht bewahren."^ 
Einen so grossen Reiz es gewährt dem Dichter auf das 
Feld der politischen Theorie zu folgen, so wäre es doch eine 
Yerkennung der Thatsachen, wenn man ihn zu den staats- 
rechtlichen Schriftstellern ersten Ranges, zu den Stiftern einer 
weitverzweigten Schule rechnen wollte. Die Erzeugnisse eines 
anderen zeitgenössischen Genius, der von gleichen Vordersätzen 
ausgehend zu sehr verschiedenen Schlüssen gelangte, haben 
unzweifelhaft einen viel grösseren Eintiuss auf Mit- und Nach- 
welt ausgeübt. Es sind die Schriften von Thomas Hobbes, 
dessen Leviathan in demselben Jahre erschien wie die Ver- 
theidjgung des enghschen Volkes. Hobbes verweilte damals 
noch in Frankreich, woselbst er eine Zeit laug Lehrer des 
Prinzen von Wales gewesen war. Aber die Kühnheit seiner 
Ansichten machte ihn bei seinen royalistischen Gönnern un- 
möglich. Er kehrte nach England zurück, um im Hause des 
Grafen von Devonshire, ungestört durch die republikanische 
Regierung, seine Arbeiten fortzusetzen. Mit Milton scheint 
er niemals in persönliche Berührung gekommen zu sein. Auch 
machte Milton aus seiner Abneigung gegen den Verfasser des 
Leviathan kein Hehl, obwohl er seine grossen Talente und 
seine Gelehrsamkeit zugestand (i). Wer die Grundgedanken 
der beiden ]\Iänner vergleicht, wird jene Abneigung durchaus 
begTeiflich finden. Es gab allerdings scheinbare Berührungs- 
punkte zwischen ihnen. Durch mannichfaltige Studien und 
die Bekanntschaft mit dem Ausland auf die Höhe einer freien, 
menschlichen Bildung erhoben, hatten sie sich ihre abgeschlossene 
Ideenwelt geschaffen, welche in keinem wesentlichen Theile 
die mächtige Einwirkung ihrer Zeit verläugnen kann. Sie 
bekämpften beide mit ihren eigenthümlichen Waffen die 
scholastischen Doktrinen. Sie zogen beide mit kühnem Radi- 
kalismus abstrakte BegTiffe geschichtlichen Beweisen vor. 
Einzelne Fragen, in denen sie sich verstehen konnten, waren 
vorhanden, wie wenn sie den Staat schlechthin als ein Werk 



Milton und Hobbes. 75 

der Kunst, das Erzeugnis eines Vertrages betrachteten und 
das Königthum der geheimnisvollen Weihe eines göttlichen 
Ursprungs entkleideten. 

Allein wie in ihrer allgemeinen "Weltanschauung, so auch 
in ihrer politischen Ueberzeugung trennten sich ihre Wege 
sehr bald. Man ;darf, um dies zu erkennen, nicht einzelne 
ihrer Schriften herausgreifen. Man muss das Gesammtbild 
in's Auge fassen, wie es sich am Ende ihrer literarischen 
Laufbahn darstellt. Für Hobbes, den kalt berechnenden 
Geometer* giebt es keine angeborenen Begrifte und keine 
köi:perlosen Geister. Er ist grundsätzlich Skeptiker und 
glaubt nur, was ihm seine Sinne sagen. Für Milton, den 
phantasiereichen Dichter, hat die platonische Lehre von den 
ewigen Urbildern und das luftige Reich der Geister Bestand. 
Er hat einen Zug zum Dogmatischen und ist der feurige Ver- 
kündiger des Idealismus. Hobbes betrachtet die Freiheit nur 
als Abwesenheit des Zwanges, die auch den unvernünftigen 
Dingen eignen könne, die Sittenlehre nur als den Ausfluss 
des natürlichen Begehrens, das gesammte menschliche Streben 
nur durch die Rücksicht auf den Nutzen und Genuss des 
Einzelnen geleitet. Milton sieht in der Freiheit des Willens die 
auszeichnende Würde des vernunftbegabtenjMenschen, im Moral- 
gesetz die Ueberwindung der physischen Antriebe, im Streben 
einem gottmeuschlichen Vorbild nachzueifern den höchsten 
Zweck des Lebens erfüllt. Und so wird im Hobbes'schen 
Staate die individuelle Freiheit der absoluten Gewalt voll- 
ständig unterworfen, die er aus jenem Vertrag hervorgehen 
lässt, während im Milton'schen Staat der freien Bewegung 
des Einzelnen ein weiter Spielraum offen bleibt. Dort ein 
einziger allmächtiger jWille, dem sich Eigenthum, Lehren, 
Meinungen der Staatsangehörigen unterwerfen müssen. Keine 
Theilung der Gewalten, die Monarchie |bei weitem die beste 
der Staatsformen , der Monarch selbst die Personifikation des 
Staates und gleichzeitig Inhaber der "höchsten kirchlichen 
Macht. Hier die Staatsgewalt in gewisse Schranken ein- 
geschlossen, die ihr Uebergreifen auf ein grosses Gebiet ausser- 
halb derselben verhindern sollen. Eine entschiedene Abneigung 



76 Milton lind Hobbes, — Schlussbetrachtung. 

dagegen, die Souveränetät in der Hand Weniger oder gar 
eines Einzigen zu koncentriren , die Repräsentativ-Republik 
vor allen übrigen Yerfassungsformen gepriesen, und in dieser 
die Trennung von Kirche und Staat vorausgesetzt. In diesem 
letzten Punkt erscheint der Gegensatz der beiden Denker, 
so weit er Fragen des wirklichen Lebens betraf, am schroffsten. 
Hobbes hält es zur Wahrung des Friedens für unentbehrlich, 
dass der absolute ^Machthaber, (denselben freilich wie seine 
Unterthanen als Christen gedacht), gebiete, nicht nur, welcher 
Art die Gottesverehrung sich äussere, sondern auch w^as über 
Gott gelehrt und geglaubt werden solle. Er verschmäht nicht 
ein niedriges Sophisma, um es für statthaft zu erklären, das- 
jenige mit dem Munde zu bekennen, was dem Herzen fremd 
ist. Milton leitet alle Kämpfe seines Zeitalters daraus ab, 
dass der Staat es nicht über sich gewinnen könne, nicht nur 
die religiöse Ueberzeugung sondern auch die Sorge für Kultus. 
Erhaltung der Geistlichkeit, kirchliche Veifassung als An- 
gelegenheit der Einzelnen zu betrachten. Er wagt es freilich 
eben so wenig wie der Philosoph von Malmesbury sein Princip 
ganz folgerichtig durchzuführen. Aber alles in allem erscheint 
in ihm der independentische Republikanismus aufs schärfste 
ausgeprägt, während die Lehre Hobbes' den Tendenzen unduld- 
samer Absolutie gleichsam einen wissenschaftlichen Rückhalt 
zu geben drohte. 

Wenn Hobbes eben deshalb im Jahrhundert Ludwig's XIV. 
bei weitem m«hr Gewalt über die Geister gewann als Milton, 
so lässt sich dies nicht nur aus den allgemeinen Verhältnissen 
der Zeit, sondern auch aus der besonderen Begabung beider 
Autoren ei'klären. 

Milton war weder Politiker von Beruf noch Philosoph von 
Beruf. Er bildete sich kein vollständiges System, da er nicht 
hinreichende Gelegenheit hatte, es aus der Erfahrung abzu- 
ziehn und nicht hinlängliche Neigung es aus seinem eigenen 
Denken aufzubauen. Er war ein grossartig begabter Publicist. 
von gewaltiger rhetorischer Kraft, edler Gesinnung und über- 
reich an Kenntnissen und Ideen, die er indessen grössten 
Theils aus zweiter Hand empfangen hatte. Diejenige Bestimmt- 



Scblussbetrachtung. 77 

heit und Schärfe, welche nicht zum wenigsten den ausser- 
ordentlichen Erfolg gewisser politischer Schriften erklärt, wird 
man bei ihm vermissen. Es wird nicht ganz deutlich, ob er 
seinen ursprünglichen Vertrag aus einem angeborenen Triebe 
der Geselligkeit oder von der Berechnung des Nutzens ab- 
leitet. Mitunter nimmt er zwei Verträge an, von denen der 
erste überhaupt die Gesellschaft, der zweite den besonderen 
Staat begründet, mitunter scheint er sich bei einem zu be- 
gnügen. Im allgemeinen spricht er nur von dem Rechte des 
Widerstandes gegen den Tyrannen, hie und da hält er das 
Volk unter allen Umständen für befugt, die Regierungsform 
des vertragsmässig gegründeten Staates nach seinem Willen 
zu ändern (^). 

Allein unläugbar [wie die Mängel der Schrift Milton's 
einmal sind, wird man es doch zu würdigen wissen, wenn 
sich in ihren Schlussworten mit dem Ausdruck einer gewissen 
Besorgnis für die Zukunft der Ausdruck stolzer Genugthuung 
wegen der eigenen Leistung verbindet. „So habe ich denn 
mit Gottes Hilfe mein Werk zu Ende geführt: die Ver- 
theidigung der grossen Thaten meiner Mitbürger gegen die 
Wuth und die Missgunst eines verrückten Sophisten und die 
Begründung des Volksrechtes gegen gesetzlose Königsherr- 
schaft, nicht aus Hass gegen das Königthum überhaupt, sondern 
aus Hass gegen die Tyrannei. Ich habe keinen Grund meines 
Gegners unerwideit gelassen, keines seiner Beispiele oder 
Citate übergangen, wenn es nur den Anschein eines Beweises 
zu enthalten schien . , Nur eines bleibt noch zu thun übrig, 
das Wichtigste, dass ihr selbst meine Mitbürger, diesen euren 
Gegner widerlegt. Dies al)er kann nur dadurch ge- 
schehen, dass ihr die schlimmen Nachreden der Leute durch 
eure guten Thaten Lügen straft. Gott hat eure heissen 
Gebete gnädig erhört, als ihr in euren Leiden bei ihm Zu- 
flucht suchtet. Er hat euch, die erste der Nationen, von den 
grössten Uebeln des Lebens ruhmvoll erlöst, von Tyrannei 
und Aberglauben. Er hat euch mit [Geistesgrösse gerüstet, 
sodass ihr zuerst von allen Menschen nicht davor zurück- 
bebtet, einen besiegten und gefangenen König vor Gericht zu 



78 Schlussbetrachtung. 

stellen und den Spruch des Todes an ihm zu vollstrecken. 
Nach einer so glorreichen That dürft ihr nichts Kleines und 
Gemeines mehr denken und thun, sondern nur noch Grosses 
und Erhabenes. Um diesen Ruhm zu erlangen steht euch 
nur ein einziger Weg offen. Wie ihr eure Feinde im Felde 
besiegt habt, so zeigt nun zur Zeit des Friedens, dass ihr 
vor allen Sterblichen fähig seid, Ehrgeiz, Habsucht, Luxus 
und die Verlockungen des Glückes zu überwinden, denen 
andere Nationen so oft unterlegen sind. Bewährt eben so 
viel Gerechtigkeit, Mässigung und Bescheidenheit in der Be- 
hauptung eurer Freiheit wie ihr Tapferkeit bewiesen habt 
das Sklavenjoch abzuschütteln. Durch solche Zeugnisse allein 
könnt ihr darthun, dass ihr mit nichten Verräther, Räuber, 
Mörder, Wahnsinnige seid, wie man euch vorwirft. Handelt 
ihr anders, wisst ihr euch nur im Kriege, aber nicht im 
Frieden Lorbeeren zu erwerben, — so wird euch Gottes Zorn 
in kurzem um so viel schwerer treffen, je väterlicher euch 
bisher vor allen Völkern der Erde seine Gunst zugewandt 
gewesen ist." 



Drittes Kapitel. 
Polgen des Kampfes mit Salmasius. 



i)er Streit zwischen ]\Iilton und Salmasius machte in 
der Gelehrten-Republik das grösste Aufsehen. Mit dem 
Interesse an dem Gegenstande verband sich das persönliche 
Interesse an den Wortführern. Hier hatte Milton allerdings, 
wie er selbst später hervorhob, zunächst einen schlimmen 
Stand. Sein Gegner genoss eines europäischen Ruhmes, hatte 
zahlreiche Verbindungen und war der Anwalt der besiegten 
royalistischen Sache, die auf vielfache Sympathieen zu rechnen 
hatte. Milton's Name war noch kaum über die Küsten Eng- 
lands hinausgedrungen, gebot über keine literarische Klientel 
und erschien in engster Verbindung mit den Namen solcher, 
von denen sich viele mit einem Gefühl des Schauders ab- 
wandten. Allein alles dies konnte eine Vergleichung der 
Leistungen beider Autoren nicht hindern und niemandem 
wurde es leicht gemacht sich völlig neutral zu verhalten. 
Hobbes erklärte viele Jahre nachher, dass es schwer sei zu 
entscheiden, in welchem der beiden Werke das „bessere Latein 
und die schlechteren Gründe" enthalten seien und verglich 
sie zwei „rhetorischen Schul Übungen". Conring meinte, dass 
beide Schriftsteller ,. gleich ungenügend über die Monarchie 
disputirt hätten". Dieser und jener, wie J. C. von Boyneburg, 
hielt sich nur an die Aeusserlichkeiten des Stils und fand, 
dass Milton eben so wohl Fehler gemacht habe wie sein 



80 Gegenschr. gegen Milton's Vertheidigung d. e. V. Die „Apologia." 

Gegner (^). Um so entschiedener nahmen andere Partei. In 
den Jahren 1651 und 1652 erschienen nicht weniger als fünf 
royalistische Gegenschriften. 

Die erste gehörte noch demselben Jahre an, in dem 
Milton's Werk herausgekommen war, und führte den Titel: 
„Schutzschrift für England's König und Volk gegen des 
Johannes Naseweis (sonst des Engländers Milton) königs- und 
volksfeindliche Vertheidigung (2)". Der Verfasser dieses Libells, 
der sieh in seiner Widmung an die Akademie von Leyden, 
ihren „einstigen Zögling" und einen „aus England vertriebenen 
Fremdling" nennt, preist in eben so schwülstigem und mittel- 
mässigem Latein den Ruhm des grossen Salmasius wie er 
seinen Abscheu vor dem „wüthenden Teufel Milton, der 
Schmach Englands", dem „brüllenden Löwen, der alle Könige 
verschlingen will," aufs kräftigste kundgiebt. Sein Eifer reisst 
ihn zu der lächerlichen Behauptung fort, Milton könne nicht 
im officiellen Auftrag geschrieben haben, weil seiner Broschüre 
das Certifikat eines der Parlamentssekretäre fehle. Besonderes 
Gewicht legt er darauf, dass Diodati von Genf aus Karl L 
als Vertheidiger der reformirten Religion bezeichnet und sich 
trotz vieler Bitten geweigert habe der „Perfidie" der Regiciden 
seinen Beifall zu leihen. Schliesslich beschwört er höchst 
salbungsvoll Milton und das englische Volk als Irrende, so 
lange es noch Zeit sei, „auf den rechten Weg zurückzukehren". 

Dieser Schrift erwiderte Milton bald darauf durch eine 
Broschüre, zu der einer seiner Neffen den Grundstock ge- 
liefert hatte. Der ältere von ihnen, Edward Phillips, hatte 
1648 bis 1651 als Mitglied der Magdalen-Hall auf der Uni- 
versität Oxford studirt. Der finstere puritanische Ernst, dem 
er unter der Vorsteherschaft eines Thomas Goodwin begegnete, 
mag ihn, den Schüler Milton's, auf die Seite der Kavaliere 
hinübergetrieben haben, deren Gesinnungen er von da an 
theilte. Sein jüngerer Bruder John dagegen huldigte damals 
noch den politischen Grundsätzen, die sein Oheim ihm ein- 
gepflanzt hatte. Er war wohl noch Milton's Hausgenosse und 
wurde, wie es scheint, mehrfach von diesem als sein Sekretär 



Joannis Philippi Responsio. 81 

verwandt. Nichts lag näher als sich seiner Feder zu bedienen 
um der anonymen Schmähschrift entgegen zu treten (^). Er 
seinerseits war, wie er sagte, stolz darauf, die „Sache der 
wiederhergestellten Freiheit" und ,, jenes von ihm verehrten 
und ihm so eng verbundenen Mannes" vertheidigen zu dürfen 
und wusste sich „keinen besseren Anlass für eine Erstlings- 
schrift". Die Masse eingeflochtener Dichterstellen, das Spielen 
mit schulmilssigen, logischen Formeln Hessen den jugendlichen 
Charakter des Autors wohl erkennen. Andere Partieen da- 
gegen, Proben biblischer Kritik, Ausbrüche eines grausamen 
Hohnes erinnerten ganz entschieden an die Schreibweise des 
Oheims. Und in der That lässt der ältere Phillips keinen 
Zweifel daran aufkommen, dass Milton selbst, „ehe das Büch- 
lein in die Druckerei kam , sehr sorgfältige Verbesserungen 
daran vornahm". So ist es denn auch mitunter in seine 
Werke aufgenommen worden. 

In einem wesentlichen Punkte bewegte sich nun Milton 
wie sein Neffe in einem grossen Irrthum, Sie waren 
fest davon überzeugt, dass die feindliche Schrift entweder aus 
der Feder eines gewissen Juristen Jane oder aus der Feder 
des Bisehofs von Derry, Bramhall, stamme, dem sie auch die 
Autorschaft des ,,unzerbrochenen Bildes" zugetraut hatten. 
Die zweite Vermuthung schien die grössere Wahrscheinlichkeit 
für sich zu haben, und so wurde denn der ganze Köcher 
gegen den Bischof geleert, der als ein Anhänger Strafford's 
bekannt war. Dies war aber ein Kampf gegen einen Schatten. 
Bramhall selbst theilte seinem Sohn mit, „das einfältige Buch, 
welches Milton ihm zugeschrieben habe, rühre von einem ge- 
wissen John Rowland her" (2). Und dieser, „Geistlicher einer 
Separatisten - Gemeinde", gestand in einem nachträglichen 
Pamphlet, das er im Jahre 1653 seiner ersten Schrift folgen 
Hess, die Thatsache zu (^). Von diesem Grundfehler abgesehn, 
ist Milton-Phillips' Werkchen dem gegnerischen in jeder 
Weise überlegen, was eben nicht schwer gemacht war. Das 
Zeugnis des Diodati, eines Milton so wohl bekannten Mannes, 
wird möglichst abgeschwächt. Von den Vorl)ereitungen des 
Salmasius, den Kampf fortzuführen , wird in einer Weise ge- 
stern . Milton u. s. Z. ir. 3. 6 



S2 ..Carolus I. vindicatus"- — Gegenschr. v. Ziegler, Kieffer, Güntzer. 

sproclien, die es als sicher erscheinen lässt, dass ]\lilton sehr 
genau davon unterrichtet war. 

Für längere Zeit war diese gemeinsame Arbeit des Neffen 
und des Onkels das einzige, was aus Milton's Lager hervor- 
gieng. Drei andere Erzeugnisse der feindlichen Presse liess 
er unbeachtet. Eines wurde 1652 in Dublin veröffentlicht 
unter dem Titel: „Karl I. beschirmt gegen die Axt und die 
Feder Milton's" (^). Es war ein unbedeutendes Pamphlet, 
dessen Verfasser, vielleicht ein irischer Katholik, durch Ge- 
lehrsamkeit und guten Willen zu ersetzen suchte, was ihm 
an Geist und Beredtsamkeit fehlte. Ueberzeugt davon, dass 
die Nachwelt Milton als „geschickten Vertheidiger einer 
schlechten Sache richten werde", sucht er ihn Punkt für 
Punkt zu widerlegen, weiss sich aber von gehässigen Persön- 
lichkeiten ziemlich frei zu halten. Doch kann er es nicht unter- 
lassen den guten Ehemann Karl I. in Gegensatz zum Ver- 
fasser der Schriften über die Ehescheidung zu stellen. Jener 
hat, so sehr er sich kleine Galanterieen erlauben durfte, seiner 
Gattin niemals die Treue gebrochen. Dieser, der heuchlerische 
Puritaner, hat seine Frau Verstössen, um sich mit Konkubinen 
einzulassen. — Ein anderes Pamphlet stammte von dem leipziger 
Juristen Kaspar Ziegler. Ohne sich sklavisch an Salmasius zu 
halten, entschied er doch die vorliegende Frage ganz in seinem 
Sinne und erachtete es nur im Vorwort an den „wohlwollenden 
Leser"' für nöthig sich ausdrücklich gegen Milton zu wenden. 
Dessen Buch betrachtet er als ein „unerhörtes Ungethüm'*, ihn 
selbst als einen halb „Wahnsinnigen", der in der Auslegung der 
Bibel an Künsteleien die „Jesuiten , ja sogar den Teufek' 
übertreffe und der selbst die ,, Sache der Mörder schmählich 
verdorben habe"(-). W'eniger heftig, aber ohne viel Geist 
drückte sich 1652 der jugendliche Verfasser einer strassburger 
Dissertation aus, welche dem Markgrafen von Baden gewidmet 
war. Er zog einzelne Sätze der Abhandlung eines „gewissen 
Milton'" aus und suchte sie mit scholastischer Breite zu wider- 
legen. Fünf Jahre später erschien eine Fortsetzung dieser 
Universitätsschrift, von lateinischen Gedichten begleitet, in 
denen wieder stärkere Bemerkungen gegen den Sekretär der 



Urth. über Salmasius u. Miltoii. — Christine v. Schweden u. ihr Hof. 83 

Republik fallen und auch die Latinität des Salmasius eines 
besonderen Schutzes gewiirdi{jt wird(i). Ein fünftes Pamphlet 
endlich „Der Aufschrei des königlichen Blutes zum Himmel", 
das anonym im Jahre 1652 herauskam, verwickelte Milton 
in eine neue literarische Fehde. Auch nahestehende Bekannte, 
wie John Durie, der doch kurz zuvor den Bilderstürmer über- 
setzt hatte, machten Milton persönlich gegenüber kein Hehl 
daraus, dass ihnen der Ton seines letzten Buches missfalle (-). 

Inzwischen äusserte sich die Feindschaft gegen den Ver- 
theidiger der Königsmörder auch auf andere Weise. In Paris 
und-Toulouse wurde sein Buch öffentlich verbrannt. Auf dem 
Reichstag von Regensburg 1653 brachte man in Anregung, 
ob es nicht unerlässlich sei, nebst anderen Schriften gleichen 
Schlages auch „den ]\Iilton zu verbieten", um die Jugend vor 
der Ansteckung mit „gefährlichen Principien*' zu bewahren (^). 
In späterer Zeit, nach der Restauration, wurden die Stimmen, 
Avelche Milton verurtheilten, immer lauter. Ein deutscher 
Dichter, Philipp von Zesen, bemerkte in einem Leben Karls II: 
„Ein umgekaufter Milton, durch eine vergälte Miltze gestochen, 
durfte seine verwegene Zaunkönigsfeder gegen die hoch- 
fliegende Adlersfeder (des Salmasius) schwingen, . . aber die 
edle Adlersfeder hat dennoch das Feld und den Sieg behalten". 
Ein englischer royalistischer Historiker vergisst nicht zu er- 
wähnen, dass „ein gewisser Milton", der schon vorher „ein 
unverschämtes Libell" gegen das königliche Bild gerichtet, 
gewagt habe die Leistung des Salmasius zu „bekritteln" (■•). 

Aber auch Salmasius hatte seine Gegner, die weniger 
aus sachlichen als aus persönlichen Gründen wider ihn Partei 
nahmen. Er hatte sich in wissenschaftlichen Kreisen zu viele 
Feinde gemacht, als dass nicht einige von ihnen an der Ab- 
fertigung, die ihm Milton zu Theil werden Hess, ihre Freude 
hätten haben sollen. An ihrer Spitze standen zwei Männer 
von berühmtem Namen, die, wie Salmasius selbst, für einige 
Zeit der glänzenden Gefolgschaft Christina's von Schweden 
angehörten. Die geistreiche Tochter Gustav Adolfs hatte 
eben damals den Hof in Stockholm zum Mittelpunkt der 
europäischen Gelehrtenrepublik gemacht. Vom regsten Interesse 

6* 



84 Verhältnis des Salmasius zu Vossius und Heinsius. 

für die Fortschritte der Wissenschaft erfüllt, wusste sie sich 
mit den ersten Gelehrten ihrer Zeit in Verbindung zu setzen 
und mehrere durch glänzende Anerbietungen nach Schweden 
zu ziehn. Auch Salmasius vermochte ihrer schmeichelhaften 
Aufforderung nicht zu widerstehn und langte im Sommer 1650 
in Stockholm an. Die Königin konnte seine schwachen Seiten 
zwar nicht übersehn, aber sie zollte seinen ausgebreiteten 
Kenntnissen unverhohlene Bewunderung. Indessen gab es 
zwei Männer in ihrer Umgebung, die mit dem grossen Philo- 
logen in eine unversöhnliche Fehde geriethen. Der eine, 
Isaac Vossius, Freinsheim's Nachfolger als Bibliothekar der 
Königin und ihr Lehrer im Griechischen, forderte vergeblich 
von Salmasius eine Geldsumme zurück , die er dessen Sohn 
geliehen haben wollte. Der andere, Nikolaus Heinsius, mit 
seinem Vater, dem berühmten Daniel Heinsius, von Christine 
nach Schweden berufen, wusste diesen wie sich selbst seit 
zwanzig Jahren von Salmasius schmählich verfolgt. Mit In- 
grimm gedachte er der lateinischen Schimpfworte , deren sich 
Salmasius nach der herrschenden Mode in seinen gelehrten 
Arbeiten bedient hatte. Vergeblich suchte die Königin die 
Eifersüchteleien und Feindschaften von Männern, deren grosse 
wissenschaftliche Verdienste sie schätzte, zu beschwichtigen. 
Auf beiden Seiten wuchs die Erbitterung, und man muss 
über den Grad von Rohheit und Gemeinheit erstaunen, der 
sich in den Aeusserungen hochgebildeter Männer beim Fort- 
gang ihrer Streitigkeiten kundgab (i). 

Kaum war die Vertheidigung des englischen Volkes er- 
schienen, als sowohl das Werk wie sein Verfasser in dem Brief- 
wechsel der genannten Feinde des Salmasius eine grosse Rolle zu 
spielen anfieng. Am 12. April 1651 hat Vossius die Schrift 
bereits flüchtig durchlesen und bekennt, dass „er von einem 
Engländer nichts von dieser Bedeutung erwartet habe". Am 
8. Mai sind Heinsius in Leyden schon fünf Auflagen zu Gesicht 
gekommen und er spricht davon, dass man eine holländische 
und französische Uebersetzung erwarte. Dem Gronovius theilt 
er schadenfroh mit, dass Salmasius „wüthe und schäume" und 
sich berühme, Milton „mit sammt dem ganzen Parlament ver- 



Verhältnis des Saltnasius zu Vossius und Heinsius.. 85 

derben zu wollen'". Er spielte mit diesen Worten auf die 
Gegenschrift an, zu deren Abfassung Salmasius sich mstete, 
und er hatte ein um so grösseres Recht an dem Fortschreiten 
dieses Werkes Antheil zu nehmen, da er vernahm, dass dieses 
auch der alten Feindschaft des Mannes gegen ihn selbst und 
seinen Ä^ater Ausdruck geben werde. In der That scheint 
Salmasius sich mit dem Glauben durchdrungen zu haben, 
Milton sei von Heinsius aufgestachelt und mit Material ver- 
sehn worden. Vergeblich rief dieser Gott zum Zeugen dafür 
an, dass ihm, ehe er die Yertheidigung des englischen Volkes 
in .die Hand bekommen, „Milton's blosse Existenz unbekannt 
gewesen sei". Salmasius wurde immer mehr gegen alles, was 
den Namen Heinsius trug, eingenommen und sann auf Rache, 
Sein Freund Bourdelot, der intriguante und einfiussreiche 
Leibarzt der Königin Christine, suchte von Heinsius eine Art 
von Abbitte zu erpressen , welche dieser zu leisten mit Ent- 
rüstung sich weigerte. Auch Heinsius' Leidenschaft gegen 
Salmasius kannte keine Grenzen mehr, und er wie seine 
Freunde betrachteten von nun an ^lilton als einen sehr 
brauchbaren Bundesgenossen. 

Die Herkunft, die Schicksale, das Wesen des Engländers, 
der eine so kühne Sprache geführt hatte, wurden Gegenstände 
eifriger Nachforschung. Anfangs hörte man Dichtung und 
Wahrheit vermischt. Der Buchhändler Elzevir wollte wissen, 
Milton sei von Adel und sehr reich, er lebe ohne ein Amt 
zu bekleiden auf dem Lande. Andere versicherten, er stamme 
aus dem niedersten Volke, habe aber eine gute Erziehung 
genossen. Allmählich eifuhr man das Riclitige, dass er den 
Posten eines Sekretärs der fremden Sprachen inne habe, aus 
gutem Hause sei, ein Mann von grosser Gelehrsamkeit, von 
vortrefflichen Eigenschaften, im Umgang ,, freundlich und 
liebenswürdig". Es war der Onkel des Isaac Vossius, Franz 
Junius, der diese Mittheilungen machte. Dieser berühmte 
Antiquar und Kenner des Altsächsischen, welcher seit Jahr- 
zehnten in England verweilte, sprach als ein Gewährsmann, 
der mit Milton „persönlich befreundet war"( '). Einige Monate 
später, gegen Ende des Jahres 1651, reiste die niederländische 



86 Nachrichten über Miltou durch F. Junius etc. 

Gesandtschaft, an deren Spitze Jakob Cats, der ehemalige 
Rathspensionär von Holland, stand, nach London ab. Als 
Sekretär derselben gelangte der junge Janus Vlitius, ein ge- 
lehrter Freund des Heinsius, nach der englischen Hauptstadt, 
und Vlitius konnte, wofern er Milton nicht aufgesucht hat. 
jedenfalls an Ort und Stelle Erkundigungen über jjin ein- 
ziehn('). Endlich bot sich Heinsius selbst kurze Zeit nach- 
her hiezu die beste Gelegenheit. Während einer -wissenschaft- 
lichen Reise, die er im Auftrage Christinen's unternahm, kam 
er in Italien mit den alten Gönnern und Freunden des Dichters 
wiederholt in Berührung. Der Kardinal Barberini, falls er 
sich des jungen Engländers erinnerte, der Bibliothekar 
Holstenius, Dati, Chimentelli, Männer, die dem Heinsius zum 
Theil schon von früher her bekannt waren, konnten ihm er- 
wünschten Aufschluss geben. Er hörte, dass Milton's Leben 
in Italien tadellos gewesen sei , wennschon man ihm daselbst 
seine freimüthigen Aeusserungen über das Pabstthum nicht 
vergessen hatte. Er lernte bei Holsten Milton's lateinische 
Gedichte kennen, denen er nichts als mannicMache Verstösse 
gegen die Prosodie vorzuwerfen wusste. Vossius hatte ein- 
mal das Gerücht mitgetheilt, Milton sei gestorben. Diese 
Nachricht wurde alsbald widerlegt; hingegen blieb den 
Freunden darüber kein Zweifel, dass er ei-blindet sei(=^). 
Was den Inhalt seines Buches betraf, so war man allerdings 
vorsichtig genug mit ausführlichen Urtheilen zurückzuhalten. 
Als sich aber die Nachricht verbreitete, es sei in Paris von 
Henkershand verbrannt worden, konnte Vossius die Bemerkung 
nicht unterdrücken, dies Schicksal habe es mit anderen 
„guten Büchern" zu theilen. 

Es wäre auffallend gewesen, wenn eine Frau von der 
geistigen Regsamkeit Christinens einer Angelegenheit, die 
ihren gelehrten Günstlingen so wichtig war, nicht gleichfalls 
ihre Theilnahme geschenkt haben sollte. In der That weiss 
Vossius schon am 12. April 1651 zu berichten, dass Christine 
sein eigenes eben angelangtes Exemplar der Milton'schen 
Schrift gefordert habe. Ei- fügt hinzu, das Buch scheine, von 
einer Stelle abgesehn, ihr gefallen zu haben. Dasselbe wieder- 



Christine und Wbitelocke. — Salmasius Tod. 87 

holt er einige Tage später. Die Königin hatte nach seiner 
Versicherung „das Genie und den Stil Milton's in Gegenwart 
vieler anderer gelobt". Sie sprach sich einige Jahre nachher 
gegenüber Whitelocke, dem englischen Gesandten, ganz in 
gleicherweise aus('). Wenn sich die Gegner des Salmasius 
indessen schmeichelten, er habe die Gunst der Monarchin ver- 
loren, wenn gar Milton später sich einen Theil der Schuld 
hiebei hat zuschreiben wollen . so lief das der Wahrheit ent- 
schieden entgegen. Christine mochte ihrer spöttischen Laune 
gemäss den Salmasius immerhin einmal „den Gelehrtesten 
aller Narren" genannt haben: ihrer Gnade blieb er bis an 
das Ende seines Lebens versichert. Nichts rechtfertigt die 
Annahme, dass sein Weggang aus Schweden in irgend einer 
Verbindung mit einer Schädigung seines literarischen Rufes 
durch Milton gestanden habe. Er hatte das Klima von 
Schweden niemals recht verti-agen können. Im Herbst 1651 
hielt er sich für verpflichtet, nach Leyden zurückzukehren. 
Christine entliess ihn mit reichen Geschenken. Er war da- 
mals schon leidend , durch Gichtanfälle geplagt, denen er am 
3. Sept. 1653 in den Bädern von Spa erlag. Auch seine 
Wittwe erfuhr noch die Gunst der Königin, für zwei seiner 
Söhne wurde in Schweden gesorgt. 

Das letzte, Avomit sich Salmasius beschäftigt hatte, war 
seine Widerlegung Milton's gewesen. Dieses Buch wurde erst 
nach der Restauration der Stuarts in der unfertigen Gestalt, 
in der es sich vorfand, von dem Sohne des Verstorbenen her- 
ausgegeben und Karl IL gewidmet (2). Wenn auf den drei- 
hundert enggedruckten Seiten für die Sache nichts neues 
beigetragen wird . so sind sie dafür mit einer Summe von 
Schmähungen angefüllt, die selbst über das Mass dessen, was jene 
Zeit sich sonst bieten liess, weit hinausgeht. Man muss in 
der That gestehen, dass Salmasius sich hier von einer sehr 
schlechten Seite zeigt, indem er es nicht für unter seiner 
Würde hält, von dem gemeinsten Klatsch Gebrauch zu 
machen. Er hatte sich sorgfältig für sein Werk vorbereitet, 
mit kritischem Auge Milton's Gedichte durchmustert und über 
seine Vergangenheit Erkundigungen bei Leuten eingezogen, 



88 Seine nachgelassene Schrift gegen Miltou. 

die, wenn sie übei-liaupt berichtet hatten, was er mittheilt, 
ebenso böswilhge wie unwissende Gewährsmänner waren. 
Der Bischof von Derry, Dr. Bramhall , der seine besonderen 
Gründe hatte, Milton zu zürnen, scheint an ihrer Spitze ge- 
standen zu haben und er schöpfte seine Kunde wohl vorzüg- 
lich aus den Kreisen ChappelFs, des ehemaligen Tutors Milton's, 
mit dem der Dichter während seiner Studienzeit hart anein- 
ander gerathen war (s. o. B. I. 83). Danach mischte Salma- 
sius seine Farben. Der unwissende „Schulmeister", dessen 
Feder für Geld feil war, der eitle Geck, der ,,sich seines 
schönen Gesichtes rühmt" und darauf aufmerksam macht, 
dass das Konterfei vor seinen Gedichten nicht getroifen sei, 
das ., unreine Thier, an dem nichts iMenschliches ist als seine 
Triefaugen": das ist eine bescheidene Blumenlese aus dem 
Reichthum der salmasischen Höflichkeiten. In pedantischer 
Weise werden sprachliche Einzelheiten der lateinischen Ge- 
dichte und der Yertheidigung Milton's bekrittelt. Warum er 
,,nach dem ersten Jahre der Ehe" sein Weib „Verstössen" habe^ 
soll nicht näher untersucht werden, doch ist anzunehmen, 
dass „nicht alle Eunuchen waren, die sein Haus besuchten". 
Dass er selbst in seiner Jugend sich den Italienern zum 
schmählichsten Dienste Preis gegeben habe, ist ausser allem 
Zweifel. Die angemessenste Strafe für ihn würde sein, ihn 
„am höchsten Galgen aufzuhängen", seinen Kopf auf einem der 
„Tliürme von London" aufzustecken, oder ihn in ,, glühendem 
Pech und Oel zu verbrennen". Daneben regnet es Hiebe 
gegen die Heinsius, gegen John Phillips, gegen die Führer 
der Independenten, vor allem gegen Cromwell. 

Milton wusste, dass ihm ein neuer Strauss mit Salmasius 
bevorstehn werde. Er nahm die Nachricht seines Todes nicht 
mit traurigen Empfindungen auf. Auch von der Beurtheilung 
seines Buches durch die Königin Christine, von dem Interesse, 
das Männer wie Heinsius und Vossius an ihm nahmen, erhielt er 
unschwer Kunde. Wohl möglich, dass eben dies seine Autoren- 
eitelkeit verführt hat, den Erfolg seines Buches im Ausland ein 
wenig zu übertreiben (^}. Er spricht von dem Beifall „sehr vieler 
wackeren und gelehrten Männer" in Frankreich und Deutsch- 



A. Pauw. Leonard Philaras. 8^ 

land, ohne doch einzelne Namen zu nennen. Allein einige 
andere Anjijaben, die er macht, sind zu bestimmt und wären 
allzuleicht zu widerlen^en gewesen, als dass man sie nicht für 
buchstäblich richtig halten sollte. „Das kann ich als wahr 
versichern, sobald meine Vertheidigung erschienen war und 
die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, gab es keinen Vertreter 
eines Fürsten oder eines Staates mehr in London, der nicht bei 
zufälligem Begegnen mir Glück gewünscht, mich zu sich 
eingeladen oder mich in meiner Wohnung besucht hätte". 
Er hebt unter den damaligen Gesandten einen ausdrücklich 
hervor, Adrian Pauw, „die Ehre und Zierde Hollands'', der 
ihn wiederholt seines „höchsten Wohlwollens" habe versichern 
lassen. Ausserdem gedenkt er des Leonard Philaras, eines 
geborenen Atheners, durch dessen Mund das alte Hellas 
ihm gleichsam .,Beifall zuzurufen" schien. Dieser patriotische 
und feingebildete 'Mann war damals Gesandter des Herzogs 
von Parma am französischen Hofe und hatte ^lilton zum 
Zeichen der Anei'kennung sein Bild und danach einen 
freundlichen Brief übermitteln lassen. Er schloss sich in 
der Folge noch enger an Milton an, und zwei der an- 
muthigsten Briefe des Dichters sind an den Fremden ge- 
richtet (/). 

Milton fühlte sich durch das Lob des Philaras vor allem 
deshalb geschmeichelt; weil es von einem „Erneuerer der alten 
athenischen Kunst und Tugend" kam, von einem Sohne derjenigen 
Stadt, der er selbst alles zu verdanken gestand, „was er als 
Schriftsteller werth sei". Dieser Enthusiasmus für die ehr- 
würdige Stätte seiner jugendlichen Sehnsucht riss ihn in 
seinem Erwiderungsschreiben (Juni 1652) sogar zu Aeusse- 
rungen ül)er die politische Zukunft Griechenlands hin, die 
dem heutigen Geschlecht wie prophetisch klingen werden. 
Hie und da hatte er schon auf die Türkenherrschaft, als ein 
Muster schmählichster Tyrannei, gewiesen und den Gedanken 
einer „Befreiung aller Griechen" hingeworfen. Hier sagt er 
geradezu, indem er an die grossen Geister Athen's erinnert: 
„Hätte ich von ihrer Redegewalt so viel geerbt, dass ich 
unsere Heere und Flotten antreiben könnte, Griechenland,. 



90 Milton's Briefwechsel mit Philaras. 

das Vaterland der Beredtsamkeit, vom ottomanisclien Joche 
zu befreien, eine herrliche That, zu deren Ausführung Sie 
fast meine Hilfe zu erbitten scheinen, wahrlich ich thäte nur 
das, was längst mein Wunsch war. Was haben einst die 
tapfersten und beredtesten Männer für ruhmreicher und ehren- 
voller gehalten als durch die That oder durch das Wort die 
Hellenen frei und unabhängig zu machen? Aber allerdings 
ist noch etwas anderes zu versuchen, und meiner Meinung 
nach bei weitem das Wichtigste, nämlich in den Geistern 
der Griechen den alten Mannesmuth. Fleiss, Arbeitseifer 
wieder zu erwecken und zu entzünden. Niemand ist dazu 
fähiger als Sie, der Sie glühende Vaterlandsliebe mit grösster 
Klugheit, kriegerischer Erfahrung und höchster Freiheits- 
sehnsucht verbinden. Ist das aber einmal erreicht, so werden, 
dessen bin ich gewiss, die Griechen es nicht an sich selbst, und 
so wird es kein Volk den Griechen an sich fehlen lassen" (/). 

Milton mochte es schon als einen Gewinn betrachten, 
wenn seine Vertheidigung des englischen Volkes ihn mit 
Männern in Verbindung brachte, gegen die er sich 
solchermasseu aussprechen durfte. Jedenfalls war sein Ruf 
auch im Auslande der Art gewachsen, dass er nicht mehr 
als der schwache David gegenüber dem Goliath der Gelehr- 
samkeit erschien. Das beste Zeugnis des Erfolges, den er 
davon getragen, haben ihm schliesslich die Gegner ausgestellt. 
Der Leipziger Kaspar Ziegler theilt mit, dass ein aus Holland 
übersandtes Exemplar von ]Milton"s Schrift ,.mit solcher Gier 
von sehr vielen begehrt und durchlesen worden sei", dass er 
selbst es „kaum einen Tag" zur Durchsicht habe erhalten 
können. Und der Verfasser der , .Apologie" beklagt es bitter- 
lich, dass die „Freude der Menschen an Lügen und Schmä- 
hungen" einen ungemein grossen Absatz der Milton'schen 
Schrift zur Folge gehabt habe (2). Alles dies liess Milton in 
seiner zweiten Vertheidigung den Ausspruch wagen, dass, „wo 
noch eine Spur von Freiheit übrig geblieben", sein Buch mit 
Beifall begrüsst worden sei. 

So gTOss seine Triumphe auch gewesen sein mögen, sie 
wurden durch ein schweres Opfer erkauft. Das Leiden, wel- 



Milton's Erblindung. 91 

dies eine schnellere Vollendung seiner Arbeit verhindert hatte, 
seit lange in der Entwickelung begriffen, machte reissende 
Fortschritte. Milton's Augen waren, wie die seiner Mutter, 
niemals die stärksten gewesen. Nach der Versicherung seines 
Neffen hatte er beständig Arzneimittel für sie gebraucht. 
Von Jugend auf hatte er an Kopfschmerzen gelitten , dabei 
aber die Gewohnheit nicht aufgegeben, bis Mitternacht zu 
arbeiten. Sein linkes Auge war schon 1650 so gut wie er- 
blindet. Die Aerzte hatten erklärt, dass, wenn er die 
ihm aufgetragene Widerlegung des Salmasius unternehme, in 
kurzer Zeit auch das rechte seine Sehkraft verlieren werde. 
Allein er glaubte, wie er später erklärte, mehr auf die innere 
Stimme „des göttlichen Mahners" hören zu müssen. Es handelte 
sich für ihn zu wählen „zwischen Erblindung oder Erfüllung der 
Pflicht". Gleich „dem Sohn der Thetis" sah er „zwei Schick- 
salswege vor sich ausgebreitet", und er wählte denjenigen, 
„auf dem er dem Gemeinwesen den grössten Nutzen leisten 
konnte". Die Prophezeiung der Aerzte gieng nur allzu rasch 
in Erfüllung. Um die ]\Iitte des Jahres 1652 scheint den 
Dichter vollständiges Dunkel umfangen zu haben. 

Er selbst hat einige Zeit später seinem griechischen Freunde 
Leonard Philaras auf dessen Wunsch eine genaue Beschreibung 
seiner Krankheit gegeben. Philaras, der im Frühjahr 1054 die 
Ungnade Mazarin's und seines Herzogs auf sich zog, hielt es für 
gerathen, bis seine Angelegenheiten geordnet seien, eine Pteise 
nach England zu unternehmen (0- Er erschien unvermuthet 
in London zu einer Zeit, da Milton den werthen Gast schon 
nicht mehr von Angesicht sehen konnte (^\ Von tiefem Mit- 
leid ergriffen , bat der Grieche den Erblindeten um genauere 
Auskunft, in der Hoffnung, daraufhin von seinem franzö- 
sischen Freunde, dem berühmten Augenarzt Franz Thevenin, 
Mittel der Heilung erfahien zu können. Milton machte ihm 
daher folgende Mittheilungen (28. September 1654): „Es 
wird, denke ich, etwa zehn Jahre her sein, seitdem ich eine 
Abnahme und Verdunkelung meines Sehvermögens bemerkte 
und zugleich in der Milz und in den Eingeweiden einen Druck 
und Blähungen empfand. Am Morgen, wenn ich meiner 



92 Milton's Erblindung. 

Gewohnheit nach zu lesen anfieng, thaten mir die Augen 
sofort weh, das Lesen war ihnen gleichsam zuwider, nach 
einer massigen Leibesübung aber erholten sie sich. Wenn 
ich auf ein Licht hinsah, erblickte ich es von einer Art von 
Regenbogen umgeben. Nicht lange darnach entstand auf der 
linken Seite meines linken Auges (denn dies fieng einige 
Jahre früher an als das andere dunkel zu werden) eine Ver- 
finsterung, welche mir alles, was auf dieser Seite war, ver- 
barg. Wenn ich zufälliger Weise mein rechtes Auge schloss, 
so kamen mir auch die Gegenstände, welche vor mir lagen, 
kleiner vor. In den letzten drei Jahren nahm auch das 
andere Auge nach und nach ab, und einige Monate, ehe ich 
das Gesicht völlig verlor, schien mir alles bald rechts bald 
links herumzuschwimmen, obwohl ich mich selbst nicht be- 
wegte. Hartnäckige Dünste scheinen sich um meine Stirn 
und um meine Schläfen festgesetzt zu haben und drücken 
auf meine Augen mit lastender, einschläfernder Schwere be- 
sonders nach dem Essen bis gegen Abend, so dass ich mich 
oft an den Zustand des Wahrsagers Phineus von Salmydessos 
in den Argonauticis erinnere: Dunkle Betäubung hüllte ihn 
ein, die Erde schien unter seinen Füssen wegzurollen, lautlos 
lag er da in dumpfem Schlafe. — Aber ich darf nicht über- 
gehen, dass, als ich noch ein wenig sehen konnte, sobald ich 
zu Bette gieng und mich auf die eine oder andere Seite 
legte , gewöhnlich ein starkes Licht aus meinen verschlossenen 
Augen strahlte. Später, als mein Gesicht von Tag zu Tag 
schwächer wurde, schienen dunklere Farben mit Heftigkeit 
und einer Art von innerem Geräusch hervorzubrechen. Jetzt 
aber, als ob alles Lichtartige ausgelöscht wäre, ergiesst sich 
gewöhnlich eine völlige oder mit Aschgrau vermischte und 
gleichsam durchflochtene Schwärze auf meine Augen. Doch 
seheint das Dunkel, das sie beständig umschwebt, bei Nacht 
wie bei Tage sich immer eher dem Weissen als dem Schwarzen 
anzunähern und lässt, wenn das Auge sich bewegt, wie durch 
eine Spalte ein bisschen Licht zu. — Wenn mir auch ebenso 
von Seite Ihres Arztes ein wenig Hoffnung übrig bleibt, so 
suche ich mich doch wie gegen ein unheilbares Uebel gefasst 



Milton's Erblindung. 93 

ZU machen und zu beruhigen. Ich denke oft daran, da der 
Tage der Finsternis, wie der Weise sagt, jedem von uns 
viele zugezählt sind, dass meine Finsternis bisher durch be- 
sondere Gnade Gottes unter Arbeit und Müsse im Gespräch 
mit lieben Freunden weit erträglicher war, als jene Finsternis 
des Todes. Denn wenn der Mensch, wie geschrieben steht, 
nicht vom Brode allein lebt, sondern von jeglichem Worte, 
das aus dem Munde Gottes geht, warum sollte sich einer 
nicht auch mit dem Gedanken beruhigen, dass ihm nicht nur 
das Augehlicht, sondern auch die Leitung und Vorsehung 
Gottes zur Erleuchtung diene. So lange er selbst mein Wächter 
und Schützer ist, wie bisher, und mich mein ganzes Leben 
hindurch gleichsam an seiner Hand führt, will ich mit 
Freuden , da es ihm so gefällt, meine Augen ausruhen lassen. 
Ihnen aber, mein theurer Philaras, was immer erfolgen möge, 
sage ich mit einem ebenso entschlossenen und standhaften 
Gemüth, als ob ich Lynkeus selbst wäre, Lebewohl" (^). 

Man weiss nicht, ob Philaras auf diesen Brief geant- 
wortet und die Ansicht des bedeutenden Augenarztes mitge- 
theilt hat. Ohne Zweifel wäre übrigens jeder Versuch einer 
Heilung damals vergeblich gewesen. Wie immer das Leiden 
Milton's zu charakterisiren sein mag — und aus seinen Worten 
einen bestimmten Schluss zu ziehen, hält schwer — auch 
der geschickteste Fachmann der Zeit hätte ihm keine Rettung 
bringen können(-). Seine Augen, obgleich von ,, hellem, flecken- 
losen Ansehn", blieben für immer „des Lichtes beraubt", 
und in diesem einen Punkte war er, wie er einmal in 
bitterem Scherze äusserte, „sehr wider seinen Willen ein 
Heuchler". 

Es war klar, dass Milton durch seine Krankheit ver- 
hindert werden musste, den amtlichen Posten, den er be- 
kleidete, ordnungsmässig auszufüllen. Allein der Staatsrath 
dachte edel genug, um seinen berühmten Sekretär ein un- 
verschuldetes Unglück nicht entgelten zu lassen. Mit Stolz 
erinnert Milton in seiner zweiten Vertheidigung an die That- 
sache, dass die Führer der Piopublik ihn nicht ,,verstiessen", 
dass sie ihn gleichsam der Ehre theilhaftig werden 



94 EinwirkuDg der Erblindung anf seine amtliche Stellung. 

Hessen, ,,im Prytaneum gespeist zu werden*". Er erwähnt, 
wie sie ihm „Müsse und Erholung gönnten", ohne ihn der 
„Ehre" und der „Vortheile" seines Amtes zu berauben. In 
der That blieb Milton im vollen Geuuss seiner Stelle und 
leistete auch als Blinder durch die Macht seines Genius mehr 
als ein Sehender zu leisten im Stande gewesen wäre. Mit einiger 
Hilfe durch Vorlesen konnte er eine seiner hauptsächlichsten 
Obliegenheiten, diejenige des Uebersetzens, nach wie vor erfüllen. 
Galt es die Abfassung eines selbstständigen Aktenstückes, einer 
Note oder einer Staatsschrift, so bot sich die Möglichkeit des 
Diktirens. Vielleicht das letzte Werk , das er vor völliger 
Erblindung vollendete, war die Latinisirung der Deklaration 
des Parlaments, welche die Gründe des Streites mit Holland 
darlegte (Juli 1652). Doch konnte er sich schon damals auf 
einen geübten Geliilfen stützen, jenen deutschen Dichter 
Weckherlin, der ihm im März 1652 zur Seite gestellt worden 
war(^). Allein Weckherlin sah sich schon im December 1652 
genöthigt, seine Geschäfte dem rüstigeren Tiuirloe zu über- 
lassen und am 13. Februar 1653 nahm der Tod ihn hinweg. 
Der Wunsch einen anderen geeigneten Beistand zu erhalten, 
sprach sich einige Tage nachher in einem Briefe Milton's aus, 
den er an Bradshaw, den zeitigen Präsidenten des Staatsraths, 
richtete. Er erklärte allerdings, sich noch immer seinem 
Amte gewachsen zu fühlen, die einzige Verpflichtung ausge- 
nommen, durch die er genöthigt wurde bei den Konferenzen 
mit den fremden Gesandten gegenwärtig zu sein. Aber er 
empfahl doch zu gleicher Zeit der Aufmerksamkeit des Staats- 
raths einen Mann, der ihm geeigneter als irgend ein anderer 
erschien, Weckherlin zu ersetzen. Es war der Dichter Mar- 
vell, welcher später in der That der Kollege Milton's wurde. 
Damals gieng man über den Vorschlag hinweg, und Milton 
scheint längere Zeit ohne officiellen Gehilfen geblieben 
zu sein (2). 



Seine Erblindung hätte es dem Dichter doppelt wünschens- 
werth machen sollen zu der Last seines Amtes nicht auch 



Die Schrift : Regii sanguinis clamor. 95 

noch die Last eines heftigen schriftstellerisclien Kampfes über- 
nehmen zu müssen. Aber unter den Paniplileten, die sich 
gegen seine Vertheidigung des englischen Volkes richteten, 
war eines, über das er nicht mit Stillschweigen hinweggehn 
wollte, wennschon er längere Zeit verstreichen Hess, ehe er 
seiner Entrüstung Luft machte. Der vielversprechende Titel 
dieses Pamphlets lautete: „Der Aufschrei des königlichen 
Blutes zum Himmel gegen die englischen Meuchelmörder". 
Das Werk, im Jahre 1652 im Haag bei dem Holländer Adrian 
Vlac erscKienen, leitete sich durch eine boml)astische Wid- 
mung an Karl H. ein, welche die Unterschrift des Buch- 
händlers führte (^). Es war recht eigentlich dazu bestimmt, 
Milton vor der Welt anzuklagen und Salmasius Ruhm 
zu verkünden. Zwar bleibt die allgemeine Frage nicht aus 
dem Spiel. Kapitel für Kapitel werden die „Verbrechen 
der englischen Mörder"' vorgeführt, Verbrechen gegen „die 
königliche Majestät", gegen „das Volk", die „Kirche" und 
„Gott", „alle Könige und Völker", „alle reformirten 
Kirchen". Aber innner wieder kehrt der Verfasser zu 
den Persönlichkeiten des Salmasius und Milton zurück. 
Jener ist das Wunder der Zeit, der in „dem gesammten 
Umkreis der Gelehrtenwelt seines gleichen nicht hat", 
dieser ein „hungriger Schulmeister, der seine Feder für 
Geld verkauft hat". Von jenem weiss man, wie ihn „Fürsten" 
geehrt haben, wie ihn die Königin von Schweden ,,um reichen 
Lohn zu sich eingeladen hat". Mit ihm zu wetteifern ist 
unmöglich, auch rüstet er sich selbst, „in einem zweiten 
Druckwerk" seinen Gegner zu zerschmettern. Inzwischen 
soll Europa schon vorher über diesen aufgeklärt werden. Es 
wird also eine Biographie Milton's entworfen , in der alle die 
alten Verleumdungen und Verdrehungen der Wahrheit wieder 
auftauchen. Woher er stammt, ,,ob er ein Mensch oder ein 
Wurm aus Dreck geboren", bleibt dahingestellt Von Cam- 
bridge ist er, wie man sagt, als Student wegen seiner 
schlechten Streiche weggejagt worden und nach Italien ge- 
flohen. Seine Schriften über die Ehescheidung werden in 
diesem Sündenregister selbstverständlich nicht vergessen. Zur 



-96 Peter du Mouliu der N'erfasser. 

Hinrichtung des Königs hat er, „der höllische Galgenstrick", 
«eine Partei vorzüglich angestachelt. Er ist der wahre 
„Scharfrichter" und in seinem „Schmachwerk", dem „Eikono- 
klastes" hat er auch noch das Andenken des Königs- Märty- 
rers verhöhnt. Der Autor hat so wenig Zartgefühl, dass er 
sich selbst über die Blindheit Milton's lustig macht und in 
ihr eine Strafe Gottes sieht. Milton ist ihm, mit Yirgil zu 
reden, ein „grässliches Ungeheuer, dem dass Licht geraubt" 
und zugleich von , .blutlosem , verkrüppeltem" Ansehn. In 
einem Gedicht, welches der Schrift angehängt ist, wird der 
„infame Hallunke Milton" auch noch poetisch verarbeitet, während 
•der „grosse Salmasius" in pomphafter Ode als Triumphator er- 
scheint. Ausfälle auf Cromwell, den zweiten „Muhammed", sind 
selbstverständliche Zuthaten. Geht der Verfasser doch so 
weit, die Missethaten, denen Gesandte der neuen Republik 
zum Opfer gefallen waren, ziemlich unverblümt zu billigen. 

Der Autor der Schmähschrift hatte sich nicht genannt, 
sondern" nur an einigen Stellen verrathen, dass er von Geburt 
ein Franzose und ein „Neuling in den englischen Angelegen- 
heiten" sei. Es war Peter du Moulin, der Sohn des berühm- 
ten reformirten Theologen gleichen Namens. Sein Bruder Louis, 
Professor der Geschichte in Oxford , war independentisch und 
republikanisch gesinnt, während Peter schon früher unter 
mancherlei Gefahren prosaisch und poetisch die Sache des engli- 
schen Königthums und der anglikanischen Kirche vertheidigt 
hatte. In einer Zeit, da es unbedenklich war, hat er selbst ge- 
standen, dass der „Aufschrei des königlichen Blutes" von ihm 
herrühre ('). Da er indessen nicht wagen durfte, sein Libell in 
England zu veröffentlichen, sandte er seine Papiere an Sal- 
masius, bei dem sie der besten Aufnahme sicher sein durften. 
Derselbe Mann, dem Salmasius das Manuskript zur A'eröftent- 
lichung anvertraute, hatte auch die \Yidmung an Karl II. 
hinzugefügt, für welche der Buchhändler nach üblicher Sitte 
seinen Namen hergab. Es war diese Persönlichkeit, mit der 
Milton in eine der hitzigsten Fehden verwickelt wurde, und 
über deren Lebeiislauf es daher unerlässlich scheint, einige 



Angaben zu machlhi^) 



oeiisij 
achWi 



Monis von Milton für den Verfasser gehalten. 97 

Alexander Morus war 1616 in der französischen Stadt 
Castres geboren, woselbst sein Vater, ein schottischer Emi- 
grant , Pfarrer der reformirten Kirche war. Der junge Morus 
machte seine Studien hauptsächlich in Genf, wurde 1641 daselbst 
in den Kirchendienst aufgenommen und entfaltete von da an 
nicht nur als Prediger, sondern auch als Professor der Theo- 
logie eine bedeutende Thätigkeit, Als Schriftsteller wurde 
er erst später weiteren Kreisen bekannt. Seine Werke ent- 
halten nicht nur theologische Traktate, Predigten und Streit- 
Schriften, sondern auch lateinische Gedichte, wie er denn 
überhaupt als ein Mann von allgemeiner Bildung erscheint. 
Schon beim Beginn seiner genfer Laufbahn war sein Name im 
Ausland so wohl bekannt, dass ihm 1642 mehrfache Auf- 
forderungen von London zukamen, daselbst eine Predigerstelle 
zu übernehmen. Ln Sommer 1647 dachte man in Schottland 
daran, ihn für die Stelle des Vorstehers von St. Leonard's 
College in St. Andrews gewinnen zu können ('). Er blieb 
indessen in Genf, bis er im Juli 1649 nach der niederländi- 
schen Stadt Middelburg abreiste, von wo ihm schon das Jahr 
zuvor eine ehrenvolle Berufung zugekommen war. Salmasius, 
der ihm längst gewogen war, sowie die Königin von Böhmen, 
Karl's I. Schwester, die in den Niederlanden lebte, hatten 
die Aufforderung, nach Middelburg überzusiedeln, unterstützt. 
Auch hier fanden seine Predigten ausserordentlichen An- 
klang (2). Im Jahre 1652 siedelte er nach Amsterdam über, 
um der Nachfolger des Vossius als Professor der Kirchen- 
geschichte zu werden. Er muss im Flause des Salmasius ein 
oft gesehener Gast gewesen sein, und es konnte nicht fehlen, 
dass er für dessen Streit mit IMilton lebhaft interessirt wurde. 
Als nun die Schmähschrift du Moulin's bei Salmasius anlangte, 
wurde es diesem ohne Zweifel um so leichter , den Freund 
zur Herausgabe derselben zu bewegen, da Morus ohnehin dem 
Hause Stuart verpflichtet war. 

Es dauerte nicht lange, so verbreitete sich das Gerücht, 
Morus sei der Verfasser jenes Lil)ells. Ihm selbst kamen 
derartige Aeusserungen vielfach zu Ohren. In England fanden 
sie gleichfalls Eingang und Glauben (^). Englische Zeitungen 

Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 7 



98 Milton's zweite Vertheidigiing des englischen Volkes. 

nannten Morus als Autor, und der Mercurius politicus, wie er 
schon früher den ,, Goliath Salmasius" verspottet hatte, beeilte 
sich den Hausfreund des Salmasius in Prosa und in Versen 
der üifentlichen Verachtung Preis zu geben. Erinnert man sich, 
in welchem Verhältnis der Herausgeber dieses Blattes, 
Marchmont Xeedham, zu Milton stand, so wird man es für 
wahrscheinlich halten, dass dieser hierbei die Hand im Spiele 
hatte (^). Denn auch er durchdrang sich mit der Ueber- 
zeugung , dass er die Maske seines Gegners durchschaut habe, 
und Alexander ]\Iorus bildete fortan einen Gegenstand seiner 
Aufmerksamkeit. Er kam indessen nicht so bald dazu, diesem 
vermeintlichen Widersacher, wie er sich später ausdruckte,^ 
„den Mund zu stopfen", obwohl ihm dies leidige Geschäft 
durch die Behörden seines Landes nahe genug gelegt wurde. 
Die Erwartung, aufs neue von Salmasius angegriffen zu wei- 
den, häusliche Sorgen, geschwächte Gesundheit, wachsende 
Abnahme des Augenlichts liessen ihn jene Arbeit zwei Jahre 
lang aufschieben. Erst Ende Mai 1654 erschien seine Ent- 
gegnung, eine der merkwürdigsten Schriften, die Milton über- 
haupt verfasst hat. Er gab ihr den Xamen der zweiten 
Vertheidigung des englischen Volkes, weil es ihm darauf 
ankam, nicht nur sich selbst, sondern aufs neue auch die 
Führer und die Ergebnisse der Pievolution zu rechtfertigen (-). 
Es war selbstverständlich nicht unbekannt geblieben, dass 
er ein solches Werk vorbereite. Der erste, der ein lebhaftes 
Interesse daran nahm , war jener Buchhändler Adrian Vlac,^ 
welcher die Hoffnung hatte, bei dieser Gelegenheit ein gutes 
Geschäft zu machen. Schon früher, als Milton's erste Ver- 
theidigung ein so gewaltiges Aufsehn machte, hatte er sich 
bemüht, ein Werk des berühmten Publicisten für seinen Ver- 
lag zu erhalten. Er stand, aus welchem Grunde auch immer, 
mit Samuel Hartlib in Korrespondenz. Er hatte sogar die 
Keckheit gehabt, diesem, dem Freunde Miltoifs , auf seine 
Bitten wöchentlich die Aushängebogen der vermeintlichen 
Moiiis'schen Schmähschrift zu übersenden und zugleich um 
die Ehre gebeten, Milton's Verleger sein zu dürfen, falls es 
diesem gefallen sollte eine Erwiderung in Druck zu geben. 



Der Buchhändler Vlac. 00 

Eh lässt sich denken, dass Hartlib sehr übel auf Vlac zu 
sprechen war, als er dessen Namen unter der Widmung vor 
dem „Aufschrei des königlidien Blutes" erblickte, und dass 
Milton sich wohl hütete mit einem Manne in Verbindung zu 
treten, der beiden Parteien auf jede Weise zu dienen bereit 
war, um an beiden möglichst viel Geld zu verdienen (*). 

Nächst Vlac war Morus sell)st höchst gespannt auf das 
Erscheinen der Gegenschrift Milton-s. Ihm musste alles daran 
liegen, diesen schon vorher davon zu überzeugen, dass er 
nicht der Autor jenes Libells sei. Im April 16')4 kam John 
Durie nach den Niederlanden. Durie's nahe Beziehungen zu 
Milton waren bekannt, durch ihn liess man daher sofort und 
wiederholt den Dichter bedeuten, dass nicht Morus, sondern 
ein französischer Geistlicher, dessen Name jMorus im Vertrauen 
einem Freunde mitgetheilt hatte, den „Aufschrei des könig- 
lichen Blutes" verfasst habe. Nicht genug damit: es wurde 
versucht noch einen stärkeren Druck auf Milton auszuüben^ 
um wenigstens Morus vor seinen Angriffen zu schützen, falls 
es niclit überhaupt gelänge, ihm Schweigen aufzulegen. Eng- 
land und die Niederlande hatten soeben, nach Errichtung des 
Protektorats, Frieden miteinander geschlossen. Es war von 
Wichtigkeit zu verhindern," dass etwas geschehe, was die 
Leidenschaften wiederum aufreizen könne. Einer der hollän- 
dischen Gesandten, Wilhelm Nieuport, war daher auf Morus 
Bitten gerne bereit, an officieller Stelle in England sein 
Interesse wahrzunehmen. Er bat den Staatssekretär Thurloe 
sehr ernstlich, die Sache bei Cromwell zur Sprache zu bringen. 
Er liess ausserdem durch zwei seiner Freunde, die ebenfalls 
mit Milton genau bekannt waren, diesen ersuchen, von seinem 
Unternehmen abzustehn oder doch Morus zu verschonen (^). 
Die englischen Behörden waren indess durch die Entdeckung 
royalistischer Mordpläne gegen das Leben des Protektors zu sehr 
in Anspruch genommen, um für Morus Angelegenheit Flusse 
erübrigen zu können. Und Milton, wiewohl er sich jeder 
Beleidigung der Niederlande enthalten zu wollen versprach, 
erklärte doch zugleich, er habe die feste Ueberzeugung, sein 
anonymer Gegner sei niemand sonst als Morus (^). Dieser 



100 ^61' Buchhändler Vlac. 

hat später behauptet, Miltoü habe wider besseres Wissen 
gehandelt, nur um den pikanten Stoff, den er gesammelt 
hatte, nicht verloren gehen zu lassen. Der älteste Biograph 
des Dichters bestätigt dies, indem er ihn nach Kenntnis- 
nahme der Verwechselung von du Moulin und Morus ausrufen 
lässt: „es sei ihm ganz gleich, einer sei so schlecht wie der 
andere, und da er es einmal geschrieben habe, solle es in 
die Welt gehn". Allein diese Anekdote beruht anscheinend 
auf einer irrigen Angabe du Moulin's(^). Und so viel ist 
gewiss, dass es Milton sehr schwer wurde, sich von seinem 
Irrthum überzeugen zu lassen. Zwei Jahre lang war ihm, 
wie er sagt, ,,von jedem Einheimischen und von jedem 
Fremden", mit dem er über die Sache gesprochen hatte, 
Morus als Autor bezeichnet worden. Von einem „gelehrten 
und sachkundigen Manne", der ihm „wohlbekannt" und „in 
Holland sehr angesehen war", war einem seiner Freunde die- 
selbe Nachricht zugekommen. Briefe aus dem Haag und aus 
Amsterdam hatten mitgetheilt, Morus habe die Korrektur 
besorgt, Exemplare vertheilt und sich schriftlich und münd- 
lich der Autorschaft der Dedikation an Karl II. berühmt. 
Durie's Berichtigung machte keinen Eindruck auf ihn, denn 
Durie's Gewährsmann, ein Roy allst und Morus' Freund, dünkte 
ihn um so parteiischer, da er nur Morus' Sprachrohr sein 
konnte. Dessen Interesse, nicht für den Verfasser der 
Schmähschrift gehalten zu werden, lag aber am Tage, da er 
auf seine Stellung in den Niederlanden Rücksicht zu nehmen 
hatte. In demselben Lichte erschien der Vermittlungsversuch 
des holländischen Gesandten (2). 

Immerhin war es höchst bedenklich, sich so fest in diesen 
Gedankengang zu verrennen und auf die entgegengesetzten 
Stimmen nur mit halbem Ohre zu hören. Was hätte näher 
gelegen als der Schluss, dass wer die Widmung verfasst, des- 
halb nicht auch das Libell geschrieben haben müsse. Milton, 
gereizt wie er w^ar, schloss gerade umgekehrt und brachte sich 
damit in die zweideutige Lage, gegen Windmühlen zu kämpfen. 
Freilich was ihm über Morus zu Ohren gekommen, war so ver- 
fänglicher Art, dass auch ein anderer nicht leicht der Versuchung 



Angriffe gegen Morus. 101 

widerstanden haben würde, es weiteren Kreisen mitzutheilen. 
Es war eine ganze Skandalchrouik , voll der anzüglichsten 
Einzelheiten, die, untermischt mit sehr wenig geschmackvollen 
Wortspielen und sehr wenig anständigen Bildern, in klassi- 
schem Latein erbarmungslos vorgetragen wurde. ^Yas die genfer 
Epoche des Morus betriflft, so werden ihm sehr wenig erbau- 
liche Dinge nachgesagt. Nicht nur, dass von seinen „viel- 
fachen Ketzereien" die Rede w'ar, die er abzuschwören ge- 
zwungen worden sei, ohne sie aiikugeben, auch seine sittliche 
Aufführung hatte schweren Anstoss erregt. Ein Verhältnis mit 
dem Dienstmädchen seines Wirtes setzte er fort, selbst nachdem 
es sich verheiratet hatte. Man wusste, dass er mit ihr in einem 
Gartenhäuschen zusammenkam, ohne Zweifel doch nicht des- 
halb , „um ihr botanische Vorlesungen zu halten''. Er trieb 
es so weit, dass die Geistlichkeit über ihn, als einen Ehe- 
brecher, die Censur aussprach und ihn seines Amtes für un- 
würdig erklärte. Durch Vermittelung des Salmasius wurde 
er nach Middelburg berufen und führte auch dort einen un- 
moralischen Lebenswandel. Er fand im Hause seines gelehrten 
Gönnei'S eine Magd — IMilton nennt sie ,,nach dem beissenden 
Epigramm eines Holländers", das auch im Mercurius politicus 
erschienen war, „Pontia" — und sofort wai-f er seine begehr- 
lichen Blicke auf diese. Es kam ihm sehr gelegen die Ver- 
theidigung des Salmasius zu übernehmen, denn nun hatte er 
.,Tag und Nacht, um sich übei" dies Werk mit ihm zu be- 
rathen", Zutritt zu seinem Hause. Der Pontia versprach er 
die Ehe und gewann damit ihre Gunst. Aber nachdem er 
der Verfechter der stuartischen Sache geworden war und sieh 
die ganze oranisehe Partei dadurch verpflichtet glaubte, dünkte 
er sich „für das arme Dienstmädchen" zu hoch. Die Verlassene 
wandte sich klagend an Synode und Obrigkeit. Auf diese 
Weise wurde die Sache ruchbar. Salmasius war nicht un- 
empfindlich für den Sehimpf und Spott, dem er sich dadurch 
ausgesetzt sah, und so musste auch Morus noch dazu bei- 
tragen ihm die letzten Lebenstage zu verl)ittern. Neuerdings 
soll die Kirche von Middelburg den ,, stinkenden Bock" aus 
ihrer Gemeinschaft ausgestossen, die Obrigkeit von Amsterdam 



102 Angriffe gegen Salmasius und Vlac. 

ihm die Kanzel verboten haben. — Das also ist der Gegner, an 
den sich der Yertheidiger der englischen Republik glaubt 
halten zu müssen, ein ..treuloser, lügnerischer, undankbarer 
Mensch", ein Heuchler und ]\Iädchenjäger , „der den guten 
Ruf von Männei-n und Weibern in gleicher Weise zu schädigen 
sucht". 

Morus war die hauptsächliche Zielscheibe Milton's, aber 
er vergass über ihn weder den alten Gegner, der jenen be- 
nutzt, noch den geriebenen Buchhändler, der sich ihm zur 
vollen Verfügung gestellt hatte. Salmasius war freilich todt, 
und Milton wollte ihm „aus dem Tode keinen Vorwurf machen, 
wie man ihm einen Vorwurf aus der Blindheit gemacht hatte". 
Nichts desto minder hatte er Grund ihm auch über das Grab 
hinaus zu grollen. Ihm dankte er diese neue Fehde, von ihm 
wusste er sich durch eine nachgelassene Schrift noch immer 
bedroht. In Prosa und Versen wird daher der „Ränkeschmied", 
der von einem kritiklosen Lobhudler auf ein so erhabenes 
Piedestail erhoben worden war, sehr reichlich bedacht. Bei 
weitem unsanfter sah sich der Buchhändler Vlac angefasst. 
Sein wenig ehrenvolles Verhalten in der ganzen Sache wird 
ihm in den stärksten Ausdrücken vorgerückt. Seine Ver- 
gangenheit giebt nach Milton's Behauptungen gleichfalls zu be- 
denklichen Urtheilen Anlass, Er nennt ihn einen „notorischen 
Schwindler und Verschwender'". Er weiss von ihm zu be- 
richten, dass er lange ., einen heimlichen Handel in London 
betrieben und nach unzähligen Betrügereien mit Zurücklassung 
von Schulden das Weite gesucht habe". In Paris habe er es 
nicht besser gemacht ('), er sei von dort geflohen und im 
Haag als „neugeborener Buchdrucker" wieder aufgetaucht. 

Die drei „Schauspieler des Dramas-'. Morus, Salmasius, Vlac 
waren genügend gekennzeichnet, und nichts war versäumt 
worden sie der Lächerlichkeit und Verachtung Preis zu geben. 
Es wäre indess ein Mangel der Komposition gewesen, diesen 
Karrikaturen nicht auch Bilder von reinen, anmuthenden 
Zügen entgegenzustellen. Indem Milton sich dazu entschloss, 
beugte er der Ermüdung des Lesers vor und gewann die Mög- 
lichkeit grimmigen Hohn mit freudigem Lobe, niedrige Witze- 



Milton's Selbstportrait. 103 

leien mit erhabenem Pathos, übertriebene Ironie mit schlichter 
Erzählung wechseln zu lassen. Alle Vorzüge seines Stiles 
Icamen hiebei zur vollen Entfaltung, und die polemische Ge- 
legenheitsschrift, die in ihrem ersten Theile nur allzuhäufig 
durch rohe und unfläthige Spässe abslösst, erhebt sich in 
ihrem zweiten Theile zu einem grossartigen Denkmal histori- 
scher Darstellung. 

Am merkwürdigsten und werthvollsten bleibt für uns das 
scharf umrissene Selbstportrait, welches Milton, nach Art der 
grossen Kiinsller, kühn genug war zu entwerfen und gegen 
das Zerrbild zu halten, das seine Gegner geschaffen hatten. 
Sie hatten ein Ungeheuer aus ihm gemacht, ein „Monstrum" 
an Körper und Geist, um durch die Brandmarkung des Ver- 
theidigers der englischen Nation diese selbst zu brandmarken. 
Er sieht sich genöthigt mit eigener Hand seine Persönlich- 
keit und seinen Lebensgang zu schildern, damit sein Vater- 
land wisse, dass es keinen ehrlosen Mann zum Verfechter 
seiner Sache gewählt habe. Eine solche Aufgabe wird immer 
etwas Missliches an sich haben. Einem Schriftsteller von der 
Natur Milton's, in dem eine starke Ader des Selbstbewusst- 
seins schlug, konnte sie doppelt gefährlich werden. Es ist 
ihm indess nicht übel gelungen sich von üebertreibung und 
Schönfärberei fernzuhalten. Die Darstellung seiner Jugend- 
zeit und seines früheren Mannesalters , auf die wir so häufig 
haben Bezug nehmen müssen, ist ruhig und objektiv gehalten, 
als handle es sich um eine dritte Person, Freilich nimmt 
das stolze Gefühl , das ihn über gemeine Anschuldigungen 
emporhebt, nicht selten einen starken Ausdruck an. Er tlmt 
sich etwas zu Gute darauf, dass er. der Republikaner, seinen 
ehrlichen Namen einsetzt, während seine Feinde „unter könig- 
lichem Schutze", sich „wie Diebe" verstecken. Er betont, 
dass es ihm nicht um klingenden Sold zu thun ist, während 
€r in ihnen nur feile Lohnschreiber erblicken kann. Er pocht 
auf seine fleckenlose, sittenreine Vergangenheit, indess er 
«einem Angreifer Laster auf Laster glaubt vorwerfen zu dürfen. 
Selbst über seine äussere Erscheinung meint er, nach dem, 
was die Gegenpartei verbreitet hatte, ein Wort sagen zu 



104 Charakteristik der politischen Grössen Englands. 

müssen. Und indem er auf seine Blindheit zu sprechen 
kommt, an der sich seine Widersacher geweidet hatten, 
mischen sich Entrüstung, Schmerz und stille Ergebenheit in 
das schwere Geschick zu einem überaus wirkungsvollen 
Ganzen. Er tröstet sich mit dem Gedanken, „dass es nicht 
so elend sei, blind zu sein, als die Blindheit nicht ertragen 
zu können". Er gefällt sich in der Erinnerung an alle die 
Weisen und Helden der Vorzeit, von Tiresias und Timoleon 
bis zu Dandolo und Zanchius, die dasselbe Leiden wie er zu 
tragen gehabt, „und deren Missgeschick die Gottheit durch 
andere Gaben ausgeglichen hat". Den Spöttern ruft er zu: 
„Die Blinden stehn unter Gottes Schutz . . Wehe dem, der 
uns verhöhnt, und verletzt . . ich fühle mich gegen den An- 
griff der Menschen nicht nur geschützt, sondern durch Gottes 
Gunst beinahe geheiligt, . . in meiner Dunkelheit strahlt das 
Licht der göttlichen Gegenwart nur um so heller". 

Man hatte die Häupter der englischen Revolution, die 
Männer,, welche das Heer von Sieg zu Sieg geführt, welche 
die Staatsverwaltung unter den schwierigsten Umständen 
übernommen hatten, gleichfalls mit Schmutz beworfen. Es 
war nur billig auch ihre Charakterbilder von den entstellen- 
den Flecken zu reinigen, damit sie nicht in dieser Weise auf 
die Nachwelt kämen. Und so erscheinen die Fleetwood, 
Lambert, Desborough, Whalley, Overton, Whitelocke, Picker- 
ing, Strickland, Sydenham, Sidney, Montague, Lawrence ent- 
weder etwas genauer skizzirt oder doch mit einem ehrenden 
Beiwort geschmückt. John Bradshaw, „dessen Name überall 
mit Beifall genannt werden wird, wo man die J^eiheit kennt 
und liebt", erhält eine ausführlichere, von Lob überfliessende 
Charakteristik. Fairfax wird mit einem der antiken Heroen 
verglichen, von denen die Dichter singen, dass sie nach 
Thaten unsterblichen Ruhmes mit den Göttern olympische 
Ruhe gemessen. Die Persönlichkeit Cromwell's endlich be- 
schäftigt den Verfasser so sehr in erster Linie und reizt ihn 
zu so bemerkenswerthen Aeusserungen , dass es nothwendig 
erscheint, dieses Abschnittes seiner Schrift noch in anderem 
Zusammenhange zu gedenken. Selbstverständlich spricht. 



Behauptung des früheren Standpunktes. 105 

Milton auch liier immer als entschiedener Parteimann, aber 
es bedarf nur eines flüchtigen Vergleiches seiner Skizzen mit 
denen der royalistischen Federn, um zu erkennen, auf welcher 
Seite man der Wahrheit am nächsten kam. Milton hatte 
nicht nur den Vortheil eines feinen psychologischen Blickes, 
sondern auch, in vielen Fällen, genauer persönlicher Bekannt- 
schaft. Bradshaw nennt er den „Freund, den er aufs höchste 
verehrt". Mit dem Colonel Robert Overton, dem tapferen 
Soldaten, der sich schon bei Marston-Moor ausgezeichnet, das 
Kommanck) in Hüll gehabt und seine reichsten Lorbeeren im 
letzten schottischen Feldzug erworben hatte, fühlte er sich 
,,seit vielen Jahren wegen der Aehnlichkeit der Studien und 
der Anmuth seiner Sitten durch eine mehr als brüderliche 
Eintracht innig verbunden" (i). Von Montague, dem späteren 
Admiral und Mitglied des Cromwell'schen Hauses der Lords, 
von Lawrence, Präsidenten des Cromweirschen Staatsraths, 
spricht er wie ein genauer Bekannter. Fleetwood, den seine 
Heirat mit Ireton's Wittwe zu Cromwell's Schwiegersohn ge- 
macht hatte, beurtheilt er anscheinend gleichfalls aus eigener 
langjähriger Erfahrung. 

Indessen einen so grossen Raum das Persönliche in dieser 
Schrift Milton's einnimmt, so lässt er deshalb die Sache, um 
die es sich handelt, nicht aus dem Auge. Er weicht keinen 
Sehritt zurück, sondern fühlt sich durch den Erfolg seiner 
ersten Vertheidigung nur noch bestärkt, seinen Standpunkt 
zu behaupten. Die Thaten des independentischen Heeres er- 
halten in ihm aufs neue ihren begeisterten Herold. Der 
Process und die Hinrichtung des Königs werden von ihm 
noch ein Mal als völlig gerechtfertigte Handlungen dargestellt. 
Die politische Theorie der Gegner erscheint ihm lächerlich 
und für das Königthum selbst im höchsten Grade schädlich, 
die seinige dagegen einzig menschenwürdig und ungefährlich 
für das monarchische Princip. „Wenn ich Tyrannen angreife, 
was geht das die Könige an? Ich hüte mich wohl diese jenen 
gleichzustellen. Ich behaupte vielmehr : wie sich ein ehrlicher 
Mann von einem Schurken unterscheidet, so unterscheidet 
sich ein König von einem Tvrannen". Eben daher sucht er 



106 Behauptung des frühereu Standpunktes. 

die Befürchtungen zu widerlegen, als habe die englische Re- 
gierung revolutionären Ursprungs es auf eine gewaltsame 
Propaganda abgesehn, als sei ihr Dasein den übrigen Mächten 
Europa's bedrohlich. „Nur unsere eigenen Angelegenheiten 
haben uns beschäftigt, um diejenigen andeier bekümmern wir 
uns nicht. Das Gute, was unsere Nachliarn von uns lernen 
mögen, missgönnen wir ihnen nicht, den Schaden, der aus 
unserem Beispiel erwächst, können wir allein dem Missbrauch 
unserer Grundsätze zuschreiben". Es war nur politisch, wenn 
ein Mann in Milton's Stellung diese Sprache führte, und von 
demselben Gesichtspunkte aus ist es zu beti-achten , wenn er 
das Verhältnis seines Staates zu einzelnen der fremden Mächte 
in das beste Licht zu stellen und schon dadurch seinen Gegner 
abzuführen versucht. Die mehrfachen Gesandtschaften der 
„edlen Franzosen" werden rühmend erwähnt. Die „brüder- 
liche" Gesinnung der Niederländer lässt ihn hoffen, dass der 
eben mit ihnen abgeschlossene Friede von ewiger Dauer sein 
möge*. Eine lange Abschweifung gilt dem überschwänglichen 
Lobe Christinen's von Schweden, deren Beurtheilung seiner 
ersten Veitheidigung dem Autor, ohne Zweifel in übertriebener 
Form, zu Ohren gekommen war. Man wird die Schmeiche- 
leien, die er der bizarren Tochter Gustav Adolfs sagt, nicht 
auf niedere Beweggründe zurückführen wollen. Er glaubte 
ihr zu Dank verpflichtet zu sein und nahm daher den Mund 
etwas voll. Kaum verzeihlich dagegen erscheint es, dass er 
seinen vermeintlichen Gegner, „den genfer Flüchtling" förm- 
lich als einen Menschen denuncirt, der seine neue Heimat 
entehre und gefährde, und dass er nicht übel Lust bezeigt 
von den holländischen Behörden seine Ausweisung zu fordern. 
Es lässt sich denken, dass Morus der Veröffentlichung 
von Milton's Schrift nicht ohne Sorgen entgegensah. Nach 
Milton's späterer Behauptung „wagte er gar nicht mehr das 
Auge von der Küste abzuwenden", an der das gefürchtete 
Buch anlangen musste. Er wusste sodann, wie er ihm vor- 
wirft , den Vertrieb zu verhindern , bis seine Antwort fertig 
geworden war. Diese selbst wurde einem schlechten Nach- 
druck der Milton'schen Schrift angehängt. Wiederum war es 



Vlac's Nachdruck uebst Morus' Fides puhdica. 107 

Vlac, aus dessen Druckerei das Ganze hervorf,nenfr, und dieser 
konnte somit nicht nur auf bedeutenden Geldgewinn reclinen, 
sondern zugleich seine eigene Yertheidigung anfügen (9- Er 
Hess indessen zuerst einem gewissen Doktor der Theologie, 
Georg Crantz , das Wort. Dieser , ein Verwandter des be- 
rühmten Historikers gleichen Namens, gab „wenn auch köiper- 
lich leidend" ein eigenhändiges Zeugnis für Morus ab. Frei- 
lich sah dasselbe etwas zweideutig aus. Crantz gestand zu, 
dass sich sein Schützling durch allzu grosse Freiheit der Rede 
viele Feinde gemacht habe. Der verstorbene Spanheim habe 
ihm nichts vorzuwerfen gehabt als stolzes Wesen. Salmasius 
habe nur das an ihm ausgesetzt, dass er nicht fleissig genug 
und zu leichtgläubig sei, übrigens aber seine Taleofe aufs 
höchste gerühmt. Morus habe freilich seine Gemahlin verletzt, 
aber er , Salmasius selbst , wolle mit ihr der Kuppelei schul- 
dig sein, wenn Morus die ihm gemachten Vorwürfe verdiene. 
Von Milton dagegen weiss dieser Doktor der Theologie alles 
mögliche Schlechte zu sagen, das er namentlich aus dem nach- 
gelassenen Werke des Salmasius schöpft. Selbstverständlich 
figuriren an der Spitze dieses Sündenregisters wieder die Schriften 
über die Ehescheidung. 

Hieiauf sprach der Buchhändler Vlac für sich selbst. 
Er erklärte , der Autor jenes Lil)ells , das den ganzen Streit 
hervorgerufen hatte, sei ihm bis zur Stunde unbekannt, setzte 
seine Beziehungen zu Hartlib und INIilton auseinander und 
wies die schweren Beschuldigungen des letzten zurück. Nach 
seinem Dafürhalten beruhten diese auf den Aussagen eines 
übelwollenden ungenannten Berufsgenossen, desselben, aus 
dessen Presse Milton's zweite Vertheidigung hervorgegangen 
sei. Er gab einen Ueberblick über seinen Verlag, erzählte 
von den Plackereien, die er während seines englischen Auf- 
enthaltes von der Innung der Stationers zu erdulden gehabt, 
von den zünftischen Eifersüchteleien, die ihn auch nach Paris 
hin verfolgt hätten und machte kein Hehl daraus, dass er 
für die Widmung an Karl H. nur seinen Namen hergegeben 
habe(-). Alles, was er vorbrachte, war mit Ausfällen gegen 
Milton reichlich durchzogen. Er warf sogar die Frage auf, 



108 Vlac's Nachdruck nebst Morus' Fides publica. 

ob dieser durch Herausgabe seiner Schmähschrift nicht einen 
Artikel des englisch-niederländischen Friedens verletzt habe. 
Endlich kam Morus selbst an die Reihe, ausgerüstet mit 
einer Masse von Aktenstücken, siegesgewiss im Gefühl ge- 
kränkter Unschuld, wählerischer in der Auswahl lateinischer 
Schmähworte als sein Gegner, aber immer noch derb und 
beleidigend genug. Auch er suchte die ganze Sache zu einer 
Staatsaktion aufzubauschen. Es lag ihm um so näher an den 
eben abgeschlossenen Frieden zu erinnern, da niemand anders 
als er selbst die Friedensartikel in's Französische übersetzt 
hatte. Er erwälinte die Bemühungen Durie's und ISieuport's, 
um zu zeigen, dass Milton ihm wider besseres Wissen die 
Autorschaft des „Aufschreis" zugeschrieben^ habe. Ueber den 
wahren Verfasser machte er nur einige Andeutungen ohne ihn 
zu nennen. Doch glaubte dieser eine Zeit lang sich schon 
hierdurch für sehr gefährdet halten zu müssen. Was Milton 
betrifft, so war er für Morus wie für Vlac, und ohne Zweifel 
auf dieselbe Autorität hin, ein Mensch „aus allen Verbrechen 
zusammengesetzt". Die Hauptsache blieb indessen für Morus 
den „Augias-Stall zu reinigen", dessen übelduftender Inhalt, 
wie er richtig vermuthete seinem Gegner von anderen zu- 
getragen worden war. Alle Beschuldigungen Milton's erklärte 
er für „gefälscht und erlogen", von unzweifelhafter Aechtheit 
erschien ihm nur Milton's „Unverschämtheit". Er Hess es daher 
an einer Aufzählung der eigenen Schriften nicht fehlen und 
erinnerte mit schlecht verhehlter Eitelkeit an die Masse von 
Akademieen und Kirchen, bei denen er in höchster Achtung 
stehe. In Ansehung seiner genfer Epoche rückte er mit 
mehreren Zeugnissen auf, von denen schon früher einige ge- 
druckt worden waren. Da war ein Schreiben der Kirche von 
Genf vom 25. Januar 1648, das sein Lob in den höchsten 
Tönen sang und nur obenhin veraltete Anklagen wegen 
„grässlicher Ketzerei^'. berührte, Anklagen die er längst sieg- 
reich zurückgewiesen haben wollte. Bürgermeister und Rath 
der Stadt Genf hatten sich am folgenden Tage auf seine 
Bitten in derselben Weise ausgesprochen und kundgethan, 
dass man in den Niederlanden seine Rechtgläubigkeit fälsch- 



Vlac's Nachdruck nebst Morus' Fides publica. 109 

lieh in Zweifel ziehe. Man hatte verbreitet, das Zeugnis der 
Compagnie vönörable sei anfechtbar, es sei in einer ausser- 
gewöhnlichen Sitzung ausgestellt, Morus habe die Stimmen 
erbettelt , die Angesehensten hätten sich geweigert zu unter- 
zeichnen. Am 10. April 1048 erfolgte daher seitens der genfer 
Geistlichkeit eine feierliche Bestätigung ihrer Urkunde, eine 
Zurückweisung jener Verdächtigungen, eine Erklärung, dass 
nur die Namen von drei Mitgliedern fehlten. Die Obrigkeit 
liess es wiederum (29. März und 12. April 1648) an bekräftigen- 
den Certüfikaten nicht fehlen. Zu guterletzt folgte noch ein 
Brief von Diodati, dem 1649 gestorbenen alten Freunde 
Milton's, an Salmasius, in welchem Morus gleichfalls als ein 
vortrefflicher Mensch, das unschuldige Opfer hämischer An- 
griffe, dargestellt wurde. Es war zwar von dem Uebermass 
seiner Hitze die Rede; auch dünkte Diodati das kirchliche 
Zeugnis etwas zu blumenreich. Uebrigens sprach er sich mit 
Entrüstung über die Feinde des Morus aus, welche falsche 
Gerüchte ausgestreut hätten, um ihn aus Genf zu vertreiben 
und um ihm in Holland die Thore zu verschliessen. 

Hier brach die Vertheidigung des Morus plötzlich ab, 
wie der Verleger in einer Nachschrift erklärte, weil der Ver- 
fasser durch eine Reise verhindert worden sei das übrige 
Material für den Druck einzuliefern. Morus befand sich in 
der That auf Urlaub, in Frankreich und in Italien, woselbst 
er trotz seines feindlichen Verhältnisses zu Milton bei Milton's 
alten Freunden, Dati und Holstenius gute Aufnahme fand(>). 
Erst im Jahre 1655 liess er eine Ergänzung seiner Ver- 
theidigung nachfolgen (2). Zunächst wurden noch weitere 
briefliche Zeugnisse aus genferischen Kreisen beigebracht: 
von Diodati, dem Juristen J. Godefroy, dem Theologen Sartoris, 
der gleichfalls mit Salmasius in Korrespondenz gestanden 
hatte. Dann aber wandte sich Morus zu einer aktenmässigen 
Widerlegung der Angriffe, welche gegen sein Leben in den 
Niederlanden gerichtet worden waren. Briefe der Geistlichkeit 
von Middelburg, Auszüge aus den Protokollen verschiedener 
Synoden, Zeugnisse der Obrigkeit von Amsterdam und der 
Schulbehörde wechselten mit einander ab. Auf diese Masse 



wo Vlac's Nachdruck nebst Morus' Fides publica. 

von Urkunden gestützt, erklärte Morus seinen Gegner für 
einen lügnerischen Schwätzer. Er läugnete, dass man ihn in 
Middelburg aus der Kirche ausgestossen , in Amsterdam am 
Predigen verhindert habe. Mit Salmasius wollte er bis zu 
dessen Tode gut Freund gewesen sein. Doch konnte er nicht 
in Abrede stellen, dass der Roman, der im Hause des Salmasius 
gespielt haben sollte, nicht ohne einen gewissen historischen 
Kern war. Aber er schob die ganze Schuld jenes ärgerlichen 
Handels auf die Frau des Salmasius, die nach den wenigen 
Andeutungen, welche er macht, als eine wahre Xanthippe 
erscheint. Sie hat sich, so behauptet er, mit einer ihm feind- 
lichen Partei verbündet, ganz Belgien mit „unsinnigen Ge- 
rüchten" erfüllt und ihn zuletzt gezwungen, so sehr Salmasius 
sich bemüht hatte die Sache friedlich beizulegen, einen Process 
gegen ihre Dienerin oder richtiger gegen sie selbst anzustrengen. 
Bei der Gerichtsverliandlung wie auf der Synode von Utrecht 
seien eine Menge offener und heimlicher Feinde mit zahllosen 
Verleumdungen gegen ihn aufgetreten, aber das Tribunal wöv\^ 
die Synode hätten ihm vollkommen Recht gegeben. — Auf 
diese Weise glaubte sich jMorus gegen ]Milton's Angriffe hin- 
länglich gedeckt zu haben. Jeder verständige Leser musste 
die Ueberzeugung gewinnen, dass es ihm ein Leichtes sein 
würde, den Autor jener Schmähschrift zu nennen, für den 
man ihn gehalten hatte. Jeder unparteiische Leser musste 
sich mit dem Glauben erfüllen, dass so viele übereinstimmende 
Beweisstücke, die für den Charakter des Angegriffenen 
sprachen, nicht gefälscht sein konnten. In beiden Beziehungen 
erschien die Rolle, welche Milton spielte, als eine wenig 
rühmliche. 

Er entschloss sich dennoch sie fortzusetzen. Eine „Ver- 
theidigung für sich selbst" stellte er dem Haupttheil der 
Morus'schen Schrift entgegen, und da er abgewartet hatte, 
bis die angekündigte Ergänzung derselben erscheinen würde, 
konnte er auch diese sofort erwidern ('). Es wäre 
vielleicht das Beste gewesen, wenn Milton sich hätte über- 
winden können zu schweigen. Sein literarischer Ruhm hatte 
bei der Fortsetzung dieser Debatte wenig zu gewinnen, und 



Milton's „Selbstvertheidigung". Hl 

auf seinen Charakter drohte, wofern er sich trotzig besserer 
Einsicht verschloss, ein kleiner Flecken zu fallen. Einer seiner 
Freunde, der Bremensei' Heinrich Oldenburii-, dem er sein 
Buch überschickt hatte, scheint denn auch den Wunsch aus- 
gedrückt zu haben , dass Milton sich anderen Gegenständen 
zuwenden möge. Eben dieser hatte die früher von ihm selbst 
getheilte Ansicht über die Autorschaft des Morus widerrufen. 
Ein anderer Bekannter dagegen, der Dichter Andrew Marvell, 
ermuthigte Milton durch sein hohes Lob der „zweiten Ver- 
theidigunp»" ohne Zweifel nicht wenig, den Kampfplatz zu 
behaupten. Er hatte sieh vorgenommen das Buch auswendig 
zu lernen, er verglich es mit der Trajanssäule und sah in 
ihm die verschiedenen Triumphe Milton's über seine Feinde 
abgebildet (^). Derartige schmeichelhafte Urtheile konnten 
ihres Eindrucks auf Milton nicht verfehlen, und da die Sache 
über eine persönliche Streitigkeit schon anfangs hinaus ge- 
wachsen war, hielt er sich für verpflichtet dem Feinde nicht 
das letzte Wort zu lassen. 

Xoch immer wäre es möglich gewesen die beiden Fragen, 
um die es sich handelte, zu trennen. W^enn Milton sich zu 
dem Geständnis zwang, im Autor des royalistischen Pamphlets 
geirrt zu haben, so brauchte er deshalb seine übrigen An- 
klagen noch nicht zurückzunehmen. Zugegeben, dass Morus 
in jenem Punkte den Gegenbeweis erbracht habe, so blieb 
noch immer der Zweifel bestehn, ob er auch in anderen 
Dingen so unschuldig sei wie er sich darstellen wollte. 
Milton begieng den Fehler beide Fragen zu vermischen. Er 
wollte auch nicht ein Titelchen von dem Behaupteten auf- 
geben. Er, der Blinde, wollte, wie der wirkliche Autor des 
„Aufschreis des königlichen Bluts" zu verstehn giebt, sich 
nicht nachsagen lassen, dass er wie ein Blinder von der Farbe 
gesprochen habe. Um sich nicht lächerlich zu machen, 
kümmerte er sich nicht um diesen, sondern blieb dabei, Morus 
sei der Schuldige. Durch und durch sophistisch suchte er 
das aus dessen eigenen Worten zu beweisen und liess sich 
durch nichts davon abbringen. Man kann sich der Ansicht 



112 Miltou's „Selbstvertheidigung". 

kaum verschliessen, dass er hier eine Position vertheidigte, 
die er selbst schon als verloren betrachtete. 

Mit grösserer Siegeszuversicht hielt er dagegen an den 
Anklagen fest, die er gegen den Charaktei- des Morus vor- 
gebracht hatte. In der That wäre es ein unverzeihlicher 
Grad von Leichtsinn gewesen, wenn er sie rein aus der Luft 
gegriffen hätte und nicht fähig gewesen wäre, wenigstens auf 
einige Quellen hinzuweisen , aus denen er geschöpft hatte 
Es ist schwer zu sagen, wer ihm zuerst für die Schilderung 
der Wirksamkeit des Morus in Genf als Gewährsmann gedient 
hat. Später nennt er einmal ausdrücklich die Theologen 
Th. Tronchin, J. F. Mermillod, J. Pictet, Amtsgenossen seines 
Widersachers, die sich bei ihren Anschuldigungen gegen ihn 
auf viele Zeugen gestützt hätten (^) (VL 408). Möglich, dass 
er mit dem einen oder anderen von diesen in Verbindung ge- 
treten war und von ihnen erfahren hatte, dass die ,. Anklage- 
punkte noch damals in der Stadtbibliothek von Genf auf- 
bewahrt würden". Diese Behauptung kehrt in der zweiten 
Schrift, der Selbstvertheidigung, noch zweimal mit aller Be- 
stimmtheit wieder. Es ist von „beinahe hundert Artikeln" 
die Rede, die als ein Denkmal der Schande des Morus in der 
genfer Bibliothek vorhanden seien (2). Auch wird der Name 
jenes Frauenzimmers — Claudia Pelletta - genannt, mit 
welchem Morus in Genf ein unerlaubtes Verhältnis gehabt 
haben soll. Geistliche und Gelehrte von Ptuf sollen bereit 
sein für die Wahrheit des Erzählten einzustehn. Die Empfeh- 
lungsbriefe, die Morus abdruckt, beweisen nur, dass man einen 
Menschen seiner Art lieber fortloben wollte, um nicht durch 
sein Bleiben einen Skandal zu veranlassen. Vor allem aber: 
sie sind ausgestellt worden, noch ehe Morus durch seinen 
unsittlichen Lebenswandel sich biossgestellt hatte. Sie be- 
rühren wohl seine Heterodoxie, aber sie schweigen von dem, 
wodurch er sich und seinen Stand ausserdem entehrte. Dies 
wurde ruchbar während der Zeit, in der er nach Ausstellung 
jener Briefe noch in Genf verweilte , und er hütet sich wohl 
das spätere Zeugnis der Genfer vorzuweisen, das einen ganz 
anderen Charakter trägt: Er war unverschämt genug es zu 



Milton's ,,Selbstvertheidigung''. 113 

fordern, man zögerte indessen zehn Monate lang es ihm zu 
geben. Als man seinem Drängen nachgab, geschah es wiederum, 
um ihn nur los zu werden und es nicht zu einem ärgerlichen 
Process kommen zu lassen (i). 

Es war klar, dass so ausführliche Angaben, die wohl ge- 
eignet waren, das Verfahren der genfer Behörden in ein eigen- 
thümliches Licht zu stellen, nicht ohne erneute Xacliforschungen 
an Ort und Stelle hatten gemacht werden können. Auch 
hatte man Milton nach Erscheinen seiner zweiten Vertheidigung 
darauf hingewiesen, dass er in Genf über den Werth jener Zeug- 
nisse Näheres erfahren würde (-J. Es war der berühmte Ezechiel 
Spanheim, der dem englischen Schriftsteller den Liebesdienst 
leistete, ihn mit neuem Material zu versorgen. Spanheim 
war um so eher bereit, Milton bei seinem Kampf zu unter- 
stützen, da Morus als ihr „gemeinsamer Gegner" gelten konnte. 
Schon Spanheim's Vater scheint, eifersüchtig auf Morus Talente, 
nicht zum besten mit ihm gestanden zu haben, sein Bruder 
Friedrich wurde in Leyden des Morus glücklicher Neben- 
buhler. Er selbst hatte am 14. Okt. 1654 Milton zur ge- 
lungenen Entlarvung des Verbrechers gratulirt, und Milton 
nahm keinen Anstand, einen Theil dieses schätzenswerthen 
Belastungszeugnisses seiner Selbstvertheidigung einzuver- 
leiben (^). Nicht weniger Mühe hatte er sich gegeben, die 
niederländische Epoche des ^lorus zu erforschen. Auch hier 
hütet Milton sich gar wohl, nur dem „allgemeinen Gerücht"' 
zu folgen. Er beruft sich auf „ausreichende Zeugen", auf 
„zahlreiche Briefe" , die ihm den Stoff zu seinen Anklagen 
zugetragen hatten. Und weit entfernt davon, etwas von dem 
Gesagten zurückzunehmen, sucht er den Eindruck desselben 
noch zu verstärken. Er gefällt sich in der drastischen Aus- 
malung einer Scene im Hause des Salmasius, bei der es sehr 
zu Ungunsten des Liebhabers Morus zu Handgreiflichkeiten 
gekommen sein soll. Er macht sich über seine nächtlichen 
Reisen zwischen dem Haag und Leyden lustig. Er spielt 
auf andere verfängliche Abenteuer an, deren Schauplatz 
Amsterdam gewesen sei, und behauptet, dass man auch wegen 

Storn. Milton u. ». Z. II. 3. S 



1]4 Milton's „Selbstvertlieidigung". 

dieser neuesten Vorgänge bei der Geistlichkeit Klage geführt 
habe. Den geistlichen Behörden selbst macht er den Vor- 
wurf, dass sie ähnlich wie diejenigen von Genf zur Wahrung 
der Standesehre ein Auge zugedrückt hätten. Sucht man 
die Kamen seiner Gewährsmänner zu erfragen, so sieht es 
freilich damit nicht zum besten aus. Durie hatte allerdings 
aus Basel geschrieben, dass man dort dieselbe schlechte 
Meinung von Morus hege, der er auch in den Niederlanden 
begegnet war. Aber seine Gewährsmänner waren Persönlich- 
keiten, „denen Morus verhasst sei". Von Johannes Longus, 
dem ersten Geistlichen, von Middelburg, hiess es , er habe die 
Maske des Morus nun durchschaut und seine frühere günstige 
Meinung völlig geändert. Aber urkundliche Beweise dafür 
wurden nicht beigebracht. Ein Theil der Skandalchronik, die 
Milton zum besten giebt, findet sich in der Korrespondenz 
des Heinsius und Vossius, welche gerne dazu bereit gewesen 
sein werden, ihr Scherflein beizusteuern. Einen Theil mochte 
er durcb den jüngeren Fiiedrich Spanheira erfahren haben. 
Endlich war er darauf aufmerksam gemacht worden, dass 
sogar die Wittwe des Salmasius geneigt sein werde, ihm 
Waffen gegen Morus zu leihen. 

So trübe jede dieser Quellen auch war, so scheint Milton 
dennoch nicht auf falscher Fährte gewesen zu sein. So viel war 
jedenfalls richtig: „Des Morus Hand war gegen alle und aller 
Hand gegen ihn". Unliebenswürdige Eigenschaften, von denen ihn 
auch seine Freunde nicht freisprachen, legten ihm Hindernisse 
aller Art in den Weg. Er wurde von den Synoden in ärger- 
liche Händel verwickelt. Nur wenige Jahre, nachdem er den 
Kampf mit Milton geführt hatte, wurden neue Anklagen gegen 
ihn laut, die einen bedenklichen Schluss auf seine Vergangen- 
heit zu ziehen gestatten. Es ist nicht nur von „Lüge, Falsch- 
heit, Stolz", sondern auch von seinen „infamen Lastern" die 
Rede. Eine Reihe von Beschwerdepunkten, die vor der 
Synode der wallonischen Kirchen gegen ihn erhoben wurden, 
lief darin aus, dass er „als ein leichtfertiger und unbeständiger 
Geist von schmutzigen und unkeuschen Trieben und einem 
unerträglichen Stolz" bezeichnet wird. Auch fehlt es aus dem 



Schwächen und Stärken Milton's. 115 

späteren Leben des Monis nicht an gewichtigen Zeugnissen, 
welche diese Charakteristik bestätigen und auf sein fili- 
heres Leben einen Rückschluss erlauben. Anschuldigungen, 
wie sie Milton vorgebracht, wie sie in den Niederlanden aus- 
gesprochen wurden, tauchten wieder gegen Morus auf, als er 
in einen anderen Wirkungskreis berufen worden war und dort 
seine heuchlerische Rolle fortspielte (^). 

Obwohl Milton in der Bekämpfung dieses Gegners sich ge- 
nöthigt sah, in die Region gewöhnlichen Klatsches herabzu- 
steigen, so nimmt doch auch in dieser Schrift seine Schreibweise 
mitunter einen höheren Flug. "Wenn er der grossen Sache ge- 
denkt, deren Vertheidigung ihm diese persönlichen Streitigkeiten 
eingetragen hatte, wenn er die reformirte Geistlichkeit beschwört 
ihre Würde zu wahren , wenn er sich nochmals auf das stolze 
Bewusstsein seiner eigenen sittlichen Reinheit beruft, so erkennt 
man den Autor der beredten kirchlichen und politischen Flug- 
schriften wieder. Wenn er dem niederländischen Gesandten 
seine Hochachtung ausdrückt, wenn er den Feinden England's 
verwehrt unter dem Namen der Generalstaaten Schutz zu 
suchen, wenn er seinerseits den jüngsten Friedensvertrag für 
sich geltend macht, so kann sich der diplomatisch geschulte 
Staatssekretär nicht verläugnen. Allerdings die Ausfälle 
grimmigen Hohnes, die er sich gegen Morus, Crantz, Ylac 
erlaubt, werden uns wiederum als sehr ungeniessbar er- 
scheinen. Sie sind häufig ebenso witzlos wie roh, und Milton 
selbst hat es gefühlt, dass seine Sprache einer Rechtfertigung 
bedürfe. Er sucht sie in den Beispielen der Bibel und der 
Antike und findet, dass man auch dort das „Nackte" mit 
seinem Namen genannt sehe. Uns wird es mehr Eindruck 
machen, wenn er ein Mal, zur Wuth gereizt, in den Ausruf 
ausbricht: „Ich bin ein Mensch und trage ein menschliches, 
kein eisernes Herz in der Bmst". 

Vergnügen fand er freilich an dem Geschäfte nicht, das 
ihm zugefallen war. Aber seine Arbeit schien ihm doch auch 
keine „vergebliche" zu sein (2). Denn immer stand ihm das 
Allgemeine über dem Persönlichen. In seinem vermeintlichen 



WQ Schwächen und Stärken IMilton's. 

Privatfeinde glaubte er den „Schurken, den Entehrer der 
Religion und seines Standes, die Schande der Gelehrsamkeit,^ 
den Verderber der Jugend" zu treffen. Indem er sich selbst 
vertheidigte, hoffte er der Freiheit seines Volkes einen Dienst 
zu leisten, „die es sich durch eigene Kraft errungen und nicht 
erst von anderen überkommen hatte". Er war nun einmal 
der Herold dieses revolutionären Staatswesens geworden. Er 
wusste, dass ein ganzer Welttheil auf ein literarisches 
Gladiatorenspiel blicken würde, Avelches unter anderen Um- 
ständen wenig Anziehungskraft gehabt hätte. Und so hatte 
er im Eingang seiner zweiten Vertheidigung die stolzen Worte 
gesprochen: „Ich sehe mich im Geiste auf der Kostra, 
umgeben von dem ganzen aufhorchenden Europa . . Es ist 
mir, als stände ich auf einer gewaltigen Höhe und über- 
schaute alle die weiten Lande und 'unzählige Massen mir 
unbekannter Gesichter, deren Mienen die grösste Theil- 
nahme . verrathen. Hier erblicke ich die mannhaften und 
freiheitsliebenden Deutschen, dort die Franzosen mit ihrem 
lebhaften und edlen Ungestüm, hier die Spanier mit be- 
sonnenem Muthe, dort die gesetzten, edelsinuigen Italiener. 
Alle Freunde der Freiheit und Tugend, mögen sie es für ge- 
rathen halten sich zu verbergen oder an's Licht hervortreten, 
schenken mir entweder im Stillen oder öffentlich ihre Gunst, 
andere eilen herbei und rufen mir Beifall zu, andere ergeben 
sich endlich der Macht der Wahrheit. Umringt von den ver- 
sammelten Massen ist es mir, als sähe ich von den Säulen 
des Herkules bis zum indischen Weltmeer die lange vertriebene 
und flüchtige Freiheit zu ihrer Heimstätte bei allen Völkern 
zurückkehren. Mein Volk bietet ihnen eine edlere Frucht, 
als die war, welche Triptolemus einst über die Lande getragen 
haben soll. Es streut den Samen der Freiheit und Bildung 
über Städte, Königreiche und Völker aus". 

So viel Irrthümliches bei dieser rühmenden Beurtheilung 
der englischen Revolution mit unterlief, grossartiger war sie 
niemals aufgefasst worden. Auch dies Mal konnte sich der 
ideale Grundzuft- der Persönlichkeit Milton's nicht verläugnen. 



Schwächen und Stärkeu Milton's. 117 

Mochte er es auch mit einem sehr schmutzigen Stoff zu thun 
haben, moclite er nicht immer wählerisch in seinen Worten 
sein: die Macht seiner Individuahtät verleiht einem an sich 
gleichgiltigen und niedrigen Gegenstande ein Interesse, ähn- 
lich demjenigen, das uns die derben Streitschriften ver- 
wandter Geister, wie eines Hütten oder Luther, fast ohne 
Ausnahme abnöthigen. 



Viertes Kapitel. 
Milton und Cromwell. 



Als Milton seine zweite Yertheidigung des englischen 
Volkes schrieb, war er schon nicht mehr der Diener der 
Republik, sondern der Diener des Protektorats. Das grosse 
Ereignis der Erhebung CromweH's hatte sich vollzogen. Eng- 
land hatte einen ersten Schritt zur Monarchie zurückgemacht. 
Immer mächtiger war im Verlauf der Bewegung Crom- 
weH's Gestalt hervorgetreten. Nicht in dem Berathungssaal 
von Westminster, sondern auf den Schlachtfeldern von Preston 
und von Drogheda, von Dunbar und von Worcester hatte die 
Entscheidung über den Gang der Ereignisse gelegen. Ein 
Heer , von Sieg zu Sieg geführt , erfüllt mit enthusiastischen 
Gedanken politischer und religiöser Reform, war zur ersten 
Macht in diesem Gemeinwesen geworden. An seiner Spitze 
stand der Mann, der im Beginn der Revolution nichts gewesen 
war als ein einfacher Landwirt, und den ein Jahrzehnt blu- 
tiger Kämpfe und angestrengter Arbeit zum ersten Feldherrn 
und zum ersten Staatsmann seines Volkes gemacht hatte. 
Seitdem die Sammlung von CromweH's Briefen und Reden, 
als würdigstes Denkmal seiner Grösse, jedem zur Einsicht 
vorliegt, hat man angefangen die Schuld zu sühnen, welche 
Schriftsteller jeder Partei gegenüber seinem Andenken auf 
sich zu nehmen gewetteifert haben. Cromwell gilt nicht mehr 
als das verabscheuungswürdige Muster eines ehrgeizigen 



Oliver Cromwell. 119 

Heuchlers, weil Ehrgeiz eine der mächtigsten Triebfedern 
seiner Natur bildete und weil er die Sprache der „Heiligen" 
redete. Man beginnt zu erkennen, dass ihn auf seiner domi- 
gen Laufbahn etwas Höheres leitete als nur der Gedanke 
an sich selbst, und dass die mystischen Worte, in die er 
seine Ideen kleidete, etwas mehr waren als der angelernte 
Jargon der herrschenden Sekte. Ein und dasselbe Gefühl 
durchzieht alle seine Aeusserungen , von den vertraulichsten 
Briefen, die er an Verwandte und Freunde richtet, bis zu 
den feierlichen Ansprachen an die Vertreter der Nation: das 
Gefühl, ein erwähltes Rüstzeug in der Hand Gottes zu sein, 
dasselbe Gefühl, dem Milton einst Ausdruck gegeben hatte, 
als er erklärte, sich „immer wie unter dem Auge seines 
grossen Werkmeisters" zu wissen. Der Independent mochte 
sich über die Schranken des dogmatischen Systems erheben. 
Aber er wurde unwiderstehlich dazu angetrieben, jedes Er- 
eignis seines Lebens in unmittelbare Beziehung zum göttlichen 
Willen, zum Weltgeist, zu setzen, in allem „den Herrn zu 
suchen" und, wo die menschliche Schwäche es zuliess, auch 
zu finden. „Ich bedarf Mitleid — schreibt der Feldherr 1650 
während des Krieges gegen die Schotten einem Verwandten 
— ich weiss, was ich fühle. Grosse Stellung und hohes Amt 
in der Welt sind nicht werth, dass man darauf sieht. 
Auch würde ich in mir selbst keinen Trost haben, stände 
meine Hoffnung nicht auf der Gegenwart des Herrn. Ich 
habe diese Dinge nicht gesucht, wahrlich ich bin vom Herrn 
dazu berufen. Und darum bin ich nicht ohne Zuversicht, 
dass er mich, seinen armen Wurm und schwachen Knecht, 
fähig machen wird, seinen Willen zu thun und das zu erfüllen, 
wozu ich geboren bin. Ich bitte euch: Betet für mich"('). 
In dieser vorwaltenden Stimmung glaubte der Heros des 
Puritanismus indessen an eine göttliche Führung nicht nur 
seiner eigenen Angelegenheiten. Er war gewohnt auch alle 
Fragen des öff'entlichen Lebens vom religiösen Gesichtspunkte 
aus in's Auge zu fassen. Alles, was zur Vertheidigung des 
Gemeinwesens geschah, erschien ihm als „Sache des Herrn", 
und als Ziel aller Kämpfe betrachtete er die Herbeiführung 



120 Oliver Croinwell. 

des ..verheissenen Reiches der Herrlichkeit und des Friedens". 
Nach jedem Siege richtete er daher ernste Mahnungen an 
die Männer der Regiemng. Er nahm dabei einen Ton an, 
als hätten sie von ihm und nicht er von ihnen die Macht 
erhalten. Er beschränkte sieh nicht auf Allgemeinheiten, 
sondern bekundete durch den Hinweis auf bestimmte Punkte 
einen eminent praktischen Sinn, der sich mit dem schwär- 
merischen Grundzug seines Charakters sehr wohl vertrug. 
Es war den Tag nach der Schlacht von Dunbar, als er den 
Sprecher des Parlaments und durch ihn das Parlament hören 
Hess: ..Gebt Gott die Ehre, verläugnet euch selbst, aber 
verläugnet eure Macht nicht. Gebraucht sie zur Demüthigung 
der Stolzen und Frechen, die England"s Paihe, unter welchem 
Yorwande es sei, zu stören wagen. Erleichtert den Unter- 
drückten, hört die Seufzer der armen Gefangenen. Ver- 
bessert die Missbräuche jedes Berafes. und sollten Leute da 
sein, die viele arm machen um wenige reich zu machen, so 
lasst euch sagen: das passt nicht für eine Piepublik. Wenn 
der, welcher eure Diener zum Kampf stärkt, eure Herzen 
dazu antreibt, dann wird nicht bloss England Gutes davon 
haben, sondern ihr werdet anderen Nationen als anfeuerndes 
Vorbild voranleuchten". Und nach dem Siege von Worcester 
ergeht derselbe Piuf an dieselbe Adresse : „Ich bitte euch, 
richtet alle eure Gedanken dahin Gottes Ehre zu fördern, 
der uns so wunderbar errettet hat. Möge die Grösse seiner 
fortgesetzten Gnade nicht Stolz und Uel)ermuth erzeugen, wie 
es schon ein Mal bei einem erwählten Volke der Fall gewesen 
ist. Die Furcht des Herrn erhalte Eegierung und Volk 
demüthig und fromm. Gerechtigkeit und Piedlichkeit , Milde 
und "Wahrheit fiiesse von euch zum Dank für seine Gnade" (^). 
Ei-füllt von diesen Gesinnungen und zugleich von dem Be- 
wusstsein der eigenen Ueberlegenheit , war der siegreiche 
General nach London zurückgekehrt. Er war einige Jahre 
zuv^or den radikalen Stürmern und Drängern entgegengetreten, 
welche in dem Augenblick drohender auswärtiger Gefahren 
für tiefgreifende Neuerungen des öffentlichen und privaten 
Rechts agitirt hatten. Aber nun. nachdem diese Gefahren 



Milton's Sonett auf Croinwell. 121 

dank seinem tapferen Schwert grössten Theils bestanden 
waren, war er selbst dazu entschlossen, Veränderungen eines 
ZuStandes herbeizuführen, dessen Fortdauer aus mehr als 
einem Grunde unerträglich schien. 

Eben dies war es, was Milton, als einer unter vielen, 
von Cromwell hoffte. Wenige Wochen, ehe er Henry Vane 
seinen poetischen Tribut darbrachte, richtete er an Cromwell 
ein Sonett, das für den Eingeweihten klar genug sprach (>). 

Cromwell, du unser Haupt, der du gedrungen 

Dui'ch der Verleumdung Sturm, der Schlachten Blut, 

Gefülirt vom Glauben und des Herzens Muth, 

Der Frieden uns und Wahrkeit kühn errungen, 

Der Gottes Siegesbanner du geschwungen, 

Gezügelt des geki-öuten Feindes Wuth, 

Als deinen Euhm gerauscht des Parwen Fluth 

Und Dunbar's Höhn von deinem Ruhm erklungen, 

Und Worcester dir den Lorbeerkranz geflochten: 

Es bleibt uns vieles, was noch nicht erfochten, 

Und seine Siege hat der Frieden auch. 

Ein neuer Feind will unsre Seelen ketten. 

Oh hilf ein fi-ei Gewissen uns erretten 

Vor Miethlingswölfen, deren Gott ihr Bauch. 

Man kann nicht behaupten, dass der Schlussgedanke 
dieses Sonetts zum ersten Male bei Milton vorkäme. Ganz 
ähnlich hatte sich der mahnende Dichter vier Jahre früher 
an Fairfax gewandt. Genau in derselben Weise hatte er einst 
zur Bekämpfung der ,. neuen Gewissenstyrannen" aufgefordert. 
Er muss indess der Ansicht gewesen sein, dass man gewisse 
Dinge nicht oft genug sagen könne. Und somit sprach er 
ungescheut aufs neue ein scharfes Wort, das in letzter Linie 
die Träger der höchsten Gewalt trelf'en musste. 

In der That konnte die Haltung, die das Rumpparlament 
gegenüber den kirchlich -politischen Fragen einnahm, einen 
Milton und viele ihm gleich Gesinnte in keiner Weise befriedigen. 
Für sie war das System des Presbyterianismus nur eine verän- 
derte Ausgabe des Systems der bischöflichen Kirche. In dem 
einen wie in dem anderen erblickten sie ein unübersteigliches 
Hindernis für die Verwirklichung jenes Ideals religiöser Freiheit, 



122 Kirchenpolitische Angelegenheiten. 

(las ihnen vorschwebte. Sie mussten indessen bemerken, dass 
die Mehrheit des Parlaments davor zurückschreckte ihrem 
Drängen nachzugeben. Die Westminster - Synode hatte zwar 
am 22. Februar 1649 ihre letzte Sitzung gehalten, und mit 
ihr löste sich diejenige Körperschaft auf, deren Arbeiten 
wesentlich dem Presbyterianismus zu gute gekommen waren. 
Auch trat die presbyterianische Verfassung mit ihren regel- 
mässig wiederkehrenden provinciellen und örtlichen Versamm- 
lungen, abgesehen von London und Lancashire, nirgends in's 
Leben , und die Masse der independentischen Gemeinden fand 
ihr zum Trotz Duldung und Gunst. Allein diese Kirchen- 
verfassung war doch immerhin die anerkannte Kirchenver- 
fassung der ganzen Nation und die Gesetzgebung hielt daran 
fest, dass es eine Landeskirche geben müsse, deren Erhaltung 
und Beschützung Sache des Staates sei. Auch unter den 
Independenten , so heftig sie die presbyterianische Intoleranz 
bekämpften, rissen sich viele von dem Gedanken nicht los, 
dass die Fürsorge für die religiösen Interessen der Bürger zu 
den wichtigsten Aufgaben der weltlichen Obrigkeit gehöre, 
Ihnen gegenüber standen alle diejenigen, welche den Bund 
zwischen Kirche und Staat als unheilvoll und unsittlich be- 
trachteten, Sie forderten Aufhebung der erzwungenen 
Zehnten. Sie fanden, dass es über den Beruf der welt- 
lichen Obrigkeit hinausgehe, die Bürger bei Strafe zum Kir- 
chenbesuch anzuhalten oder Missionare zu den Ungläubigen 
auszusenden, Ihr Bestreben gieng dahin, die einheitliche Staats- 
kirche, welchen Namen sie auch trage, aufzulösen und durch 
die Fülle der selbstständigen, religiösen Vereine zu ersetzen. 
Seit dem Mai des Jahres 1651 hatte der Gegensatz 
dieser Ansichten an Schärfe gewonnen. Damals hatte „eine 
Akte für die bessere Ausbreitung und Predigt des Evange- 
liums, Erhaltung der Geistlichen und andere fromme Zwecke" 
zwei Lesungen passirt. Verwickelte Fragen von höchster 
Wichtigkeit wurden dadurch berührt und beschäftigten ernst- 
licher als jemals vorher die Gemüther. In welcher Weise 
der Staat jenen Pflichten genügen, durch welche Behörden 
er seine Kirchenhoheit ausüben solle, von welchen Bedingungen 



Kirchenpolitische Angelegenheiten. 123 

die Anstellung und Dotimng eines Geistlichen abhängig zu 
machen, in wie weit neben der privilegirten Landeskirche 
freien Gemeinden Duldung und Spielraum zu gewähren sei: 
alle diese Gegenstände wurden von den verschiedenen Par- 
teien mit leidenschaftlichem Eifer behandelt. Zur Entgegen- 
nahme von Petitionen ernannte das Parlament am 10. Februar 
1652 eine Kommission, deren bedeutendstes Mitglied Oliver 
Cromwell war. Einige Monate lang fesselte diese „Kommission 
für die Ausbreitung des Evangeliums" die allgemeine Auf- 
merksamkeit. Von allen Seiten strömten ihr Anträge zu. 
Die -Presbyterianer hielten in geschlossener Reihe ihren alten 
Standpunkt fest. Die Independenten spalteten sich in zwei 
Gruppen. Je verführerischer ihren Geistlichen die Aussicht 
winkte , ein gutes Stück von der Beute des allgemeinen 
Kirchenguts festzuhalten, desto weniger waren sie geneigt 
ein Institut wie das der Zehnten über den Haufen zu werfen. 
Je Wünschenswerther es ihnen erschien, dass die bürgerlichen 
Gewalten sich der Pflege der religiösen Interessen annähmen, 
desto entschiedener widersetzten sie sich dem Gedanken der 
Trennung von Kirche und Staat. In diesem Sinn war eine 
Reihe von Vorschlägen an das Parlament gelangt, welche 
die Unterschrift angesehener independentischer Geistlichen 
aufwiesen. Sie nahmen allerdings Rücksicht auf „Personen, 
die sich aus Gewissenskrupeln vom sonntäglichen Gottesdienst 
fem hielten" und auf solche, welche „mit dem vom Staat 
anerkannten Dogma und Kultus" nicht ganz übereinstimmten. 
Allein eben dadurch gestanden sie zu, dass es eine aner- 
kannte Staatskirche geben müsse. Dem Staate schrieben sie 
das Recht zu, durch Kommissäre „anstössige Geistliche" zu 
entsetzen und die Kandidaten für das Predigtamt prüfen zu 
lassen. Vom Staate forderten sie Einschreiten gegen die 
Verkündigung gewisser ketzerischer Lehren, welche „die» 
Gmndlagen der christlichen Religion" verletzten. Das her- 
kömmliche System der „öffentlichen Erhaltung" des geistlichen 
Standes hüteten sie sich anzugreifen, wennschon sie den Ge- 
nuss dieser öffentlichen Erhaltung nicht zu einem Privilegium 
der Ordinirten machen wollten ('). Aber es kamen auch 



1 24 Kircheupolitische Angelegenheiten. 

andere Stimmen aus dem independentischen Lager zur Gel- 
tung. Ein Aktenstück, das an den eben genannten Vor- 
schlägen scharfe Kritik übte, warf einige Fragen auf, welche 
bei vielen Lesern Entsetzen erregen mussten. Es waren die 
Fragen, ob Christus nicht Arbeiter in seinen Weinberg sende 
ohne Rücksicht auf den ,,Lohn der Menschen", ob es nicht 
Gottes Wille sei, dass zur Stärkung der Frommen , .Ketze- 
reien existirten, deren Bestrafung er sich selbst vorbehalten 
habe", ob es nicht der christlichen Freiheit zuwiderlaufe, 
„dass sich die Staatsgewalt in geistlichen Angelegenheiten ein 
Uitheil anmasse", ob es nicht Pflicht der Obrigkeit sei, den 
Juden, ,. deren Bekehrung wir erhoffen", zu gestatten friedlich 
in England zu wohnen (^). 

Von allen diesen Punkten hatte zunächst keiner eine so 
grosse praktische Wichtigkeit wie der erste. Denn unter 
dem ,.Lohn der i\lenschen" waren vor allem jene Zehnten 
verstanden, deren Beibehaltung oder Aufhebung so viele Inter- 
essen berührten. Das Parlament konnte sich der Behandlung 
dieser Angelegenheit nicht entziehen. Es forderte jene „Kom- 
mission für die Ausbreitung des Evangeliums" zur Begut- 
achtung der Frage auf, „in welcher Weise statt der Zehnten 
für einen genügenden und passenden Unterhalt eines frommen 
und fähigen Klerus gesorgt werden könne". Inzwischen soll- 
ten bis auf weiteres die Zehnten fortbezahlt werden. Eben 
um diese Zeit richtete Milton sein Sonett an Cromwell. Sein 
ursprünglicher Titel lautete: ..Ueber die Vorschläge, welche 
gewisse Geistliche der Kommission für die Ausbreitung des 
Evangeliums eingereicht haben", und sein Inhalt gab deutlich 
genug zu verstehn, wer unter den „gewissen Geistlichen" 
gemeint sei. Es waren alle diejenigen, welche das „freie Ge- 
wissen" zu ketten drohten, welche auf den hergebrachten 
..Miethlingssold" nicht verzichten wollten : Presbyterianer in 
erster Linie, aber auch nicht wenige Independenten. Hier, 
wo er für sich aliein spricht , macht Milton wieder kein Hehl 
aus seinen radikalen kirchenpolitischen Ansichten , und von 
Cromwell, dem angesehensten Mitgliede jener Kommission, 
hofft er, dass er ihnen zum Siege verhelfen werde. Allein 



Auswärtige Politik. 125 

er sah sich bald penug enttäuscht. Die Kommission erstattete 
erst nach Jaliresfrist ihren Bericht an das Parlament. Und in 
diesem fand die Theorie der Trennung von Kirche und Staat 
keinen Anklang. Durch Abstimmung wurde am 25. Februar 
1653 die grundsätzliche Entscheidung gefasst, „dass die bür- 
gerliche Obrigkeit in religiösen Angelegenheiten für die Aus- 
breitung des Evangeliums Gewalt habe'". Es folgten einige 
andere Beschlüsse, kraft welcher der Staat Kommissionen er- 
nennen sollte, um „fromme und begabte" Personen vor der 
Uebertragung eines Seelsorgeamtes und der damit verbun- 
denen Pfründe zu prüfen. Das „Miethlingswesen" sollte also 
auch in Zukunft bestehn bleiben. Der „Freiheit des Ge- 
wissens" drohten noch immer Gefahren. Das Rumpparlament 
stellte sich mit einem Worte durch seine Behandlung der 
kirchenpolitischen Fragen in Gegensatz zu denjenigen engli- 
schen Bürgern, die wie Milton dachten und fühlten (^). 

Es gab indessen noch andere Punkte, welche zum Wider- 
spruch gegen die republikanische Regierung herausforderten. 
Ihre auswärtige Politik, so glänzende Triumphe man ihr 
verdankte, hatte doch auch ihre bedenklichen Seiten. Bei 
jeder wichtigen Frage vor die Wahl gestellt sich für Frank- 
reich oder für Spanien zu entscheiden, deren Gegensatz die 
grossen Machtverhältnisse des Jahrhunderts bestimmte, konn- 
ten die Leiter des englischen Gemeinwesens es nicht über 
sich gewinnen, einen festen Entschluss zu fassen. Ihre Politik 
erhielt den Charakter des Schwankenden und Unsicheren, 
während der Puritanismus auf diesem Gebiete seit jeher ein 
klares Ziel in's Auge gefasst hatte. Noch immer erschien in 
den Augen der puritanischen Masse Spanien, der Vorkämpfer 
des Pabstthums, als nationaler Erbfeind, und es waren nicht nur 
die Durie und Hartlib, die eine Verbindung aller reformirten 
Mächte unter England's Führung, um die Interessen des 
europäischen Protestantismus zu schützen, für wünschens- 
werth hielten. Ohne Zweifel entsprach diese Ansicht der 
Dinge nicht mehr den wirklichen Zuständen. Die aufstrebende 
Macht, die ein Gegengewicht zu erfordern schien, war nicht 
Spanien, sondern Frankreich. Europa hatte aufgehört, sich 



126 Auswärtige Politik. — Missbräuche der Verwaltung. 

in zwei feindliche Lager zu theilen, die einzig um das Banner 
des Glaubens geschaart waren. ]\Iit dem Abschluss des west- 
phälischen Friedens war eine neue internationale Grundlage 
geschaffen worden. Das Zeitalter der Religionskriege war zu 
Ende und konnte nur noch wenige, vereinzelte Nachspiele 
finden. Allein jene Ansicht, veraltet wie sie war, hatte den 
Vortheil, durch ihre scheinbare Einfachheit zu bestechen und 
den Vorurtheilen der Masse entgegenzukommen. Die aus- 
wärtige Politik der Republik nahm eine andere Richtung. 
Ohne förmlich mit Frankreich zu brechen, Hess sie es an 
Verletzungen Frankreich's und an eben so viel Begünstigungen 
Spanien" s nicht fehlen. Wenn Frankreich die Einfuhr engli- 
scher Wollen- und Seidenstoffe verbot, so antwortete England 
mit einem Verbot der Einfuhr französischer Weine. Die Weg- 
nahme englischer Handelsschiffe durch französische Piraten 
wurde von England durch die Ausstellung von Kaperbriefen 
erwidert.. Robert Blake griff eine französische Flotille an, 
die im Begriff" war, dem bedrängten Dünkirchen zu Hilfe zu 
kommen. Dünkirchen selbst fiel darnach in die Hände der Spanier 
Spanien's Bundesgenosse, der Prinz von Condö, das Haupt 
der Fronde, wandte sich an das Rumpparlament um Beistand. 
Endlich konnte der grosse Krieg, der zwischen England und 
den Niederlanden entbrannt war, den Absichten Spanien's 
gleichfalls nur zu statten kommen (^). 

Eben dieser Krieg gab den Anlass zu jenen Härten und 
Missbräuehen der Verwaltung, auf welche Cromwell schon 
hie und da in seinen Briefen angespielt hatte. Krongut und 
Kirchengut wurden unter den Hammer gebracht, und dennoch 
fehlte es an Mitteln für die Bedürfnisse des Staates. Der 
englische Bürger, auch wenn er nicht zu der Klasse der 
„Delinquenten" gerechnet wurde, hatte eine schwere Last 
direkter und indirekter Steuern zu tragen. Der überführte 
Royalist vollends musste sich wohl oder übel eine Ausein- 
andersetzung mit den gestrengen Committees und eine un- 
barmherzige Verkürzung seines Vermögens gefallen lassen. 
Die Gelegenheit im Trüben zu fischen war zu verlockend, 
als dass sie nicht hätte benutzt werden sollen. Mochten die 



Missbräuche der Verwaltung. — Reformbill. 127 

Häupter der Regierung ihre sittliche Reinheit bewahren, es 
gab nicht wenige Persönlichkeiten von Einfluss, die der Ver- 
führung erlagen. Mitglieder des Parlaments wurden der Be- 
stechlichkeit beschuldigt und blieben, weil sie j\Iitglieder des 
Parlaments waren, unverfolgt. Auf dem Lande konnten sich 
Willkür und Egoismus der Kommissäre noch leichter jeder 
Beaufsichtigung entziehen. Ein Fall wie derjenige des alten 
Powell, den Milton aus nächster Nähe hatte verfolgen können, 
stand nicht vereinzelt da. Aber dem Verletzten war es nicht 
leiQht gemacht, sich Gehör zu verschaffen bei einem weitläufigen 
Rechtsverfahren, das der Verbesserung dringend bedürftig 
war, und gegenüber einer selbstbewussten Körperschaft, die 
■sich im Besitz der usurpirten Gewalt verewigen zu wollen 
Miene machte (^). 

Diese letzte Anmassung deckte die verwundbarste Seite 
des Rumpparlaments auf. Die Versammlung bestand für ge- 
wöhnlich aus einem halben Hundert von Mitgliedern, um bei 
wichtigen Abstimmungen auf wenig mehr als das Doppelte 
zn steigen. Sie hatte nichts Wichtigeres zu thun als bald- 
möglichst einer Nachfolgerin Platz zu machen , der man eher 
das Recht hätte zugestehen können, die Souveränetät des 
Volkes darzustellen. Eine Zeit lang drängten wichtigere An- 
gelegenheiten diese Frage in den Hintergrund. AVährend das 
Gemeinwesen selbst noch um sein Dasein zu kämpfen hatte, 
schien es gefährlich seine Schöpfer vom Schauplatz ver- 
schwinden zu lassen. So hatte, nach dem Vergleich Henry 
Marten's, die Tochter des Pharao das zarte Knäbleiu Moses 
keiner anderen Frau zur Auferziehung gegeben als seiner 
Mutter. Die Vorschläge des Kriegsraths und die Agitationen 
Lilburne's waren daher ohne Erfolg geblieben. Nichtsdesto- 
weniger hatte das Haus schon im Mai 1649 die Noth wendig- 
keit gefühlt, den Gegenstand jener Agitationen seinerseits in 
Betracht zu ziehu. Aber ehe man sich ül)er den Zeitpunkt 
der Auflösung schlüssig machen wollte, schien es nöthig, sich 
über eine so dringend gewünschte Reformbill zu verständigen. 
In dem Committee, das dieselbe auszuarbeiten hatte, nahm 
Henry Vane die wichtigste Stelle ein. Er hatte die ganze 



X28 Keformbill. — Kiimpparlament und Heer. 

Bedeutung der Frage erkannt und schloss sich in wesent- 
lichen Punkten an die früher gemachten Vorschläge an. Sein 
Bericht, den er am 9. Januar 1650 dem Hause abzustatten 
begann, ist gleichsam prophetisch für die englische Gesetz- 
gebung unseres Jahrhunderts. Ohne sich zu dem allgemeinen 
Stimmrecht zu bekennen, suchte Vane eine grössere Gleich- 
mässigkeit und Ausdehnung der Parlamentswahlen zu bewir- 
ken. Das aktive Wahlrecht sollte an einen bestimmten Census 
geknüpft, bei Bestimmung der Deputirtenzahl jeder Grafschaft 
die Summe ihrer Steuerbeiträge massgebend sein. Eine An- 
zahl alter Burgflecken sollte das Wahlrecht verlieren, dagegen 
grösseren Städten eine verstärkte Vertretung zu Theil werden. 
Indessen sollten die bisherigen Mitglieder nach wie vor die 
Repräsentation der Städte und Grafschaften bilden, für welche 
sie einst gewählt waren. Die Versammlung beschloss darauf- 
hin, dass die Mitgliederzahl des reformirten Parlaments vier- 
hundert jiicht übersteigen solle und schritt dazu, die einzelnen 
Theile der Akte an bestimmten Tagen zu berathen. Allein 
diese Berathungen zögerten sich von Monat zu Monat hin, 
ohne dass sie zu einem Abschluss geführt hätten. Erst als 
Cromwell zurückgekehrt war, wurde ei5 neuer Anstoss ge- 
geben. Er bestand darauf, dass zunächst ein Termin fest- 
gestellt werde, an dem sich das Rumpparlament auflöse. 
Seinem Einfluss gelang es in der That eine Bill durchzusetzen, 
welche den 3. November 1654 als Tag der Auflösung be- 
stimmte (18. November 1651). 

Aber das Ansehn des Parlaments war zu tief gesunken, 
als dass es ihm möglich gewesen wäre, sich bis zu dieser 
Frist zu behaupten. Von allen Seiten häuften sich die Klagen 
über die Parteilichkeit seiner Mitglieder, die Unwürdigkeit 
seiner Kommissäre, den Druck seiner Auflagen, die Ver- 
schleppung seiner Arbeiten. Auch dies Mal machte sich das 
Heer zum vornehmsten Dolmetscher des steigenden Unwillens. 
Und es waren die höchsten Officiere, es war der Feldherr 
selbst, die nun das Wort ergriff'en. Je weniger Grund vor- 
handen war sich einer Verminderung der Truppenzahl zu 
widersetzen, desto nöthiger schien es Cromwell, einen Druck 



Kumpparlament und Heer. 129 

auf das Parlament auszuüben, solange das Heer noch Beach- 
tung verdiente. Einige seiner Officiere drängten ihn zu kräf- 
tigem Vorgehen. Es war namentlich Lambert, der sich durch 
das Parlament zurückgesetzt glaubte, und Harrison, der in der 
schwärmerischen Weise der \Viedertäufer von einer radikalen 
Umgestaltung des Gemeinwesens träumte. Eine Petition des 
Kriegsrathes vom 13. August 1652 zählte die wichtigsten 
Forderungen auf. Sie erhoben sich über die finanziellen An- 
sprüche des militärischen Standes zu den Wünschen all- 
gemeiner Art, die im Lande laut geworden waren. Man 
wollte Ersetzung unwürdiger Geistlicher durch achtbare Pre- 
diger und der Zehnten durch andere Mittel des Unterhalts, 
Verbesserung des Rechtsverfahrens, Entfernung unehrlicher 
Beamten, Abschaffung überflüssiger Stellen und Gehalte, 
regelmässigere Verwaltung der Staatsgelder, Pieforra der 
Armengesetzgebung. Endlich sollten die Qualifikationen für 
die Mitglieder künftiger Parlamente bedeutend beschränkt 
werden, damit man nicht die Republik und die Gewissens- 
freiheit dem bösen Willen von Royalisten und Presbyterianern 
ausliefere. Das Parlament überwies die Petition einem 
Committee und sprach den Ueberbiingern den wärmsten 
Dank aus. Aber es blieb kein Zweifel darüber bestehn, dass 
ein geheimer Krieg zwischen der Versammlung und dem 
Heere geführt wurde. Wie manche Berathungen von ange- 
sehenen Vertretern der bürgerlichen und militärischen Gewalt 
auch stattfanden, wie manche Vorschläge der Vermittlung 
auch gemacht wurden, man kam sich um keinen Schritt näher. 
Das Parlament kämpfte für eine Fortsetzung seiner 
Autorität, die es als die höchste im Lande anerkannt wissen 
wollte. Es weigerte sich, einzelne anstössige Bestimmungen 
der Reformbill zu ändern. Seine Mitglieder behielten sich 
vor allem das Recht vor, auch ohne Wiederwahl in der 
künftigen, erweiterten Versammlung zu sitzen, ja sogar die 
Wahlen und die Zulässigkeit der neuen Abgeordneten für sich 
allein zu prüfen. Das Heer fühlte sich in einer gleichberech- 
tigten Stellung neben dem Parlament und forderte eine neue 
Regierung, bei deren Zusammensetzung es selbst mitgewirkt 

Stern, Milton u. =. Z. II. 3. 9 



J30 Rumpparlament und Heer. 

hätte. Es vermisste in der Reformbill gewisse Bürgschaften 
gegen das Emporkommen alter Feinde. Es bestritt dem 
Rumpparlament den Anspruch, selbst nach seiner Auflösung 
sich noch fortsetzen zu wollen. 

Niemanden konnte die Verschaifung dieser Gegensätze mit 
grösseren Sorgen erfüllen als Henry Vane , weil nicht leicht 
jemand die Kräfte, welche sich gegenüber standen, so gut zu 
schätzen wusste, wie er. Er mag einzelnes in den For- 
derungen Cromwell's und seiner Genossen als richtig an- 
erkannt haben. Er dachte jedenfalls nicht an einen drohenden 
Gewaltstreich. Noch schien die Hoffnung auf eine friedliche 
Lösung nicht verloren zu sein. Der grosse Sieg, den Blake 
im Februar 1653 über Tromp davontrug, warf noch einen 
glänzenden Schimmer auf die republikanische Staatsverwal- 
tung. Die Abkürzung des Auflösungstermins auf den 3. No- 
vember des laufenden Jahres (1653) war ein letztes Zuge- 
ständnis an die Gegner, das sieh die Mehrheit der Versammlung 
entreissen Hess. Aber zu weiterem war sie nicht zu bewegen. 
Sie schritt in der Berathung des Wahlgesetzes mit eben so 
grosser Hast fort, wie sie früher dieselbe verzögert hatte. Sie 
nahm dabei auf die Wünsche der Offi eiere keine Rücksicht 
und war gewillt, am 20. April ihr Werk zu beendigen. Den 
Abend vorher hatte in Cromweirs Wohnung eine jener Kon- 
ferenzen zwischen hervorragenden Mitgliedern des Parlaments 
und des Heeres stattgefunden. Der Vorschlag war gemacht 
worden, die tagende Versammlung, die sich ein Parlament 
nannte, sofort aufzulösen und die Regierung vorläufig einem 
von ihr ernannten, aus Officieren und Parlamentariern zusam- 
mengesetzten Rathe zu übertragen. Man hatte sich nicht 
darüber verständigen können, aber Cromwell und seine Ge- 
nossen rechneten darauf, dass nichts abgeschlossen werde, 
bis eine Einigung erzielt sei. Am Morgen des 20. April er- 
hielt er die Nachricht, dass die bestrittene Bill dennoch auf 
dem Punkt stehe, durch eine letzte Abstimmung Gesetzes- 
kraft zu erhalten. Er war entschlossen, es nicht zu dulden. 
Der Billigung seiner Kriegskameraden war er gewiss. Den 
Widerstand des Volkes hatte er nicht zu befürchten. Er eilte, 



Zersprengung des Rumpparlaments. 131 

begleitet von einigen Officieren, mit Zurücklassung einer Wache 
in der Vorhalle und an der Thür, in den Sitzungssaal. Eine 
Zeit lang hielt er sich mhig auf seinem gewohnten Platz. 
Als die entscheidende Frage gestellt wurde, erhob er sich 
entblössten Hauptes. Er begann damit, die Verdienste des 
Parlaments aufzuzählen, bis er plötzlich in einen anderen Ton 
übersprang. Fortgerissen von überwallender Leidenschaft, 
schleuderte er den Umsitzenden eben jene Vorwürfe in's Ge- 
sicht, die sieh in Stadt und Land gegen sie erhoben hatten. 
Die; erstaunten Mitglieder horchten auf, einzelne Zurufe wur- 
den laut, auch Vane Hess seine Stimme hören. Das steigerte 
die Erregung des Sprechenden. Er bewegte sich in dem 
Zwischengang des Saales heftig auf und ab, den Hut auf dem 
Kopf, abgerissene Sätze hervorstossend : „Ihr seid kein Parla- 
ment. Ich will eurer Session ein Ziel setzen. Macht ehr- 
licheren Leuten Platz". Was König Karl nicht gewagt hatte, 
wagte Cromwell. Er gab das Zeichen zum Eindringen seiner 
Musketiere. Der Sprecher wurde nicht ohne Widerstreben 
genöthigt, seinen Sitz zu rcäumen. Die Mitglieder verliessen 
ihre Plätze, von Schmähungen Cromwell's verfolgt. „Sir Harry 
Vane, soll er zu Vane gesagt haben, Ihr seid ein Gaukler, 
der alles dies hätte verhindern können. Der Herr erlöse mich 
von Sir Harry Vane". Soldaten nahmen das Scepter vom 
Tisch des Hauses, Cromwell steckte die Akte zu sich, die 
man berathen hatte. Dann Hess er die Thüren verschliessen 
und begab sich zurück zu den Officieren, um ihnen Mitthei- 
lung von dem Geschehenen zu machen (i). 

• Noch war die regierende Behörde in Thätigkeit, der das 
Rumpparlament die Exekutive übertragen hatte. Am Nach- 
mittag verfügte sich Cromwell in Begleitung Lamberts und 
Harrison's in das Sitzungszimmer des Staatsraths. Er er- 
klärte, die öffentlichen Gewalten der Versammelten seien er- 
loschen, da das Parlament, von dem sie dieselben erhalten 
hätten, aufgelöst sei. Bradshaw, obwohl er an diesem Tage 
nicht das Präsidium hatte, legte im Namen der übrigen Pro- 
test ein, da keine Macht der Welt das Recht habe, das Par- 
lament aufzulösen ausser diesem selbst. Damit gieng der 

9* " 



132 Auflösung des republikanischen Staatsraths. 

Staatsrath auseinander, Vane zog sich wie vor dem Process 
des Königs auf eines seiner Landgüter zurück. Von einzelnen 
Heerestheilen kamen Zustimmungsadressen. Auf der Flotte, 
deren Mannschaft der gestürzten Regierung am meisten er- 
geben war, herrschte doch das Gefühl vor, dass jeder seine 
Pflicht für das Vaterland thun müsse, ohne sich in die inneren 
Händel einzumischen. Im Lande regte sich keine Hand für 
das zersprengte Parlament, weil, nach dem Urtheil eines frem- 
den Gesandten, „männiglich befand, dass die geschehene Ver- 
änderung auf das gemeine Beste gerichtet sei"(^). 



Ein Bruch des öffentlichen Rechtes in brutalster Form 
war erfolgt, aber er sollte nicht der Aufrichtung einer Will- 
kürherrschaft dienen. Das Schwert des Soldaten hatte den 
Knoten durchhauen, der sich nicht lösen zu wollen schien, 
aber England sollte deshalb nicht nur von Soldatenhand regiert 
werden. Zunächst freilich wurde, um die Geschäftsführung 
nicht zu unterbrechen, unter Cromwell's Leitung ein neuer 
Staatsrath gebildet, in welchem das militärische Element ent- 
schieden vorherrschte. Daneben blieb der Kriegsrath, der 
während der letzten Ereignisse eine so grosse Rolle gespielt 
hatte, als solcher bestehn. Beide Körperschaften wirkten eine 
Zeit lang völlig selbstständig, lediglich auf angemasste Macht- 
vollkommenheiten gestützt, neben einander. Aber dieser Zu- 
stand sollte nicht andauern. Schon mehrfach war von Cromwell 
auf die Nothwendigkeit hingedeutet worden, „Gutgesinnte, 
^länner von Gottesfurcht und erprobter Rechtschaffenheit", zu 
berufen, um durch sie alle jene Reformen einführen zu lassen, 
die bis dahin noch zu den fi'ommen Wünschen gehörten. 
Nicht auf eine freie Wahl war es abgesehen, weil diese auf 
„Schlechtgesinnte" hätte fallen können, sondern auf eine Aus- 
lese von Vertrauensmännern, deren independentische Gesin- 
nung über jeden Zweifel erhaben sei. Der Rath der Officiere 
setzte sich zu dem Behuf mit einzelnen Kongregationen in 
Verbindung, um sich gottesfürchtige Männer, „Freunde des 
Herrn", vorschlagen zu lassen. Es waren alles in allem hun- 



Das kleine Parlament. 133 

dertneununddreissig, an welche Crom well die Aufforderung 
richtete, sich am 4, Juli im Rathszimmer zu Whitehall ein- 
zufinden (^). Die Männer des landsässigen und gewerbtreiben- 
den pui'itanischen Mittelstandes bildeten den Grundstock. 
Einer aus ihrer Zahl, der Lederhändler Preise - Gott Barebone 
musste seinen Namen von den Royalisten zur spöttischen Be- 
zeichnung dieses „kleinen Parlaments" missbrauchen lassen. 
Einige Adlige, nicht wenige Officiere waren entboten worden. 
Neben dem ehrlichen Namen Robert Blake's war der Name 
Anton Ashley Coopers zu bemerken , der als Shaftesbury be- 
rühmt und berüchtigt wurde. Auch Irland und Schottland 
waren einige Vertreter zugetheilt. 

Am festgesetzten Tage eröffnete Cromwell die Versamm- 
lung mit einer jener merkwürdigen Reden, die bei aller Weit- 
schweifigkeit und scheinbarer Dunkelheit sein Inneres doch 
aufs getreueste abspiegeln. Er warf zuerst einen Rückblick 
auf „die wunderbaren Fügungen der Vorsehung, in denen 
der Herr seit dem Beginn der Revolution sich diesen Völkern 
offenbart habe". Dann gieng er über zu einer Rechtfertigung 
der letzten gewaltsamen Veränderung. Er berief sich auf „die 
unabwendbare Nothwendigkeit" , die ihn und seine Genossen 
zu ihrer That gezwungen habe. Wenn man ihm Glauben 
schenkte, so waren „alle gesetzlichen Mittel, der Nation die 
Früchte ihrer Opfer an Gut und Blut zu verschaffen", voll- 
kommen erschöpft gewesen. Dieselbe „Nothwendigkeit", gleich- 
bedeutend mit dem Willen einer „weisen Vorsehung", machte 
er für die eigenmächtige Berufung seiner andächtigen Hörer 
geltend. Er betete zu Gott, dass er sie mit dem Geiste Mosis 
und Pauli erfüllen möge, um sie für ihr heiliges Amt tüchtig 
zu machen. Denn die Aufgabe der Versammlung erschien 
ihm in erster Linie als eine religiöse : Bethätigung christlicher 
Liebe „auch gegen den Aermsten", Duldung „abweichender 
Ansichten unter den Heiligen", „Ausbreitung des Evangeliums", 
Unterstützung der „wahren Seelsorger, die den Geist Gottes 
empfangen haben". Das ist der Weg, um das ^'olk auch zur 
bürgerlichen Freiheit zu führen. „Ich sage euch: mit einem 
hohen Rufe seid ihr berufen. Und warum sollten wir uns 



234 Hoffnungen der „Heiligen". 

fürchten, zu sagen oder zu denken, dass dies das Thor sei, 
um Gottes Verheissungen einzuführen? Wir wissen, wer die 
sind, welche mit dem Lamme kämpfen sollen gegen seine 
Feinde: ein Volk berufen, auserwählt und treu. . . Und wir 
haben geglaubt, einige von uns, dass es unsere Pflicht sei, 
diesen Weg mit der That zu betreten und nicht thatenlos 
auf die Prophezeiung Daniel's zu blicken : das Reich soll nicht 
an ein anderes Volk gegeben werden". — Nach Beendigung 
seiner Ansprache, welche über zwei Stunden gewährt hatte, 
legte Cromwell eine Urkunde vor, durch die er namens der 
Officiere erklärte, dass die. höchste Gewalt fortan bei der Ver- 
sammlung ruhe. Die Dauer ihrer Session sollte sich nicht 
über den 3. November 1654 erstrecken, drei Monate vor ihrer 
Auflösung hatten sie ihre Nachfolger zu wählen. 

Was so viele schwärmerische Gemüther sehnlich erhofft 
hatten, war eingetroffen. Eine mit Sorgfalt ausgewählte Ge- 
nossenschaft von „Heiligen" hatte die Geschicke Englands in 
ihrer Hand. Der „Tag des Herrn" war angebrochen. Das 
Reich Gottes auf Erden stand in Aussicht. Eine gewaltige 
Erregung bemächtigte sich aller der zerstreuten Gemeinden, 
die sich im Lauf der Jahre ausserhalb des Rahmens der Lan- 
deskirche gebildet hatten. Aus einzelnen Aktenstücken, Peti- 
tionen an Cromwell oder an das kleine Parlament, fasst man 
am besten, wohin diese geistige Strömung gieng. So häufig 
sich der Sinn der Schreiber in der Phraseologie der Prophe- 
ten und der Apokalypse verhüllt, so ist es doch möglich, die 
praktischen Ziele zu erkennen, denen sie zustreben. Was 
man forderte und auf dem Wege der Gesetzgebung einführen 
zu können sich schmeichelte, war eine Reform nicht nur der 
Institute, sondern auch der Sitten. Die Zehnten und die 
Patronatsrechte sollten aufhören, die Accise wegfallen, alle 
Theile des englischen Rechts revidirt, die Volksbildung be- 
fördert, die Verwaltung des Staates und der Gemeinden ver- 
bessert werden. Aber zugleich tauchte das Verlangen auf, 
den puritanischen Charakter der Legislation noch zu verschär- 
fen, die Zahl der Wirtshäuser einzuschränken, jedem Eng- 
länder bis zum fünfundzwanzigsten Jahr und Geistlichen über- 



, Wahl eines neuen Staatsraths. 135 

haupt den Genuss „starker Getränke" zu verbieten, eine 
Kleiderordnung zu erlassen und den Sabbath zu einem Fast- 
tag zu machen. Freiheit des Gewissens und des Kultus „für 
alle friedlichen Unterthanen" bildete nach wie vor den wich- 
tigsten Artikel des independentischen Programms. Mitunter 
wird auch hier empfohlen, „die Juden zuzulassen und ihnen 
"Wohnplätze anzuweisen, da ihre Zeit nahe ist". Beinahe 
regelmässig bleibt die Unklarheit bestehn, dass der Staat, ob- 
wohl er selbst den religiösen Genossenschaften parteilos-gegen- 
überstehen soll, dennoch verpflichtet wird, „die Ausbreitung 
des Evangeliums durch Prediger von wahrem Glauben" an 
die Hand zu nehmen ('). 

Das kleine Parlament w^ar gleichfalls von begeisterten 
Hoffnungen auf eine religiöse Wiedergeburt des gesammten 
nationalen Lebens erfüllt und erhielt dadurch eine Physiogno- 
mie, wie sie niemals eine parlamentarische Versammlung weder 
vorher noch nachher gezeigt hat. Die erste Sitzung war fast 
ausschliesslich freiem Gebet gewidmet, in welchem je acht 
oder zehn Mitglieder vom Morgen bis zum Abend ihrer Be- 
geisterung Luft machten. Man gewöhnte sich an die eigen- 
thümliche Geschäftsordnung, sobald ein Dutzend Mitglieder 
versammelt waren, im Gebet zu verharren, bis die beschluss- 
fähige Anzahl erschien und es möglich wurde, die regelmässige 
Arbeit wieder aufzunehmen. Eine Proklamation an das eng- 
lische Volk beschwor dasselbe, Gott um seinen Segen anzu- 
flehen, denn es zeige sich, „dass die Finsternis weiche und 
der Tag anbreche". — Eine der ersten Aufgaben der Versamm- 
lung war die Wahl eines neuen Staatsraths. Sie war zur In- 
haberin der höchsten Gewalt im Volk erklärt worden, sie 
allein hielt sich daher für berechtigt, dieselbe zu übertragen. 
Indessen blieb der Charakter der Regierungsbehörde, obwohl 
sie bedeutend verstärkt wurde, wesentlich derselbe. Auch die 
Neuwahlen am 1. November wahrten dem militärischen Ele- 
ment sein Gewicht. Scheinbar einander gleichgeordnet, folgten 
alle Mitglieder des Staatsraths der Leitung Cromwell's, dessen 
ausserordentliche Stellung die puritanische Notabelnversamm- 
lung selbst anerkannte. Sie beschloss, ihn zu ihrem Mitglied 



]^3g Gesetze über Schuldhaft, Civilehe u. s. w. 

ZU ernennen und dieselbe Ehre auf vier seiner Vertrauten, 
seinen Schwager Desborough, die Generale Lambert und Harri- 
son und den Colonel Tomlinson, zu übertragen. 

Dann aber machte sie sich mit überstürztem Eifer an ihr 
Werk. Eine Reihe von Kommissionen war thätig, die Missbräuche 
der Verwaltung zu untersuchen, die Steuerverhältnisse zu prüfen, 
Vorschläge zur Beförderung der Predigt, des Unterrichts, des 
Handels entgegenzunehmen und die grosse Justizreform vor- 
zubereiten, der man entgegensah. Die Angelegenheiten von 
Irland und Schottland, der Krieg mit den Niederlanden, die 
Geldbewilligung für Heer und Flotte beschäftigten das Parla- 
ment in nicht geringem Masse. Es hat einige Gesetze aus- 
gearbeitet, mit denen es seiner Zeit weit vorauseilte, deren 
hohen Werth aber unser Jahrhundert zu würdigen fähig ist. 
So wurden Bestimmungen getroffen, um wenigstens die grössten 
Härten der Schuldhaft zu mildern und auf diese Weise die 
Klagen zum Schweigen zu bringen, die sich aus zahlreichen 
Gefängnissen wegen „dieses ägyptischen Sklavenjoches und 
Elends" erhoben hatten. Noch wichtiger war es, dass dies 
Parlament das erste war, welches als die einzig gesetzliche 
Form der Eheschliessung die bürgerliche gelten Hess. Einem 
Standesbeamten lag es ob, die Papiere der Brautleute zu 
prüfen und sie drei Sonntage hintereinander aufzubieten. Sie 
wurden demnächst verpflichtet, mit Zeugen vor dem Frie- 
densrichter zu erscheinen, um ihren Entschluss in vorge- 
schriebenen Worten kundzuthun und aus seinem Munde 
die Erklärung zu vernehmen , dass sie Mann und Weib seien. 
Nicht minder war die Eintragung der Ehen, der Geburten 
und der Begräbnisse Sache der Civilbehörde. Das kleine 
Parlament gieng mit solchen Bestimmungen lediglich auf die 
früheren Anregungen des Independentismus zurück (^). Es 
machte einen neuen bedeutenden Schritt der Trennung von 
Kirche und Staat entgegen , dem auch Milton einige Zeit 
nachher seinen vollen Beifall schenkte. Hingegen zu einer 
Reform des Scheidungsrechtes, wie er sie mit so viel Nach- 
druck befürwortet hatte, konnte sich die Versammlung nicht 
verstehu. 



Debatten über Zehnten, Patronate, Kauzleihof. 137 

Alle iltre Beschlüsse hatten gezeigt, dass sie vor einer 
radikalen Veränderung bestehender Einrichtungen nicht zu- 
rückbebte. Aber ihre Bedeutung trat doch hinter denjenigen 
zurück, die sich auf die Anstellung wie Erhaltung der Geist- 
lichkeit und auf die allgemeinen Verhältnisse der Rechtspflege 
bezogen. Die erste dieser Fragen hatte in dem Programm 
der am weitesten fortgeschrittenen Independenten gleichfalls 
schon längst ihre theoretische Lösung gefunden. Sie verwar- 
fen den Begriif einer mit weltlichem Besitz ausgestatteten 
La/ideskirche. Sie erblickten ihr Ideal im Dasein freier Ge- 
meinden und machten diesen im Fall der Noth die Erhaltung 
der Seelsorger ebenso zur Pflicht, wie sie ihnen das Ptecht 
zusprachen, dieselben aus der Zahl der Gläubigen zu er- 
wählen. Man hatte allerdings die Einführung der Presbyte- 
rialverfassung nicht hindern können. Aber man hatte an der 
Hoffnung festgehalten, die Institute des Patronats und der 
Zehnten, die oft sehr Unwürdigen und nicht zum wenigsten 
den Presbyterianern zu statten gekommen waren, gänzlich 
vernichten zu können. Dass das lange Parlament, selbst in 
seiner letzten verstümmelten Form, einen Versuch der Art nicht 
unternommen hatte, war keiner der geringsten Vorwürfe, mit 
dem es belastet wurde. Inzwischen ward in der Presse und 
in Petitionen der Gegenstand fortwährend mit Leidenschaft 
behandelt. Milton hatte in Prosa und in Versen schon mehr- 
fach auf ihn angespielt. Der Geistliche erschien nicht als 
ein Hirt seiner Heerde, sondern als ein .,Miethling" dessen, 
der ihn für seine Stelle präsentirt hatte. Die Zehuten wurden 
als ein Rest „jüdischer und antichristlicher Knechtschaft", als 
ein Erbstück der katholischen Kirche, gebrandmarkt. Das 
kleine Parlament zögerte nicht, sich in gleichem Sinn aus- 
zusprechen. Am 17. November wurde das Präsentationsrecht 
der Patronatsherren für aufgehoben erklärt. Am 10. Decem- 
ber wurde die erste Klausel eines Committeeberichts, welcher 
die Fortdauer der Zehnten in Schutz nahm , mit einer Mehr- 
heit von zwei Stimmen verworfen. — Schon früher hatte man 
sieh mit gleicher Entschiedenheit der Frage der Justizreform 
zugewandt. Die Vorarbeiten des langen Parlaments für eine 



138 Stellung Cromwell's. 

Kodifikation des gemeinen Rechts in englischer Sprache wur- 
den wieder aufgenommen. Gleichzeitig machte man sich daran, 
dem Gerichtshof des Lord -Kanzlers, dem Vertreter des aus- 
helfenden Billigkeitsverfahrens, das Urtheil zu sprechen. Von 
allen Seiten waren die bittersten Beschwerden über die Miss- 
bräuche dieses Tribunals eingelaufen. Man bezeichnete es 
wegen der Willkür, der Kostspieligkeit und der Langsamkeit 
seines Geschäftsganges als die „grösste Bürde der Nation". 
Man wollte wissen, dass dreiundzwanzigtausend Processe bei 
ihm anhängig seien, von denen einige seit zwanzig, dreissig 
Jahren spielten. Es gab Rechtshändel, in denen über fünf- 
hundert Mandate ergangen und tausende von Pfunden für 
Gebühren aller Art eingezogen worden waren. Das kleine 
Parlament hielt sich für verpflichtet, schonungslos einzugreifen. 
Es warf das ganze der Verbesserung dringend bedürftige In- 
stitut über Bord, indem es ohne langes Besinnen die Auf- 
hebung des Kanzleigerichtshofes dekretirte. 

Ohne Zweifel zeigte die Versammlung der Heiligen in 
der Behandlung dieser Angelegenheiten mehr guten Willen 
als praktisches Geschick. Die Kommission, welche eine Ko- 
difikation des Rechtes berathen sollte, zählte keinen Juristen 
unter ihren Mitgliedern. Der Gerichtshof des Lordkanzlers 
wurde abgeschafft, ohne dass an einen Ersatz durch eine an- 
dere Behörde gedacht worden wäre. Der einfache Wegfall 
des Patronats musste zahlreichen adligen Familien als ein 
Raub ihres guten Rechtes erscheinen. Von den Zehnten 
waren nicht wenige in Privateigenthum übergegangen, und 
auf ihrem Fortbezug ruhte nicht nur das Dasein von so vielen 
geistlichen Haushaltungen und Stiftungen, sondern zum Theil 
auch die Erhaltung der Universitätsanstalten, Auf diese 
Weise wurden sehr wichtige Interessen der besitzenden Klas- 
sen und mächtiger Korporationen durch die Umsturzversuche 
des kleinen Parlaments bedroht. Die Revolution, welche bis 
dahin eine ausgesprochene politische und religiöse Färbung 
gehabt hatte, schien nun allen Ernstes auch einen socialen 
Charakter annehmen zu wollen. In Frankreich ist sie andert- 
halb Jahrhunderte nachher in dieser Form zum Siege gelangt. 



Stellung Cromwell's. 139 

weil die Gesellschaft des ancien rögime bei weitem tiefer an- 
gefressen war. In England waren die überkommenen Zu- 
stände nicht so drückend, dass das Bestreben, mit der Ver- 
gangenheit gänzlich zu brechen, Aussicht auf Erfolg hätte 
haben können. Wer etwas zu verlieren hatte, blickte Hilfe 
suchend auf Cromwell, dessen Arm allein fähig erschien, das 
drohende Unheil abzuwenden. Er hatte sich nun zu entscheiden, 
ob er seinen Bund mit den Freunden radikaler Neuerungen 
aufrecht erhalten oder ob er sich der Eigenthümer, der Geist- 
liehen, der Juristen annehmen sollte. Sachliche und persön- 
liche Beweggründe bestimmten seine Wahl. Sein staatsmän- 
nischer Sinn sträubte sich gegen eine Umwälzung von Grund 
aus. Sein Bewusstsein, zum Herrscher geschaffen zu sein, 
drängte ihn dazu, den Heiligen die Zügel aus der Hand zu 
nehmen. Schon im August hatte er sich darüber beklagt, 
dass ihre Ansichten so weit auseinandergiengen. Bei den 
wichtigsten Verhandlungen traten sich zwei Parteien, eine 
radikale und eine gemässigte, entgegen. Bei der Abstimmung 
über den Bericht des Zehnten - Committee hatten die Enthu- 
siasten nur mit zwei Stimmen Mehrheit gesiegt. In der aus- 
wärtigen Politik verfolgten sie mit Leidenscliaft die einge- 
schlagenen Bahnen, denn der Krieg gegen die Niederlande 
galt ihnen nur als Vorspiel zur „Ausbreitung des Reiches 
Christi" auf dem Kontinent (^). Zu der bewaffneten Macht 
stellten sie sich in feindlichen Gegensatz, indem sie den höch- 
sten Officieren ihr Gehalt für ein Jahr strichen und den 
Sold der Armee in der üblichen Weise zu bewilligen Anstand 
nahmen. 

Cromwell konnte sich indessen eine Wiederholung der 
beleidigenden Scene ersparen, welche den Schluss des Rump- 
parlaments gebildet hatte. Ein Theil der Versammlung mit 
Inbegriff des Sprechers kam seinen Absichten entgegen. Zwei 
Tage nach jener Abstimmung, die das Schicksal der Zehn- 
ten vorauskündigte, am 12. December, erschienen die ge- 
mässigten Mitglieder in grosser Anzahl, noch ehe ihre Gegner 
sich in gleicher Stärke eingefunden hatten. Einige Redner 
griffen die radikale Partei aufs heftigste an. Der Antrag 



J40 Resignation des kleinen Parlaments. 

wurde gestellt, dass das Parlament, da seine Fortdauer mit 
dem Gemeinwohl unverträglich sei, die Macht, die es vom 
Lord General erhalten habe, in seine Hände zurücklegen solle. 
Dem überraschenden Vorschlag wurde lebhaft widersprochen, 
und während der erregten Debatte begann das Haus sich 
allmählich zu füllen. Da erhob sich der Sprecher von sei- 
nem Sitz, das Scepter wurde vor ihm hergetragen, die Mehr- 
zahl der Anwesenden schloss sich ihm an, um ihm nach 
Whitehall zu folgen. Dort wurde eine Verzichtsurkunde auf- 
gesetzt, unterschrieben und Cromwell überreicht. Im Lauf 
der nächsten Tage bedeckte sie sich noch mit mehreren Na- 
men, so dass der Wille der Majorität durch sie zum Ausdruck 
gelangte. Die Zurückgebliebenen, ohne Sprecher und nicht 
beschlussfähig, erklärten, freiwillig ihren Platz nicht räumen 
zu wollen. Erst nach dem Erscheinen einer Rotte von Mus- 
ketieren verliessen sie den Saal. Zu ihnen gehörte Harrison, 
der von ■ da an in Cromwell einen abtrünnigen Verräther er- 
blickte und sich aufs engste an die fanatischen Verkündiger 
der fünften Monarchie anschloss. 

Das lange Parlament war zersprengt. Das Werk der 
Heihgen war gescheitert. Cromwell und seine Genossen blie- 
ben als Sieger übrig. Aus ihrer Hand empfieng das Land 
seine neue Verfassung. Es war die erste moderne Urkunde 
der Art, welche das Verhältnis der Staatsgewalten zu einander 
bestimmt und ausführlich regelte. An der Spitze des Gemein- 
wesens stand mit lebenslänglicher, aber unvererblicher Würde, 
ausgestattet mit königlichen Attributen und königlichen Gü- 
tern, der Lord Protektor von England, Schottland und Irland. 
Ihm zur Seite trat ein ständiger Staatsrath, auf dessen Zu- 
sammensetzung er Einfluss hatte, mit dem wichtigsten Piecht, 
seinen Nachfolger zu wählen. Das dritte Element der Lan- 
desverfassung ward durch das Parlament gebildet, eine Kam- 
mer, die aus den W^ahlen des Volks hervorgehend zuerst am 
3. September 1654 zusammentreten sollte. Indem man sich 
die Lehren der Vergangenheit vergegenwärtigte, suchte man 
jeder dieser Gewalten ihre Machtsphäre anzuweisen , aber 
keine von der Mitwirkung der anderen unabhängig zu machen. 



Die Protektoratsverfassung. 141 

Der Protektor war in wichtigen Fallen an den Beirath und 
die Zustimmung seines Staatsrathes gebunden. Er hatte in 
Gemeinschaft mit ihm die Leitung der auswärtigen Politik 
und die Entscheidung über Krieg und Frieden. p]r durfte 
bis zum Zusammentritt des ersten Parlaments mit Einwilligung 
des Staatsrathes Steuern erheben und Verordnungen erlassen. 
Er gebot, wenn kein Parlament versammelt war, unter Zu- 
ziehung des Staatsrathes über die Militia. Das Parlament da- 
gegen hatte nicht weniger bestimmte Rechte. Ihm allein 
stand es künftig zu, Steuern zu bewilligen. Die provisorischen 
Verfügungen des Protektors konnten vom Parlament wider- 
rufen werden. Seine Gesetze, soferne sie keinen Verfassungs- 
artikel betrafen, erhielten zwanzig Tage nach ihrer üeber- 
reichung Kraft, auch wenn der Protektor seine Zustimmung 
weigerte. Es musste mindestens einmal in jedem dritten 
Jahre berufen und durfte in den ersten fünf Monaten nach 
seiner Eröffnung nur mit seinem Willen vertagt oder aufge- 
löst werden. — Das Wahlgesetz lehnte sich in wesentlichen 
Bestimmungen an die Keforrabill Henry Vane's an. Es nahm 
auf eine gerechtere Vertheilung der Piepräsentation Bedacht, 
die für England und Wales vierhundert, für Schottland und 
Irland je dreissig Deputirte betragen sollte. Das Wahlrecht 
wurde an den Nachweis eines Vermögens von 200 £ und an 
gewisse Qualifikationen geknüpft, die man in der Reformbill 
des Rumpparlaments schmerzlich vermisst hatte. Wer seit 
1641 die Waffen für den König getragen hatte, war unfähig, 
während der nächsten vier Parlamente als Wähler oder Ab- 
geordneter aufzutreten. Katholiken und Beförderer des irischen 
Aufstandes waren überhaupt ausgeschlossen. Dem Staatsrath 
blieb sogar bis zum Beginn des vierten Parlaments das Recht 
der Prüfung und Bestätigung der Wahlen gewahrt. — Den 
Schöpfern der Protektoratsverfassung erschien indessen die 
Ruhe nicht sicher verbürgt zu sein, woferne nicht auch das 
Dasein der bewaffneten ]\Iacht, wie sie der Krieg hervorge- 
bracht hatte, und die Gewissensfreiheit, wie sie selbst die- 
selbe verstanden, über den Streit der Parteien erhoben würde. 
Ein stehendes Heer von 30,000 Mann und eine Kriegsflotte zum 



142 ^^6 Protektoratsverfassung. 

Schutz der Küsten, auf die jährlichen Staatseinkünfte ange- 
wiesen, wurde für die nächste Zeit vorausgesetzt. Die christ- 
liche Religion wurde für die ,,der Nation" erklärt. Der 
Staat verbürgte „die Erhaltung fähiger und sorgfältiger Leh- 
rer" nicht etwa lediglich „für den Unterricht des Volkes", 
sondern zugleich „für die Widerlegung von Irrthümern und 
Ketzerei". Bis ein Ersatz gefunden sei , sollte das System 
der Patronate, Pfründen und Zehnten bestehn bleiben. Doch 
sollte niemand mehr zur Theilnahme am Gottesdienste ge- 
zwungen werden. Jedem christlichen Kultus war Duldung 
und Schutz versprochen, ausgenommen dem Kultus der Katho- 
liken und der bischöflichen Kirche. 

Das Ganze war der Ausdruck der thatsächlichen Macht- 
verhältnisse , nicht einer vom Boden der Wirklichkeit abge- 
lösten, streng durchgeführten Theorie. Der Gedanke der 
Souveränetät des Volkes war zurückgedrängt. Der Gedanke 
der Trennung von Kirche und Staat war verworfen. Milton 
hatte kurz vorher im „omnipotenten Parlament" den Schluss- 
stein des öffentlichen Rechtes gefunden. Roger Williams 
hatte seit einiger Zeit auf dem jungfräulichen Boden von 
Rhode -Island ein Gemeinwesen gegründet, in welchem die 
Organisation des kirchlichen Lebens völlig den Einzelnen über- 
lassen blieb. In beiden Beziehungen trat die Protektorats- 
verfassung den äussersteu Folgerungen des independentischen 
Princips entgegen. Sie nahm auf die eigenthümliche Stellung 
Cromwell's und seiner militärischen Anhänger, auf die Wün- 
sche der gemässigten Presbyterianer wie der gemässigten 
Sektirer, auf die Besorgnisse der Patronatsherren und Eigen- 
thümer in gleicher Weise Rücksicht. Ihre Urheber hofften 
allmählich durch eine Verschmelzung aller dieser Interessen der 
Unversöhnlichen im royalistischeu wie im republikanischen Lager 
Herr zu werden und nach der vorausgegangenen Zerstömng 
mit ihrem Werke etwas Dauerndes geschaffen zu haben (i). 

Am 16. December 1653 um ein Uhr Nachmittags fand 
die Installation des Lord Protektor in der Westminster- Halle 
statt. In schwarzem Sammetgewand , ein breites goldenes 
Band um den Hut, stellte sich CroniNvell zwischen zwei der 



Installation CromweU's als Protektor. 143 

Siegelbewahrer neben den Staatssessel, der sich auf reichem 
Teppich erhob. Die Richter, Lord-Mayor und Aldermen von 
London, die Mitglieder des Staatsrathes und des Kriegsrathes 
hatten sich in der Runde gruppirt. General Lambert, der bei 
den letzten Vorgängen eine Hauptrolle gespielt hatte, trat 
vor, erklärte die Auflösung des Parlaments und bat Cromwell 
im Namen des Heeres und der drei Nationen die Würde des 
Protektors anzunehmen. Die Urkunde der Verfassung wurde 
verlesen, einer der Siegelbewahrer legte dem Feldherrn den 
Eid vor, durch den er zu beschwören hatte, die Verfassung 
zu halten, den Gesetzen und Statuten gemäss zu regieren, 
Frieden und Gerechtigkeit zu wahren. Er unterschrieb und 
fügte hinzu, seine Macht möge nicht länger dauern, als sie 
mit dem Werke Gottes in Einklang stehe. Hierauf vertauschte 
er seinen Degen mit einem anderen in der Scheide stecken- 
den, um symbolisch anzudeuten, dass er nicht mit der Waffe 
•des Kriegers herrschen wolle. Bedeckten Hauptes nahm er 
auf dem Thronsessel Platz, empfieng aus der Hand der Sie- 
gelbewahrer das grosse Siegel, aus der Hand des Lord-Mayor 
das Schwert und erstattete kraft seiner Souveränetät das eine 
wie das andere ihren Trägern zurück. Mit kriegerischem 
Pomp, wie er gekommen, kehrte er zurück in den Palast von 
Whitehall, begleitet von dem glänzenden Zuge der Versam- 
melten, durch Zurufe der Volkmasse begrüsst. Die Predigt 
eines seiner Kaplane und eine dreifache Salve seiner Soldaten 
bildete das Ende der Ceremonie. 

Im ganzen Reiche gieng die Ausrufung des Protektors 
ohne Widerstreben der Bevölkerung vor sich. Unter seinem 
Namen wurden fortan alle öffentlichen Aktenstücke ausgefertigt. 
Von ihm empfiengen Richter und hohe Staatsbeamte ihre Be- 
stallung. Sein Haushalt in Whitehall erhielt ein höfisches 
Ceremoniell. Die Republikaner alten Schlages, die Mitglieder 
enthusiastischer Sekten grollten und hielten sich entweder ent- 
fernt oder sannen auf Rache. In anabaptistischen Konventikeln 
verglich man den „eidbrüchigen Verräther" mit Richard dem 
Dritten. In einzelnen Regimentern herrschte eine bedenk- 
liche Gährung, Hie und da mussten die Officiere selbst als 



144 Befestigung, d. neuen Keg. Verordnungen. Union m. Schottland. 

verdächtig gelten. Indessen gegenüber den alten Genossen 
war es rathsam, die Seiten nicht zu straff zu spannen. Es 
schien genügend, sie zeitweilig von ihren Posten abzuberufen 
oder durch verlässlichere Nachfolger zu ersetzen. — Die roya- 
listischen Verschwörer hatten ein schlimmeres Schicksal zu 
erwarten. Im Frühling 1654 wurde ein Komplott entdeckt, 
dessen Zweck die Ermordung des Protektors und die Pro- 
klamation Karls II. war. Ein ausserordentlicher Gerichtshof 
sprach das Urtheil und zwei der Betheiligten büssten mit dem 
Tode. 

Von rechts und links beständig durch Gefahren bedroht, 
wusste die neue Regierungsgewalt sich doch zu befestigen und 
die Zwischenzeit, die ihr bis zur Eröffnung des Parlaments 
gegönnt war, vortrefflich auszunutzen. Die Verfassung räumte 
dem Protektor das wichtige Piecht ein, unter Zustimmung 
des Staatsraths zum Besten der Nation Verordnungen zu 
erlassen.. Er machte von diesem Ptecht einen sehr ausge- 
dehnten Gebrauch. Dem Grössten wie dem Kleinsten schenkte 
er seine Beachtung. Kraft seiner Verordnungsgewalt erfolgte 
die Forterhebung der Steuern sowie eine neue Erklärung des 
Hochverrathsbegriftes , und auf dieselbe Autorität hin wurden 
die Hahnenkämpfe untersagt und die Duelle verboten. Die 
lange vorbereitete Akte der legislativen Union England's und 
Schottland's kam nun zur Veröffentlichung. Eine ausführliche 
Ordonnanz verbesserte das Verfahren des Kanzleigerichts. Eine 
andere bestellte Visitatoren für die Universitäten und mehrere 
hervorragende Schulanstaltefi. In alle Gebiete des inneren 
Staatslebens griff die starke Hand des neuen Gebieters ein, 
der sich die Aufgabe gestellt hatte, zwischen den Einrichtungen 
der Vergangenheit und zwischen den Anforderungen der 
Gegenwart eine Brücke zu schlagen. Diesen vermittelnden 
Charakter zeigte vor allem die kirchliche Politik des Protek- 
tors. Er ernannte Kommissionen, aus Laien und Geistlichen 
gemischt, mit ausserordentlichen Gewalten versehn, wie sie 
das Piumpparlament und das Zehnten - Committee des kleinen 
Parlaments ähnlich bereits in Aussicht genommen hatte. Eine 
allgemeine Behörde hatte alle diejenigen auf ihren Glauben, 



Friede mit den Niederlanden, ^'ertrage m. Schweden u. Norwegen. 145 

ihre Kenntnisse und ihren Lehenswandel hin zu prüfen, die 
in ein bepfründetes Seelsorgeamt eintreten wollten. Beson- 
dere Bevollmächtigte in den einzelnen Grafschaften hatten 
bereits angestellte ,, unwürdige, unwissende und untaugliche 
Geistliche und Lelirer" vor sich zu fordern und aus ihren 
Pfründen zu entfernen. Gleicher Weise ward auf die Aus- 
füllung von Vakanzen, auf die Trennung oder Zusammen- 
legung von Pfarreien Bedacht genommen. In den Kom- 
missionen Sassen Presbyterianer und Independenten friedlich 
neljen einander. Die Gegensätze der kirchlichen Parteien 
sollten zurücktreten, da die Staatsgewalt beide für das Reform- 
werk benutzen wollte, zu dessen Uebernahme sie selbst sich 
für verpflichtet hielt ('). 

Nicht weniger tief eingreifend wandte sich die Politik des 
Protektors nach aussen. Der Krieg mit den Niederlanden 
war unter den Anspielen der republikanischen Staatsmänner be- 
gonnen worden. Die völlige Unterwerfung des besiegten 
Feindes, gehörte zu den Lieblingsträumen der Heiligen. 
Cromwell beendigte diesen Krieg, dessen Lorbeeren mit so 
viel Opfern erkauft wurden , und suchte die Freundschaft der 
beiden Gemeinwesen zu begTünden, statt noch länger der 
Chimäre ihrer Verschmelzung nachzujagen. Nach vielfachen 
Verhandlungen kam im Frühjahr 1654 der Friede zu Stande. 
Die Generalstaaten mussten die Navigationsakte anerkennen 
und sich nicht wenigen der von England aufgestellten Be- 
dingungen fügen. Aber sie hatten eine noch grössere 
Demüthigung auf sich zu nehmen. Der Protektor forderte 
nicht nur, dass den Stuarts das Asyl geweigert werde, son- 
dern auch, dass ihre Verwandten und Gönner, die Glieder 
des Hauses Oranien, von der Bekleidung der hohen Staats- 
ämter ausgeschlossen blieben. Er unterzeichnete den Vertrag 
nicht eher, als bis ihm die holländischen Stände durch Aus- 
händigung der Akte van Seclusie für die übrigen Bürgschaft 
leisteten. — Die beiden nordischen Mächte, Dänemark und 
Schweden, hatten zu dem englisch -niederländischen Krieg 
eine ungleiche Stellung eingenommen. Während der dänische 

Stern, Milton u. s. Z. II. Z. 10 



]^46 Verträge mit Schweden und Dänemark. 

König sich durch frühere Verträge und gemeinsame Handels- 
interessen zu den Generalstaaten hingezogen fühlte, hatte 
Christine von Schweden einige Theilnahme für England ge- 
zeigt und Hoffnungen auf den möglichen Abschluss eines 
Bündnisses erweckt. Sobald die beiden grossen Seemächte 
anfiengen sich zu verständigen, machte dieser Gegensatz 
einem gleichmässigen , wohlwollenden Verhältnis zu England 
Platz. Am schwedischen Hofe hatte Whitelocke, Cromwell's 
Gesandter, mit bestem Erfolg für die Unterzeichnung eines 
Freundschafts- und Handelsvertrages gewirkt. Noch trug 
Christine die Krone. Cromwell hatte ihr sein Bild geschickt 
mit einigen schmeichelhaften Versen , die man irriger Weise 
mitunter Milton zugeschrieben hat('). Sie selbst sprach sich 
bewundernd über den Protektor aus. Allein ihr Entschluss 
vom Thron herabzusteigen , war schon gefasst, und man hatte 
sich glücklich zu schätzen, dass ihr Nachfolger, Karl X., von 
gleichen Gesinnungen beseelt zu sein schien wie sie. Danach 
kam auch ein Vertrag mit Dänemark zu Stande, der den 
englischen Handelsschiffen für die Durchfahrt durch den Sund 
dieselben Vortheile zusicherte , die bis dahin die Niederländer 
genossen hatten. — In kurzer Zeit hatte sieh England's 
Stellung im europäischen Staatensystem gänzlich verändert. 
Es hatte sich drei grossen Gemeinwesen angenähert, deren 
religiöse Interessen es theilte, und konnte mit Ruhe für 
Spanien oder für Frankreich den Preis einer Allianz bestimmen, 
welche die eine und die andere Macht wetteifernd anbot. 

Zugleich kam erst unter dem Protektorat der Begriff eines 
grossbritannischen Reiches zu voller Geltung. In Irland war 
durch Fleetwood und Ludlow die Ordnung aufrecht erhalten, 
und wenn sich hie und da republikanische Regungen gezeigt 
hatten, so gelang es dem jungen Henry Cromwell, die Auto- 
rität des Vaters mit Kraft und Würde herzustellen. In 
Schottland wusste Monk die royalistischen Insurgenten der 
Hochlande zu zerstreuen und die Armee von den Anhängern 
der radikalen Partei zu reinigen. Zum ersten Male sollten 
Abgeordnete aus Irland und Schottland neben denen aus 
England in dem nächsten Parlament ihre Sitze einnehmen. 



Milton im Dienste des Protektorats. 147 

Seine Einberufung stand bevor, als Milton in der zweiten 
Vertheidigung des englischen Volkes die Gelegenheit wahr- 
nahm, sich über den Umschwung der Dinge und über den 
neuen Herrscher öffentlich auszusprechen (^). 



Milton hatte im Dienst des Rumpparlaments gestanden. 
Der Staatsrath, welcher aus diesem hervorgegangen war, hatte 
ihn angestellt. Jenes Parlament und jener Staatsrath wurden 
aufgelöst, aber er blieb in seinem Amte. Die Zwischen- 
regierung, die sich unter Cromwell's Leitung konstituirte, 
nahm seine Dienste in Anspruch (^). Der erste Staatsrath des 
kleinen Parlaments beliess ihn stillschweigend auf seinem 
Posten, der zweite gab ihm seine ausdrückliche Bestätigung. 
Obwohl in William Jessop und Philipp Meadows neue Kräfte 
für die Erledigung der Geschäfte gewonnen wurden, die 
anfangs Milton allein besorgt hatte, blieb er doch im vollen 
Genuss seines Einkommens. Der Staatsrath des Protektors 
behielt „Mr. Milton" als Angestellten bei, gab indessen jenem 
Meadows gleichfalls den Titel eines „lateinischen Sekretärs" 
und verkürzte am 17. April 1655 den jährlichen Gehalt des 
Dichters auf 150 "£. In Ansehung seiner verminderten 
Leistungsfähigkeit war dies nicht ungerecht, um so weniger, 
als ihm dieses Einkommen als ein „lebenslängliches" zuge- 
sichert wurde. Offenbar war die Absicht ihm eine Pension 
zu gewähren und auf seine Thätigkeit so gut wie ganz zu 
verzichten. Milton scheint sich indessen gegen die Annahme 
eines Ruhegehalts gewehrt zu haben. Eine ^'erminderung 
seines ursprünglichen Einkommens trat freilich ein. Aber es 
betrug doch noch am Ende des Protektorats 200 £, wofür 
er seinerseits der Regierungskanzlei nach besten Kräften sich 
nützlich machte (^). 

In der That würde die Sammlung seiner Staatsbriefe 
schon allein dafür sprechen, dass seine Feder noch viel- 
fache Verwendung gefunden hat. Wie vordem, so betraf 
ein grosser Theil der lateinischen Korrespondenz, die 
in seinen Händen lag, Gegenstände von nicht eben her- 

10* 



148 Milton im Dienste des Protektorats. 

vorragendem Interesse. Beglaubigungsbriefe für englische 
Gesandte, Reklamationen zu Gunsten englischer ünterthanen 
wegen geweigerter Rechtshilfe oder Schädigung ihres Eigen- 
thums konnten seinem Genius wenig Gelegenheit zur Ent- 
faltung seiner Kraft bieten. Aber daneben tauchten Fragen 
der grossen Politik auf, die er namens des Protektors in der 
Sprache des alten Rom zu behandeln hatte und die er mit 
einer Würde und einer Wärme ohne gleichen zu behandeln 
wusste. Die Sammlung seiner Staatsbriefe trägt daher in 
dieser Zeit fast noch mehr als in der früheren den Charakter 
einer Art von diplomatischem Blaubuch. Aber es sind nicht 
diese Briefe allein, die für Milton's fortgesetzte amthche Be- 
schäftigung Zeugnis ablegen. Als ein schwedischer Gesandter 
in London über eine Ergänzung des früheren kommerciellen 
Vertrages und den Abschluss eines engeren Bündnisses ver- 
handelte, musste man sich an Milton, als Uebersetzer, wenden. 
Sein Kollege Meadows war auf einer Mission nach Portugal 
abwesend,- andere des Lateinischen kundige Mitglieder der 
Kanzlei standen gleiclifalls augenblicklich nicht zur Verfügung. 
Es gab indessen eine unliebsame Verzögerung und der Gesandte 
beklagte sich darüber, dass ein Blinder, dessen Amanuensis 
leicht etwas ausplaudern könne, mit dieser Arbeit betraut 
werde (0. Dieser Anlass, Milton's Latinität auf die Probe zu 
stellen, war nicht der einzige seiner Art, und wir werden 
noch Gelegenheit finden, ähnliche Spuren seiner Thätigkeit 
zu bemerken. 

Weniger angestrengt als vorher, blieb er doch mit dem 
Lauf der öffentlichen Angelegenheiten immer vertraut und 
mit den leitenden Persönlichkeiten in gewisser Berührung. 
Von seinen nächsten Kollegen, den Angestellten der Regie- 
rung, nahm keiner eine gleich wichtige Stellung ein wie John 
Thurloe. Er war der Sekretär des Staatsraths, in die gröss- 
ten Geheimnisse der Cromweirschen Politik eingeweiht. Von 
ihm, der sich allmählich zur Stellung eines ersten Ministers 
erhob, hatte Milton unzweifelhaft nicht selten die nöthigen 
Anweisungen für Abfassung der lateinischen Depeschen ent- 
gegenzunehmen. Aber auch die Mitglieder des CromweH'schen 



Seine Beurtheilung Ciomweirs. 149 

Staatsraths werden ihm nicht unbekannt geblieben sein. Die 
meisten der glänzenden Namen, die er in seiner zweiten 
Vertheidigung verherrlicht, fanden sich hier zusammen. Dass 
er diesen und jenen der Staatsräthe, wie den charakterlosen 
Ashley Cooper, von jener Ehrentafel ausschloss, geschah wohl 
nicht ganz ohne Absicht, Vor allem zu dem mächtigen Ge- 
bieter, zu Cromwell selbst, trat er nun erst in ein näheres, 
persönliches Verhältnis. Es hatte einen Augenblick gegeben, 
in dem er sich entscheiden musste zwischen ihm und zwischen 
Henry Vane. Die Wahl mag ihm nicht leicht geworden sein. 
Aber er überwand sich den geschehenen Gewaltakt als noth- 
wendig und heilsam anzuerkennen, statt sich mit dem repu- 
blikanischen Freunde grollend zurückzuziehn. So standen sie 
nebeneinander, zwei der Grössten ihrer Nation, der Mann 
des Wortes und der Mann der That, jeder von beiden eine 
streng in sich abgeschlossene Individualität, jeder Meister in 
seinem Fache, durch dieselbe Welle der stürmischen Zeit 
emporgehoben, um demselben Gemeinwesen in gemeinsamer 
Arbeit zu dienen. 

Es fehlt uns an Zeugnissen darüber, wie der Protektor 
über seinen lateinischen Sekretär gedacht hat. Wir wissen 
nicht, ob er sich dazu herabliess, ihn seines vertrauten Um- 
gangs zu würdigen. Nur die Phantasie des Künstlers malt 
sieh aus, wie er, auf sein Schwert gestützt, mit der Lady 
Protectress im Kreise seiner Kinder und Getreuen dem Orgel- 
spiel des blinden Dichters lauscht. Aber wie dieser den 
Herrscher beurtheilte, was er von ihm hoffte, wessen er ihn 
für fähig hielt, geht deutlich genug aus seiner zweiten Ver- 
theidigung des englischen Volkes hervor. In klassischer 
Sprache skizzirt er das Jugendleben seines Helden. Mit 
Woi-ten der Entrüstung nimmt er ihn gegen die ^'erleum- 
dungen der Royalisten in Schutz. Er zählt die tapferen 
Thaten seines Schwertes auf, aber er rühmt vor allem, dass 
der Sieger in so vielen Schlachten gelernt haben müsse sich 
selbst zu besiegen. Im Frieden erscheint er ihm nicht weniger 
gross als im Kriege, und er scheut sich nicht auch der beiden 
entscheidenden Thaten zu gedenken, welche dieser „fried- 



]^50 Mahnvmgen au den Protektor. 

liehen" Epoche CromweH's angehören. „Als du sähest — so 
milde spricht er von der Zersprengung des Rurapparlaments 
— dass man auf Zögeningen bedacht war, dass jeder eher 
seinen Privatvortheil als das öffentliche "Wohl im Auge hatte, 
dass das Volk sich darüber beklagte, die Macht einiger 
Wenigen raube ihm die Erfüllung seiner Hoffnungen: da 
machtest du, was sie selbst trotz häufiger Aufforderungen zu 
thun sich geweigert hatten, ihrer Herrschaft ein Ende. Ein 
neues Parlament — er meint das kleine — wird berufen. 
Die Mitglieder werden von denjenigen, denen es anstand, 
ausgewählt. Die Erwählten kommen zusammen, aber sie 
bringen nichts vor sich. Nachdem sie sich lange genug durch 
Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten ermüdet haben, 
kommt die Mehrzahl zur Erkenntnis, dass sie ihrer grossen 
Aufgabe nicht gewachsen sei, und die Versammlung löst sich 
aus fi-eien Stücken auf. "Wir sind verlassen, Cromwell. Du 
allein bist noch übrig. Auf dich ist die höchste Gewalt über- 
gegangen, bei dir ruht sie, wir alle beugen uns vor deiner 
unbesiegbaren Tüchtigkeit". Er geht über die Ausnahmen 
von diesem etwas kühnen „wir alle" kurz hinweg. Er nennt 
den Protektor den „grössten und ruhmvollsten Bürger, den 
Erhalter und "Wächter, den Vater des Vaterlandes". Er preist 
ihn deshalb, dass er den Königsnamen verschmäht und einen 
anderen Titel angenommen habe , der ihn dem Bereich der 
übrigen Menschen näher biinge. 

Man könnte meinen, dieser Redeprunk sei die schmeich- 
lerische Demüthigung des Journalisten vor dem Manne der 
That , weil der Erfolg auf dessen Seite stand. Kein grösseres 
Unrecht vermöchte man Milton zuzufügen. "Wenn er die 
wahrhaften Verdienste des mächtigen Genius erhebt, so opfert 
er seine eigene Meinung deshalb nicht auf. Der Anwalt des 
Freistaates stellt sich ebenbürtig neben seinen Protektor. In 
demselben Athem, in dem er seinen Namen zu den Sternen 
erhoben hat, fordert er Gehör für sich und alle Freien in 
England und wagt es, dem siegreichen Inhaber der Macht 
ahnungsvolle "Warnungen und Ermahnungen zuzurufen. 

„Denke daran, welch ein kostbares Kleinod die Freiheit 



Mahnungen an den Protektor. 151 

ist, die (las Vaterland deinem Schutze anvertraut hat. Denke 
daran, dass dies Vaterland die Hoffnungen, die es eben noch 
auf die Auserwählten der Nation setzte, jetzt auf dich allein 
übertragen hat. Ehre diese Hoffnung, ehre dies Vertrauen. 
Ehre das Antlitz und die Wunden all der Tapferen, die unter 
deiner Führung so wacker für die Freiheit gestritten haben. 
Ehre die Schatten derer, die im Kampfe gefallen sind. Ehre 
das Urtheil der fremden Völker, die von unserem tapfer 
errungenen und ruhmvoll begründeten Gemeinwesen so viel 
erAvarten. Ehre vor allem dich selbst und lass es nicht ge- 
schehen, dass die Freiheit, für welche du so vielen Sorgen 
und Gefahren Trotz geboten, von dir selbst oder von anderen 
verletzt werde. Du kannst nicht frei sein, wenn wir es nicht 
sind. Denn das ist ein ewiges Gesetz der Natur, dass der, 
welcher anderen die Freiheit raubt, zuerst die seinige ver- 
lieren und sich zum Sklaven machen muss. Wenn du, der 
du ihr Beschützer und Schirmgeist sein solltest, die Freiheit 
angriffest, so wäre das nicht nur für dein Andenken, es wäre 
für die Sache des Guten und Edlen überhaupt ein tödtlicher 
Schlag, eine Verwundung des ganzen menschlichen Geschlechts» 
wie sie nicht schmerzlicher gedacht werden könnte". 

Und nun fasst er alle die Forderungen zusammen, deren 
Erfüllung er von dem grossen Staatsmann erwartet, davon 
ausgehend, dass dieser nicht eigenwillig, sondern nur mit 
dem Beirath seiner alten Waftengefährten und erprobter 
Patrioten regieren werde. Es ist vor allem die Trennung des 
Bundes zwischen Kirche und Staat. Milton stellt sich ganz 
und gar auf den Standpunkt des äussersten Independentismus, 
wie er in den radikalen Anträgen des kleinen Parlaments 
hervorgetreten war. Er bezeichnet jenen Bund als unheilvoll 
und unsittlich. Er findet, dass beide Gewalten sich nur 
scheinbar ihre Hilfe leihen, „um sich in Wahrheit gegenseitig 
zu schwächen". Die kirchlichen Genossenschaften seien ganz 
auf sich selbst angewiesen , auf eigene Kraft gestellt , ohne 
die Fähigkeit thätliche Gewalt auszuüben. Dies ist aber, wie 
die Geschichte eines Menschenalters ihn gelehrt hat, am 
wenigsten möglich, so lange der Staat die Erhaltung ihrer 



152 Mahuungeu au den Protektor. 

Diener aiif sich nimmt oder ein für alle ISIal gewährleistet. 
„Denn die Gewalt wird nie aufhören, so lange der Sold für 
Verkündigung des Evangeliums wider Willen den Unterthanen 
abgepresst wird, was nur dazu dient, die Religion zu ver- 
giften und die Wahrheit zu erwürgen". In diesem Sinne 
mahnt er den Protektor „die Wechsler aus dem Tempel zu 
treiben". Er verlangt sodann Verbesserung der Gesetze, 
nicht sowohl durch Zufügung neuer als durch Aufhebung alter. 
„Schaffe mehr alte Gesetze ab als du neue einführst. Es giebt 
oft Leute im Staate, die ein ähnlicher Kitzel treibt viele 
Gesetze zu macheu, wie ihn gewisse Dichterlinge empfinden, 
viele Verse hinzusudeln. Aber je grösser die Anzahl der 
Gesetze, desto geringer ihr Werth. Aus einem Zügel werden 
sie zum Fallstrick. Sorge daher, dass die Vorschriften, die 
du als nöthig aufrecht erhältst, sowie die , welche du zufügst, 
nicht die Guten und Bösen unter das gleiche Joch beugen. 
Strafe das Verbrechen, aber verbiete nicht an sich Erlaubtes 
unter dem Vorwand, es könne gemissbraucht werden. Das 
Gesetz vermag nur das Laster zu zügeln, die Freiheit allein 
ist die Bildnerin der Tugend". — Er fordert endlich bessere 
Sorge für die Erziehung der Jugend von Staats wegen, ohne 
andere Gunst und Parteilichkeit bei Austheilung von Beloh- 
nungen und Besetzung der Stellen als für Wissen und Talent, 
Freiheit der Lehre, Freiheit der Presse, Duldung verschieden- 
artiger Meinungsäusserungen, auch solcher, die den herrschen- 
den Gewalten unliebsam sein mussten. Bestrebungen dfer 
Art und das Bemühen Aberglauben, Habsucht, Luxus zu 
bekämpfen, fügt er an die Adresse seiner Mitbürger hinzu, 
sind werthvoller als Vermehrung der Einkünfte durch raffi- 
uirte Kunstgriffe, Vergrösserung des Heeres und der Flotte, 
Ueberlistung fremder Gesandten , Abschliessung schlauer Ver- 
träge und Bündnisse (^). 

^ So wagte es der erste Schriftsteller der Nation vor ihrem 
^ten Staatsmann zu sprechen. Und war es Zufall, dass er 
das Bildnis Bradshaw"s mit solcher Liebe ausmalte, desselben 
Bradshaw, der nach der Zersprengung des Parlaments einen 
letzten Protest gegen den Gewaltstreich eingelegt hatte? Hob 



CromweU's innere Politik. 153 

€r ohne Absicht nachdrücklich hervor, Fairfax werde sicher 
auf seinem Posten geblieben sein, wenn er nicht die feste 
Ueberzeugung gehabt habe, sein Nachfolger werde die Frei- 
heiten Englands schützen und wahren? Erschien es nicht als 
ein grossartiger Beweis unerschrockenen Freimuthes, sich der 
Freundschaft jenes Colonel Overton offen zu rühmen, den 
tapferen Soldaten laut zu preisen, während eben dieser 
Overton, wegen seiner republikanischen Gesinnung gefürchtet, 
von Schottland nach London citirt worden war und dort vom 
Mai bis zum September 1654 festgehalten wurde '?(') Man 
sieht: Milton war nicht dazu gemacht, seiner eigenen Würde 
zu vergessen. Er neigte sich vor der imponirenden Persön- 
lichkeit des Protektors. Er weigerte dem Werke, das dieser 
geschaffen hatte, nicht seine Anerkennung. Aber der Glanz, 
der jenes gebietende Haupt umstrahlt, macht ihn nicht blind 
für die Zukunft. Und das Protektorat selbst betrachtet er 
als eine Art von vorläufigem Nothbehelf, „da nach dem vor- 
ausgegangenen Sturme, von dem die Wellen noch aufgewühlt 
sind, beim Gegensatz der Parteien ein Wünschenswerther, 
vollkommener Zustand sich noch nicht verwirkliehen lässt"\ 



Die nächsten Jahre hatten zu zeigen, ob Milton's Hoff- 
nungen begründet waren, oder ob er seine Enttäuschung ge- 
stehn musste. Er brauchte nicht lange zu warten, um sich 
ein klares Urtheil zu bilden. Kein Wort war in seinem Appell 
an Cromwell so laut erklungen wie das Zauberwort der Freiheit. 
Cromwell, in den Grundlagen seiner Macht bedroht, von Ver- 
schwörungen umgeben , seines Lebens nicht sicher , griff zu 
gewaltsamen Mitteln, um die Freiheit zu beschränken. Er 
stellte sich der freien, parlamentarischen Debatte entgegen. 
Er machte die freie Kritik der Presse unmöglich. Die alten 
•Freiheiten des englischen Bürgers, durch die sein Eigenthum 
und seine Person gegen Willkür gewahrt sein sollten, fanden 
gegen ungesetzliche Eingriffe der Protektoratsregierung nicht 
immer Schutz. Die Aufgabe, ein republikanisches Gemein- 



154 CromweU's innere Politik. — Parlament von 1654. 

wesen mit einem stehenden Heer auf die Dauer zu vereinigen 
blieb ungelöst, weil sie unlösbar war. £ine neue tyrannische 
Staatsgewalt kam zur Erhebung, gestützt auf die militärische 
Streitmacht, welche der Revolution ihr Dasein verdankte. 
Der Träger dieser Staatsgewalt war sich ihres bedenklichen 
Charakters wohl bewusst. Er wünschte nichts sehnlicher als 
sich Anerkennung zu verschaffen, um der Anwendung jener 
gewaltsamen Mittel überhoben zu sein. Er blieb für seine 
Person geneigt, einen sparsamen und schonenden Gebrauch 
von ihnen zu machen. Er zeigte sich nachgiebig, um durch 
eine Aenderung der Verfassung der Regierung eine bessere 
Gewähr ihrer Haltbarkeit zu verleihen. Aber die Thatsache 
war unbestreitbar, dass England in diesen Jahren so gut wie 
ganz durch den Willen eines Mannes beherrscht wurde, der 
sich oft genug über die Mitwirkung des Parlaments, über die 
Zustimmung des Staatsraths, über die Rechte der Einzelnen 
hinwegsetzte und sich zu seiner Vertheidigung nur immer 
wieder auf die „Nothwendigkeit"' berufen konnte, „die kein 
Gesetz kennt" (^). Denn diesen Gang nahmen die öffentlichen 
Angelegenheiten, seitdem Milton vergeblich seine warnende 
Stimme hatte erschallen lassen. 

Gleich das Parlament von 1654 gerieth mit dem Protektor 
in unlösbare Konflikte. Seit vierzehn Jahren fanden zum 
ersten Male wieder allgemeine Wahlen statt, nach einem ver- 
besserten Plane, in dem auch eine Vertretung Schottlands und 
Irlands ihre Stelle erhalten hatte. Sie waren freilich be- 
schränkt durch die Bestimmungen der Verfassung und durch 
die Form des Ausschreibens, welches voraussetzte, dass die 
bestehende Regierung nicht in Frage gestellt werde. Aber 
sie gewährten dennoch dem Ausdruck der Parteien freien 
Spielraum. Neben zahlreichen Independenten erschienen viele 
Presbyterianer, neben Anhängern der Regierung, wie Lambert 
und Fleetwood, alte Republikaner wie Bradshaw und Haselrig. 
Kaum war die Versammlung eröffnet, so regte sich in ihr 
das parlamentarische Selbstgefühl. Der Gedanke der Volks- 
souveränetät wachte mit aller Kraft in ihr auf. Als die 



Parlament von 1654. 155 

alleinige Inhaberin dieser Souveränetät betrachtete sie sich 
selbst. Sie wollte keine Regierungsgewalt dulden, die ein 
ursprüngliches Recht neben ihr beanspruchte. In diesem Sinn 
machte sie sich an eine Prüfung der Protektoratsverfassung. 
Nicht dass die Absicht gewesen wäre den Protektor von seinem 
Posten zu verdrängen, aber er sollte sein Amt nur parlamen- 
tarischer Uebertragung verdanken, er sollte sich den Be- 
dingungen fügen, die man für gut halten würde ihm vorzu- 
schreiben. Cromwell sah die Fundamente seines Gebäudes 
ei"schüttert. Er sagte dem Parlament, dass er eine Fort- 
setzung dieser Debatten nicht dulden werde. Er forderte die 
schriftliche Erklärung der „Treue gegen den Lord Protektor 
und das Gemeinwesen von England, Schottland und Irland" 
und des Versprechens, die bestehende Regierung „eines Einzigen 
und eines Parlaments" nicht ändern zu wollen. Die Mehr- 
zahl der Mitglieder fügte sich dieser Forderung. Aber die 
Unvereinbarkeit der Gegensätze war damit nicht aufgehoben. 
War der erste Artikel der Verfassung über jede Anfechtung 
hinaus gerückt, so wurden alle übrigen einer um so schärferen 
Kritik unterzogen. Bedeutende Rechte des Protektors und des 
Staatsraths sollten beschränkt werden. Wichtige Verord- 
nungen, die in der Zwischenzeit erlassen worden waren, 
wurden suspendirt oder Kommissionen zur Begutachtung über- 
wiesen. Die Gegner der stehenden Kriegsmacht nahmen au 
der Stärke des Heeres und der Flotte Anstoss. Die Gegner 
der independentischen Toleranz wünschten Wiederherstellung 
der Strafgesetze und Ketzerlisten früherer Zeiten. Mit einem 
Worte: die Versammlung legte sich einen konstituirenden 
Charakter bei und verlangte, dass der voa ihr ausgearbeitete 
Verfassungsentwurf im ganzen und grossen angenommen werde. 
Noch waren die nöthigen Bewilligungen für die Erhaltung 
von Heer und Flotte nicht Gesetz geworden. Auch waren 
die fünf Monate, während deren eine einseitige Auflösung 
verboten war, noch nicht abgelaufen. Aber Cromwell sah 
sieh zum äussersten getrieben. Er wagte es den Monat zu 
achtundzwanzig Tagen anzunehmen entsprechend der Berech- 
nung, die bei der Soldzahlung im Heer und auf der Flotte 



1^56 Komplotte. Overtou. Koyalisteu. 

Üblich war, und löste das Parlament am 22. Januar 1655 mit 
"Worten des Unmuths auf. 

Der erste Versuch, die Ansprüche des Parlaments und 
der aus dem Heere hervorgegangenen Kegierungsgewalt 
miteinander auszugleichen, war gänzlich gescheitert. Die 
Regierung blieb auf sich allein angewiesen und fand sich den 
grössten Schwierigkeiten gegenüber. Mit gutem Grunde hatte 
Cromwell dem Parlamente zum Abschied zugerufen, dass 
während seiner Sitzungen die Unzufriedenheit und Unruhe 
im Lande beständig gewachsen sei. Die Kavaliere schöpften 
frischen Muth. Die Republikaner hofften auf den Sturz des 
Usurpators. Unter den Soldaten wurden Befürchtungen wegen 
ihrer ungesicherten Zukunft laut, und hie und da machte 
man sich darauf gefasst, dass sie durch Erzwingung ft-eien 
Quartiers der Bevölkerung wieder zur Last fallen würden. 

Die Regierung Hess es an Wachsamkeit nicht fehlen. Einer 
der ersten, den ihre strafende Hand traf, war ]\Iilton's Freund, 
Robert Overton. Ln September 1654 war er wieder der Auf- 
sicht entlassen und sogar als zweiter im Kommando nach 
Schottland zurückgeschickt worden. Aber hier Hess er sich 
mit den Missvergnügten des Heeres in eine Verschwörung 
ein, die um so bedrohlicher war, einen je höheren Posten er 
bekleidete. Es war davon die Rede, ihn an die Stelle Monk's 
zu setzen, nach England zu marschiren, eine Erhebung der 
republikanischen Partei zu veranlassen und das Protektorat 
zu stürzen, wenn nicht gar den Protektor nebst Lambert aus 
dem Wege zu räumen. Möglich, dass ein Theil dieser Pläne 
einer früheren Zeit angehörte. Jedenfalls fanden sich unter 
den Papieren Overton's Aktenstücke, deren Inhalt ihn be- 
lastete; selbst der Prätendent aus dem Hause Stuart machte 
sich Hoffnung auf seine Hilfe. Noch ehe die Verschwörung 
zum Ausbruch kam, ward er festgenommen und nach London 
abgeführt. Er wurde zuerst in den Tower gebracht und 
später, lediglich auf Grund einer Vollmacht Cromwell's, vom 
Gouverneur der Insel Jersey in Haft genommen. So lange 
der Protektor lebte, blieb er ein Gefangener, ohne vor einem 
militärischen oder bürgerlichen Tribunal zur Verantwortung 



Einführung der Generalmajore. 157 

gezogen zu werden (^). Overton war nicht der einzige unter 
den republikanisch gesinnten Ofticieren, der auf den Umsturz 
der bestehenden Regierung hinarbeitete, aber alle Versuche 
von dieser Seite wurden im Keime erstickt. Nicht minder 
rasch gelang es die gefährlicheren Bewegungen der Royalisten 
zur Ruhe zu bringen. In Yorkshire erhoben sich einzelne 
Kavaliere für Karl IL In Salisbury brach ein Reitertrupp 
während der Assisen in die Stadt ein und bemächtigte sich 
der Richter. Aber die Bevölkerung schloss sich den Insurgenten 
nicht an, und die bewaffnete Macht jagte sie bald auseinander. 
Mehrere der Gefangenen wurden zum Tode verurtheilt. andere 
zum Frohndienst nach Westindien verschifft. 

Um die Ordnung in Zukunft aufrecht zu erhalten und 
die Einzahlung willkürlich aufgelegter Abgaben zu sichern, 
griff der Protektor zu unerhörten Massregeln (-). Das ganze 
Land wurde in zwölf Militärbezirke getheilt, an deren Spitze 
die Generalmajore standen. Es waren Officiere von bekanntem 
Namen, dem Protektor ergeben, und mit umfassenden Voll- 
machten bekleidet, die sie über jede bürgerliche Behörde 
stellten. Von diesen Vollmachten waren zwei von besonders 
starkem Gewicht. Die Generalmajore verfügten über die 
Miliz in ihren Bezirken, die neuorganisirt und in scharfer 
Zucht gehalten, eine Art von Nationalgarde bildete, von der 
man ähnliche Versuche der Auflehnung, wie sie sich im 
stehenden Heere gezeigt hatten, keineswegs fürchtete. Sie 
erhoben ferner zur Erhaltung der Miliz eine ausserordentliche 
Steuer, ein Zehntel von dem Jahreseinkommen aller derer, 
die für die Stuarts gekämpft hatten, sobald dies eine gewisse 
Höhe erreichte, und handelten damit einer früher erlassenen 
Amnestieakte zuwider. Auf diese Machtmittel gestützt, sollten 
sie jeden Aufruhr unterdrücken, Papisten und Royalisten ent- 
waffnen, die einzelnen Haushaltungen und Wirtshäuser beauf- 
sichtigen, Register über die Verdächtigen führen, Schauspiele, 
Bärenhetzen, Wettrennen und andere Anlässe zu Volksan- 
sammlungen unmöglich machen, gegen Trunkenheit, Fluchen 
und Blasphemie einschreiten. In ihrer Hand lag eine Summe 
militärischer und polizeilicher Befugnisse, die sie zu Herren 



258 Einführung der Generalmajore. 

über Freiheit und Eigenthum ihrer Mitbürger machen konnte. 
Das ganze Reich befand sich wie im Belagerungszustand. 
Jeder Hausvater musste, wenn es verlangt ward, für die Ge- 
sinnung seiner Dienerschaft Bürgschaft leisten. Jeder Fremde 
musste sich eine scharfe Kontrolle gefallen lassen. Der freie 
Verkehr der Reisenden wurde beschränkt, die Zahl der Gast- 
höfe und Schenken vermindert. Bei allen diesen Anordnungen 
und bei der Art ihrer Ausführung verläugnete sich keinen 
Augenblick der Geist des Puritanismus. Nicht nur die öffent- 
liche Ordnung sollte geschützt, es sollte zugleich ein sittlicher 
Lebenswandel erzwungen werden. Die Soldaten selbst hielten 
strenge Disciplin. Weit entfernt davon, sich Ausschweifungen 
zu erlauben, wurden sie von den leichtfertigen Insassen 
schlechter Häuser wie von der lustigen Zechgenossenschaft 
lärmender Tavernen gleich sehr gefürchtet. Vor ihren 
Patrouillen verschwanden die verdächtigen Gestalten, die zur 
Seite der Heerstrasse im Buschwerk gelauert hatten. Nicht 
selten begrüsste man sie als „Beschützer und liebe Gäste" (^). 
Aber unerträglich war doch der Druck dieses Regiments, der 
zwar auf einer Partei am schwersten lastete, allen jedoch mit 
jedem Tage fühlbarer werden musste. Cromwell freilich gab 
nach wie vor der Milde Gehör. Die Dichter Waller und 
Cowley, so bekannt ihre frühere Gesinnung auch war, hatten 
nach ihrer Rückkehr in die Heimat von dem Protektor nichts 
zu fürchten. Davenant, den einige Jahre vorher seine Ergeben- 
heit für die Sache der Stuarts in die grösste Gefahr gebracht 
hatte, erhielt die Erlaubnis mit Zuhilfenahme musikalischer 
Begleitung die theatralische Kunst wieder zu beleben. John 
Cleveland, der einstige College-Genosse Milton's, wurde auf 
eine freimüthige Petition an Cromwell seiner Haft entlassen. 
Allein persönliches Eingreifen konnte die Härte des Systems 
nicht ändern. Die Generalmajore schalteten mit unbeschränkter 
Macht und weckten Gefühle eines allgemeinen Unmuths, die 
im nächsten Parlamente sich Luft machten. 

Cromwell hatte keineswegs die Absicht die Berufung 
einer parlamentarischen Versammlung zu umgehn. Auch 
sah er sich durch den Lauf der auswärtigen Politik dazu 



Einführung der Generalmajore. — Gefangennahme H, Vane's. 159 

gezwungen, die finanzielle Unterstützung eines Parlaments 
nachzusuchen. Dies Mal indessen wollte er sich im voraus 
der Fügsamkeit der Gewählten versichern. Nichts blieb un- 
versucht diesen Zweck zu erreichen. Schon längst ward die 
Presse in einoi' Weise behandelt, die zu den Rathschlägen 
Milton's im schroffsten Gegensatz stand. Am 5, Sept. 1655 
hatte der Staatsrath verfügt, dass foitan keine Zeitung er- 
scheinen dürfe, ausser mit Erlaubnis seines Sekretärs. Die 
Folge war, dass die officiellen Blätter, die von Marchmont 
Needham geleitet wurden, zur Alleinherrschaft gelangten (i). 
Die Censur bestand nach wie vor. Sie wurde zwar lässig 
gehandhabt , aber Schriften, welche mit Umgehung derselben 
die Regierung angriffen, wurden auf der Stelle unterdrückt. 
Vor den Wahlen erschien die Aengstlichkeit und Wachsam- 
keit der Presspolizei verdoppelt. Aber es galt nicht bloss 
die Presse mundtodt zu machen, sondern auch eine Anzahl 
von Personen einzuschüchtern, deren feindselige Haltung man 
fürchtete. Mehrere Royalisten und Republikaner von Ruf 
wurden für kürzere oder längere Zeit in Haft genommen, 
ohne ihnen Gelegenheit zu geben sich vor Gericht zu verant- 
worten. Von allen Willkürhandlungen machte keine so grosses 
Aufsehn wie diejenige, unter welcher Henry Vane zu leiden 
hatte. Vane war bis dahin ein schweigender Zuschauer der 
Ereignisse geblieben. Erst im Frühling des Jahres 1656 fand 
er sich veranlasst aus seiner Zurückhaltung herauszutreten. 
Der Protektor hatte einen allgemeinen Fasttag angeordnet, 
an dem das ganze Volk „den Herrn anflehen sollte, den 
Achan zu entdecken, der dem Frieden des zerrütteten Reiches 
im Wege stehe". Die Frage war zu verlockend, als dass 
Vane nicht in einer Flugschrift darauf hätte antworten sollen. 
Er schlug einen versöhnlichen Ton an. Er nahm sich vor 
„Balsam in die Wunde zu träufeln, ehe sie unheilbar werde". 
Das Heer erhält aus seinem Munde reiches Lob, den General 
der es anführt, nennt er „ehrlich und weise", er will sich 
sogar gefallen lassen, dass ein Einzelner an der Spitze der 
Regierung stehe. Aber massgebend ist ihm immer der Grund- 
satz der Volkssouveränetät, wobei er freilich nicht vergisst, 



160 Gefangennahme H. Vane"s. — Parlament von 1656 ff. 

das Volk auf die Verfechter der „guten Sache" zu beschränken. 
Nur durch „freie Zustimmung" der Vertreter des Volks kann 
die höchste Macht übertragen werden. Stützt sie sich nur 
auf das Schwert des SoUlaten, so lebt die alte Tyrannei wieder 
auf, mit der Gott die Vorfahren heimgesucht hat(*). Vane 
war seiner Sache so sicher, dass er vor der Veröffentlichung 
seiner Schrift Cromwell mit ihr bekannt zu machen suchte. 
Aber als die Wahlen bevorstanden, wurde er vor den Staats- 
rath citirt um sich zu verantworten. Sein Werk wurde als 
ein solches bezeichnet, durch das er die Ruhe des Gemeinwesens 
zu stören beabsichtige. Ihm selbst ward die Leistung eine 
Friedensbürgschaft von 5000 £. auferlegt. Er wies dies An- 
sinnen mit Entrüstung von sich und wurde in Folge dessen 
nach der Insel Wight entfernt (9. Sept.). Dasselbe Sehloss 
Carisbrooke, welches der Kerkei- König Karl's gewesen war^ 
beherbergte bis zum Ende des Jahres 1656 Henry Vane als 
Staatsgefangenen in seinen Mauern. 

Unter den Eindrücken dieser Vorgänge fanden die Wahlen 
statt. Die Generalmajore hatten Mittel genug auf sie einzu- 
wirken. Die Abgeordneten von Irland und Schottland konnten 
als Ernannte der Regierung gelten. Das Parlament Hess demnach 
in seiner Gesammtheit keinen Widerstand befürchten. Auch so 
indess schien die gewünschte Sicherheit noch nicht vollkommen 
erreicht zu sein. Die Gegner des Protektors waren nicht 
ohne Vertretung. Männer wie Haselrig und Scott oder der 
zur Opposition übergegangene Ashley Cooper konnten gefähr- 
lich werden. Der Staatsrath gab sich aus diesen Gründen, 
dazu her, von jenem Artikel der Verfassung, der ihn bevoll- 
mächtigte die Qualifikationen der Gewählten zu prüfen, einen 
äusserst kühnen Gebrauch zu machen. Etwa hundert der 
Gewählten wurde die Bescheinigung geweigert, die sie zum 
Eintritt berechtigt haben würde (17. Sept. 1656). Vergeblich 
suchten sie Hilfe bei ihren Kollegen. Die Versammlung nahm 
das Geschehene hin und wandte sich ihren Arbeiten zu. Sie 
zeigte sich bei jedem Schritt dem Protektor willfährig und 
fand dafür auch bei ihm ein unerwaitetes Entgegenkommen. 
Der grosse Stein des Anstosses, die drückende Herrschaft der 



Abschaffung der Generalmajore. 161 

Generalmajore und die gesetzwidrige Besteuerung der Kavaliere, 
kam in Wegfall. Trotz der Vertheidigung beider Institute 
durch die Militärpartei gab der Protektor den Angriffen, die 
sich gegen seine eigene Schöpfung erhoben, weise nach. Er 
verzichtete auf die Aufrechthaltung jenes Systems der Will- 
kür, sobald er der Bewilligung einer Subsidie von 400,000 ^. 
sicher sein konnte. Nach langer Zeit fortdauernder Erschütte- 
rungen schien sich ein Zustand der Beruhigung und Gesetz- 
lichkeit herzustellen. Und nicht genug damit, dass das 
Parlament mit dem Protektor einträchtig zusammenwirkte: 
es trug ihm freiwillig eine Erhöhung seiner Stellung an. 

Pläne der exilirten Royalisten in England einzufallen, 
erneuerte Versuche fanatischer Anabaptisten, Cromwell aus 
dem Wege zu räumen, waren erst kürzlich entdeckt worden 
und hatten allen über die Ungewissheit des Bestehenden die 
Augen geöffnet. Wer irgend Grund hatte die Rückkehr der 
Stuarts zu fürchten, wer mit heimlichem Bangen dem Tag 
entgegensah, da ein wilder Kampf der entfesselten Kräfte 
um den erledigten Platz ihres Bändigers anheben würde, der 
musste wünschen, seiner Nachfolge eine gesetzliche Sicherheit 
zu gel)en, die nur durch Umwandlung des Protektorats in ein 
Königthum erreicht werden konnte. Auch schien der könig- 
liche Titel seinen Träger nöthigen zu müssen die Bahn der 
Revolution zu verlassen und sich mit den überlieferten 
Prärogativen des Monarchen zu begnügen. Die ganze Ver- 
fassung konnte ihrem früheren Wesen angenähert und mancher, 
der bisher noch grollte, mit dem Umschwung der Dinge ver- 
söhnt werden. Es waren die Abgeordneten bürgerlichen 
Standes und besonders die vorsichtigen Juristen, denen diese 
Erwägungen nahe lagen. Für die presbyterianische Partei 
hatten sie viel Anziehendes. iNIehrere der Officiere Hessen 
sich gleichfalls für einen solchen Plan gewinnen. Aber die 
Mehrzahl der alten Waffengefährten Cromwell's gerieth in die 
lebhafteste Erregung. Fleetwood und Desborough, obwohl 
durch verwandtschaftliche Bande mit ihm verknüpft, wider- 
setzten sich der Ei'neuerung einer Würde, die sie als Symbol 
der Tyrannei bekämpft hatten. Lambert, von ehrgeizigen 

Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 11 



162 Yerhaudlung über Erneuerung der Königs würde. 

Gedanken erfüllt, konnte seinen Unmutli über die veränderten 
Aussichten nicht verbergen. Die Masse der Soldaten hielt 
nach wie vor zur „alten guten Sache". Aus den Kreisen der 
unversöhnlichen Repuljlikaner tauchten Kundgebungen auf wie 
jene Flugschrift „Tödten kein Mord", die dem ,, Tyrannen", 
dem neuen „Eglon", den „Dolch Ehud's" vor die Augen 
rückte, und deren Verfasser Gelegenheit nahm, sich zu seiner 
Rechtfertigung auf Milton's „tyrannenfeindliche" Schriften zu 
berufen (^). Cromwell's Urtheil war unbefangen genug, als 
dass ihn der lockende Schimmer der Königskrone hätte 
blenden sollen. Er fühlte, dass er des Titels, dieser „Feder 
für seinen Hut", nicht bedürfe, dass derselbe zu seiner ganzen 
Vergangenheit nicht passen würde. Bei diesem Anlass machte 
er Milton's Hoffnungen nicht zu Schanden. Seine Hand war 
nicht fähig „das Götzenbild wieder aufzurichten, das sie eben 
zertrümmert hatte". 

Das. Ergebnis der denkwürdigen Verhandlungen bestand 
darin, dass Cromwell die königliche Würde zurückwies, da- 
gegen den vorgeschlagenen Aenderungen der Verfassung zu- 
stimmte. In der Form „einer Petition und eines Rathes" 
überreicht und durch einige Verbesserungen des Protektors 
ergänzt, bedeutete die neue Verfassungsurkunde doch einen 
weiteren Schritt rückwärts zu den Zuständen der monarchischen 
Zeit. Das Protektorat wurde zwar nicht für erblich erklärt, 
aber der zeitige Protektor ward mit dem Recht und mit der 
Pflicht betraut seinen Nachfolger zu bezeichnen. Ein „anderes 
Haus" entsprechend dem Hause der Lords ward wiederher- 
gestellt und dem Protektor die Wahl seiner Mitglieder über- 
lassen. Dass eine Akte auch gegen seinen Willen Gesetz 
werde, blieb in Zukunft unmöglich. Die Vertreter der Nation 
dagegen erhielten das Recht zurück, über die Zulässigkeit 
der Mitglieder ihres Hauses selbstständig zu entscheiden. 
Für die Ernennung der neuen Lords und der wichtigsten 
Staatsbeamten war ihre Billigung einzuholeji. Ohne Zustimmung 
des Parlaments durfte keine Auflage erhoben werden, jedoch 
brachte man das ungeheure konstitutionelle Opfer, zur Er- 
haltung der Kriegsmacht ein für alle Mal eine jährliche 



Die neue Protektoratsverfassung. 163 

Revenue festzusetzen. Auch hier wurde der Genuss der 
höchsten politischen Rechte durch genaue Bestimmung der 
Qualifikationen auf einen kleinen Bruchtheil des Volkes be- 
schränkt. Die Gewährung der Kultusfreiheit blieb nach wie 
vor in enge Grenzen eingeschlossen. — Eine zweite feierliche 
Investitur des Lord Protektor besiegelte den Bund, der 
zwischen ihm und dem Parlament geschlossen worden war 
(26. Juni 1657). Nachdem es den neuen Grundriss entworfen, 
eine Reihe der früher erlassenen Verordnungen bestätigt, für 
diQ Bedürfnisse der Verwaltung freigebig gesorgt hatte, wurde 
es. auf einige Monate vertagt, um der Regierung Zeit zu 
geben, den vorgezeichneten Plan auszuführen. 

Endlich konnte man hotien den Punkt gefunden zu haben, 
auf dem eine Versöhnung der Geister möglich wäre. Allein 
auch dies Mal zeigte sich der Gegensatz der ursprünglichen 
Ideen stärker als die umsichtigste Berechnung. Mit welchem 
Feuer hatte einst Milton den Gedanken verfochten, dass die 
Souveränetät nur in einer einzigen, vom Volk gewählten 
höchsten Versammlung zum Ausdruck kommen dürfe. Mit 
welcher Entschiedenheit hatte er ein „anderes Haus" ver- 
worfen, dessen Mitglieder ihr politisches Recht nicht diesem 
Ursprung verdankten. Die verbesserte Verfassung des Protek- 
torats nöthigte nun doch dazu, ein solches „anderes Haus" 
wiederherzustellen, und der Protektor benutzte den gebotenen 
Anlass sehr gerne, einigen der hohen aristokratischen Familien 
die Hand zu bieten. Schon die Vermählung zweier seiner 
Töchter, der Lady Frances mit dem Enkel des Grafen von 
Warwick und der Lady Mary mit Lord Fauconberg hatte 
dieser politischen Absicht zu dienen. Von eben diesem Ge- 
danken geleitet, berief er in das neue Haus der Lords neben 
Angehörige seiner Familie, neben bürgerliche und militärische 
Würdenträger des bestehenden Gemeinwesens einige Träger 
altadligen Namens, die sich am Kriege gegen den König be- 
theiligt hatten. Die Notabilitäten der Revolution und die 
Sprösslinge vornehmer puritanischer Geschlechter sollten durch 
seine mächtige Hand zu einer neuen Pairie verschmolzen 
werden. Schon dieses Unternehmen war äusserst gewagt, 

11* 



164 Wiederherst. e. Hauses d. Lords. — Auflösung d. Parlaments. 

Dieser und jener, der stolz auf die Reihe seiner Ahnen war, 
weigerte sich neben Cromweirschen Marschällen zu sitzen, 
denen royalistische Spottlieder vorwarfen, dass sie Schuster 
und Kärrner gewesen seien. Aber die grössten Schwierig- 
keiten entstanden, als bei der Wiederaufnahme der Session 
ein Kampf des einen Hauses gegen das andere entbrannte. 

Die früher ausgeschlossenen Parlamentsmitglieder wurden, 
getroffener Uebereinkunft gemäss, nunmehr zugelassen und 
nahmen grössten Theils ihre Sitze ein. Sie erschienen mehr 
als je vom Geiste der republikanischen Opposition erfüllt und 
weigerten sich das „andere Haus" überhaupt als berechtigt 
anzuerkennen. Vergeblich mahnte der Protektor, im HinbUck 
auf die inneren und äusseren Gefahren des Reiches an der 
so mühsam geschaffenen Grundlage nicht zu rütteln. Die 
Debatten wurden immer hitziger, Kavaliere und Männer der 
fünften Monarchie glaubten ihre Stunde gekommen, und 
während . die Republikaner sich anschickten eine Verfassung, 
die ohne ihre ^litwirkung vereinbart war, zu zerfetzen, gährte 
in Stadt und Land das alte unheimliche Chaos der Faktionen. 
Wiederum fühlte sich Cromwell vor jene Nothwendigkeit ge- 
stellt, „die kein Gesetz kennt". Als es von bedrohlichen 
Konventikeln zu bedrohlichen Petitionen kam, und die Er- 
regung der Bürger und der Soldaten durch die parlamen- 
tarischen Verhandlungen gesteigert wurde, hielt er nicht 
länger an sich. Rasch entschlossen, ohne fremden Rath ein- 
zuholen, entbot er am 4. Februar 1658 die Gemeinen in das 
Haus der „Lords", dem sie seinen Titel weigerten. In seiner 
Ansprache mischten sich Kummer und Entrüstung. Er rief 
den Allwissenden zum Zeugen dafür an, dass er nicht frei- 
willig die Bürde der Regierung auf sich genommen habe und 
wälzte die Verantwortlichkeit für den Schritt, den zu thun er 
im Begriff war, von sich ab. „Ich denke, so schloss er, es 
ist hohe Zeit euren Sitzungen ein Ende zu machen. Ich löse 
dieses Parlament auf, und möge Gott Richter sein zwischen 
euch und mir!" 

Eine Woche später schrieb Samuel Hartlib an John Pell, 
den damaligen Vertreter CromweH's bei den reformirten 



Auflösung des Parlaments. — Die Frage der Untemchtsreform. 165 

Kantonen der Schweiz, die Aiiflösunp- des Parlaments sei so 
nothig gewesen. ,,dass, wenn die Session noch zwei oder drei 
Tage gedauert hätte, in Stadt und Land auf Rechnung Karl 
Stuart's ein grosses Blutvergiessen erfolgt sein würde" ('). 
Beängstigende Gerüchte der Art, die seinem alten deutschen 
Freunde zukamen , werden auch Milton schwerlich unljekannt 
geblieben sein. Aber konnte er sich durch den Gang der 
Ereignisse, so unvermeidlich er sein mochte, befriedigt fühlen ? 
Drängte nicht wiederum alles auf die Erneuerung einer Will- 
küj-herrschaft hin, die er des Beschützers und Schinngeistes 
„der englischen Freiheiten" für unwürdig erklärt hatte? 

Und so sah er das Programm, das von seiner Hand in 
glänzenden Farben entworfen worden war, auch in anderen 
Theilen keineswegs ausgeführt. Der Verfasser der Schrift 
über die Erziehung hatte die Sorge für Volksbildung und 
höheren Unterricht dem Protektor besonders an's Herz gelegt. 
Er hatte damit allerdings nur dessen eigene Wünsche aus- 
gesprochen. Cromwell, ein Zögling der Universität Cambridge, 
von lebhafter Theilnahme für pädagogische und wissenschaft- 
liche Bestrebungen erfüllt, war der Gönner der Gelehrten 
und der Förderer der Lehranstalten. Aehnlich wie es einst 
Milton gethan hatte, äusserte er sich vor dem Parlament 
über die Unsitte, die jungen Leute guten Standes über den 
Kanal nach Frankreich zu schicken, „von wo sie mit der 
ganzen Leichtfertigkeit jener Nation zurückkehren, ohne dass 
sie vor ihrem Weggang erzogen oder nach ihrer Wiederkehr 
vor Ausschreitungen bewahrt würden". Den Fanatikern, welche 
die Landesuniversitäten als Sitze des Satans dem Untergange 
geweiht wissen wollten, trat er entgegen. Das Ehrenamt des 
Kanzlers von Oxford, das er eine Reihe von Jahren hindurch 
bekleidete, nahm er sehr ernst. Die Männer, die auf seinen 
Antrieb in die akademischen Körperschaften eintraten, führten 
ihnen frisches Leben zu, wenn sie auch hie und da in 
puritanischen Vorurtheilen befangen waren. In Durham suchte 
er sogar, um den Bedürfnissen der nördlichen Landestheile 
abzuhelfen, aus eingezogenem Kirchengut ein neues bedeuten- 
des College zu begründen. Allein die politischen Wirren 



\QQ Das kirchenpolitische Kompromiss. 

Hessen es an keiner Stelle zu entschiedenen Reformen kommen. 
An den Grundfehlern der englischen Universitätsbildung, die 
Milton aus eigener Erfahrung kannte, wurde nichts geändert, 
und die Volksbildung, von den Gesinnungsgenossen des Dichters 
abgerechnet, gleichfalls nach wie vor als Aufgabe der Kirche 
betrachtet, hatte in einer Epoche allgemeiner kirchlicher Auf- 
lösung am wenigsten Gewinn zu erwarten. 

Endlich die Frage über das Verhältnis von Kirche und 
Staat, die Milton in den Vordergrund seiner Ermahnungen 
gestellt hatte, wurde von der Regierung des Protektors doch 
durchaus nicht in dem Sinne beantwortet, in dem er sie be- 
antwortet wissen wollte. Allerdings in einem wesentlichen 
Punkte verstand sich der independentische Herrscher mit dem 
independentischen Denker sehr wohl. Er theilte mit ihm den 
Grundsatz der Toleranz, einer Toleranz freilieh, die weit ent- 
fernt davon war eine allgemeine zu sein, die sich aber über 
die bisher geltenden Vorstellungen hoch zu erheben versuchte. 
Cromwell wollte auch als Regent nicht verläugnen , was er 
als Privatmann so oft verfochten hatte. Bei aller Energie 
des Willens war er milde und versöhnlich seiner Natur 
nach. Er war mit seinen Begriffen von religiöser Duldsam- 
keit seiner Nation weit voraus. Unablässig ermahnte er die 
von ihm berufenen Volksvertreter, „die Gewissen ihrer Brüder 
nicht zu bedrücken". Die Hindernisse, die sich ihm in den 
Weg stellten, bestanden nicht zum wenigsten darin, dass die 
Masse der Nation seine Toleranz nicht verstand und ihn 
nöthigte, um die Gewissensfreiheit einer Minderheit zu schützen 
die bürgerliche Freiheit der Mehrheit einzuschränken. Wenn 
er sein erstes Parlament auflöste und eine Militärherrschaft 
einsetzte, so geschah es auch deshalb, um England das Schau- 
spiel der Ketzerverfolgungen zu ersparen, welches die Pres- 
byterianer ihm zugedacht hatten. Er milderte die Strafe des 
annen Schulmeisters John Biddle, dem seine socinianischen 
Ansichten zuerst ein Paar Monate Untersuchungshaft und 
später ein Paar Jahre Verbannung einbrachten. Er tadelte 
das willkürliche Vorgehen des Parlamentes gegen den phan- 
tastischen Quäker Jakob Naylor, der kaum der Hinrichtung 



Die Toleranz und ihre Grenzen. 167 

entgieng, aber dafür mit mehrhundertfachen Peitschenhieben, 
Durchbohrung der Zunge mit einem glühenden Eisen und 
Brandmarkung der Stirne bestraft wurde, weil er in „gräss- 
licher Blasphemie" sich den Sohn Gottes genannt hatte und 
unter den Hosiannahrufen seiner Anhänger triumphirend in 
Bristol eingezogen war. In diesem Bestreben Vorurtheilen 
früherer Zeiten durch das Beispiel der Duldsamkeit entgegen- 
zuarbeiten, konnte Cromwell auch für den Gedanken gewonnen 
werden, den Juden in England wieder offene Aufnahme zu ge- 
W9,hren und ihnen wenigstens in London Freiheit des Kultus zu 
gestatten. Sclion mehrfach war aus den Reihen der Indepen- 
denten das Verlangen einer Duldung der Juden laut geworden, 
sei es auch nur um Gelegenheit zu ihrer Bekehrung zu geben. 
Im Vertrauen auf diese Stimmung langte im Oktober 1655 
der bekannte Menasseh Ben Israel, der schon mit dem langen 
und mit dem kleinen Parlament in Verbindung getreten war, 
von Amsterdam in England an. Er wandte sich an Cromwell. 
Dieser berief eine Konferenz von Juristen, Kaufleuten und 
Theologen zur Berathung der Angelegenheit und betheiligte 
sich lebliaft an den Debatten. Allein weder die Eifersucht 
der Kauf leute noch die Bedenklichkeit der Theologen liess sich 
überwinden. Die Konferenz wurde aufgelöst,'aber der Protektor 
gestattete dennoch einer Anzahl von Juden die Erbauung einer 
Synagoge und die Anlage eines Begräbnisplatzes in London ('). 
Sobald indessen eine Aeusserung des religiösen Lebens 
der Staatsmacht als politisch gefährlich erschien , hatte 
es mit der Duldsamkeit ein Ende. Der Engländer, der die 
Messe las oder die Messe hörte, galt nach wie vor für einen 
Staatsverbrecher, und selbst unter einem Cromwell ist noch 
ein katholischer Priester, weil er katholischer Priester war, 
hingerichtet worden (2). Die Anhänger der Episkopalkirche 
wurden eine Zeit lang mit Nachsicht behandelt, aber nach den 
royalistischen Bewegungen von 1655 ward der bischöfliche 
Ritus selbst beim Hausgottesdienst im Inneren der Familien 
verfolgt, und die Benutzung des Common-Prayer-Book, der 
Genuss der Sakramente nach anglikanischem Brauch setzte 
die strafende Hand des Staates in Bewegunff. 



Jg8 Gegensatz Cromwellä uad Milton's. 

In die Nothwendigkeit versetzt die kirchlichen Fragen nach 
politischen Rücksichten zu entscheiden, wich die Praxis der 
Protektoratsregierung bedeutend von dem ab , was der unge- 
bundene Verfechter eines grossen Gedankens von ihr gefordert 
hatte. Milton, von einer grossen und von einigen kleineren In- 
konsequenzen abgesehen , verpflichtet die bürgerliche Gewalt 
das religiöse Gebiet nicht zu betreten. Er will dem Staat 
einen wichtigen Theil von dem zuweisen, was sich bis dahin 
die Kirche angemasst hatte, aber den kirchlichen Gemeinden 
auf ihrem abgegrenzten Territorium Freiheit gewähren wie 
jedem Verein in gesetzlichen Schranken. Ihm war, da es 
mehrere Religionen gab, der Staat religionslos, und die Kirche, 
deren Einheit längst gebrochen war, keine Staatsanstalt. 
Cromwell, so sehr er sich vor dogmatischem Zwang zu hüten 
suchte, wollte dem Staat selbst doch kirchliche Aufgaben zu- 
weisen, einen Gottesstaat errichten, welchem die Verehrung 
Gottes in Leben und Lehre als Ziel gesteckt wäre. Unter 
seine höchsten Pflichten rechnete er die Schaff'ung und Er- 
haltung einer „frommen Geistlichkeit". „Gewissensfreiheit der 
Bürger, erklärte er vor dem Parlamente, ist ein natürliches 
Recht, aber auch die oberste Staatsgewalt hat ein Recht 
darauf der Kirche diejenige Form zu geben, die ihr die beste 
zu sein scheint" (^). Er reichte die eine Hand den Indepen- 
denten, die andere den Presbyterianern. Und so machte er 
sich daran zwei Gedankenströmungen miteinander zu ver- 
binden, die sich so wenig mischen Hessen wie Oel und Wasser. 

Der Satz der Verfassung, dass die christHche Religion die- 
jenige der „Nation" sei, sollte kein leeres Wort bleiben. Man 
wollte sich von dem Gedanken eines „christlichen Staates" 
nicht losreissen. Die erneuerte Verfassung von 1657 nahm 
sogar wieder die Vereinbarung eines nationalen Glaubens- 
bekenntnisses durch den Protektor und durch das Parlament 
in Aussicht und machte den Genuss der Pfründen und Zehnten 
von der Uebereinstimmung mit jenem Bekenntnis abhängig. 
Eine Akte „für die bessere Beobachtung des Tages des Herrn" 
suchte doch wieder den sonntäglichen Besuch des Gottes- 
dienstes bei Strafe zu erzwingen (-). Die bisherige Art der 



Gegensatz Cromwells imd Milton's. 169 

Erhaltung des Klerus blieb in Kraft. Jene Kommissionen, 
die der Protektor eingesetzt hatte, sollten nur darauf hin- 
wirken, dass bei der Vertheilung der geistlichen Einnahmen 
nicht eine Partei allein und dass nicht Unwürdige den Lohn 
empfiengen. Es sassen Männer in diesen Kommissionen, wie 
Owen und Goodwin, die viele von Milton's Ansichten theilten, 
wie Fairfax und Lawrence, deren Verdienste er zu schätzen 
wusste. Auch war die Thätigkeit der Kommissäre, selbst 
nach dem Urtheil solcher, die nicht zu Cromwell's Verehrern 
gehörten, im ganzen und grossen nicht ohne gute Folgen. 
Aber wurde damit nicht ,jene Buhlschaft von Kirche und 
Staat" fortgesetzt, gegen die Milton geeifert hatte? Eine 
Behörde, die von der bürgerlichen Gewalt abhängig und ihr 
verantwortlich war, legte den Geistlichen Fragen vor über die 
Zeiten, Tag und Stunde der Wiedergeburt, Auffassung der 
Prädestination, Gewissheit der Gnade, prüfte ihre Kenntnisse 
und ihren sittlichen Wandel. Von dem Ausfall dieses Examens 
hieng der Eintritt in's Amt oder das Verbleiben im Amt, 
Meng der Bezug der Besoldung ab. Eben dies System war 
es, das Milton bekämpft hatte, dem er einige Zeit nachher 
in zwei merkwürdigen Schriften noch entschiedener entgegen- 
trat. Man sieht : die independentische GesinnungMilton'sist von 
derjenigen CromweH's wesentlich verschieden. In Milton wird 
sie zur Ahnung des zukünftigen ^'erhältnisses von Kirche und 
Staat, wie es eben erst anfieng in einem kleinen Gemeinwesen 
jenseits des Oceans sich zu verwirklichen. In Cromwell greift 
sie beinahe auf die Ideale einer fernen Vergangenheit zurück, 
welche dem Wiesen der modernen Zeit nicht entsprechen. 

Alles in allem hatte die innere Regierung des Protektors 
keine einzige der hohen Forderungen genügend erfüllt, welche 
der Dichter mit so viel Freimuth an sie gestellt hatte. Es 
geht viel zu weit, wenn man annimmt, dass ein förmlicher 
Zwiespalt zwischen ihm und seinem Amte bestanden habe. 
Es ist ganz irrig, wenn man behauptet hat. dass er um seinen 
Abschied eingekommen sei. Aber nicht mit Unrecht hört 
man vielleicht seinen Unmuth aus den Worten eines Briefes 
heraus, den er lö57 einem Freunde, auf dessen Bitte sich 



170 Auswärtige Politik. 

für ihn zu verwenden, übersandte: „Ich pflege keinen ver- 
trauten Umgang mit denen, welche in Gunst stehn und ziehe 
es vor, ruhig zu Hause zu bleiben" (^). 

Ein Gebiet gab es indessen, auf dem der „Sekretär für 
die lateinische Sprache" voll -freudiger Hingebung mit dem 
Protektor zusammenarbeitete. Es war das Gebiet der aus- 
wärtigen Politik. Freilich hatte INÜlton sehr nachdrücklich 
davor gewarnt kriegerischen Ruhm und diplomatische Erfolge 
den inneren Reformen vorzuziehn. Die unscheinbaren Siege 
des Friedens hatte er hoch erhoben über die blendenden 
Siege der Waffen. Aber er wollte deshalb nicht einen Frieden 
auf jeden Fall. Er kannte einen Kampfpi-eis, für dessen 
Gewinn ihn die Hingabe von englischem Gut und Blut nicht 
zu kostbar dünkte. In den Vorstellungen des Puritanismus 
aufgewachsen, wie er es war, hatte er von Jugend auf lebhaft 
beklagen müssen, dass sein Vaterland davon abstand, als 
Schutzmacht des europäischen Protestantismus aufzutreten. 
Unter Cromwell's Scepter schien England sich diese Rolle 
mit Entschiedenheit aneignen zu wollen. Bekenner des 
Evangeliums , die aus Polen vertrieben waren , fanden Auf- 
nahme in England. Heimatlose böhmische Brüder sollten in 
Irland angesiedelt werden. Den Reformirten Frankreichs 
wandte sich beständig die Sorge des Protektoi's zu(-). Und 
hiebei blieb er nicht stehn. Er brauchte nur der puritanischen 
Gedankenströmung und seiner eigenen Neigung zu folgen, um 
sich der Pläne anzunehmen, mit denen sich Milton's Freunde, 
Hartlib und Durie, seit lange getragen hatten. Was beide 
schon hie und da angedeutet hatten, erhielt während des 
Protektorates eine greifbare Bestätigung. Eine Union aller 
protestantischen Mächte, eingeleitet und geführt durch Eng- 
land: in dieser Form gestaltete sich unter der Hand des 
Staatsmannes die gutgemeinte Idee einer Union der verschiedenen 
akatholischen Bekenntnisse und einer theologischen Korre- 
spondenz. Beim Abschluss der Verträge mit den Niederlanden, 
mit Schweden und Dänemark blieb der Wunsch einer engeren 
Vereinigung im protestantischen Interesse nicht verschwiegen. 
Wenn sich Streitigkeiten zwischen Schweden und Bremen er- 



Ihr proteet. Charakter. — Verhältnis zu d. ref. Kantonen d. Schweiz. 171 

hoben, so suchte der Protektor durch den ernsten Hinweis 
auf die Gemeinsamkeit der gefährdeten religiösen Interessen 
zu vermitteln. Und es war Milton, der seinen Gedanken die 
klassische Form gab. Durch ihn verkündete er der Welt, 
dass er für seine erste Herrscherpflicht halte „über den Frieden 
der Protestanten zu wachen'". Durch ihn machte er darauf 
aufmerksam, „wie sehr sich der gemeinsame Feind der Re- 
formirten an ihren inneren Zwistigkeiten erfreue" ('). Man 
fühlt es der Sprache des Dichters an, wie tief ihn dieser 
Gegenstand ergreift. So oft er die Umtriebe der Kurie, die 
Gefahren der Neugläubigen, die Nothwendigkeit ihrer Ver- 
einigung zu berühren hat, erhebt sich die trockene lateinische 
Staatsschrift zu einem höheren Stil. Und bald ward ihm 
Gelegenheit das ganze Pathos seiner Beredtsamkeit in der 
Behandlung eben dieser Fragen zu entfalten. 

Seit einiger Zeit herrschten sehr freundschaftliche Be- 
ziehungen zwischen der englischen Regierung und den evan- 
gelischen Kantonen der Schweiz (2). Ein Gesandter derselben 
hatte den Frieden zwischen England und den Niederlanden 
zu fördern gesucht. Cromwell hatte im Gespräch mit ihm 
aus seiner Furcht vor einem neuen Religionskriege, aus seinem 
Verlangen nach einer näheren Verbindung kein Hehl gemacht. 
Milton hatte in einer seiner Depeschen die Söhne der Berge 
gepriesen, „die beinahe als die ersten in Europa ihre Freiheit 
errungen und mit Gottes Beistand durch nicht geringere Klug- 
heit und Mässigung so viele Jahre hindurch rein erhalten 
hätten" (•''). Im Sommer des Jahres 1654 sollte nun dieses 
Band noch enger geknüpft werden. Zu allgemeinem Erstaunen 
erschien ein diplomatischer Agent des Protektors in Zürich. 
Es war der berühmte Mathematiker John Pell, der mit Hartlib 
auf vertrautem Fusse stand und vermuthlich auch zu Milton's 
Bekanntenkreise zählte. Und gleichzeitig mit Pell, ein 
Empfehlungsschreiben des Protektors in der Tasche, machte 
sich John Durie auf den Weg, um sein ahes Friedenswerk 
wieder aufzunehmen. Er hatte schon seit Jahren mit den 
schweizer Theologen verhandelt, aber dies Mal arbeitete er 
an seiner Sisyphusaufgabe nicht mehr auf eigene Hand» 



172 Durie und Pell. — Verfolgung der Waldenser. 

sondern im Vertrauen auf die Autorität des Protektors. 
Politische und religiöse Bestrebungen unterstützten sich gegen- 
seitig. In Frankreich sah man schon sorgenvoll voraus, dass 
Cromwell als Vorbereitung auf eine evangelische Liga ein 
allgemeines Koncil seiner Glaubensgenossen berufen werde, 
dem es obliegen würde ein gemeinsames Bekenntnis festzu- 
stellen (^). Damals brachte Durie jene Nachrichten über 
Morus in Erfahrung, durch die er Milton Waffen in die Hand 
gab. Damals wurde ihm auch von ängstlichen Gemüthern 
entgegengehalten, dass er eine jener königsfeindlichen Schriften 
Milton's übersetzt habe (s. o. S. 83 Anm. 2). Uebrigens war 
er mit seinen Erfolgen sehr zufrieden. Er durchreiste einen 
grossen Theil der Schweiz, konfeiirte und disputirte aller 
Orten und begab sich, in der sicheren Hoffnung die einigende 
Formel aufzufinden, nach Deutschland. Pell bheb zurück und 
wurde durch eine wichtige Angelegenheit in Anspruch ge- 
nommen, die alle Befürchtungen einer Entflammung der alten 
Keligionskriege zu rechtfertigen schien und die Politik des 
Protektors zu einer fieberhaften Thätigkeit veranlasste. 

Es war das ]\lartyrium der Waldenser, von dem man 
zuerst in der benachbarten Schweiz genauere Kunde erhielt. 
Oft genug waren die Alpenthäler Piemont's, in denen seit 
Jahrhunderten arme waldensische Gemeinden ihren Sitz hatten, 
Zeugen heftiger religiöser Kämpfe gewesen. Wiederholte 
Bestätigungen der alten Privilegien seitens der savojischen 
Landesherrn hatten mit Rechtsbrüchen und Verfolgungen ge- 
wechselt. Der Bekehrungseifer des katholischen Fanatismus 
rief auf der Gegenseite mitunter Handlungen der Rache her- 
vor, die sofort zur Rechtfertigung neuer Gewaltthaten benutzt 
wurden. Bis zum Beginn des Jahres 1655 hatte die reformirte 
Welt an diesen Kämpfen keinen aussergewöhnlichen Antheil 
genommen. Damals aber führten sie zu einer Katastrophe, 
welche die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich lenkte. 
Ende Januar des bezeichneten Jahres wurden die Bewohner 
der Thäler von Luserna, Perosa, St. Martino angewiesen ent- 
weder den Glauben ihrer Väter aufzugeben oder binnen drei 
Tagen ihre Wohnstätten mit anderen zu vertauschen, in denen 



Verfolgung der Waldenser. — Eindruck in England. 173 

sie nur unter der Bedingung geduldet werden sollten, dass 
sie die x\bhaltung der Messe, die Thätigkeit der Missions- 
prediger und das Werk der Bekehrung in keiner Weise be- 
hinderten. Sie hofften noch durch Unterhandlungen mit den 
leitenden Persönlichkeiten zu Turin das Schlimmste abzu- 
wenden, als im April der Marquis von Pianezza mit einer 
ansehnlichen Truppenmacht in die Thäler einfiel. Einige Tage 
lang waren in ihnen alle die Furien entfesselt, die während 
der Bartholomäusnacht und während des irischen Aufstandes 
gewüthet hatten. Brand, Mord und Schändung stritten sich 
um ihre Opfer. Wehrlose Frauen wurden unter grässlichen 
Martern zu Tode gequält, unmündige Kinder gegen die Felsen 
geschleudert. Wer dem Blutbad oder der Gefangenschaft 
entgangen war, flüchtete nach heldenmüthigem Widerstände 
in das unzugängliche Gebirge und litt dort Qualen des Hungers 
und der Kälte. Einige waren auf französisches Gebiet ent- 
kommen. Doch durften ihre dortigen Glaubensgenossen nicht 
wagen, ihnen wirksame Hilfe zu leihen. Waren doch selbst 
französische Truppen bei ihrem ]\Iarsche durch savoyisches 
Gebiet aufgehalten, zur Mitwirkung bei dem Gemetzel ver- 
wandt worden. Inzwischen rafften sich die Angegriffenen von 
dem ersten Schlage auf und setzten bis in den Sommer hinein 
den verzweifelten Kampf unermüdet fort. 

Kaum irgendwo machten die Nachrichten von diesen 
Vorgängen einen so tiefen Eindruck wie in England. Was 
viele Schwarzsichtige dort so lange vorausgesagt hatten, schien 
endlich einzutreffen. Die Hauptschuld des Erlebten war auf 
die katholische Propaganda zurückzuführen , deren Filiale in 
Turin sass. Man war demnach geneigt, das Geschehene nur 
als das Vorspiel der gefürchteten „papistischen Anschläge" 
zu betrachten. Von allen Kanzeln wurden die Leidenschaften 
des Volkes aufgerufen. Ausgestreute Libelle mahnten zur Rache 
an den Katholiken. Eine Sammlung für die Waldenser, bei 
welcher der Protektor mit dem besten Beispiel vorangieng 
und bei deren Austheilung die Behörden und Geistlichen von 
Genf gute Dienste leisteten, stieg allmählich auf 40,000 £. 
Aberhiebei wollte Cromwell nicht stehn bleiben. In seinem Auf- 



174 Eindruck in England. — Milton's Sonett und Dejjeschen. 

trag eilte Samuel ]\Iorland, ein Freund der Hartlib und Pell, nach 
Frankreich um die Vermittlung Ludwigs XIV. und Mazarin's 
anzurufen und nach Turin um dem Herzog von Savoyen Vor- 
stellungen zu machen. In seinem IS'amen ergieng ein Hilfe- 
ruf an den König von Schweden, den König von Dänemark, 
die evangelischen Kantone der Schweiz, die Generalstaaten, 
ja sogar an den Fürsten von Siebenbürgen, um ihre Unter- 
stützung in der gemeinsamen Sache des Protestantismus aus- 
zuwirken. Und wieder war es Milton, der die edelmüthigen 
Gedanken des Herrschers in hochtönende Worte umsetzte. 
Auch ihn hatte das grässliche Ereignis mächtig ergriffen. 
In einem Sonett von gewaltiger Kraft, einem lauten Aufschrei 
seiner verletzten Gefühle, flehte er den Herrn an, „seiner 
Heiligen nicht zu vergessen, deren Gebeine auf den kalten 
Alpen zerstreut sind und dem Tyrannen mit der dreifachen 
Krone ihre Seufzer, ihr Todesröcheln zu gedenken" (^). Was 
er hier in englischen Versen ausgesprochen, hatte er als 
Sekretär des Prolektors nur in lateinische Prosa zu verwandeln. 
Denn von ihm rührten die zahlreichen diplomatischen Akten- 
stücke her, welche diese Angelegenheit betrafen: die Schreiben 
an die verschiedenen protestantischen j\Iächte, die Briefe, mit 
denen Morland sich am französischen wie am turiner Hofe 
einführte, die Rede sogar, die er in feierlicher Audienz vor 
dem Herzog und seiner Mutter zu halten hatte (-). Wohl 
fehlt es in allen diesen Erzeugnissen der Milton'schen Feder 
nicht an Wiederholungen. Aber es kam eben darauf an mit 
Nachdruck immer aufs neue das vollzogene Verbrechen in's 
Gedächtnis zu rufen und seine Sühnung als eine allgemeine 
Angelegenheit aller Bekenner der reformirten Lehre darzu- 
stellen. Mit einer unverkennbaren Wärme im Ausdruck, die 
von der üblichen Form derartiger Urkunden ausserordentlich 
abwich, hat Milton sich seiner Aufgabe entledigt. Mitunter 
kann er es nicht unterlassen ein Bild oder einen Vergleich aus 
dem Alterthum anzubringen, wie er denn jNIorland in Turin 
erklären lässt, dass „alle Xeronen aller Zeiten" nie etwas so 
Unmenschliches erdacht hätten, wie es in den waldensischen 
Thälern an's Licht getreten war. 



Milton's Souett und Depeschen. 175 

Milton's Feder war ein unverächtlicher Bundesgenosse 
für den Protektor. Allein er schien eine Zeit lang geneigt 
zu sein noch kräftigere Mittel anzuwenden. Eine starke 
Flotte unter Robert Blake kreuzte im Mittelmeer. Der 
Admiral hatte erst kürzlich in jenen Gewässern einen heil- 
samen Schrecken vor der englischen Flagge verbreitet, Toskana 
und den Kirchenstaat zur Leistung von Schadensersatz für den 
geduldeten Verkauf gekaperter Kaufmannsgüter gezwungen 
und die Raubstaaten der nordafrikanischen Küste durch die 
Verbrennung der tunesischen Flotte und das Bombardement 
der tunesischen Forts nicht wenig eingeschüchtert. Es wäre 
kein Ding der Unmöglichkeit gewesen vor Nizza zu erscheinen, 
auch das Herzogthum Savoyen den Donner englischer Ge- 
schütze hören zu lassen und eine englische Truppenmacht an 
die Küste zu werfen. Indessen erschien ein solcher Plan, 
bedenklich wie er an sich war, nur ausführbar durch den 
gleichzeitigen Eingriff einer festländischen Kriegsmacht. Zu 
dieser Rolle sollten sich die evangelischen Kantone der Schweiz 
bequemen. Die ganze Thätigkeit von Pell richtete sich darauf 
sie für ein Schutz- und Trutzbündnis mit England zu gewinnen 
und für das Versprechen englischer Subsidien zum Angriff 
gegen Savoyen zu verlocken. Indessen es zeigte sich, wie schief 
diese Verhältnisse vom religiösen Gesichtspunkt aus beurtheilt 
worden waren. In der Schweiz, wo man soeben die Er- 
schütterungen des Bauernkrieges durchgemacht hatte und am 
Vorabend des Vilmergerkrieges stand, war man völlig zu- 
frieden, wenn es nur gelang den Brand im eigenen Hause zu 
vermeiden. Auf keine Weise Hessen sich die reformirten 
Kantone dazu verleiten den gefährlichen Anmuthungen des 
Protektors nachzugeben. Sie suchten wie zuvor auf diplo- 
matischem Wege zu Gunsten der Waldenser einzuwirken und 
versprachen sich das Beste von der Absendung einer vier- 
gliedrigen Gesandtschaft nach Savoyen, mit welcher Agenten aus 
England und aus den Niederlanden zusammeiizuhandeln be- 
stimmt waren. Allein noch waren diese nicht auf dem Schau- 
platz erschienen, als unter französischer Vermittlung der Ver- 
trag von Pinerolo zwischen den Waldensern und ihrem Landes- 



^76 Krieg mit Spanien. 

heiTD abgeschlossen wurde (18. August 1655). Die Ent- 
täuschung in England war nicht gering. Dieser Vertrag, 
wenn er auch einige Zugeständnisse enthielt, gewährte doch 
in keiner Weise Genugthuung. Es fehlte jede Bürgschaft für 
seine ehrliche Ausführung. Vor allem die erträumte Liga 
der Reforrairten fiel damit zu Boden. Das Zeitalter Alba's 
und Wilhelm's von Oranien war überwunden. Die Gruppirung 
der Mächte einzig um die Standarte des Glaubens hatte sich 
überlebt. 

Es waren andere Momente, die das Verhältnis der euro- 
päischen Staaten zu einander bestimmten und der Politik des 
Protektors ihre endgiltige Richtung anwiesen. Nicht umsonst 
hatte Mazarin allen Eifer angewandt um durch den Vertrag 
von Pinerolo die Klagen der Waldenser wenigstens für den 
Augenblick zur Ruhe zu bringen. Die Zeit war ge- 
kommen, in der England seinem langen Schwanken zwischen 
Spanien und Frankreich ein Ende zu machen im Begriff stand. 
Die Angelegenheit der Waldenser drohte ein unerwartetes 
Hindernis der Entscheidung zu werden, es war demnach 
wichtig sie so rasch als möglich aus dem Wege zu räumen. 
Schon längst hatte der Protektor alles vorbereitet, um in die 
Bahnen der volksthümlichen , auswärtigen Politik zurückzu- 
lenken, die seinen eigenen Wünschen entsprach. Er war ge- 
neigt unter den katholischen Mächten diejenigen, welche die 
Vorfechter des Pabstthums seien, von denen zu unterscheiden, 
welche ihre Interessen ohne Rücksicht auf das Oberhaupt der 
Kirche verfolgten. Zu diesen rechnete er Frankreich, zu jenen 
Spanien. Dass Spanien den englischen Kaufleuten nicht ge- 
statten wollte, geschützt vor der Inquisition, „ihre Bibeln in 
der Tasche bei sich zu tragen" bildete neben der Forderung 
den kolonialen Handel frei zu geben einen vorzüglichen Be- 
schwerdepunkt der englischen Regierung. „Alle eure Ge- 
fahren, rief Cromwell gelegentlich dem Parlament zu, kommen 
von dem gemeinsamen auswärtigen Feinde, von Spanien, 
welches das Haupt der Armee des Pabstes ist"(0. Er nahm 
den Lieblingsgedanken des elisabethanischen Zeitalters wieder 
auf und konnte des Beifalls der ganzen puritanischen Partei 



Allianz Cromwell's und Mazarins. — Eroberung Dünkirchen's. 177 

sicher sein. Die unerwartete Eroberung von Jamaika im 
Sommer 1655, die für den verfehlten Angriff auf St. Domingo 
entschädigen musste, machte den Bmch mit Spanien unver- 
meidlich. Der spanische Gesandte erhielt seine Pässe. Kurz 
nach seiner Abreise erschien in lateinischer Sprache das engli- 
sche Kriegsmanifest. Auch dieses Aktenstück ist mitunter 
Milton's Feder zugeschrieben und in die meisten Ausgaben 
seiner Werke aufgenommen worden. Innere wie äussere 
Gründe machen seine Autorschaft indessen zweifelhaft ( ' ). 
Allein unbeschäftigt Hess ihn der Gang der auswärtigen 
Politik keineswegs. Während Spanien mit den verjagten 
Stuarts in enge Verbindung trat, schloss Cromwell einen 
Friedens- und Handelsvertrag mit Frankreich. Noch war die 
Waffengenossenschaft der beiden Staaten nicht erklärt. Der 
grosse Sieg über die reichbeladene spanische Flotte im Hafen 
von Santa Cruz (20. April 1658), die letzte Heldenthat Robert 
Blake's, war lediglich ein Ergebnis englischer Tapferkeit. 
Aber schon war eine Offensivallianz zwischen England und 
Frankreich zu Stande gekommen, der zu Folge ein englisches 
Hilfscorps auf dem Kontinent erschien, um gemeinsam mit 
den Franzosen die festen Plätze der spanischen Niederlande 
anzugieifen. Die Soldaten aus der Schule Cromwell's kämpften 
an der Seite der Truppen Turenne's gegen ihre royalistischen 
Landsleute, die unter Führung des Herzogs von York in den 
Reihen der Spanier standen. Der Preis des Sieges war die 
Eroberung von Dünkirchen. Es wurde versprochener Massen 
den Engländern ausgeliefert, nachdem sie schon vorher 
Mardyke in Besitz genommen hatten. Der Schlüssel des Fest- 
landes hieng, wie man sagte, am Gürtel CromwelFs (25. Juni 
1658). 

Diese gi-ossartigen Triumphe der äusseren Politik konnten 
Milton am wenigsten gleichgiltig finden. Er hatte die latei- 
nischen Kreditive für Sir William Lockhart abgefasst, den Ge- 
sandten des Protektors am französischen Hofe und den sieg- 
reichen Führer der englischen Hilfsmacht (-). Als Cromwell's 
Schwiegersohn, Lord Fauconberg, im Frühling des Jahres 1658 
nach Calais reiste, um Ludwig XI\'. und Mazarin daselbst 

Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 12 



]^78 Eroberung Dünkii'chen's. — Nordische Politik. 

ZU begrüssen, überbrachte er Schreiben des Protektors an 
den König und an den Minister, die Milton aufgesetzt hatte ('). 
Und wiederum fiel es Milton zu, den gebührenden Dank für 
die Mission des Herzogs von Crequi auszusprechen, der nach 
London gekommen war, um die Einnahme Dünkirchen's zu 
melden. In diesen Aktenstücken wäre das Pathos schlecht 
am Platz gewesen, das in der Angelegenheit der Waldenser 
zum Durchbruch gekommen war. Aber vergessen wurde 
dieser vorgeschobene Posten der Reformirten weder vom 
Protektor noch von seinem Sekretär. Je mehr Grund die 
Waldenser hatten, sich über die mangelhafte Ausführung des 
Vertrages von Pinerolo zu beklagen, desto ernster nahm 
Crom well es mit seiner Pflicht, sie nach Möglichkeit zu 
schützen. Noch ein Mal, im Mai 1658, wurde Mlton's Feder 
in Bewegung gesetzt um Ludwig XIV. zu beschwören, seines 
Titels des „allerchristlichsten Königs" eingedenk zu sein und 
die Versprechungen Heinrich's IV. wahr zu machen. Noch 
einmal ermahnte gleichzeitig dieselbe Stimme die evangelischen 
Kantone der Schweiz, nicht müde zu werden in der Sorge 
..für den ältesten Spross der reinen Religion". 

Es gab noch eine andere Frage der Politik, welche die 
religiösen Gefühle CromwelFs und Milton's gleich sehr erregte 
und die Veranlassung wurde, eine Reihe lateinischer Depe- 
schen durch den Dichter ausfertigen zu lassen. Im Nordosten 
Europas war ein Kampf entbrannt, der argwöhnischen Zeit- 
genossen einen inneren Zusammenhang mit dem Kampf gegen 
Spanien zu haben schien. Karl X. von Schweden hatte sich 
auf das Königreich Polen gestürzt und binnen kurzem die 
grössten Erfolge davon getragen. Er stand in nahem Ver- 
hältnis zu Cromwell , er erschien ihm als der Vorfechter des 
Protestantismus im Norden, und durch Milton Hess der Pro- 
tektor ihm Glück zu seinen Siegen über die „Feinde der 
Kirche" wünschen. Es wäre ganz im Sinne des englisch- 
französischen Bündnisses und der puritanischen Hoffnungen 
gewesen, wenn sich der Träger der Krone Gustav Adolfs 
gegen das Haus Habsburg gewandt und seinen Besitz der 
deutschen Reichswürde gestört hätte. Allein statt dessen 



Nordische Politik. — Milton's Depeschen. 179 

musste Dian erleben, dass die Pi-otestanten des Nordens unter 
sich in Zwiespalt geriethen. Der plötzliche Einfall der Dänen 
in schwedisches Gebiet rief Karl X. von seiner Siegeslaufbahn 
zurück. Mit den Dänen waren wiederum die Niederländer 
im Bunde. Der grosse Kurfürst Hess sich für Anerkennung 
der Souveränetät seines Herzogthums durch Polen von der 
schwedischen Seite abdrängen. Nur für kurze Zeit brachte 
englisch-französische Vermittelung in dem Kampf der beiden 
skandinavischen Reiche wenigstens eine Pause hervor. 

Auch an dieser Stelle des Welttheils zeigte sich, dass das 
religiöse Moment nicht mehr das bestimmende war, so mächtig es 
auch noch immer auf die Verhältnisse der Staaten einwirkte. 
Dem Protektor dagegen schien es wichtiger zu sein als irgend 
ein anderes. Nach allen Seiten liess er durch Milton seine 
Warnungen ergehn. Die Niederlande beschwor er, sich mit 
Schweden brüderlich zu vertragen. Den Schwedenkönig 
mahnte er ab von der Feindseligkeit gegen die Niederlande 
und von dem Kriege gegen Dänemark. Den grossen Kur- 
fürsten suchte er mit schmeichlerischen Worten beim schwe- 
dischen Bündnis festzuhalten (^). Und immer war es die Be- 
rufung auf den gemeinsamen Glauben, die in allen diesen 
Schriftstücken Milton's den Ausgangspunkt bildete. Vergeb- 
lich hofft man in ihnen die mannichfachen ineinander ver- 
schlungenen politischen und kommerziellen Fragen erörtert 
zu sehn , die bei dem Kampf um die nordischen Küsten und 
Meere den Ausschlag gaben. Dafür kehrt die Erinnerung an 
das Geschick der Waldenser, an die neuerliche Niederlage 
der schweizerischen Reformirten, an die Bedrängnis der 
evangelischen Unterthanen Oesterreichs beständig wieder. 
Die ganze europäische Menschheit erscheint nach diesen 
Depeschen in zwei Lager gespalten. Ueber das eine gebietet 
mit niemals rastenden Ränken der römische Pontifex, dessen 
eifrigster Vorkämpfer das Haus Habsburg ist. In dem anderen 
haben sich alle Bekenner der „reinen Lehre", mit Aufopferung 
einzelner Vortheile, ihrer inneren Zwistigkeiten vergessend, 
unter Englands Führung . zu gemeinsamer Abwehr der 
„papistischen Anschläge" zu sammeln. 

12* 



180 Älilton's Depeschen. 

Es ist dieselbe einseitige Auffassung der politischen Lage, 
dieselbe Verkennung des Fortschrittes der Zeiten, die schon 
bei einer anderen Gelegenheit zu bemerken gewesen war. Allein 
so gefährlich für das wünschenswerthe Zurücktreten der reli- 
giösen Gegensätze dieses Hervorkehren des evangelischen 
Gemeingefühls auch werden konnte, es gab der Politik des 
Protektors doch einen grossartigen Zug. "Wenn er sein Par- 
lament aufforderte, sich mit ihm an „Luther's Psalm": eine 
feste Burg ist unser Gott: zu erheben, wenn er mit dem 
eisernen Klang des englischen Namens über den ganzen Erd- 
ball hin die Anhänger der reformirten Lehre vor den An- 
griffen ihrer Feinde zu schützen suchte, so konnte das den 
feurigen Puritaner einigermassen für die Mängel entschädigen, 
die er der inneren Regierung seines Vaterlandes vorzuwerfen 
haben mochte. Der Staatsschreiber, dessen Feder die Ge- 
danken des Herrschers wiedergab, war mehr als jeder andere 
in diesem Fall. 

Ein neuerer englischer Meister hat es versucht das Bild 
der beiden Männer in ihrer gemeinsamen Arbeit zur An- 
schauung zu bringen. Cromwell, stämmig und breitschultrig, 
das Schwert an der Seite, in Reiterstiefeln, mit strengem, 
fast löwenartigem Gesichtsausdruck, steht gebieterisch da» 
Milton, eine schlanke Gestalt mit weicheren Zügen, sieht von 
seinem Sitze zu dem Gebieter empor, mit der Linken auf ein 
Blatt Papier deutend, die Feder in der Rechten, gleich als 
warte er auf die Weisung in der Niederschrift fortzufahren. 
Der Künstler hat sich bei seiner Darstellung manche Frei- 
heiten genommen, vor allem die, dass der erblindete Milton, 
zu der Zeit, als er in Diensten des Protektors stand, nicht 
mehr fähig war, seinem Diktat zu folgen. Aber wie das Bild 
den Beschauer eigenthümlich fesseln wird, so wird der Bund 
des Sängers mit demjenigem, der König zu heissen verschmähte, 
den Blick der Nachlebenden immer wieder auf die Höhen der 
Menschheit hinlenken. 



Fünftes Kapitel. 
Familie und Freunde. 



Ueffentliclie Charaktere fesseln die Aufmerksamkeit der 
Nachwelt zunächst, soweit ihr Wirken für das Gemeinwohl in 
Frage kommt. Ihre häuslichen Schicksale, ihre Verhältnisse 
zu Familiengenossen und Freunden stehen in zweiter Linie. 
Haben wir uns Milton in amtlicher Stellung vor Augen ge- 
führt, die Thätigkeit des politischen Schriftstellers und Sekre- 
tärs, seine Arbeit für den republikanischen Staatsrath und 
für den Protektor, so ist es unerlässlich , zu schildern, wie 
während eben dieser Jahre sein Privatleben sich gestaltete. 
Das kleine Gartenhaus in Petty-France , das der Dichter seit 
Ende 1651 bewohnte, war Zeuge wechselnder Scenen von 
Freude und Leid, die sich in seinen Mauern abspielten. 
Milton hatte es mit seiner Frau und drei Kindern bezogen. 
Auf die beiden Töchter Anna und Mary, die noch im zartesten 
Alter standen, war am 16. März 1651 ein Sohn gefolgt, 
welcher vom Vater den Namen John empfangen hatte, (i) Ge- 
währte die Ehe Milton auch nicht jene glückliche Befriedigung, 
die nach der erfahrenen Enttäuschung unmöglich war, so 
wurde doch durch das Dasein der Kinder ein festeres Band 
zwischen ihm und der reuig zurückgekehrten Gattin geknüpft. 

Um so unerquicklicher wurde sein Verhältnis zu der 
Schwiegermutter, der alten Mrs. Powell. Mit ihrer zahlreichen 
Familie in bedrängter Lage zurückgelassen, hatte die Wittwe 



182 Geburt eines Sohnes (John). — Streitigkeiten mit Mrs. Powell. 

Powell sieh bemüht, Genugthuuug für den Schaden zu er- 
halten, der dem Vermögen ihres verstorbenen Gatten von 
Staats wegen zugefügt worden war, und so viel als möglich 
von seinen sequestrirten und verschleuderten Gütern zu retten. 
Unter diesen Gütern war auch die Besitzung von Whatley 
in Oxfordshire, an der Milton für ein altes Darlehen ein 
Pfandrecht hatte. Er hatte keine Hoffnung, dass die Schuld 
jemals zurückgezahlt werde. Er hatte noch keinen Schilling 
von der versprochenen Mitgift seiner Frau gesehen. Nichts 
desto minder hatte er, ohne dazu verpflichtet zu sein, von den 
Erträgnissen dieser Besitzung jährlich einen Theil an seine 
Schwiegermutter abgegeben. Allein ihr zu Gefallen die Staats- 
kasse zu betrügen, sah er sich ausser Stande. In der That 
wurde ihm diese Versuchung nahe gelegt. Es war das selbst- 
verständliche Interesse der Wittwe Powell, als es sich um 
Zahlung der Sühnesumme handelte, den Ertrag jenes Gutes 
möglichst niedrig anzugeben. Milton, der nach einer Akte 
von 1650 als Pfandinhaber eines Delinquentengutes zunächst 
eintreten musste, hatte aber gefunden, dass dieser Ertrag 
sich auf das Doppelte belief und danach gehandelt. Mochte 
nun dies schon den Zorn seiner Schwiegermutter erregen, so 
noch mehr, dass er Miene machte, jene jährliche Abtretung 
eines Theiles der Einkünfte von Whatley zu sistiren. Er 
hatte seine guten Gründe dafür, nicht länger den Freigebigen 
zu spielen. Dass er nicht zu jener Zahlung verpflichtet sei, 
war wenigstens aussergerichtlich anerkannt worden. Aber es 
wurde bei der Abschätzung der Sühnesumme keine Rücksicht 
darauf genommen, dass er sich dennoch bisher dies Opfer auf- 
erlegt hatte. Mrs. Powell gerieth alsbald in Feuer und 
Flamme. Sie forderte, „um sich und ihre Kinder vor dem 
Hungertode zu retten", als ein rechtmässiges Witthum, was 
sie bis dahin durch die Güte ihres Schwiegersohnes erhalten 
hatte. Sie erklärte, nicht darum processiren zu können, weil 
es ihr gänzlich an Mitteln fehle, und weil ihre Tochter da- 
mnter leiden würde. Denn Milton, fügte sie hinzu, sei ein 
„rauher und cholerischer Mann, der seine Frau schon früher 
einmal weggeiagt habe". Der Dichter war edel genug, sich 



Geburt von Deboiah Milton. — Tod von Milton's Frau und Sohn. 183 

für ein solches Benehmen nicht auf eine sehr nahe liegende 
Weise zu rächen. Es konnte ihm ein Leichtes sein, den 
Nachweis zu führen, dass Mrs. Powell ihre Noth entschieden 
übertrieb , wie sie denn , zum Theil sogar mit Hilfe von 
Milton's Bruder, als ihres Rechtskonsulenten, vieles von dem 
Verlorenen zurückgewann (^). 

Inzwischen blieb der Friede des „rauhen und cholerischen" 
Milton mit seiner Frau trotz dieser ärgerlichen Streitigkeiten 
ungestört. Am 2. Mai 1652 wurde ihm eine Tochter geboren, 
Deborah, die von allen seinen Kindern die grösste Aehnlich- 
keit mit ihm hatte (^). Aber der Mutter kostete die Geburt 
das Leben. Sie starb in Folge der Nachwehen des Wochen- 
betts, sechsundzwanzigjährig , nachdem sie neun Jahre lang 
des Dichters Weib gewesen war, ohne ihm das höchste Glück 
haben schenken zu können, das er von der Ehe erhofft hatte. 
Nicht lange vorher oder nachher wurde auch der schwäch- 
liche Knabe hinweggerafft. Milton stand mit seinen drei 
kleinen Töchtern allein. Es war die Zeit, da ihm über den 
unwiederbringlichen Verlust seiner Sehkraft keine Täuschung 
mehr übrig blieb, da ihn die literarischen Fehden, zu denen 
Salmasius' Bekämpfung den Anlass gegeben hatte, in unab- 
lässige Aufregung versetzten. Aber sein Muth gieng in den 
Sorgen des täglichen Lebens nicht unter. Wohl nicht ohne 
Beziehung auf seine eigene Lage wählte er sich im Jahre 
1653 die acht ersten Psalmen zu freier englischer Ueber- 
setzung in Reimen. Mit dem Psalmisten rief er aus: „Ach 
Herr, wie ist meiner Feinde so viel, und setzen sich so viele 
wider mich." Aber mit ihm tröstete er sich auch in dem 
Gedanken: „Du Herr bist der Schild für mich, und der mich 
zu Ehren setzet, und mein Haupt aufrichtet." (^) Dieselbe 
Stimmung durchdringt das rührende Sonett „auf seine Blind- 
heit". (*) Fromme Ergebung in sein schweres Schicksal wird 
ihm leicht. Er klagt nicht, so wenig, wie er gegen den 
Griechen Philaras geklagt hatte. Er weiss: „Wer Gottes 
mildes Joch am besten trägt, dient ihm am besten". 

Ob Tausende auf seinen Wink sich eilen, 
Hinfliegend rastlos über Land und Meer, 
Sie dienen auch, die ruhii? harrend weilen. 



184 Fremde Besuche bei Miltou. — Christoph Arnold. 

Wer sein schweres Loos mit so viel Fassung ertrug, war 
nicht dazu geinacht, das Leben einsam zu vertrauern. Im 
Gegentheil suchte er ihm durch den Verkehr mit Freunden 
und Bekannten noch manche schöne Seite abzugewinnen. 
Seine amtliche Stellung hatte es mit sich gebracht, dass an- 
gesehene Fremde seine Gesellschaft suchten. Es wird be- 
richtet, dass das Parlament ihn in die Lage versetzte, einmal 
im Laufe der Woche „die Gesandten und Gelehrten des Aus- 
landes, namentlich diejenigen, welche Protestanten waren," zu 
Tische bei sich zu sehen, und Cromwell soll ihm die gleiche 
Gunst gewährt haben (^). Sein Ruhm war nach der Be- 
kämpfung des Salmasius in ganz Europa verbreitet. Fran- 
zosen und Italiener sollen ihn eingeladen haben, ihre Länder 
zu besuchen, indem sie es an schmeichelhaften Anerbietungen 
nicht fehlen Hessen Fremde kamen nach London, um „den 
Protektor und Mr. Milton'" zu sehen. ]\Ian suchte als eine 
Merkwürdigkeit das Haus auf, in dem er geboren war. Nicht 
leicht verliess ein ausländischer Gelehrter die Stadt, ohne 
seine Bekanntschaft gemacht zu haben (-). 

Ein paar Beispiele dafür sind uns bekannt. Im Jahre 
1651 verweilte der Deutsche Christoph Arnold, welcher 1653 
Diaconus an der Marienkirche in Nürnberg und Professor am 
Egidiengymnasium daselbst wurde, für längere Zeit in Eng- 
land. Da Männer, wie Durie, John Rons, Hermann Mylius 
zu seinen Bekannten zählten, so konnte es ihm nicht schwer 
werden, bei ihrem Freunde, dem berühmten Gegner des Sal- 
masius, Zutritt zu erhalten. Er schildert in einem Briefe den 
Eindruck, den ihm Milton machte, die Anmuth seiner Unter- 
haltung, die Schärfe seines Urtheils über frühere englische 
Theologen, Beim Scheiden legte er ihm nach der Sitte der 
Zeit sein Album vor, das sich heute im Besitz des britischen 
Museums befindet. Dort liegt ]\Iilton's kurzer Eintrag, dessen 
Unterschrift jedenfalls von ihm selbst herrührt, aller Einsicht 
offen (^). — Ein anderer junger Deutscher trat in ein noch 
näheres Verhältnis zu Milton. Es war Peter von Heimbach, 
der Sohn des cleveschen Kanzlers Winand von Heimbach, der 
in der Zeit des »Kurfürsten Georg Wilhelm in den clevesch- 



P. V. Heimbach. — Briefwechselm.Heimbach, deBras8,L. v.Aitzema. 185 

niederländischen Angelegenheiten eine Rolle gespielt liatte. 
Peter Heimbach war nach vollendeten Studien 1656 mit den 
Formen eines vornehmen Mannes in England angelangt, mög- 
licher Weise damit ])eauftragt, im Interesse der verwittweten 
Königin von Böhmen zu wirken, vielleicht auch in der Hoff- 
nung, eine Stelle in Oxford zu erhalten. Für Cromwell em- 
pfand er eine unl)egrenzte Verehning, die sich in einer kleinen 
Druckschrift äusserte. Namentlich hatte ihm sein Auftreten 
in der Angekgenheit der Waldenser imponirt. Nichts natür- 
licher , als dass er auch Milton , der die Depeschen des Pro- 
tektors zu Gunsten der Waldenser abgefasst hatte, den Zoll 
seiner Huldigung darbrachte. Er reiste zwar noch im Laufe 
des Jahres 1656 wieder von London ab, vermuthlich nach 
Amsterdam. Aber Milton blieb mit ihm in brieflicher Ver- 
bindung, die sich über zehn Jahre erstreckte. Er nahm seine 
Hilfe in Anspruch bei der Anschaffung eines Atlas, der freilich, 
wie er selbst bemerkte, ihm, dem Blinden, von wenig Nutzen 
sein konnte. Heimbach hinwiederum wünschte durch ihn zur 
Stelle eines Sekretärs beim englischen Gesandten in den 
.Niederlanden empfohlen zu werden. Noch sechs Jahre nach 
der Restauration gedachte er in alter Anhänglichkeit seines 
englischen Freundes (^). 

Unter den Fremden waren es indessen nicht nur Deutsche, 
die im A'erkehr mit Milton Genuss fanden. Französischer Ab- 
kunft war vermuthlich ein gewisser Henri de Brass, an den 
er gleichfeJls nach seiner Abreise von England mehrere Briefe 
richtete, ^11 feiner, treffender Bemerkungen über die Aufgabe 
des Historikers und den historischen Stil(-). Dem frieslän- 
dischen Stamm gehörte der bekannte Publicist Leo von 
Aitzema an, der als Agent für die Hansestädte in London 
Milton's Umgang gesucht hatte, und in gleicher p]igenschaft 
nach dem Haag gesandt, die Absicht hatte, Milton's Schrift 
über die Ehescheidung in's Holländische übersetzen zu 
lassen (3). 

Von allen Fremden aber, die vorübergehend oder für 
längere Zeit in London auftauchten und mit Milton in Be- 
rührung kamen, war keiner merkwürdiger, als Roger Williams. 



186 Eoger Williams in England. Verkehr mit Milton. 

Der Gründer von Rhode-Island hatte Ende 1652 ein zweites 
Mal die Reise über den Ocean gewagt, um die rechtliche 
Stellung und den inneren Frieden seiner Kolonie durch Ver- 
handlungen mit den Behörden des Mutterlandes aufs neue 
zu sichern. Zwei Jahre lang verweilte er auf englischem 
Boden und, wie bei seinem ersten Besuch der Heimat, fand er 
auch dies Mal bei dem gesinnungsverwandten Henry Vane die 
beste Unterstützung und gastfreie Aufnahme. Unter den son- 
stigen Männern von Ansehen, mit denen er verkehrte, waren 
Cromwell und Milton. Eine ihm bekannte englische Dame 
konnte ihm freilich nicht verzeihen, dass er mit dem Verfasser 
des Bilderstürmers umgehe, mit dem Manne, „der zwei oder 
drei Frauen zu gleicher Zeit gehabt", und den Gott schon 
auf Erden für seine Sünden ,, mit Blindheit gestraft habe". Er 
aber schenkte den Stimmen aus royalistischem Lager kein 
Gehör und wusste Milton's Bekanntschaft zu schätzen. „Es 
gefiel dem Herrn — schrieb er einem seiner amerikanischen 
Freunde — mich einige Zeit lang mit mehreren Personen 
Hebräisch, Griechisch, Lateinisch, Französisch und Hollän- 
disch treiben zu lassen. Der Sekretär des Staatsraths 
(Mr. Milton) hat mir für mein Holländisch, das ich ihm las, 
manche andere Sprache gelesen." Indessen für Milton und 
Williams gab es wichtigere Gegenstände gemeinsamer Theil- 
nahme. Ueber dem Austausch ihrer sprachhchen Kenntnisse 
versäumten sie gewiss nicht den Austausch ihrer Gedanken 
über die grossen kirchlich -politischen Fragen, die sie seit 
Jahren unablässig beschäftigten. Milton war als Theoretiker 
so ziemlich zu dem Grundsatz der Trennung von Kirche und 
Staat bekehrt worden. Williams hatte diesen Grundsatz in 
Rhode -Island zuerst in's Leben eingeführt. Wie früher, so 
redete er ihm auch dies Mal in England mit Entschiedenheit 
das Wort. Er wurde dadurch der Bundesgenosse aller derer, 
welche die Sorge für die Erfüllung kirchlicher Aufgaben 
lediglich dem freien Willen einzelner Gleichgesinnter über- 
lassen wissen wollten. Unter den Schriften, die er 1652 in 
London veröftentlichte, war eine, deren Titel schon andeutete, 
dass ihr Verfasser beabsichtigte, in den Streit der englischen 



Sonette an C. Skinner und Lawrence, 187 

Parteien einzugreifen. Sie nannte sich „Die Miethlingsgeist- 
lichkeit keine Geistlichkeit Jesu Christi oder ein Gespräch 
über die Auslireitung des Evangeliums". Was Williams da- 
mals ausführlich in Prosa begründet hatte, war von Milton 
kurz und bündig in seinem Sonett an Cromwell angedeutet 
worden. Mit dem Gründer von Pihode-Island hatte der Dichter 
vollkommen übereingestimmt in der Bekämpfung der „Mieth- 
lingswölfe, deren Gott ihr Bauch". 

So anregend der Umgang mit Williams auch war, so 
konnte Milton sich seiner doch nur für kurze Zeit erfreuen. 
Er hatte es anderen , die nicht nur vorübergehend in seiner 
Nähe verweilten, zu danken, wenn er in seiner hilflosen Lage 
sich nicht verlassen, sondern sein Haus durch anmuthige Ge- 
selligkeit belebt fand. Gerne schloss er sich an einige Jüngere 
an, unter denen ihm sein ehemaliger Schüler, Cyriack Skinner, 
am nächsten stand. Zwei Sonette hat er an ihn gerichtet, 
beide anscheinend dem Jahre 1655 angehörig, aber sehr ver- 
schieden im Ton. In dem einen erklärt er dem jungen 
Freunde mit stolzen Worten, was ihn in der Nacht seiner 
Blindheit aufrecht erhalte: das Bewusstsein, sein Augenlicht 
der Vertheidigung der Freiheit zum Opfer gebracht zu haben, 
„jener Vertheidigung, von der ganz Europa spricht". Durch 
das andere fordert er Skinner auf, sich für kurze Zeit seinen 
Studien zu entziehen und alle Sorgen mit ihm in harmloser 
Fröhlichkeit zu ertränken. Eine ähnliche poetische Einladungs- 
karte richtet sich an den jungen Lawrence, den Sohn des 
Staatsrathspräsidenten, der in der zweiten Vertheidigung des 
englischen Volkes rühmende Erwähnung gefunden hatte. In 
diesen Versen tritt aufs deutlichste hervor, dass der blinde 
Dichter weit davon entfernt war, griesgrämig zu werden. Mit 
wahrem Behagen malt er aus, wie sie vor dem Winternebel 
zum traulichen Kamin flüchten, an einem gewählten Mahl und 
gutem Trunk sich erquicken und nach Tisch dem Klang der 
Laute oder kunstvollem Gesang lauschen wollen. Denkt man 
sich noch den witzigen Journalisten Marchmont Needham von 
der Partie, so hat man das Bild einer kleinen Gesellschaft, 
deren jugendliche Munterkeit dem schwer geprüften Bewohner 



188 jVIilton's Neffen. — Andrew Marvell. 

des Gartenhauses in Petty-France einige Stunden lang ver- 
gessen lassen mochte, was er schon Trübes in eben diesen 
Räumen erlebt hatte (i). 

Ob seine beiden Neffen sich gleichfalls zu diesen ein- 
fachen Gastereien einstellten, mag man bezweifeln. Ihre 
literarische Tätigkeit konnte ihrem Oheim und Erzieher, 
wenigstens nur ausnahmsweise gefallen, und ihre politischen 
Ansichten liefen den seinigen geradezu entgegen. Sie ge- 
hörten beide jenen lebenslustigen Kreisen der englischen 
Jugend an, die den Zwang puritanischer Strenge unwillig er- 
trug und sich vorläufig mit den Waffen des Spottes in Prosa 
und Versen zu rächen suchte. So erschien 1655 „eine Satire 
gegen Hypokrites", in der die bittersten Angriffe gegen alles, 
was dem Puritanismus heilig war, oft in sehr unanständiger 
Form gerichtet waren. Der ungenannte Verfasser war nie- 
mand anders als der jüngere Neffe Milton's, welcher gänzlich 
vergessen zu haben schien, dass er einige Jahre vorher dessen 
Ehre gegen eine royalistische Schmachschrift veitheidigt hatte. 
Sein älterer Bruder Edward konnte zwar als Uebersetzer 
spanischer Novellen, als Herausgeber der Gedichte Drummond's 
und eines „allgemeinen Wörterbuches*' auf Milton's Theil- 
nahme rechnen. Aber seine „Geheimnisse der Liebe und Be- 
redtsamkeit" (1658), eine Sammlung von Musterbriefen, Versen 
und Redensarten zum Gebrauch der galanten englischen 
Stutzer war wenig nach dem Geschmack des grossen puri- 
tanischen Schriftstellers (2). 

Er brauchte nicht weit zu suchen, um in seinem Be- 
kanntenkreise auf eine Persönlichkeit zu stossen, an deren 
geistigen Erzeugnissen er besseres Gefallen finden konnte. 
Zu seinen vertrautesten Freunden gehörte Andrew Marvell. 
Wir haben des Namens von Marvell schon mehrfach gedacht. 
Er war es gewesen, der sich in so begeisterter Weise über 
die „zweite Vertheidigung des englischen Volkes" ausge- 
sprochen hatte. Ihn hatte sich Milton vor Jahren nach dem 
Tode Weckherlin's und nach dem Erlöschen des Augenlichts 
als Gehilfen in seinem Amte ausgebeten. Damals war die 
Empfehlung nicht beachtet worden. Ein Mann von geringeren 



Andrew [Marvell, 189 

Gaben, Philipp Meadows, trat dem Erblindeten zur Seite. 
Aber als Meadows 1657 eine Mission nach Dänemark über- 
nahm, wurde das „lateinische Sekretariat" zwischen jSIilton 
und Marvell getheilt. Die beiden Männer, welche von nun 
an Amtsgenossen waren, müssen schon seit lange mit einan- 
der befreundet gewesen sein. Man darf es aus den Worten 
schliessen, mit denen Milton ehemals seinen Schützling em- 
pfohlen hatte. Wenn er seine „Umgangsformen, seine Kennt- 
nis der holländischen, französischen, italienischen Sprache, 
seine Belesenheit in den lateinischen und griechischen Autoren" 
gerühmt hatte, war er nicht blossen Gerüchten, sondern seinem 
eigenen Urtheil gefolgt. Diese lobende Charakteristik war in 
der That nicht unverdient. Andrew Marvell (geb. 1621) 
hatte unter der Leitung seines Vaters, Lehrers und Predigers 
in Hüll, eine vortreffliche Erziehung genossen, im Trinity- 
College zu Cambridge seine akademische Bildung erworben 
und durch ausgedehnte Reisen auf dem Festland seinen Ge- 
sichtskreis erweitert. Nach England zurückgekehrt und in 
die Parteikämpfe der Revolution versetzt, blieb er zunächst 
den royalistischen Neigungen seiner Jugend treu, wie er denn 
noch später des ,, tragischen Schaftbttes", auf dem ein König 
sein „schönes Haupt" niederlegte, mit melancholischer Theil- 
nahme gedachte. Er nahm indessen keinen Anstand, 1650 
in den Dienst des parlamentarischen Generals Lord Fairfax 
zu treten, der ihm die Erziehung seiner Tochter Mary anver- 
traute. Einige glückliche Jahre vergiengen ihm auf dem Land- 
sitze der vornehmen Familie, Jahre, in denen die Gestalt 
Oliver Cromwell's immer entschiedener in den Vordergrund 
trat, und der friedliche Bestand des Gemeinwesens sowie die 
Grösse der auswärtigen Politik Englands mit der Erhaltung 
von Cromwell's Machtstellung untrennbar verknüpft zu sein 
schienen. Ohne seine Trauer über das Schicksal Karls L zu 
verläugnen, erfüllte sich Marvell mit einer aufrichtigen Be- 
wunderung des Protektors. Er trat ihm persönlich dadurch 
näher, dass er der Lehrer eines jungen Menschen wurde, dem 
Cromwell sein Interesse schenkte. Er nahm aus Cromwell's 
Hand das Amt an, welches ihn zu einem Kollegen Milton's 
machte. 



190 Andrew Marvell. 

Es konnte nicht fehlen, dass Milton sich zil dem jüngeren 
Gefährten hingezogen fühlte. Dieser war eine ihm kongeniale 
Natur, wenn auch die Ansichten beider Männer in einzelnen 
Fragen von einander abwichen. Man braucht nur einen 
Blick inMarvell's Werke zu werfen, um sich davon zu überzeugen, 
dass er mit Milton den idealistischen Schwung , die unaus- 
löschliche Freiheitsliel)e und selbst den Hang zu bitterer 
Satire vollkommen theilte. Eine Schrift, wie diejenige „über 
das Wachsthum des Papismus und der Willkürherrschaft in 
England", die aus Marvell's Alter stammt, ein gleichzeitiges 
Zeugnis englischen Unabhängigkeitssinnes und protestan- 
tischer Unduldsamkeit, dabei ein Muster männlicher, leiden- 
schaftlicher Prosa, ist wie von Milton'schem Geiste durch- 
drungen. Vor allem : Marvell war ein Dichter, ja die Epoche 
der Republik und des Protektorats kennt ausser Milton keinen 
bedeutenderen Vertreter der Poesie als ihn. In seinen Jugend- 
gedichten, leichtflüssigen Versen, für welche Liebe und 
Freundschaft oder eine sinnige Betrachtung der Natur und 
des Landlebens die Quelle ist, zeigt sich noch die starke 
Nachwirkung der arkadischen Schule und des Donne'schen 
Geschmacks. Schon hier indessen gelangt der Gedankenreich- 
thum und eine eigenthüniliche Mischung von Grazie und 
Strenge im Ausdruck nicht selten zur Geltung. Am meisten 
ursprünglich erscheint aber Marvell's Talent in den Gedichten 
politischen Inhalts, sowohl in denen, welche ihm die Begeiste- 
rung vor der Ptestauration wie die Entrüstung nach derselben 
eingab. Die Reihe jener wird durch die Ode auf „Cromweirs 
Rückkehr aus Irland" eröffnet, einen Triumphgesang nach 
horazischem Vorbild, den der ehemalige Anhänger des König- 
thums sich gedrungen fühlt, „dem Sohn des Krieges und des 
Glücks" zu weihen. Der ganze kecke Seemannstrotz des 
Engländers spricht aus dem Siegesliede zum Preise des 
Kampfes bei Teneriff"a, in welchem der „tapfere Blake" den 
„Stolz des Spaniers" gebeugt hatte. Aber einen noch höheren 
Platz nehmen jene pomphaften Jamben ein, welche die erste 
Wiederkehr des Tages feiern, an dem das Protektorat be- 
gründet worden war. Ein gut gemeintes Gedicht des uner- 



Samuel Hartlib und seine Bestrebungen. 191 

müdlichen alten Georg Wither „Der Protektor" tritt hinter 
Marvell's poetischem Tiibut gänzlich in Schatten. Seine 
Leistung kann nur mit dem Panegyricus auf Cromwell ver- 
glichen werden, durch welchen der aus dem Exil zurück- 
gekehrte Edmund Waller seine Vergangenheit zu sühnen ver- 
suchte. Während Waller den Herrscher schmeichlerisch 
„Protektor der Welt" nennt, vergleicht ihn Marvell der 
Sonne, die jeden Tag mit neuem Glanz aufgeht. Milton er- 
scheint dadurch grösser als beide, dass er über seiner Be- 
geisterung nicht versäumte, dem Protektor freimüthige War- 
nungen zuzurufen, wie sie freilich in einer prosaischen Ab- 
handlung besser am Platz waren, als in einem Festgedicht (^). 
Wenn Andrew Marvell neben Milton in gebundener und un- 
gebundener Rede als getreuer Diener der Protektoratsregierung 
vor die Oeffentlichkeit trat, so wirkte ein anderer der alten 
Freunde Milton's, Samuel Hartlib, nicht weniger eifrig auf seine 
Weise im stillen. Der merkwürdige, nach England verschlagene 
Deutsche war seiner Natur vollkommen treu geblieben. Von 
Krankheiten geplagt und häufig in Geldverlegenheit, war er 
unermüdlich, sich seinen Freunden dienstfertig zu erzeigen 
und auf das Wohl seiner Mitmenschen zu denken. Ohne auf 
einem einzigen wissenschaftlichen Gebiet zu glänzen, ja oft 
^enug von ganz abergläubischen Vorstellungen befangen, konnte 
er doch auch damals als Mittelpunkt zahlreicher feingebildeter 
und strebsamer Geister gelten und stand mit den grössten 
Gelehrten des In- und Auslandes in regem Gedankenaustausch. 
Es gab noch besondere Gründe, aus denen eine Befestigung 
seiner Beziehungen zu Milton hervorgehen musste. Auch 
Hartlib war gleichsam Milton's Kollege, wennschon in einem 
anderen Sinne wie Marvell. Er war bereits vor der Be- 
gründung des Protektorats den republikanischen Behörden als 
«ine brauchbare Persönlichkeit erschienen. Nachdem Crom- 
well das Staatsruder ergriffen hatte, machte er sich auch 
diesem in mehr als einer Weise nützlich. In der grossen 
Sammlung von Aktenstücken, die aus dem Kabinet des Staats- 
sekretärs Thurloe stammen, findet man Zeitungen und Kund- 
schaften, deren Adresse diejenige Hartlib"s ist. Er sendet 



\g2 Samuel Hartlib und seine Bestrebungen. 

dem Agenten CromwelFs in der Schweiz briefliche Berichte, und 
dessen Depeschen nehmen Yorsichts halber ihren Weg durch 
seine Hand. Einmal erscheint er sogar mit dem officiellen 
Titel eines „Sekretärs" (^). 

Ein Mann, der über ganz Europa hin seine Korrespon- 
denten hatte, war in der That wie dazu geschaffen, um auch 
für politische Zwecke als eine unverdächtige Mittelsperson zu 
dienen, und er blickte seinerseits voll von Bewunderung und 
Hoffnungen auf die Gestalt CromwelFs. Von diesem schien 
man endlich eine Unterstützung der mannichfachen Vorschläge 
„zum unendlichen Vortheile Englands und der Kolonien" er- 
warten zu dürfen, welche Hartlib nicht abliess in zahlreichen 
Schriften dem „unparteiischen Leser" zu unterbreiten (2). Die 
meisten von ihnen drehen sich um Verbesserungen des Acker- 
baues. Ein Werk, das freilich nur von Hartlib herausgegeben 
ist, ohne von ihm verfasst zu sein, eine Beschreibung Irlands, 
ist ausdrücklich Cromwell und Fleetwood gewidmet. Vor allem 
die beiden alten Lieblingsfragen, die Frage einer „Korrespon- 
denz" und Allianz sämmtlicher Evangelischen, wie die Frage 
einer Reform des Unterrichtswesens, traten, nachdem sich 
die neue Regierungsgewalt in England befestigt hatte, wieder 
in den Vordergrund. 

Der religiöse Zug, welcher die auswärtige Politik des 
Protektors eine Zeit lang beherrschte, war ganz nach Hart- 
lib's Sinn. Durie und Pell, die beiden Männer, die im Auf- 
trage Cromwell's für die gemeinsame reformirte Sache wirkten, 
gehörten zu seinen genauesten Freunden. Auch nachdem sie 
von ihren Missionen zurückgekehrt waren, stand er mit dem 
Gedanken einer Union der reformirten Kirchen, als unerläss- 
licher Vorbedingung einer engeren politischen Verbindung, 
nicht allein, wie denn das letzte Parlament des Protektors 
einen darauf bezüglichen Beschluss gefasst hatte (^). Dies 
Bewusstsein des reformirten Gemeingefühls, dem die englische 
Politik der Zeit Ausdruck gab, schien auch dem alten Freunde 
Hartlib's, Amos Comenius, zu gute kommen zu sollen. Der 
gi'osse Pädagog war 1648 nach Polnisch-Lissa übergesiedelt 
wo er an der Spitze einer kleinen Brüdergemeinde stand. 



Samuel Hartlib und seine Bestrebungen. 193 

Nur für wenige Jahre vertauschte er diesen Wohnort mit 
Saros-Patak in Ungarn, wohin ihn eine Einladung der Fürstin 
von Siebenbürgen zum Zwecke der Durchführung von Schul- 
reformen gerufen hatte. Nach Lissa zurückgekehrt, erlebte 
er dort 1656 den Sturm des katholischen Adels gegen die 
schwedische Besatzung, welcher mit Einäscherung der Ortschaft 
endigte. Die reformirte Kirche gieng bei dem Brande zu 
Grunde, die Brüder zerstreuten sich, Comenius verlor alle 
seine werthvollen Bücher und Handschriften. Diese Katastrophe 
von Lissa erregte in England die grösste Theilnahme. Hartlib 
versäumte keinen Augenblick, für die unglücklichen Glaubens- 
brüder zu wirken. Mit Erlaubnis der Regierung wurden 
Sammlungen für sie veranstaltet, und der Plan wird erwähnt, 
ihnen Wohnsitze in Irland anzuweisen ('). Indessen fand dieser 
Gedanke, wofern er überhaupt nicht nur in der Phantasie 
Hartlib's und seiner Freunde bestanden hat, keine Verwirk- 
lichung. Die Glieder von Comenius' Gemeinde wandten sich 
grossen Theils nach Schlesien, ihm selbst gewährte die Fa- 
milie seines alten Gönners de Geer in Amsterdam eine Zu- 
flucht. 

Die ununterbrochene Verbindung mit Comenius nöthigte 
Hartlib von selbst dazu, die Frage der Unterrichtsrefoi m immer 
im Auge zu behalten. Wie Milton, so hoffte auch er, dass mit 
dem Protektoi'at eine neue Aera des Schulwesens und der ge- 
lehrten Bildung anbrechen werde. In einer kleinen Schrift 
über das lateinische Sprachstudium betonte er nachdrücklich 
die hohe Wichtigkeit einer Verbesserung des Unterrichts. Sie 
ist ihm „die tiefste Grundlage aller anderen guten Einrich- 
tungen", und er lässt keinen Zweifel darüber, dass dieser 
Gegenstand nach seiner Ansicht zu den höchsten Aufgaben 
der zeitigen Staatsgewalt gehöre. Durch seinen Sohn suchte 
er den Staatssekretär Thurloe für seine pädagogischen Refoim- 
pläne zu gewinnen. Alle Fortschritte, welche in Oxford und 
Cambridge gemacht wurden, verfolgte er mit höchstem 
Eifer (^). In diesem Zusammenhang nahm, wie immer, der 
Plan, eine grosse gemeinnützige und wissenschaftliche Gesell- 
schaft zu gründen, eine vornehme Stelle ein. Das geheim- 
st er u, Milton u. s. Z. II. 3. 13 



194 Samuel Hartlib und seine Bestrebungen. 

nisvolle Wort ,,^Iakana", welches sich so häufig in dem Brief- 
wechsel Hartlib's vorfindet, deutet auf den Namen dieser er- 
träumten Genossenschaft hin, von der er die Beförderung 
alles Guten und Schönen erhoffte. Aehnliche Ideen bewegten 
mehrere seiner Zeitgenossen und eben solche, die ihm per- 
sönlich nahe standen. Ein merkwürdiger Brief John Evelyn's 
an Robert Boyle befürwortet die Bildung einer „Societät", 
Boyle selbst schenkte solchen Bestrebungen noch immer das 
gleiche Interesse, das er seit Jahren gegenüber Hartlib an 
den Tag gelegt hatte. Auch wurden gerade unter seiner 
Theilnahme jene Gelehrtenzusammenkünfte fortgesetzt, die 
schon den Keim der „Royal Society" in sich trugen (i). Von 
dem Pfälzer Theodor Haak veranlasst, von Hartlib begünstigt, 
dauerten sie unter der Republik und dem Protektorat in London 
fort, während gleichzeitig ähnliche Vereinigungen in Oxford 
zu Stande kamen. Einige der bedeutendsten Mitglieder jener 
londoner Gelehrten - Genossenschaft hatten Anstellungen in 
der Universitätsstadt gefunden, unter ihnen ein Schw-ager 
CromweH's, Dr. Wilkins. Eine Zeit lang diente dessen "Woh- 
nung als Yersammlungsplatz, später diejenige Boyle's, der seit 
1654 in Oxford lebte, bis sich kurz vor der Restauration die 
getrennten Zweige im Gresham College wieder vereinigten. 

Auch zwischen diesem Kreise und" Milton gab es mannich- 
fache Berührungspunkte. In dem Briefwechsel Hartlib's und 
Boyle's wird sein Name einige I\Iale erwähnt. Es ist von 
einem Geheimnis die Rede, das Milton mitgetheilt worden 
ist, und welches der grosse Naturforscher zu erhalten wünscht, 
vermuthlich eines jener untrüglichen Heilmittel , die eine so 
grosse Rolle in Hartlib's Korrespondenz spielen {^). "Wenn 
nicht Boyle selbst, so gehörte doch seine Schwester Katharine, 
Viscountess Ranelagh, nachw^eislich zu denjenigen Personen, 
welche Milton in seinem Hause in Petty-France häufig be- 
suchten. Sie war eine Frau, in deren Lob die Zeitgenossen 
einig sind, von ebenso grosser Herzensgüte wie "Verstandes- 
schärfe. Die Bemerkungen, die sie einmal gegen Hartlib über 
die Nothwendigkeit einer Hebung der Volksbildung macht, 
zeigen am deutlichsten, dass sie sich mit diesem und seinem 



Verhältnis zu Lady Ranelagh, R. Jones, H. Oldenburg. 195 

Freunde Milton in den gleichen Ideen begegnete (^). Unter 
diesen Umständen hatte sie Milton's pädagogische Talente mit 
Freuden in Anspruch genommen. Er war der Lehrer ihres 
Neffen gewesen, des jungen Grafen von Barrimore, und ihr 
Sohn, Richard Jones, der spätere Graf von Ranelagh, genoss 
gleichfalls Milton's Unterricht. Auch nach Oxford, wohin 
Richard Jones zum Zweck seiner weiteren Ausbildung 1656 
geschickt wurde, wie während einer längeren festländischen 
Reise, begleiteten ihn die theilnehmeuden Rathschläge seines 
alten Lehrers. Vier Briefe sind uns erhalten, in denen er 
den jungen Sohn seiner Freundin mit väterlichem Ernst er- 
mahnt, den schmalen Pfad der Tugend allen glänzenden 
Lockungen vorzuziehn, unverkennbare Zeugnisse der strengen 
Lebensanschauung, welche der puritanische Pädagog in seinen 
Schülern auszul)ilden wünschte (=^). 

Dies Verhältnis zu Richard Jones diente dazu, Milton's 
Beziehungen zu einem geistreichen Manne enger zu knüpfen, 
der ihm schon von früher her nahe stand. Der Bremenser 
Heinrich Oldenburg war 1653 als Agent seiner Vaterstadt 
nach London gelangt und erwarb mit der Zeit daselbst in 
Gelehrtenkreisen grosses Ansehen. Er wurde der Schwieger- 
sohn John Durie's und dadurch in den nächsten Freundes- 
kreis Älilton's eingeführt. Ohne Zweifel hatte er schon vorher 
als ^lentor des jungen Richard Jones die Aufgabe über- 
nommen, jNIilton's Erziehungswerk fortzusetzen. Er begleitete 
seinen vornehmen Schützling nach Oxford wie auf das Fest- 
land, verweilte längere Zeit mit ihm in Saumur und in 
Paris und blieb fortwährend mit Milton in brieflicher Ver- 
bindung. Er hatte immer etwas Interessantes mitzutheilen. 
Bald spielte er auf eine neue literarische Erscheinung an. 
Bald berührte er die politischen Tagesereignisse. Milton's 
Antworten sind eingehend, sehr freundschaftlich gehalten, mit- 
unter etwas scharf. Oldenburg's Schilderungen des Lebens in 
Oxford veranlassten ihn zu bitteren Bemerkungen über die engli- 
schen Universitäten. Aber noch weniger angenehm fühlte er sich 
durch gewisse Mittheilungen berührt, die ihm der sorgsame 
Freund aus Frankreich übersandte. Wie Oldenburg daselbst 

13* 



196 Briefwechsel mit R. Jones, H. Oldenburg. E. Bigot, J. Labadie. 

erfahren hatte, war dem alten Gegner Milton's, Alexander 
Monis, eine Berufung an die Gemeinde von Charenton zuge- 
kommen. Für ]\Iilton war der Gedanke unerträglich, dass 
ein Mann, den er für eine Schmach des geistlichen Standes 
hielt, eine der wichtigsten Kanzeln der reformirten Kirche 
einnehmen sollte. Er hatte mehrere Exemplare seiner gegen 
Morus gerichteten Schriften zur Vertheilung an Oldenburg 
geschickt, da bisher nur eines nach Saumur gedrungen war, 
und wünschte den Franzosen über den sittlichen Werth ihres 
Landsmannes die Augen zu öffnen. In der That dauerten die 
Verhandlungen der französischen und der holländischen Sy- 
noden üljer Morus' Antecedentien mehr als zwei Jahre. In 
Holland wurden Beschuldigungen gegen ihn laut, welche die 
furchtbare Anklage, die INIilton einst gegen ihn geschleudert 
hatte, vollkommen zu rechtfertigen schienen. Allein die fran- 
zösische Xationalsynode von Loudun bestätigte ihn (1660) auf 
seinem Posten in Charenton mit der Mahnung, die freilich 
fruchtlos blieb, in Zukunft vorsichtiger zu sein und keinen 
Anstoss zu geben (^). 

Wäre uns von dem Briefwechsel Milton's mehr als einige 
spärliche Reste erhalten, so würde sich ohne Zweifel noch 
klarer erkennen lassen, wie vielseitig seine persönlichen Be- 
ziehungen waren. Zwar standen ihm nicht alle seine Korre- 
spondenten so nahe wie Oldenburg. Mitunter war es ein 
auswärtiger Gelehrter, wie jener ausgezeichnete französische 
Philologe und Büchersammler Emery Bigot, der bei Gelegen- 
heit einer englischen Reise Milton kennen und schätzen 
gelernt hatte und nach seiner Rückkehr in die Heimat von 
ihm ersucht wurde, ihm einige Bände der eben erscheinenden 
Ausgabe byzantinischer Historiker zu verschaffen (^). Mitunter 
war es ein Hilfe suchender Bittsteller, wie jener vom Katho- 
licismus abgefallene Jean Labadie in Orange, dessen Schick- 
sale Milton durch Durie bekannt geworden waren, und dem 
er in London eine Stelle zu verschaffen hoffte (^). Bruchstücke 
eines Briefwechsels des Dichtei's mit einem seiner alten 
Collegegenossen, Andrew Sandelands, sind erst kürzlich zum 
Vorschein Gekommen, und man darf die Hoffnung nicht auf- 



Verheiratung m. Katharine Woodcock. — Tod von Mutter u. Kind. 197 

geben, dass ein glücklicher Zufall noch diesen oder jenen 
ähnlichen Beitrag an's Licht fördere (^). 

So viel steht fest: es war ein grosser Kreis zum Theil 
bedeutender Persönlichkeiten, mit welchem jNIilton auch nach 
seiner Erblindung, während er seines Amtes waltete, in Ver- 
bindung stand. In der Nähe und in der Ferne wurde seiner 
mit Verehrung und Theilnahme gedacht, und der Umgang 
mit geistreichen und liebenswürdigen Fremden konnte ihm 
eine Zeit lang ersetzen, was an häuslichem Glück zu entbehren 
ihm doppelt schmerzlich sein musste. Er hatte indessen schon 
vier Jahre nach dem Tode von jMary Powell ein zweites Mal 
den Versuch gewagt, dies Glück zu erringen. Die neue Mutter, 
die er am 12. November 1656 seinen Kindern gab, hiess Ka- 
tharine Woodcock. Wir wissen über ihre Familie nichts 
weiter, als dass sie die Tochter eines Kapitän Woodcock von 
Hackney war, und von ihr selbst würden wir nicht fähig sein, 
uns irgend ein Bild zu machen, wenn der Dichter nicht dafür 
gesorgt hätte, ihre Gestalt mit dem Strahlenkranz der Poesie 
zu umgeben. Sein Glück war nur von kurzer Dauer. Am 
19. Oktober 1657 wurde ihm eine Tochter geboren, die gleich- 
falls auf den Namen Katharina getauft ward. Aber die Mutter, 
von den Nachwehen der Geburt erschöpft, fristete nur noch 
bis zum 10. Februar 1658 ihr Leben,, und einen ^lonat später 
folgte das Kind ihr in das Grab nach, ^lilton stand wieder 
allein. Ein allzu flüchtiger Traum hatte ihm die Nacht seiner 
Blindheit verschönt. Nur im Schlummer kehrte ihm das Bikl 
der entschwundenen Seligkeit zurück. So suchte er es fest- 
zuhalten in einem rührenden Sonett, das mit der klagenden 
Grazie von Petrarca und Camoens zu wetteifern sucht (-). Er 
glaubt die ihm geraubte „Heilige" gleich Alkestis vom Tode 
wieder auferstanden, obwohl noch „blass und schwach'', so wie 
er einst, wenn auch ihm die Binde von den Augen gefallen 
sein wird, „im Himmel ihren vollen Anblick'' zu geniessen 
hofft. Sie kam 

In -weissem Kleid, gleich ihrer Seele rein, 
Das Haupt verhüllt. Jedoch ein heller Schein 
Von Huld und Güte, wie mir nie sich zeigte, 



198 Sonett auf die zweite Frau. — Herausgabe der „Regierungskunst" . 

Floss aus von ihr; doch ach, als sie sieh neigte, 
Mich liebend zu umfahn, bin ich erwacht. 
Sie floh, und mit dem Tag kam meine Nacht. 

Vielleicht um sich in seinem Schmerz durch Beschäfti- 
gung zu zerstreuen, veröffentlichte er in demselben Jahre 
1658 ein kleines Buch, in dem er allerdings nichts Selbst- 
ständiges mittheilte, sondern durch welches er das Andenken 
eines grossen Landsmannes erneute. Es war ein Traktat 
„über die Regierungskunst" von Walter Raleigh, der sich nach 
Milton's Vorwort in einer verlässlichen Abschrift „viele Jahre 
lang in seinen Händen befunden hatte''. Er hatte das Manu- 
skript „zufällig unter anderen Büchern und Papieren" wieder 
entdeckt und hielt es mit Recht der Herausgabe für werth. 
Wenn der Inhalt seinen eigenen Anschauungen mitunter ent- 
gegenlief, so war doch auch mehr als eine dieser ]Maximen 
dem alten Freiheitskämpfer wie aus der Seele geschrieben (^.. 
Weit ernster indessen, als kleine Gelegenheitsarbeiten der 
Art musste der Lauf der öffentlichen Angelegenheiten seinen 
Geist beschäftigen und von den schmerzlichen Erinnerungen 
des häuslichen Lebens zur sorgenvollen Betrachtung der Ge- 
schicke seiner Nation hinlenken. 



Die Tage des grossen Mannes, dessen mächtige Persön- 
lichkeit das englische Gemeinwesen zusammenhielt, neigten 
sich ihrem Ende zu. Nach der Auflösung des Parlaments 
am 4. Februar 1658 hatten sich die Schwierigkeiten für 
Cromwell auf allen Seiten gehäuft. Die finanzielle Lage der 
Regierung gab zu lebhaften Besorgnissen Anlass. Die Ruhe 
des Landes war durch äussere und innere Feinde bedroht. 
Selbst die persönliche Sicherheit des Herrschers erschien im 
höchsten Masse gefährdet. Verschwörungen fanatischer Sektirer 
vom Schlage Harrisou's wurden leicht entdeckt und an der 
Ausbreitung gehindert. Aber um so grössere Befürchtungen 
erweckten die Anschläge der Royalisten. In Flandern sam- 
melte sich um den Prätendenten aus dem Hause Stuart ein 



Schwierige Stellung des Protektorats. 199 

Invasionsheer von geflüchteten Anhängern des Königthums 
und spanischen Hilfstrappen. In England sollte gleichzeitig 
mit der Landung dieses Heeres an mehreren Stellen das 
Zeichen zum Aufruhr gegeben werden. Royalistische Agenten 
waren im stillen überaus thätig, nicht ohne auf die Unzu- 
friedenheit alter Republikaner zu rechnen, und insgeheim 
langte der Herzog von Ormond in London an, um die Be- 
wegung zu leiten. Aber die Polizei des Protektors hatte 
scharfe Augen, Was ihrer Wachsamkeit entgieng, brachte der 
A'errath einzelner Abtrünniger aus dem feindlichen Lager an 
den Tag. Crom well durchschaute das ganze Gewebe der 
Verschwörung, noch ehe ihre Fäden fest in einander griffen. 
Er liess Ormond bedeuten, dass er seinen Aufenthalt kenne 
und veranlasste ihn dadurch zur Abreise. Gegen die Rädels- 
führer, denen die Ausführung des Planes oblag, kannte er 
keine Schonung. Sie wurden in's Gefängnis geworfen, vor 
einen ausserordentlichen Gerichtshof gestellt, und an zweien 
von ihnen wurde das Todesurtheil vollstreckt. In gleicher 
Weise misslang das Vorhaben, die Stadtbehörden von London 
zu überfallen, die Wachen zu überrumpeln, den Tower zu 
besetzen. Auch dies Komplott wurde i-echtzeitig entdeckt, und 
mehrere der Verschworenen büssten mit dem Tode. 

Mit der unaufhörlichen Aufregung über die Bedrohung 
der Ruhe im Lande verband sich die Sorge wegen der Ge- 
staltung der auswärtigen Verhältnisse. Der Bund mit Frank- 
reich hatte Cromwell allerdings zu grossartigen Erfolgen ver- 
holfen. Aber einem Verbündeten wie Mazarin war niemals 
völlig zu trauen. Die Möglichkeit einer vorzeitigen Ver- 
ständigung zwischen Frankreich und Spanien, welche die 
englischen Interessen geschädigt haben würde, war unver- 
kennbar, und bffld nachdem Cromwell die Augen geschlossen 
hatte, wurde jene Verständigung wirklich zu Wege gebracht. 
Kiclit minder lief die Politik der nordischen Mächte den Ab- 
sichten der Protektoratslegierung entgegen. Der Kampf 
zwischen Schweden und Dänemark brach wieder aus. Die 
Eintracht aller Bekenner der „reinen Lelire", zu welcher 



200 "Tod Uliver Cromwells. 

Milton's Feder die Streitenden ermahnt hatte, Hess mehr zu 
wünschen übrig als. jemals vorher. 

Vergeblich suchte Cromwell im Kreise der Seinigen eine 
Erleichterung der schweren Lasten zu finden, die das Leben 
ihm aufgebürdet hatte. Der Charakter seines ältesten Sohnes 
gab ihm wenig Bürgschaften dafür, dass er einst das Regi- 
ment im Geiste des Vaters fortführen werde. Sein Schwieger- 
sohn Fleetwood, wie sein Schwager Desborough neigten sieh 
den radikalen Ansichten der Anabaptisten zu. Im Februar 
1658 war ihm der plötzliche Tod des Gemahls seiner Tochter 
Frances sehr nahe gegangen. Aber unvergleichlich tiefer 
fühlte er sich erschüttert, als ihm im August seine Lieblings- 
tochter, Lady Elisabeth Claypole, nach langen Qualen geraubt 
wurde. Er wich nicht von ihrem Krankenbett in Hampton- 
court, manchen bangen Tag vergass er über dem Vater den 
Herrscher, die Phantasien der Tochter führten ihm schreckhafte 
Bilder seiner Vergangenheit vor, und als er sein Kind hatte 
sterben sehn, war seine eigene Kraft gebrochen. Seine schwer- 
müthige Stimmung wurde durch Fieberanfälle und die Schmerzen 
der Gicht noch gesteigert. Er suchte sich durch die Tröstungen 
der Religion zu stärken und wieder aufzuraffen. Aber die 
Besserung seines Zustandes war nur von kurzer Dauer. Der 
Stifter der Quäker-Genossenschaft, der ihm damals begegnete, 
als er an der Spitze seiner Leibgarde den Park von Hampton- 
court durchritt, fasste den Eindruck, den ihm sein Anblick 
machte, in die Worte zusammen: „Ich sah und fühlte einen 
Hauch des Todes gegen ihn ausgehen." Auf Anrathen seiner 
Aerzte siedelte er nach Whitehall über. Dort nahm indessen 
seine Krankheit, die Folge eines fortgeschrittenen Milzleidens, 
eine gefährliche Wendung. Mehrere Tage lang schwebte er 
zwischen Tod und Leben. In den Augenblicken des Bewusst- 
seins hörte man ihn feurige Gebete murmeln, während die 
independentischen Geistlichen den Himmel um seine Erhal- 
tung anflehten, und ein gewaltiger Orkan, über Land und 
See wüthend, das Königsschloss umbrauste. Am 3. September, 
seinem Glückstage, der die Siege von Dunbar und Worcester 
bezeichnete, hatte er ausgekämpft. 



Tod Oliver CroinweH's. 201 

Die Leiche wurde einbalsamirt und in der Stille in der 
Kapelle Heinrichs VII. beigesetzt. Statt ihrer blieb eine 
wächserne Nachbildung des Herrschers, mit königlichem 
Pmnk umgeben, Wochen lang auf einem Staatsbett in 
Somerset -House ausgestellt, um am 23. November in dem 
pomphaftesten Trauerzug einher geführt zu werden, der sich 
durch die dichtgedrängten Volksmassen und das Spalier der 
Soldaten nach der ehrwürdigen Abtei von Westminster be- 
wegte. In langen Reihen schritten sie einher: die Diener des 
Hofhalts, die hohen Staatsbeamten, die Offiziere der Flotte 
uiid die Führer des Heeres, die Vertreter der Geistlichkeit 
und der hauptstädtischen Bürgerschaft, die Botschafter der 
fremden Mächte und die nächsten Anverwandten des abge- 
schiedenen Helden. Sein Schlachtross, mit schwarzem Sammet 
behangen, gieng dem Sarge voraus, seine Rüstung und sein 
Schwert wurden ihm vorgetragen, und über den Häuptern 
der ernsten Schaar erhoben sich die stolzen Banner der 
Reiche, die das Scepter des Gewaltigen beherrscht hatte. 
Auch Milton war in dem Trauerzuge zu sehen. Er war von 
den übrigen „Sekretären der französischen und lateinischen 
Sprache" umgeben. An seiner Seite schritten die Freunde: 
Andrew Marvell und Samuel Hartlib(^). 

Marvell legte einen Kranz poetischer Immortellen am 
Grabe des Protektors nieder, der junge Dryden widmete dem 
Andenken des Entschlafenen seine ausgefeilten „heroischen 
Stanzen", Waller stimmte seine geschmeidige Leier zu einer 
schwülstigen Klage, während Cowley, seiner royalistischen 
Ueberzeugung getreu, in einem klassisch geformten Essay an 
der Person und an der Regierung des „ungeheuren Mannes" 
leidenschaftliche Kritik übte (2). Vier englische Dichter von 
grossem Namen hatten ihr Urtheil über den Protektor ge- 
sprochen. Ein grösserer, der ihm näher gestanden hatte, als 
sie alle, übte die Entsagung, seine Gedanken über die Ver- 
gangenheit und über die Zukunft in sich selbst zu ver- 
schliessen. 



Sechstes Kapitel. 
In den letzten Zeiten der Republik. 



JJer grosse Staatsmann , mit dessen Namen der Name 
Milton's für immer verknüpft blieb, war nicht mehr. Auf 
den schwachen Schultern seines ältesten Sohnes Richard, den 
der Protektor als seinen Nachfolger bezeichnet hatte, ruhte 
die schwere Aufgabe, eine Gewalt von völlig persönlichem 
Ursprung und Charakter fortzusetzen. In Milton's Verhält- 
nissen wurde durch diesen Wechsel des Herrschers nichts 
geändert. Eine Reihe lateinischer Depeschen ist im Namen 
Richard Cromwells von ihm verfasst worden (^). Sehr bald 
indessen traten Ereignisse ein, welche die bestehende politi- 
sche Ordnung auflösten und auch Milton in Mitleidenschaft 
zogen. Der neue Protektor , leichtlebig und energielos, ohne 
ausgeprägte politische und religiöse Ueberzeugungen , war 
nicht der Mann, inmitten der grossen Parteigegensätze eine 
gebietende Stellung zu behaupten. Die Royalisten hofften 
alles von seiner Schwäche. Die entschiedenen Republikaner 
athmeten freier auf. Die Führer des Heeres weigerten sich 
anzuerkennen, dass das Generalat wie das Protektorat eine 
erbliche Würde sei und erneuerten den alten Kampf zwischen 
militärischer und bürgerlicher Gewalt. Von dieser Seite 
drohte der Regierung zunächst die grösste Gefahr. Die 
wöchentlichen Zusammenkünfte der Obersten in Wallingford- 
house beunruhigten den Protektor und seine Anhänger im 



Protektorat Richard Cromweirs. — Zusammentritt d. Parlaments. 203 

höchsten Masse, ^'on hier aus verbreitete sich der Geist der 
Unbotmässigkeit im Heere. Fanatische Sektirer wühlten 
gegen die Söhne des „eidbrüchigen Yerräthers", den nur sein 
starkes Schwert hatte schützen können. Der ehrgeizige Lam- 
bert, der mit Oliver Cromwell gebrochen hatte, weil er sich 
nicht' genugsam für seine Dienste belohnt glaubte , kam aus 
seiner Zurückgezogenheit wieder zum Vorschein. Desborough 
und Fleetwood, die nahen Verwandten des Protektors, traten 
mit ihren Wünschen radikaler Umgestaltung auf bürgerlichem 
und kirchlichem Gebiet hervor, die sie zu Lebzeiten Oliver's 
hatten unterdrücken müssen. In Fleetwood , dem verdienten 
Soldaten und vorgeschrittenen Independenten, forderten die 
Offiziere ihr Haupt, und er selbst war nicht gewillt dem 
Schwager, der keine kriegerischen Lorbeeren aufzuweisen 
hatte, den Platz zu räumen. 

Der junge Protektor und seine Vertrauten sahen kein 
anderes Mittel den Sturm zu beschwören als die Berufung 
eines Parlaments, welches am 27. Januar 1659 zusammen trat. 
Der Hof von Whitehall hatte sich der willkürlichsten Mittel 
bedient, um seinen Einfluss zu sichern. Bei den Wahlen 
zum Unterhause wurde das reformirte System verlassen und 
das veraltiete Verfahren wieder befolgt, wie es unter der 
IMonarchie bestanden hatte. In Irland und Schottland waren 
die Erwählten nichts mehr als blosse Ernannte der Regierung. 
Dennoch blieb es zweifelhaft, ob sie in allen Fällen über die 
Majorität verfügen könnte. Eine beträchtliche Anzahl von 
Mitgliedern war von unbestimmbarer politischer Färbung. 
Kicht wenige waren eingedrungen, die ihre royalistische Ge- 
sinnung nur zeitweilig verbargen. Die entschiedenen Repu- 
blikaner bildeten eine Gruppe, deren Stärke zwar nicht ge- 
fährlich erschien, deren Kühnheit aber aufs äusserste zu 
fürchten war. Und hier nahm neben den Scott, Ludlow, 
Haselrig, Bradshaw auch Henry Vane wieder eine hervor- 
ragende Stellung ein. Welchen Eindruck musste es auf Milton 
machen, wenn dieser Parteiführer, den er so hoch verehrte, 
den Rechtsgrund ' der ganzen bestehenden Verfassung läugnete 
und ihr die Idee der unveräusserlichen Volkssouveränetät 



204 Abschaffung des Protektorats. 

gegenüberstellte. Mit welchen Gefühlen miisste er vernehmen, 
dass sein alter Freund Overton vor das Parlament citirt und 
von diesem als widerrechtlich verhaftet in Freiheit gesetzt 
wurde (1). Jede neue Debatte, die in dieser Versammlung 
geführt ward, konnte ihm zeigen, wie unversöhnlich sich die 
Parteien gegenüber standen, wie rasch sich die Fugen dieses 
künstlichen Staatsbaues lösten, nachdem die Hand seines 
Gründers und Wächters erkaltet war. Mit heimlicher Freude 
bemerkten die Roy allsten, dass der Gegensatz zwischen Heer 
und Protektor sich zu einem Gegensatz zwischen Heer und 
Parlament erweiterte. Die scharfe Kritik, die an den Will- 
kürhaudlungen der letzten Regierung geübt wurde, traf in 
erster Linie die höheren Officiere. Sie beschwerten sich bei 
Richard Cromwell über die Angriffe, denen sie ausgesetzt 
waren. Sie drangen auf Bürgschaften für die Aufrechthal- 
tung der „alten, guten Sache". Die Trennung des Oberbefehls 
vom Protektorat blieb nach wie vor ihr wichtigstes Ziel. 
Allein während Richard Cromwell mit der Mehrheit des Unter- 
hauses sich diesen Ansprüchen entgegenstellte, verständigten 
sich die Officiere mit ihren republikanischen Gegnern. Auch 
diesen kam alles darauf an, die Macht des Protektorats zu 
schwächen und die „alte gute Sache" gegen die Umtriebe 
der Kavaliere zu schützen. Richard Cromwell hatte weder 
den Muth noch die Mittel, den Kampf für die Erhaltung 
seiner eigenen und der parlamentarischen Autoiität auf sich 
zu nehmen. Verlassen von den Soldaten, die ihren ge\vohnten 
Führern folgten, gab er dem Andringen der Obersten nach, 
das Parlament aufzulösen (22. Aprilj. 

Er besiegelte damit sein eigenes Schicksal. Noch waren 
mehrere der höheren Officiere geneigt, ihn seiner Würde 
nicht gänzlich zu berauben, aber die Masse des Heeres be- 
trachtete ihn mit einem Misstrauen, das nur durch Entfernung 
von seinem Regentenposten gehoben werden konnte. Lam- 
bert , der die Erfüllung seiner ehrgeizigen Wünsche heran- 
nahen sah, wirkte in gleicher Richtung, Vane, Haselrig, 
Ludlow und ihre Gesinnungsgenossen sagten ebenfalls ohne 
Zögern ihre Bundesgenossenschaft für die Abschaffung des 



Wiederherstellnng des langen Parlaments. 205 

Protektorats zu. Die reine Republik, wie sie vor der Zer- 
sprengung des Rumpparlaments bestanden hatte, sollte wieder 
hergestellt werden. Die Männer, welche vor CromwelFs 
Musketiren die St. "Stephan's-Kapelle hatten räumen müssen, 
wurden zu ihren Sitzen zurückberufen. Der alte Sprecher 
des langen Parlaments, Sir William Lenthall, fand sich nach 
einigem Sträuben bewogen, sein Amt wieder aufzunehmen. 
Die traurigen Reste dieser ehemals so stolzen Versammlung 
erhoben sich unter dem Schutz der bewaffneten Macht zu 
neuem Leben (7. Mai). Doch wurde ein baldiger Schlusstermin 
ihrer Sitzungen und eine Neuwahl in Aussicht genommen. 

Lediglich das Einverständnis der Officiere und der 
republikanischen Führer hatte diese überraschende Wendung 
herbeigeführt, und jene wie diese wachten ängstlich darüber, 
dass die Früchte des Sieges getheilt würden. In dem Sicher- 
heitsausschuss , dem das Rumpparlament die Exekutive über- 
trug, Sassen neben Lambert und Desborough auch Vane und 
Scott. In dem Staatsrath, der einige Zeit nachher an die 
Stelle dieses Ausschusses trat, hielten sich die militärischen 
und bürgerlich - republikanischen Elemente so ziemlich das 
Gleichgewicht. Wurde Fleetwood zum Oberbefehlshaber aller 
Streitkräfte in England und Schottland ernannt, so wurden 
die Bestallungen der Officiere im Namen der Republik vom 
Sprecher des Parlaments unterzeichnet. Mit leichter Mühe 
gelang es, der gemeinsamen Gegner Herr zu werden. Die 
beiden Söhne CromweH's leisteten keinen Widerstand. Richard 
Crom well trat gegen eine anständige Geldabfindung in's Pri- 
vatleben über. Heinrich Cromwell legte mit grösserer Würde 
sein Amt in Irland nieder. Eine Familie, deren Name un- 
vergesslich blieb , sank wieder in ihr früheres Dunkel zurück. 
Die Royalisten waren im stillen geschäftig für die Wieder- 
herstellung des Königthums zu wirken, aber sie wagten noch 
keine offene Erhebung. Die ehemals ausgestossenen presby- 
terianischen I^Iitglieder des Parlaments versuchten umsonst 
ihr altes Recht geltend zu machen. Es schien eine Zeit lang 
als werde der unnatürliche Bund derjenigen, welche die Pro- 
tektoratsregierung gesprengt hatten, hinlänglich dauerhaft 



206 Miltons Schrift: „Ueber d. Verhältnis d. Staates z. d. kirchl. Angl. 

und kräftig sein, um das Gemeinwesen auf eben derselben 
Grundlage wieder aufzurichten , die ihm die Männer von ent- 
schieden republikanisch - independentischer Gesinnung nach 
der Hinrichtung des Königs zu geben versucht hatten. 

In diesem Zusammenhang traten auch die kirchenpoli- 
tischen Fragen wieder in den Vordergrund. Schon das Par- 
lament Richard CromwelFs hatte mehrfach Gelegenheit gehabt, 
sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. So oft es geschah, 
hatte der Geist des engherzigen Zelotismus sich Luft gemacht, 
dessen heissester Wunsch darin bestand, von Staats wegen 
die Gleichförmigkeit der kirchlichen Lehre wie des kirch- 
lichen Lebens festzustellen und den Gottesdienst der Leute 
von ketzerischen Ansichten zu unterdrücken (*). Mit der 
Katastrophe, die im Frühjahr 1659 eingetreten war, gewannen 
die Ideen des vorgeschrittenen Independentisnms wieder an 
Kraft. Eine Petition der Officiere forderte wenigstens Frei- 
heit des ■ Kultus für alle Christen mit Ausnahme der Papisten 
und Episkopalisten. Henry Vane sprach einige Zeit nachhei- 
in einem der Committees den Grundsatz aus, „dass die 
höchste Gewalt den Bevollmächtigten des Volkes nicht an- 
vertraut worden sei, um in Sachen des Glaubens und Kultus 
einen Zwang auszuüben" (^). Noch immer blieb man im 
allgemeinen dabei, dass die Erhaltung des geistlichen Standes 
Sache der staatlichen Fürsorge sein müsse. Doch hatten 
die Angriffe gegen die zur Zeit bestehende Art der Erhaltung 
niemals geruht. 



Auf diesem ihm so wohl vertrauten Gebiet erschien nach 
langer Pause Milton aufs neue als Schriftsteller. Die Gegen- 
stände von rein politischem Interesse traten ihm für einige 
Zeit wieder hinter denen des religiösen Lebens zurück. Zwei 
Abhandlungen liess er im Verlauf von wenigen Monaten 
auf einander folgen. Die eine führte den Titel : „Ueber das 
Verhältnis des Staates zu den kirchlichen Angelegenheiten, 
worin nachgewiesen werden soll, dass keiner Macht auf Erden 



Praktischer Zweck. 207 

das Recht zusteht, in Sachen der Religion Zwang auszuüben". 
Die andere enthielt „Betrachtungen über die geeigneten 
Mittel, um ^liethlinge aus der Kirche zu entfernen'\ 

Die beiden Schriften gehören, wie man sofort bemerkt, zu 
einander. „Zwei Dinge, beginnt die erste, haben von je der 
Kirche Gottes und der Ausbreitung der Wahrheit viel ge- 
schadet: Zwang, der ihre Lehrer niederdrückt, und Miethlings- 
sold, der sie verdirbt. Von jenem will ich dies ^lal sprechen, 
von diesem, je nachdem Gott mich dazu anleitet und die 
Gelegenheit sich bietet". Und die Einleitung der zweiten 
Schrift nimmt auf eben diese Aufstellung des doppelten 
Themas wieder Bezug. Fasst man beide Verötfentlichungen 
zusammen, so erhält man aus ihnen so ziemlich das vollständige 
kirchenpolitische Programm, wie Milton es sich im Lauf der 
Zeit gebildet hatte. Beim Beginn seiner literarischen Thätig- 
keit hatte er die Frage vom Verhältnis der Kirche zum Staat 
bereits scharf in's Auge gefasst. Wiederholt war er auf sie 
zurückgeführt worden. Mitunter schien er durch seine ofri- 
cielle Stellung verhindert worden zu sein, sich mit voller 
Freiheit und Ausführlichkeit mitzutheilen. Hier fielen der- 
artige Rücksichten weg. -Hatte sich Milton gegenüber der 
imponirenden Gestalt des grossen Protektors zwar keineswegs 
Schweigen, aber doch eine gewisse Zurückhaltung aufgelegt, 
so fühlte er sich nach dessen Tode von diesem Bann befreit. 

Dem Parlament, das der schwache Nachfolger Oliver's be- 
rufen hatte, war die erste der beiden Schriften gewidmet und 
jNIitte Februar war sie in der Hand der Mitglieder (^). Sie 
hatte also neben ihrem theoretischen Inhalt einen rein prak- 
tischen Zweck. Ihr Verfasser schmeichelte sich, dass sie dem 
grossen Rathe der Nation „viel Mühe und Arbeit ersparen 
werde". Er liess nicht undeutlich merken, wie nöthig es im 
damaligen Augenblick sei , allgemeine Grundsätze zum Schutz 
der Gewissensfreiheit aufzustellen, da Zeiten kommen könnten, 
in denen die „Macht bei anderen" wäre. Auch versprach er 
sich eine günstige Aufnahme seiner Vorschläge, um so mehr 
da er sich erinnerte, von „einigen" Mitgliedern der Versamm- 
lung „mehrere Jahre hindurch" und „oft" ganz die gleichen 



208 Gegen den Autoritätsglauben. 

Ansichten im Staatsrath entwickelt gehört zu haben. Man 
braucht nicht zu sagen, dass unter diesen ..einigen" Henry 
Vane die vornehmste Stelle einnahm. Die Ausdrücke, welche 
Milton an dieser Stelle gebraucht, nifen sofort die Erinnerung 
an das Sonett wach, mit dem er einige Jahre vorher den 
wahlverwandten Genius Vane"s geehrt hatte. 

Im Begriff, seine Ansichten zu entwickeln, läugnet er 
zwar keineswegs, dass die Engländer bis zu einem gewissen 
Grade bereits „christliche Freiheit gemessen", aber er besteht 
ebenso fest darauf, dass dieselbe noch einer „Erweiterung" 
bedürfe, und zwar ebensowohl in Ansehung des Glaubens wie 
des Kultus. Fragt man aber, was diese Erweiterung bis jetzt 
verhindert hat, so ist es der Fehler der Regierenden, „zwischen 
bürgerlichen und religiösen Angelegenheiten nicht gehörig zu 
unterscheiden". Daher schreiben sich „Verfolgungen, Ein- 
kerkerungen, Verbannungen, Strafen, Schläge und Blutver- 
giessen"-, und „protestantische Gewissenstyrannen tragen noch 
bei weitem mehr die Verantwortung dafür als katholische''. 
Hier knüpft das erste Argument Milton's an, ein Argument, 
das er schon so häufig gebraucht hatte, und das ganz und 
gar auf puritanische Gemüther berechnet war. Er operirt 
wiederum mit dem Hinweis auf den Papismus und lässt seine 
Mitbürger fühlen, dass sie, die schon den Namen der alten 
Kirche verabscheuten, nicht verschmähten von ihren Mitteln 
Gebrauch zu machen. j\Iit aller Entschiedenheit stellt er dem 
blinden Autoritätsglauben den Grundsatz der Freiheit indi- 
vidueller Ueberzeugung gegenüber, den er als eine „allgemeine 
Maxime des Protestantismus" bezeichnet. Allerdings diese 
individuelle Ueberzeugung soll, wie er schon früher hervor- 
gehoben hatte, zunächst aus einer einzigen Quelle herfliessen: 
aus der Bibel, Aber auch diese bleibt keine Satzung des 
starren Buchstabens. Sie unterliegt der .,Interpretation" 
kraft „der Erleuchtung des heiligen Geistes in uns". Es muss 
jederzeit erlaubt sein, durch Schrift und Wort über ihren 
Inhalt „frei zu debattiren", und niemand kann ein Ketzer 
genannt werden, der „seinem Gewissen und seiner Fassungs- 
kraft" folgend, von dieser Erlaubnis Gebrauch macht. Mag 



Bibel und Interpretation. 209 

seine Meinung dann auch immerhin von dem ,. Dogma, welches 
die ganze Kirche angenommen hat'", abweichen, nicht er ist 
im protestantischen Sinn ein Ketzer, sondern derjenige, 
„welcher gegen sein Gewissen und gegen seine aus der Schrift 
geschöpfte Ueberzeugung der Kirche folgt" . Haben nun aber 
die „Leiter der Kirche kein Recht, in religiösen Angelegen- 
heiten Gewalt anzuwenden, weil sie nicht unfehlbar ohne 
innere Ueberzeugung die Gewissen beherrschen können, um 
wie viel geringere Befugnis der Art hat die bürgerliche Obrig- 
keit, da sie noch weniger Richter sein kann". Das hiesse 
nichts anderes als ein „bürgerliches Pabstthum" aufrichten, 
„Wir halten es für thöricht und irreligiös, dass der Papist 
Gott Genüge zu thun vermeint, wenn er glaubt, was die 
Kirche glaubt, aber um wie viel stärker verurtheilt der 
Protestant sich selbst, der sich für gerechtfei'tigt hält, wenn 
er glaubt, was der Staat glaubt"! 

Wer die Bil)el als Fundament der heiligsten Ueber- 
zeugungen betrachtet, kämpft selbstverständlich auch wiede- 
rum mit biblischen Waffen, um seinen Satz zu verfechten. 
Eine ganze Phalanx von Aussprüchen der Schrift wird auf- 
geführt. ]\Iit Siegesbewusstsein hebt der bibelfeste Autor hervor, 
dass auch solche darunter sind, die er früher „gegen Sal- 
masius und die tyrannische Herrschaft der Könige ülier den 
Staat" citirt hat, während sie ihm nun „gegen Erastus und 
die tyrannische Herrschaft des Staates über die Kirche" 
dienen müssen. Aber getreu dem Grundsatz, dass das ge- 
schriebene Wort vernunftgemässer Interpretation unterliegen 
müsse, macht er sofort einen Unterschied zwischen altem und 
neuem Testament. Er hat, wie wir wissen, nicht immer 
diesen Standpunkt festgehalten. Als ihm die Gesetzgebung 
über die Ehescheidung reformbedürftig erschien, deckte er sich 
mit dem Schilde des mosaischen Rechtes. Hier erklärt er, 
wie einst gegenüber den Prälaten, dass die Theokratie des 
alten Bundes mit dem Evangelium aufgehoben worden, und 
dass es nicht statthaft sei, diese Analogie heranzuziehn , um 
die Zwangsmassregeln des modernen Staates auf religiösem 
Gebiet zu rechtfertigen. Es war die scharfe Abfertigung dei- 

Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 14 



210 Mangel eines legislatorischen Progi-amms. 

Erastianer, die das Verhältnis des Parlamentes zur Kirche 
mit Vorliebe unter Ausnutzung jener Analogie konstruirt 
hatten (s. o. IL 206). — Aber es ist nicht nur der Geist des 
Urchristenthums , den er sich bei seiner Warnung vor Auf- 
rechterhaltung des „bürgerlichen Pabstthums" zu Hilfe ruft, 
es ist das Gefül der Entrüstung, welche zu allen Zeiten und 
unter allen Umständen ein solches System erwecken wird. 
Kaum jemals zuvor hatte er so deutlich auf den sittlichen 
Verderb hingewiesen, der mit ihm verknüpft war. ,,Ein 
äusserliches Bekenntnis erzwingen, heisst nur die Heuchelei 
erzwingen, aber nicht die Religion befördern". „Zwang in 
religiösen Dingen kann weder belehren noch Reue oder Bes- 
serung herbeiführen, sondern im Gegentheil nur Trotz, Formel- 
wesen, Verstellung und jede Art von Sünde begünstigen". 
Und zwar wird dem „körperlichen Zwang" wiederholt die 
„Auflegung von Geldstrafen" gleichgestellt. 

Wer etwa vennuthen sollte, ]Milton werde nach diesen 
Vordersätzen einen ausführlichen Plan entwickeln, bestimmte 
legislatorische Vorschläge machen, würde irren. Er begnügt 
sich, im ganzen und grossen die leitende Idee möglichst sicher 
gestellt und gegen alle Einwürfe geschützt zu haben, um so 
mehr, da er schon damals die Absicht hatte, in einer zweiten 
Schrift eine Ergänzung der ersten zu liefern. Nur in einigen 
praktischen Fragen, die sich beim Gegensatz der Indepen- 
denten und Presbyterianer oft genug aufgedrängt hatten, 
giebt er schon hier seine Meinung zu erkennen. Er scheint 
einen Anlauf dazu zu nehmen, das Einschreiten der Staats- 
gewalt gegen „Blasphemie" überhaupt für ungehörig zu erklären, 
indem er die Gegner seiner Theorie vom Verhältnis des Staates 
zur Kirche ersucht, „das Volk nicht mit diesem griechischen 
Worte so sehr in Schrecken zu setzen". Auch konnte selbst- 
verständlich ein drakonisches Gesetz, wie dasjenige, welches 
am 2. Mai 1648 unter dem Uebergewicht der Presbyterianer 
gegen Blasphemie und Ketzereien erlassen worden war (s. o. 
IL 423), vor seinen Augen nicht Gnade finden. Dagegen 
steht er nicht an, der späteren Ordonnanz vom 9. August 1650, 
die noch hart genug war, seine volle Billigung zu Theil werden 



Gegen Duldung des katholischen Kultus. 211 

ZU lassen (^). Ein zweiter Punkt betrifft die ausgesprochene 
Befürchtung, dass mit dem Wegfall staatlicher Zwangsgewalt 
„unwürdige und zügellose Personen ermuthigt werden würden, 
die Ausübung der religiösen Pflichten .zu unterlassen", will 
sagen den Besuch des Gottesdienstes. Hier entschied Milton 
sich ohne Zögern gegen die Praxis, die so lange geherrscht 
hatte und die durch eine Akte vom 26. Juni 1657 unter dem 
Protektorat Oliver Cromweirs ausdrücklich bestätigt worden 
war(^). Ein Protestant kann nach Milton gar nicht zügelnen, 
dass die bezeichneten Personen ihre religiösen Pflichten wahr- 
haft auszuüben im Stande sind und er macht auf den inneren 
Widerspruch aufmerksam, der darin liegen würde, wenn die 
Kirche dieselben Leute vom Genuss der Gnadenmittel aus- 
schliesse, welche der Staat unter Androhung von Geldstrafen 
in den Gottesdienst treibe. Endlich kann darüber kein 
Zweifel sein, dass nach Milton's Meinung der Katholik von dem 
geforderten Anerkenntnis wenigstens der Kultusfreiheit ausge- 
nommen sein soll. Ein Fortschiitt über die bezüglichen Stellen 
der Areopagitica oder der Erklärung gegen Ormond ist 
keineswegs zu bemerken. „Je mehr man die Religion der 
Papisten in Betracht zieht, je weniger kann sie als eine 
Religion gelten, sondern eher als ein römisches Fürstenthum, 
welches danach strebt , seine alte W^eltherrschaft unter einem 
neuen Namen und dem leeren Schatten einer katholischen 
Religion aufrecht zu halten , die man lieber eine 'katholische 
Ketzerei gegen die Schrift nennen sollte. Sie wird gestützt 
durch eine weltliche und, ausserhalb Roms selbst, durch eine 
fremde Macht, mit Recht ist sie daher der Obrigkeit eines 
anderen Landes verdächtig und wird nicht von ihr geduldet." 
Dem Katholicismus wird aber Götzendienst (Idolatrie) gleich- 
gestellt, und es blieb unklar, was alles mit diesem Schlag- 
wort getroffen werden konnte. 

Der Sturz der Protektoratsverfassung war erfolgt, als 
Milton von einem Freunde die dringende Aufforderung er- 
hielt, seiner Schrift die Ergänzung zu Theil werden zu lassen, 
die er selbst schon halb und halb in Aussicht gestellt hatte. 
Es war John Wall von Caversham in Oxfordshire, eine Per- 

14* 



212 Brief John Wall's an Miltou. 

sönlichkeit. über die leider nichts Näheres bekannt ist. Wall 
hatte von Milton ohne Zweifel ein Exemplar der Arbeit ..über 
das Verhältnis des Staates zu den kirchlichen Angelegenhei- 
ten" zugesandt erhalten. In einem Dankschreiben vom 26. Mai 
1659 spricht er mit hoher Achtung von dem Freunde, der 
von Jugend auf und auch in schlechten Zeiten der Wahrheit 
treu .geblieben sei. Mcht ohne Bitterkeit gedenkt er so man- 
cher unerfüllt gebliebener Hoftnungen. Aber er lässt den Muth 
nicht sinken und bittet auch ]Milton, der alten Fahne treu zu 
bleiben. Da lag es ihm denn nahe, den Wunsch auszuspre- 
chen, dass die angekündigte Abhandlung über das Miethlings- 
wesen nicht mehr lange möge auf sich warten lassen (^). 
]\Iilton zögerte nicht, der Auffordei-ung Wall's nachzu- 
kommen. Er veröffentlichte seine ..Betrachtungen über die 
geeignetsten Mittel, um Miethlinge aus der Kirche zu ent- 
fernen, wobei auch über Zehnten, Kirchen -Gebühren und 
-Einkünfte gesprochen und die Frage beantwortet wird, ob 
die Geistlichen vom Staate zu besolden seien" {^). 

Die Schrift ist dem aufs neue zusammengetretenen ..langen 
Parlament" gewidmet, und diese Zueignung zeigt deutlieh, mit 
welchen Hoffnungen Milton diese jüngste Wendung der inneren 
Politik begTüsste. Er erinnert daran, wie diese hohe Körperschaft 
zuerst die Nation von der „doppelten Knechtschaft der präla- 
tischen und königlichen Tyrannei" befreit, wie er selbst den 
ehrenvollen Auftrag erhalten, „ihre Thaten vor der ganzen 
Christenheit gegen einen Widersacher von nicht geringem 
Piuf zu vertheidigen". Er sieht „nach einer kurzen, aber 
schmählichen Nacht der Unterbrechung-' in ihrer Piückkehr 
das Morgeuroth einer schöneren Zukunft. Zielen jene Worte 
ohne Zweifel nur auf die letzte Zeit der Missregiening Richard 
Cromwell's ab. nicht auf die Glanzperiode seines Vaters, nie- 
mals hatte Milton so unverhohlen seinen tiefen Schmerz über 
den Gang der öffentlichen Angelegenheiten ausgesprochen. 
Wie viel getäuschte Hoffnungen musste der Mann begraben 
haben, der die zurückgekehrten Mitglieder einer Versamm- 
lung als ,, Wiederhersteller der Freiheit" preisen konnte, deren 
gewaltsame Auflösung er fünf Jahre vorher, wenn nicht mit 



Seine Schrift „Mittel, um Miethlinge a. d. Kirche zu eutferueu. 213 

entschiedenem Beifall, so doch auch nicht mit entschiedenem 
Tadel begleitet hatte! Dass er es über sich gewann, diesen 
Schein eines Gesinnungswechsels auf sich zu nehmen , zeigt 
indess , wie weit er auch damals noch vom Standpunkte der 
Verzweiflung entfernt war. Vor allem in Betreff" der kirch- 
lich-politischen Frage hoff'te er von der Versammlung eine 
Verwirklichung seiner kühnen Pläne. Wenn er sah, dass sie 
täglich ., Petitionen mit neuen Vorschlägen für die Gesti-ltung 
des Gemeinwesens" entgegennahm, so hielt er es für um so 
mehr erlaubt, „mitzutheilen, was sein Gewissen ihm als wich- 
tig für die Freiheit und Verfassungsreform der Kirche ein- 
gab". Denn davon war er überzeugt, „dass kein wie immer 
ausgedachter Plan eines Gemeinwesens Erfolg haben könne'", 
wenn nicht „die Religion vom Monopol der Miethlinge be- 
freit", die „Begehrlichkeit und der ungerechte Anspruch des 
Klerus auf anderer Leute Gut" zurückgewiesen werde. 

Hier hatte man also die Nachträge zu jener früheren 
Darlegung zu erwarten. In beiden Fällen war von Eingriffen 
des Staates in das kirchliche Gebiet die Rede. Aber dort 
hatte es sich um die Anwendung von Zwang geliandelt, hier 
handelte es sich um die finanzielle Garantie. Dort war von 
dem äusseren, hier war von dem inneren „Verderb" der 
Kirche die Rede. Milton nimmt keinen Anstand, den zweiten 
Punkt als den bei weitem bedenklicheren zu bezeichnen. 
„Unter dem Druck der Gewalt, wenn auch gegen die Absicht 
der Unterdrücker, gedeiht und blüht die Religion oft am 
besten, aber die Korruption ihrer Lehrer, die gewöhnliche 
Folge des Miethlingssoldes , ist geradezu das Gift der Wahr- 
heit". Nicht als ob damit materieller Gewinn als unverträg- 
lich mit dem geistlichen Berufe gedacht werden sollte. Auch 
hier ist „jeder Arbeiter seines Lohnes werth'', und „nur we- 
nige werden wie Paulus zufrieden sein, gratis zu predigen". 
Aber dieser Lohn soll eine freiwillige Gabe der Gläubigen 
sein, mit der vom Staate privilegirten Landeskirche soll auch 
ihr abgesondertes Gut in Wegfall kommen, Steuern zu Zwecken 
des Kultus dürfen seitens des Staates nicht erhoben werden. 



214 Gegen staatliche Pi-üfung und Besoldung. 

Es war nicht möglich, sich radikaler in dieser Frage zu ver- 
halten. Von der alten bischöflichen Kirche zu schweigen, 
die mit so vieler Mühe und so unvollständig eingeführte Pres- 
byterialverfassung , ja selbst das Kompromiss, zu dem sich 
Crorawell verstanden hatte, wurde von Milton verurtheilt. 
Er stellt die Begriffe „Independentismus" und „Staatslohn in 
Sachen der Religion" als durchaus unverträglich einander 
gegenüber. Die christliche Kirche, „weil universal", kann 
nach ihm niemals eine „nationale" sein, sie besteht immer 
nur aus den „vielen einzelnen Kongregationen, welche selbst 
manchen Veränderungen unterworfen sind". Und diese freien 
Gemeinden sind nicht „aus Zwang entstanden oder aus dem 
Zufall nachbarlichen Zusammenwohnens, sondern aus freiwilliger 
Uebereinstimmung". Eben deshalb gewähren sie das Bild 
,,der heiligsten aller Genossenschaften auf Erden". Es heisst 
ihr freies Wahlrecht beschränken, wenn der Staat „Prüfungs- 
kommissionen" (examinant committees, p. 373) zur Begutachtung 
der geistlichen Kandidaten ernennt, wie es unter Cromwell 
geschehen war. Es heisst die Geistlichen in „Staatspensio- 
näre" verwandeln, wenn der Staat „ihre Besoldung in 
seine Hand nimmt", oder die Kation in ihrer Gesammtheit 
„durch Gesetz zwingt", dafür aufzukommen, wie es ihm bei 
der „established church" der P'all zu sein schien. Milton 
sieht darin gleichsam eine , .blutschänderische Verbindung", 
ein „Monstrum", indem ein „politischer Kopf auf einen geist- 
lichen Körper" gesetzt werde. Kein Gedanke daran, dass er 
die geschichtliche Entwicklung der heimischen Verhältnisse, 
die Art und Weise der Entstehung des Kirchenguts, seine 
Schicksale während und nach der Trennung von Rom, seinen 
öffentlichen oder privatrechtlichen Charakter in's Auge fasste. 
Er löscht so zu sagen die ganze Vergangenheit aus dem 
Gedächtnis aus, um eine reine Tafel herzustellen, auf der 
sich das Bild seiner kühnsten Träume verzeichnen Hesse. 

Hier stiess er nun aber als auf ein Haupthindernis auf 
jenes Institut der Kirchenzehnten, auf dem. wie sehr die 
grosse Katastrophe des sechzehnten Jahrhunderts es auch ge- 
schmälert hatte, der Bestand der geistlichen Stellen vorwie- 



Bekämpfung der Zehnten. 215 

gend beruhte. Einundviei-zig Jahre waren vergangen, seitdem 
John Seiden durch seine „Geschichte der Zehnten" eine 
ungeheure Aufregung hervorgerufen hatte= Die Theorie, welche 
die Zehnten aus göttlichem Recht ableitete, hatte sich von dem 
damals erhaltenen Schlage niemals wieder recht erholen können. 
Mit dem wachsenden Druck des stuartischen Regiments, so- 
dann mit dem Fortschreiten der revolutionären Ideen war die 
Strömung erstarkt, welche sich gegen die überkommene Weise 
der landeskirchlichen Ausstattung wandte. Die Independenten 
wiederholten bei ihren Angriffen auf Patronat und Zehnten 
nur, was sie schon seit langer Zeit auf ihr Panier geschrieben 
hatten, die Presbyterianer dagegen hielten um so zäher daran 
fest, je mehr sie sich mit der Hoffnung schmeichelten, ihrer- 
seits des alleinigen Genusses der Pfründen theilhaftig zu wer- 
den. Der Sturm, der sich im kleinen Parlament gegen die 
herkömmliche Art der Erhaltung des geistlichen Standes er- 
hoben hatte, war ohne weitere Folgen vorübergebraust. Das 
Kompromiss , dem Cromwell seinen Schutz geliehen hatte, 
konnte selbst manchen independentischen Geistlichen mit dem 
Bestehen von Einrichtungen versöhnen, deren Yortheile auch 
ihm zu gute kamen. Schon war eine grosse Literatur über 
diese Frage erwachsen, und wiederum nahm William Prynne 
unter den presbyterianischen Kampfhähnen eine der ersten 
Stellen ein. Keinen anderen hatte Milton im Sinne, wenn er 
über einen „jüngst aufgetretenen hitzigen Frager zu Gunsten 
der Zehnten" spottete, der daran kenntlich sei, dass „sein 
Witz in den Marginalnoten immer neben seinem Witz im 
Texte liege", den Mann, der „einst ein feuriger Reformer ge- 
wesen, nun aber in entgegengesetzten Gluthen rase"(^). Hatte 
doch auch Prynne einige Jahre vorher von den ,, blinden 
Führern" gesprochen, welche „die Häretiker und Schismatiker 
zu blindem Gehorsam zwängen". 

Es wai- also ein schon nach allen Seiten hin durchfurch- 
ter Boden, den Milton betrat. Unter den Argumenten, die 
er gegen die Zehnten vorbrachte, ist keines, das nicht schon 
von anderen aufgestellt worden wäre. Die ganze Auseinander- 
setzung über die Bedeutung der Zehnten in der altjüdischen, 



216 Befürwortung einer Säkularisation zu Gunsten d. Volksbildung. 

als einer nationalen Kirche, und was sich daran schliesst, 
findet sieh bereits bei seinen Vorgängern. Eigenthümlich ist 
ihm die mehrfache Berufung auf das Vorl)ild der Waldenser, 
„der ersten Reformatoren", deren Geschichte, ihm vorzüglich 
durch das Werk von Pierre Gilles bekannt geworden, seit 
den blutigen Ereignissen des Jahres 1655 eine besonders starke 
Anziehungskraft auf ihn ausüben musste. Von einem An- 
gritf auf die Zehnten war nur ein Schritt zu machen zu 
einem Angriff auf die gesammte Institution eines abgesonder- 
ten Kirchengutes. Es ist in der That eine Säkularisation in 
grösstem Mass-Stabe, für die der Schriftsteller seine Mitbürger 
zu gewinnen sucht, eine Säkularisation nach Art derjenigen, 
wie sie „die Fürsten und Städte Deutschlands während der 
Reformation" vorgenommen hatten. Jenes Kirchengut, „aus 
frommen Gaben zum Zwecke des Seelenheils" erwachsen, „in 
Wahrheit oft genug gleich einer Bestechung Gottes oder 
Christi zum Zwecke der Absolution von Mördern und Ehe- 
brechern", es steht nach der Ansicht Milton's ganz und gar 
zur „Disposition des Staates", der es entsprechend dem all- 
gemeinen Besten verwenden darf. Milton lässt immerhin noch 
an erster Stelle eine Verwendung zum Zwecke der Unter- 
stützung mittelloser Reiseprediger bestehn, ohne zu bemerken, 
dass er sich dadurch wiederum in Widerspruch mit dem 
Grundgedanken seiner Polemik gegen das „Miethlingswesen 
in der Kirche" setzt. Aber daneben sind es allgemeine In- 
teressen, die Interessen der Erziehung und Bildung, denen 
das eingezogene Kirchengut dienen soll. Die Abneigung gegen 
den üblichen Studiengang der Universitäten, wie sie in dieser 
Schrift wieder mächtig durchbricht und die Erinnerung an 
das pädagogische Ideal, dem er selbst mit Comenius und 
Hartlib, Durie und Petty huldigte, führen Milton zur Auf- 
stellung eines Programms, mit dem er seiner Zeit weit vor- 
auseilte. Ausgerüstet mit den Mitteln, welche die Säkulari- 
sation ihm an die Hand giebt, soll der Staat „über das ganze 
Land hin in grösserer Anzahl Schulen gründen". In diesen 
sollen „Sprachen und Künste frei gelehrt werden", und mit 
ihnen sollen „öffentliche Büchersammlungen" verbunden sein. 



Bürgerlicher Charakter von Ehe und Begräbnis. 217 

Eine Volksschule und Yolksbibliotheken schweben dem Autor 
vor, und es ist der Staat, dem er auch hier wieder zur hei- 
ligen Pflicht macht, seine erste Aufgabe darin zu erkennen, 
die Massen zu bilden. 

Wurde somit das Gebiet der Erziehung der modernen 
Macht zugewiesen, auf welche die wesentlichsten Kulturauf- 
gaben der mittelalterlichen Kirche übergegangen waren, so 
wagte Milton auch in anderen Fragen den Schnitt vorzuneh- 
men , der kirchliche und bürgerliche Befugnisse von einander 
trennte. Wie die erzwungenen Gebühren für Taufen fallen 
sollen, so auch diejenigen für „Heiraten und Begräbnisse", 
und zwar diese letzten, weil weder zum einen noch zum an- 
deren eine geistliche Mitwirkung erforderlich ist. Die Idee, 
dass die Sorge für die Bestattung der Todten eine bürgerliche 
Angelegenheit sei, sowie die der obligatorischen Civilehe tritt mit 
aller Klarheit hervor. Die schwankenden Begriffsbestimmun- 
gen der früheren Schriften über das Scheidungsrecht sind ver- 
schwunden. Es ist vollständig im Geiste des kleinen Parla- 
ments gedacht, wenn die Ehe hier „eine bürgerliche Ordnung", 
ein „Familienkontrakt" genannt wird, der ebensowenig wie 
irgend ein anderer ,.Akt oder Vertrag des bürgerlichen Le- 
bens" dadurch „ungiltig oder unheilig werden kann", dass 
er „ohne einen Priester und seine vorgebliche nöthige Weihe" 
vorgenommen wird. 

Nach allem Erwähnten erscheint es begreiflich, wenn der 
geistliche Stand überhaupt in dieser Schrift in einer Weise 
aufgefasst wird, welche von der herrschenden Anschauung 
sehr bedeutend abwich. Zwar wird die Möglichkeit nicht in 
Abrede gestellt, dass es auch nach den einschneidenden Ver- 
änderungen, die gefordert werden, Männer geben könne, für 
die das geistliche Amt ausschliesslicher Lebensberuf sei. Aus 
freier Wahl der Kongregation hervorgegangen und durch deren 
Beiträge erhalten, sollen sie nach besten Kräften ihren Be- 
rufspriichten genügen. Reichere Gemeinden, „die meist Ueber- 
fluss an Predigern haben", mögen einzelne von ihnen zu den 
„umliegenden Dörfern" aussenden. Andere Männer, getrieben 
von dem Verlangen, „den Heiland und seine Schüler nachzu- 



218 Auffassung des geistlichen Standes. 

ahmen", werden ..ohne einer, einzelnen Gemeinde zu dienen", 
ihr apostolisches Amt, gleichfalls von Ort zu Ort wandernd, 
iiber das Land hin ausüben. Sie werden keiner kostbaren 
Kirche oder verzierten Kapelle bedürfen. Ein einfaches Haus 
oder eine Scheuer wird hinreichen, die Gläubigen um sie zu 
versammeln. „Primitive Zusammenkünfte dieser Art" werden 
in kurzem der Ausbreitung des Christenthums und der Besse- 
rung der Sitten mehr nützen als jahrelanges Predigen der 
bisherigen Pfarrer am Sitz ihrer Pfründe. — Diese Hinnei- 
gung zur künstlichen Nachahmung urkirchlicher Zustände 
führte von selbst dazu, wie es schon an anderen Stellen der 
Milton'schen Schriften geschehen war. die Nothwendigkeit 
eines abgesonderten geistlichen Standes zu läugnen. Die Frage 
der finanziellen Erhaltung von Predigern und Seelsorgern, so 
sehr sich der Autor bemüht hatte, auf einzelne Aushilfsmittel 
hinzuweisen, blieb doch immer eine offene, woferne nicht die 
Möglichkeit dargethan wurde, dass die Ausübung des geist- 
lichen Amtes nicht zur alleinigen Erwerbsquelle werde. Es 
wird daher für nothwendig erklärt, dass jeder in den vom 
Staate gegründeten Schulen auch Gelegenheit erhalte, ein 
„ehrliches Handwerk'' zu lernen. „Wie Paulus durch Aus- 
übung seines Gewerbes nicht entehrt worden ist", wie die 
„Prediger der armen "VYaldenser" sich vorzüglich als ,,Aerzte 
und Chirurgen" erhalten haben, so soll es auch in der mo- 
dernen Zeit nicht für eine Schande gelten, wenn ,. Handwerker 
das Evangelium predigen". „Es wäre zu wünschen, dass alle 
Geistlichen Handwerker wären, dann würden nicht so viele 
von ihnen gezwungen sein, aus dem Predigen ein Handwerk 
zu machen, weil sie kein anderes verstehn" (^). 

Eine so gründliche Veränderung des Bestehenden, wie sie 
ähnlich von gewissen radikalen Verfechtern der deutschen Refor- 
mation schon einmal verlangt worden war, setzte selbstver- 
ständlich eine ganz neue Art des theologischen Studiums voraus. 
Man erinnert sich, wie wenig dieses in seiner damahgen Ge- 
stalt Milton befriedigte. Hier nimmt er auf's neue Gelegen- 
heit, sich gegen die „Schultheologie" der Universitäten als 
eine „leere Sophisterei" zu erklären. Er verspottet die Hau- 



Polemik gegen die „Schultheologie". 219 

fen von „Predigten, Noten und Kommentaren über alle Theile 
der Bibel", die „theologischen Disputationen von Professoren 
und Graduirten", wie er sie einst als Student kennen gelernt 
hatte. In der Behauptung der angeblich höchst nothwendigen 
Vorbildung auf der Universität sieht er so gut wie nichts als 
einen Vorwand, dem Begünstigten eine fette Stelle, sei es als 
Fellow, oder als Hauskaplan, oder als Pfründner zu verschaffen. 
Nach seiner Ansicht kann ,,so viel Gelehrsamkeit, wie für einen 
Geistlichen nothwendig ist, ebenso gut und für weniger Geld 
privatim erlernt Averden". „Die christliche Religion wird aufs 
leichteste selbst durch den geringsten Verstand begriffen." 
Man braucht, um sie zu verstehn, nicht „sein Leben lang zu 
den Füssen eines Kanzelredners zu sitzen", denn die einzige 
wahre Theologie ist „Kenntnis der heiligen Schrift". Diese 
aber würde ausserordentlich erleichtert werden durch „Ueber- 
setzung der ganzen Bibel in's Englische mit zahlreichen No- 
ten", sowie durch ,, Herstellung eines vollständigen Systems 
der Theologie ohne den Jargon der Schule und metaphysische 
verdunkelnde Bezeichnungen", ganz abgesehen davon, dass die 
öffentlichen Unterrichtsanstalten und Büchersammlungen die 
Möglichkeit gewähren würden, sich der Sprache des Urtextes 
und der ergänzenden Wissenszweige zu bemächtigen. Auf 
diese Weise hält Milton, wie es scheint, einen besonderen 
Stand der Geistlichen für durchaus entbehrlich. Er sieht in 
ihm nur einen „Stamm von Leviten, eine Faktion, eine Kaste 
im Gemeinwesen", deren Glieder in „plappernden Schulen auf- 
erzogen, auf Staatskosten gefüttert, träge und stolz sich be- 
ständig gegen ihre Ernährer, die verachtete Laienschaft, auf- 
lehnen". Er stellt dem die Gemeinschaft aller ,. Gläubigen" 
als „eine heilige und königliche Priesterschaft" gegenüber, aus 
der nach „freier Wahl" aus allen Ständen vom höchsten ., Be- 
amten bis zum niedrigsten Handwerker" Männer als Prediger 
hervorgehn können, wenn „Gott sie mit geistlichen Gaben 
begnadigt". „Ich sage das, bemerkt er beschwichtigend, nicht 
aus Geringschätzung der Gelehrsamkeit oder des Predigt- 
amtes, sondern aus Hass gegen die übliche Quacksalberei von 
beiden". 



220 Einwirkung der Quäker, 

Eine solche Reaktion gegen das Gewohnte hatten die 
Erfahi-imgen von beinahe drei Jahrzehnten in einem Manne 
hervorrufen können, der es selbst an schulgerechter theologi- 
scher Bildung dreist mit der Mehrzahl der damaligen geist- 
lichen "Würdenträger seines Vaterlandes aufnehmen konnte. 
Eben damals, als ]Milton diese kühnen Ideen entwickelte, 
wurde der Versuch gemacht, ihnen praktische Geltung zu 
verschaffen. Es war die Zeit des ersten Auftretens der 
Quäker. Ein Jahrzehnt war verflossen, seit der Begründer 
einer Sekte, die in kurzem zu weltgeschichtlicher Bedeutung 
anwuchs, sein Prophetenamt begonnen hatte. Nach Art eines 
Missionspredigers, wie er Milton's Phantasie als Ideal vorzu- 
schweben schien, hatte Georg Fox das Land durchzogen, 
durch begeisterte Rede auf die Massen gewirkt und aller 
Verfolgungen ungeachtet sein Werk fortgesetzt. ]\Iit grösserer 
Entschiedenheit hatte sich niemand gegen Zehnten und staat- 
liche Besoldung der Geistlichen ausgesprochen als er. Die 
Gesellschaft der Freunde, die er an sich zu fesseln wusste, 
war von Jahr zu Jahr zahlreicher geworden. Sie theilten mit 
ihm jene Scheu vor der Schulgelehrsamkeit, jene Abneigung 
gegen die Absonderung einer geistlichen Kaste, aus der auch 
Milton kein Hehl macht. Sie wandten sich 1658 mit einer 
Petition an den Staatsrath, deren Ausführungen über das 
Verhältnis von Kirche und Staat Milton unschwer hätte un- 
terschreiben können. Es ist nicht denkbar, dass ihm die 
ersten Bestrebungen des Quäkerthums fremd geblieben wären. 
Der Sekretär CromwelFs musste etwas von den schweren Be- 
sorgnissen erfahren, die man in den Kreisen der Regierung 
vor dieser neuen Macht, der Erbin aller Tendenzen der Hei- 
ligen, zu hegen nicht müde wurde. Das Vordringen quäkeri- 
scher Apostel nach London, ihre grossen Erfolge in gewissen 
Theilen des Heeres, das Martyrium, das so manche von ihnen 
auf sich nahmen: alles das konnte einem Manne, der sich in 
einer Art von officieller Stellung befand, nicht Avohl unbe- 
kannt bleiben. Mit Fox hatte Cromwell selbst denkwürdige 
Zusammenkünfte gehabt, die ihres Eindrucks auf den Pro- 
tektor nicht völlig verfehlten. Henry Vane, der dem Dichter 



Einwirkung von Roger Williams. 221 

persönlich so nahe stand, hatte längst Verbindungen mit den 
Freunden angeknüpft. Von dem grausamen Verfahren, dessen 
sich das Parlament gegen eines ihrer Häupter, Jakob Naylor, 
schuldig machte, hatte im December 1656 ganz London gespro- 
chen (i). jNIochten manche Ausschreitungen und Aeusserlich- 
keiten, in denen sich die Sekte gefiel, Milton nicht anmuthen, 
ihre Lehre von der inneren Erleuchtung konnte ihm wohl 
kongenial sein, die Verfolgung vieler ihrer Mitglieder lief sei- 
nen theuersten Ueberzeugungen zuwider, er hat unter ihnen 
selbst sogar in späterer Zeit noch treue Freunde gewonnen. 
Und so mag ihm denn die Erinnerung an die eigenthümliche 
Erscheinung der Quäker auch 1659 hie und da die Feder ge- 
führt haben. 

Wichtiger für die Ausbildung seiner kirchenpolitischen 
Ansichten, wie sie uns hier entgegentreten, ist aber ohne 
Zweifel die Einwirkung einer anderen geistigen Macht ge- 
wesen. Man erinnert sich , dass Roger "Williams bei der 
zweiten Reise, die er im Interesse seiner Kolonie unternahm, 
persönlich mit Milton bekannt wurde. Was der Gründer des 
konfessionslosen Staates schon durch sein geschriebenes Wort 
gelehrt hatte, das wurde durch das gesprochene unschwer er- 
gänzt. Wenn es Miltun auch nicht gelungen ist, sich zu jener 
Weite und Klarheit der Ideen durchzuringen, mit denen Wil- 
liams fast einzig in seiner Zeit dasteht, so braucht man dessen 
Schrift „die blutige Lehre der Verfolgung'" mit Milton"s beiden 
Traktaten aus dem Jahre 1659 nur etwas genauer zu ver- 
gleichen, um sich von der engen Verwandtschaft, die zwischen 
ihnen besteht, zu überzeugen. Selbst die Polemik gegen Ox- 
ford und Cambridge findet sich fast in gleicher Weise schon 
bei Williams. Und auch im Titel seiner zweiten Schrift 
brauchte Milton nur auf jenes Werk seines Freundes über 
die „Miethlingsgeistlichkeit" zurückzugehn, das dieser bei Ge- 
legenheit seiner zweiten englischen Reise verfasst hatte. 



222 Konflikt zwischen Heer und Parlament. 

Während der blinde Denker sich mit den grossen kirchen- 
politischen Fragen beschäftigte, deren Lösung noch den Ge- 
nerationen nach ihm zu thun giebt, bereitete sich eine neue 
Erschütterung des revolutionären Staatswesens vor, dem er 
diente. Man hatte das Schattenbild der Republik noch ein- 
mal heraufbeschwören können, die Republik selbst zu be- 
gründen blieb unmöglich. Kaum war der leichte Sieg über 
die Protektoratsregierung erfochten, so begann die Eintracht 
der Sieger sich zu lockern. Die Häupter der bewaffneten 
Macht forderten Bestätigung aller Gesetze und Verordnungen, 
die seit der Zersprengung des langen Parlaments ergangen 
waren, sowie Erlass einer Indemnitätsakte für alle seit jenem 
Zeitpunkt vorgenommenen Amtshandlungen. Das Rumpparla- 
ment war nicht gewillt, der bürgerlichen A.utorität, die es 
vertrat, so viel zu vergeben und allen Akten der Willkür, 
welche während der letzten sechs Jahre vorgekommen waren, 
den Stempel der Gesetzlichkeit aufzudrücken. Schon machte 
Lambert's ünmuth sich in den Worten Luft : ,.Ich weiss nicht, 
warum sie nicht eben so gut von unserer Gnade abhängen 
sollen, wie wir von der ihrigen", als eine royalistische Empö- 
rung für kurze Zeit den drohenden Ausbruch des Kampfes 
hinausschob. Die Kavaliere trugen sich seit dem Sturze des 
Protektorats mit lebhafteren Hoffnungen als jemals. Sie rech- 
neten auf die Presbyterianer, deren Hauptquartier London 
war, auf die Unterstützung Spaniens und Frankreichs, die im 
Begriff standen, sich über einen Frieden zu vereinigen, auf 
die Uneinigkeit ihrer Gegner, die sie kannten. Vane selbst legte 
das Geständnis ab: „Der König wird eines Tages die Krone 
wiedergewinnen, das Volk verabscheut jede andere Regie- 
rungsform'' (^). Karl n war von den Vorbereitungen seiner 
Anhänger benachrichtigt. Er begab sich nach Calais, um in 
England zu erscheinen, sobald die allgemeine Empörung ge- 
glückt sei. Allein die republikanische Regierung war auf 
ihrer Hut. Sie hatte genaue Kunde von den Plänen ihrer 
Gegner erhalten und traf umfassende Vorsichtsmassregeln. 
An einer einzigen Stelle kam es zu einem gi-össeren Kampf. 
In Cheshire stand Sir George Booth an der Spitze einer be- 



Besiegung d. ßoyalisteu G. Booth. — Lambert sprengt d. Parlament. 223 

deutenden Streitmacht, die über die Stadt Chester gebot. 
Er selbst schien sich nur für „ein freies Parlament'' erhoben 
zu haben, aber unter dem Schutze seiner Waffen wurde Karl II 
als König ausgerufen. Das Heranrücken Lambert's machte 
der weiteren Ausbreitung des Aufstandes ein Ende. Der Ge- 
neral schlug die royalistischen Freischaaren und brachte ihre 
Führer in seine Hand. 

Diese Erfolge steigerten naturgemäss das Selbstgefühl 
der Armee. Die Soldaten spotteten darüber, dass ihre Ofti- 
ciere von einem Juristen ernannt würden. Die Officiere be- 
klagten sich darüber, dass man ilire republikanische Gesin- 
nung verdächtige. Lambert's Regimenter gaben den übrigen 
das Beispiel der Unbotmässigkeit. Man forderte vom Parla- 
ment eine Reihe von Bewilligungen, deren Gewährung dem 
Heere eine grössere Selbstständigkeit in Rücksicht auf seine 
Zusammensetzung wie auf seine Leitung gegeben haben würde. 
Man liess auch dann nicht ab zu agitiren, als diese Forderun- 
gen auf Widerstand stiessen. Vane hätte gewünscht, den 
Sturm durch Nachgiebigkeit gegen die Ofticiere zu beschwich- 
tigen. Aber die Mehrzahl seiner Kollegen war entschlossen, 
die Anmassung der liewaffneten Macht nicht zu dulden. Sie 
sprachen ihr Urtheil über die Vergangenheit aus, indem sie 
alle vom 19. April 1G53 bis zum 7. Mai 1G59 erlassenen Akte 
für ungiltig erklärten, woferne ihnen ihre Bestätigung fehle. 
Sie suchten den Gefahren der Zukunft vorzubeugen, indem 
sie auf die Erhebung unbewilligter Auflagen die Strafe des 
Hochverrathes setzten. Lambert, Desborough und sieben ihrer 
Genossen wurden ihre Kommandos genommen. Der Ober- 
befehl gieng von Fleetwood auf eine Kommission von sieben 
^Mitgliedern über. Er selbst gehörte zwar zu ihnen, aber er 
sollte durch Männer wie Haselrig und Milton's Freund Overton 
überwacht werden. Bis dahin war nur mit Worten gekämpft 
worden, am 12. und 13. Oktober kam es zur Entscheidung 
durch die G'ewalt der Waffen. Lambert nahm es auf sich, 
den Staatsstreich auszuführen. Er rückte gegen Westminster 
heran und brachte die Truppen, die daselbst zum Schutze 
des Parlaments aufgestellt waren, mit leichter Mühe auf seine 



224 Milton's Brief: „Ueber die Wirren des Gemeinwesens". 

Seite. Der Sprecher Lenthall, der sich zu 'Wagen in die 
Sitzung begeben wollte, wurde von den Soldaten unter höhni- 
schen Bemerkungen gezwungen umzukehren. Nur wenigen 
Mitgliedern gelang es, zu ihrem Versammlungsort durchzu- 
dringen. Die City, auf deren Beistand sie gerechnet hatten, 
verhielt sich ruhig. Ohne Blutvergiessen Avar das Rumppar- 
lament zum zweiten Male auseinandergejagt. Dem greisen 
John Bradshaw, dessen Tage sich zu Ende neigten, blieb 
wiederum nichts übrig als ein ohnmächtiger Protest. 

Wir wissen, dass Milton diesen Protest seines alten Be- 
kannten von Herzen theilte. Eine Woche, nachdem das Er- 
eignis sich vollzogen hatte, schrieb er einem Freunde ,.über 
die Wirren des Gemeinwesens". Sein Brief ist eine kleine 
politische Abhandlung, hervorgerufen durch ein Gespräch, das 
er mit jenem Freunde geführt haben will, woferne man nicht 
vorzieht, die Briefform nur als eine bequeme literarische Ein- 
kleidung, zu betrachten (^). Auch hier macht Milton kein 
Hehl daraus, dass die Zurückberufung des Rumpparlaments 
ihn mit grossen Hoffnungen erfüllt habe. Es war ihm doch 
immerhin das „berühmte Parlament, das sich so grosse Ver- 
dienste um die Nation erworben hatte", selbst im Zustande 
seiner Verstümmelui^-g. Wie dieses „berühmte Parlament" von 
Cromwell ehemals behandelt woi'den war, hatte er seiner Zeit 
nicht missbilligt. Einem Lambert sprach er die Berechtigung 
dazu ab, nach CromweH's Beispiel zu verfahren. Doch drückt 
er seinen Tadel noch leidlich vorsichtig aus. Noch immer 
scheint es ihm möglich, „Heilmittel" zu finden, um sich aus 
der „Anarchie'' herauszuarbeiten und vor dem „drohenden 
Ruin zu retten". Er hofft, dass die Führer des Heeres sich 
dazu entschliessen werden, ihre rebellische Stellung aufzuge- 
ben, um sich mit den bürgerlichen Republikanern über die 
Bildung einer Regierung zu vereinigen. Ist an eine Zurück- 
l3erufung des Parlamentes nicht zu denken, so gilt es wenig- 
stens, schleunigst einen ..Staatsrath" aus Officieren und Par- 
lamentariern zusammenzusetzen. Seine Mitglieder müssen 
über zwei Punkte einig sein: Gewährung der „Gewissensfrei- 
heit für alle, denen die heilige Schrift Norm des Glaubens 



Günstige Aussichten für die Restauration. 225 

und Kultus ist" — womit auch der „erzwungene Unterhalt 
des geistlichen Standes" fallen soll — und „Abschwörung der 
monarchischen Regierungsform". Um jeden neuen Zusammen- 
stoss zwischen der militärischen und bürgerlichen Gewalt zu 
verhindern, sollen sich beide Theile eidlich verbinden, ,. ein- 
ander bis zum Tode nicht verlassen zu wollen". Dem Heere 
soll seine Erhaltung, den Officieren die lebenslängliche Dauer 
ihrer Stellen zugesichert werden. Aber dieselbe Zusicherung 
sollen auch die „Mitglieder des Parlaments oder des Staats- 
rathes" erhalten. — 

' Man braucht nicht zu sagen, wie viel Phantastisches in 
diesen erst lange Zeit nachher bekannt gewordenen Vorschlä- 
gen steckt, wie kümmerlich zusammengeschrumpft das politi- 
sche Glaubensbekenntnis des alten Republikaners hier er- 
scheint. Auch giebt er seine Arbeit nu^- für eine flüchtige 
Skizze, in der die Furcht vor der Rückkehr des „gemeinsamen 
Feindes" am auffälligsten in die Augen springt. Dieselbe 
Befürchtung tritt in einem schwermüthigen Briefe hervor, den 
er einige Wochen später an Oldenburg richtete. Der Freund 
hatte ihn aufgemuntert, eine Geschichte der Revolution ab- 
zufassen. Er antwortet darauf: ,.Ich bin weit entfernt da- 
von, mich mit einer Geschichte unserer Unruhen zu be- 
schäftigen. Sie verdienen eher mit Stillschweigen übergangen 
als gelobt zu werden. Wir bedürfen nicht sowohl eines Man- 
nes, der im Stande sei, diese Unruhen zu schildern, als viel- 
mehr sie glücklich zu endigen. Denn mit Ihnen befürchte 
ich, dass die vereinten Feinde unseier bürgerlichen und reli- 
giösen Freiheit diese unsere Zwistigkeiten oder richtiger diese 
unsere Anfälle von Wahnsinn nur zu gut ausnutzen werden" (^). 
In der That konnte sich niemand darüber täuschen, wie 
sehr die Restauration des Königthums an günstigen Aussichten 
gewonnen hatte. Die Masse des Volkes war der unaufhör- 
lichen Umwälzungen, des schweren Steuerdrucks und der Last 
des stehenden Heeres herzlich müde. Die besitzenden Fami- 
lien der Grafschaften sahen sich grossen Theils aus ihrer so- 
cialen Stellung verdrängt. Die Mehrzahl der städtischen 
Gemeinden und vor allem die City hoffte von der Rückkehr 

Stern, Mi/ton u. s. Z. II. 3. 15 



226 Monk und Lambert. 

der Monarchie friedlichere Zeiten. Presbyterianismus und 
Ptoyalismus giengen Hand in Hand. Selbst von den Männern, 
die der Pteyolution ihr Emporkommen verdankt hatten, stan- 
den einzelne von ängstlicher Voraussicht mit dem Hause 
Stuart bereits in geheimer Verbindung. Noch ahnten wenige, 
wer unter diesen die vornehmste Rolle spielen würde. George 
Monk hatte während der ganzen stürmischen Zeit der inneren 
Wirren eine sehr bemerkenswerthe Stellung eingenommen. 
Ein Ueberläufer von der royalistischen zur parlamentarischen 
Sache, in den grossen Kriegen der Republik und des Protek- 
torats zu Land und zur See als ein tapferer Soldat und ein 
fähiger Führer erprobt, überaus behebt bei seinen Leuten, 
thatkräftig und berechnend, fühlte er sich als höchst Kom- 
mandirender in Schottland beinahe unabhängig von den hei- 
mischen Gewalten ijnd den Kämpfen, welche England bewegten, 
entrückt. Er folgte ihnen indessen als aufmerksamer Beob- 
achter aus der Ferne, und in London blickten die Häupter 
der einzelnen Parteien mit Spannung auf die Schritte des 
Generals im Norden, Er war ein zuverlässiger Diener Oliver 
Cromwell's gewesen, auch Richard Cromwell würde er nicht 
verlassen haben, hätte dieser, wie er sagte, sich nicht selbst 
verlassen. Seitdem wartete er den Gang der Ereignisse in 
Ruhe ab, frei von den religiösen und politischen Leidenschaf- 
ten seiner Waö'engefährteu jenseits der Grenze, entschlossen, 
seine Kräfte nicht in einer voreiligen Unternehmung zu ver- 
brauchen. Er Hess sich von allen Parteien umwerben, ohne 
sich der einen oder der anderen hinzugeben. Die Führer der 
Armee verbargen ihr Misstrauen gegen den alten Kameraden. 
Die republikanischen Verfechter der parlamentarischen Ober- 
hoheit glaubten auf ihn zählen zu können. Die Royalisten 
wagten es, ihm vertrauhche Anträge zu machen. Kühl und 
schweigsam nahm er Eröffnungen und Vorschläge von allen 
Seiten entgegen, aber er hütete sich, für die Zukunft sich zu 
binden. 

Die Vertreibung des Rumpparlaments durch Lambert 
und seine Genossen nöthigte ihn, aus seiner Zurückhaltung 
herauszutreten. Er missbilligte den geschehenen Gewaltakt, 



Rückkehr des Rumpparlaments. 227 

gelobte „die Freiheit und Autorität des Parlaments zu schützen" 
und äusserte, sein einziger Wunsch gehe dahin, „die Republik 
aufrechtzuerhalten". Aus seinem Heere wurden alle diejenigen 
Elemente entfernt, die ihm nicht unbedingt zuverlässig er- 
schienen. Kleine Flugschriften bearbeiteten die Soldaten, um 
sie mit dem Gedanken des Einrückens in England vertraut 
zu machen. Die Machthaber in London, unter sich durchaus 
nicht einig, durch weit auseinandergehende Entwürfe einer 
neuen Verfassung in Anspruch genommen, von den fanatischen 
Sektirern vorwärts getrieben, erkannten in dem selbststän- 
dig'en Auftreten des Befehlshabers der schottischen Armee 
eine gemeinsame Gefahr. Man verhandelte über eine Aus- 
söhnung, aber gleichzeitig stellte sich Lambert im Norden auf. 
Er fand nirgendwo ein freundliches Entgegenkommen der Be- 
völkerung, während Monk überall auf Sympathieen zählen 
konnte. Eine Konvention der schottischen Stände bewilligte 
ihm eine ansehnliche Geldhilfe. Fairfax erbot sich, in York- 
shire einen Aufstand zu erregen. Portsmouth wurde von Ha- 
selrig zum Abfall gebracht. Der Admiral Lawson erklärte, 
nur einem Parlament gehorchen zu wollen. In London mehr- 
ten sich die Zeichen des Unwillens gegen den Sicherheitsaus- 
sehuss, welcher damals den Mittelpunkt der Regierung bildete. 
Sogar die Regimenter, die in der Hauptstadt lagen, drangen 
auf Beendigung des gesetzlosen Zustandes, der nur dem Roya- 
lismus Nutzen gebracht hatte. Unter ihrem Schutz konnte 
sich am 26. December das Rumpparlament ein zweites Mal 
unter Lenthall's Vorsitz installiren. Die Generale, die einige 
Monate vorher seine Sitzungen unterbrochen hatten, räumten 
das Feld. Ein Staatsrath wurde erwählt, dessen Mitglieder- 
liste der Name Arthur Haselrig's eröffnete. 

Diese Wendung der Dinge, die der „guten, alten Sache" 
so günstig zu sein schien, konnte Monk nicht aufhalten. Am 
Neujahrstage 1660 liess er seine Infanterie die Grenze über- 
schreiten und rückte ihr am folgenden Tage mit der Reiterei 
nach. Die Truppen Lambert's hatten sich schon vor seiner 
Ankunft von ihrem General getrennt, um sich den Befehlen 
des Parlaments zu unterwerfen. Fairfax, der sich an die 

15* 



228 Monk iu England. — Monk und die City. 

Spitze einer royalistisehen Bewegung- gestellt hatte, nahm den 
Führer des schottischen Heeres mit Freuden bei sich auf. Er 
seihst fand sich auch damals nicht veranlasst, seine Entscheidung 
zu treffen. Die Kavaliere verzweifelten an ihm, wenn sie hörten, 
wie er sich seiner republikanischen Gesinnung rühmte. Den 
Republikanern war es verdächtig, dass er seinen Zug begon- 
nen hatte, ohne dazu ausdrücklich ermächtigt zu sein. Je 
weiter er vorrückte, desto unverhohlener drangen sich ihm 
in Adressen und Ansprachen die Wünsche der Bevölkerung 
auf. Zulassung der 1648 ausgeschlossenen Mitglieder oder 
Neuwahl eines , .freien Parlamentes" waren die vornehmsten 
Forderungen, die er überall zu hören bekam. Er wies die 
Verantwortlichkeit, hierüber zu bestimmen, von sich ab, aber 
er betonte, dass die Zulassung der Presbyterianer gefährlich 
sein werde, da diese der Monarchie den Weg eröffnen und 
dadurch den Bürgerkrieg aufs neue entflammen würden. So 
gelangte er nach London (3. Februar), allem Anschein nach 
der getreue Diener des republikanischen Parlaments, in Wahr- 
heit sein gefährlichster Gegner und unwiderstehlicher Meister. 
Seine Truppen lösten gi-össten Theils die Regimenter ab, 
die bis dahin in der Hauptstadt gestanden hatten. Er selbst be- 
zog in Whitehall Quartier, wohin Besucher aus allen Parteien 
strömten, um ihn zu sprechen. Noch immer blieb sein Ver- 
halten zweideutig. Als man die Abschwörung des Königthums 
und des Hauses Stuart von ihm forderte, trug er Bedenken, 
dem Verlangen nachzukommen. Als indess die City dem ver- 
hassten Rumpparlament durch Verweigerung der Steuern den 
Gehorsam kündigte und sich zum bewaffneten Widerstand 
rüstete, zögerte er nicht, erhaltenem Befehl gemäss, gegen 
die rebellischen Bürger einzuschreiten, die Ketten und Pfosten 
entfernen, die Thore und Schutzgatter niederreissen zu lassen 
(9. und 10. Februar). — Er hatte den Aufstand gebändigt, um 
Herr der Ereignisse zu bleiben, aber er fühlte nun um so 
mehr die Nothwendigkeit. das verscherzte Vertrauen aller 
derer zurückzugewinnen, die ihn als den Retter vor der Ob- 
macht der politischen und kirchlichen Radikalen betrachteten. 
Er forderte vom Rumpparlament schleunige Ausschreibung 



Rückkehr der presbyterianischen Parlamentsmitgliedei-. 229 

von Ergänzunpswahlen und pünktliche Innehaltung des Ter- 
mins der Auflösung. Er verlegte sein Hauptquartier in eben 
jene City, deren Empörung er den Tag vorher niedergeworfen 
hatte und die ihn nun mit Jubel begrüsste (11. Febr.). In den 
Strassen und auf den Plätzen loderten Freudenfeuer empor, an 
denen man zur Verspottung des Rump Fleischstüeke röstete, 
die dieser wenig schmeichelhaften Bezeichnung entsprachen. 

Die Mitglieder des verhöhnten Rumpparlaments zeigten 
einige Nachgiebigkeit. Sie beendigten die lange berathene 
Akte, welche die Bestimmungen für die Wahl des künftigen 
Parlaments enthielt. Sie gaben zugleich den Auftrag, die 
Ausschreiben für die Vornahme der Ergänzungswahlen vor- 
zubereiten (16. Februar). Aber sie Hessen noch immer der 
Befürchtung Raum , dass sie den Besitz der Macht nicht auf- 
geben würden und legten durch Ernennung einer militärischen 
Kommission ihr Misstrauen gegen den aufdringlichen Feld- 
herrn deutlich genug an den Tag. Er hielt es für zeitgemäss, 
einen anderen Weg einzuschlagen. Schon längst waren Ver- 
handlungen mit den ausgeschlossenen presbyterianischen Mit- 
gliedern im Gange. Sie versprachen , für die Erhaltung und 
das Kommando der Armee geeignete Massregeln zu treffen, 
sowie einem neuen Parlament in kurzer Frist den Platz räu- 
men zu wollen und konnten am 21. Februar, beschützt von 
Monk, zu ihren Sitzen zurückkehren. Mochte er selbst nach 
wie vor seine unverbrüchliche Treue gegen die Republik ver- 
bürgen, die Männer, welche die Hinrichtung des Königs und 
die Abschaffung des Königthums niemals verziehen hatten, 
beherrschten das Feld. Sie wussten, dass sie von ihrem Be- 
schützer nichts zu fürchten hatten. Sie widerriefen alle frü- 
heren Akte, die ihre Ausschliessung betroffen hatten und zogen 
die Ausschreiben für die Vornahme der Ergänzungswahlen 
zurück, Sie hoben die militärische Kommission wieder auf 
und ernannten Monk zum höchst Kommandirenden der ge- 
sammten Landmacht in England, Schottland und Irland. Der 
Staatsrath , den sie erwählten , setzte sich fast gänzlich aus 
Anhängern des Presbyterianismus und Gegnern der Republik 
zusammen. In ihrem Sitzungslokal und in allen Kirchen 



230 Auflösung des langen Parlaments. 

wurde die Urkunde von Liga und Covenant angesehlagen. 
Die City erhielt gegen Gewährung einer Anleihe volle Genug- 
thuung für die erlittene Bestrafung. Das Beamtenpersonal 
erlebte durchgreifende Aenderungen. Im ganzen Lande liess 
sich der Rückschlag gegen die ehemaligen independentisch- 
republikanischen Machthaber erkennen. Bänkelsänger und 
Journalisten priesen den rechtmässigen Erben des väterlichen 
Thrones an. Schon wagte man in Gegenwart Monk's bei den 
Festen, die einzelne Gilden zu seinen Ehren veranstalteten, 
auf die Gesundheit des Königs zu trinken. Die Kavaliere 
hatten gute Gründe, alles von einem „freien Parlament'^ zu 
hoffen, das am 25. April zusammentreten sollte. Zwar blieben 
gewisse Einschränkungen der Wahlen in Kraft, aber das Ge- 
löbnis, „dem bestehenden Gemeinwesen ohne König und Lords" 
Treue bewahren zu wollen, sollte in Wegfall kommen. Der 
Restauration war der Weg geebnet, und die Presbyterianer 
fühlten sich selbst beinahe schon ausser Stande, ihr noch Be- 
dingungen vorzuschreiben. Am 16. März löste das lange Par- 
lament sich auf. Das Land schickte sich dazu an, durch die 
Wahlen seinem heissen Verlangen Ausdruck zu geben. 



In dieser Zeit, als die Frage ob Republik oder Monarchie 
schon so gut wie entschieden war, hatte Milton noch den 
Muth, mit oft'enem Visier auf dem Kampfplatz zu erscheinen. 
Es ist fraglich, ob er noch in amtlicher Stellung war. Nach 
seines Neffen Bericht, hatte er seinen Posten und „den dazu 
gehörigen Gehalt kurz vor der Rüekehr des Königs verloren''. 
In den Registerbüchern des Staatsraths findet sich eine letzte 
Besoldungsanweisung für ihn unter dem 25. Oktober 1659. 
Er durfte sich jedenfalls nicht darüber täuschen, wie ver- 
zweifelt es um die Sache stehe, der er mehr als ein Jahr- 
zehnt seine besten Kräfte gewidmet hatte. Seine Ansichten 
über das Verhältnis von Staat und Kirche waren von dem 
siegreichen General wie von der Versammlung, die unter 
dessen Schutz sretagt hatte, häufig und nachdrückhch miss- 



Milton's Schrift: ,.Der sichere u. leichte Weg zur Begründ. etc. 231 

billigt worden. Seine Ansichten über die Vorzüge einer Re- 
gierungsforin, die er gegen Salmasius vertheidigt hatte, ^Yaren 
in Gefahr, als ketzerisch von der aufgeregten Masse ver- 
urtheilt zu werden. Auch hätte ihm das Schicksal zweier 
Freunde als Fingerzeig für sein eigenes Verhalten dienen 
können. Overton, der den Posten des Kommandanten von 
Hüll bekleidete, hatte versucht, eine Verabredung mit anderen 
Officieren zu treffen, um die Zurückführung der Einzelherr- 
schaft auf alle Weise zu hindern. Er wurde aufgefordert, 
sich zu rechtfertigen und seines Postens enthoben. Henry 
Vane, wegen seiner Verbindung mit Lambert aus dem Par- 
lament ausgestossen und auf eines seiner Landgüter verwiesen, 
war zur Zeit des Einrückens Monk's nach London zurückge- 
kehrt und hatte daselbst mit seinen republikanischen Freun- 
den agitirt. Er wurde aufs neue verbannt und täuschte sich 
nicht über den Ruin seiner Hoffnungen. Aber Milton wollte 
noch immer nicht alles verloren geben. Im Februar, als das 
Rumpparlament sich zur Ausschreibung von Ergänzungswahlen 
verstanden hatte, war eine Schrift von ihm zum Druck ge- 
kommen mit dem Titel: „Der sichere und leichte Weg zur 
Begründung eines freien Gemeinwesens und die Vorzüge eines 
solchen, verglichen mit den Nachtheilen und Gefahren, welche 
die Wiedereinführung des Königthums in diesem Lande nach 
sich ziehen müsste"(^). Aber die Ereignisse hatten einen 
rascheren Verlauf, als der Verfasser vorhergesehen hatte. Die 
presbyterianischen Mitglieder nahmen ihre Sitze wieder ein. 
Jene Ausschreiben wurden zurückgezogen. Milton Hess seine 
Schrift nichts desto minder erscheinen, da er auch von dem 
ergänzten „volleren" Parlament Gutes erwartete. Und wie- 
derum überholten die Thatsachen seine Voraussicht. Die Ver- 
sammlung beschloss, sich aufzulösen, Neuwahlen zu einem 
„freien Parlament" standen bevor. Da erschien Milton's 
Schrift in zweiter, verbesserter Ausgabe, mit veränderter Ein- 
leitung und mit dem Motto frei nach Juvenal geschmückt, 
das dem getreuen Eckardt Oliver Cromwell's wohl anstand: 

Et DOS 

Consilium dedimus Syllae, demus populo nunc (2). 



232 Vorzug der Republik vor der Monarchie. 

Die sonstigen Abweichungen dieser zweiten von der ersten 
Ausgabe, die noch kein Herausgeber der Milton'sehen Werke 
beachtet hat, sind gar nicht unbedeutend. Einige Stellen 
sind weggelassen, darunter namentlich eine höchst interessante, 
die zur Beleuchtung der kirchlich -politischen Ideen Milton's 
dienen kann, aber bei weitem mehr sind der Zusätze, die 
der Autor gemacht hat. Sie sind zum Theil durch die ver- 
änderte Sachlage hervorgerufen worden, zum Theil haben sie 
nur den Zweck stilistischer Verbesserungen. Die Macht der 
Presbyterianer war in der Zwischenzeit gewachsen, nicht we- 
nige Sätze sind daher neu hinzugekomm.en, die besonders auf 
sie gemünzt sind. Die royalistische Strömung hatte in einigen 
Wochen ungemein an Kraft gewonnen, um so mehr Hess Milton 
es sich angelegen sein, die Folgen der Restauration in noch 
dunkleren Farben erscheinen zu lassen als das erste Mal. 
Uebrigens war der Grundton der gleiche. Man hört aus jeder 
Zeile den alten Gegner des Salmasius heraus, wie er sich 
denn einmal geradezu nicht ohne Selbstbewusstsein auf seine 
„erste Vertheidigung des englischen Volkes" beruft, als auf 
ein ,, geschriebenes Denkmal, das die Verleumdung überleben 
wird"'. 

Als politischer Glaubenssatz bleibt ihm bestehn, dass die 
republikanische Verfassung einen Fortschritt über die monar- 
chische bedeute. Nicht dass er den relativen Werth des 
Königthums hätte läugnen wollen. Gewiss „die Monarchie 
mag dieser oder jener Nation angemessen sein". Auch der 
einzelne Monarch mag sich dann und wann dem Ideal des 
„ersten Staatsdieners" annähern, „das gemeine Beste seinem 
eigenen Wohl vorziehn und statt auf einen lasterhaften Günst- 
ling auf die weisesten und tugendhaftesten Mitglieder seines 
Parlaments hören". Aber je seltener solche Fälle nach Milton's 
Ansicht sind, desto weniger ziemt es einem gebildeten Volk, 
„die Summe seiner Wohlfahrt dem Zufall zu überlassen". Im 
glücklichsten Fall ist ihm ein König, „da er nicht mehr als 
ein anderer Mensch vermag", nur „eine grosse Null, die ohne 
Zweck vor einer langen Reihe anderer Ziffern steht". Aber 
oft genug wird er „zum Unheil, zur Pest und zur Geisel eines 



Appell au Gefühl und Berechnung. 233 

Volkes, das nicht im Stande ist, sich seiner zu entledigen". 
Und so hält er allen trüben Erfahrungen zum Trotz uner- 
schütterlich daran fest, „dass ein freies Gemeinwesen d^ie 
edelste und gerechteste Regierungsform sei", in welcher alle 
guten Bestrebungen „des Menschen, des Bürgers und des 
Christen'' den weitesten Spielraum finden. Er hütet sich zu 
untersuchen, ob nicht sein eigenes Volk damals zu denen ge- 
höre, für welche die jNIonarchie „angemessen" sei. Das 
einmal abgeworfene „Joch" wieder auf sich nehmen , zu 
der ehemals abgeschworenen „Knechtschaft des Königthums" 
zurückkehren, scheint ihm unter allen Umständen eine Schmach 
zu sein, „wie sie niemals eine Nation betroffen hat, die im 
Besitz ihrer Freiheit war". — Nicht nur die Aufstellung des 
politischen Axioms, auch seine Bestätigung durch Beispiele 
war ganz die gleiche, wie wir sie aus den früheren Arbeiten 
Milton's kennen. Auch hier müssen die Vertheidiger der 
Monarchie sich sagen lassen, „dass Gott im Zorne den Juden 
einen König gegeben hat". Auch hier wird auf die grossen 
Freistaaten des Alterthums hingewiesen. Ein Ausspruch 
Christi kommt dem Verehrer der Republik gleichfalls zu 
Hilfe. Es ist die bekannte Vermischung biblischer und ge- 
schichtlicher Argumente, in der Milton wie immer der Ge- 
wohnheit seines Zeitalters folgte. 

Er sah indessen ein, dass diese akademischen Gründe im 
damaligen Augenblick nicht genügen konnten. Er appellirte 
an das Gefühl und an die Berechnung seiner Landsleute, und da- 
bei steigert sich sein Pathos nicht selten zur Höhe propheti- 
schen Schmerzes. Was werden die fremden Völker von uns 
sagen, ruft er den Männern von Ehrgefühl zu, ,,die eifersüch- 
tigen Nachbarn, deren Bewunderung und Schrecken unser 
freies Gemeinwesen war?" Sie werden uns „verachten und 
verlachen". „Werden sie nicht den englischen Namen zum 
Gespött machen, wie den des thörichten Bauherrn der Bibel, 
der einen Thurm zu bauen begann und ihn nicht vollenden 
konnte? Wo ist jener herrliche Thurmbau eines Freistaates, 
den die Engländer zu errichten sich vermassen, jenes Frei- 
staates, der Königreiche überragen sollte, ein neues Rom im 



234 Appell au Gefühl und Berechnung. 

Westen? Den Grund dazu haben sie freilich muthig gelegt, 
aber dann fielen sie in eine Verwirrung, schlimmer als die 
babylonische, nicht von Sprachen, sondern von Faktionen, und 
keine andere Erinnerung ihres Werkes blieb zurück, als das 
allgemeine Gelächter von Europa. Und das wird um so mehr 
zu unserer Schande erschallen, da ein Blick auf unsere Nach- 
barn, die vereinigten Staaten der Niederlande, uns lehren 
kann, wie sie ohne äussere Vortheile unter weit grösseren 
Schwierigkeiten mit Muth, Weisheit und Standhaftigkeit das- 
selbe Werk glücklich vollendet und sich den ruhigen Genuss 
einer mächtigen und blühenden Republik erobert haben." 
Allein nicht genug damit, dass England den Spott des Aus- 
landes sich herauf beschwören würde , es würde „den ganzen 
Schatz" verlieren , den seine Revolution ihm zugebracht hat, 
oder doch, nach Milton's Meinung, zuzubringen bestrebt war. 
„Alle gewonnenen Schlachten würden nachträglich verloren 
gehn". Alle Opfer an Gut und Blut wären umsonst gebracht. 
Die Union mit Schottland würde zerbrechen. Die Gewissens- 
freiheit hätte „von dem Bunde des Königs mit den Bischöfen" 
nichts zu hoffen. Das Parlament würde zu einer gedemü- 
thigten Stellung herabsinken. „Wir werden, ruft Milton 
ahnungsvoll aus, vielleicht noch einmal um alles das kämpfen 
müssen, wofür wir gekämpft haben, wir werden noch einmal 
die Opfer bringen müssen, die wir gebracht haben, aber 
schwerlich werden wir uns der Freiheit und der Gunst des 
Himmels in eben dem Grade erfreuen wie jetzt." 

Es gab eine andere Gattung von Engländern, denen mit 
solchen Gründen nicht beizukommen war. Es waren die 
Männer, deren Politik sich nach ihrer Börse richtete, und die 
kaufmännisch berechneten, wie viel bei dem Tausch von Re- 
publik und Monarchie zu gewinnen oder zu verlieren sein 
möchte. Diesen sucht Milton den Wahn zu benehmen, als 
werde das wiedereingesetzte Königthum ihnen billiger zu stehn 
kommen. Der König lebt, „angebetet wie ein Halbgott", ein 
ausschweifender, prunkender Hof, „der bei seinen Masken- 
spielen und Gelagen den Adel beiderlei Geschlechts entsitt- 
lichen wird, umgiebt ihn". „Auch eine Königin wird da sein 



Appell an Gefühl und Berechnung. 235 

und nicht weniger kosten ; aller Wahrscheinlichkeit nach eine 
Ausländerin und Papistin. Eine Königin -Mutter (wie man 
das zur Zeit Karl's I erlebt hatte) darf man dazu rechnen, 
beide haben ihren Hofhalt und ein zahlreiches Gefolge. Da 
sind ferner die königlichen Sprösslinge, jeder alsbald mit sei- 
nem eigenen Hof. Des Bedientengesindels wird kein Ende 
sein. Nobility und Gentry werden sich um die Hofämter 
reissen, und je serviler ihre Gesinnung, desto grösser wird ihr 
Hochmuth und ihre Verschwendung sein." Mit gutem Grund 
weist der entrüstete Puritaner auf den Hof von Versailles hin, 
dessen „Anlockungsmittel" und „pomphafte" Ceremonieen liald 
auch jenseits des Kanals zum Vorbild dienten. Eine weitere 
Ausgabe wird das „stehende Heer" verursachen. Man bilde 
sich nicht ein, mit der Republik würde es dauernd in Wegfall 
kommen. ,,Die Furcht vor der feindlichen Partei" wird es 
nicht verschwinden lassen. Aber es wird ein anderes sein 
als das bisherige, das man vielleicht „ohne Zahlung des Sol- 
des" auflösen wird, um seine Glieder alsdann zur Rechenschaft 
zu ziehn. Es wird aus den „trotzigsten Kavalieren" bestehn, 
„möglicher Weise wieder unter Führung eines Prinzen Rupert". 
Auch die bischöfliche Kirche wird ihr Vermögen wieder in An- 
spruch nehmen. Man wird die eingezogenen geistlichen Güter 
zurückfordern, und dem Eigenthum zahlreicher Privaten, die 
sich durch seinen Ankauf bereichert haben, droht Zerrüttung 
und gänzlicher Ruin. In royalistischen Schriften war endlich 
zu lesen gewesen, nur unter dem Schutz der Krone könne 
Handel und Wandel gedeihen. Auch in diesem Punkt sucht 
Milton ihnen entgegenzuarbeiten. Er will zwar nichts davon 
wissen, dass man „Religion, Freiheit, Ehre und Sicherheit 
Preis gebe, um den Handel aufrecht zu halten". Aber er 
glaubt zum Ueberfluss bemerken zu sollen, dass der Handel 
nirgends schöner blühe, „als in den Freistaaten Italiens, 
Deutschlands und der Niederlande". 

Noch ein Argument blieb ihm übrig, das in weiten Kreisen 
den tiefsten Eindruck machen konnte; der Hinweis auf die 
bevorstehende Rache der künftigen Machthaber. „Nicht allein 
die Hauptperson, sondern alle seine Anhänger" werden sich an 



236 Vorschläge zu Gunsten der Erhaltung der Eepublik. 

diesem Werk der Rache betheiligen. „Man wird Rechnungsab- 
lage und Entschädigung fordern, Processe, Untersuchungen, An- 
klagen, Denunciationen vielleicht auch solcher, die sich neutral 
verhalten haben, werden in Masse erfolgen. Kommt es nicht zum 
äussersten, so bleibt doch Gefängnis, Geldbusse, Verbannung, 
Misshandlung nicht aus." Zum mindesten müssen sich alle, 
die „nicht erprobte Royalisten sind oder von solchen begün- 
stigt werden", Ungnade und Verachtung gefallen lassen. Das 
droht nicht zum wenigsten den „kürzlich royalisirten Presby- 
terianern". „Sie bilden sich ein, man w^erde ihre Vergangen- 
heit vergessen, da sie Reue an den Tag legen, man werde 
die Bedingungen halten, auf die sie sich verlassen möchten. 
Aber erinnern sie sich nicht, wie den Schotten ihr Friedens- 
vertrag gehalten wurde, wie so manches andere feierliche 
Versprechen,, das uns gegeben ward? Glauben sie, die am 
meisten Eifer an den Tag legen den König zurückzuführen, 
er werde ihnen vertrauen und auf sie Rücksicht nehmen ? " 
Die „diabolischen Libelle" der royalistischen Partei, die „Ge- 
stalten und Mienen , die jetzt frech und vordringlich auf den 
Strassen auftauchen", die „Drohungen und Beleidigungen un- 
serer gemeinsamen Feinde", das alles mag den Presbyterianern 
ihr Schicksal vorausverkünden. Der neue Herrscher wird sie 
behandeln, „wie Könige versöhnte Feinde zu behandeln pfle- 
gen, zuerst sie vernachlässigen, dann sie entlassen, oder gar 
als alte Hochverräther und erste Urheber des Geschehenen 
bestrafen". Der Covenant wird zerrissen werden, denn kein 
Sohn Karl's I. kann ihn halten , ohne dem Andenken seines 
Vaters untreu zu werden. Diejenigen, welche alle die so ge- 
nannten „Sektirer" Preis geben, werden erleben, dass das Schiff 
ihrer eigenen Gewissensfreiheit elendiglich scheitert. — 

Alle Gründe waren erschöpft, die man dem Verlangen 
entgegenstellen konnte, „den Nacken wieder unter das könig- 
liche Joch zu beugen". Die Frage entstand, was sich thun 
lasse, um diese Rückkehr in die ägyptische Knechtschaft zu 
verhindern. Milton ist um Vorschläge, die diesem Zweck die- 
nen sollen, nicht verlegen. „Eben jetzt — ruft er aus — ist 
der günstige Augenblick da, um ein freies Gemeinwesen für 



Der , .grosse Rath" der Nation. 237 

immer zu bepfründen". Die Ausschreiben für die Neuwahlen 
sind erjrangen. Ein „freies Parlament" soll zusammentreten. 
Die Wählbarkeit ist an „gerechte und nothwendi.ae" Bedingun- 
gen geknüpft. Wenn das Volk sein eigenes Wohl im Auge 
hat und demgemäss fähige Vertreter wählt, die von der Herr- 
schaft eines Einzelnen oder von einem Hause der Lords nichts 
wissen wollen, „so ist das Werk gethan". „Der Grund eines 
freien Gemeinwesens ist wenigstens gelegt". Denn dies ist 
nicht zu denken, ohne einen solchen „grossen Rath", den das 
Volk erwählt hat, „dem es seine Souveränetät delegirt". Die 
Kompetenzen dieses „grossen Rathes" — absichtlich wird der 
Name Parlament vermieden — sind sehr bedeutende. Er 
verfügt über die Kriegsmacht zu Land und zur See, um Frie- 
den und Freiheit zu schützen. Er erhebt und verwendet unter 
der Kontrolle besonderer „Inspektoren" die öffentlichen Ein- 
künfte. Die bürgerliche Gesetzgebung, der Abschluss von 
Handelsverträgen, die diplomatischen Beziehungen zum Aus- 
land, die Entscheidung über Krieg und Frieden fallen in sein 
Bereich. Zur Führung gewisser Geschäfte, deren Erledigung 
grössere „Geheimhaltung und Schnelligkeit" erfordert, wählt 
der grosse Rath aus seiner Mitte einen ,.Staatsrath". 

Es ist einleuchtend, wie enge sich diese Ausführungen 
Milton's an jene früheren Aeusserungen anschliessen , die 
namentlich im Bilderstürmer und- in der ersten Vertheidigung 
des englischen Volkes hervorgetreten waren. Damals war 
ihm die in Westminster tagende Versammlung als Trägerin 
der Volkssouveränetät erschienen. Hier spielt der grosse 
Rath, wie er ihn sich ausmalt, genau dieselbe Rolle. Nur 
damit wagt sich der Schriftsteller an eine wesentliche Neue- 
rung, dass er den grössten Theil der Obliegenheiten des alten 
„Staatsrathes" gleichfalls direkt von der Gesammtkörperschaft 
besorgt wissen will. Die Ansichten, die er sich während der 
Protektoratsregierung und in den folgenden stürmischen Zeiten 
über dies Institut des Staatsraths gebildet hatte, mochten ihn 
zu einer so bedeutenden Abweichung von dem früheren Vor- 
bild bewegen. Er sah möglicher Weise neue Konflikte zwischen 
den beiden Gewalten voraus, wenn man die eine, welche bis 



238 Gegen allgemeines Wahlrecht. 

dahin die Summe der Exekutive in sich vereint hatte, nicht 
zu einer ganz untergeordneten Stellung herabdrücke. In einem 
anderen wichtigen Punkt dagegen giebt er seine ehemaligen 
Ueberzeugungen nicht auf. Er hatte vor Zeiten aus seiner 
Abneigung gegen die Theilnahme der „Plebs" an der Aus- 
übung politischer Ptechte kein Hehl gemacht. Hier kehrt der- 
selbe Gedanke mit verstärkter Kraft wieder. Das Wohl des 
Staates soll nicht dem „Lärm einer rohen Menge" anvertraut 
sein. Nur die „richtig Qualificirten" sollen berechtigt sein, 
sich bei den Wahlen zu betheiligen. Aber auch ihr Wahlakt 
ist nicht mit einem Male beendigt. Er wird ein zweites, 
drittes und viertes Mal wiederholt, bis durch dieses mehr- 
fache „Prüfen und Sieben" die Masse der Kandidaten sich 
verkleinert und „zuletzt nur die erforderliche Zahl übrig bleibt, 
welche als die Würdigsten die meisten Stimmen auf sich ver- 
einigt haben". Es wird nicht klar, wie sich Milton im ein- 
zelnen dies Verfahren denkt. Aber so viel ist gewiss: nichts 
lag ihm ferner, als die Idee des allgemeinen Stimmrechts. 
Er hielt es mit Raleigh, welcher unter einem Freistaat ein Ge- 
meinwesen verstand, in dem die Herrschaft von der „aus- 
erlesenen Klasse des Volkes, von den Besseren, Edleren und 
Pteicheren" geführt wird(^). Republikaner, wie er war, blieb 
er seinen aristokratischen Neigungen getreu. Im damaligen 
Augenblick kam noch ein anderes hinzu, das ihn auf seinem 
früheren Standpunkt festhielt. Die Furcht vor einem Siege 
der Koyalisten entlockte ihm den verdächtigen Wunsch, dass 
man die Stimmen nicht zählen, sondern wägen möge. Er 
täuschte sich nicht darüber, dass „die Mehrheit des Volkes die 
Freiheit aufzugeben feige genug sei". Und deshalb suchte er 
sieh hinter das durchsichtige Sophisma zu verschanzen: „Ge- 
rechter und vernünftiger ist es, dass die Minderheit die Mehr- 
heit zwingt, ihre Freiheit zu behalten, als dass die Mehrheit 
die Minderheit zwingt, ihre Sklaverei zu theilen". 

Noch eine wichtige Frage war zu entscheiden. Sollte 
jener grosse Rath, der als Heilmittel vorgeschlagen wurde, eine 
unabsetzbare Behörde sein oder von Zeit zu Zeit einer Er- 
neuerung durch die Wahlen unterworfen werden? Milton 



Für ständige Dauer des „grossen Rathes". 239 

spricht für das erste und hat diese Ansicht in der zweiten 
Auflage mit grösserer Ausführlichkeit entwickelt. Da müssen 
denn das Sanhedrin der Juden , der athenische Areopag , der 
römische Senat, die venetianische Signoria als Beispiele her- 
halten, obschon Milton sehr wohl fühlt, wie häufig der Ver- 
gleich hinkt. Aber er will nicht nur die Erfahrungen der 
Vergangenheit für sich anrufen. Die Gegenwart scheint ihm 
unbedingt die P^insetzung einer permanenten regierenden 
Körperschaft nöthig zu machen. „Sich ablösende und vorüber- 
gehende Parlamente werden eine freiheitliche Regierung viel 
eher erschüttern als befestigen, sie werden eine unruhige Be- 
wegung und die Sucht nach Neuerungen hervorrufen. Man 
wird vernachlässigen, was der Augenblick erfordert, weil alles 
auf die neue Versammlung gespannt ist. Und wenn diese 
nicht genug zu thun vorfindet, so wird sie sich etwas zu thun 
machen, indem sie frühere Akte ändert und widerruft oder 
neue macht und vervielfältigt, bis alles Gesetz in der Masse 
sich widersprechender Statuten verloren geht." Nur mit ^Vi- 
derstreben geht der Autor auf die Idee ein, durch „partielle 
Rotation" wenigstens einen Theil, etwa ein Drittel, jährlich 
ausscheiden und durch neugewählte Mitglieder ersetzen zu 
lassen. Aber er sähe auch dies lieber vermieden, da es immer 
vom Zufall abhängen würde, ob nicht die „Besten und Fähig- 
sten'' durch dieses „Glücksrad" entfernt würden, um vielleicht 
eben so vielen „Unerfahrenen und Neulingen" Platz zu machen. 
Alles überlegt, dünkt ihn ein „stehender Senat" neben einem 
„stehenden Heer" oder einer „geordneten Miliz" in England 
nicht gefährlich, sondern einzig fähig, das Staatsschift" sicher 
durch die Fluthen zu lenken. — Ein unläugbares Gefühl von 
Ermüdung und Enttäuschung spricht aus diesen überraschen- 
den Sätzen. Milton hatte gesehn, wohin das Widerstreben 
des langen Parlamentes, einer neuen Versammlung zu weichen, 
geführt hatte. Er hatte die Beweggründe gebilligt, die Crom- 
well für seinen Gewaltstreich geltend machte. Und dennoch 
fühlt er sich durch das Schauspiel beständiger Erschütterun- 
gen der x\rt angewidert, dass er sich dazu entschliesst, einem 
stehenden grossen Rathe das Wort zu reden. 



240 I^^^ einer neuen Decentralisation. 

So viel Klarheit des Blickes hatte er sich indessen be- 
wahrt, um die Nothwendigkeit zu erkennen, einer Regierungs- 
hehörde von so umfassender und konzentrirter Gewalt ein 
..Gegengewicht" zu geben. Es soll aber nicht in einer Ver- 
fassungs- Institution bestehn, wie z. B. die .,Yolkstribunen'- es 
gewesen waren, auch nicht in ..einer anderen populären Ver- 
sammlung". Er sieht darin die drohende Gefahr einer zügel- 
losen und ungebändigten Demokratie , bei der zuletzt das 
Volk selbst durch ., seine übertriebene Macht zu Grunde geht". 
Das Gegengewicht, an das er denkt, ist anderer Art. Er war 
aufgewachsen im Lande des Selfgovernment. Aber die Re- 
volution war mit den hergebrachten Formen desselben in un- 
versöhnlichen Widerspruch getreten. In alle Theile des fein- 
gegliederten Organismus hatten die verhassten ..Committees" 
oder militärische Bevollmächtigte der Centralgewalt schonungs- 
los eingegriffen. Milton wagte daher den kühnen Versuch, 
ohne jede Rücksicht auf die geschichtliche Entwickelung von 
Jahrhunderten, einen neuen Plan zu entwerfen, nach welchem 
der Gefahr einer zu straff gespannten Centralisation auf an- 
dere Weise vorgebeugt werden sollte Waren gewisse allge- 
meine Interessen des Gesammtreichs jenem grossen Rathe 
anvertraut, so sollten neben ihm besondere ..Versammlungen" 
in den einzelnen Bezirken bestehn, die eine Reihe von staat- 
lichen Aufgaben zu übernehmen hätten. Es sollte, wie er sich 
ausdrückte. ..jede Grafschaft zu einer Art von untergeordneter 
Republik gemacht werden*" , deren Vertreter — aus Nobility 
und Gentry hervorgegangen — am „Hauptorte" sich gleichfalls 
zu einem stehenden Rathe vereinigen würden. Diese Be- 
zirksräthe hätten das Recht, Verordnungen für die Bedürf- 
nisse ihres Bezirks zu erlassen, die allgemeinen Landesgesetze 
auszuführen und Gerichtsbehörden zu schaffen, vor denen die 
Streitigkeiten zwischen den Bewohnern ihres Kreises ohne Ap- 
pellation an die obersten Gerichte in der Kapitale entschieden 
würden. Eben diesen Bezirksräthen will er vermuthlich die 
Sorge für Armenpflege. Gefängniswesen, Strassenbau u. s. w. 
zugetheilt wissen, obwohl es in seinem flüchtig skizzirten Ent- 
wurf nicht ausdrücklich bemerkt ist. Dacesen hebt er mit 



Idee einer neuen Deceutralisation. 241 

Nachdruck hervor, dass die Ausbreitung der Volksbildung, 
die Errichtung von „Schulen und Akademieen" eine ihrer 
wichtigsten Aufgaben sein müsse. Er wiederholt nur früher 
Gesagtes, er knüpft nur an die Bestrebungen des Comenius 
und Hartlib an. wenn er hier aufs neue dem heimatlichen 
Staate eine seiner am meisten vernachlässigten Pflichten in"s Ge- 
dächtnis zurückruft. Die Schulanstalten, die ihm vorschweben, 
sollen nicht allein „Grammatik, sondern alle freien Künste und 
Uebungen^' lehren. ,,Auf diese Weise würde die Lebenswänne 
des Staates und der Kultur selbst die entferntesten Gebiete 
durchdringen, die jetzt erstarrt und vernachlässigt dahegen. 
Die ganze Nation würde in Bälde fleissiger und tüchtiger zu 
Haus, mächtiger und angesehener im Ausland werden". 

Allein nicht genug damit: die Machtsphäre der Central- 
behörde soll noch nach einer anderen Richtung hin beschränkt 
werden. Die allgemeine Reichsgesetzgebung, die Leitung der 
auswärtigen Angelegenheiten, die Entscheidung über Krieg 
und Frieden fällt allerdings in die Kompetenz des grossen 
Rathes, der in der Hauptstadt residirt. Aber er ist dabei 
an die Zustimmung der Mehrheit jener Bezirksräthe oder 
einzuberufender ^'ersammlungen von Vertretern des Bezirkes 
gebunden (^). Doch soll niemals ein einzelner Bezirk sieh 
über die Beschlüsse der Majorität hinaussetzen dürfen. Der 
Vergleich mit den vereinigten Niederlanden, der sehr nahe 
lag, wird entschieden abgewiesen. Es wird ein Vorzug des 
künftigen englischen Gemeinwesens sein, dass es „nicht viele 
Souveränetäten zu einer Republik, sondern viele Republiken 
unter einer Souveränetät verbinden wird". 

Es wäre überflüssig, eine eingehende Kritik dieses Planes 
zu versuchen. Man bemerkt, wie der Autor, dem radikalen 
Zug seiner Natur getreu, kühn und gross selbst in seinen 
Irrthümern, mit dem überkommenen Stoff rücksichtslos schaltet, 
und das in einem Augenblick, da die grosse Masse des Volkes 
die Rückkehr der alten zertrümmerten Formen herbeisehnte. 
Auch verhehlt er sich nicht, wie weit die „Ansteckung" des 
Royalismus bereits fortgeschritten ist. Was er für sich er- 
beten hatte, war, „vor der langen Fastenzeit der Knechtschaft 

Stern, Miltoii u. s. Z. II. 3. 16 



242 Milton's Brief an Monk, 

(las Recht des kurzen Fasching benutzen zu dürfen: noch 
ein Mal ohne Rückhalt sich auszusprechen und der Freiheit 
für immer Lebewohl zu sagen". Und so lässt er am Schluss 
die Maske des Optimismus fallen. „Ich habe das gefährliche 
Wagestück unternommen, dasjenige zu sagen, wozu ich mich ver- 
pflichtet fühlte, und meine Mitbürger rechtzeitig zu warnen. 
Es ist die gute alte Sache, die ich in Schutz genommen 
habe, wie auffällig dies auch erscheinen mag. Aber ich würde 
nicht gezögert haben für sie zu reden, hätte ich auch nur zu 
Bäumen und Steinen gesprochen, könnte ich mit dem Pro- 
pheten nur rufen: o Erde, Erde, Erde, um ihr zu sagen, 
was ihre abtrünnigen Bewohner nicht hören wollen. Ja, ich 
würde nicht anders gehandelt haben, selbst wenn meine 
Worte die letzten Worte der verröchelnden Freiheit wären." 
Es konnte billiger Weise Wunder nehmen, dass in der 
ganzen Schrift Milton's der Name des Mannes nicht erwähnt 
war, von dessen Verhalten eben damals so viel abhieng. 
Wenn an einer Stelle von „ehrgeizigen Führern des Heeres" 
die Rede war, so traf diese Anspielung nicht sowohl Monk 
als Lambert. Und die Warnung, sich vor der Kopie eines 
venetianischen Dogen oder eines niederländischen Statthalters 
zu hüten, enthielt vielleicht auch nur einen sehr versteckten 
Seitenhieb gegen den siegreichen General, der die Lage be- 
herrschte. Indessen hatte Milton ihn keineswegs aus seiner 
Berechnung fallen lassen. Viele Jahre nach seinem Tode ist 
ein Schreiben bekannt geworden, das er an Monk gerichtet 
hat und welches völlig den Eindruck macht, als sei es Be- 
gleitbrief für ein Widmungsexemplar seiner Schrift, vermuth- 
lich der ersten Ausgabe, gewesen (^). Es war damals üblich, 
Monk mit Rathschlägen und Anträgen in Briefform zu über- 
schütten. Nicht wenige gedruckte Flugblätter der Art haben 
sich erhalten (-). Allein es unterliegt keinem Zweifel, dass 
Milton's Brief niemals in die Oetfentlichkeit gedrungen und 
es bleibt ungewiss, ob er überhaupt jemals an seine Adresse 
abgesandt worden ist. Was seinen Inhalt betrifft, so er- 
scheinen hier die Vorschläge der Abhandlung noch einmal 
kurz zusammengefasst. Sie werden dem General warm em- 



Harringtou und die Kota. 243 

pfohlen, nicht ohne dass sein Anspruch auf das höchste Kom- 
mando der gesammten Streitkräfte ausdrückliche Anerkennung 
fände. Uebrigens kommt ein gewisses Misstrauen gegen 
Monk zum Durchbruch. Zwar werden seine republikanischen 
Erklärungen rühmend erwähnt, aber er wird zugleich ermahnt, 
die Nation „nicht länger mit blossen Erw^artungen hinzu- 
halten" und dem kommenden Parlament „den Besitz eines 
freien Gemeinwesens" zu gewähren. 

Wie wenig Grund für die Verwirklichung seiner Hoff- 
nungen vorhanden war, darüber konnte Milton schon die 
Aufnahme belehren, die seine A'orschläge in weiteren Kreisen 
erlebten. Es fällt nicht schwer, aus der grossen Masse zeit- 
genössischer Flugschriften einzelne herauszufinden, in denen 
Milton s Werk die gelegentliche Zielscheibe des Angriffs zu 
sein scheint (M. Allein man kennt auch zwei Pamphlete, die 
sich ausdrücklich gegen seine Arbeit richten. Das eine ist 
so geschickt eingekleidet, dass es zu gleicher Zeit einen an- 
deren Verfechter der republikanischen Staatsform und seinen 
Anhang dem allgemeinen Gespött Preis giebt. Unter den po- 
litischen Schriftstellern der Zeit nahm James Harrington eine 
hervorragende Stellung ein. - Schon als junger Mann im Dienste 
Karls I. hatte er den Monarchen häufig durch seine zur 
Schau getragenen republikanischen Ansichten verletzt. Xach 
der Abschaffung des Königthums suchte er seine Ideen durch 
den Druck zu verbreiten. Die Veröffentlichung seines Haupt- 
werkes „Oceana", eines bis in's einzelne ausgeführten Staats- 
romanes, stiess auf Schwierigkeiten bei dem Protektor. Doch 
wusste der Verfasser durch einen witzigen Appell an Crom- 
well's Tochter, Lady Claypole, die Handschrift zurück zu er- 
halten und wagte sogar, sein Werk dem Protektor zu widmen 
(1656). Harrington's Vorschläge, in denen Verstand und 
Phantasie wunderbar gemischt waren, riefen zahlreiche Streit- 
schriften hervor. Er liess sich indess so wenig irre machen, 
dass er im Herbst des Jahres 1659 einen Klubb gründete, 
dessen Mitglieder jeden Abend im „Türkenkopf", einer Taverne' 
in New Palace Yard, zusammenkamen. Man debattirte beim 
Kafi"ee sehr ernsthaft über politische Fragen und stimmte 

16* 



244 ^^^ fiugirte „Urtheil der Rota". 

durch Kugelloos ab. Erst im letzten Drittel des Febmar 
körten diese Zusammenkünfte auff^). Milton hatte mehr als 
einen Gmnd, sich mit Harrington und dessen Werken zu be- 
schäftigen, blanche Ideen des Verfassers der Oceana ent- 
sprachen seinen eigenen. Personen, die ihm nicht fremd waren, 
sein späterer Biograph Aubrey, der Mathematiker John Pell, 
der Dichter Marvell gehörten zu Hamngton's Freunden, Sein 
vertrauter Schüler Cyriac Skinner war Vorsitzender jenes von 
Harrington gestifteten Klubbs. Aber indem er dem merkwür- 
digen Theoretiker seine Aufmerksamkeit schenkte, fühlte er 
sieh durch einige Theile seines politischen Programms ent- 
schieden abgestossen. Dahin gehörte u. a. jene fixe Idee einer 
„Rotation". Für Harrington bestand das untrügliche Heilmittel 
gegen die Gefahren einer stehenden regierenden Körperschaft 
in der jährlichen Ausloosung eines Drittheils, das während 
dreier Jahre nicht wieder wählbar sein sollte. Eine besondere 
Schrift,- „die Rota" (20. December 1659), hatte den Gedanken 
nochmals verfochten. Der Klubb erhielt von ihr seinen Namen. 
Wie erwähnt, suchte sich Milton gegen ein Aushilfsmittel zu 
sträuben, das er nur im äussersten Xothfall für zulässig 
halten wollte. Allein dieser Widerspruch zwischen zwei her- 
vorragenden republikanischen Wortführern gab einem roya- 
listischen Witzbold Gelegenheit, an beiden sein iSIüthchen zu 
kühlen. 

Unter dem Titel ,,das Urtheil der Rota über Mr. Milton's 
Buch: der sichere und leichte Weg zur Begründung eines 
freien Gemeinwesens", erschien eine kleine Broschüre, die sich 
schon dem Datum nach als eine ironische Fiktion auswies (2). 
Auf Wunsch des Klubbs - so hiess es — sei sein Ui-theil 
über Milton's Buch von Harrington veröffentlicht und Milton 
mitgetheilt. Dieser konnte freilich, wie der erdichtete Har- 
rington in seiner Einleitung bemerkte , ebenso wenig Freude 
daran haben, es zu vernehmen, wie der Berichterstatter selbst 
es zu wiederholen. Allein Harrington musste ., seine eigenen 
Gefühle" schweigen lassen und sich dabei begnügen, die An- 
sichten der Klubbisten möglichst getreu wiederzugeben. Da 
fand sich denn, dass auch nicht eine Stimme für Milton ab- 



Das fingirte „Urtheil der Rota". 245 

gegeben worden war. Ein ^Mitglied, und noch dazu ein 
„Bekannter'' Milton's, hatte an dem Titel seiner Schrift An- 
stoss genommen und bemerkt, dass Milton auch sonst in der 
Benennung seiner Werke „keine glückliche Hand habe". Ein 
anderer hatte seine Verwunderung darüber geäussert, dass er 
die Schriftstellerei nicht längst aufgegeben habe. Denn ob- 
wohl er sich die Augen ausgeschrieben, seien seine Bücher 
nur Makulatur, und „Lichtzieher und Tabakverkäufer" ihre 
einzigen Abnehmer. Ein dritter, „eine würdige Gerichts- 
person", machte sich lustig über die preisende Vertheidigung 
eines verstümmelten Parlamentes, das, auf eine kleine Minder- 
heit des Volkes gestützt, „die königliche Knechtschaft in einen 
Freistaat verwandelt habe". Es sei merkwürdig, dass Milton 
„Unsinn und Fälschungen der Art von anderen stehle, wäh- 
rend er doch selbst Vorrath genug von eigenem Gewächs be- 
sitze". Nicht weniger entschieden wurde die Grösse der Re- 
publik gegenüber dem Ausland geläugnet. Englands Macht- 
stellung sei erst dann bedeutend geworden, nachdem ,, Oliver 
Cromwell unter dem Namen eines Freistaates eine absolute 
Monarchie eingeführt habe", während die Vorgänge der 
inneren Regierung von Europa als Akte „gothischer und van- 
dalischer Barbarei" betrachtet worden seien. 

Mit einem Wort: die ganze Versammlung war so ent- 
schieden royalistisch gesinnt, dass sie für den Vertheidiger 
der republikanischen Staatsform nur den bittersten Spott, die 
schmählichsten Verleumdungen und die niedrigsten Schmäh- 
ungen erübrigte. Er hatte die Theorie verfochten „und da- 
nach gehandelt", dass „ein Mann seine Frau beliebig Ver- 
stössen und eine andere nehmen dürfe". Er hatte das „An- 
denken eines ermordeten Fürsten mit Schmutz beworfen". 
Er hatte mehrfach und noch kürzlich in seiner Abhandlung 
über die Zehnten zum „Kirchenraub" aufgefordert. Seine 
letzte Schrift erschien „von Anfang bis zu Ende als windige 
Fopperei, verfasst zur Erhöhung des Pöbels und in der Ab- 
sicht, den Unwissenden zu betrügen". Man konnte nicht an- 
nehmen, dass „er an seine eigenen Gründe glaube", und einer 
sprach die \'ermuthung aus, nur die Furcht, von seiner be- 



246 Die „Vertheidiguug der Würde des Königthums". 

wunderaswürdigen Beredtsamkeit unter einer Monarchie keinen 
Gebrauch machen zu können", habe ^Nlilton angetrieben, die 
Welt mit seinem jüngsten absurden Pamphlet zu beschenken. 
Der Pseudo - Harrington selbst, der zuletzt das Wort nahm, 
gebrauchte allerdings weniger verletzende Ausdrücke, aber in 
der Sache war er ebenso schonungslos wie seine Genossen. 
Seine Eitelkeit fühlte sich .dadurch besonders beleidigt, dass 
Milton auf seine Lieblingsideen keine Ptücksicht genommen 
hatte. Demnächst fand er eine Parallele zwischen dem 
römischen Senat und der venetianischen Signorie höchst 
lächerlich. Er gab sein zusammenfassendes Urtheil dahin ab, 
der Titel der Milton'schen Schrift hätte lauten sollen: „Der 
sicherste und leichteste Weg zur Begründung der Sklaverei". 

Ohne Zweifel waren die bedenklichen Seiten der Milton'- 
schen Schrift in diesem Pamphlet vortrefflich gefasst worden. 
Auch die allgemeine Schwäche seiner politischen Ansichten 
war dem witzigen Gegner nicht entgangen. Es war nicht 
ganz unbegründet, ,,dass er sich immer in Allgemeinheiten 
bewege" und sich von „blossen Worten" fangen lasse, dass er 
die „Monarchie als solche bekämpfe, ohne Rücksicht auf die 
besondere Verfassung", dass er „in der Regierung eines 
Einzigen nur Sklaverei finde, in der Regierung Vieler nur 
Freiheit". Aber andererseits, welche Gerechtigkeit hatte 
Milton von einem Widersacher zu erwarten, nach dessen An- 
sicht „Republiken gemeiniglich aus unwürdigen Ursachen 
entstehen", und dem zufolge die Niederländer ihren Frei- 
staat begründet hatten, nicht um ihre Religion und ihre Un- 
abhängigkeit zu schützen, sondern „wegen der Steuer von 
einem Penny, die auf ein Pfund Butter gelegt wurde". 

Ernster gemeint war eine andere Gegenschrift, die etwa 
Ende April unter dem Titel herauskam: „Vertheidigung der 
Würde des Königthums" (^). Der Verfasser hat absichtlich nur 
die Anfangsbuchstaben seines Namens auf das Titelblatt ge- 
setzt. Im Begritf, einen Mann von so „anerkannter Scharf- 
sinnigkeit und Gelehrsamkeit" zu bekämpfen, wollte er. wie 
er etwas ironisch bemerkt, den Leser lieber im Ungewissen 
darüber lassen, wer er sei, damit die Sache, die er verficht. 



Die ,.Vertheidiguug der "Würde des Köuigthums". 247 

nicht leide. Man vermuthet, indessen ohne genügenden Grund, 
dass sich unter dem G. S. das presbyterianische Parlaments- 
mitglied für Taunton George Searle verberge (^J. 

Dieser Autor erscheint königlicher gesinnt als der König 
selbst. Für ihn giebt es nichts Elenderes und Klaglicheres 
als eine Republik. Was die Freistaaten des alten Griechen- 
land betrifft, so macht er sich die Sache sehr bequem. ..Sie sind 
von so altem Datum, dass man sich über ihre wahre Geschichte 
kaum vergewissern kann." Um die Grösse der römischen 
Republik herabzusetzen, wird er zum begeisterten Lobredner 
des römischen Kaiserreichs, ^'enedig und die Eidgenossen- 
schaft bekommen bittere Worte zu hören. Am meisten sind 
aber dem royalistischen Engländer die vereinigten Nieder- 
lande verhasst, deren Verhältnisse er eingehend zu schildern 
versucht. Er betrachtet sie etwa mit den Blicken, mit denen 
ein heutiger Junkei' auf Nordamerika hinsieht, und die na- 
tionale Eifersucht, zu deren Dolmetscher er sich macht, schärft 
ihm noch den Griffel. Die Niederländer sind ihm „eine Heerde 
von Schweinen', der „Holländer wird einem Christen so wenig 
Beistand leisten wie ein Türke oder Jude". Unter den ruhm- 
reichen Monarchieen figuriren dagegen , wie einst in dem 
Werke des Salmasius, diejenige von „Babylon, Assyrien, Per- 
sien", über deren „wahre Geschichte" der Autor sich offenbar 
weit eher „vergewissern'' konnte, als über die Geschichte 
Sparta's und Athen's. Einen Hauptti'umpf spielt er mit dem 
geistreichen Satze aus, dass „Christus unter einem Kaiser, 
aber nicht zur Zeit der Republik geboren worden ist'^ — Es 
lässt sich nach diesen Proben denken, wie Milton persönlich 
behandelt wird. Ein Tröpfchen gelegentlicher Anerkennung 
seines Talents verschwindet in der Fluth giftiger Beleidigungen, 
mit der man ilm überschüttet. Er hat „Witz", aber es ist 
der Witz eines „Schurken'-. Er verfügt über ,, Gelehrsam- 
keit", aber er macht von ihr „den schlechtesten Gebrauch''. 
Seine Schriften über die Ehescheidung, sein Bildei*stürmer, 
seine Yertheidigung des englischen Volkes werden zum Be- 
weise angeführt. Er ist ..ein Bruder Lüderlich, ein Atheist, 
ein Vertheidiger des Königsmordes, der sich seine Arbeit 



248 Die Wahlen. — Das Konventionsparlameut. 

nicht schlecht hat bezahlen lassen". — Es bleibt dem Lob- 
redner der Monarchie noch Athem übrig, um den „kupfer- 
nasigen Heiligen Oliver" und den „absurden Phantasten Har- 
rington" zu schmähen. Aber am Schluss kehrt er zu seinem 
Hauptopfer zurück, um ihm eine „aufrichtige Reue und ge- 
sunden Verstand" zu wünschen. 

Weit besser als durch alle Gegenschriften konnte Milton sich 
durch den Gang der Ereignisse davon überzeugen lassen, dass 
er in den Wind geredet hatte. Für alle seine Betrachtungen 
war Voraussetzung gewesen, dass man bei den Wahlen die 
Bestimmungen über die Qualifikationen aufrecht halten und 
somit wenigstens diejenigen ausschliessen würde, die während 
des Bürgerkrieges für den König Partei genommen hatten. 
Allein nirgendwo hielt man sich an diese Beschränkungen 
gebunden. Neben den Wortführern der Presbyterianer er- 
rangen die entschiedenen Kavaliere in Masse den Sieg. Nur 
wenig einflussreiche Republikaner erlangten Sitze. Noch ein- 
mal leuchtete dieser Partei ein Hoffnungsstrahl, als es Lambert 
glückte, aus dem Tower, wo er in Haft lag, zu entspringen 
und einige rebellische Truppen um sieh zu sammeln. Aber 
die energischen Massregeln Monk's entschieden sehr bald die 
Niederlage seines ehemaligen Rivalen. Schon war der so 
lange zurückhaltende General in direkte Verhandlungen mit 
Karl H. getreten, die presbyterianischen Parteiführer suchten 
durch ihre loyalen Anerbietungen wenigstens einige Bürg- 
schaften für die Zukunft zu erhalten, von allen Seiten liefen 
die Versicherungen der Reue, die Erklärungen der Ergeben- 
heit beim jungen König und Edward Hyde, seinem vertrau- 
testen Rathgeber, ein. Am 25. April trat das neue Parlament 
zusammen. Gleichzeitig und ungehindert vereinigten sich 
zehn der Peers im Hause der Lords. Die alte Landesver- 
fassung fand sich stückweise wieder zusammen. Nur durch 
eine kurze Spanne Zeit war man von dem Augenblick ge- 
trennt, in dem das letzte noch fehlende Element sich mit 
ihnen verbände. Am L Mai wurden Schreiben des Königs 
an die beiden Häuser überbracht. Zugleich ward eine von 
Breda datirte I'eklaration mitgetheilt, in der weitgehende 



Deklaration von Breda. — r4riffith's Predigt. 249 

Amnestie, Gewährung der Gewissensfreiheit, Ordnung der 
Eigenthumsfragen gemäss den künftigen Beschlüssen des Par- 
laments versprochen wurde. Dem Gemeinderath der City, 
dem General Monk und seinen Officieren , dem Befehlshaber 
der Flotte giengen gleichfalls königliche Briefe zu. Die all- 
gemeine Begeisterung der Bevölkerung machte jede Zögerung 
unmöglich. Während bekannte Republikaner auf den Strassen 
der Wuth des Pöbels ausgesetzt waren, wurde Karl II. unter 
Glockenklang und Freudensalven als Erbe der Krone seines 
Vaters feierlich ausgerufen (8. Mai). Einige Tage nachher 
reiste die Deputation der Lords und Gemeinen ab, die ihn 
zur Rückkehr einzuladen beauftragt war. Auch die presby- 
terianische Geistlichkeit schickte ihre Vertreter, und unter 
ihnen konnte man Edmund Calaniy bemerken, den Mitheraus- 
geber des Smectymnuus, dessen Name ]\Iilton vor Zeiten nicht 
gleichgiltig gewesen war. 

Milton selbst hatte sich erkühnt, gleichsam schon in der 
Höhle des Löwen, denselben nochmals zu reizen. 

Matthew Griffith, einer der Kapläne Karls L, hatte am 
25. März eine Predigt gehalten, die unter dem Titel: ,,Die 
Furcht Gottes und des Königs" alsbald gedruckt wurde (^j. 
Auf eine sehr blumenreiche Widmung an Monk, den er auf- 
fordert, das begonnene Werk fortzusetzen, lässt der angli- 
kanische Kaplan seine Predigt folgen. Ihr Thema ist „Lege 
nicht Hand an den Gesalbten Gottes". Es wird vielfach variirt 
und durch Bibelsprüche, die nicht immer glücklich ausgewählt 
sind, sowie durch zusammengeraffte historische Beispiele be- 
leuchtet. Dabei kann sich die sehr knechtische Gesinnung 
des Redners nicht verläugnen. Er ist ein entschiedener Ver- 
theidiger der Lehre vom „duldenden Gehorsam''. Ein König 
ist ihm schlechthin aus einem besseren Stoff gemacht als 
„andere Menschen". In den beständigen politischen Neue- 
rungen, die England erschüttert haben , sieht er etwas Teuf- 
lisches, wie ihm denn der Sündenfall im Paradiese gleichfalls 
aus dem „Wunsche nach Veränderung" hervorgegangen zu sein 
scheint, Monk war über diesen Appell an seine Loyalität zu einer 
Zeit, da er noch den Republikaner spielte, wenig erbaut, und 



250 Miltou's „Aumerkungen" zu Griffith's Predigt. 

Giiffith musste für einige Zeit in's Gefängnis wandern. Dies 
hielt indessen Milton nicht ab, eine Lanze mit dem Kaplan 
zu brechen. Er veröffentlichte „kurze Anmerkungen zu einer 
jüngst gehaltenen Predigt Mr. Griffith's", nur ein paar Seiten. 
aber voll Schärfe und Leidenschaft (^). Das Schriftchen ward 
abgefasst, wie man schon aus einer Stelle schliessen könnte, 
ehe das neue Parlament zusammengetreten war. Koch immer 
konnte Milton also sich wenigstens den Anschein geben, als 
glaube er nicht an die Restauration der Stuarts. Noch immer 
konnte er sich auf die feierlichen „Versprechungen und Er- 
klärungen" Monk's berufen, ja sogar den General gegen die 
Zumuthungen des Kaplans, als gegen „unverschämte Verleum- 
dungen" in Schutz nehmen. Griffith selbst kommt unter den 
Händen des alten Streiters übel weg. Der Theologe Milton 
greift seine biblischen Citate an. Der Historiker Milton hält 
ihm seine groben geschichtlichen Irrthümer vor. Der unbe- 
grenzten Vergötterung der Monarchie stellt sich das Princip 
der Volkssouveränetät gegenüber. Es muss als ein grosses 
Zugeständnis Milton's gelten, wenn er, die Niederlage der 
republikanischen Sache vor Augen, seine Mitbürger beschwört, 
sich wenigstens nicht der Rache des ,. Besiegten" Preis zu 
geben, sondern schlimmsten Falles aus ihrer eigenen Mitte 
denjenigen zum König zu wählen, „der dem Volk am besten 
geholfen und sich gegen die Tyrannei die grössten Verdienste 
erworben hat". 

Kaum waren diese „kurzen Anmerkungen" erschienen, 
als ihnen ein royalistisches Pamphlet antwortete. Sein Ver- 
fasser war Roger L" Estrange (geb. 1616), der als feuriger An- 
hänger Karls L den Bürgerkrieg mitgemacht hatte und, in die 
Gefangenschaft des Parlaments gerathen, kaum dem Tode 
entgangen war(-). Er hatte seit 1653 in London gelebt und 
galt für einen witzigen Kopf. Unter dem Schutz der Stuarts 
erlangte er später noch eine bedeutende literarische Stellung, 
die er nicht zum wenigsten seiner loyalen Gesinnung ver- 
dankte. Eben diese bethätigte er in der Flugschrift „Keine 
blinden Führer", durch die er Milton an den Pranger stellte (^). 
"Wie schon der Titel andeutet, gewann er es über sich, gleich 



K. l'Estrange's Gegenschrift: ..Keine blinden Führer". 251 

früheren Gegnern des republikanischen Vorkämpfers, selbst 
über dessen körperliches Leiden seine Glossen zu machen. 
Er lässt es sich gleichfalls nicht entgehen, ihm seine alten 
schriftstellerischen Sünden zu Gemüth zu führen: seine „Recht- 
fertigung des Königsmordes", die ,. gotteslästerliche Unver- 
schämtheit", mit der er im Bilderstürmer die „geheimen 
Qualen der ringenden Seele" des Königs-^Iärtyrers verspottet 
hat. Er bittet Milton höhnisch, „den Teufel abzulegen und sich 
wie ein Mensch zu geberden, damit ein guter Christ sich doch 
nicht zu fürchten brauche, für ihn zu beten". In dem, was 
er zur Sache beibringt, ist viel Richtiges, soweit es die Ge- 
waltsamkeiten der republikanischen Epoche betrifft. Aber 
wie Griffith, so bleibt auch l'Estrange hinter der Gedanken- 
tiefe und dem erhebenden Pathos seines Gegners weit zurück. 
Seine Schrift macht eher den Eindrack einer Denunciation, 
und in der That lagen die Dinge schon so, dass man hoffen 
durfte, an den hervorragenden Feinden des Königthums bald 
einigei'massen Rache nehmen zu können. 

Es war alles vorbereitet, um den Sohn Karls I. im 
Triumph zu seinem reuigen Volke zurückzuführen. i\Ionk 
drängte ihn, um der Erhaltung der Ruhe willen seine Ankunft 
zu beschleunigen. In der Bucht von Scheveningen lag die 
englische Flotte vor Anker, die den König und seinen Hof- 
halt befördern sollte. In England rüstete man sich zu fest- 
lichem Empfang. Am 23. Mai verliess der so lange von Asyl 
zu Asyl getriebene Fürst den Haag, woselbst er von den Ge- 
neralständen freundlichen Abschied genommen hatte. Den 
Tag darauf lichtete die Flotte die Segel, um das Geschlecht 
der Stuarts zur Heimat zurück zu geleiten. Das Interregnum 
war zu Ende. Die Sache, für welche Milton bis zuletzt mit 
dem Muthe der \'erzweiflung gestritten hatte, w^ar verloren. 



Anmerkiinii'en und Anliäna^e. 



Anmerkungen. 



Erstes Kapitel. 

Seite 

7 i)An agreement of the people etc. Pari. bist. III. 1262 — 1278. 

8 ')An agreement of the fi'ee people of England 1. May 1649. Old 

pari, history XIX. 111 — 119, ebenda 91 — 94 ein Auszug aus 
England's new chains discovered. 
18 ^) Pauli: Robert Blake in den Aufsätzen zur englischen Geschichte 
(1869) nach H. Dixon: Robert Blake 1858 und Warburton : 
Memoirs of Prince Rupert, 1849. 

20 ^) Er war einer der Gesandten gewesen, die zu Gunsten des Königs 

wirken sollten, s. B. II, 446. 
*) Für das Folgende bieten die Hauptquelle die Protokolle des Staats- 
raths, die ich im Record- Office einsehen konnte. Die Auszüge, 
welche Todd aus ihnen gemacht hat, sind ergänzt worden diurch 
Hamilton und durch Bisset in seinem Werke; History of the 
Commonwealth of England, 2 Vols. 1867. Neuerdings hat man 
angefangen, in den C. S. P. jene Protokolle musterhaft zu ediren, 
und diese Edition mit ihren vorzüglichen Registern wird den werth- 
vollsten Kommentar zu der gesammten amtlichen Thätigkeit Mil- 
ton's bilden. 

21 ') Gedichte von G. R. Weckherlin, herausgegeben von K. Goedeke 

(Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts. V. 1873), daselbst eine 
ausführliche biographische Einleitung. C. S. P. Reg. s. v. Weck- 
herlin und Whitelocke, Ed. 1732 p. 204, 237 etc. Todd I. 
108, Godwin 11. 494. 

22 1) S. 0. B. n. 190, 264. 

23 *) Wood: „without any seeking of bis by the endeavours of a pri- 

vate acquaintance who was a member of the new Council of State". 
Vgl. Phillips und De f. sec. Man könnte nächst Vane auch 
ßradshaw, der am 10, März Präsident des Staatsraths wurde, für 



256 Anmerkungen. 

Seite 

dies „member" halten , wenn seine Verwandtschaft mit Milton er- 
wiesen wäre, s. aber I. 345. n. 430. 

23 ^) „at one Thomson's , next door to the BuUhead tavern at Charing 

Gross opening into the Spring gardens". Phillips, der irriger 
Weise die Abfassung der defensio prima in diese Wohnung verlegt. 

24 ^) C. S. P. ed. M. A. E verett Green zu den bezeichneten Daten, wo- 

durch der Zweifel bei Phillips gelöst wird. Guizot: Histoire de 
la republique d'Angleterre , II. 133 verlegt Miltons Ausweisung aus 
Whitehall irrig auf eine spätere Zeit. Das Haus ist seit 1877 ab- 
gerissen, s. Masson IV. 420. 

25 1) To Sir Hem-y Vane the younger P. W. IL 484, 298. III. 480. Es 

scheint Masson entgangen zu sein, dass zuerst Sikes: Life and 
death of Sir H. Vane 1662 dies Sonett abgedruckt und bemerkt 
hat, Milton habe es am 3. Juli 1652 Vane zugestellt, s. Forster, 
Statesmen, 312. 

26 ')S. über Fleming: Jahrbuch für Schweizerische Geschichte III. p. 5, 

10. Seine Briefe im Reco rd-Office wie im Züricher Archiv 
haben mir vorgelegen. 

27 ') S. über Haak wie über Hartlib: C. S. P., Pieg. Wood , Wo rthi ng- 

t OH ' s Diary Reg. B o y 1 e " s Works ed. Birch 1. 25 etc. ; vgl. über Haak : 
Ko berstein, Grundriss der Geschichte der Deutschen National- 
literatur, 5. Auflage. H. 93. Die daselbst erwähnte älteste deutsche 
üebersetzung des Milton'schen Epos von E. G. V. B. (Ernst Gott- 
lieb von Berge nach Ausweis der Dedikation), Zerbst 1682, befindet 
sich auch in der göttinger Bibliothek, Poetae 4713. Der Ueber- 
setzer sagt, er habe versucht, das Gedicht ..auf gleichmässige Art, 
wie es unlängst zuvor von dem berühmten H. Theodoro Haaken, 
fürnehmen ^litglied der curiösen königlichen Gesellschaft allberejl 
angefangen, vollends überzutragen und durch den Druck an's Licht 
zu bringen'". Möglich, dass er jene Üebersetzung der ersten sechs 
Bücher von Haak, die bei Aubrey erwähnt wird, benutzt hat. 
*) Uebrigens Auirde Milton die ihm übertragene Arbeit wieder abgenom- 
men und Thomas May zugewiesen, s. C. S. P. 1650 Juni 26, Juli 2 
(p. 216. 228 1. Als üebersetzer in's Französische wird Rene 
Augier genannt, der schon seit lt544 als. Agent des Parlamentes 
in Paris gedient hatte, zur Zeit der Republik vielfältige diploma- 
tische Verwendung fand und auch mit ^Milton in Berührung kam. 

28 ')S. über Durie C. S. P. Reg. Whitelocke (Ed. 1732 p. 416i, die 

Schutzschrift HartUb's für ihn The unchanged . . Peace-Maker 
(s. 0. II. 474) 1650, femer The reformed school by John Dury . . 
London 1650 und The reformed librarie keeper with a Supplement 
to the reformed school, as subordinate to Colleges in universities 
by John Dury . . London 1650, beide mit Vorwort von Hartlib. 
Br. M. 1031. a. 11. 



Erstes Kapitel. 257 

Seite 

28 ^) Literae seuatus Anglicani nee non Cromwellii etc. nomine ac jussu 

conscriptae W. VII. 1S6 flF. , ergänzt diu-ch die Mittlieilungen Ha- 
milton's, aus dem im Kecord- Office befindlichen Ms. Exemplar 
109 S. klein 4" von Daniel Skinner's Hand. Dies Ms., das ich in 
London benutzen konnte, hätte man für eine neue, sehr nöthige, 
kritische Ausgabe der Staatsbriefe heranzuziehn. Einen Kommentar 
zu den einzelnen Briefen zu geben, was mit Hilfe der C. S. P. am 
besten geschehn kann, lag ausser meiner Aufgabe. 

29 ^) Hamilton 16, 17. Man hat zur Erläuterung dieses wie der 

übrigen an Hamburg gerichteten Staatsbriefe die Bände des C. 
S. P. und die Hamburgh-Correspondence im Record-Office 
herbeizuziehn. 

30 *) Order Books of the Council of State 26. Jan. 1652, s. Hamilton 27, 

Bisset 284. Ueber die ^Idenburgische Salva-Guardia s. Anhang I. 
2) Bisset I. 40. C. S. P. 1649, 16. Juli. 

31 *) C. S. F. 1649, April 13, vgl. Facsimiles of national manuscripts 

from William the conqueror to queen Anne, selected under the di- 
rectioü of the master of the rolls Part IV. 1868, Charles II. 
No. XL VI. Ich sehe keinen Grund, auch die Uebersetzung des fol- 
genden Stückes Milton zuzuschreiben. 
^) An act against unlicensed and scandalous books and pamphlets 
and for better regulating of printing Br. M. 115 f. 8. Old pari, 
history XIX. 170—176. 

32 >) Wood. C. S. P. 

33 ^) S. die Ausführungen bei Masson IV. 324 ff. 

*) S. über Needham die Mittheilungen bei Godwin III. 343 — 347 
nach Wood, Forster, Statesmen 530, 535, 598. Hamilton 
28, 29. C. S. P. unter den angegebenen Daten und s. v. Needham. 
Der Eintrag in den Registern der Stationers' Company „17 Marcii 
1650-' [1651] lautet: „Tho. Newconib: Entred for his Copie by 
Order of Mr. Milton 6 Pamphlets called Mercurius Politicus." Da- 
nach: „Tho. Newcomb 17. Aprill 1651 Entred for his copies under 
the band of Mr. Milton 5 Pampliletts called Mercurius Politicus." 
„Tho. Newcomb 28 April 1651 Entred for his copies by permission 
of Authority 3 Pamphletts called Mercurius Politicus." „Tho. New- 
comb 22 Mai 1651 Entred for his Copies under the band of Mr. 
Milton 4 Pamphletts called Mercurius Politicus." Vom 29. Mai 1651 
bis 22. Jan. 1652 folgt dann der wöchentliche Eintrag „under the 
band of 'Mr. IMilton''. Vom 29. Jan. 1652 folgen Einträge ohne Be- 
zeichnung eines Licensei'. Am 12. Jan. 1653 heisst es „under the hands 
of Mr. J. Thurloe Servant to the Councell of State", und am 2. Juli 
1653 wird der Gesammteintrag für .,fifty and one Pamphlets called 
^lercurio Politico beginning 8. July 1652 endiug 30. June 1653" 
nachgeholt. Unter dem 6. Okt. 1651 findet sich: „Mr. Griffin and 

Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 17 



258 Anmerkungen. 

Seite 

Mr. Leach entered for tlieii' copy under the band of Mr. Milton a 
pamphlet called The Perfect Dim-nall", woraus hervorgeht, dass 
Milton auch einmal ein Geschäft besorgte, welches gewöhnlich 
Rushworth oblag. 

34 ^) C. S. P. 1652 s. Reg. s. v. Dugard. C. J. 1652, 10. Febr., 2. April, 

22. Juni. Höchst erwünscht ist folgende ergänzende Nachricht aus 
dem Ms. Tagebuche des L. von Aitzema, hansischen Residenten 
(Archiv im Haag, nach einer Mittheilung von H. Dr. GoU) : 
,, London 5. Martii 1652 In't stuck van de Religie houden sij 
deese regel, dat se toestaen alle exercitie van religie, die nict 
doolt in de fundamenten, en die nict papist is. Onlangs was hier 
gedruckt catechismus Socin. Racov. Sulx wiert van't Parlament 
qualijck genoomen: de drucker segt dat Mr. Milton het hadde 
geliccntieert : Milton gevraegt seyde^ja ende dat hy een bouckien 
op dat stuck hadde uyt gegeven , dat men geen boucken behoorde 
te verbieden: dat hy in't approbeeren van dat bouck nit meer ge- 
daen had als wat syn opinie was." 

35 ^) Articles | of peace, | made and concluded with the Irish rebels, and 

papists, I by James cai'le of Ormond, | for and in behalfe of the 
lateKing, | and by vertue of his Autoritie. | Also a Letter sent by 
Ormond to | Col. Jones, Govemour of Dublin, | with his Answer 
thereunto. | And a representation of the Scotch Presbytery ; at 
Belfast in Ireland. \ Upon all which are added Observations. | 
Publisht by Autority. I London; 1 Printed by Matthew Simmons in 
Aldergate-sta-eete. ; 1649. Er. M. E. 555. 65 S. 8". Ms. Vermerk 
„May. 16." W. lY. 502 — 581. Schon Todd hat den Irrthum vieler 
Biographen Milton's bemerkt, welche dies Aktenstück vor die Zeit 
seiner Anstellung setzen, vgl. die Verfügung des Staatsrathes, C. S, P. 
28. Mäi-z 1649. 
39 1) Eixcüv ßtcaihy-T). \ The Po\Ttraitvre ] Of | His Sacred Majestie 1 In | 
His Solitvdes | And S\'fferings. ; . . . M.D.C.XLVIII. Er. M. E. 1096. 
kl. 8". 269 S. :\Iit Tinte von Thomason's Hand: „Feb. 9tii.", und 
auf dem Blatt vor dem Titel : „The fii-st Impression". Gewöhnlich wer- 
den 46 oder 47 Auflagen angegeben. Nach Todd 117 sollen von 29 
Abdrücken, welche die „Prayers . . delivered to Dr. Juxon'' nicht ent- 
halten, 17 im Jahre 1649 erschienen sein, während man 27 Ausgaben 
mit den „Prayei's'* aufzähle. Doch steht nicht fest, wie viele von 
diesen späterer Zeit angehören. Eine deutsche üebersetzung er- 
wähnt Eoinebiu"g in einem Brief vom 12. Okt. 1650 (Epistolaep. 122). 
eine spätere von D. G. Schreber 1747 liegt mir vor 
^) Wordsworth: Who wrote K ß.? p. 96 nachWilkins: Vita Sel- 
deni p. 54. — „Les Anglais ne veuleut repondre qu'avec l'epee ä 
M. Saumaise et ont fait cesser l'edition du li^Te de J. Seldenus qui 



Erstes Kapitel. 259 

Seite 

etait sur la presse contenant la reponse ä Mr. Saumaise". Lettres 
de Gui Patin (Ed. 1846) II. 17. 24. Mai 1650. 

39 ^) EIK0\0KAA:iT11Z \ In I Answer | To a Book Intitl'd | E'IKSiN 

BA2:rArKH, I The | Portrature of bis Sacred Majesty | in bis Soli- 
tudes and Sufferings. The Author I. M. (dahinter von Thomason's 
Hand „ilton'") (hierauf die Mottos aus Prov. XXVIII und Salust) 
Published by Authority. | London, Printed by Matthew Simmons, 
next dore to thegilded | Lyon in Aldersgate street 1649. 4'. 242 S. 
Titel und Vorrede auf 6 unpaginirten Blättern. Br. M. 293. f. 37, 

■p rro 

dasselbe Br. M. r — mit der Ms. Note Thomason's .,Octob. 6". 
o 

. Die zweite Ausgabe: „Publish'd now the second time, and much 

enlarg'd. | London, Printed by T. N. and are to be sold by Tho. 

Brewster j and G. Moule at the three Bibles in Pauls Church-Yard 

nearthe West-end, 1650. 4'\ 230 S. Titel und Vorrede auf sieben un- 

599 e 
paginirten Blättern: Br. M. — y — ' In den W. Ed. Pickering III. 

327 — 530 findet man niu* einen Abdruck der ersten Ausgabe, in 
der Ed. St. John I. 301—496 die zweite, in der Ed. Birch (17.53) 
I. 401 flf. , sind die Unterschiede beider Ausgaben ziemlich zuver- 
lässig angegeben. Deutsche Uebersetzung von Bernhardi 11. 
1 — 174. 

40 *) Im ersten Abschnitt schleicht sich sogar das Versehen ein, dass die 

Auflösung des ersten und des zweiten Parlaments Karl's I. ver- 
wechselt wird, wie schon Thomason bemerkt hat. 

42 1) C. S. P. 5. März 1651. Ich beziehe den Eintrag auf den Eikono- 

klastes und nicht auf die Defensio pro populo Anglicano. 

43 *) Sehr klar wird der Satz auch ausgesprochen in Def. prima C'ap.IX: 

„Ut summatim dicam quod res est, Parlamentum est supremum gen- 
tis Concilium, ad hoc ipsum a populo plane libero constitutum 
et potestate plena instructum, ut de summis x'ebus in commune 
consulat; rex ideo erat creatus, ut de consilio et sententia illorum 
ordinum consulta omnia exequenda curaret." 
45 *) Einen Ueberblick über die ganze Streitfrage gewährt C. Words- 
worth: Who vixoiQ rAxoyv ßaadixri considered and answered, Lon- 
don 1824, und: King Charles the First the author of Icön Ba- 
silike further proved etc., 1828. Guizot: Hist. de la rep. d'Angle- 
terre I. 2tJ hält eine Billigung und Korrektui- des Ms. durch Karl I. 
für wahrscheinlich (vgl. die Einleitung zur Uebersetzung des E. b 
in der Collection des Memoires etc.). Ranke, E. G. III. 317, nimmt 
dagegen nach Kennett an, dass der Grundstock vom König her- 
rühre, die Form des Buches von einem anderen. Unbedeutend ist 
A. Tuckermanu: On the author of the E. ß., Berlin, Herrmann, 
* 1874. 

17* 



2(50 Anmerkungen. 

Seite 

47 ^) Bekanntlich hat man Miltou selbst Schuld gegeben , er habe den 

Betrug erst in das „königliche Bild" eingeführt, um ihn alsdann 
aufdecken zu können. S. über diese sinnlose Verleumdung Mas- 
sen IV. 249, 2.50. 

48 ^) Vgl. über diese ganze Literatur aus dem ersten Stadium der Kon- 

troverse Wordsworth: "NVho wrote etc. 52 — 111. Das Datum 
des Erscheinens von Godwin's Schrift „Obstructors of Justice", in 
der auf ^Slilton's „Tenure of Kings" vielfach Rücksicht genommen 
wird, ergiebt sich aus den Bemerkungen von Jackson, Life of God- 
win. Von The Princely Pellican . . 1649 besitzt das Br. M. ein 
Exemplar E. 558 mit dem Ms. Vermerk „June 2d". Für den Titel 
dieser Schrift bot Eixwr ßcta. gleichsam von selbst die Handhabe, 
vgl. das Gebet im Anhang zu XXIV: „It is now thy pleasure that 
I should be as a Pelican in the vnlderness". Der Autor des 
Princely Pelican führt sich ein als einer der vertrautesten Diener 
des Königs, der bis zuletzt bei ihm geblieben sei (Herbert ?), allein 
stilistische Eigenthümliclikeiten wecken den Verdacht, dass dieselbe 
Feder diese Vertheidigung des E. ß. geschrieben hat, der E. ß. 
selbst entstammte. — Eiy.mv dXrif^ivi] . . London pr. by Thomas 
Paine . . 1649 trägt in dem Exemplare des B r. M. E. 569 von Tho- 
mason's Hand den Ms. Vermerk auf dem Titel „August 16", EI-zmv 
Tj TTcarri ebenda E. 537: „Sept. llth", mit Bleistift u. bemerkt: [By 
End}Tnion Porter?], vgl. Wordsworth 65. 
") The life and reigne of King Charls (sie) or the pseudo-martjT 
discovered . . London . . 1651 (Ms. Note von Thomason: „Janua- 
rii 29"), Br. M. E. 1338 p. 178: „the whole contexture whereof 
hath already been sufficiently handled without mittens by a Gentle- 
man of such abiUties as gives place to none for bis integrity, learn- 
ing and judgment.'' W. Lilly: Monarchy or no Monarchy etc. 

1651, p. 81: ,,But it is answered by the learned Milton" etc., vgl. 
die Worte von E.Walker, die sich hiergegen richten, bei W o r d s - 
worth: Who wrote etc., 108. 

^) Orders vom 5. Milrz, 20. Mai 1651, 15. Nov. 1652, 1. April 1653. 
C. S. P. und Todd 118, 119. Dmie's üebersetzimg befindet sich 
im Br. M. 8122. a: Eixovox).aOT),g ou Reponse au Livre intitule 
Eiy.wv ßaaihxrj . . Traduite de l'Anglais sur la seconde et plus 
ample edition et revue par l'Auteiu: ä Londres. Par G. Du-Gard, 

1652. Im .Vorwort spricht Durie „de l'elegance du stile et du lan- 
gage de l'auteui' et de ses conceptions". 

*) FJy.wv axlctOTos ^ The , Image Vnbroken | A Perspective of the Im- 
pudence. Falshood, Va- j nitie, and Prophannes, Published | in a Li- 
bell entitled ■ Ery.ovoylaairi^ (sie) against Etxuyv ßacfiltxrj ' Or the 
Pourti-aicture of his Sacred Majestie in his solitudes and Sufferings. 
Printed Anno Dom. 1651. 4". 267. S. Br. M. 599. e. 18. lieber 



Zweites Kapitel. 261 

Seite 

Earle, der 1649 Eixoir ßuaihxr, aus dem Englischen in's Lateini- 
sche übersetzt hatte, s. Wood ed. Bliss III. 716, über Jeanes da- 
selbst III. 590. Im Jahre 1660 erschien eine zweite Auflage des 
Eiy.ü)v ((xlnnTog unter dem Titel: ,.Salmasius dissection and confu- 
tation of the diabolical rebel Milton"; s. Words worth, Who 
wrote etc., p. 101. 
49 *) S. die Urtheile von Hacket und Sanderson bei Words worth, 1. c. 
108, 109; auch Bates: Elenchi motuum nuperorum in Anglia pars 
prima (Ed. Amsterdam 1668), p. 161; vgl. ein ungünstiges Urtheil 
von J. Beal in Boyle's Works V. 438. Was den Erfolg des Eiko- 
noklastes betrifft, so verwechselt Geffroy S. 143 dies Buch mit 
dem E. ß. 

Zweites Kapitel. 

52 ^) Von Biographieen des Salmasius citire ich diejenige in Haag: La 
France protestante IX und diejenige in Worthington 's Diary 
I. 324; vgl. Salmasii epistolae accurante A. Clementio, 1656, 
Cl. Sarravii epistolae, 1654, Lucian Müller: Geschichte der 
klassischen Philologie in den Niederlanden, 1869. 
^) Defensio Regia Pro Carolo I. Ad Serenissimum Magnae Britanniae 
Regem Carolum II Filium natu majorem, Heredem & Successorem 
legitimam Sumptibus Regiis. Anno MDt'XLIX. fol. 338 S. ; über 
andere Ausgaben s. Brunet. 

54 ') Salmasii ad J. Miltonum Responsio, Opus posthumum (1660), p. 30 fif. 

57 Joannis Miltoni 1 Angli | Pro Populo Anglicauo i Defensio, | Contra | 
Claudii Anonymi, alias Salmasii, | Defensionem Regiam. | Cum In- 
dice. 1 Londini, , Typis Dv Gardianis, Anno Domini 1651. — In 
dem Exemplare des Br. M. E. 1393 ist die Jahreszahl in 1650 verändert 
und „Aprill 6 tu" von Thomason bemerkt worden. Man wird dar- 
aus schliessen dürfen, dass Th. sein Exemplar am 6. April erwarb, 
dass aber das Buch schon vor dem 25. März in Umlauf war. 4". 
260 S. , darauf 6 Bl. Index Rerum Memorabilium W. VI. 1 — 190. 
Eine zweite, wenig veränderte Auflage, die allen bisherigen Her- 
ausgebern von Milton's Werken entgangen zu sein scheint, mit einem 
stolzen Nachwort gab Milton 1658 heraus. Br. M. E. 1960: Joannis 
MiltonJ I Angli [ Pro \ Populo Anglicano | Defensio I Contra Claudii 
Anonymi | alias | Salmasii Defensionem Regiam. Editio correctior 
et auctior, ab Autore denuo recognita | Londini, | Typis Neucom- 
bianis, Anno Dom. 1658. 8". 171 S. Uebersetzung bei Bern- 
hardi L163— 321, zum Theil auch bei Troxler: Fürst undVolk 
nach Buchanan's und Milton's Lehre, 2. Auflage, Aarau 1821, fran- 
zösische Bearbeitung von Mirabeau: Theorie de la royaute 
d' apres la doctriue de Milton, 1789. — Der Drucker William Dugar d 



262 Anmerkungen. 

Seite 

war früher als „Staatsfeind" veiiolgt worden, da er u. a. Ausgaben 
des „königlichen Bildes" gedruckt und eine Ausgabe von Salma- 
sius' Buch vorbereitet hatte. Indessen kein anderer als Milton soll 
ihn bewogen haben, sich den republikanischen Behörden zur Ver- 
fügung zu stellen, s. C. S. P. und Wo rdsworth: Who -wi'ote etc., 
139, 140. 

57 -) Def. sec. Milton W. VI. 280, 293. C. S. P. 8. Jan., IS. Febr., 
23. Dec. 1650, 18. Juni 1651 ; vgl. Hamilton25. Noch Bluntschli: 
Geschichte des allg. Staatsrechts, 1867, S. 86, wiederholt das Märchen, 
Milton habe „eine Nationalbelohnung von 1000 i^ erhalten", vgl. 
IVIilton's Worte in Def. sec: „Tuque scito me illas opimitates at- 
que opes, quas mihi exprobras, non attigisse neque eo nomine quo 
maxime accusas obolo factum ditiorem". 

62 1) Royalty and Loyalty . . by R. Grose, 1647. Br. M. 100. k. 6. 
*) Observations concerning the originall of government upon Mr. Hobs. 
Leviathan. Mr. Milton against Salmasius. H. Grotius de jure belli. 
Mr. Huntons treatise of monarchy. London printed for R. Royston . . 
1652. Br. M. 100. k. 7. (Gegen Milton richten sich S. 12 — 22.) 

68 ^) De jm-e belli ac pacis I. 3. 8; über Grotius und Milton s. B. I. 264. 
IL. 190. 

68 -) Ranke: Zur Geschichte der politischen Theorieen, G. W. XXIV. 

Hub er: Der Jesuitenorden, 244 — 268. 

69 ^) Eine Stelle der Schrift „The tenure" etc. (Ed. St. John II. 18) er- 

regt allerdings Bedenken : „The Greeks and Romans . . held it not 
only lawful, but a glorious and heroic deed . . to kill an infamous 
tyrant at any time without trial ; and but reason, that he, who trod 
do\\Ti all law, should not be vouchsafed the benefit of law". Der 
Autor versetzt sich indess hier mehr in den Geist des Alterthums, 
als dass er selbst einen Grundsatz aufstellen wollte. In den „Ob- 
servations on the articles of peace" etc. (W. IV. 566) missbilligt 
er auf's entschiedenste die jesuitische Lehre ,,to murder kings in 
the basest and most assassinous manner" etc. Doch ist Milton, 
wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, noch ziu' Zeit der Commune 
als einer der Vertheidiger des Tyrannenmordes citirt worden. 
2) Commonplace-Book ^famden-Soc. 1876), p. 21, 32, 41. Es findet 
sich kein Excerpt aus Hooker und ich sehe auch nicht, dass dessen 
politische Grundansichten auf Milton eingewirkt hätten. 

70 ') Der Hinweis auf Hotmann C. IV a. E. und C. VIII a. Anfang. Eben- 

dort über Buchanan (vgl. schon Buch II. 446), s. auch Def. sec. 
W. VI. 313. 

71 ') Buchanan: De jure regni apud Scotos (1579), p. 14, TjTannen 

sind „qui palam non patriae sed sibi gerunt imperium neque publi- 
cae utilitatis sed suae voluptatis rationem habent. Milton: Tenure 
of kings etc. (Ed. St. John II. 17) „A tyrant is he who, regarding 



Drittes Kapitel. 263 

Seite 

neither law nor the common good, reigiis only for himself and his 
faction." Stellen aus Languet, zu denen sich schlagende Analogieen 
bei Milton finden (Vindiciae c. t. Ed. MDLXXX, j). 16-5): „Proba- 
vimus reges omnes regiam dignitatem a populo accipere populum 
Universum rege potiorem et superiorem esse, regem regni, impera- 
torem imperii supremiun tantum ministrum et actorem esse, popu- 
lum vere dominum existere." p. 167: „Est inter principem et po- 
pulum ubique locorum mutua et reciproca obligatio . . obligatur 
populus principi sub conditione princeps populo pure. Itaque si 
minus adirapletur conditio , solutus est populus , irritus contractus, 
obligatio ipso jure nuUa." p. 21.5: „ünde consequitur non populos 
propter magistratum sed contra magistratus propter populum fuisse 
creatos.'" 

72 ^) Die Hauptstellen in R. Williams: Bloudy tenent of persecution 
(vgl. B. II. 234 ff.), p. 214, 31-5, 341. „The sovereign, original and 
foundation of civil power lies in the people . . a people may erect 
and establish what form of government seems to them niost meet 
for their civil condition. It is evident that such governments as 
are by them erected and established, have no more pov/er, nor for 
no longer time, than the civil power, or people consenting and agreeing 
shall betrust them with. This is clear not only in reason but in 
the experience of all commonweals, where the people are not de-, 
prived of their natural freedom by the power ot tyrants" etc. 
") Eine zeitgenössische Schrift , die sich ganz mit ^lilton's Ansichten 
begegnet, ist z. B. rirtan y.id rü.og t^ovaücg The original and end 
of civil power . . by Eutactus Philodemius, London 1649 (Oxford, 
Leicester-College Pol. Tracts 1646 — 61 No. 7), von den Schriften 
Lilburne's an dieser Stelle zu schweigen. 

74 ^) Aubrey. 

77 ^) R. v. Mo hl: Geschichte und Literatui" der Staatswissenschaften 
I. 231 läugnet dies. Vgl. indess die schon o. B. II. 443 citirte 
Stelle aus „Tenure of Kings". S. im allgemeinen die guten Bemer- 
kungen von Seeley: Milton's political opinions in ,,Lectures and 
Essays", London 1870. 

Drittes Kapitel. 

80')Hobbes: Behemoth 1679 (W. VL 368). t'onring: „Uterque 
mihi Visus est aeque imperite de regno disputare" (s. Worthington's 
Diary I. 328). J. ('. ßaronis de Boyneburg Epistolae ad J. 
C. Dietericum . . . 1705, p. 270; s. d. „Miltonus exprobravit nimis 
acerbe Salmasii erroi'es quos ipse ubique non vitavit". 
*) Pro Rege et Populo Anglicano Apologia , Contra Johannis Poly- 
pragmatici (alias Miltoni Angli Defensionem destructivara, Regis et 



2(34 Anmerkungen. 

Seite 

Populi Änglicani, Antverpiae ApudHieronymum Verdussen,MDCLI. — 
2 S. „ad Lectorem", 8 S. „Ad praefationem praeludium", 4 S. .,ad 
celeberrimam academiam Leidensem epistola dedicatoria", darauf 
195 S. 12', enthalten in der darmstädter Bibliothek. 

81 M Joannis Philippi (darunter in Ms. „i- e. Miltoni Amanuensis") Angli i 

Responsio | Ad j Apologiam Anonymi cu | jusdam tenebrionis pro | 
Rege et Populo Angli- ! cano infantissimam. i Londini | Typis Du- 
gardianis. An. Dom. MDCLII. 12 '. Br. M. 599. a. 22. W. VI. 190— 
235; vgl. Godwin. Lives of E. and J. Phillips 12-20, 383. An- 
fang Januar 1652 war die Schrift schon erschienen, s. u. Anhang I. 

^j Mit Jane ist vielleicht jener Jeanes, dem die Autorschaft des 
Eixöjv (iyJ.aarog zugeschrieben ward, verwechselt. S. o. S. 48. Was 
Bramhall betrifft, so vgl. dessen Works, Oxford 1842, I. p. XCIV. 
Brief No. IX, May 9, 1654: „That Ijlng abusive book was written 
by Milton himself, one who was sometime Bishop Chappell's pupil 
in Christ Church in Cambridge but turned away by him, as he well 
deserved to have been both out of the University and out of the 
Society of men. If Salmasius bis friends knew as much of him as 
I, they would make him go neai- to hang himself. But I desire not 
to.wound the nation through bis sides, yet I have written to him 
long since about it roundly. It seems he desires not to touch upon 
that subject. That silly book which he ascribed to me, was WTitten 
by one John Rowland" etc, 

^) Polemica sive supplementiun ad apologiam anonymam pro rege et 
populo Anglicano adversus Jo. 31iltoui defensionem populi Ängli- 
cani. Et Irenica sive cantus receptui ad Christianos omnes. Per 
Jo. Rowlandum pastorem Anglicum. ^MDCLIII; s. namentlich den 
Schluss von Kap. 5. 

82 ^) Carolus I. Britanniarum ' Rex. ' A Securi Et ; Calamo Miltonii | Vin- 

dicatus. I Quiper Virtutem pari t haud pol i interiet. Plautus in 
Captiveis. Dublini, Apud Liberum Con'ectorem, i via Regia, sub 
signo solutae fascis. | MDCLII. 118 S. 12", Die seltene Schrift ist 
mir nur aus der Bibliotheque nationale in Paris (Nc. 1065) 
bekannt geworden. 

82 ') Casparis Ziegleri Lipsiensis circa regicidium Anglorum exercitatio- 

nes. Lipsiae apud haered. Henning Grossi . . 1652. 191 S. 12 '. 
mit einer Ode des 31. Fridericus Rappoltus in acad. Lips. prof. 
publ. Ich benutze ein Exemplar der Stadt-Bibliothek zu Bern. 
Eine zweite Ausgabe „accedit J. Schalleri dissertatio" (s. die fol- 
gende Anm.) Leyd. Batav. 1653. 

83 \ Dissertationis ad quaedam loca Miltoni pars prior, quam annuente 

Deo. praeside Dr. Jacobo Schallero, SS. theol. doct. et philosoph. 
pract. professore solenniter defendere conabitui' die mensis septem- 
bris (mit Ms. verändert in ..13 die mensis Xov.") Erhardus Kieffer 



Drittes Kapitel. 265 

Seite 

Durlaco -Marchicus Argentorati Typis Friderici Spoor MDCLII, 
44 S. . . Pars posterior quam . . solenniter defendet die 17 mens. Sept. 
Christophorus ©ün^er Argentorat. A. Typis F. Spoor MDCLVII 
p. 45 — 92. Ich benutze ein Exemplar der darmstädter Biblio- 
thek. Ebendaher habe ich kenneu gelernt: Examen Anglicum Ex- 
hibens V. Quaestiones Politico - Juridicas. In quibus Breviter et di- 
lucide ostenditur, Regiam Majestatem non esse violandam a sub- 
ditis, sed sancte colendam; Exercitii gratia conscriptum ab Henrico 
9temmigf)aufcn . . Rintelii . . MDCLIII. 40 S. 4"., eine Schrift, 
die sich wesentlich auf Salmasius stützt. 

83 ^) Dies geht aus einem Briefe Durie's (Basel, 30. INIai 1655) her- 

vor, der sich im Staats-Archiv von Zürich (Dui'aeana de 
Syncretismo Vol. III. 263) befindet, und in dem er sich gegen ver- 
schiedene Anschuldigungen verwahrt: „Secondement touchant la 
translation du livre de M. Milton contre S. qui s'appelle Defensio 
Regia il dit que c'est une fiction et faussete controuver [controuvee] 
ä plaisir. car tant s'en faut qu"il aye translate ce livre en Anglais, 
que niesme il n'a jamais oui dire jusques ä present qu'il aye este 
translate et mesraes ä peine le peut-il encore croire et en oultre 
il declare que l'asprete qui est au livre de M. .Milton lui a tellement 
depleu qu'il a tesmoigne le mescontentement qu'il en 
avait ä Tautheur raesme aussitost que le li\Te fust imprime.'' 
Vgl. 1. c. III 271 einen Brief von J Frays an „M. Ulrich premier 
miuistre de l'eglise ä Zuric", Heidelbergae 19. 29 May 1655 . 
„ayant de mesme (ä ce qü'on dit) translate en Anglais le livre de 
Milton qui a refute Defensionem Regiam Salmasii" etc. Auf Seite 
der Ankläger Durie's lag offenbar eine Verwechselung mit seiner 
Uebersetzung des Eikonoklastes vor, s. o. S. 48 Anm. 3. 

') Def. secunda. Urkunden und Actenstücke zur Geschichte des Kui- 
fürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, VI. 258, herausgege- 
ben von Erdmannsdörffer. 

*)Filip von Zesen: Die verschmähete doch wieder ei'höhete INIaje- 
stäht . . Amsterdam 1661. S. 185. J. Heath: A brief chronicle 
of the late intestine war etc. Second Impression London 1663, 
p. 435: „the royal defence which one Milton since stricken vrith 
blindness cavilled at*' etc. Man kennt ein Exemplar der ,, Defensio 
prima pro populo Anglicano", in das der Besitzer, der zweite Graf 
von Bridgewater, der s. Z. im Comus mitgewirkt hatte, die Worte 
eingeschrieben hat: „Liber igne, author furca dignissimi"; s. P.W. 
II. 257. 

84 ') Grauer t: Christina, Königin von Schweden, und ihr Hof, 2 Bde, 

1837. 1842. Der Briefwechsel des Heinsius, Vossius, Gronov, Bour- 
delot, Vlitius in Burmanni, Sylloges epistolarum a viris illu- 
stribus scriptarum, T. 1 — 5, Leidae 1727, zum Theil abgedruckt 



266 Anmerkungen. 

Seite 

in Milton's Works ed. Pickering I. ; vgl über die genannten Ge- 
lehi'ten Jöcher und Zedier. 

85 ^) S. die bereits Buch I Anm. 1 zu S. 14 citirte Stelle; vgl. Anm. 2 

zu Buch II S. 342 über die Verwechselung von Patric und Tho- 
mas Young. 

86 ')Burmanni, Syllog. III. 742. 

-) Vossius theilt es dem Heinsius schon am 19. Juli 1652 mit (Bur- 
mannni, Syllog. III. 639). 

87 ^) Whitelocke. der vom November 1653 bis Mai 1654 in Schweden als 

Cromwell's Gesandter verweilte, frug die Königin: .,if she had seen 
a book lately written by one Milton, an Englishman, and how she 
liked his style'", worauf „she highly commended the matter of part 
of it and the language". Whitelocke: Journal of the Swedish 
embassy Ed. 1855, I. 417; s. daselbst I. 203: „The consul (in Kö- 
pingi Said that he had read Milton's book and liked it and had 
it at home". 
-) Claudii Salm asii ad Johannem Miltonum responsio. Opus posthu- 
mum. Londini . . 1660. 304 S. Eintrag in den Registern von 
Stationers' Hall „19. Sept. 1660'-. 

88 ^) I)e-fensio secunda. 

89 ') Ein Artikel über Philaras findet sich bei Chardon de la Ro- 

ch ette: Melanges de critique et de philologie, 1812, 11.302—332. 
Die Besorgung an ^lilton hatte Augier übernommen, s. über ihn oben 
Anm. 2 zu S. 27. 

90 ^) Def. sec. W. VI. 310, die beiden Briefe an L. Philaras Jan. 1652 

imd 28. Sept. 1654. W. VII. 388. 392. Weitere Stellen über die 
Türken und Griechen im Eikonoklastes C. X . . ,,after he had de- 
manded more money of them and they to obtain their rights had 
granted him than would have bought the Turk out of 
Morea and set free all Greeks." G. XXVII: „and so far 
Tiu'kish vassals enjoy as much liberty under Mahomet and the 
Grand Signior" etc. 
-) Ziegleri circa regicidium Anglorum exercitationes im Vorw^ort an 
den Leser. Apologia pro rege et populo A. ebenda. Doch heisst 
es hier irriger Weise, von Salmasius Def regia sei nur ein Abdruck 
erschienen. 

91 i)Thurloe II. 246, 289, 418, 629. Philaras ler wird bei Thui-loe 

Vi 1 lere genannt; sass eine Zeit lang in Paris gefangen. Unter 
seinen Papieren fand sich .,a letter of civility Mr. Milton had writ 
to him". Es war der Brief vom Juni 1652. 
91 *) üeber Philaras Aufenthalt in London finde ich die folgende Notiz 
in den Depeschen Salvetti's (Abschriften nach den Originalen 
zu Florenz im Br. M. Add. Mss. 27962 sqq.): ,,12. Febr. 1655. 
E un pezzo che io dovevo dire a vostra signoria illustrissima come 



Drittes Kapitel. 267 

Seite 

si trova qui il signor Leonardo Villare residente del serenissimo 
di Parma a Parigi che tu comandato di sortire di Francia et si va 
intrattenendo qui , con speranza che il suo serenissimo padrone sia 
ben presto per farlo richiamare ad esercitare quella sua carica 
impiegarlo in altra altanto honorevole. Viene alle volte a casa 
mia a visitarmi et veramente io lo trovo molto intelligente nel suo 
ministerio et ne discorre come Greco ch'egli ö.'' 

93 ') Der Brief an Philaras „Westmonasterio Sept. 28, 1654". W. VII. 

392—394. In diesem Briefe wird der Augenarzt in Paris Tevenot 
genannt. Es ist aber offenbar ein Schreibfehler für Thevenin, s. 
Zedier, Universallexikon ; vgl. Def. sec. W. VI. 2G9 — 272. E- 
Phillips. 
-) Nach dem Urtheile eines ausgezeichneten Ophthalmologen spricht 
einiges in Milton's Worten für die Annahme von Glaukom, während 
anderes sich nicht gut damit vereinigen lässt. Milton selbst ge- 
braucht für sein Leiden die Ausdrücke „drop serene", „or dim suf- 
fusion", Par. 1. III 25. Good: The study of medicine, 4. Ed., 
Vol. III. 175 nimmt auf die Stelle Bezug. In Sonett 22 sagt Milton : 
.jthese eyes, though clear to outward view, of blemish or of spot" 
und in Def sec. (W. VI. 267); ,,oculi ita estrinsecus illaesi, ita 
sine nube clari ac lucidi, ut eorum qui acutissimum cernunt, in hac 
solum pai'te, memet invito, Simulator sum ! " 

94 >) Weckheriin's Anstellung fällt auf den 11. März 1652. Die Ver- 

fügung über Weckheriin's Ersetzung durch Thurloe mit Beibehal- 
tung Milton's 1. Dec. 1652. Hamilton 20 — 22 nimmt als sicher 
an, dass die erwähnte Deklaration, in der Form, wie sie lateinisch 
im Druck erschien, von Milton übersetzt worden sei. Allein es 
geht nicht unumstösslich aus den Einträgen der Protokolle des 
Staatsraths hervor. G. S. P. 1650. 26 Juni darf man nicht heran- 
ziehen, da es sich hier um eine Deklaration gegen die Schotten han- 
delt; s. 0. Anm. 2 zu S. 27. 
^) Das Datum von Weckheriin's Tod s. bei Eye: England as seen 
by Foreigners p. CXXXII. Milton's Brief vom 21. Febr. 1658 an 
Bradshaw u. a. bei Hamilton 22. 

95 M Regii Sanguinis Clamor ad ( oelum Adversus Pamcidas Anglicanos. 

Hagae-Comitun (sie), Ex Typographia Adriani Vlacq. MDCLII. 
148 S. 12'.; eine zweite Auflage ebenda 1661. Br. M. 600. a. 19. 

96 ^) Vgl.Wood, Todd L160. Birch L p. XXXIX— XXXLI. Haag: 

La France protestante IV. Milton hätte noch einen besonderen 
Grund gehabt, sich für Dumoulin zu interessiren , da dieser eine 
Zeit lang Hauslehrer der Neffen R. Boyle's und Lady Ranelagh's 
gewesen war. Auch stand er noch später mit Boyle in Verbindung 
(s. Boyle's Works V. 594 flf.). 
96 -)Art. Morus in Haag: La France protestante VII. Archibald 



2(58 Anmerkungen. 

Seite 

Bruce: A critical account of the life. character and discourses of 
Älr. A. Morus. London 1813, eine verfeMte Vertheidigung des Mo- 
rus , bringt kein neues Material bei. Ich stütze mich auf reiche 
Materialien, welche die Bibliothek sowie das Archiv der Stadt 
Genf und die Registres de la venerable compagnie da- 
selbst für die Geschichte des Morus enthalten, ferner auf die Ar- 
ticles des synodes Wallons des provinces unies, die 
Actes du consistoire de I'eglise d'Amsterdam u. a. m.. 
die mir aus Amsterdam zugekommen sind; s. Näheres im Anhang II. 

97 ^) Registres de la venerable compagnie, Genf 29. JuUiet, 

9. Dec. 1642. Baillie III. 6. 

*) In einem Briefe der Geistlichen von Middelburg an die Compagnie 
venerable (Original Genf, Stadtbibliotkek, den 12. Nov. 1649) 
wird für den Brief der c. v. vom 5. Juli 1649 „que vous nous avez 
escrite par nostre tres honore frere le sieur AI, Monis" gedankt. 
Morus erscheine durch diesen Brief gegen aufgetauchte Anschul- 
digungen ganz gerechtfertigt, man könne nicht glauben, „avec quelle 
ardeur et concurrence de peuple on vient escouter ses predications 
qui semblent venir jusques au troisieme ciel". 

^) Stoupe an Ulrich in Zürich: .,ä Londres 27 Janvier 1652/3. „Morus 
a fait un livre sanglant contre cet etat intitule Clamor sanguinis 
regii ad Coelum contra par. Angl. II est plein de fleurettes sans 
aucun raisonnement. 11 dechire Milton qui avait repondu au livre 
de Saumaise. II eleve jusques aux nues ce dernier avec lequel il 
s'est depuis mis fort mal, ayant deshonore sa maison par ses trop 
familieres Communications avec une sienne domestique laquelle il 
avait promis d'epouser ce qu'il n'a point accompli. Ce malheureux 
homme s'est perdu de reputation par sa medisance et par ses ac- 
tions infames par lesquelles il a fietri le cai-actere qu'il a eu l'hon- 
neur de porter."' Züricher Staats-Archiv, Acta Anglicana 171. 

98 ^) Man schreibt das bekannte Epigramm, das zuerst im Mercurius po- 

liticus 1652, 23. — 30 Sept. p. 1910 erschien: „Galli e concubitu 
gravidam te Bontia (Pontia) Mori \ Quis bene moratam morigeram- 
que neget'", gewöhnlich Milton zu, so auch Masson P. W. II. 343. 
Milton selbst scheint dem zu widersprechen (W. VI. 259, 411 „autho- 
rem Batavum"); vgl. indess Burmanni, Syllog. III 305, 307, 
649, 651, 746. 
2) lieber die Entstehungsgeschichte der Def. sec. s. W. VI. 836, 386, 
364 (Authoris pro se defensio). Das Exemplar im Br. M. E. 1487 
Joannis MiltonJ | Angli | Pro | Populo Anglicano | Defensio | Se- 
cunda. | Contra infamem libellum anonymum | cui titulus, ] Regii san- 
guinis clamor ad | coelum adversus parri- | cidas Anglicanos. | Lon- 
dini, Typis Neucomianis, 1654. 173 S. 12"., trägt den Ms. Ver- 
merk ..Mav 30". 



Drittes Kapitel. * 269 

Seite 

99 ') Das Thatsächliche ergiebt sich aus den Worten des „Typographus 
pro se ipso*' vor „Fides publica" und aus Milton's Def. sec. 

*) Ueber Durie's Aufenthalt in den Niederlanden s. Vaughan: The 
protectorate of 0. Cromwell 1839, I. 1. Auszüge aus Durie's Brie- 
fen Def. sec. W. VI. 340; vgl. Morus : Fides publica 18. 19. Nieuport's 
Brief an Morus, Westminster 23. Juni (3. Juli) 16-54, in Fides publica 
19 — 21: „Ce grand dessein", von dem Nieuport spricht, ist ohne 
Zweifel, „Vowel and Gerard's Plot." etc., s. Carlyle III. 20.5, 208. 

^) W. VI. 364 : „duos viros nobiles , amicos meos". Der eine war 
wohl jener Abraham Hill, den Aubrey in diesem Zusammenhang 
erwähnt. Er lebte von 1683—1721, war namentlich in den Spra- 
chen wohl bewandert und zeichnete sich als einer der Beförderer 
der Royal Society aus. Ein Band seiner Privatbriefe ist 1767 ver- 
öffentlicht worden ; s. R o s e : New general dictionary. Wood dreht 
den Sachverhalt offenbar um. 

100 ^) Dumoulin sagt in einer Ausgabe seiner Gedichte (P. Molinaei nng- 
f()ya: Poematum libelli tres', die erst 1609 (1670) erschien, L. III. 
p. 141: „Morus tantae invidiae impar, . . clamoris authorem Mil- 
tono indicavit. Enimvero in sua ad Miltoni maledicta responsione, 
duos adhibuit testes praecipuae apud perduelles fidei, qui authorem 
probe nossent, et rogati possent revelare.*' Milton habe aber seinen 
Irrthum nicht zugeben wollen. — Indessen findet sich bei Morus 
nichts der Art. Er hat sich wenigstens durch öffentliche Preisgebung 
Dumoulin's nicht gedeckt. 
*) Autoris pro se defensio "w. VI. 336, 340, 341, 344, 347; vgl. den 
Brief an Morus 7. Aug. 1654 bei Thurloe: State Papers II. 529. 

102 ^) Ganz verkehi-t übersetzt Beruh ardi 185: „Er lebte späterhin wäh- 
rend der ganzen Regierung Jacob's, ein Gegenstand des Misstrauens 
und ein Ungeheuer an Erpressung, in Paris". In den schlechten 
Drucken der Def. sec. steht allerdings: „Eundem Parisiis fide cas- 
sum et male agendo insignem , v i t a tota Jacobaea cognovit", es 
soll aber heissen: „via tota Jacobaea"', die ganze Rue St. Jacques. 

105 ') S. über Overton namentlich Godwin IV. 68 ff. 161 ff. Carlyle 
Register, Diary of Burton member in the parliaments of Oliver and 
Richard Cromwell from 1650 — -59, ed. J. Towill Rutt, 4 Vols. 
1828 Register. 

107 ') Joannis Miltoni ! Defensio Secunda Pro Populo Anglicano | Contra 
infamem Libellum anonymum , | cujus Titulus , Regii sanguinis cla- 
mor 1 adversus parricidas Anglicanos. | Accessit Alexandri Mori ! 
Ecclesiastae, Sacrarumque litterarum : Professoris i Fides Publica, | 
Contra calumnias Joannis [Miltoni | Scurrae. , Hagae-Comitum , Ex 
Tj'pographia Adriani Vlacq. \ MDCLIV. 12 '. Morus scheint sich 
anfangs wegen des eben abgeschlossenen Friedens vor einer Er- 



270 Anmerkungen. 

Seite 

widerung gescheut und versucht zu haben, Mlton's Schrift aufzu- 
kaufen; s. Thurloe, II. 394. ßurmanni, Ep. Syll. III. 675. 
Milton: Pro se defensio. 
107 ■■*) Vgl. über Vlac's Erlebnisse in Paris: Lettres de Gui Patin (Ed. 
1846), I. 469; über seine englische Vergangenheit die von Masson 
V. 155 angeführten Dokumente. 

109 unter A. Mori Poemata Paris 1669 befinden sich zwei an Holste- 

nius und Dati. — Von Interesse ist ein Brief bei Thurloe IL 708 
aus dem Haag vom 13. Nov. 1654: „Morus is gone iuto France. . 
They love well his renoune and learning but not his conversation, 
for they do not desire that he should come to visit the daughters 
of condition, as he was used to do. He promised Vlack to finish 
his apologie, but he went away without taking his leave of him, so 
that you see, that Vlack hath finished abrupte. The truth is Mo- 
rus durst not add the sentence agaiust Pontia for the charges are 
recompensed . . . yea I believe, that Morus was faine to piu'ge 
himself upon oath , and the attestations of his life at Amsterdam 
and at the Hague, he could not gett them to his phansie." 
*) Alexandri Mori Ecclesiastae et Sacrarum Litterarum Professoris 
Supplementum Fidei Publicae Conti-a Calumnias Joannis Miltoni. 
Hagae-Comitum, Typis Adriani Vlacq. MDCLV, auf der Rückseite 
„Typographus lectori", angebunden an „Fides publica" und ohne 
Beginn einer neuen Paginirung. 

110 ^) Joannis MiltonJ | Angli ! Pro Se | Defensio | Contra \ Alexandrum 

Morum | Ecclesiasten, | LibelU famosi , cui titulus , Regii sanguinis 
clamor ad | coelum adversus Parricidas | Anglicanos, authorem 
recte | dictum. | Londini. Typis Neucomianis, 1655. 204 S. 12', 
Br. M. E. 1661, ]*Is. Vermerk Thomason's „August 8". 

111 1) Milton an Oldenbm-g 6. Juli 1654. W. VI. 390— 392. MaiTell au 

Milton, Eton 2. Juni 1654 bei Birch I. p. XL und in Marvell's 
"Works ed. Grosart I. 11. 

112 ^) Diese drei weigerten sich, der Bestätigung des Zeugnisses der v. C. 

beizutreten. Registres de la v. C. 7. April 1648. Noch bedenk- 
licher sind die folgenden Worte, die sich a. a. 0. finden : „En outre 
d'autant que nos surdits freres ont offert de dire les raisons pour 
lesquelles il n'ont voulu signer le precedent tesmoiguage a este mis 
en prosposite si on les de\Toit oüir lä dessus. Sur quoi a este 
avise que non, que cela estoit inutile, veu qu'on ne les leur de- 
maudait pas, laissant cela ä leur jugement pai-ticulier." 
^) W. VI. 257, 374, 394. Trotz eifriger Nachforschungen in der genfer 
Stadtbibliothek hat sich das Aktenstück daselbst nicht gefunden. 

113 ^) Von diesem Zeugnis ist in den aus Genf mir mitgetheilten Archi- 

valien nichts zu finden. 
*) „Mori contra Miltonum apologiam vidisse vos credo. Si Miltonus 



Viertes Kapitel. 271 

Seite 

de Mori testimoniis certiora nosse cupit, scribat Genevam et ad 
viduam Salmasianam , quae ipsi abunde suppeditabit materiam." 
Br. M, Sloane Ms. 649 f. 30 a. Der Brief, datirt „Leyda 6. Jan. 
St. V.", ohne Unterschrift, scheint eine blosse Kopie zu sein. 

113 ')Senebier: Histoire litteraire de Geneve, II. 192. 267. Autoris 
pro se def. W. Yl. 395. .Alilton an E. Spanheim 24. März 1654—5. 
W. VII. 395. Der von Milton erwähnte Calandrini, der die Verbin- 
dung zwischen ihm und E. Spanheim angebahnt zu haben scheint 
ist rielleicht identisch mit dem in Vaughan's Protectorate of 0. 
Cromwell mehrfach genannten. Uebrigens blühte auch ein Zweig 
der Familie in England, s. Galiffe: Kotices genealogiques sur les 
familles genevoises. Der in Genf lebende Turretini, den Milton er- 
wähnt, ist der Theologe Franz Turretini 1623 — 1687. 

115 ^) S. Näheres in Kapitel 5 und Anhang 11. 

>) W. VI. 392, Milton an Oldenburg; vgl. Yl. 406. 

Viertes Kapitel. 

119 >) 17. Juli 1650, Carlyle II. 301. 

120 ') Carlyle II. 342. III. 49. 

121 ') P. W. II. 484. 296 „To the Lord General Cromwell May 1652: On 

the proposals of certain ministers at the committee for the pro- 
pagation of the gospel*'. So lautet die durchgestrichene, aber noch 
lesbare Ueberschrift im Cambridge-Ms. ,.Darwen" ist das Gewässer 
in Lancashire, das in der Nähe von Preston in den Ribble fällt. 
Ich benutze die gelungene Uebersetzung von Carriere: Die Kunst 
im Zusammenhang der Cultur - Entwicklung. IV. 639. 

123 ') The humble propösals of Mr. Owen, Mr. Thomas Goodwin . . . and 

other ministers who presented the petition to parliament (cf. C. J. 
10. Febr. 1652), Printcd at London for R. Ibbitson 1652. Br. M. 
E. 65S. 4 '. (Ms. Vermerk von Thomason „March 31".) Zu diesen 
Geistlichen gehörte John Durie (C. J. vom 11. Febr. 1653 steht 
Drury) und, was man nicht erwarten sollte, auch John Goodwin. 

124 *) The fourth paper presented by major Butler to the honoui-able 

committee of parliament for the propagating the gospel of Christ 
Jesus . . . together with testimony to the said fourth paper by way 
of explanation upon the four proposals of it by R. W. 1652. 
Br. jNI. E. 658 (Ms. Vermerk Thomason's „March 30th"). In dem 
Vorwort „to the truly Christian reader"' von R. W. wird als eine 
Aeusserung Cromwell's in dem Committee angeführt: ,,That he had 
rather that Mahumetanism were permitted amongst us, then that 
one of Gods children should be persecuted". 

125 *) S. ausser den angeführten Schriften und den Bemerkungen in P. W. 

n. 296. C. J. 1650 7. Juni, 13. Sept., 1651 23. Mai, 1652 10. Febr., 



272 Anmerkungen. 

Seite 

29. April, S. Okt., 1653. 11. 25. Febr. 4. 18. März, 1. April. Wie 
gross die Erbitterung in den radikalen Kreisen war , zeigen viele 
der im B r. M. aufbewahrten Flugschi'iften, welche für die Geschichte 
der englischen Revolution von unschätzbarem Werthe sind. 

126 ^) Es können hier nur einige Andeutungen gegeben werden. Grund- 

legend ist die Darstellung von Guizot. Lehrreich, namentlich 
auch mit Bezug auf die geheimen Unterhandlungen Conde"s , sind 
neben den Depeschen Salvetti's, abschriftlich im Br. M. , und 
des Yenetianers Paulucci. abschriftlich im Record-Off ice, die 
Depeschen J. Stockar's, des Abgesandten der reformirten Kantone 
der Sehweiz, der in London verweilte, um den Frieden zwischen 
England und den Niederlanden zu vermitteln. Sie befinden sich 
im Staatsarchiv zu Zürich. 

127 ^) Man muss den Schönfärbereien von Godwin u. a. Urtheile, 

wie die von Guizot I. 2S1 flf. und in den Einleitungen zu den C. 
S. P. gegenüberstellen. Milton's scharfes Urtheil s. u. ß. IV. Kap. 5. 

131 ^) Man sollte wünschen , eine kritische Schilderung des Vorganges zu 

besitzen, ,wie sie Forster für das Attentat auf die fünf Mitglieder 
gegeben hat. Ranke's Wort: „eine historisch richtige Darstellung 
dieser Scene giebt es nicht", sagt nicht zu viel. Hie und da hat 
man dem Berichte des entfernten Ludlow zu sehr vertraut. 

132 \1 Aus Stockar's Depeschen (Staatsarchiv Zürich) 22. April 1653: 

„Und ist sich hiebey zu verwundern, wie still, gutwillig, undt ohne 
einigen Tumult diese unerhörte plötzliche Veränderung vorgegangen, 
zweifelsohne weil menniglich befindt, dass solche auf das gemein 
Beste gerichtet, da aber die Factionirer einer gantz anderen Mei- 
nung und ihnen selbsten zu deme, was sie wünschen und gern 
sehen, di^e beste Hofinung machen." (In derselben Weise äussern 
sich Salvetti, Paulucci und Sagredo in seiner Relation, ab- 
gedruckt bei Berchet: C'romwell e la republica di Venezia, 1864.) 
5. Mai 1053: „Unter anderen ungemeldten Ursachen, warumb das 
Parlament dissolvirt worden, ist eine von den vornemsten, dass es 
keine Inclination solle zum Frieden (mit den Niederlanden) gehabt 
und unterstanden haben mit dem General C'romwell und etlichen 
seinen Officieren vorzunehmen, was er mit ihnen gethan." Eine 
Reihe von Zustimmungsadressen aus einzelnen Landestheilen in den 
s. g. Milton-State-Papers ed. J. Nickolls 1743 p. 90 ff. 

133 ^) Die Zahl 144, welche man mitunter angegeben findet, kommt daher, 

dass Cromwell, Lambert, Desborough, Harrison, Tomlinson, die das 
kleine Parlament selbst erst zufügte, mit eingerechnet werden. C'romwell 
spricht in seiner Eröffnungsrede (C'arlyle III. 168) allerdings von 
„above 140 I believe", allein dies stimmt mit den Listen nicht überein. 
135 ^) Ich beziehe mich u. a, auf die merkwürdige Eingabe von Samuel 
Herring, abgedruckt in den s. g. Milton-State-Papers 99— 102. 



Viertes Kapitel. 273 

Seite 

136 *) „Concerning making of marriage and burying tlie dead we believe, 
that they are no actions of a church-minister , because they are no 
actions spiritual but civil". So das Glaubensbekenntniss von 1616 
(vgl. II. 210), Hanbury I. 300. Die Akte des kleinen Parlaments 
vom 25. August 1653 in Old pari. bist. XX. 214 — 217. Spätere 
Debatten darüber s. in Burton's Diary Reg. s. v. Marriage. 

139 ^) Stockar's Depesche, 9. December 16.53 (Staatsarchiv Zü- 
rich): „Nun ist grosses Ansehen und viel Muthmassen, dass, alldie- 
weil H. General bey dieser allzu weitleuftigen verwirrten und ungleich 
gesinnten Regierung des Parlaments den aufgesteckten Zweck 
des Fridens ohne Widersprechen nicht wol erlangen kann, er 
das Parlament mit Hilff der besseren Parthey . . allerdings ab- 
schaffen und die Regierung dieser Republic uff etliche wenige 10 
oder 12 verständige patriotische Personen mit erstem zu setzen und 
zu bringen gemeint sei." 

142 ^) The government of the common-wealth of England, Scotland and 
Ireland and the dominions thereunto belonging. Old pari. bist. 
XX. 248 — 262. 

145 i)Godwin IV. 35 ff. Weingarten 154. 

146 ^) Das bekannte lateinische Gedicht scheint nicht von Milton, sondern 

von Marvell herzurühren , von dem man auch andere Gelegenheits- 
verse der Art besitzt; s. Marvell's Works ed. Grosart I. 416, vgl. 
I. 403 ff. und P. W. II. 343 ff 

147 ^) Man darf vielleicht annehmen, dass schon vor dem Erscheinen sei- 

ner zweiten Vertheidigung ein Urtheil Milton's über den Umschwung 

"R fiQ7 

der Dinge in die Oeffentlichkeit gelangt w^äre. Im Br. M. — *-ö — 

befindet sich unter Thomason's Sammlung von Flugschriften eine, 
auf der Thomason den Ms. Vermerk angebracht hat, „by Mr. John 
MiltonMay 1 6'-. Sie führt den Titel : „A | Letter | Written | To a 
Gentleman in the Coun- | try, touching the | Dissolution | of the 
late I Parliament, | And The | Reasons ] Thereof. | Senec. Troad. | 

Quaeris quo jaceas post obitum loco ? | Quo non nata jacent. | 

London, | Printed by F. Leach, for Richard Baddeley at his Shop 
within ! the Middle Temple Gate 1653. 4 ■. 20 S., am Schluss „Lon- 
don May 3, 1053. Your affectionate Servant N. LL." Dass der 
kundige Buchhändler Thomason selbst (auch in dem Kataloge sei- 
ner Sammlung) dies Pamphlet Milton zuschreibt, wird man um so 
mehr zu würdigen wissen, wenn man sich erinnert, dass er ihm per- 
sönlich nahe stand (s. o. Buch II Anhang I). Der Inhalt der Schrift 
entspricht den Ansichten Milton's. Hie und da wird man sogar an 
seine eigenen Worte erinnert, so wenn es von dem zersprengten 
Parlament heisst p. 4: „while they seemed to look direct upon the 
publick interest, their businesse was to look asquint upon their 

Stern, Milton u. s. Z. II. 3. 13 



274 Anmerkungen. 

Seite 

own: as if they had been employ'd by their country not to make 

up publick, but private breaclies . . . oppositions and conjunctions 
were laid, private interests^interven'd, (and these commonly by way 
of exchange,; needlesse tliings niightily,insisted upon, whilst thousands 
of poor creditors and petitioners starved at their door with their 
printed papers, unheard, uuregarded etc." (vgl. Def. sec. W. VII. 320. 
History of England W. V. 96). Endlich passt es vortrefflich auf 
Milton, dass der Autor p. 19. 20 von sich sagt: „I am no member 
of their councills and by a late infirmity lesse able to 
attend them" (nämlich Cromwell und seine Genossen) . . „if my 
infirmity had not been, which contin'd me to my Chamber". Da- 
gegen widerspricht es einer Ansicht Milton's, die freilich erst viel 
später, nach bittereu Erfahrungen, in der Schrift „The ready and 
easy way" hervortritt, wenn es hier S, 10 heisst: „You cannot 
allow any thing more destructive to it (a Commonwealth), than the 
continuation of mauy men in the same power". Auch würde es 
ihm gar nicht ähnlich sehn, dass er seinen Namen unter den fal- 
schen Zeichen „N. LL." verborgen haben sollte. Eher könnte man 
annehmen, dass der „Gentleman in the country" ohne Milton's 
"Wissen und Willen seinen Brief veröffentlicht hätte. Dass wir 
es wiiklich mit einem Briefe, einem Antwortschreiben, zu thun 
haben , scheinen die Anfangsworte der Schrift zu beweisen : „Sir, 
Yours of the 27th past came safe". Keinesfalls möchte ich die 
Autorschaft ]Milton's so unbedingt verwerfen, wieGodwin: History 
of the Commonwealth III. 480, der meines Wissens zuerst auf diese 
Flugschrift aufmerksam gemacht hat, aus inneren Gründen es thut. 
Masson IV. 519 — 523 scheint keinen Zweifel an Milton's Autor- 
schaft zu haben. W^er immer der Verfasser jener Flugschi'ift war, 
sie blieb nicht unbeachtet. Ein anderes Pamphlet: „Reasons why 
the supreme authority of the three nations (for the time) is not in 
the parliament, but in ,the new-established councel of State con- 
sisting of his excellence the Lord General Cromwel, and his ho- 
nourable assessors 1653" (Br. M. E. 697. 4'. Ms. Vermerk „May") 
nimmt, wie ich finde, ausdrücklich auf sie Bezug p. 27: „New for 
your further Information in this particular I have thought it not 
unexpedient to send you with this letter another of that worthy 
gentleman N. LL. written to a gentleman in the country" etc. 
Ausserdem habe ich in zwei Zeitungen, dem Mercurius Britanniens 
Nr. 3 (23. — 30. May 1653) und dem W^eekly Intelligencer No. 120 
(24. — 31. May 1653), Br. M. E. 698, ungeschickte Auszüge aus der 
fraglichen Flugschrift gefunden, das eine Mal mit der Anrede 
„Gentlemen", das andere Mal mit der Ueberschrift : „To the free- 
born people of this nation". 
147 ') Council-Book 9. Juli 1653 : „Upon the reading of the letter written 



Viertes Kapitel. 275 

Seite 

from Mr. Milton to Sir Gilbert Pickering it is ordered that Sir G. 
P. be desired to conferre with the doctors mentioned in the said 
letter, and to know from them what quantity of paper they desire 
to Import free of custom and excise towards the carrying on of 
their work of a~new translation of the bible." 

147 ") Council-Book 1653, Okt. 17 und Nov. 3; 1654, Febr. 3; 1655, April 17. 

Money- Warrant 25. Okt. 1659, s. Todd. 

148 ^) Whitelocke 645 (6. Mai 1656). Pufendorf: De rebus a Ca- 

rolo Gustavo gestis Comment. III. § 80. Gänzlich unbewiesen 
scheint mir die Behauptung, Milton sei der Verfasser eines Pane- 
gyricus auf Cromwell, der freilich Anklänge an die Def. sec. ent- 
hält: ,,Substance of a paneg}Tick of the lord general 0. Cromwell 
as presented to him by the Portuguese ambassador Don John Ro- 
deriguez de Saa Meneses . . Written in Latin', as pretended by a 
leamed Jesuit bis excellency's chaplain, but as more probablyjsup- 
posed by the celebrated Mr. John Milton"; s. A short critical re- 
view of the political life of 0. Cromwell by a gentleman of the 
:Middle Temple Glasgow 1755 p. 335 ff. Peck: Memoirs of the 
life and actions of »Oliver Cromwell etc., 1744. Forster: Statesmen 
399, nimmt die Vermuthung als richtig an. 

152 ^) Ich bin, wie schon in meinem Vortrage: Milton und Cromwell (Samm- 

lung gemeinverständlicher, wissenschaftlicher Vorträge, herausg. von 
Virchow und v. Holtzendorff, Heft 236) vielfach der Uebersetzung von 
Liebert gefolgt. 

153 1) S. 0. Anm. 1 zu S. 105. " 

154 1) Carlyle III. 263, vgl. 306, 428: „Necessity hath no law". 

157 ^) S. die Anm. 1 zu S. 105 angeführte Literatur. Das hauptsächlichste 
Material findet sich beiThurloe und in Burton's Diary. Man 
beachte daselbst IV. 157 die Bemerkung von Colonel Okey: „The 
plot which they talked on, was of several officers dissatisfied with 
the breaking the Long Parliament", 
*) Godwin IV. 175 nimmt an, die „ordinance [of assessment" vom 
8. Februar 1655 stehe mit der Protektoratsverfassung in Einklang, 
und Cromwell selbst in seiner Rede »vom 22, Januar 1655 (Car- 
lyle III. 310) sagt: ,,if I shall now raise money according to the 
article in the government" etc. Allein Art. 30 der Protektorats- 
verfassung giebt dem Protektor das fragliche Recht nur „untill the 
meeting of the first parliament". 

162 ^) In einem Nachdruck der berüchtigten Schrift: ,.Killing no murder" 
von 1743 (Br. M. 8122 b) wird „leamed Milton" p. 32 erwähnt. 

165 1) Vaughan: The protectorate of 0. Cromwell 1839. II. 442. Car- 
lyle IV. 198 lässt.den Brief irriger Weise an Morland gerichtet sein. 

167 ') Die Angelegenheit, für deren Geschichte ein reiches Material vor- 
liegt, verdient eine genauere Behandlung. Hier sei nur verwiesen 

18* 



276 Anmerkungen. 

Seite 

auf Godwin IV. 243 — 251, Guizot II. 125—128, Harl. Mise. 
VII. 578 ff. Milton's Freunde Durie und Hartlib 'nahmen an der 
Sache ein besonders lebhaftes Interesse, vgl. A case of conscience 
whether it be lawful to admit Jews into a Christian Common- 
wealth resolved by ]yir. John Dury written to Samuel Hartlib, Es- 
quire. London 1656. Br. M. E. 882, abgedruckt Harl. Mise. VII. 
240, s. auch Worthington's Diary I. 83, Kennett, Register 
p. 138 etc. 

167 2) Guizot II. 122. 

168 i)Carlyle III 259 (12. Sept. 1654): „So long as there is liberty of 

conscience for the supreme magistrate to exercise his conscience in 
erecting what form of chm'ch-government he is satisfied he should 
set up, why should he not give the like liberty to others? Liberty 
of conscience is a natural right; and he that would have it, ought 
to give it; having himself liberty to settle what he likes for the 
public." 
2)Hanbury IIL 516 nach Scobell 441. 

170 ^)Ep. fam. 27. Petro Heimbachio Dec. 18, 1657. W. VII. 406. Zu 

sehr darf man auch diese "Worte nicht pressen, da sie in erster 
Linie auf Thurloe abzuzielen scheinen. 
*)Burton's Diary IL 358. Vaughan IL 447. Guizot. Akten im 
Record-Office. 

171 1) W. Vn. 242. 243. 

^) Ich habe über diese und die Angelegenheit der Waldenser ausführ- 
lich gehandelt in einem Aufsatze: „0. Cromwell und die evangelischen 
Kantone der Schweiz" (v. Sybel's histor. Z eitschrift. N. F. IV. 
52—99), dem ich hier folge. Daselbst sind in erster Linie benutzt 
worden R. Vau gh an: The protectorate ofO. Cromwell (die Korrespon- 
denz von Pell, Morland, Thurloe, Hartlib etc.), London 1839, 2 Vols. 
Morland: The history of the evangelical churches of the Valleys 
of Piemont. London 1658. J. Leger: Histoire generale des eglises 
evangeliques des vallees de Piemont, Leyde 1679, die Eidgenös- 
sischen Abschiede und vor allem das ausserordentliche reiche 
Matei'ial des .Staatsarchivs zu Zürich. Manche der Doku- 
mente, die Hamilton aus dem Record-Office mittheilt, finden sich 
schon bei Morland oder bei Guizot. 

^) W. vn. 229. Im Originale des Schreibens zu Zürich findet sich das 
Datum „28. die Novembris 1653". Daselbst bemerkt man noch an- 
dere, geringfügige Abweichungen vom Druck, die bei einer sehr 
nöthigen, kiütischen Ausgabe der prosaischen Werke Llilton's zu 
berücksichtigen wären. 

172 1) Guizot IL 347 ü. „Avis ä INlr. le cardinal 21 Julliet 1654". " 
174 ^) On the late massacre in Piedmont. P. W. II. 485. 

*) Hamilton 18. Auch innere Gründe sprechen dafür, dass diese 



Fünftes Kapitel. 277 

Seite 

Rede von ^lilton ausgearbeitet ist. Dagegen lässt sich durchaus 
nicht sagen, ob Theile der Druckschrift „Sabaudiensis in reforma- 
tam religionem persecutionis brevis narratio . . 1655" (Hamilton 24) 
Milton angehören. 

176 ^) 17. Sept. 1656. Carlyle IV. 399. 

177 1) W. VII. .345—368; vgl. die Bemerkungen von G odwinIV. 217—219. 
*) Hamilton 9, Das Datum .,Aug. 1658" ist indess zu verbessern, 

denn Lockhart verliess England Anfang 1656. 

178 ^)Nach W. VII. 321 — 324 wären es je zwei Schreiben. Es sind 

aber wohl die beiden ersten Briefe nur Entwüi'fe, s. auch Guizot 
II. 309. 

179 ^) Es kann selbstverständlich nicht die Absicht sein, hier eine Ge- 

schichte der auswärtigen Politik des Protektors zu geben. Nur 
die Thätigkeit Milton's im Dienste dieser Politik, die Bedeutung 
der ., Staatsbriefe" ist hervorzuheben, üeber das Verhältnis des 
Protektors zum gi'ossen Kurfürsten verbreiten neuerdings die „Ur- 
kunden und Aktenstücke" u. s. w., herausg. von Erdmann s- 
dörffer, ein helles Licht. 

Fünftes Kapitel. 

181 ^) „My son John was born on Sunday, 3Iarch the 16th about hälfe an 
houre past nine at night 1650". Add. Mss. 4244, ungenau abge- 
druckt bei Hunt er 34. 
188 ^) S. die ausführlichen Dokumente bei Hamilton. 

2) „My daughter Deborah was born the 2n(i of May, being Sunday 
somewhat before 3 of the clock in the morning 1652". Add. Ms. 
4244, bei Hunt er 34. S. für das Folgende Phillips. Auf die 
zwei Todesfälle seiner Frau und seines Söhnchens bezieht sich ohne 
Zweifel die Anspielung in der Autoris pro se Defensio (W. VI. 336) : 
„duorum fimerum luctus domesticus". 

^) Eight of the psalms done into verse 1653. P. W. III. 20 — 29. 
IL 31.5, 316. 

*) On his blindness. P. W. IL 485, 300. 
184 1) Mitford: Live of Milton (W. L p. CLXVI). 

^) A u b r e y , Phillips. 

^) S. über C. Arnold (1627 — 85) Jöcher's Gelehrtenlexikon und die 
allg. deutsche Biographie nach Will's Nürnbergischem Gelehrten- 
lexikon. Der angeführte Brief vom 7. August 1651 steht in Georgi 
Richteri ejusque familiarium epistolae selectiores Norimbergae 
1662 p. 482 ff. Arnold's Album, Br. M., Egerton Ms. 1324, da- 
selbst Milton's Eintrag f 85 b. Ein anderer eigenhändiger Album- 
Eiutrag Milton's ist den englischen Forschern bisher unbekannt 
geblieben. Er findet sich in dem „Album amicorum Johannis 



278 Anmerkungen. 

Seite 

Zollikoferi Sangallensis S. Th. st," (Bibliothek der Vadiana, 
St. Gallen No. 92 a), -welches mir von H. Dr. Dierauer in St. Gallen 
bereitwillig zur Einsicht überschickt worden ist. Zolükofer , geb. 
1633, gest. 1692 als reformirter Pfarrer, verweilte 1656 in England. 
Obwohl ]Milton damals vollkommen blind war, lässt doch die Schrift 
des betr. Album-Eintrags keinen Zweifel darüber, dass sie von sei- 
ner Hand stammt, doch sind die Zeilen und Buchstaben schief 
genug. Der Eintrag lautet in Anlehnung an II. Korinther 12, 9: 
.,ti' uaSfTeia Tflfi vjucig, Londini 26. Sept. Joannes ISIiltonius". 
Das Album enthält auch Einzeichnungen von mehreren, Milton nahe 
stehenden Personen, wie Th. Haak, S. Hartlib, J. Durie, ebenso von 
Comenius, Menasseh-Ben-Israel etc. 
185 1) Drei Briefe Milton's an Heimbach (W. YII. 398, 406, 409) 8. Nov. 
1656, 18. Dec. 1657, 15. Aug. 1666 (der letzte „Petro Heimbachio 
electoris Brandenburgici consiliario", die Antwort auf einen Brief 
Heimbach's „Clivopoh ubi electorali soUo vivimus a consilio 6. Juni 
1666", abgedi-uckt in Mitford's Life of Milton, W. I. p. CXGYI.). 
Aus dem zweiten der INIilton'schen Briefe ist schon oben S. 170 
eine Stelle benutzt' worden. Ueber Heimbach's Vater s. das Re- 
gister der Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des grossen 
Kurfürsten. Eine biographische Xotiz über P. v. Heimbach findet 
sich in Wass enberg: Embrica, Clivis apud Tobiam Silberling 
1667 fol. p. 284: „Petrus ab Heimbach, Embricensis Winandi ab 
Heimbach ducatus Cliviae et Marcani comitatus , cum superesset, 
cancellarii, serenissimo de electore atque tota de republica summe 
meriti, praeclarus filius ac virtute fere omnium paternarum haeres 
suoque vates lauro dignus, Serenissimi Anhaltini principis consilia- 
rius. Memoi'iam meritissimi sui patiüs heroico carmine posteritati 
pius commendavit, Trajecti ad Rhenum apud Giobertum a Zyll in 
fol. Edidit et alia et inter caetera ingenii exercendi gratia Olive- 
rium Cromwellium heroico quoque versu et vere masculo celebravit 
(ohne Zweifel eine Verwechselung mit der Schrift: Petri ab Heim- 
bach, G. F. ad serenissimum , potentissimumque principem, Oliva- 
rium D. G. Magnae Britanniae protectorem . . . adlocutio gratula- 
toria Londini Ex typogi-aphia Jacobi CottrelU MDCLVI. 35 S. fol 
B r. M. E. 1069). Habet et pluscula parata propediem in lucem 
proditura." Die Nachricht, dass P. v. Heimbach anhaltinischer 
Rath gewesen sei, hat sich nach gefälliger Mittheilung des H. Geh. 
Archivrath Siebigk in Zerbst bisher nicht bestätigt, hingegen 
findet sich, wie mir H. Dr. Isaacsohn aus Archivalien in 
Berlin zu übermitteln die Güte hat, dass H. im März 1659 zum 
Rath und kiu-brandenburgischen Historiographen bestellt wurde. Im 
April des J. 1664 wm"de er zum titulären clevischen Regierungsrath 
gemacht. Da ihm indess keine Gelegenheit zu praktischem- Wirken 



Fünftes Kapitel. 279 

Seite 

geboten wurde, nahm er im August des J, 1666 seine Entlassimg. — 
Heimbach's Aufenthalt in England wird durch folgende Notiz aus dem 
Archiv von Arolsen beleuchtet, die ich der Güte des H. Prof^ 
Erdmannsdörffer verdanke: In einem Berichte des brandenbur- 
gischen Residenten Schlezer an den Grafen Waldeck (London 6. Juni 
st. V, 1GÖ6) wird erwähnt, dass neuerdings der niederländische Ge- 
sandte sich etwas zurückhaltend gegen Schlezer benehme und weiter 
bemerkt: „Denn in der Visite, die er mir gestern gab, konnte ich 
ihn auf keine Staatssachen bringen, und das fürnembste Subject 
war, dass er gern wissen wollte, warum des gewesenen churf. Canz- 
lers zu Cleve Sohn, der unlängst wie eine particuliere Person an- 
hero kommen, sich aber mehr als ordinarie mit einem Train prae- 
sentirt, hie sei und was er fürgebe. Ich halte, der Ambassadeui- 
stehe in den Gedanken , dass er von dem Hause Orange eine se- 
crete Commission habe und ich habe dieselbe Muthmassung. Weil 
er sich aber noch zur Zeit nichts gegen mir äussert, lass ich's auch da- 
hin gestellt sein. Wäre es aber so, könnte es nicht schaden, dass 
wir miteinander darum conferirten. Ich vermerke so viel, dass 
ihm der verwitweten Königin von Böhmen alhie habende Forderun<T 
recommandiret sei, woraus ich das übrige beschliesse. Es ist sonst 
diser M. Heimbach noch ziemlich jung, kommt nur gleich von den 
Academieen und gibt vor, 'der Herr Protector hab ihm eine Pro- 
fession zu Oxford offeriret, weshalben er herüberkommen sei. Das 
dünket mir aber gar zu ein frigidum Schema zu sein." — Heimbach 
konnte die Bekanntschaft Milton's um so leichter machen, da der 
Agent des grossen Kurfürsten, Schlezer, im Hause Hartlib's, des 
intimen Freundes Milton's, wohnte; s. Worthington's Diarv 
I. 66. 
185 2) Ep. fam. 23 und 26, W. VII. 401, 405. 

^) Darauf bezieht sich ein Brief Aitzema's an Milton vom 29. Januar 
1655 (Mitford: Life of Milton, W. L p. CXCVII) und Milton's 
Antwort vom 5. Febr. 1655, W. VII. 394. Nach gefälliger :Mitthei- 
lung von H. Professor deHoop-Scheffer in Amsterdam ist von 
einer holländischen Uebersetzung Milton'scher Schriften über die 
Ehescheidung nichts bekannt. 
187 1) Williams Brief an Winthrop u. a, bei Knowles 261—264; vgl. 
ausserdem Palfrey, Greene- Arnold. Auszüge aus dem Brief- 
wechsel zwischen Williams und Mrs. Sadleir, einer Tante C. Skin- 
ner's, über Milton bei Elton: Life of R. Williams, Providence 1853, 
und Masson IV. 529 — 531. Es kann kein Zweifel darüber be- 
stehn, dass jener R. W., der die oben S. 124 Anm. 1 erwähnten 
„Four Proposais" herausgab, niemand anders war, als Roger Wil- 
liams. Denn in einer Randnote des „Testimony" p. 14 sagt der 
Autor: „The füll debate of this point may bo seeu in that great 



280 Anmerkungen. 

Seite 

controversie of the bloody tenent between Mr. Cotton and myself." 
Die im Text erwähnte Schrift von "Williams führte den Titel : .,The 
hireling ministry none of Christs or a Discourse touching the 
propagation the gospel of Christ Jesus" etc., 1652. Br. M. 
702. d. 12. 
188 ') Die Sonette: ,.to Mr. Lawrence", „to C}'riack Skinner", „to the 
same", P. W. II. 486—487, Kommentar II. 301—308. Unter den 
„particular friends" Milton's „that had a high esteem for him" 
nennt Phillips: „Mr. Andrew Marvel, young Lawrence, Mr. March- 
mont Needham, but above all Mr. Cyriack Skinner", unter denen, die 
ihn häufig besuchten , „particularly my lady Ranala, whose son for 
some time he instructed". 
2)Godwin. Räthselhafter Weise ist „Satj-re against Hj-pocrjtes" in 
einem Exemplare des Br. M. (161. k. 21. Ed. 1710) als ein Werk 
„Mr. John Milton's" bezeichnet. 

191 ^) The complete works in verse and prose of A. Marvell ed. A. B. 

Grosart (Füller Worthies' Library), 4 Vols. 1872 — 75, Aus Mar- 
vell's Brief an Milton vom 2. Juni 1654 (s. o. Anm. 1 zu S. 111) geht 
hervor, dass auch der Geistliche John Oxenbridge, damals Fellow in 
Eton, mit Milton bekannt war. Denn er beauftragt Marvell, je ein 
Exemplar seiner Vertheidigung an Bradshaw und an Oxenbridge zu 
geben. S. Näheres über Oxenbridge bei A. B. Grosart I. 5. 

192 i)Thurloe, S. P. IL 61, 140, 441. Vaughan L 118 und Reg., 

s. V. Hartlib. (Auch Haak wird bei Vaughan I. 7. IL 242, 260, 
290, 389 etc., sowie in den gleichzeitigen eidgenössischen Abschieden 
erwähnt.) Die Titulatur „Sekretär" findet sich in der unten ange- 
führten Beschreibung des Leichenbegängnisses Cromwell's. 

2) S. das Verzeichnis der Schriften Hartlib's bei Dircks. 

2)Burton's Diary IL 313. Durie langte im Frühjahr 1657, Pell im 
Sommer 1658 wieder in London an. 

193 1) Vaughan IL 447. 

*) The true and ready way to learne the Latine tongue etc. presented 
to the unpartiall both publick and private considerations of those 
that seek the advancement of learning in these nations by Samuel 
Hartlib. London 1654. Br. M. 236, c. 30. Für die übrigen An- 
gaben vgl. Boyle's Works V. 270, 278, 282. 

194 ') S. den Briefwechsel Hartlib's mit Worthington ed. Crossley, so- 

wie denjenigen mit B o y 1 e (Boj-le's Works I und V , daselbst V. 
p. 397 der Brief Evelyn's). Ueber die Anfänge der Royal Society 
s. 0. Buch IL 401 und den Brief von Wallis an Boyle (Boyles 
Works I. 25\ 
2) Hartlib an Boyle 2. Febr. 1658 (Boyle's Works V. 270) : „I shall 
not be wanting to obtain that secret, which hath been imparted to 
]Mr. Milton. It may be the publick gentleman, that sent it unto 



Fünftes Kapitel. 281 

Seite 

him will let me have a copy, in case the other should not come 
off readily with the communication of it. But if yours would ask 
it from Mr. Mi 1 ton, I am confident, he would not deny it." — 
Beiläufig sei bemerkt, dass Haak, Pell, Dury, Marvell, Oldenburg 
in dem Briefwechsel Boyle's und Hartlib's vorkommen. 

195 1) S. über Lady Ranelagh (1614— 1691) Worthington's Diary and 

Correspondence I. 164 ff. Boyle's W. I. 85 nach Burnet und 
eine ausführliche Biographie in J. Anderson: Memorable women 
of the Puritan times IT. 108—144; vgl. oben B. II. 395. 
*) Nobilissimo adolescenti Richardo Jonesio Ep. fam. 19, 22, 25, 30. 
W. VII. 

196 ^) Milton's Briefe an Oldenburg Ep. fam. 14 (schon oben benutzt), 

18,24,29. W. VII. Ueber Oldenburg selbst S.Wood und Wor- 
thington's Diary Reg., sowie Boyle's Works, lieber Morus 
s. Anhang II. Er starb 1670. 

2) Emerico Bigotio Ep. fam. 21. W. VII. 399. S. über Bigot (1626 — 
1689) Zedier, Gui Patin lettres III. 77, Burmanni, Syllog., 
wo er häufig erwähnt wird, z. B. V. 19 in einem Briefe des Hein- 
sius als „vir officiosissimus et qui nobilitatem gentis cultu literarum 
egregie exornat". Auch Dati gehörte zu Bigot's Korrespondenten, 
s. Lettere di Carlo Ruberto Dati, Firenze 1825, nella stamperia 
Magheri p. 149. Die Schrift „de modo tenendi parlamenta", nach 
der sich Bigot bei ^lilton erkundigt hatte, ist am besten 1846 von 
Sir Thomas Dufifus Hardy edirt. Der „fecialis cui actorum (in arce 
Londinensi) custodia mandata est", von dem Milton sagt: „quo ipse 
utor familiariter" , ist identisch mit William Ryley, auf den 
Prynne folgte (nach gef. INlittheilung von H. W. D. Hamilton). Stoup- 
pius, den Milton erwähnt, ist genügend bekannt aus Burnet. 

^) Joanni Badiaeo pastori Arausionensi Ep. fam. 28. W. VII. 406 — 408. 
S. über Labadie (1610 — 1674) Zedier: Universallexikon und die 
daselbst angeführte, grosse Literatur. ^lilton scheint gewisse Ge- 
rüchte, die sich an Labadie's Namen hiengen, nicht geglaubt zu 
haben. Uebrigens kam L. nicht nach England. Er führte auf dem 
Festlande ein Wanderleben, das in Altona endigte und Hess die 
Sekte der Labadisten zurück. 

197 ^) S. zwei Briefe von Sandelands an Milton vom 15. Jan. und 29. März 

1653, welche Mrs. Everett Green im Record-Office aufgefunden hat, 
bei Masson IV. 490 — 494; vgl. daselbst V. 227, 706. 
*) On his deceased wife P. W. IL 487. Phillips. Hunter. Die 
Einträge über den Abschluss der Ehe (vor dem Standesbeamten) 
wie über die Geburt des Kindes, seinen und der ^lutter Tod aus 
den Pfarr- Registern bei Masson V. 281, 376, 382. 

198 *) The Cabinet-Couucil : Containing the ( hief Arts | Of | Empire, ! And 

Mysteries of State; \ Discabineted | InPolitical andPolemical Apho- 



282 Anmerkungen. 

Seite 

risms, grouuded on Authority, and Experience; i And illustrate. 
with the choicest | Examples and Historical ' Observations. | By the 
Ever-renowned Kniglit, ' Sir Walter Raleigh, I Published By John 
]NIilton Esq. ; Quis Martern tunicä tectum Adamantinä digne scripse- 
rit? I London, Printed by Tho. Kewcomb for Tho. Jobn- | son at 
tlie sign of the Key in St. Pauls Chm-cli-yard, | near tbeWest-end. 
1658. |l2^ 199 S.' Br. M. 521. b. 27. Dasselbe unter dem Titel: 
The Arts of Empire And INIysteries of State Discabineted etc. 
London 1692. 8". 238 S. Br. M. 8006 a. Aufgenommen in Ra- 
leigh's Works (1829) VIII 35 — 150 (daselbst VIIL 1—35 noch 
Maxims of State. Todd 172 hat schon auf die Verwirrung auf- 
merksam gemacht, welche bei Wood hierüber herrscht. 
201 ^j „Secretaries of the French and Latin tongues, Mr. Dradon, Mr. 
Marvel, Mr. SteiTy, Mr. JohnMilton, Mr. Hartlibbe, Sen", s. „The 
death, funeral order and procession of bis highness the most illu- 
strious Oliver Cromwell . . The whole of this faithfuUy copied from 
the Ms. of the rev. John Prestwich, feUow af All Souls' College, 
Oxford", abgedruckt in Burton's Diary IL 516 — 529 und bei 
Forster, 0. Cromwell Appendix L. p. 639 — 042. 
*;Marvell: A poem upon the death of his late highness the lord 
protector (Works I. 192 — 206). Dryden: Heroic stanzas etc. 
Poetical Works Ed. Christie 1874 p. 5 — 11). Waller: Upon the 
death of the Lord Protector (Works Ed. 1772 p. 97. Dryden's 
und Waller's Gedichte erschienen mit einem dritten von Sprat 
verbunden 1659 1. Cowley: A discourse by way of vision con- 
cerningthe govemment of 0. Cromwell (Works Ed. 1710. II. 624—671). 

Sechstes Kapitel. 

202 i)W. VIL Hamilton. 

204 ^) S. über verton: Guizot: Histoire du protectorat de Richard Crom- 
well I. 89 ff., daselbst Angabe der Quellen. 

206 i)S. z. B. Burton's Diary IIL 403, IV. 328. 

2) Die Petition vom 12. Mai 1659, Old pari. bist. XXL 403, der 
Auszug aus Vane's Rede bei For st er 330. Am 27. Juni 1659 
wurde eine Petition auf Abschaffung der Zehnten zurückgewiesen. C. J. 

207 ^) A I Treatise i Of | Civil power j In \ Ecclesiastical causes: ! Shewing | 

That it is not lawfull for any | power on earth'to compell | in mat- 
ters of ReHgion i The author (Name oder Initialen herausgeschnit- 
ten) London, Printed by Tho. Kewcomb, i Anno 1659. 12". 83 S., 
vorher 5 Bl. Widmung. Br. M. 1019. b. 18. W. V. 302—336. Ueber- 
setzung bei Bernhardi I. 3 — 28. Eintrag in den Stationers' Re- 
gisters : „The 16tii of February 1658 Tho. Newcomb. Entred for 



Sechstes Kapitel. 283 

•Seite 

his Copie unJer the band oi Mr. Pullejii warden a booke called a 
Treatise of Civil Power in Ecclesiastical causes by John Milton." 

211 1) S. die Ordonnanz Old pari, history XIX. 323—326, vgl. Burton's 
Diary I. 392 und Reg., s. v. „Blasphemy". 

211 2)Hanbury III. 516 nach C. J. VII. 575. 

212 ^) Wall's Brief, dat. Causham, May 26, 1659, in Milton's W. ed.lBirch 

I. in der Vorrede R. Barou's zum Eikonoklastes. 
^) Considerations [ Touching | Tbe likeliest means to remove | Hirelings 1 
out of the church. | Wherein is also discourc'd , Of iTithes, Church- 
fees, I Church- revenues ; | And whether any maintenance | of mini- 
sters can be settl'd by law. | The author J. M. I London: | Printed 
by T. N. for L. Chap- [ man at the Crown in Popes- | head Alley. 
1659. Br.M. E. 2110. 153 S. 12". Ms. Vermerk Thomason's „Aug." 
W. V. 337—388. Uebersetzung bei Bernhard! III. 128 ff. 
215 ^) Eine Reihe von Schriften über die Frage der Zehnten aus der Zeit 
noch vor Errichtung der Republik konnte ich in einem Sammel- 
bande der göttinger Bibliothek bist. ]M. B. 63 b einsehn. Schriften 
aus den Jahren 1652, 1653 im Br. M. E. 656, 683, 687. Die Stelle 
aus W. Pr y nne' s The Sword of Christian magistrate supported etc. 

4105 c 
1653. B r. M. — ^^-^ p, 144 : „Hereticks and schismaticks seduced to 

blind obedience by blind leaders", könnte immerhin auf !Milton 
gehen. Milton spielt an auf Prynne's Ten considerable queries con- 
cerning tythes 1659. 
218 ^) Ganz ähnlich in der Schrift: Christs' order and the disciples prac- 
tice concerning the ministers maintenance etc., s. a. (Sammelband 
der [göttinger Bibl. h. M. B. 63 b) . . „it were farre more apostoli- 
call and christianlike to labour as Paule did with his owne hands 
than to force or require a subsistence in such a manner as being 
never appointed". 

221 ^) Vgl. die betr. Abschnitte bei Weingarten, daselbst 242 über 

Vane, und R. Barclay: The inner life of the religious societies 
of the Commonwealth, London 1876; 'namentlich 197, 272, Appen- 
dix zu Ch. XVI: Petition from friends to the coimcil of the Lord 
Protector 1658. 

222 ') Clarendon St, P. IIL 527: „Vane now believes the king will at 

one time or other obtain the crown , the nation being dissatisfied 
•with any other government" (16. Juli 1659). 

224 ^) A letter to a friend concerning the ruptures of the Commonwealth. 

Publish'd from the Manuscript (zuerst vonToland veröflfentlicht), 
dat. 20. Oct. 1659. W. V. 400 — 405. 

225 1) H. Oldenbm-go, 20. Dec. 1659. W. VIL 408. 

231 ^) The Readie&Easie 1 Way : ToEstablish ! A 1 Free Commonwealth. ' 
And 1 The Excellence therof | Compar'd with | The iuconveniences 



284 Anmerkungen. 

Seite 

and dangers of | readmitting kingship in this nation. | The author 
J. M. (Ms. Ergänzung „ilton") London, (Ms. Note Thomason's „March 3. 
1659) Printed by T. N. and are to be sold by Livewell Chapman | 

at the Crown in Popes-Head AUey 1660. 18 S. 4". Br. M. ^^^^. 

Ein Originalexemplar der sehr erweiterten zweiten Auflage dieser 
Schrift, wie sie sich in 3Iilton's Werken (W. V. 420 — 455) abge- 
druckt findet, ist heute nicht mehr bekannt. Uebersetzung bei 
Bernhardi IH. 165 ff. 

231 ^) „Ich habe einst dem Sulla meinen Rath gegeben und will ihn nun 
dem Volke geben". Es scheint mir unmöglich, dies Motto, wie 
einige es haben thim wollen, auf Monk zu beziehen. Denn der 
Brief an Monk, mit dem Milton seine Schrift an Monk übersandte, 
und auf den er einzig mit jenem Motto hätte anspielen können, 
blieb dem grossen Publikum ganz unbekannt, da Milton ihn nicht 
veröffentlichte. Sein Motto wäre also auf Monk bezüglich ganz un- 
verständlich gewesen. 

238 ^) „The populär State is the government of a State by the choicer sort 
of people, tendiiig to the public good of all sorts viz. with due 
respect of the better, nobler and richer sort . . A Commonwealth 
is the swerving or deprivation of a free or populär State or the 
government of the whole multitude of the base and poorer sort 
without respect of the Orders." Raleigh: Maxims of State (Works 
VIII. 8, 4). 

241 ^) Dass dies Milton's Meinung war , ergiebt sich erst recht deutlich 

aus dem noch zu erwähnenden Briefe an Monk. 

242 ^) W. 455 — 457. Auch dies Aktenstück kam auf die gleiche Weise 

wie das oben S. 224 besprochene in Toland's Hände und wurde zu- 
erst von ihm Iveröffentlicht , „from the Ms." Symmons, Keightley 
u. a. versetzen diesen Brief irrig in's Jahr 1659. 
*) Einige solcher Briefe an Monk enthält z. B. der Sammelband E. 1016 
im Br. M. 

243 ^) Dahin mag z. B. gehören „Englands Monarchy Asserted" etc. (1660, 

March 8,) Br. M. E. 1016 p. 2. : „These subtle men know well 
enough, that there is no easier way to cheat us of our best 
condition than by the hope of enjojing it in a better manner". 
Man kann anch dahin rechnen die Schrift von Gauden: „y.ay.ovQyot 
sive Medicastri etc. set forth in a sermon preached in S. Paul's 1659, 
Febr. 28." Br. M. E. 1019. p. 97: „It is but the capricious and 
ridiculous conceit of some fine men who want employment to send 
this now languishing State of Englaijd and the other two adjacent 
antient and united Kingdomes to Mars his hill in Athens or to 
the Lacedemonian Sparta or to the Pioman Capitol or to the Ve- 
netian Arsenal" etc. 



Sechstes Kapitel. 285 

Seite 

244 ^) The Oceana and other works of James Harrington collected by John 
Toland 3 Ed. 1747. 
*) The Censure of the Rota upon Mr. Miltons Book, intitled The 
readj' and easy Way to establish a free Commonwealth. Die Lunae 
26 Martii 1660. Ordered by the Rota, that Mr. Harrington be desi- 
red to draw up a Narrative of this Day's Proceeding upon Mr. 
Milton's Book, called The ready and easy Way etc. And to cause 
the same to be forthwith printed and published and a Copy thereof 
to be sent to ]Mr. Milton. Trundle Wheeler, Clerk to the Rota. 
Pr. at London by Paul Giddy, Printer to the Rota . . 1660. 4". 
16 S. Br. M. E. 1019. Ms. Vermerk Thomason's „MarchSO"; ab- 
gedruckt in Harleian Mise. 4". IV. 179 — 186 Br. M. 

246 1) The | Bignity Of l Kingship | Asserted : | In Answer to Mr. :\rilton's ' 

Ready and Easie way to establish a Free Common Wealth. | Pro- 
ving that Kingship is both in it | seif, and in reference to these 
Nations, | fan-e the most Excellent Government, and the ; retuming 
to our former Loyalty, or Obedi- | ence thereto is the only way under 
God to restore \ and settle these there once flourishing, now | lan- 
guishing, broken & almost ruined Nations. | By G. S, a Lover of 
Loyalty. ' Humbly Dedicated and Presented to bis most | Excellent 
Majesty Charles the Second, of England | Scotland, France and Ire- 
land, True Hereditary King. ! London, Printed by E. C. for H. Seile 
over against | St. Dunstans Church in Fleet-street and for "W. Pal- 
mer at the I Palm-tree over against Fetter-laue-end in Fleet-street, 
1660. 12 '. 179 S., am Schlüsse des Druckfehlerverzeichnisses „From 
my Study Mar. 29. 1660". Br. M. E. 1915 (auf dem Titel hand- 
schriftlich „May"). Eintrag in den Stationers' Registers „31 March 
1660". Am Ende der Dedikation steht: „Your majesties unworthy 
most humble orator G. S." Der Schrift ist eine „Peroration to bis 
Excellencie the L. G. Monck and both houses of parliament" an- 
gehängt. 

247 ^) T d d. Dagegen könnte sprechen, dass der Verfasser erklärt, kein 

Politiker von Beruf zu sein, p. 6: „The afifairs of politick forms 
are besides my practice". 

249 1) The Fear of | God \ And The | King. I Press'd in a Sermon, | Preach'd 

at Mercers 1 Chappell, on the 25th of ] March, 1600. j Together 
With A brief Historical account of the Causes of ', our unhappy 
Distractions, and the onely | way to Heal them. ' By Matthew Grif- 
fith, D.D. I and Chaplain to the late King. , London, | Printed for 
Tho. Johnson at the Golden | Key in St. Pauls Church-yard, 1660. 
12^ Im ganzen 106 S. Br. M. E. 1918. Eintrag in den Statio- 
ners' Registers „31 March 1660"; s. über Griffith: Wood. 

250 *) Brief Notes upon a late sermon, titl'd The feai- of God and the 

King. Preach'd and since publish'd by ISlatthew Griffith , D. D. 



286 Anmerkungen. Sechstes Kapitel. 

Seite 

and chaplain to the late King. Wherin many notorious wrestings 
of scripture and other falsities are observ'd. W. V. 389—399. Im 
Br. M. ist kein Originalexemplar dieser Sctrift vorhanden. 
250 *)S. über R. l'Estrange Wood etc. Wichtig füi- l'Estrange's Bio- 
graphie ist die Schrift : To the right honorable, Edward earl of Cla- 
rendon, the humble apology of R. l'Estrange . . 3. Dec. 1661. ßr. 
,, E. 1956 

^) No I Blinde Guides, ' In Answer To a seditious Pamphlet of 1 J. 
Milton's Intituled Brief Notes upon a late Sermon Titl'd, the 
fear of God | and the King ; 1 Preachd, and since Publishd, By 1 Mat- 
thew Griffith, D. D. And Chaplain to the | late King etc. 1 Addressed 
to the Author. ] If the Blinde lead the Blinde , Both shaU fall into 
the Ditch. | London Printed for Henry Browne April 20. 1660. 4". 

•p 1021 
14 S. Br. M. • -., (handschriftUch aux dem Titelblatt April 25). 



Anhang L 



Ueber eine bisher unbekannt gebliebene Korrespondenz 

Milton's. 

Die Anzahl der bekannten Privatbriefe Milton's ist, wie jeder Kenner 
seiner Werke weiss, eine sehr geringe. Auch von den Briefen, welche an 
seine Adresse gerichtet waren, so gross ihre Masse gewesen sein muss, 
haben sich leider nur wenige erhalten. Es ist daher als ein besonderer 
Glücksfall zu betrachten , wenn bisher unbekannte Stücke dieser Privat- 
korrespondenz des Dichters an's Licht kommen. Man wird sie vielleicht 
überall eher suchen, als in einem deutschen Archive, und doch gewährt 
eines derselben na'ch dieser Richtung hin eine interessante Ausbeute. Es 
ist das grossherzogliche Haus- und Centralarchiv in Oldenburg, woselbst 
sich nebst einer Anzahl von Briefen das Tagebuch des Landrichters Her- 
mann Mylius befindet, den der Graf Anton Günther von Oldenbiu-g im 
Sommer 1651 als ausserordentlichen Gesandten nach London schickte. 
Seine Aufgabe war, vom englischen Parlamente für die Territorien seines 
Herrn eine „Salva-Guardia" zu erwirken, die während des englisch-nieder- 
ländischen Krieges von Wichtigkeit sein musste. Durch G. A. von Ha- 
ie m's Geschichte des Herzogthums Oldenburg II. 439 (daselbst II. 491 
Näheres über Mylius) auf das .,Diarium des Landrichters H. Mylius, seine 
Reise nach England betreffend", aufmerksam gemacht, schien es mir um 
so wichtiger, Einblick in dies Schriftstück zu erhalten, da Mylius als einer 
der Korrespondenten Milton's bekannt war. Der Vermittlung des H. Dr. 
M s e n und der Gefälligkeit des H. Ministerialrathes R o m e r in Oldenburg 
habe ich es zu danken, |dass ich Mylius' Tagebuch durchlesen und aus- 
ziehen konnte. Leider ist es grossen Theils sehr schlecht geschrieben, 
auch lückenhaft, imd die erkennbare Absicht, die Kladde in eine Rein- 
schrift umzuwandeln, ist nur unvollständig dAchgeführt. Dennoch fügt 
es einer Biographie Milton's sehr schätzbare neue Materialien hinzu. Es 
enthält nicht nur abschriftlich |einige bisher unbekannt gebliebene Briefe 
des Dichters, die ich zur besseren Verbreitung in England in der Aca- 

I 



288 Anhang I. 

demy vom 13. Oktober 1877 und vom 6. Juli 1878 bereits veröffentlicht habe, 
sondern es ist reich an Mittheilungen über ihn, welche man ungern missen 
würde. Mylius stand, wie sich aus seinen Aufzeichnungen ergiebt, mit 
Milton persönlich auf einem ebenso vertrauten Fusse wie mit Fleming, 
W'eckherlin, Durie, Hartlib, Haak, deren er an vielen Stellen 
seines Tagebuchs gedenkt. Er war von hoher Achtung gegen den Mann 
erfüllt, den er einmal „magnum Miltonium" nennt, „der des Salmasii de- 
fensionem regis anglice refutirct", und Milton seinerseits erwies ihm Ge- 
fälligkeiten, die ihm sein Amt beinahe nicht erlaubt hätte. Eben seine 
amtliche Thätigkeit in den ersten Jahren der Republik wird an einem 
greifbaren Beispiele durch die Blätter von Mylius' Tagebuch unserer An- 
schauung klar gemacht. Aber auch seine persönlichen Verhältnisse, die 
Art und "V^'eise seines Gesprächs und Umgangs werden hier in dankens- 
werther Weise beleuchtet. Ich habe daher Mylius meistens selbst sprechen 
lassen, ohne seine Schreibung und Interpunktion streng beizubehalten. 

Von Interesse ist schon die Schilderung der Audienz, welche ein Aus- 
schuss des Staatsraths Mylius am 20. Oktober 1651 ertheilte. Er erzählt, 
wie er mit Fleming nach Whitehall gefahren, wie sie „endlich in eine mit 
schönen tapetten behangene kammer gangen, der herr Fleming aber etwas 
abgetretten, bald widerkomen und hat mich mit in die audience geführt, 
da die harren commissari, als herren "Whitlock, magni sigilli custos, Henry 
Fene [Vane], Henry Mildmay, John Trever [Trevor] an einem langen tisch 
auf einer seite gesessen(*), hen-Miltonius ad dextram primi gestanden; 
auf der anderen seite . . ist ein lediger stul gestanden, da nach abgelegter 
reverentz ich mich niedergesetzt und mit folgenden praeambulibus meine 
person legitimirt und das creditiv in autographo et copia latina et angli- 
cana überreichet . . "Wie dieses angenommen, habe ich mich gesetzet, der 
herr Fleming aber ist mir zur linken stehend gepliben und habe ich meine 
proposition in substantialibus und auch mehrentheils in formalibus . . ab- 
gelegt, da dan eine sonderbare aufmerkung auch verzeichnus meiner gar 
langsam ausgesprochenen phrasium, wobei auch der herr Miltonius 
sehr attent sich bezeiget, zweifelsohne aus denen Ursachen, ob ich auch 
meine petita andersten als mündlich vorgebracht einrichten würde, ver- 
spüret und wargenommen. Inseratur (hierauf folgt die petitio parlamento 
reip. Angliae nomine . . comitis in Oldenburg . . exhibita). Nach ge- 
endigter . . proposition haben die herren commissarii unter einander ge- 
redet und bald der mittelst unter ihnen, herr "\Miitlock custos magni sigilli, 
auf englisch, welches der herr Miltonius lateinisch wiederholen müssen, 



1) Dagegen heisst es C. S. P. 1651 Oct.15 (p. 477): „Sir H. Vane, Sir H. Mildmay, Lords 
Commissioners ^Vhitelocke and Litle, Mr. Bond and colonel Pnrefoy to give andiene« to the 
agent of the duke of Oldenl'urg and appoint a time for it and give Mm notice by Sir 0_ 
Fleming". „Alylias" auf derselben Seite steht irriger Weise für „Mylius". Nach einem Briefe 
des Mylius an den oldenburgischen Rath Wolzogen vom 17. Okt. hatte er Milton bis dahin 
noch nicht gesprochen. 



Ueber eine bisher unbekannt gebliebene Kon'espondenz Milton's. 289 

also geantwortet (folgt die Antwort), dem ich hac replica begegnet (folgt 
die Replik). Damit ich aufgestanden, mit . . complimenten und solenni- 
teten wieder aus dem schloss per aream an die kutsche und von dem herrn 
Fleming in mein quartier begleitet." 

Es geht aus dem Tagebuch weiter hervor, dass von Mylius ein Formular 
der Salva - Guardia , wie er sie stilisirt zu sehn wünschte, an Milton ge- 
schickt wurde, und dass Durie darüber mit Milton verhandelte (^). Auch 
wandte sich Mylius mit verschiedenen Briefen an Milton zum Zwecke der 
Beschleunigung seiner Angelegenheit. Sie zeichnen sich durch eine äusserst 
gesuchte Form aus, von der die Einfachheit der Milton'schen Latinität 
wohlthuend absticht. Einer von diesen Briefen trägt das Datum des 
6. November 1651 und lautet folgendermassen : 
„Virorum optime 

Invitus obstrepo tuis arduis, sed nosti quo amore tribus jam men- 
sibus hie ex spe et desiderio morer et langueam. 

Ut nox longii ijuibus nientitur amica diesque 

Longa videtur opus debentibus — — 

Sic mihi tarda fluunt et longa haec tenipora quae spein 

ConsiliuiiKiue morantur etc. 

Vello saltem memoriam mei et meae expeditionis quae quidem ex volun- 
tate gravissimi senatus vestri dependet, si autem vis flexauima suadae tuae 
stimulum addiderit, non dubito de celeri successu. Hoc summopere saltem 
rogo , ut ante ultimam manum meae expeditionis mihi intueri liceat pro- 
jecta diplomatum , sicubi forte ratione domini et patriae quicquam occur- 
reret, quod monere, ex usu et re nostra nee contra mentem celebratissimi 
parlamenti foret, possim. Patiere" , ut prorsus confido , me in eo esse im- 
petrabilem et tibi me vicissim. 

et praesidium et dulce decus meum nuncupabo 

Totum tuum.'" 

„Hat mir sagen lassen, dass wegen der vielen arbeit er dato noch 
nicht an meine abfertigung konte komen, wolte heute oder morgen mit 
mir reden." 

Als Antwort Milton's liegt ausserdem der folgende Brief vom 7. No- 
vember vor: 

,,Acceptis a te, vir nobilissime, trinis jam literis omni hunianitate nee 
non benevolentia erga me summa refertissimis , quarum prioribus conven- 
tum me velle peramice significabas, equidem et-"doleo sane partim per oc- 
cupationes meas , quibus in presentia distriugor , partim per valetudinem 
nondum mihi licuisse virum eximium et hospitem mei tarn cupientem con- 
venire, et diutius certe non potui, quin, si adesse non queam, per literas 
saltem tam praeclaris in me studiis tuis aliqua ex parte responderem. 



1) Zur Ergänzung dient ein Krief des Mylius an Wolzogen vom 31. Okt. 1651; „H. Miltonius 
hat zweimal zu mir geschickot in meinung mich zu besuchen, quem etiam desiderio desidera- 
tissimo passis brachiis expectavi, ist aber verhindert und hat sich entschuldigen lassen". 
Stern, Nilton u. s. Z. 11. 3. ]9 



290 Anhang I. 

Projecta illa quae vocas, ad me missa, pro meo otio satis diligenter per- 
curri, quorum ad exemplum, quid sis a nostris comiti tuo impetraturus, 
haud facile divinarim, hoc possum dicere, nihil in hoc negotio praetermis- 
sum a te esse, quod apposite ad persuadendum dici potuerit. Et spero 
equidem responsum tibi brevi datum iri, nam quibus commissa ea res est, 
id agere scio. Projecta interim illa perlecta, ut dixi, ad te remitto mea- 
que omnia officia vel hie vel alias qiianta possum fide et observantia 
tibi defero. 

Tai studiosissimus atque observantissimus 

Johann. Miltonius." 

Am selben Tage erfolgte eine Antwort des Mylius: 

„Manum et ex ea mentem tuara ad pectus appressi, quod amore et 
candore erga te exuberantissimum dudum tibi obligatum denuo hac dextra 
consigno. Humanitas tua et inclinatio , ut spero , in maturandis et pro- 
movendis meis desideriis porro non deerit nee exigua haec optimae apud 
exteros famae tuae pars erit , si etiam exteris frui tua comitate et bene- 
volentia patieris, qua nisi abutar, remitto mea projecta futurae expeditioni 
si placuerit reservanda et me nuncupo ex asse tuum." 

Demselben Datum gehört ein Eintrag im C. S. P. 1651 an: „The busi- 
ness of the count of Oldenburg to be again considered, before it be re- 
ported to the house". Die Agelegenheit erlitt nämlich neue Verzögerungen, 
u. a. auch deshalb, weil der entfernt mit dem Hause Stuart verwandte 
Graf royalistischerSympathieen bezichtigt, und weil von Seite Bremen's wegen 
des Weserzolls gegen ihn intriguirt wurde. Am 17. Dec. wandte sich da- 
her Mylius wiederum an Milton, dessen Antwort vom 2. Januar 1652 sich 
in . seinen Werken VII. 387 (s. d.) abgedruckt findet(i). (Vgl. C. S. P. 
1651. Dec. 31, p. 85. Ansetzung eines Termins für eine Audienz des ol- 
denburgischen Gesandten auf „next friday".) 

Von da an kann man dem Zusammenhang des Tagebuches folgen. 

„3. Jan. 1052. Bey herrn Miltonio gewesen und nebenst gethaner 
congi'atulation zum neuen jähr und anwünschung völliger restitution, cum 
cephalalgia et suffusione oculorum laboret(-), die beschaffenheit in meinen 
affairen ein wenig erkundiget ;Sie reden dann über die oldenburgische 



1) Wenn in diesem Briete Milton's von einer „subita in aedes alias migratio" die Rede 
:st , so erhalt man dadurch zugleich eine genauere Bestimmung der Zeit, in welcher Milton aus 
Whitehall nach Petty-France übersiedelte, s. o. S. 23, 181. Die Datirung des Briefes ergiebt sich 
aus einer unter den Papieren des Mylius befindlichen Kopie. Daselbst erscheinen folgende 
Varianten von dem Abdruck in Milton's Werken: Es fehlt mihi hinter adversatrix, es 
eo qne statt ex que eo, expectabas st. exp eteb a s, hinter Co ncil io eingeschoben 
Dominum Withlochiura, hinter deliberatio est e. Eamque brevem adniodum 
ausim dicere futuram, nisi tu istam brevem voculam quasi ad calculos 
accurate nimium exegisses, prius st. primus, quodcunque st. aliquod 
Der Schluss lautet: Datae in Parva Francia Westmonasterii 2. Jan. 1652 Tuarum rerum tui- 
que honoris studiosissimus Joannes Miltonius. 

2) Es ist ein Mal davon die Rede, dass „haupt- und augenweh" Milton verhindert, den 
Mylius zu besuchen. 



Ueber eine bisher unbekannt gebliebene Korrespondenz Milton's. 291 

Angelegenheit) . . haben viele andere discursus insonderheit de constitu- 
tione hujus et imperii Romani gepflogen, endlich auf seine defensionem 
populi ad Salmasii sugillationem kommen, da er mir ein büchlein, welches 
Joannis Philippi responsio ad apologiam anonymi cujusdam tenebrionis 
pro rege et populo Anglicano infantissimam rubriciret, verehret und be- 
gehret mein Judicium davon zu geben, hat sich gar höflich erboten." Es 
findet sich ein schmeichelhaftes'iUrtheil des ^lylius über das Buch in Form 
eines sorgsam vorbereiteten Briefes an Milton. 

„6. Jan. 16 52" berichtet Mylius von einem neuen Besuch bei Mil- 
ton. Dieser verspricht, „ob er es wol absque praevia permissione prae 
sidis nicht thun solte", ihm seinen Aufsatz vorher zur Einsicht zugehn 
lassen zu wollen „und begehret, ich amanuensem meum morgen frue zu 
ihm schicken solte". 

„7. Jan. 1652. Schreibe herrn Miltonio: 
Flos et ocelle virorum 

Praevio amplexu matutino, memor hesterni promissi amanuensem ad 
impetrandum meae expeditionis projecta mitto, lecta remittam et censurae 
vestrae denuo submittam veluti me charitati vestrae sine fuco et feile 

totum etc. 

Eodem schickte mir h. ^Milton das projectum salvae guardiae hisce 
literis ad revidendum: 

Concinnatum, ut potui, salvam guardiam hanc, vir carissime, tuis plerum- 
que verbis usus, perlegendam tibi mitto. Quaedam inserere necesse habui- 
alia feci contractiora, prolixiorem vix credo concilium velle, succinctiorem 
non potui, quandoquidem per omnia :tibi satisfactum esse cupio. Exem- 
plar tibi ipsum mitto quod hodie vesperi in concilio obtensurus sum, ita- 
que nisi ante horam secundam postmeridianam mihi remittatur, vereor ut 
possim hodie effectam rem dare. 

Tuae claritatis^studiosissimus 

Johannes Miltonius. 

Darauf ich es durchgelesen und einige defecten darinnen zu suppliren, 
auch meine marginalia zu observiren gebeten, damitjllustrissimus sich so 
viel mehr bedienen muge. Antworte ihm sequentibus: 
Nobilissime Miltoni. 

Compendiaria via ad gloriam incedis, qui talis es, qualis vis haberi 
et videri , nee fingis , sed probas te amieum , et dicta tua facta experior. 
Perlegi projectum, et illa quae adjeci inseri et quae interlineari tractu no- 
tavi, omitti quaeso, caetera limae et lineae tuae denuo expedienda sub- 
jicio. Rescriptum ad legatos aliosque publicos reipublicae ministros extra 
rempublicam constitutos et in futurum constitueudos penes augustum se- 
natum Status monebis et pro dexteritate promovebis, tanto major domini 
mei obligatio et mens in te amor, quo te amplexatur 

Tuus. 

Bald darauf bin ich noch ante secundam zu !ihm gefahren , damit 

19* 



292 Anhang 1. 

nichts von ihm übersehen werde und hat in mea praesentia die notata ad 
marginem selbst gesetzt 

E d e m : Herr M i 1 1 o n i u s selbst zu mir kommen und das andere 
projectimi rescripti mitgebracht und mir durchzulesen auch vergönnet und 
gelassen , ist in die statt gefahren , wolte es bey seiner ruckkunft wieder 
abfodern. Gestern hette es im rath wichtiger affairen halber nicht vorge- 
bracht werden können, wolte es heute nachmittag versuchen 

2 0. Jan. Schreibet mir heiT Miltonius nachfolgendes: 

Heri aderam pro more in consilio, vir clarissime. cum chartis vestris, 
cumque nactus occasionera domino praesidi rem repraesentassem, is statim 
de iis utraque lingua legendis, ad consilium retulit, nihilque videbatur non 
concedendum , si Bremensibus sociis nostris et amicis duntaxat caveretiu*, 
in quos moliri aliquid dominum comitem nonnuUi nescio qua de causa 
visi sunt suspicari. Res itaque certis ex consilio coramissa est, qui con- 
silium de eo certius faciant. 

Tuis rationibus addictissimus 
Parva Franciae Westmonasterii 

20™" Januarii 16-51. Johannes Miltonius. 

Darauf bin ich alsobald zu herrn M i 1 1 o n i o gefahren , der mir im 
höchsten vertrauen eröfinet, gestalt alles gestern placitiret gewesen, aus- 
genommen weren einige, die er nicht nennen wolte, welche die Bremer 
auch ihre affection zu diesem ort hochlich geruhmet, auch ihre merita in 
hanc nationem sehr ausgestrichen und weitleuftige motus in consilio ge- 
machet, dass man wider dieselbe dem hen'n graffen zu assistiren befelchlig 
ertheilete. Weren einer religion, von undenklichen Jaliren alliirte socii, 
und viele commercia zwischen beydeu, die per teloneum, wo nicht gar auf- 
gehoben, doch gesperret und gemindert würden. [Caeteri et maxime Tho- 
mas Challenor /•) hetten repliciret, dass es causa forensis, die ihre decision 
vom reich durch den friedensschluss vom ganzen reich erhalten, musten 
sich nicht damit bemengen. Das haus Oldenburg hette Igrossen anhang 
und das parlament keine ursach selbiges zu oiFendiren. Endlich weren a 
consilio abermal etzliche denominiret, die nochmals dies dubium pro et 
contra erwegen und ein conclusum darinnen machen und ad consilium 
wieder davon referiren solten. Ego : musten grosse patroni , die non ro- 
gati für Bremen sich also einliessen, und vielleicht nicht absque stipendio 
sein, und wie ich de statu causae grundlich informiretj, habe ich abscheid 
genommen, und ist in discessu meo einer von den hollandischen zu ihm 
kommen. (Es folgen Briefe von Mylius zur Aufklärung an Challoner und 
Nevill, welche Weckherlin auf seine Bittep unterstützt.) 

22. Jan. Schreibe ich herrn Miltonio: 
Pelagus sum inquietum — hujus dum vitae Ijachesis sua fila move- 
bit vester ex asse H. M. 

1) Challoner. 



Ueber eine bisher unbekannt gebliebene Korrespondenz Milton's. 293 

(Der Brief setzte die Sachlage auseinander: „Controversia cum Bre- 
manis imperium Romanum tangit , non hanc rempublicam" etc. und that, 
nach einer Mittheilung Pleming's an Mylius, gute Wirkung.) 

27. Jan. Hey herrn Miltonio und Fleming gewesen, erfahre 
nichts weiter, als dass die occupationes mit den hollendischen Sachen, dar- 
auf eine antwort praeliminariter an die herren statten generalen soll ab- 
gehen, meine expedition verhinderte, dabey dann einige Bremische ad- 
fectionii'te widrige impressiones und operas erwieseten 

6. Febr. Bin ich zu h. Miltonio gefahren, der berichtet mir, dass 
gestern circa undecimam das rescriptum ad legatos aliosque ministros in 
englisch ihm zugeschicket, die andere papieren der salva-guardi und latei- 
nische versiones zui'uckplieben sein, hette seinen Schreiber hingeschicket, 
umb selbige abzuholen und wolte soviel muglich damit maturiren. 

9. Febr. Bey h. Mi 1 ton gewesen und gefraget, wie es doch mit 
meiner expedition beschaffen. Ille zeigete mir das rescriptum ad legatos 
et publicos ministros und referirte sich darinnen ad salvam-guardiam, die 
sie nicht geben wollen, solte diesen nachmittag in consilio verlesen und 
weiter nichts ertheilet werden. Ego : das relatum were ja nicht dabey, als 
konte ich's nicht acceptiren, muchte doch in consilio solches remonstriren, 
Tcaput negotiatiouis meae esse salvam-guardiam . . betten mich largis et 
lautis promessis ein halb jähr aufgehalten . . jezige abfertigung were eine 
tacita elusio indigna et plane inhumaua repulsa . . gebeten solches diesen 
nachmittag cordate und favorabiliter vorzupringen und enderung zu be- 
gehren , wo nicht muste ich's der zeit befehlen und mich auf die ruckreise 
machen . . Ille er sehe gar wol die faute, qui [sie] ex imperitia et malitia 
eorum, qui pku-alitate votorum gauderent, heiTuhrte, weren homines me- 
chanici , milites , domestici , fortes satis et acres , at rerum politicarum 
maxime forensium imperiti, darinnen potior pars reipublicae bestünde, 
trudentiores durften auch ihre meinung nicht recht eröffnen. Muchte es 
reipublicae nicht imputiren noch den sanioribus unter den 40 personen, 
die in consilio Status, weren über drey oder vier nicht, qui extra Angliam 
gewesen, aber darunter de Mercurii et Martis prole gnung. Unterdessen 
versprochen dextre dem consilio es nochmals vorzutragen und selben abendt, 
finito consilio mir von endlicher erklerung part zu geben (M- 



1) Mit Milton's scharfen Aeusserungeu stimmt überein, was an einer anderen Stelle von 
Mylius' Tagebuch zu lesen ist: „T.Jan. 1652 herrn Wecherling (W eck h erl i n), der otio 
niolesto pedibus podagra laborantibus hereinkommen , besuchet , redete von denen alhier vor- 
gehenden tunniltuariis negotiis, einer traute dem anderen nicht, und der numerus consultan- 
tium wer zu gross, die Teutsche affaires niemand bekannt, dahero keine expedi- 
tion, zudem wolte der prolecutor alle minuta wissen und darvon inforniirt sein, ehe er, was im 
consilio status concludiret, zur volligen ausfertigung gelangen liesse, der aber tanti moli nicht 
gewachsen, mangelte ihm am verstand und experionce, insonderheit halte er de exteris rebus 
et forensibus die geringste Wissenschaft nicht, were nie über see gewesen" etc. Ebenso spricht 
der florentinische Gesandte Salvetti von „gente nuova e che nonhanno ancora beneimparato 
11 mestiere delle cose di stato e per quello che io credo poco si curano delle cose di fuori". 
(Transscripts from the public archives at Florence 1) r. M. Add. Mss. 27962 seq. 18. VIII 1651. 



294 Anhang I. 

10. Febr. Schreibet mir herr Mi 1 ton sequentibus: 
Quod heri pollicitus tibi sum, \-ir nobilissime , id serio egi, cum 
singulis de tuo negotio locutus sum, quibus id commissum esse noram, 
plerique mihi videbantur 'non satis advertisse potius, quam noluisse con- 
cedere. quod petis, nam et concessisse se putabant in illo scripto quicquid 
volebas. venim ut res in consilio heri rursus agitaretur, efficere non potui 
neque quo die id efficiam certo scio. Eeliquiun est itaque, ut ipse tibi 
ne desis, deque ista dilatione ad consilium scribas. ego enim. quod in nie 
situm est. nihil praetermisi. Tui honoris, tuarumque rationum studio- 
sissimus. 
10. Febr. 1651. Joannes Miltonius^). 

Antworte herm INIiltonio sequentibus: 
P. P. Mentem tuam amicam ex manu intellexi et gratias ago re 
ipsa eas ante abitum contestaturus. Monitorium postmeridiem denuo 
augusto consilio Status exhibebo, si adfueris. mi Miltoni, assistas pon'O 
tuo consilio et eos, qui intentionem domini mei hactenus non intellexerunt, 
plenius informes, ut tandem expediri et aequo animo hinc migrare queam. 
Si poterit diploma vel rescriptum desideratum saltem in apposita forma- 
litate, una cum recredentialibus Uteris ut styli et moris est, concedi ac- 
quiescam et me totum, donec vixero obaeratum fatebor et nuncupabo do- 
mini Miltonii 

observantissimum et addictissimum H. M. 

Bald hernach bin ich selbst zu ihm gefahren und habe obgedachtes 
project . . mitgenommen. 

12. Febr. (Nach einem Besuch bei 0. Fleming.) Alsobald zu 
herm Milton gefahren, der meine projecten vorgestern und gestern ad 
consilium cum translata copia gegeben, empfangen und die verba „succes- 
sores et heredes" durchgesti-ichen funden. Ego remonstrirt . . ihm auch 
dabei umbstendlich conditionem et diversitatem successorum vermeldet. 
Weilen ich aber leichtlich gemerket, dass die suspiciones wegen des konigs 
in Dennemarck, so konte ich leiden, dass hinzugesetzet wurde ,.dummodo 
nihil iniqui contra rempublicam hanc moliantur". Ille: durfte es nicht 
absque expresso consilii jussu dabey setzen, hette [bereits oft zimbliche" 
harte reden gedulden und über sich gehen lassen müssen, dass er mir die 
concepta zeigete und heimbliche con'espondence mit mir hette, wolte aber 
herren Challenor von diesem Vorschlag advertiren und pitten, weilen es 
heute dem parlament solte vorgetragen werden, dass er's in pleno erinneren 
und dahin einrichten muchte. 

Eodem. Darauf zu herrn Fleming gefahren und obiges wieder- 
holet, vermeinet, es wurde am besten gerathen sein, dass es heute wieder 
ad consilium gebracht und proponiret wurde. Er wolte alsobald zum 



1) Vgl. C. S. P. 1652 Febr. 10. 11, p. 139. 140. 



Ueber eine bisher unbekannt gebliebene Korrespondenz Milton's. 295 

general(^) und anderen gehen und versuchen, ob es dergestalt konte ein- 
gerichtet werden. Habe darauf herrn Miltonio geschrieben : 
Nobilissime M i 1 1 o n i. 
Adfui domino Flemingio, qui cum domino generali et aliis membris 
consilii potioribus de verbis omissis (heredibus et successoribus) communi- 
cabit. Malo itaque differri et suspendi hodie negotium, ut post meridiem 
in senatu reproduci et domino meo satisfieri possit. Apponant quae dixi 
vei alia ejusdem sensus „si heredes nihil adversi vel iniqui contra rem- 
publicam attentent vel machinentur". Sinceram enim amicitiam et bene- 
volentiam parlamenti reipublicae quaerit dominus comes eamque a se 
suisque successoribus reddi cupit et optat ut ego tuam. Mi Miltoni, mutuo 
in adfectu et eflfectu tuus M. 

' Eodem komt b. Duraeus bey mir (berichtet über die Machinatio- 
nen der Bremer, die auch „den General" gewonnen hätten) . . . 
13. Febr. Herren Milton geschrieben: 
Amicissime Miltoni. 
Si placet verbo rescribas, quid heri actum sit aut porro agi debeat 
circa negotium domini mei, quo meminisse ejus saltem in hodiernis literis 
queam. Nunquam immemor futurus tui Miltonii 

H. M. 

Darauf antwortet mir hen* Miltonius alsobald in sequentibus: 
Heri, mi spectatissime Hermanne, postquam discesseras, pervenit ad 
me concilii(") mandatum, quo jubebar. exemplar latinum cum anglico con- 
ferre, operamque dare, ut inter se congruerent, deinde domino Whitlockio 
et Nevillo utrumque mittere percurrendum, quod et feci, et simul domino 
Whitlockio ampliter scripsi, de illo quod inseri cupiebas, nimirum ut suc- 
cessoribus et posteris etiam domini comitis, caveretur, eadem formula(*) 
quam et ipse suggerebas : addidi insuper quas et ipse attulisti rationes, 
quamobrem id nisi fieret, nihil agi videretur, quid deinceps in concilio (•'^) 
actum sit, certe nescio hesterna enim pluvia detentus non interfui. Tu 
si ad concilii(ß) scribas, vel potius ad dominum Frostium quemquam 
ex tuis mittas, ex iis credo audies, vel saltem vespere (') ex me scies 

Tibi addictissimo » 

. Febr. 13mo 1651 [1652]. Johanne Miltonio(*). 

(16. Febr. Besuch bei Milton.) 



1) Cromwell. 

2) Dieser Urief ist noch im Original in der Antographensammlung des Kardinaler2- 
bischofs Fürsten Scliwarzenherg erhalten. Ich verdanke der Gefälligkeit meines Freundes, des 
H. Dr. GoU in Prag, eine Kopie und folge dieser in der Wiedergabe, indem ich die Abwei- 
chungen des Mylius'schen Tagebuches bemerke. 

3) consilii Mylius' Tagebuch. 

4) forma M. T. 

5) consilio M. T. 

6) consilii M. T. 

7) vesperi M. T. 



296 Anhang I. 

18. Febr. Schicket herr Miltonius seinen cognatuni(^) spät zu 
mir und lesset mir sagen, dass die acta salvae guardiae voUenzogen und 
von dem clerico parlamenti Scobel ihm . . ins lateinische überzusetzen 
zugeschicket . . 

21. Febr. Schreibe ich herrn Miltonio (Bitte ihm die Salva- 
Guardia zur Einsicht zu senden). Hat mir darauf, wie folget, geantwortet. 
Inseratur. (Der Brief fehlt.) 

23. Febr. Schreibe ich herrn Miltonio . . lesset mir wissen, es 
solte heute zesamen (Salva-Guardia und Rekreditiv) fertig sein . , 

24. Febr. Begegnet mir herr Milton . . und saget das parlament 
und consilium status betten die successores et heredes nicht inseriren 
wollen . . Ego : „muste in voluntate parliamenti acquiesciren" (Mylius war 
mit dem Wortlaut des Aktenstückes noch immer nicht recht zufrieden und 
fürchtete zudem neue Intriguen von L. v. Aitzema. Unter anderem war 
Fleming vorgeworfen, er habe sich der Sache des Mylius deshalb so sehr 
angenommen, weil er von ihm ein Kleinod im Werthe von 200 £ em- 
pfangen hätte. Auch Milton war sein vertrauliches Verhältnis zu Mylius 
verdacht worden.) . . 

2. März. Bericht über die Abschiedsaudienz, bei welcher „herr 
3Iilton'- wieder fungirt; vgl. C. S. P. 1652 p. 164. 165. 

3. März. Samuel Hartlib von mir abscheid genomen, den sie 
nennen agentem rei literariae in Anglia. 

4. März. Dem herrn Miltonio omni gratia, factis et verbis, valedi- 
cieret. (Er rühmt die von Milton bewiesene „adfection" und bemerkt, 
dass er ihm das englische Originaldiplom und die lateinische Uebersetzung 
mit seiner Namensunterschrift habe zustellen lassen, „unangesehen er 
gantz Seins gesiebtes anno quadragesimo secundo [ein Irrthum, da ]\Iilton 
1608 geboren war] et ita in ipso tiore et vigore aetatis beraubet. Quidam 
discurrendo uuper ajebat: Lycurgus Driantis filius, qui quoniam cum diis, 
Baccho praesertim pugnare consuluerit caecitate perpetua, a Jove Saturnio 
affectus est" etc.) 

Die „Salva-Guardia" findet man abgedruckt bei Thurloe I. 385 und 
bei J. J. Winkelmann: Oldenburgische Friedens und der benachbarten 
Oerter lüiegs-Handlungen 1671 mit der Unterschrift: 
Guilelmus Lenthal 
Prolocutor Parlamenti Reipubl. Angliae 
Hoc Diploma ex Anglico originali in latinum"verbatim versum est. 

Westmonasterii , 17. Feb. 165ö-. 

Joannes Miltonius. 
Das von „Scobell der. pari." unterzeichnete Aktenstück (]Milton 
Works VII. 227) Ist offenbar der Begleitbrief der Salva-Guardia. — Es 



1) Ohne Zweifel John Phillips, s. o. S. 80. 



Anhang IL Aktenstücke betreffend Alexander Monis. 297 

ist bekannt, dass der Graf von Oldenburg einige Jahre später zu Crom- 
well in ein nahes Verhältnis trat. Er machte ihm damals ein Geschenk 
von feurigen Pferden, die Cromwell bei Gelegenheit einer Spazierfahrt bei- 
nahe das Leben gekostet hätten (vgl. Carlyle III. 272 und die beiden Briefe 
in Milton's Werken VII. 238, 239). 



Anhang IL 
Aktenstücke betreff'end Alexander Monis. 

Man muss sich darüber verwundem, dass die bisherigen Biographen 
Milton's es versäumt haben, der Geschichte eines Mannes, mit dem er in 
die heftigste literarische Fehde gerieth, an der Hand von urkundlichem 
Material nachzugehn. Denn dadurch allein kann es möglich gemacht wer- 
den, sich über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Milton'schen An- 
schuldigungen ein sicheres Urtheil zu bilden. Indem ich mich bemühte, 
diese Lücke auszufüllen , bin ich von Genf aus durch die Herren Pro- 
fessoren P. Vaucher und E. Ritter, sowie durch H. Ph. Plan, Kon 
servator der Bibliothek, von Amsterdam aus durch H. Professor de Hoop_ 
Scheffer auf's dankenswertheste unterstützt worden. 

Was die genfer Epoche des Morus betrifft, so sind die vorhandenen 
urkundlichen Materialien viel zu umfangreich, als dass an ihre wörtliche 
Mittheilung zu denken wäre. Sie befinden sich theils im Archiv der ve- 
nerable Compagnie, theils im Archiv der Stadt, theils in der öffentlichen 
Bibliothek daselbst. Die Register der venerable Compagnie wie des Con- 
seil, Briefe der Geistlichen und Behörden von Middelburg, sowie der Kö- 
nigin von Böhmen, Liriefe des älteren Spanheim und des Salmasius an die 
V. C, ein Schreiben des Salmasius an den Rath von Genf („Lettre de 
Claude Saumaise, professeur ä Leyde au sujet des accusations d'heresie 
et d'heterodoxie contre Alexandre Morus appele depuis peu pour desservir 
l'eglise frangaise de ]\Iiddelbourg Leide 8. Juin 1648'', Archives de Geneve 
No. 3194) etc. kommen hier in Betracht. Ergiebt sich aus diesen Akten- 
stücken auch nicht unwiderleglich {die Richtigkeit der Milton'schen Be- 
hauptungen, so machen sie im ganzen und grossen doch nicht den Ein- 
druck, als sei die Sache des Morus ganz rein gewesen. Dass ihm nicht 
nur Abweichungen von der orthodoxen Lehre, sondern auch von Anstand 
und guten Sitten vorgeworfen wurden, steht fest. Salmasius spricht in 
seinem Briefe von den „vi ces enormes", die man ihm imputirt habe, 
und erwähnt, „que le dit sieur Morus a estö represente pour un monstre 
d'homme , . ä l'esgard de la doctrine que de ses moeurs". 

Damit stimmt der folgende Auszug aus den Registres de la v. C. 
25. Juli 1648 überein, den ich, wie die meisten der übrigen, einer Kopie 
des H. Plan verdanke: 



298 Anhang II. 

Monis demande un conge temporaire pour aller se justifier devant 
un Synode des Pays-Bas des accusations portees contre lui. II est re- 
presente ä ce sujet qu'il y avait de grandes difficultes de part et d'autre : 

1." La volonte de M. Morus .,pere" qui par lettre lui dit qu'il ne le 
reconnaitra plus poui' fils en cas qu'il n'aille se justifier, 

2." Que las temoignages donnes n'ont pu produire l'eclaircissement 
requis et dissiper le brouiUard des sinistres impressions qu'on a eues tou- 
chant Morus. 

3." Quil etait encore de nouveau accuse de diverses choses, non 
seulement en la doctrine mais aussi en la vie; partant qu'il semblait 
expedient de lui accorder le conge qu'il demande. Mais d'autre part qu'il 
y a du danger soit que les choses ne s'arrangent pas aussi bien qu'il 
l'espere, soit que l'eglise de Geneve ne le revoie pas une fois qu'il l'aura 
quittee. — Pendant que la Compagnie discute ainsi, Morus se rend ä 
l'hotel de ville et obtient de la Seigneurie un conge de trois mois. La 
Compagnie ne peut qu'y souscrire. 

Einige Zeit nachher bemerkt die venerable Compagnie, mit den bür- 
gerlichen Behörden wegen der Angelegenheit des Morus in Konflikt ge- 
rathen, „que Messieurs avoyent cidevant trouve ä propos qu'on dit tou- 
chant M. Morus tout ce qu'ou avoit ä dire et sur sa doctrine et sur sa 
vie et qu'on ne reservast rien pour nettover une fois tous ombrages et 
soupgons, que quoique la Compagnie y trouvast de grandes difficultez, 
neantmoins leurs Seigneuries avoyent impose ceste necessite ä la Com- 
pagnie, laquelle avoyt tenu ceste procedure, scavoir qu'ayant este proposez 
divers poincts soit sur la doctrine soit sur la vie, on avoit choisi les 
poincts que la Compagnie avoit juge ä propos , sur lesquels le dit Sieur 
Monis avoit respondu ... et sa response escrite et leue les uns la 
trouvoyent satisf actoire les autres non." (Reg. de la v. C. 
24. Nov. 1648.) Verdächtig erscheint auch die Weigerung der v. C. (Re- 
gistres 16. Fevrier 1649 p. 208), sich nochmals auf die Sache des Morus 
einzulassen mit der Motivirung , dass er längst seinen Abschied erhalten 
und dass die v. C. beschlossen habe, ,.que toutes les procedures tenues 
contre M. Morus furent esteintes et assoupies et qu'on n'en parlast plus" 
etc. Als die v. C. sich aber doch nicht weigern kann, auf die Sache zu- 
rückzuliommen, heisst es 1. c: .,Et en outre ayant la Compagnie veu et 
releu tous les articles s'est arreste ä ce qu'elle a dit et juge sur un chacun 
d'iceux en particulier et en suite declare que le ministere du sus- 
dit sieur Morus ne peut estre en edification en ceste eglise 
et academie." Nichtsdestominder fand, auf Betreiben der weltlichen 
Obrigkeit, ein versöhnlicher Abschied des Monis von der v. C. statt (Re- 
gistres 2. Juillet 1649 , und auch später noch stand sie mit ihm in freund- 
schaftlicher Verbindung (Registres 7. Juin 1667). Man sieht, wie manches 
in dieser Angelegenheit dunkel bleibt, und es wäre zu vmnschen, dass 
einer der genfer Gelehrten sich der Mühe unterzöge, das urkundliche 



Aktenstücke betreffend Alexander Morus. 29P 

Material an Ort und Stelle noch 'genauer zu durchforschen , als es mir 
möglich war. 

Was die niederländisch^ Epoche des Morus betrifft, so bin ich im 
Stande, ein Aktenstück zum Abdruck zu bringen, welches die Angaben 
Milton's wesentlich ergänzen wird. Es ist eine Kopie nach dem Original, 
enthalten in einem „Recueil des articles des synodes Walions des Pro- 
vinces Unies t. II. 1652-16911" (Ms. der Bibliothek des Dr. P. J. J. 
Mounier in Amsterdam) und lautet folgendermassen : 

A. 1659. Recit des principaux chefs des accusations qui ont ete faites 
au sjTiode des eglises Walonnes des provinces unies, as- 
semble ä ter Goude le 23, 24, 25, 26, 27 & 28 d'A\Til 1659 
par les deputes de plusieurs eglises contre la personne du 
sieur Alexandre Morus, ministre de la parole de Dieu, 
professeur en l'histoire ecclesiastique & membre de Teglise 
d'Amsterdam. — 
Les deputez de noc eglises en ce synode convoque ä ter Goude ayants 
(seien la louable coustume que j'observe parmi nous) estö requis par 
monsieur le president de faire lecture & proposer ä la compagnie les In- 
structions dont leurs eglises respectivement les avayent chargees. il a ap- 
paru que plusieurs desdits deputes avoyeut ordre de leurs consistoires de 
se plaindre de la conduite du s. Alexandre Morus, &de demander 
d'estre ouis en la deduction qu'ils desiroient de faire de plusieurs mau- 
vaises actions, par lesquelles il avoit donne un tres grand scandale ä tous 
les fidäles de ces provinces & particulierement a ceux des eglises de 
nostre langue, le synode de^ant de remedier autant qu'il luy seroit pos- 
sible ä tous les desordres qui peuvent troubler le repos & l'edification 
des eglises qui sont sous son inspection spirituelle, a premierement fait 
citer par ses lettres & par ses de])utL'z ledit s"" Morus qu'il est ä compa- 
roitre en cette assemblöe pour se purger dont il seroit accusö, mais 
s'estant contente de repondre par une lettre ä lad, citation par laqu'elle 
il refusoit de se soumettre au jugement de ce sj'node: La compagnie ayant 
pes^ les raisons que led. Morus allfegue en lad. lettre & ne les ayant 
trouvees d'aucun poids pour empescher qu'elle ne dust ouir les plaintes 
que les-d. Eglises demandoyent de faire de sa conversation afin qu'elle 
pouvoit Selon sa prudence d'un bon remede(V) pour arracher le scandale 
qui en estoit arrive & pour y procöder , eile a resolu qu'on feroit un 
sommaire des principales accusations qui seroyent faites contre led. s'' Mo- 
rus, ainsi qu'on les recueilleroit des instructions des deputez des eglises, 
& des temoignages qu'ils produiroyent pour les confirmer. 

I, A este rapporte ä cette compagnie qu'en l'an 1651 lorsqu'il demeuroit 
a Middelburg il fut accuse par une jeune fille nommee Marie de l'avoir 
sollicitee ä paillardise & luy avoir dit qu'en la considerant au temple un 
jour qu'il preschoit de la passion, il sentoit les mesmes mouvemens que 
sentoit la vierge au pied de la croix en voyant son fils, que cette fille 



300 Anhang II. 

ayant fait esclatter cette acticn impudique & impie, il l'en fit dedire de- 
vant un ancien de l'eglise, la menagant de la faire chatier par la justice 
mais cette fiUe s'etant retiree depuis ä Flissingue, d'oü eile vint pour de- 
mander son temoignage au s» Jean le Long coUegue dudit Morus, il le 
luy refusa disant, que quoyque s'en soji; eile ne valoit rien puisqu'elle 
avoit calomnie son coUegue, ä quoy eile repondit en levant les mains 
au ciel, qu'aussi vray qu'il y avait un Dieu ce quelle avoit dit estoit veri- 
table & qu'elle avait este obligee de s'en dedii-e, ä quoy qu'on 1' avoit 
menacee de la faire punir par les mains du bourreau. Led. sieur le 
Long ayant en suite averty le sr Morus que lad. fiUe ayant demande son 
temoignage il le lui avoit refuse pour la raison susdite, il dit en palissant 
qu'il le luy donnerait, ce qu'il fit depuis ä l'inscu du consistoire, & sans 
l'obliger ä retraiter ce dont eile l'avait accuse. — 

II. On l'accusa en suite qu'en Fan 1653 estant venu ä Leyden en- 
viron le temps de la pentecoste & s'estant retire en une petite maison 
derriere le logis de mons. de Saumaise, son bon amy, pour lors, il y 
avoit attire la damoiselle servante de madame de Saumaise, nommeeEli- 
sabet Gueret & qu'il y eut diverses Conferences avec eile & que la 
veille de la pentecoste led. Morus ayant feint de s'en reto urner en Ze- 
lande il estoit venu jusques ä Delft & que de lä siu* la nuit il s'en seroit 
retourne sur ses brisees k Leyden oii estant arrive sur les dix heures du 
soir , il se seroit rendu en la mesme petite maison oü il passa la nuit 
avec la susdite Guerette, laquelle voulant le matin aller au presche il 
l'en auroit empeschee quoyque ce fut le jour de la pentecoste afin de 
l'obliger h demeurer tout le jour avec luy, comme eile fit. Ledit Morus 
a este aussi accuse d'avoir commis plusieurs autres actions scandaleuses 
avec lad. Guerette qui cy devant ont este produites en divers synodes & 
qui n'ont pas este approfondies. Et encore que led. Morus ait excuse 
toutes les privautes qu'il avoit eues avec cette fille sous pretexte d'une 
recherche honneste & que la promesse de mariage pour laqu'elle lad. 
Guerette l'avait tire en cause devant la cour de Hollande ait este annuUee 
par lad. cour, le scandale de tant de privautes qu'il avoit eues avec eile 
fit des lois une si forte Impression dans l'eglise dudit lieu, que par 
l'ordi'e de son consistoire il fut arreste qu'on ne luy presenteroit plus 
la chaire, ce qui a este punctuellement execute. — 

III. II a aussi este dit que ledit Morus demeurant ä Middelbourg 
avoit souvent converse familierement au grand scandale de l'eglise avec 
une femme mariee de tres mauvaise reputation & qu'il avait commis 
plusieurs legeretes de mesme nature pendant le sejour qu'il avoit en 
lad. ville. 

IV. II a encore este accuse qu'estant appelle ä Amsterdam, il auroit 
eu diverses correspoudances avec une certaine femme de mauvaise vie 
nommee Marie Cresson, qu'il auroit este vu entrer deux ou trois fois 
en sa maison , ce qu'un membre de l'eglise auroit depose avoir remarque 



Aktenstücke betreffend Alexander Monis. 301 

& de plus qu'il auroit vu ledit Morus prenant conge d'elle & luy disaiit 
qua puisqu'elle devoit aller demeurer comme eile luy signifioit en la rue 
des juifs il se donnerait l'honneur de la visiter, ce qui paroit par le tt- 
moignage dudit membre, qui a depose par escrit qu'il avoit vu & oui ce 
qua dessus. Et pour preuve que lad. Cresson estoit de mauvaise vie, 
«Ue a este depuis enferraee dans le spinliuys ä l'instance de sa propre 
möra & da son fröre 

V. II a apparu pleinement ä tout le synode par une lettre que led. 
Morus a escrite qu'il avoit ete en un bordel ä Amsterdam & que pour 
y aller plus librement il avoit suppose un homme qui vint trouver le 
sr Soler. Tun des ministres de Delft, pour tirer une lettre de sa main, en 
vartu de laquelle il put estre ä couvert en cas qu'il y fut surpris comme 
ceia arriva & pour venir ä bout de ce dessein il persuada audit homme 
suppose, qui se disoit son cousin germain & prenait le nom de Jean 
Dalmas natif de Monpelier, de dire en parlant audit s"" Soler tous les 
outrages dudit IMorus qui luy viendroyent en la bouche, en quoy il reussit 
d'une teile sorte qu'il obligea ledit sr Soler k escrire audit Morus la 
lettre par laquelle il a platre sa salete avec serment en plein consistoire 
de l'eglise d'Amsterdam assemble pour cet effet dans la maison d'un des 
ministres, ce qui arriva en l'an 1656, dont le verbal se trouve dans les 
memoires dudit consistoire. 

VI. On dit aussi que peu de jours aprez cet affaire estant retourne 
d'un voyage qu'il avait fait ä Anvers, il fut accuse en presence des 
temoins dignas de foy par une hostesse d'avoir voulu faire un bordel de 
sa maison. 

VII. En la mesme annee ledit Morus a estö accuse dans la viile 
d'Amsterdam d'avoir attente de commettre Sodomie avec un gar^on aage 
d'environ 19 ans, nomme Herman Hendric de Doesburg, comme il 
appert par le verbal qui an fut dresse devant un notaire, ce qui causa 
un tres grand scandale, vu notamment qu'il avoit dejä este sou^onne d'un 
masma crime estant k Middelbourg lequel sou^on fut confirme par les 
plaintes des parens du jeune gargon & aggrave par la derniere accusation 
qui a este instituee contre ledit Morus ä Flissingue oü sur les plaintes 
d'une femme qui disoit l'avoir vu dans une posture indecente avec un 
gar^on dans une cliambre de sa maison oü il avoit dine le 13. Sept. 
1658. Et c'est en suite de cette plainte qui esclatta tellement par toute 
lad. ville que le Substitut du baillif l'arresta comme un criminel, & en- 
cora qu'il fut bientot apres mis en liberte, neanmoins les circonstances 
qui accompagnerent ou suivirent cette detention sont tellas qu'elles ont 
laisse un grand sujet de scandale dans l'esprit de tous qui en ont eu 
cognoissanca, cas circonstances : qu'estant arrelö & conduit dans une mai- 
son qui a pour enseigna le eigne blanc il essaya de se sauver et de 
sauter par la fenestre de la chambre, ce qui obligea ceux qui l'avoyent 
an garda ä le faire passer en une autre, comme il appert pai" la decla- 



302 Anhang II. 

ration que la maitresse de lad. niaison en a faite li trois pasteurs & par 
un escrit qu'elle en a donne, mai-que de sa propre main. 2e L'autre se 
recueille de la lettre qu'il escrivit au sr Spang ministre anglois ä Mid- 
delburg aussitost qu'il se vit arreste, par laquelle il le prioit de venir ä 
luy promptement s'il vouloit voir son amy en vie. 3e La troisieme est sa 
retraite de INIiddelburg faite furtivement apres y avoii- demem'e cache 
l'espace de 9 jours sans avoir ose paroitre ni audit Middelburg ni ä Flis- 
singue pour se justincier comme il devoit. 4^ la quatrieme est l'evanouis- 
sement du gar^on qui n'a plus comparu 5<^ qu'il n'a point intente action 
contra le Substitut qui l'avoit arreste, ni conti-e la femme qui l'avoit accuse, 
toutes lesquelles circonstances ont apporte un si grand scandale en la 
Zelande, que nos eglises se virent obligees de lui defendre la chaire en la 
province jusques a ce que le sj-node en eut pris cognoissance comme il 
le fait ä present. 

VIII. Ledit Morus est aussi charge de ce que quelques jours avant 
le 13. de Sept. en la mesme annee 1658, estant pour lors ä Middelburg oii 
il attendait le vent favorable pour passer en France, des personnes dignes 
de foy le virent entrer ä diverses fois en une petite maison joignant un 
jardin, en laquelle il n'y avait qu'une vieille femme de mauvais renom & 
une putain publique. 

IX. II a este aussi accuse de ce qu' ayant este adverty par plusieurs 
fois de ne point frequenter un certain lieu infame de la ville de Delf qui 
avoit pour enseigne S. P. Q. R. un jour de dimancbe apres avoir presche 
en l'egUse de lad. ville il y fut vu entrer ayant retuse l'oflcre reiteree que 
le pasteur du lieu luy avoit faite de diner en sa maison , de sorte qu'il 
fiit tire avec beaucoup de peine de ce lieu infame par des personnes 
d'honneur qui craignoyent le scandale que l'eglise recevroit si on le voyoit 
sortir apres une longue demeure. 

X. De plus les lettres escrites de sa propre main & quelques autres 
qui sont de personnes dignes de foy & de ses amis, lesqueUes ont toutes 
este receues en ce synode jle convainquent clairement de mensonges en 
matieres tres importantes, de faussete's, de calomnies, de fourbes, de mes- 
disances atroces qu'il a proferees contre toutes sortes de personnes tant 
politiques qu'ecclesiastiques & notamment contre des consistoires entiers 
& contre des pasteurs qui servent avec gi-ande edification en leurs eglises. 

XI. Enfin en toutes accusations qui ont este faites contre luy on a 
remarque que toute sa conduite depuis qu'il est parmi nous il a tous- 
jours fait paroitre un esprit inconstant et leger, des inclinations sales & 
impudiques & une vanite insupportable. Nous sousignez certifions que 
toutes les accusations susdites ont este faites contre Alexandre Morus en 
presence de tout le ejTiode pendant plusieurs sessions qui ont este em- 
ployees en cette affaire & que ce verbal qui en a este dresse pour y avoir 
recours au besoin a este recueilly des Instructions des desputez de nos 
eglises & des temoignages donnes par escrit & de vive voix en confirma- 



Aktenstücke betreffend Alexander Morus. 303 

tion desdites instructions & depositions. Nous certifions aussi que tous 
les articles contenus dans ce verbal ont este lus & relus en presence 
de la compagnie & reconnu contenir un recit veritable desdites accusations 
en foy de quoy & par l'ordre de lad. compagnie nous avons appose nos 
seins au present escrit 

Charles Everwyn president. 

Charles de Rochefort scribe. 
lieber einzelne dieser Anklagepunkte finden sich nähere Angaben in 
den Synodalakten und in den „Actes du consistoire de l'eglise d' Amster- 
dam", ebenso über die Verhandlungen mit den reformirten Earchenbehör- 
den von Frankreich. Dass Monis auch hier zu neuen Anklagen Anlass gab, 
ersieht man aus Haag. Er wurde 1664 ermahnt, zu verfahren „avec plus 
de circonspection et de prudence, de s'abstenir de toutes ses courses dans 
les rues qui ont donne du soupQon*'. Weitere sehr ungünstige Nach- 
richten über Morus finden sich in Burmanni, Syllog. III. 380, 386. 
V. 19, 48. 



Druckfehler und Berichtigimgen. 

S. 25 letzte Zeile ist um zu streichen. 

S. 35 Z. 20 ist als zu streichen. 

S. 36 Z. 24 lies hartes statt drakonisches. 

S. 110 Z. 18 lies wie statt wei. 

S. 187 Z. 8 ist das Anmerkungszeichen ^) ausgefallen. 



Pierer'sche Hofbuchdrnckerei. Stephan Geibel & Co. in Altenburg. 



MILTON 

UND SEINE ZEIT. 



ZWEITER THEIL. 

1649—1674. 



MILTON 



UND SEINE ZEIT. 



Von 

ALFRED STERN, 

Professor der Geschichte an der Universität Bern. 



ZWEITER THEIL. 

1649-1674. 
Viertes Buch. Unter der Restauration. 




LEIPZIG. 
VERLAG VON DUNCKER & HTOIBLOT. 

1879. 



MILTON 

UND SEINE ZEIT. 

Von 

ALFEED STERN. 



Viertes Buch. 

Unter der Restauration. 

1660—1674. 




LEIPZIG. 

VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 

1879. 



Das EecM der Uebersetzung wie alle anderen ßeclite vorbehalten von der 

Verlagsbuchhandlun g. 



Viertes Buch. 

Unter der Restanration 1660 — 1674. 
Inhalts - Verzeicliniss. 



Erstes Kapitel. 

Gefahr und Rettung S. 3 - 24. 

Rückkehr der Stuarts 3. Indemnitätsakte 4. Hinrichtungen 5. Schick- 
sal von Lambert und Vane 6. Gefahr Milton's 7, S. Proklamation 
gegen ihn und Goodwin. Milton in der Indemnitätsakte übergangen 9. 
Frage nach seinen Fürsprechern 10. Anekdote seines Scheinbegräb- 
nisses 11. In zeitweiliger Haft des Parlamentes 1 2. Verschwinden vom 
öffentlichen Schauplatze 12. Wohnungen, Vermögensverhältnisse, dritte 
Ehe 13. Wohnung im Artillerie- Weg. Häusliches Leben 14. Die drei 
Töchter 15, 16. Edward Phillips. Christoph Milton 17. Thomas Ell- 
wood 18, 19. Tod von Lawes und Hartlib 20. Comenius. Durie. Pell 
21, 22. Die Royal Society 23. Barrow und Marvell 24. 

Zweites Kapitel. 

Die Reaktion geg-en den Puritanismus S. 25 — 47. 

Reaktion gegen den puritanischen Rigorismus 25, 26. Der König und 
der Hof 27. Ton der höfischen Gesellschaft 28. Reaktion in der Lite- 
ratur. Butlcr's Hudibras 29, 3l). Rochester 31. Dorset. Sedley 32. 
Die Bühne. Das Lustspiel 33. Die Tragödie 34. Einfluss Frankreichs 35. 
Heroische Schauspiele 36. John Dryden 37. Reaktion in der Kirche, 
Wiederherstellung der bischöflichen Kirche 38 — 40. Verhandlungen mit 
den Presbyterianern 41, Savoy- Konferenz. Konvokation 42. Korpo- 
rationsakte. Uniformitätsakte 43. Der Bartholomäustag 1 662 44. lu- 
dulgenzerklärung des Königs 45. Konventikelakte. Fünfmeilenakte 46. 
Auswärtige Politik 47. 



VI Inhalts -Verzeichniss. 

Drittes Kapitel. 
Das verlorene Paradies . . . * S. 48 — 103, 

Frühe Beschäftigung mit dem Gegenstande 48, 49. Zeit der Abfassung 50. 
Die Pest 1665. Milton in Chalfont 51. Ellwood liest das Gedicht 52. 
Brand von London 1666 53. Englisch -niederländischer Krieg 54, 55. 
Erscheinen des verlorenen Paradieses 56, 57. Quellen: Caedmon. Du- 
Bartas. Die Fletcher etc. 5S, 59. Andreini's Adamo 60. H. Grotius' 
Adamus exul 6U. Vondel's Lucifer 61. Der Gegenstand 62 — 65. Dra- 
matischer Charakter des Gedichtes 66. Inhaltsangabe 66 — 76. Die 
Charaktere: Satan und die Teufel 76 — 80. Gott, Gottes Sohn und die 
Engel 81 — 83. Adam und Eva 83 — 87. Das epische Element 88. 
Kopernikanisches oder ptolemäisches System 89 — 91. Das lyrische Ele- 
ment 92, 93. Puritanische Teudenz 94. Das didaktische Element. Die 
Weltanschauung des Dichters 95 — 97. — Milton und Bunyan 97, 98. 
Milton und Klopstock 99, 100. Milton uud Dante 101—103. 

Viertes Kapitel. 

Das wiedej'geivonnene Paradies. Simson der Athlet S, 104 — 128. 
Entstehung des wiedergewonnenen Paradieses 104, 105. Verhältnis zum 
verlorenen Paradiese lu6. Inhaltsangabe 107 — 114. Renaissance und 
Puritanismus 115. Milton's Latinismen 116. Der reimlose Jambus 117, 
118. Behandlung dieser Versform 119. — Entstehung des Simson 120, 
121. Antike Form des Dramas 122, 123. Inhalt 124—126. Kritik 126. 
Autobiographische Andeutungen 127. Politische Tendenz 128. 

Fünftes Kapitel. 

Abschluss der g-elehrteu Arbeiten S. 129 — 165. 

Lateinisches Wörterbuch 130. Lateinische Grammatik 131. 
Geschichte Britanniens 132 — 145. Milton's historische Befähi- 
gung 133. Benutzte Quellen 134. Seine Quellenkritik 135. Populärer 
Charakter seines Werkes 136. Sein historischer Stil 137, 138. Anspie- 
lungen auf die Zeitgeschichte 134. Die unterdrückte Stelle bezüglich 
der Revolution 140 — 145. Lehrbuch derLogik 146. System der 
Theologie 147. Entstehung und Handschrift des Werkes 147, 148. 
Allgemeiner Charakter des Werkes 149, 150. Sein Zweck 151. Anleh- 
nung an die Bibel 152. Benutzung früherer Lehrbücher 153. Verbin- 
dung von Glaubens- und Sittenlehre 154. Vergleichung mit dem ver- 
lorenen Paradiese 155, 156. Milton und der Calvinismus 157, 158. 
Milton und die Dreieinigkeitslehre 759, 760. Milton und der Pantheis- 
mus 161, 162. Ansichten über Taufe und Ehe 163, 164. Schlussbe- 
trachtimg 164, 165. 



Inhalts - Verzeichniss. Vn 

Sechstes Kapitel. 
Des Lebens Ende S. 166 — 192. 

Ereignisse in Staat und Kirche 166 — 168. Test-Akte 169. Milton's 
Schrift „Von wahrer Religion, Schisma, Toleranz" 17 U — 
175. lieber den Katholicismus 171. Ueber die protestantischen Sekten 
172. Grenze der Toleranz gegenüber dem Katholicismus 173, 174. Ver- 
theidigung Milton's durch Marvell gegen Samuel Parker und Genossen 
175, 176. Milton's „Beschreibung des russischen Reiches'' 
777, 178. Uebersetzung der D eklaration betreffend die Kö- 
nigswahl Sobieski's. Zweite Auflage der Gedichte 179. 
Die Privatbriefe und College-Reden. Die Staatsbriefe 
180. Mitwirkung an E. Phillips' Theatrum poetarum 181. Zweite 
Auflage des verlorenen Paradieses 182. Milton und Dryden 
183. Undankbarkeit von Milton's Töchtern 184, 185. Letzte Willens- 
erklärung 186, 187. Zeugenaussagen über das Verhalten der Töchter 
188. Schicksale Christoph Milton's und der beiden Phillips 189, 190 . 
Milton's Nachkommenschaft 190, 191. Schluss 191, 192. 

Aiimerkung-eu S- 193 — 210. 

Personenresrister S. 211 — 217. 



Viertes Buch. 

Unter der Restauration. 
1660-1674. 



Stern, Milton n. s. Z. II. 4. 



Erstes Kapitel. 
Gefahr und Rettung. 



Am 29. Mai 1660 hielt Karl II. unter dem brausenden 
Jubel der dichtgedrängten Volksmassen seinen Einzug in den 
väterlichen Palast. Es war ein Tag, von dem eine neue Aera 
in der Geschichte Englands datirte, und mit dem auch im 
Leben Milton's ein neuer Abschnitt begann. Was er mit 
Bangen hatte herannahen sehen, war eingetreten. Seine 
Rathschläge , seine Warnungen, seine Beschwörungen waren 
vergeblich gewesen. Ihm blieb nur die späte Erkenntnis 
Unmögliches erstrebt, und das bittere Bewusstsein die Hoff- 
nungen der Mannesjahre verloren zu haben. Vereinsamt 
stand er unter einem Geschlecht, dem er sich fremd fühlte, 
und jeder Tag brachte ihm Kunde davon , wie rasch sich die 
Restauration befestigte. Es zeigte sich, dass dieses Volk, 
dem die Republik nur in Form einer drückenden Älilitärherr- 
schaft erschienen war, die Monarchie als rettende und er- 
lösende Macht begrüsste. Es zeigte sich nicht minder deut- 
lich, dass der Gedanke einer legislativen Union der drei Reiche 
verfrüht gewesen war. 

Der junge Fürst, dem man seine Fehler um seiner Schick- 
sale willen nachsah, bezauberte alle Herzen. Im Staatsrath 
fanden sich Vertreter aller derjenigen Parteien friedlich zu- 
sammen, deren vereinte Kraft die Wiederherstellung des 
Königthums bewirkt hatte. Im kleineren Kreise des Kabinets 



4 Indemnitätsakte. 

entfaltete der alsbald zum Grafen von Clarendon ei-hobene 
Lordkanzler Edward Hyde mit den engsten Vertrauten eine 
stetige und eingreifende Thätigkeit. Die tapferen Veteranen, 
in denen der Engländer die Institution des stehenden 
Heeres hassen und fürchten gelernt hatte, legten ohne 
Murren die Waffen nieder und kehrten ohne Zögern zum 
bürgerlichen Leben zurück. Das Konventionsparlament, von 
Karl IL als gesetzmässig anerkannt, nahm keinen Anstand 
das Tonnen- und Pfundgeld auf die Zeit seines Lebens zu 
bewilligen und dem König ein Jahreseinkommen zu sichern, 
das zwar für seine Bedürfnisse nicht genügte, aber reicher 
ausfiel als es jemals vorher der Fall gewesen war. Die Frage 
der Rückerstattung eingezogener Güter der Krone, der Kirche 
und von Privaten gieng einer Lösung entgegen, die, wenn sie 
auch zahlreiche Ansprüche unbefriedigt liess, einen gesicherten 
Rechtszustand schuf und besser als irgend etwas sonst die 
Stärke der neuen Regierung bezeugte. 

Indessen die wichtigste Angelegenheit war die der 
Indemnität, des Vergebens und Vergessens, mit Rücksicht 
auf alle die, welche sich persönlich an der Revolution be- 
theiligt hatten. In der Erklärung von Breda vom 14. April 
1660 hatte Karl IL eine allgemeine Verzeihung für alle, die 
binnen vierzig Tagen ihre Loyalität bekunden würden, ver- 
sprochen, mit alleinigem Ausschluss derjenigen, die das Parla- 
ment davon ausnehmen werde. Bald nach seiner Rückkehr 
hatte er durch eine Proklamation die Richter seines Vaters 
aufgefordert, sich binnen vierzehn Tagen zu stellen, bei Strafe 
der Wohlthat der Amnestie verlustig zu gehn. Eine Anzahl 
hatte sich im Vertrauen auf das königliche Wort ausgeliefert. 
Einige wurden auf der Flucht ergriffen. Anderen gelang es 
auf das Festland zu entkommen. Das Unterhaus legte zuerst 
wenig Neigung an den Tag, die Politik der Rache über einen 
sehr beschränkten Kreis von Personen hinaus zu erstrecken. 
Seiner Masse nach aus Männern von presbyterianischen 
Sympathieen zusammengesetzt, schien es gewillt, einige wenige 
Opfer von besonders verhasstem Namen auszuwählen und 
durch ihren Tod die Schuld aller übrigen sühnen zu lassen. 



Indemnitätsakte, — Hinrichtungen. 5 

Selbst von den Regiciden hatte es ursprünglich nur sieben 
von der Zusicherung des Lebens ausgeschlossen zu sehn ge- 
wünscht. Allein bald wuchs schon bei den Gemeinen das 
Register der zum Tode Bestimmten an, und eine zweite Liste 
umfasste die Namen derjenigen, denen eine geringere Strafe 
zugedacht war. Das Htius der Lords, das sich seit dem ]\Iai 
wieder gefüllt hatte, war bei weitem mehr von den Gefühlen 
des Hasses und der Rache beseelt. Jede Veränderung, die 
es an der Indemnitätsbill vornahm, war eine Verschärfung. 
Es forderte den Tod für alle diejenigen, welche das Urtheil 
über den König gesprochen hatten, und fügte fünf Namen, 
unter denen die von Vane und Lambert, hinzu. 

Das Ergebnis der langen Verhandlungen war ein Kom- 
promiss, bei dessen Herstellung der erste Berather des 
Monarchen es sich wenig angelegen sein liess, die Ehre des 
königlichen Wortes zu wahren. Unter den zehn Männei'n, 
an welchen das Todesurtheil vollstreckt wurde, war einer de 
Königsrichter, der sich im Vertrauen auf die Proklamation 
Karls n. gestellt hatte. Fünf, die wie er den ,, blutigen Voll- 
zugsbefehl" vom 29. Januar 1649 unterzeichnet hatten, theilten 
sein Schicksal. John Cook, der einstige Vertreter der An- 
klage gegen den „Tyrannen und Feind des Gemeinwesens", 
Hacker und Axteil, welche während des Processes und während 
der Hinrichtung die Wachen kommandirt hatten, Hugli Peters, 
der leidenschaftliche Prediger, den ein besonderer Hass ver- 
folgte, bestiegen gleichfalls unweit der Richtstätte von White- 
hall das SchaÖbt. Mit Ausnahme des zuletzt Genannten legten 
sie sämmtlich die grösste Standhaftigkeit und Zuversicht in 
die Gerechtigkeit ihrer Sache an den Tag. Drei weitere 
Regiciden wurden einige Zeit nachher -von den Niederlanden 
ausgeliefert und giengen mit dem Gefühl von Märtyrern in 
den Tod. Die Flüchtlinge, welche unter dem Schutz des 
Freistaates von Bern an den Ufern des genfer Sees ein Asyl 
gefunden hatten, sahen sich noch in dieser Entfernung von 
der Heimat beständig durch meuchlerische Nachstellungen 
bedi-oht, und einen von ihnen traf die Kugel des gedungenen 
Mörders (^). Auch blieben diejenigen Königsrichter, deren 



6 Hinrichtungen. — Schicksal von Lambert und Vane. 

man habhaft geworden war und deren Leben geschont wurde, 
der Freiheit beraubt. Henry Märten hat zwanzig Jahre ge- 
duldet, und erst der Tod hat den Achtundsiebzigjährigen er- 
löst. — 

Lambert und Vane hatten nicht zu den Richtern Karls L 
gehört, aber die fanatischen Royalisten setzten es durch, dass 
auch sie von jeder Amnestie ausgenommen sein sollten. Das 
Konveiitions-Parlament zeigte immerhin noch so viel Mässigung 
darauf zu dringen, dass falls sie des Todes schuldig befunden 
würden, die Ausführung des Urtheils unterbleiben sollte. 
Das neue Parlament, welches aus den Wahlen von 1661 her- 
vorgleng, kannte keine Schonung. Lambert M'usste durch die 
demüthige Haltung, die er vor seinen Richtern einnahm, wie 
durch Anrufung der königlichen Gnade sein Leben zu retten 
und blieb dreissig Jahre lang ein Gefangener auf der Lisel 
Guernsey. Vane erwartete ein anderes Geschick. Von Ge- 
fängnis zu Gefängnis geschleppt und zuletzt auf Scilly in ein- 
samer Haft gehalten, hatte er weder die Spannkraft noch die 
Ruhe seines Geistes verloren. In den Todesbetrachtungen, 
die er niederschrieb, in dem rührenden Briefe, durch den er 
sein Weib über ihr Schicksal zu trösten suchte, athmet das 
Gefühl einer allen irdischen Kämpfen entrückten, durch nichts 
mehr zu erschütternden Seele. Seine Vertheidigung vor dem 
Tribunal gegen eine Anklage, die tausend andere ebenso gut 
hätte treft'en können wie ihn, kann noch heute als ein Muster 
muthiger und würdiger Beredtsamkeit gelten. Aber sein 
Loos war entschieden. Der König selbst, der doppelt und 
dreifach gebunden war, dem stolzen Republikaner Gnade zu 
erweisen, so sehr er sich sonst bemühte die Rachegefühle 
seiner Anhänger zu zügeln , gab ihn auf. „Er ist ein zu ge- 
fährlicher Mann, schrieb er dem Lordkanzler, um ihn am 
Leben zu lassen, wenn wir ihn auf gute Art bei Seite schaffen 
können". Indem sich Vane auf den Tod vorbereitete und 
die Seinigen zu einem letzten Gebete um sich versammelte, 
sprach er die Ueberzeugung aus, dass die „ruhmreiche Sache'\ 
für die er gelebt, aus seinem Blute wieder emporspriessen 
werde. Am 14. Juni 1662 endete der Mann, der einst von 



Schicksal vou Lambert und Vane. — Gefahr Milton's. 7 

Milton mit begeisterten Worten gepriesen worden war, au 
derselben Stätte, welche die letzten Momente Strafford's ge- 
sehn hatte, unter dem Richtschwert (^). Ein Jahr vorher 
war, um auch in Schottland den Umschwung der Dinge mit 
Blut zu bezeichnen, das Haupt Argyle's auf dem Schaffot 
gefallen. Es wurde auf demselben Pfahl aufgesteckt, der den 
Kopf seines Gegners Montrose getragen hatte. Zwei weitere 
Opfer, ein Kapitän, der einst zu Cromwell übergegangen war, 
und ein einflussreiches Mitglied des Klerus folgten ihm nach. — 
Man wollte nicht dabei stehn bleiben der "Welt das Schau- 
spiel von Hinrichtungen zu geben, auch die Todten sollten 
von der Rache der Restauration getroffen werden. Die Ge- 
beine von Cromwell's Mutter und Tochter, von Pym und 
Blake wurden aus der Kapelle Heinrich's VH. und aus der 
Westminsterabtei entfernt um in den anstossenden Kirchhof 
versetzt zu werden. Die Leichname CromwelFs, Bradshaw's, 
Ireton's wurden aus ihren Gräbern gerissen und an dem 
Galgen von Tyburn aufgehängt. Man schnitt ihnen die Köpfe 
ab und machte sie zum grässlichen Schmuck derselben Halle 
von Westminster, in der das Urtheil über Karl I. gefällt 
worden war. 



Die Frage drängt sich auf, welches Schicksal Milton er- 
eilte. Von allen denen, deren Feder der Republik gedient 
hatte, gab es keinen Berühmteren als ihn. Hatte er keine 
Gelegenheit gehabt,, an der Verurtheilung des Königs Theil 
zu nehmen, so hatte er sie doch für vollkommen gerechtfertigt 
erklärt. Er hatte die Zertrümmerung des „königlichen Bildes" 
übernommen. Er hatte im Kampfe mit Salmasius und seinen 
Geistesverwandten die grosse politische Frage vor dem Forum 
der öffentlichen Meinung Europas behandelt. Ein Jahrzehnt 
hindurch hatte er einen wichtigen amtlichen Posten bekleidet. 
Bis zuletzt war seine Stimme gegen die Herstellung der 
Monarchie laut geworden, und unmittelbar vor der Rückkehr 
des Königs hatte man seinen Namen wiederholt in den £;chrift- 
stellerischen Kämpfen des Tages genannt hören können. 



8 Gefahr Miltou's. 

Karl II. hätte noch seine besonderen Gründe gehabt, den 
Mann seine strafende Hand fühlen zu lassen, der im sieben- 
undzwanzigsten Kapitel des Bilderstürmers ein wenig schmeichel- 
haftes Bild von seiner Person entworfen hatte. Wenn Vane 
zum Richtplatz geführt werden konnte, so durfte sich sein 
blinder Gesinnungsgenosse nicht sicher fühlen, und theilnehmende 
Freunde im Ausland hatten Grund genug sich ängstlich nach 
seinem Loose zu erkundigen. Auch fehlte es keineswegs an 
Denunciationen, wie sie in Zeiten eines plötzlichen Umschlags 
der öffentlichen Angelegenheiten mit widerlicher Geschäftig- 
keit vorgebracht zu werden pflegen. Möglicher Weise war 
auch Milton's politischer Phantasieen gedacht worden, wenn 
schon am 20. April ein anonymer Pamphletist die Frage auf- 
gewoifen hatte, „ob Erhängen oder Ertränken die beste Art 
sei unsere vormaligen Piepublikaner in die Gemeinwesen 
Utopia oder Oeeana zu befördern'* (^). Roger L'Estrange 
versäumte nicht in einer neuen Schrift, die von seinem er- 
probten Royalismus Zeugnis ablegen sollte, darauf hinzuweisen, 
dass Milton „gegen Dr. Griffith geschrieen", von ihm selbst 
aber die gebührende Antwort empfangen habe(-). Ein ge- 
reimtes Libell nannte unter der Zahl derer, die „im schwarzen 
Hofe Plutos" gleichsam die Leibwache des Protektors gebildet 
hätten, neben den Harrison, Hewson, Cook, Vane u. s. w. 
ausdrücklich auch Milton (^), Die nachgelassene Schrift des, 
Salmasius, die einige Monate nach der Rückkehr des Königs 
in London herauskam, ein Neudruck des „unzerbrochenen 
Bildes" (s. o. III. 48), rief aufs neue die Erinnerung an die über- 
lebende Partei jener denkwürdigen literarischen Kämpfe wach. — 
Je stärker unmittelbar nach der Restauration diejenige Art 
historischer Literatur anwuchs, welche die Vergangenheit vom 
einseitigen Parteistandpunkt aus beurtheilte, je lebhafter die 
Neigung war, das Andenken des Königs-Märtyrers in glänzen- 
den Farben aufzufrischen, desto häufiger bot sich auch der 
Anlass dar, den ehemaligen Sekretär der Republik recht ein- 
dringlich der Beachtung derer zu empfehlen, gegen die er so 
empfindliche Streiche geführt hatte. 

In der That zeigte sich sehr bald, dass man Milton's 



Prokl. geg. ihn u. Goodwiu. — Milton i. d. Indeninitätsakte überg. 9 

nicht vergessen habe. Am 16. Juni beschloss das Haus der 
Gemeinen den König zu bitten, zwei Bücher Milton's — man 
dachte an den Bilderstürmer und die erste Vertheidigung des 
englischen Volkes — und eine Schrift John Goodwin's (The 
obstructors of justice), in denen der Mord Karls I. gerecht- 
fertigt worden sei, konfisciren und verbrennen zu lassen, so- 
wie durch den Attorney-General gegen die Verfasser einzu- 
schreiten. Auch sollte der Sergeant-at-Arms des Hauses beide 
in Haft nehmen. Am 13. August erschien die gewünschte 
königliche Proklamation. Sie nannte die Titel der betreften- 
den Schriften Milton's und Goodwin's, forderte ihre Ausliefe- 
rung, „auf dass die guten Unterthanen von ihren schlechten 
und verrätherischen Grundsätzen nicht angesteckt würden", 
und ermächtigte die Sheriffs die konfiscirten Exemplare durch 
die Hand des Henkers verbrennen zu lassen. Von den Autoren 
hiess es, sie seien „entweder geflohen oder hielten sich so ver- 
borgen, dass alle Bemühungen ihrer habhaft zu werden, um 
sie vor Gericht zu stellen und der gerechten Strafe für ihren 
Verrath und ihre Verbrechen zu überliefern, bisher vergeblich 
gewesen seien". Schon hieraus geht hervor, dass das Gerücht 
falsch war, welches IMilton bereits am 15. Juli verhaftet sein 
liess(^). Am 27. August wurden, wie die Zeitung verkündigte, 
„verschiedene Exemplare dieser infamen Bücher John Good- 
win's und John Milton's, geschrieben zur Rechtfertigung des 
grässlichen jNIordes des verewigten ruhmvollen Herrschers, 
Königs Karl I. , vor dem Gerichtshaus in Old Bailey durch 
Henkershand verbrannt" (-). Zwei Tage später kam die 
Indemnitäts-Akte heraus. John Goodwin war unter denen 
aufgeführt, die für unfähig erklärt wurden, ein kirchliches, 
bürgerliches oder militärisches Amt zu bekleiden. Milton's 
Name war übergangen ('). 

^lan hat sich Mühe gegeben an's Licht zu bringen, wessen 
\'ermittelung es Milton verdankte, dass er um so viel besser 
behandelt wurde als Goodwin, während dieser doch zur Zeit 
des Interregnums eine viel geringere Rolle gespielt hatte. 
E. Phillips spricht nur von „einigen im Geheimrath und 
Parlament" und gedenkt besonders der Bemühungen „Andrew 



10 Frage nach seinen Fürsprechern. 

Marvell's, des Mitgliedes für Hüll, der sich ^lilton's tapfer im 
Unterhause annahm und eine starke Partei für ihn zusammen- 
brachte''. Marvell. der schon in dem Parlamente Richard 
Cromwell's gesessen hatte, ^Yar allerdings nicht der Mann, 
seinen einstigen Kollegen in der Xoth zu verlassen . wie er 
denn noch später muthig eine Lanze für den alten Freund 
gebrochen hat. Von anderer Seite werden die Namen des 
Staatssekretärs William INIorris und des Sir Thomas Clarges 
genannt. Beide standen Monk sehr nahe, und nach derVer- 
muthung einiger wäre Monk selbst für den Dichter eingetreten. 
Endlich soll ihm ein Genosse seiner Kunst, ohne Rücksicht 
auf die Verschiedenartigkeit ihrer politischen Stellung, einen 
Dienst vergolten haben, den INIilton ihm seinerseits früher ge- 
leistet habe. 

Der Dichter William Davenant war, im Begriff sich nach 
Virginien zu begeben, im Anfang des Jahres 1650 mit seinem 
Schiff in die Hände der Republikaner gefallen. Davenant, 
der ehemals nicht nur mit der Feder sondern auch mit dem 
Schwerte für die königliche Sache gefochten hatte, war eine 
zu bekannte Persönlichkeit, als dass man ihm nicht staats- 
gefährliche Absichten hätte Schuld geben sollen. Er wurde 
im Schloss von Cowes auf der Insel Wight gefangen gehalten 
und beförderte von hier aus sein Heldengedicht „Gondibert", 
unvollendet wie es war. zum Druck. Vermochten sich selbst 
Davenanfs Gesinnungsgenossen nicht dazu aufzuschwingen, 
dies Gedicht mit Hobbes der Iliade und Aeneide an die Seite 
zu stellen, so forderte doch das persönliche Schicksal des 
Dichters zu ausserordentlicher Theilnahme auf. Man ver- 
brachte ihn nach dem Tower und war im Begriff ihm den 
Process auf Leben und Tod zu machen, als er sich auf eine 
nicht hinlänglich aufgeklärte Weise in Freiheit gesetzt und 
weiteren Verfolgungen entzogen sah. Zwei Aldermen von 
York, gegen die er sich während des Bürgerkrieges sehr 
freundlich erwiesen hatte, sollen sich für ihn verwandt haben. 
Von anderer Seite taucht die Nachricht auf, die Fürbitte 
Milton's sei ihm gleichzeitig zu gute gekommen. Indessen 
ist diese Ueb erlief erung zu unsicher, als dass mau sie ohne 



Anekdote s. Scheinbegräbnisses. — In zeitweiliger Haft d. Parlam. \\ 

weiteres gelten lassen dürfte. Mit ihr steht und fällt a])er 
die andere, dass Davenant, der die Gunst der herrschenden 
Kreise in hohem Masse genoss, sich jenes Liebesdienstes er- 
innert und für Milton verwandt habe(*). 

Kaum besser begründet erscheint die Anekdote, die zu 
berichten weiss, auf welche Weise es gelungen sei, bis zum 
Erlass der Indemnitätsakte die Wachsamkeit der Späher, 
welche Milton auflauerten, zu täuschen. Die Freunde des 
Dichters — so heisst es — feierten, um Zeit zu gewinnen, 
zum Sehein sein Leichenbegängnis, ein Komödiantenstreich, 
über den der König selbst später herzlich gelacht haben soll {^). 
In jedem Fall kann die Mitwissenschaft Milton's nicht voraus- 
gesetzt werden. Auch sein Neffe giebt keine Andeutung irgend 
eines Vorganges dieser Art. Er berichtet nur, dass diejenigen, 
die sich für das Wohl seines Oheims interessirten , ihm ge- 
rathen hatten sich eine Zeit lang verborgen zu halten. Ohne 
Zweifel fiel das noch in die Zeit vor der Rückkehr des Königs. 
Man kennt eine Urkunde, aus der hervorgeht, dass am 7. Mai 
1660 Cyriack Skinner seinem Freunde iMilton 400 £. vor- 
streckte. Offenbar brauchte der Dichter damals rasch eine 
bedeutende Geldsumme für alle Fälle. Er verliess seine 
Kinder und hielt sich im Hause eines Freundes in Bartholomew- 
Close bis zum Erscheinen der Indemnitätsakte versteckt (^). 

Allein auch danach war die Zeit der Gefahr für ihn noch 
nicht vorüber. Wir wissen nicht, was ihm die nächsten 
Monate gebracht haben. Es wird erzählt, er habe in schlaf- 
losen Nächten die Tücke fanatischer Royalisten gefürchtet. 
Sicher ist, dass ihn das Haus der Gemeinen in den Gewahr- 
sam seines Sergeant-at-Arms abführen liess. Zwar fehlt sein 
Name in einer am 12. Sept. verlesenen Liste derjenigen, die 
sich unter Aufsicht dieses Beamten befanden. Abei- vom 
15. Dec. 1660 datirt die Vollmacht, ihn nach Zahlung der 
Gebühren zu entlassen. Am siebzehnten wurde berichtet, 
dass der Sergeant übermässige Gebühren für die Haft Milton's 
„verlangt" habe, und der Beschluss gefasst, beide vorzufordern, 
um das richtige iNIass der zu zahlenden Summe festzusetzen. 
Vermuthlich hatte Milton selbst auf diese Genugthuung zu 



12 In zeitweiliger Haft d. Parlam. — Verschw. v, öffentl. Schauplatz. 

dringen den Muth gefunden, nachdem ihm auch die ausdrück- 
liche Verzeihung des Königs zu Theil geworden war(^). 

Eine grosse Gefahr war glücklich am Haupte des Dichters 
vorübergezogen. Sein Leben und seine Freiheit waren gerettet, 
aber er war ein abgethaner Mann. Nichts kann verkehrter 
sein als der Erzählung Glauben zu schenken, der König habe 
ihm, der die Hinrichtung seines Vaters vertheidigt hatte, bald 
nach seiner Rückkehr wiederum eine Stelle im Staatsdienst, 
den Posten eines „lateinischen Sekretärs" angeboten, und 
Milton habe dem Zureden seines Weibes mit den Worten ent- 
gegentreten müssen: ,,Du hast ganz Recht, du möchtest wie 
andere Frauen in deiner eigenen Kutsche fahren, mein Wunsch 
aber ist als ein ehrlicher Mann zu leben und zu sterben". 
Für die herrschenden Kreise war er nicht mehr vorhanden. 
Nur ein einziges Mal, als Alexander Morus unter dem Zu- 
drang der vornehmen Welt in der Kapelle von St. James als 
Prediger auftrat, erinnerte man sich vielleicht daran, dass 
ein gewisser John Milton, der schwerlich unter den Zuhörern 
war, dem erborgten Heiligenschein dieses Schauspielers im 
Priestergewande vor Jahren wenig Achtung erzeigt hatte (-). 
Er selbst sah sich in einem Brief an Heimbach zu dem bitteren 
Geständnis gezwungen, dass „seine Liebe zum Vaterlande ihn 
beinahe des Vaterlandes beraubt hätte". Presbyterianische 
Feinde, die ihre herzliche Freude über die Hinrichtung der 
Regiciden nicht verbargen, jubelten auch darüber, dass der 
„blinde ]\Iilton" wie „andere aus der verfluchten Rotte", für 
immer in Ungnade gefallen sei"('). Von einer Ausnahme 
abgesehn, hat er nie wieder als Schriftsteller vor der Oeffent- 
lichkeit Fragen von politischem Interesse berührt. Um so 
entschiedener wandte er sich in den folgenden Jahren zu der- 
jenigen Art des Schaffens zurück, zu der ihn, wie er einst 
erklärt hatte, „der Genius seiner Natur gewaltig hintrieb". 
Seine ganze publicistische Thätigkeit war ihm immer nur als 
eine Ablenkung von der Erfüllung seiner Lieblingspläne er- 
schienen. Die Restauration gab ihm Müsse sie wieder auf- 
zunehmen. 

Sobald er es ohne Gefahr wagen konnte, hatte er eine 



Wohnungen. — Vermögensverhältnisse, — Dritte Ehe. 13 

Wohnung ,.in Holborn nahebei Red-Lion-Fields" genommen, diese 
indessen wenig später mit einer anderen in Jewin-Street ver- 
tauscht. Seine Vermögensverhältnisse hatten inzwischen 
schwer gelitten. Zweitausend i^. , die er von seinem Gehalt 
als Sekretär erspart hatte, soll er bei der Accise- Verwaltung 
angelegt, aber durch die Weigerung der Regierung, die Ver- 
pflichtungen der Republik anzuerkennen, nach der Restauration 
verloren haben. Auch von einer anderen grösseren Summe 
ist die Rede, vielleicht dem Jahresertrag erkauften Kirchen- 
gutes, die ihm entzogen wurde. Das väterliche Haus in 
Br'ead-street mag seinen Hauptbesitz gebildet haben (^). Doch 
blieb es ihm möglich ganz unabhängig, wenn auch höchst ein- 
fach und eingeschränkt zu leben. Allein der Blinde war hilfs- 
bedürftiger als jeder andere. Seine drei Töchter, deren jüngste 
noch ein Kind war, hatten eine mütterliche Aufsicht nöthig. 
Da hielt es „ein alter Freund" für gerathen, ihn zu bewegen 
zum dritten Mal zur Ehe zu schreiten. Es war der Dr. Paget, 
ein in Coleman-Street ansässiger Arzt, der nach ülierein- 
stimmenden Berichten in sehr vertrautem Verhältnis zum 
Dichter gestanden haben muss(-). Die Gattin, die er ihm zu- 
führte, war vermuthlich eine entfernte Vei-wandte, Elisabeth 
Minshul, aus einer Familie, welche seit geraumer Zeit ein 
kleines Besitztimm in Wistaston nahe bei Kantwich (Cheshire), 
in Händen hatte. Als die Fünfundzwanzigjährige im Februar 
1663 sich mit Milton verband, konnte von gegenseitiger tieferer 
Neigung schwerlich die Rede sein, aber da sie „sanft, von 
verträglicher und angenehmer Art'' war, so schien sich sein 
Lebensabend doch etwas heiterer zu gestalten (^). Nicht 
lange nach seiner Verheii-atung bezog er wiederum eine neue 
Wohnung, die ihm von einer kurzen Unterbrechung abgesehn, 
für den Rest seiner Tage diente. Sie wird bezeichnet als ge- 
legen im „Artillerie-Weg, der zu den Feldern von Bunhill" 
führt, und man vermuthet, dass sie sich auf der linken Seite 
des heutigen Bunhill-Row befand, wenn man durch diese 
Strasse nordwärts den Weg gegen das St. Lukas - Hospital 
nimmt. Damals stand nur eine Reihe von Häusern, und ihr 
gegenüber breitete sich jener „Artillerie-Grund" aus, auf 



14 Wohnung im Artillerie-Weg. — Häusliches Leben. 

welchem die ehrbare Bürgerschaft ihre Waffenübungen ab- 
gehalten hatte.(i) 

Wir sind im Stande, uns ein Bild davon zu machen, wie 
Milton in diesen neuen Umgebungen, unter diesen neuen Ver- 
hältnissen sein äusseres Leben einrichtete. Hatte er in 
besseren Zeiten viel auf Massigkeit und Fleiss gehalten, so 
blieb er diesen Tugenden nach dem Wechsel der Dinge, den 
er erfahren hatte, erst recht getreu. Seitdem sein Augenlicht 
abgenommen, hatte er die Gewohnheit, bis tief in die Nacht 
hinein zu arbeiten, aufgegeben und sich statt dessen dazu 
bequemt, den Tag frühe zu beginnen. Er pflegte um vier 
Uhr aufzustehen, und das erste, was seinen Geist beschäftigte, 
war nach puritanischer Sitte die Bibel, aus der ihm ein Diener 
einen Abschnitt vorlesen musste. Hierauf überliess er sich 
einige Zeit seinen Gedanken. Um sieben kam sein Diener 
wieder, um ihm bis gegen Mittag vorzulesen oder sein Diktat 
nachzuschreiben. Während der einfachen Mahlzeit fehlte es 
nicht an Unterhaltung. Die Anmuth, aber auch der stark 
satirische Zug dieser Tischgespräche, wie der Milton'schen 
Konversation überhaupt, bei der die scharfe Aussprache des 
Buchstabens R noch besonders auffiel, wird von Urtheils- 
fähigen ausdrücklich hervorgehoben. Er war nach dem, was 
Richardson viele Jahre später von seiner jüngsten Tochter 
hörte, ein „liebenswürdiger Gesellschafter, die Seele der 
Unterhaltung wegen des überfliessenden Reichthums an Ge- 
sprächsstoff und in Folge seiner natürlichen Heiterkeit und 
Artigkeit". Den Körper frisch zu erhalten, ergieng er sich 
gerne ein paar Stunden in freier Luft, und da mit seiner 
ländlichen Wohnung ein Garten verbunden war, so war es ihm 
leicht gemacht, sich diese Erholung zu gönnen. Musik war 
ihm von jeher eine Quelle des Genusses gewesen, sie wurde 
nun dem Blinden zur Trösterin. Er hatte eine Orgel in 
seinem Hause, auf der er häufig spielte, oder sich zum Ge- 
sang begleitete. Auch an seiner Frau soll er eine gute 
Stimme zu rühmen gehabt, ihr aber musikalisches Gehör ab- 
gesprochen haben. Der Besuch von Freunden verkürzte den 
Nachmittag, sie blieben wohl manchmal bei ihm, bis das 



Die« drei Töchter. 15 

frugale Nachtessen aufgetragen wurde. Danach rauchte er 
zu einem Glase "Wasser seine Pfeife und legte sich, selten 
später als neun Uhr, zur Ruhe. — So war der' Tag regel- 
mässig eingetheilt, und in einfachen, festen Formen bewegte 
sich ein innerlich reiches und arbeitsvolles Dasein ('). 

Eine wesentliche Frage war, ob sich für die geistige 
Thätigkeit und den Schaffensdrang des seines Augenlichtes Be- 
raubten immer die nöthige Hilfe finden werde. Wie übel es 
häufig damit bestellt war, ersieht man aus einem Briefe Mil- 
ton's an Heimbach, dem einzigen Schreiben aus der Zeit seines 
Alters, das auf uns gekommen ist. Er klagt seinem Korre- 
spondenten , wie er genöthigt sei , „einem Knaben , der des 
Lateinischen ganz unkundig, beinahe die einzelnen Buchstaben 
vorzusprechen" und bittet etwa vorkommende Fehler ent- 
schuldigen zu wollen. Es ist dann allerdings von einem Diener 
die Rede, der regelmässig zu ihm kam. Allein wir dürfen 
voraussetzen, dass dieser nur eben noth dürftig Englisch lesen 
und schreiben konnte, während Milton's Studien von jeher 
einen weiten Umkreis todter und lebender Sprachen umfasst 
hatten. Da war er denn, ohne Zweifel schon vor seiner 
dritten Verheiratung, auf das Auskuuftsmittel verfallen, zwei 
seiner Töchter anzulernen. Anna, die älteste, war freilich für 
seine Zwecke sehr unbrauchbar. Sie war schwächlich und 
hatte zudem einen Fehler an der Zunge, der ihr eine deut- 
liche Aussprache unmöglich machte. Auch wissen wir, dass 
sie des Schreibens nicht kundig war. Die beiden anderen da- 
gegen, Mary und Deborah, so jung sie noch waren, machten 
sich dem Vater durch Vorlesen wie durch Nachschreibea 
nützlich. Die jüngste, welche am besten dazu fähig gewesen 
zu ^ein scheint, wird insbesondere als „sein Amanuensis'" be- 
zeichnet. Er pflegte, so Hess sich der Maler Richardsoii später 
berichten , gewöhnlich in einem bequemen Stuhl sitzend , ein 
Bein über die Lehne geschlagen , zu diktiren. Oft aber, na- 
mentlich an kalten Wintermorgen . und ebenso in schlaflosen 
Nächten habe er im Bette liegend gedichtet und, wenn er 
die passende Form gefunden, ohne Rücksicht auf die Stunde, 
seine Töchter herbeigeschellt, um das Erdachte durch die 



IQ Die drei Töchter. 

Schrift fixiren zu lassen. So viel es für sich hat,, diese letzte 
Bemerkung nur für eine spätere Ausschmückung der wirk- 
lichen Yerliältnisse zu halten, so scheint doch so viel gewiss, 
dass die beiden jüngeren Töchter die geistlose Arbeit, die sie 
vielfach zu leisten hatten, nur ungern auf sich nahmen. Sie 
^vurden dazu angehalten. ,.ihm Bücher aller Art vorzulesen, 
ohne ein Wort vom Inhalt zu verstehn", und auf's ,. ge- 
naueste alle die Sprachen auszusprechen, deren mechanische 
Wiedergabe er ihnen . auf welche Weise auch immer , beige- 
bracht hatte. Unter diesen waren aber nicht nur Französisch, 
Italienisch und Spanisch, sondern selbst Lateinisch, Griechisch, 
Hebräisch, wenn nicht auch Syrisch einbegriffen. Lange Zeit 
nach dem Tode ihres Vaters erzählte Deborah, dass die Ge- 
schwister ihm „in acht Sprachen vorgelesen" hätten, obgleich 
sie nur die englische verstanden. Er habe oft gesagt: „eine 
Zunge sei für ein Weib genug". Auch habe er sie nie eine 
Schule besuchen, sondern durch eine Lehrerin zu Hause unter- 
richten lassen (\). Soweit ihre Fähigkeiten es erlaubten, leistete 
selbstverständlich auch die junge Frau dem Hilflosen ihre Dienste. 
Aber ^lilton war schon früher nicht allein auf die Ge- 
nannten angewiesen gewesen. In dem kostbaren Ms. Bande, 
der im Trinity College zu Cambridge aufbewahrt wird, kann 
man ausser den Original-Entwürfen von ]\Iilton's eigener Hand, 
mindestens sechs verschiedene andere Hände nachweisen, deren 
'kerne seiner dritten Frau oder den Töchtern zugesehrieben 
werden darf, selbst wenn die betreffenden Stücke erst später 
niedergeschrieben sein sollten, als das Datum der Abfassung 
zulassen würde. Der Neflfe Milton's lässt uns denn auch 
hören, dass sein Oheim, wenn nicht regelmässig, so doch ab 
und zu die Hilfe wissenschaftlich gebildeter Freunde in An- 
spruch nehmen konnte. Es waren darunter , .Männer, die sich 
mit Eifer dazu drängten, ihm vorzulesen, sowohl um an den 
Früchten dieser Lektüre selbst Theil zu nehmen, wie auch 
imi sich ihm durch diese Gefälligkeit zu Dank zu verpflichten". 
„Jüngere wurden von ihren Eltern aus demselben Grunde zu 
ihm geschickt." Man denkt in erster Linie an die beiden 
Phillips selbst, die ihrem Oheim so viel zu verdanken hatten. 



Edward Phillii^s. Christoph Milton. 17 

Dass der Zweite, John, dessen literarische Thätigkeit Milton 
nur wenig gefallen konnte, den Verkehr mit ihm fortgesetzt 
haben sollte, ist kaum glaublich. Vom Aelteren, Edward, ist 
es bezeugt. Doch wurde er ohne Zweifel durch seine eigenen 
Angelegenheiten stark in Anspruch genommen, als er im Ok- 
tober 1663 die Stelle des Erziehers eines der Söhne John 
Evelyn's antrat, die er 1665 mit einer entsprechenden im 
Hause des Grafen von Pembroke vertauschte. Der Bruder 
des Dichters, Christoph, war zwar nach wie vor durch seine 
politische Gesinnung von ihm getrennt, allein da er nach 
Phillips' Zeugnis ein Mann von ruhigem Temperament war, so 
that dieser Gegensatz dem nahen Verhältnis der Geschwister 
keinen Abbruch. Ein eifriger Verkehr fand indessen schwer- 
lich statt, zumal dem Juristen, der nach der Restauration eine 
Stelle am Kanzleihof gefunden hatte, seine Amtsgeschäfte voll- 
auf zu thun gaben (^). 

Dagegen hatte sich bereits vor dieser Zeit Milton's Be- 
kanntschaft mit einem jungen Quäker angeknüpft, welche für 
beide Theile sehr gewinnbringend wurde. Es war Thomas 
Ellwood, dessen höchst anziehende Autobiographie uns er- 
wünschte Auskunft über sein Verhältnis zu Milton giebt. Ell- 
wood stammte aus einem vermöglichen Hause in Oxfordshire. 
Er war als Kind nach London gekommen und mit der Fa- 
milie jenes Isaac Pennington vertraut geworden, der während 
der Revolution eine so bedeutende Rolle gespielt hatte. Der 
ehemalige Lordmayor von London und Königsrichter hatte 
seine Vergangenheit mit dem Tode im Tower gebüsst. Sein 
gleichnamiger Sohn nahm sich Ellwood's an(='). Ellwood war 
der Spielgenosse der schönen Stieftochter Pennington's , Guli 
Springett, gewesen, die später als Gemahlin William Penn's 
weiteren Kreisen bekannt wurde. Das Beispiel dieser Familie. 
die auf ihrem Landgut bei Chalfont in Buckinghamshire zum 
Quäkerthum übergegangen war, wurde für den jungen Ellwood 
bestimmend. Er sah ein, dass „der Geist der Welt bisher 
über ihn geherrscht hatte" und wurde in seiner Gesinnung 
wie in den äusserlichen Lebensformen ein Mitglied der Sekte. 
Auch konnten ihn weder der Unwille seines Vaters noch 

Stern, Milton u. s. Z. U. 4. 2 



18 Thomas Ellwood. 

Verfolgungen der Behörden der Macht des ,, inneren Lichtes", 
das ihn erleuchtete, entziehen. Erfüllt von Abscheu vor „der 
grässlichen Schuld der trügerischen Priester der verschiedenen 
Religionsgesellschaften, die ein Gewerbe aus dem Predigen 
machten und um schmutzigen Gewinnes willen das Volk immer 
wie Schulknaben behandelten", hatte er bereits 1660 seine 
erste Schrift, ,,Ein Alarmruf an die Priester/' ausgehn lassen, 
ein Druckwerk, dem während eines langen thaten- und leiden- 
reichen Lebens viele andere, u. a. auch speciell gegen das 
Institut der Zehnten, nachfolgten. 

Nicht lange darauf, 1662, als Milton noch in Jewin-Street 
wohnte, hatte er diesen kennen lernen. Er erstattet uns über 
den Hergang in seiner Lebensgeschichte ausführlich Bericht. 
Ellwood hatte während seiner Jünglingsjahre dasjenige, was 
er als Kind erlernt hatte, so ziemlich wieder vergessen. Erst, 
nachdem jene geistige Wandlung mit ihm vorgegangen war, 
empfand- er den Mangel an nützlichen Kenntnissen. Er 
suchte ihm abzuhelfen und sehnte sich nach dem Unter- 
richt eines tüchtigen Lehrers. In dieser Lage klagte er 
seinem Freunde Isaac Pennington sein Leid. Dieser ver- 
fiel auf den Gedanken, ilm durch Dr. Paget, jenen Arzt, der 
ihm wie ^lilton befreundet war, bei dem letzten einführen zu 
lassen. Ellwood erfuhr, dass Milton damals „regelmässig 
einen Vorleser hielt, gewöhnlich den Sohn eines Gentleman 
seiner Bekanntschaft, den er aus Güte annahm, um seine 
Kenntnisse zu vermehren". Auf solche Weise durch den 
Dr. Paget empfohlen, fand der damals dreiundzwanzigj ährige 
Quäker bei dem Dichter Zutritt „nicht als ein Diener", auch 
nicht als ein „Genosse seines Hauses", sondern nur mit der 
Erlaubnis, „zu gewissen Stunden, wann er wollte, zu kommen 
und ihm aus den Büchern, die er ihm bezeichnete, vorzu- 
lesen". Milton scheint an dem jungen Mann, der, wie die 
Quäker überhaupt, so manche Idee mit ihm theilte, sonder- 
liches Gefallen gefunden zu haben. Nach einem ersten kurzen 
Besuch, während dessen Ellwood Rechenschaft über den Stand 
seines Wissens ablegen musste, miethete er sich eine Woh- 
nung in der Nähe seines künftigen Lehrers. Er gieng „von 



Thomas Ellwood. 19 

da an jeden Nachmittag, den ersten Tag- in der Woche aus- 
genommen, zu ihm, sass bei ihm in seinem Speisezimmer und 
las ihm aus denjenigen Büchern in lateinischer Sprache vor, 
die er eben vorgelesen zu hören wünschte". In seiner Schrift 
über die Erziehung (s. o. II. 291) hatte Milton schon einer 
reinen Aussprache des Lateinischen das Wort geredet. Gleich 
das ei-ste Mal, als Elwood kam, um ihm vorzulesen, bemerkte 
der Lehrer seinem Schüler, dass er, schon um mit Fremden 
in lateinischer Sprache sich unterhalten zu können, die eng- 
lische Aussprache ablegen müsse. Er machte ihn mit vieler 
Geduld auf den Unterschied im Klange der Vokale und 
einiger Konsonanten aufmerksam, und nun erschien dem ge- 
lehrigen Schüler das Lateinische, so schwer ihm diese neue 
Angewöhnung auch wurde, als eine ganz andere Sprache. ,,Der 
blinde Lehrer andrerseits, berichtet Ellwood, lieh mir, als er 
meinen Eifer erkannte, nicht nur jede Art von Ermuthigung, 
sondern auch von Hilfe. Denn da er ein feines Ohr hatte, 
so merkte er an meinem Ton, ob ich das Gelesene begreife 
oder nicht, Hess mich demnach anhalten, befragte mich und 
machte mir die schwersten Stellen verständlich." 

Nach kurzer Zeit wurden Ellwood's Studien allerdings in 
Folge seiner schlechten Gesundheit unterbrochen. Er zog 
sich auf das Land zurück und machte hier im Hause eines 
befreundeten Arztes eine schwere Krankheit durch. Nicht so- 
bald fühlte er sich dazu im Stande, als er nach London zu- 
rückkehrte. „Ich wurde", erzählt er, „von meinem Lehrer 
sehr gütig aufgenommen. Er hatte eine so gute Meinung von 
mir gefasst , dass ihm , wie ich fand , meine Unterhaltung an- 
genehm war und er schien über meine Wiederherstellung und 
Rückkehr herzlich erfreut zu sein. Wir nahmen unsere alte 
Methode zu studiren wieder auf. Ich las ihm vor, und er gab 
mir, wo es die Gelegenheit erforderte, Erläuterungen," Allein 
auch dies INIal war Ellwood's Glück nur von kurzer Dauer. 
Am 26. Oktober 1662 wurde eine Quäkerversammlung in 
London, in der er sich befand, gewaltsam aufgehoben. Er 
selbst wurde mit seinen Gesinnungsgenossen von einem Ge- 
fängnis zum anderen geschleppt. Nach erfolgter Freilassung 

2* 



20 Tod von Lawes und Hartlib. 

suchte er Milton wieder auf, Aber er begab sich darauf wieder 
nach Buckinghamshire , um die Familie Pennington, die ihm 
während der Haft aus der bittersten Noth geholfen hatte, zu 
besuchen. Da ihm Pennington eine Stelle als Lehrer des 
Lateinischen für seine Kinder antrug, so blieb er bei ihm, 
ohne indessen Milton's zu vergessen (^). 

Mit Ellwood erweiterte sich der Freundeskreis Milton's 
nach der Restauration. Aber es blieben ihm doch auch 
manche vertraute Genossen früherer Tage, die stolz darauf 
waren, selbst bei abweichender politischer Gesinnung, den 
Umgang mit dem vom öffentlichen Schauplatz abgetretenen 
Zeugen einer grossen Zeit fortzusetzen. Zwar der jNIusiker 
Henry Lawes überlebte die Restauration nur um zwei Jahre, 
nachdem ihm noch die Ehre zu Theil geworden war, die Ode 
zum Krönungsfest Karls H. zu komponiren und seine frühere 
Stellung am Hofe zurückzugewinnen. Auch der interessante 
Deutsche, dem Milton einst seine Schrift über die Erziehung 
gewidmet, und der seinen Idealismus wärmer als irgend ein 
anderer getheilt hatte , war nicht mehr. Samuel Hartlib 
hatte, während die politische Umkehr sich vorbereitete und 
nach der Wiederherstellung des Königthums, eine trübe Zeit 
durchlebt, ohne sich dadurch die Elasticität des Geistes, die 
ruhelose Theilnahme an allen Ereignissen der wissenschaft- 
lichen Welt und die sanguinische Hoffnung auf die Verwirk- 
lichung seiner eigenen Lieblingspläne rauben zu lassen. In 
dem Process gegen die Regiciden wurde er als Zeuge auf- 
gerufen. Er selbst, obwohl er der Regierung Cromwell's 
seine Dienste geleistet hatte, gieng frei aus. Aber der Brief- 
wechsel seiner letzten Jahre gewährt von seinem elenden Zu- 
stande ein deutliches Bild. Seine körperlichen Leiden, na- 
mentlich in Folge von Steinbildung, wurden unerträglich. 
Seine Geldnoth und seine Schuldenlast wurden so gross, dass 
er genöthigt war, die Wohlthätigkeit von Freunden in An- 
spruch zu nehmen. Eine Pension, die ihm das letzte Parla- 
ment Oliver Cromweirs bewilligt hatte, war schon seit längerer 
Zeit nicht ausbezahlt worden, und seine Bemühungen, sie 
vom Konventions - Parlament erneuern zu lassen, waren ver- 



Comeuius und Durie. 21 

geblich. Umsonst berief er sich in einer an das Unterhaus 
gerichteten Petition darauf, dass er seit dreissig Jahren für 
die Fördemng des Jugendunterrichts, die Erhaltung einer ge- 
meinnützigen Korrespondenz mit dem Auslande, die Linderung 
der Noth vertriebener Protestanten so viel gethan habe und 
nun „in seinen alten und kranken Tagen sich und seine Fa- 
milie nicht erhalten könne". Für die Unterstützung eines 
unpraktischen Idealisten hatte man keine ]\Iittel. Er musste 
selbst die harten Folgen seiner Gutmiithigkeit und Uneigen- 
nützigkeit tragen. Sogar der Schmerz, einen Theil seiner 
Bücher und Manuskripte durch ein Feuer zu verlieren, blieb 
ihm nicht erspart. Das letzte Lebenszeichen Harthb's, das 
man kennt, ist ein Aktenstück, welches vom 9. April 1662 
datiit , und es ist wahrscheinlich , dass er bald darauf ge- 
storben ist(^). 

^lit Hartlib's Tode werden auch die beiden berühmten 
Männer so gut wie ganz ausMilton's Gesichtskreis geschwun- 
den sein, für deren Bestrebungen der Deutsche seinen eng- 
lischen Freund zu interessiren gewusst, und deren einer ihm 
persönlich nahe gestanden hatte. Comenius weilte seit 1656 
in Amsterdam in Verhältnissen, die ihm erlaubten, sich ganz 
und gar seiner unermüdlichen schriftstellerischen Thätigkeit 
zu widmen. Dort erschienen seine gesammelten didaktischen 
Werke. Unter den übrigen Schriften seines Alters machten 
namentlich diejenigen nicht geringes Aufsehen, in denen sich 
der grosse Pädagog zum Glauben an gewisse Visionen be- 
kannte. Er sah sich auf's heftigste wegen dieser Ansichten 
angegriffen, ohne sich dadurch die Ruhe seiner Seele rauben 
zu lassen. ]\Iilton hat noch von seinem Tode hören können, 
der im Jahre 1670 in Naarden erfolgte. 

Eine längere Laufbahn stand John Durie offen. Der 
vielgeschäftige Theologe hatte eine Zeit lang von der Re- 
gierung Karls II. etwas für seine Pläne gehofft und seinen 
Freunden in Zürich, mit denen er in Verbindung blieb, sogar 
gerathen, wegen des Unionswerkes sich an den Erzbischof von 
Canterbury und den Bischof von London zu wenden. Allein 
so sehr er sich auch bemühte, seine Vergangenheit vergessen 



22 Comenius uud Durie. 

ZU lassen, und so leicht es seinem geschmeidigen Wesen wurde, 
die Restauration als ein „glückliches Mirakel" zu preisen, so 
war doch unter den verändei'ten Verhältnissen in England 
nichts mehr für ihn zu erwarten. Er verlor seine Stelle als 
Bibliothekar von St. James und begab sich schon im Anfang 
des Jahres 1661 auf das Festland. Aufs neue mühte er sich 
unverdrossen ab, die Versöhnung der Lutheraner mit den Re- 
formirten durchzusetzen, bis in seinem fünfundachtzigsten 
Jahre der Tod allen seinen Bestrebungen in Kassel, wo er 
eine Zuflucht gefunden hatte, ein Ende machte (^). 

Durie's einstiger Reisegefährte, der ^Mathematiker John 
Pell, wurde von den neuen Machthabern nicht belästigt. Man 
fand , dass er durch seine diplomatische Thätigkeit unter 
Cromwell „nichts gegen das Interesse der englischen Kirche 
gethan habe". Er trat sogar in den Kirchendienst ein, aber 
seine Hoffnung, in diesem rasch emporzusteigen, um sich 
durch eine gute Pfründe erhalten zu können, verwirklichte 
sich nur in sehr geringem j\Iasse. Im Jahre 1670 taucht er 
in Amerika auf, auch dort aber kann sein Weizen nicht ge- 
blüht haben. In die Heimat zuilickgekehrt , hatte er, eine 
Zierde der Wissenschaft, aber gleichfalls eine vergessene 
Grösse der republikanischen Epoche, mit der bittersten Xoth 
zu kämpfen. Seine Schulden führten ihn in's Gefängnis, sein 
Begräbnis (1685) wurde durch die jNIildthätigkeit von Freunden 
bestritten (-)• 

John Pell erlebte noch, dass ein Gedanke, für den sieh ausser 
ihm selbst so viele Milton nahestehende Personen erwärmt hatten, 
in glänzender Weise verwirklicht ward. Die Anregungen, welche 
einst der Pfälzer Theodor Haak gegeben hatte, die Träume 
Hartlib"s von einer grossen geistigen Genossenschaft „Makaria", 
die Zusammenkünfte des „unsichtbaren College" und ihre 
Fortsetzungen im Hause Robert Boyle's und im Gresham 
College: alles dies blieb nicht verloren. In einem Zeitalter, 
welches den naturwissenschaftlichen Bestrebungen eine ausser- 
ordentliche Gunst entgegenbrachte, unter einem Fürsten, der 
selbst ein Vergnügen daran fand, auf diesem Gebiet zu di- 
lettiren, nahmen frühere schwärmerische Ideen eine Forai an. 



Die Royal Society. 23 

die zwar bescliränkter war als sie sich in manchem Kopfe 
gemalt hatte, dafür aber glücklicher Weise auf einer solideren 
Grundlage beruhte. Jene Gelehrtenzusammenkünfte, welche 
seit anderthalb Jahrzehnten mit grösseren oder geringeren 
Unterbrechungen bestanden hatten, wurden nach der Restau- 
ration mit erneutem Eifer wieder aufgenommen. Die Zahl 
ihrer Theilnehmer wuchs, und man hielt sich an ein regel- 
mässiges Verfahren. Am 15. Juli 1G62 verlieh ein könig- 
licher Freibrief der Gesellschaft unter dem Namen der „Royal 
Society" Korporationsrechte. Es war ein grosser Akt in der 
Geschichte der Wissenschaften , der Milton nicht ohne Theil- 
nahme lassen konnte. Die rhetorischen Essays seiner Uni- 
versitätszeit hatten im Sinne Bacon's den Fortschritten der 
Empirie das Wort geredet. Seine Schrift über die Erziehung 
hatte nachdi-ücklich auf den Mangel naturwissenschaftlicher 
Bildung hingewiesen. Durch Hartlib musste er mit der 
ganzen Vorgeschichte des neuen Instituts vertraut geworden 
sein, und dieses selbst zählte Männer zu seineu Mitgliedern, 
die ihm schon damals nicht nur dem Namen nach, sondern 
persönlich bekannt waren. Unter jenen glänzten auch zwei 
der berühmtesten Dichter, AYaller und Dryden, über denen 
man den einstigen blinden Sekretär der Republik und des 
Protektorats sehr leicht vergass. Zu diesen gehörte der 
Antiquar John Aubrey, der älteste Biograph ]\Iilton's, 
Theodor Haak, Abraham Hill. Robert Boyle, der 1668 zu 
seiner Schwester, Lady Ranelagh, nach London zog, war eine 
der Hauptzierden der Societät. Sein Neflfe, Richard Jones, 
Milton's ehemaliger Zögling, wurde unter ihre Mitglieder auf- 
genommen. Heinrich Oldenburg war der Sekretär der Ge- 
sellschaft, dem man die ersten Veröffentlichungen ihrer Ver- 
handlungen verdankt. Bei den innigen Beziehungen, die 
zwischen Oldenlnirg und INIilton in früheren Jahren geherrscht 
hatten, darf man annehmen, dass ihr Umgang auch nach der 
Restauration fortdauerte. Wenn irgend einer, so konnte 
Oldenburg am besten dem alten Freunde mittheilen, was die 
wissenschaftlichen Kreise London's bewegte (^). 

Diesen Jüngern der Naturwissenschaft mag sich auch da- 



24 Barrow und Marvell. 

mals schon der Älediciner Samuel Barrow angeschlossen haben, 
dessen freundschaftliches Verhältnis zu ]\Iilton durch die latei- 
nischen Lobverse, die er der zweiten Ausgabe des verlorenen 
Paradieses Vordrucken Hess, hinlänglich bezeugt wird. Barrow 
war Oberarzt im Heere Monks gewesen. Er wurde später 
Generalauditor der Armee und Leibarzt Karls IL, allein dies 
that seiner Verehrung für den ehemaligen Sekretär der Re- 
publik keinen Abbruch {^). Man wird bezweifeln dürfen, ob der 
windige Zeitungsschreiber Marchmont Xeedham sich ihm 
gleichfalls noch zu nähern wagte. Charakterlos, wie er war, 
erkaufte er von der Restauration dadurch Verzeihung, dass er 
seine republikanische Vergangenheit selbst verspottete. Ver- 
muthlich Hess er sich an den Gegner des Salmasius und des 
Morus nur ungern erinnern. Hingegen der Dichter Andrew 
Marvell, Mitglied des Parlamentes für Hüll, der junge Law- 
rence. Cyriack Skinner werden ihren intimen Verkehr mit 
Milton nicht abgebrochen haben. 

Man sieht, es war dafür gesorgt, dass er nicht verein- 
samte. Er wurde namentlich von Gelehrten häufig besucht, 
ja sogar, seinem ältesten Biographen zu Folge, „mehr als ihm 
lieb war". In jedem FaH konnte er, unterstützt durch das 
ausgezeichnete Gedächtnis, das man an ihm rühmte, mit Zu- 
hilfenahme anderer Augen, die für ihn sahen, und anderer 
Hände, die für ihn schrieben, der Ausführung seiner mannich- 
faltigen literarischen Pläne nachhängen. 

Zunächst freilich war noch nichts von allem, was ihn im 
stiHea beschäftigte, hinlänglich reif, um aus seiner Werk- 
statt entlassen zu werden. Die Stimme, auf welche England 
und selbst Europa eine Zeit lang gelauscht hatte, schien ver- 
stummt zu sein, wie untergegangen in dem wilden, bacchan- 
tischen Chor, der seine Lieder des Triumphs über den ge- 
fallenen Puritanismus erschallen Hess. 



Zweites Kapitel. 
Die Reaktion gegen den Puritanismus. 



Xliin Zeitraum von beinahe zwei Jahrzehnten war ver- 
gangen, in welchem das englische Volk unter der Herrschaft 
des Puritanismus gestanden hatte. Erstarkt unter Verfol- 
gungen und Leiden, zum Siege gelangt durch eine unwider- 
stehliche Revolution, hatten die puritanischen Ideen die 
schärfste Form gewonnen und der inneren und äusseren Poli- 
tik, der Gesetzgebung und den Sitten, der Tracht und dem 
Gespräch der Menschen ihren Stempel aufgeprägt. Der Staat 
schien dazu bestimmt zu sein, seine Bürger zu einem heiligen 
Wandel zu erziehen und für „die Ausbreitung des Reiches 
Gottes" nach aussen zu wirken. Die Kirche sollte eine Reform 
erleben, ohne welche sie als unfähig betrachtet w^urde, ihre 
Aufgabe zu erfüllen. Der Einzelne wurde dazu angehalten, 
im täglichen Leben sich in den Schranken zu bewegen, 
welche unerbittliche Vorschi'ift seiner Arbeit wie seiner Er- 
holung zu ziehen wusste. Mit dem Zusammenbruch des Inter- 
regnums brach auch die Obmacht der puritanischen Ideen. 
Sie blieben für immer ein mächtiges Element des englischen 
Volkscharakters und der englischen Geschichte. Sie erhoben 
sich in späteren Zeiten nicht selten wiederum zu ausser- 
ordentlicher Bedeutung. Aber zunächst erfolgte ein natür- 
licher Rückschlag gegen alle die Satzungen und Bräuche, 
die von dem harten Druck beständiger Zwangsmassregeln 



26 Reaktion gegen den puritanischen Rigorismus. 

unzertrennlich gewesen waren und die der Heuchelei und 
Scheinheiligkeit nur zu oft als Deckmantel gedient hatten. 

Es hatte Zeiten gegeben, in denen der Sabbathbrecher 
mit schwerer Geldstrafe oder körperlicher Züchtigung bedroht 
gewesen war. Wer am Tage des Herrn ein Boot, ein Pferd, 
einen Wagen, eine Sänfte benutzte, es sei denn, um sich 
zur Kirche zu begeben, hatte 10 Schillinge Busse zu erlegen 
oder sechs Stunden im Stock zu liegen. Die gleiche Strafe 
galt dem Besuch von Schenken, Tanzen und „profanem Ge- 
sang". Urkunden, die an kirchlichen Feiertagen ausgestellt 
w^aren, hatten keine Rechtskraft. Andere Akte der purita- 
nischen Gesetzgebung hatten den moralischen Zustand durch 
übertriebenen Zwang zu bessern gesucht. Schwören und 
Fluchen wurden gerichtlich verfolgt. Leichtfertigem Lebens- 
wandel drohten drei Monate Gefängnis. Kuppler und Kupp- 
lerinnen wurden ausgepeitscht und gebrandmarkt, ehe sie 
eine langdauernde Haft antraten und büssten im Wieder- 
holungsfall mit dem Leben. Auf Ehebruch stand der Tod. — 
Drakonische Bestimmungen dieser Art hatten gerade das 
Gegen th eil von demjenigen errreicht, w^as sie hatten erreichen 
sollen. Unter ihrer Herrschaft war ein Geschlecht gross ge- 
worden, das es gelernt hatte, im geheimen erst recht zu 
sündigen, da auch Unschuldiges öffentlich als Sünde galt. 
Dies Geschlecht Hess nach der Restauration, der Fesseln 
ledig, allen Begierden die Zügel schiessen. Nicht dass die 
grosse Masse der englischen Nation der alten Zucht und Sitte 
vergessen hätte. Aber die höheren Stände gefielen sich 
darin, die lange entbehrte Freiheit in einer Weise zu miss- 
brauchen , welche der sittlichen Gesundheit der übrigen Volks- 
schichten gefährlich zu werden drohte. 

Der Hof gieng mit dem schlimmsten Beispiel voran. 
Karl II. gehörte zu den Naturen, welche durch den Wechsel 
des Geschicks nicht geläutert, sondern verschlechtert werden. 
Die vornehmste Lehre, die er aus den langen Jahren des 
Elends und der Verbannung zog, war, sich über die Achtung 
der Menschen hinwegzusetzen, weil er selbst oft genug Ge- 
legenheit gehabt hatte, sie zu verachten. Die vornehmste 



Der König und der Hot. 27 

Absicht, mit der er auf den väterlichen Thron zurückkehrte, 
war, sein königliches Dasein zu geniessen, weil ihm sinnlicher 
Genuss als Zweck des Lebens galt. Von Haus aus viel zu 
gutmüthig, um irgend eine Persönlichkeit leidenschaftlich zu 
hassen und viel zu faul, um irgend ein Geschäft ernsthaft 
zu betreiben, hatte er nichts von dem Stoff in sich, aus dem 
Tyrannen gemacht werden, aber genug von den Eigenschaften, 
aus denen sich das Muster eines pflichtvergessenen Fürsten 
zusammensetzt. Von ihm hatte man nicht zu fürchten, dass 
er ein ganzes Volk in Fesseln zu schlagen versuchen werde, 
um seinem Ehrgeiz zu fröhnen oder um die Probe auf das 
göttliche Recht des Königthums zu machen. Aber er war so 
geartet, dass selbst die liebenswürdigen Eigenschaften seines 
Wesens nur zu häufig eine Entehrung seiner Stellung mit 
sich brachten. Das geistreiche Geplauder, in dem er Meister 
war, wurde ihm ein Älittel, um die Oberflächlichkeit seiner 
Kenntnisse und den Widerwillen gegen Arbeit geschickt zu 
verdecken. Die Freigebigkeit, mit der er Aemter und Summen 
verschenkte, kam ausschliesslich denen zu gut, die mit dem 
geringsten ^'erdienst die grösste Keckheit verbanden, seine 
schwachen Seiten auszubeuten. 

Ein Fürst vom Schlage Karl's IL war dazu angelegt, der 
Sklave weiblicher Reize zu werden. Schon während seines 
Exils hatten galante Abenteuer einen grossen Theil seiner 
Zeit in Anspruch genommen. Nach seiner Rückkehr gab 
seine Zügellosigkeit für das sittliche Verhalten der höheren 
Gesellschaftskreise den Ton an. Whitehall, das als Residenz 
des Protektors das Bild eines musterhaften Familienlebens 
geboten hatte, glich nunmehr einem Serail, in dem sich die 
Intriguen der königlichen Favoritinnen bekämpften. Die leicht- 
fertigen und verführerischen Geschöpfe mit allen den Reizen 
von Natur und Kunst, wie sie in den s. g. Memoiren des 
Chevalier de Grammont und in den Bildern Peter Lely's 
erscheinen, geboten über den Willen wie über die Kasse des 
gekrönten Seladon. Nur eine Frau am Hofe sah sich nicht 
selten durch eine gesuchte Zurücksetzung ausgezeichnet: die 
junge portugiesische Infantin, welche Königin von England 



28 Ton der höfischen Gesellschaft. 

hiess. In Bälde bei'eicherte sich der englische Adel durch 
die Bastarde des Monarchen. Ihre genaue Zahl festzustellen, 
bot nicht geringere Schwierigkeiten wie diejenige der könig- 
lichen Maitressen. Die vornehme Welt wollte hinter einem 
Beispiel nicht zurückbleiben , das der Herzog von York, wenn 
auch mit etwas weniger Cynismus, unterstützte. Nicht selten 
lag ein besonderer Reiz darin, einige Stufen hinabzusteigen 
und sich auf der Strasse oder hinter den Kulissen die käuf- 
lichen Gegenstände der Lust zu suchen. Wurden die Männer 
durch die freien Bewegungen und die kecke Sprache einer 
üppigen Subrette gefangen, so fand bei den Damen die 
Kraft und die Gewandtheit kühner Akrobaten mitunter eine 
mehr als ästhetische Bewunderung. Man hatte so lange die 
Maske der Ehrbarkeit und Sittenstrenge getragen, dass man 
sich nicht bedachte, mit der Maske auch die Scham abzu- 
werfen. 

Der ganze gesellschaftliche Ton der höheren Klassen 
wurde gleichzeitig ein anderer. Mit den zierlichen Mode- 
waaren, die man aus der Hauptstadt Frankreichs bezog, 
empfieng man nicht immer jene Grazie, die am Hofe Lud- 
wig's XIV. auch das Verfängliche mit einem anmuthigen 
Schleier zu umwehen wusste. Phrasen und Bilder von sehr 
zweifelhaftem Geschmack drangen in die Sprache des Umgangs 
ein. Ein kräftiger Fluch gab jedem Ausspruch die beste 
Würze. Wetten, Duelle, Verkleidungen brachten Abwechse- 
lung in den Gang des täglichen Lebens. Es wurde Sitte hoch 
zu spielen, und auch diese Leidenschaft fand nirgends bereit- 
willigere Opfer als am Hofe. Es war nichts aussergewöhn- 
liehes, dass der König an einem Abend „seine hundert Pfund 
verlor", oder dass ein anderer der Spieler ..über tausend 
Pfund" gewann. Mit Abscheu wandten sich gute Royalisten 
von diesem Bilde ab. Mit Bitterkeit sprachen sie von der 
„wilden und ausgelassenen Bande", die „dem übrigen Volke 
ein Beispiel der Tugend hätte geben sollen" (i). Um wie 
viel herber musste das Urtheil eines Mannes wie Andrew 
Marvell lauten, der in seinen Satiren dem ganzen puritani- 
schen Groll über den Zustand der herrschenden Kreise Luft 



Keaktion in der Literatur. 29 

machte. Er hielt sich für berechtigt zu sagen, dass „Un- 
zucht noch das geringste Laster am Hofe sei" und Hess den 
„Geist CromweH's" mit „dem Lachen der Verachtung" empor- 
steigen. Freilich durften diese poetischen Aeusserungen eines 
bekannten Mitgliedes der besiegten Partei damals das Licht 
der Oeffentlichkeit nicht erblicken. Auch wären sie ohne 
Zweifel unter der Masse entgegengesetzter Stimmen verhallt. 
Denn die schöne Literatur durchdrang sich gleichfalls immer 
mehr mit jenem Geiste, der den Ideen der jüngst durch- 
lebten Epoche entschieden zuwiderlief. 



Auf doppelte Weise kam diese antipuritanische Strömung 
der englischen Poesie zum Ausdruck. Bald sah sich der 
Puritanismus durch die Dichter des Tages dem allgemeinen 
Gelächter Preis gegeben. Bald stellten sie seinen Idealen 
Bilder eigener Erfindung gegenüber, von denen er sich mit 
Abscheu wegwenden musste. Aus jener Reihe seiner "Wider- 
sacher, die sich der scharfen Waffe der Satire bedienten, 
ward ihm niemand so gefährlich wie Samuel Butler. Der 
Hudibras wurde das poetische Hilfs- und Handbuch aller der- 
jenigen, die sich unter einem Puritaner nichts anderes zu 
denken wussten als einen scheinheiligen Bramarbas mit 
kurzgeschnittenen Haaren, näselnder Stimme und frommem 
Augenaufschlag. Diese kecken, burlesken Reime, in denen 
die lächerlichen Aeusserlichkeiten der Heiligen mit ebenso viel 
Witz wie Behagen verspottet waren, prägten sich ganz von 
selbst dem Gedächtnis ein. Der König trug das Gedicht in 
der Tasche bei sich, die Höflinge mischten ihrer Unterhaltung 
einzelne seiner muthwilligen Kraftstellen bei, auf der Strasse 
und in den Tavernen sprach man von dem neuen Don 
Quixote, Sir Hudibras, dem polternden Kavalier der „Dame 
Religion", 

dem Musterexemplar 
Und Spiegel aller Ritterschaar, 
Der jedem Kanon gab das Siegel 
Sehr salbungsvoll mit Faust und Prüsrel 



30 Butlers Hudibras. 

und von seinem Knappen Ralph, dem neuen Sancho Pansa, 
dem Schneiderssohn , der seinem Herrn 

im Witze hielt die Waage, 
Ob er gleich war von anderm Sehlage, 
So man heisst „Gabe", „inner Licht'', 
Die ohne Müh vom Zaun man bricht. 

Es war recht leichte poetische Waare, was Butler 
seinen Zeitgenossen bot: eine lose aneinander gefügte Reihe 
komischer Situationen, in denen selbstverständlich die frommen 
Verfechter der „guten, alten Sache'* regelmässig den Kürzeren 
ziehen, unterbrochen durch polemische Betrachtungen, ohne 
tieferen Hintergrund. Aber er traf damit vollkommen den 
Ton der lebenslustigen, höheren Gesellschaft. Auch war das 
dünne Gewebe seiner regsamen Phantasie durchsichtig genug, 
um zahllose Anspielungen auf Ereignisse und Personen, die 
der Vergangenheit angehörten, erkennen zu lassen. Das 
lange Parlament und die ^Vestminster - Synode , Liga und 
Covenant, wie die grosse Remonstranz, Staatsmänner und 
Feldherrn der Republik und des Protektorats, Presbyterianer 
und Independenten : für alles fand sich in den zwanglosen 
Knittelversen Butler's ein breiter Raum. Die Verfasser des 
Smectymnuus, deren Sache Milton ehemals zur seinigen ge- 
macht hatte , wurden an mehr als einer Stelle verspottet. 
Ihm selbst war wenigstens in einem der Entwürfe des Ge- 
dichts ein scharfer Hieb zugedacht gewesen (i). 

Butler war für die Reaktion gegen den Puritanismus eine 
unschätzbare Kraft, wie wenig auch die IMachthaber des 
Tages es sich angelegen sein Hessen, seine Dienste zu be- 
lohnen. Aber bei aller Derbheit seiner Satire hütete er sich 
doch, die puritanischen Ideen dadurch zu bekämpfen, dass 
er sich zum Lobredner einer möglichst laxen Moral gemacht 
hätte. Er selbst hatte ein deutliches Bewusstsein von der 
„Fäulnis" des Zeitalters, in dem er lebte (2). Er brauchte 
in der That sein Auge nur auf einige Genossen seiner Kunst 
zu werfen, um zu bemerken, wie giftige Blüthen sie unter 
der Herrschaft der Restauration zu treiben begann. 



Rochester. 31 

Vielleicht p^iebt nichts einen deutlicheren Begriff von der 
sittlichen Verwilderung, die nach der Wiederherstellung des 
Königthums in der höfischen Gesellschaft zum Vorschein kam» 
als die Lebensgeschichte des Grafen von Rochester. Sein 
Vater hatte die Schicksale Karls 11. nach der Schlacht von 
Worcester getheilt und dem Sohn ein Anrecht auf die könig- 
liche Dankbarkeit hinterlassen, das zu einem Erbtheil von 
sehr zweifelhaftem Werthe wurde. Jung und leichtsinnig, von 
angenehmem Aeusseren und natürlicher Lebhaftigkeit, kam 
er an diesen Hof, in dessen unreinem Dunstkreis nichts 
Gesundes athmen konnte. Bald war er der erklärte Günst- 
ling des Monarchen, der erste in allen Lastern, die zum 
guten Ton gehörten , gefürchtet wegen seiner schaifen Zunge, 
die auch die höchsten Persönlichkeiten nicht verschonte. Es 
kam wohl vor, dass er die Gnade seines Herrn zeitweise 
verwirkte, weil er sich über dessen öffentliche und heimliche 
Sünden in satirischen Gedichten von unaussprechlicher Natur- 
wahrheit lustig machte. AYährend einer solchen vorüber- 
gehenden Vei-bannung vom Hofe legte er die Verkleidung 
eines herumziehenden Quacksalbers an. Die Rede, mit der 
er damals vor einem gaffenden Volkshaufen seine Künste an- 
pries, die Abenteuer, die ihm in dieser Rolle begegneten, 
boten der Skandalchronik einen unerschöpflichen Stoft". Seine 
Theilnahme an dem Seekrieg gegen die Niederlande unter- 
brach nur auf kurze Zeit ein Wüstlingsleben, das 
seinen Körper ebenso entnervte, wie es seiner Talente un- 
würdig war. Wie bedeutend diese auch waren: Schöpfungen 
von dauerndem poetischen Werthe hervorzubringen, war 
Rochester nicht im Stande. Ich wage nicht zu entscheiden, 
ob ihm diese oder jene schmutzigen Gedichte zuzuschreiben 
sind, die, ohne in seine Werke aufgenommen zu sein, unter 
seinem Namen gehn. Wer immer ihr Verfasser gewesen ist, 
er scheint aus dem wüsten Rausche eines tollen Bacchanals 
nur auf Stunden erwacht zu sein , um sich mit thierischer 
Lust in Ausschweifungen anderer Art zu stürzen. Von einigen 
dieser Bastarde der Poesie lassen sich selbst die Namen nicht 
nennen. Es dürfte schwer sein, ihres gleichen in der Lite- 



32 Dorset. Sedley. 

ratur irgend eines noch so verkommenen Volkes irgend einer 
noch so verkommenen Zeit zu finden (^). 

Rochester war nur einer aus der Schaar der zuchtlosen 
Jugend, deren Ruhm darin bestand, die Schamlosigkeit ihres 
Lebens über der Keckheit ihres Witzes vergessen zu lassen. 
Auch hatten die beliebten Schöngeister des Hofes denn doch 
auf einen feineren Geschmack zu rechnen als den Geschmack 
der Insassen und Stammgäste gemeiner Häuser. Lord Buck- 
hurst, bekannter unter dem Kamen des Grafen von Do)-set, 
wurde freilich einmal mit anderen wilden Genossen vor Ge- 
rieht gefordert, um sich wegen der Anklage auf Raub und 
Mord zu rechtfertigen. Aber die Kinder seiner Muse lassen 
nicht ahnen, wie tief der Dichter zeitweise sinken konnte. 
Charles Sedley, der „Vicekönig Apollo's, wie der bewundernde 
Monarch ihn nannte, betrug sich eines Tages öffentlich in 
einer so gröblich unanständigen Weise, dass ein Auflauf des 
empörten Volkes entstand und ein ärgerlicher Process erfolgte. 
Aber von seinen einschmeichelnden Versen sagte ein genauer 
Kenner des Fachs, dass sie mit unwiderstehlichem Zauber 
auch dem keuschesten Herzen die lockersten Wünsche ein- 
flössen könnten, weil der Dichter sich trefflich darauf ver- 
stehe „manierlich ob&cön" zu sein (2). — Es ist klar, zu 
welchem Dienste im besten Fall die Kunst von solchen Hän- 
den herabgewürdigt wurde. Man war einig darüber, dass 
„jedes Mädchen mit vierzehn Jahren besiegbar", und dass die 
Ehe „nur ein erlaubter Weg zur Sünde sei" (3). Man prägte 
sich diese Lehren um so viel leichter ein, wenn sie im ver- 
führerischen Gewände gebundener Rede erschienen. Und der 
erste Lorbeer winkte dem, welchem es glückte, dem Tropfen 
Gift möglichst viel Süssigkeit beizumischen. 

In keiner Form der schönen Literatur trat der Rück- 
schlag gegen die puritanische Epoche so deutlich zu Tage 
wie in der des Dramas. Die Bühne war das günstigste Feld, 
auf dem die Sieger ihren Triumph zur öffentlichen Geltung 
bringen konnten. Der Puritanismus hatte die Theater als 
Werkzeuge des Teufels bekämpft und unterdrückt. Nur mit 
]\Iühe war es Davenant Gelungen, unter dem Protektorat der 



Die Bühne. — Das Lustspiel. 33 

dramatischen Kunst eine stillschweigende Duldung zu erwirken. 
Durch die Restauration ihrer vollen Freiheit zurückgegeben, 
rächte sie sich für den frommen Zwang der letzten zwei 
Jahrzehnte, indem sie mit ausgesuchtem Raffinement eben 
nach jener Seite hin sündigte, die schon während der grossen 
Zeit des englischen Dramas das strenge Gefühl des Puritaners 
verletzt hatte. Das Lustspiel war wie immer der Spiegel des 
wirklichen Lebens. Geistreich, witzig, voll feiner psycholo- 
gischer Züge, erhob es sich doch nur selten zu reiner, künst- 
lerischer Höhe. Berechnet auf den Beifall der höheren Ge- 
sellschaftskreise, unter deren Schutz die Bühne wieder erstand, 
entlehnte es diesen Kreisen die Lebensanschauung und die 
Sprache, die in ihnen gang und gebe waren. Die lange unter- 
drückte Sinnlichkeit, welche auch an dieser Stelle wieder 
zum Durchbruch kam, erschien nicht als die naive Aeusserung 
lebensfroher Gesundheit, sondern als ekles Reizmittel geiler 
Genuss-Sucht. Je frecher der Inhalt, je lasciver die Form, 
desto grösser war der Erfolg, der dem Dichter zu Theil 
wurde. Man wusste aus eigener Praxis , dass Verführung und 
Ehebruch zum guten Ton gehörten. Man haschte in der 
Unterhaltung nach Flüchen und Zoten, Um so stärker war 
die Empfänglichkeit dafür, sich im Theater am Anblick be- 
denklicher Situationen aufzuregen und sich durch eine Fülle 
schamloser Phrasen das Ohr kitzeln zu lassen. Die Ueber- 
tragung der Frauenrollen auf Personen weiblichen Geschlechts 
trug nicht wenig dazu bei, diesen Reiz zu steigern. Die 
unanständigsten Worte klangen am schönsten aus dem ]\Iunde 
eines jungen Mädchens, und wenn es Anmuth mit der Jugend 
verband, so war eine Unschuld, die es bis dahin gerettet 
haben mochte, sicher verloren. 

Diesen allgemeinen Charakter hat die englische Komödie 
Jahrzehnte lang behalten. Man kann nicht einmal sagen, dass 
sie während Milton's Leben den Höhepunkt der Gemeinheit 
erreicht hätte. Eine besondere Richtung des englischen Lust- 
spiels dagegen, die sich noch unmittelbarer gegen den Puri- 
tanismus wandte, kam begreiflicher Weise am stärksten sofort 

Stern. Milton u. s. Z. H. 4. 3 



34 Die Tragödie. 

im Beginn der Restauration zur Erscheinung. Wenn Butler 
die besiegte Partei in den Knittelversen eines komisehen Epos 
verhöhnt hatte, so war die Versuchung sehr lockend, sie auch 
in karrikirten Typen auf die Bühne zu bringen. Es hatte so 
viele Tartuffes unter den einflussreichen Persönlichkeiten der 
revolutionären Epoche gegeben, dass die englischen Rivalen 
Moliere's um Urbilder für ihre Charakterzeichnung keineswegs 
in Verlegenheit waren. Nicht alle bewahrten sich die Un- 
parteilichkeit eines Cowley, dessen Lustspiel ..Cutter von Cole- 
man-Street", die zeitgemässe Umarbeitung seines ..Guardian", 
doch auch die schlechten Auswüchse der royalistischen Faktion 
zur Anschauung brachte. In den meisten Fällen war die ko- 
mische Muse einseitig tendentiös. Stücke wie der .,Rump", 
das „Committee", die ..Betrügereien" stellten sehr wenig 
schmeichelhafte Bilder der letzten Jahre vor Augen, und die 
Habsucht des revolutionären Politikers wurde von den höfischen 
Besuchern der hauptstädtischen Theater ebenso herzlich be- 
lacht wie der biblische Jargon des scheinheiligen Sektirers. 

Nicht weniger deutlich trat in der wiedererweckten Tra- 
gödie, als ein bedenkliches Element der Poesie, die politische 
Tendenz hervor. Die Tragödiendichter der Restauration Hessen 
keine Gelegenheit vorübergehn, die beschränkte Monarchie 
anzugreifen und die absolute Monarchie zu preisen. „Könige 
können irren, — heisst es in Dryden's indischem Kaiser — 
aber sollte sich der Unterthan herausnehmen, ihre Schand- 
thaten zu richten, so würde er ihnen ihr Bestes streitig 
machen." „Die Rechte der Unterthanen und der Regenten — 
lässt derselbe Dichter eine seiner Königinnen sagen — sind 
ihrer Natur nach grundverschieden. Jene haben nur ein 
Recht darauf, ihr Hab und Gut zu geniessen, diese haben das 
alleinige Recht zu herrschen" (^). Derartige Sentenzen klangen 
dem Ohr des niedrig denkenden Fürstendieuers sehr ange- 
nehm, aber sie fanden keinen Widerhall im Herzen der Nation, 
die ihre besten Kräfte an die Erkämpfung einer verfassungs- 
mässigen Regierung gesetzt hatte. — 

Etwas anderes kam hinzu, um dem Drama der Restau- 
ration jenen innigen Zusammenhang mit dem nationalen Leben 



Einfiuss Frankreichs. 35 

abzuschneiden, den es einst während der Herrschaft Elisa- 
beth's und in den nächsten Jahrzehnten nach ihrem Tode ge- 
habt hatte. Es gab allerdings hervorragende Geister, welche 
die Meisterschaft Shakespeare's willig anerkannten und auch 
für die Bedeutung der übrigen grossen Dramatiker der Ver- 
gangenheit ein offenes Auge hatten. Aber im ganzen fühlte 
sich das „verfeinerte Zeitalter" den mächtigen poetischen Ge- 
bilden des Genies nicht mehr gewachsen (^j. Wenn man diese 
Gebilde dem Publikum wieder vorführte, hielt man es nicht 
selten für nöthig, eine gründliche Umänderung mit ihnen vor- 
zunehmen, um sie dem herrschenden Geschmack anzupassen. 
In dieser Weise wurden einzelne der berühmten Werke von 
Shakespeare, Beaumont und Fletcher, Webster u. a. ver- 
arbeitet. Sie wurden glänzend ausgestattet, durch die Künste 
des Maschinisten und Decorateurs geziert, mit den unerläss- 
lichen Zuthaten von Musik und Ballet versehen, aber zugleich 
von rohen Händen der Art verunstaltet, dass Miranda eine 
Schwester erhielt, mit der sie unter der Maske der Unschuld 
die schlüpfrigsten Zwiegespräche führen konnte, und dass dem 
Mädchen, welches niemals einen Mann gesehn hatte, ein Jüng- 
ling gegenübertrat, der naiv genug war, nicht zu wissen, was 
ein weibliches W^esen sei. Mächtiger indessen als die grossen 
Muster des eigenen Volkes wirkten fremde Vorbilder auf die 
Dichter des Tages ein. Fand das spanische Theater nach 
wie vor begeisterte Nachahmer, so war der Einfluss der dra- 
matischen Autoren Frankreichs noch bei weitem grösser. Die 
Hauptstadt Frankreichs war eine Zeit lang der Mittelpunkt 
der royalistischen Emigration gewesen. Französische Sprache, 
französische Sitte waren mit der Rückkehr des Königthums in 
die höheren Schichten der Gesellschaft eingedrungen. Für 
viele ihrer Glieder waren das Ideal eines Staates der Staat 
Ludwig's XIV., das Ideal eines Hofes der Hof von Versailles, 
das Ideal der Dichtkunst ein Roman von Mademoiselle de 
Scudöry oder ein Drama von Pierre Corneille. In den Er- 
zeugnissen der gleichzeitigen Poesie des Nachbarlandes fanden 
sich der Stoff und die Form , welche der vornehmen Welt 
allein als klassisch erschienen : die Anhäufung abenteuer- 

3* 



36 Heroische Schauspiele. 

lieber Zufälle, die Darstellung überspannter Gefüble in den 
Scbrajiken akademischer Vorscbrift und in der Spracbe ab- 
gemessener Etikette. Die Dramatiker der Restauration kamen 
den Wünschen ihrer Gönner nur entgegen, wenn sie sich be- 
mühten, die Liebe, die Grossmuth, die Kühnheit, die Eifer- 
sucht christlicher und heidnischer, moderner und antiker, 
afrikanischer und asiatischer Grossen beiderlei Geschlechts 
in volltönenden Reimen auszudrücken. Aber sie theilten das 
Schicksal fast aller Nachahmer: der Form ihrer Vorbilder 
Gewalt anzuthun und den Geist ihrer Vorbilder nicht in sei- 
ner Tiefe zu erfassen. Ihre erzwungenen Reimpaare können 
sich den flüssigen Alexandrinern ebenso wenig vergleichen wie 
ihre marionettenhaften Helden und Heldinnen den stolzen Ge- 
stalten der grossen Franzosen. „Wie diese besingen sie he- 
roische Tapferkeit und heroische Liebe, aber ungleich diesen 
haben sie wenig daran gedacht, die eine mit höfischer Würde 
zu umkleiden und die andere in ihrer Zartheit und Reinheit 
zu schildern. Sie erniedrigen die Leidenschaft, und um ihren 
Bildern mehr Kraft zu verleihen, nehmen sie ihre Zuflucht 
zum Bombast" (^)- Und so entstanden jene „heroischen Schau- 
spiele", in denen, mit Walter Scott zu reden, jeder König 
nach angestammtem Recht ein Held war, jedes Frauenzimmer 
eine Göttin, jeder Tyrann eine feuerschnaubende Chimära, 
jeder Soldat ein unwiderstehlicher Amadis. So kam es zu 
jenen Missbildungen der tragischen Muse, in denen verkün- 
stelte Begrifi'e ritterlicher Ehre und Galanterie das natürliche 
Gefühl, und ein hohles Pathos die Sprache des Herzens er- 
setzen sollten. Für lange Zeit beherrschte diese Manier die 
englische Bühne, bis ihr Buckingham's berühmte Satire „die 
Probe" drei Jahre vor Milton's Ende den Todesstoss versetzte. 
Wie mächtig auch Männer, wie Davenant, Crowne, der 
Graf von Orrery u. a., nach dieser Richtung hin gewirkt haben, 
zum höchsten iVnsehn verhalf ihr die Autorität John Dryden's. 
Man thäte ihm Unrecht, wenn man ihn mit demselben Mass- 
stab messen wollte wie die übrigen Dichter der Restaura- 
tionszeit. Die Vielseitigkeit seines Talents, der Reichthum 
seiner Einbildungskraft, die Geschmeidigkeit seiner Rede in 



Joliii Drydea. 37 

Vers und Prosa würden ihn allein schon über ihre Reihe hin- 
ausheben, selbst wenn der Sinn für Kritik nicht dermassen 
in ihm ausgebildet gewesen wäre, dass ihm alsbald die grosse 
Ueberlegenheit der heimischen über die fremden Muster zum 
Bewusstsein kam, und dass es ihn keine Mühe kostete, in 
einer späteren Zeit Irrthümer einzugestehn , zu deren Ver- 
breitung sein Beispiel und seine Lehre nicht am wenigsten bei- 
getragen hatten. Aber mit allen seinen Stärken und Schwächen 
wurzelte er in dem Zeitalter der Restauration und konnte 
als der vornehmste Vertreter ihrer schöngeistigen Bestrebun- 
gen gelten. Mit derselben Geschicklichkeit wie Edmund 
Waller machte er seine Muse zur Anbeterin des Erfolges. 
Er hatte einst das Andenken Oliver CromweH's besungen. Er 
wurde nun der poeta laureatus Karl's IL Milton lebte un- 
beachtet in dunkler Zurückgezogenheit, Dryden sonnte sich 
in der Gunst des Hofes. Vor diesem ästhetischen Tribunal 
bestanden die servilen Schmeicheleien, die schwülstigen De- 
klamationen, die frivolen Zweideutigkeiten, welche so viele der 
werthvollsten Schöpfungen Dryden's entstellen. Und doch hat 
vielleicht niemals ein puritanischer Schriftsteller schärfer über 
die poetischen Sünden der Restaurationszeit geurtheilt als 
derjenige, den sie ihren ersten Dichter nannte. „Wir haben — 
ruft Dryden bei einem Rückblick auf die Vergangenheit kla- 
gend aus — die himmlische Gabe der Poesie profanirt. Wir 
haben die Muse zur feilen Dirne gemacht und zum Dienst 
der Unzucht erniedrigt . . Oh, wir Elenden, was können wir 
sagen, um diesen unseren zweiten Sündenfall zu entschul- 
digen? "('). 



Wenn im Leben der höheren Gesellschaftskreise ein Rück- 
schlag gegen den Puritanismus erfolgte, wenn die schöne Lite- 
ratur sich auf mannichfache Weise in Widerspruch mit dem 
puritanischen Geiste setzte , der im englischen Bürgerthum 
unausrottbare Wurzeln geschlagen hatte, so erlitt er auf einem 
anderen Gebiete, das er als seine eigentliche Domäne betrach- 
tete, gleichfalls eine Niederlage nach der anderen. Die an- 



38 Reaktion in der Kirche. 

gestrebte Reform der Kirche wurde abgelöst durch eine un- 
barmherzige Reaktion. Die puritanische Umwälzung hatte 
den Bau des Anglikanismus von Grund aus zu zerstören ge- 
sucht. Die Verfassung der bischöflichen Kirche war vernichtet, 
ihre höchsten Würdenträger hatten mit ihrer geistlichen Ge- 
walt ihre politischen Vorrechte eingebüsst, ihre ehemals ge- 
fürchteten Tribunale verhassten Angedenkens waren aufgehoben. 
Der Familienvater, der sich in seinen vier Wänden der über- 
kommenen Formeln des Common-Prayer-Book bediente, hatte 
sich schwerer Strafe ausgesetzt. Gegen Orgeln, Bilder und 
bunte Fenster in den Kirchen war von den Helden von Mar- 
ston-Moor und Worcester ein unerbittlicher Krieg geführt 
worden. Alte Festtage, deren blosser Name theuere Erinne- 
rungen weckte, waren in Wegfall gekommen. An Gebet und 
Fasten war Ueberfluss gewesen, aber die grünen Maibäume 
waren umgerissen und die lustigen Kirchweihen hatten auf- 
gehört. . Auch auf diesem Gebiete hatte der Eifer der Neuerer 
neben drückenden Härten und ISIissbräuchen eine Reihe von 
harmlosen Gewohnheiten und Formen zu beseitigen gesucht, 
die zu enge mit dem allgemeinen Volksbewusstsein verwach- 
sen waren, als dass ein einfaches Dekret die von den Vätern 
ererbten Gewohnheiten hätte vergessen lassen können. 

Bei dem Versuche eines kirchlichen Neubaues waren die 
verschiedenen Richtungen des Puritanistnus auseinanderge- 
gangen. Der Presbyterianismus hatte dem äusseren Anscheine 
nach den Sieg gewonnen. Die Presbyterialverfassung war in 
aller Form als die der nationalen Kirche eingeführt worden, 
und die durchgreifenden Personalveränderungen in den Pfar- 
reien wie in den Universitäten waren in erster Linie den 
Verehrern des schottischen Ideals zu gute gekommen. Aber 
die Presbyterialverfassung war auf englischem Boden immer 
ein fremdes Gewächs geblieben. Sie stand zwar auf dem 
Papier, allein sie konnte, von London abgesehen, nur in einem 
kleinen Theile des Landes durchgeführt werden. Im Kongre- 
gationalisnms , im Anwachsen independentischer Gemeinden 
erhob sich eine furchtbare Macht, die den Rahmen der neuen 
Kirchen Verfassung beständig durchbrach. Je entschiedenere 



Wiederherstellung der bischöflichen Kirche. 39 

Siege der Independeiitismus auf politischem Gebiet erfocht, 
desto zahlreicher drangen seine Anhänger auch in die er- 
ledigten kirchlichen Stellen ein. In beiden Fällen nahm der 
Staat, unter dessen Schutz und mit dessen Beihilfe sich die 
Umwandlung vollzog, ein Recht der Prüfung und Beaufsich- 
tigung in Anspruch. Daneben gewannen aber auch jene Ideen 
fortwährend an Boden, die im Gemeinwesen Roger Williams' 
in ihrer Reinheit verwirklicht waren, und zu denen sich, trotz 
einzelner Unklarheiten, ebenfalls Milton's letzte Schriften be- 
kannt hatten. Eine Anzahl von Sekten breitete sich aus, die 
dem Grundsatz der Freiwilligkeit in seiner ganzen Strenge 
huldigten. Sie verzichteten auf jede Unterstützung des Staa- 
tes, aber sie sprachen ihm auch das Recht ab, ihnen das 
Dasein zu verwehren oder sie in Dogma, Ritus, Veiiassung 
durch obrigkeitliche Vorschriften zu binden. 

Der Gegensatz dieser sich einander befehdenden Parteien 
beförderte den Sieg der alten Episkopalkirche. Nach der 
Rückkehr des Stuart'schen Königsgeschlechts erstand sie aus 
den Ruinen und nahm eine unbarmherzige Rache für die Akte 
der puritanischen Epoche. Die Presbyterianer, die mit allen 
Kräften auf die Restauration hingewirkt hatten, hofften, wenn 
nicht auf völlige Anerkennung ihres Systems, so doch auf einen 
billigen Vergleich. Die Independenten, Quäker, Baptisten und 
andere Sektirer forderten Toleranz. Aber die so lange unter- 
drückten Episkopalisten verlangten mit Ungestüm die Wie- 
derherstellung jener ausschliesslichen Kirche, für welche Karl I. 
den Märtyrertod auf sich genommen haben sollte. Nach ihnen 
bestand keine andere kirchliche Form für ihr Vaterland zu 
Recht als die bischöfliche, und Abweichungen von deren Ver- 
fassung, Ceremonieen und Dogma waren nicht zu dulden. 
Die beraubten Prälaten , welche den Sturm der Zeiten über- 
lebt hatten, die zahlreichen aus ihren Pfründen vertriebenen 
Kleriker traten mit ihren Ansprüchen auf Genugthuung her- 
vor. Die Masse der Kavaliere erwartete mit Ungeduld den 
Augenblick der Rache für die Uebergriffe der puritanischen 
Neuerer. Dem eintiussreichen Lordkanzler erschien das p]pis- 
kopalsystem als das vornehmste Bollwerk des Protestantismus. 



^Q Wiederherstellung der bischöflichen Kirche. 

Der König hätte allerdings den Gang der Reaktion zu hem- 
men gewünscht, nicht als ob seine skeptische Natur einer 
ernsten Behandlung religiöser Fragen überhaupt geneigt ge- 
wesen wäre, sondern weil ihn wichtige Beweggründe anderer 
Art leiteten. Er hatte durch seine Deklaration von Breda 
Gewissensfreiheit in Aussicht gestellt und versprochen, „dass 
niemand wegen der Unterschiede rehgiöser Ansichten, die den 
Frieden des Reiches nicht stören, beunruhigt oder zur Ver- 
antwortung gezogen werden sollte". Er w^isste, dass die Pres- 
byterianer zu schonen waren, solange sie im Konventions- 
parlament eine Macht bedeuteten. Endlich war zu hoffen, 
dass eine Politik religiöser Duldsamkeit auch den Katholiken 
zu gute kommen werde, deren treue Dienste nicht besser 
belohnt werden konnten als durch Aufhebung der harten 
Strafgesetze, und deren allein selig machende Gemeinschaft den 
königlichen Sünder halb und halb zu den ihrigen rechnen 
duifte. 

Aber schon im ersten Jahre nach der Restauration kam 
die Strömung, die der Wiederherstellung der bischöflichen 
Verfassung günstig war, immer entschiedener zum Durch- 
bruch. Wohl leisteten die Parteigänger des Furitanismus im 
Konventionsparlament allen Schritten, die darauf abzielten, 
heftigen Widerstand. Indessen die Zahl der Episkopalisten 
gewann durch Nachwahlen an Stärke und Kühnheit. Die ehe- 
maligen Innehaber von Pfründen durften ihre puritanischen 
Nachfolger zum Weichen bringen. Mit ihnen kehrten zur 
Freude der einen, zum Abscheu der anderen Chorrock und 
Liturgie an die Altäre zurück. In den Universitäten traten 
vertriebene Anhänger der bischöflichen Kirche wieder in 
ihre Stellen ein, und die alten Formen der Gottesverehrung 
suchten auch hier die während der Umwälzung eingeführten 
zu verdrängen. Die überlebenden Bischöfe nahmen ihre Amts- 
thätigkeit wieder auf, und bald waren die Lücken, welche 
während der Revolution in ihre Reihen gerissen waren, aus- 
gefüllt. Nicht lange währte es, so sah man auch in Irland 
und Schottland das Bisthum wieder hergestellt. Immer un- 
gestümer drangen die Klagen und Anklagen von Klerikern, 



Vorhaudlungen mit den Presbyterianern. 41 

die wegen ihrer loyalen Gesinnungen Jahre lang gelitten hatten, 
an den königlichen Thron. Immer häufiger wurden die An- 
fechtungen der „Leute von gefährlichen Grundsätzen", die 
allen Drohungen zum Trotz religiöse Zusammenkünfte hielten 
und sich weigerten, den königlichen Supremat in geistlichen 
Dingen anzuerkennen. Ein tollkühnes Unternehmen, wie das 
des fanatischen Küfers Thomas Venner, der mit wenigen Mit- 
verschworenen das Reich des Königs Karl hatte umstürzen und 
das Reich „des Königs Jesu" hatte aufrichten wollen, gab den 
Verfolgungen neue Nahrung und schlug tausenden von Un- 
schuldigen zum Unheil aus. Die Gefängnisse füllten sich mit 
Verdächtigen, die sich vergeblich gegen den ^'orwurf ver- 
wahrten, den Männern der „fünften Monarchie)-' anzuhangen. 
Friedliche Bürger wurden mit Steinwürfen iasultirt. weil sie 
Mitglieder der verhassten Sekten waren. Die Häuser wurden 
nach Waffen durchsucht, die Post mit Verletzung des Brief- 
geheimnisses streng überwacht. 

Inzwischen war der Versuch gemacht worden, ein Ab- 
kommen mit den Presbyterianern zu treffen. Mehrere ihrer 
vornehmsten Geistlichen waren zu Hofkaplänen ernannt wor- 
den, darunter die drei Smectymnianer, Calamy, Spurstow, New- 
comen(^). Ihre Namen spielen neben demjenigen des be- 
rühmten Richard Baxter eine Hauptrolle in den wichtigen 
Verhandlungen, welche eine Aussöhnung zwischen Presbyte- 
rianern und Episkopalisten l)ewirken sollten. Alle jene kir- 
chengeschichtlichen und kirchenpolitischen Fragen, die in den 
ersten prosaischen Schriften Milton's eine so grosse Rolle ge- 
spielt hatten, tauchten hier wieder auf. Aber damals so wenig 
wie früher war es möglich eine Ausgleichung der Gegensätze 
zu erzielen. Indem der König durch die Vorlage einer mass- 
vollen Deklaration zwischen ihnen zu vermitteln suchte, hoffte 
er eine Klausel einschieben zu können, die allein auf die in- 
dependentischen Sekten berechnet zu sein schien, aus der 
aber auch die gedrückten Katholiken Nutzen ziehn mochten. 
Presbyterianer wie Episkopalisten, gleich unduldsam, wenn es 
sich um ihre papistischen Mitbürger handelte, schöpften Arg- 
wohn. Die Deklaration musste ohne jenen Zusatz erscheinen. 



42 Savoy - Konferenz. Konvokation. 

Ohne Zweifel hatte sie eben daher ihren Werth für den König- 
verloren. Als es sich darum handelte, ihr Gesetzeskraft zu 
geben, wurde die ßill, auf deren Annahme die Presbyterianer 
gerechnet hatten, von Seiten des Hofes Preis gegeben und 
vom Hause verworfen. 

Von Feinden umgeben, ohne auch nur zu einem Theile 
gesetzlichen Schutz errungen zu haben, sah sich nunmehr 
alles, was während des Interregnums im Gegensatz zur angli- 
kanischen Kirche emporgekommen war, dem Sturme ausge- 
setzt, dessen Losbrach nach dem Zusammentritt des neuen 
Parlaments zu erwarten war. In dieser Versammlung war 
der Puritanismus nur in sehr ungenügender Weise veitreten. 
Der Einfluss der Krone, der Eifer des Adels und die Thätig- 
keit des bischöflichen Klerus verhalfen vielen der alten Ka- 
valiere zum Siege, und die Männer, die unter dem Banner 
Karl's I gefochten oder für seine Sache geduldet hatten, waren 
entschlossen , durch die Erneuerung kirchlicher Uniformität 
im alten Sinne eine unbarmherzige Vergeltung zu üben. Xoch 
eben hatten sich in dem Savoy -Palast am Strand in Folge 
königlichen Auftrags Episkopalisten und Presbyterianer zu 
neuen Ausgleichsverhandlungen zusammengefunden. Allein 
auch hier zeigte sich die ünversöhnlichkeit der beiden An- 
schauungen. Der schriftlich und mündlich geführte Kampf 
diente nur dazu, sie zu verschärfen. Die kirchliche Konvo- 
kation, welche gleichzeitig mit dem Parlament seit 1640 zum 
ersten Male wieder tagte, machte alle Hoffnungen zu Schan- 
den, die etwa noch in puritanischen Kreisen geherrscht hatten. 

Die Beschlüsse des Parlaments beschleunigten einer nach 
dem anderen den Lauf der Reaktion. Man wandte sich zunächst 
gegen jene Urkunde, die so lange als das Panier der purita- 
nischen Partei gegolten hatte. Liga und Covenant, worauf 
einst Alt und Jung einen feierlichen Eid geleistet hatten, 
wurde an drei Plätzen in London durch Henkershand ver- 
brannt, und das Schauspiel, das die Hauptstadt gegeben hatte, 
ward hier und dort im Lande unter festlicliem Gepränge nach- 
geahmt. Demnächst war es von unermesslicher Bedeutung, 
dass die Prälaten ihre weltlichen Gerechtsame zurückerhielten. 



Korporatiousakte. Unifoimitätsakte. 43 

Am 20. November 1661 sah man sie zum ersten Mal seit 
zwanzig Jahren in ihren rothen Gewiindern als Pairs des 
Reiches ihre alten Sitze einnehmen. Einige Wochen später 
bestätigte der König eine Akte, welche darauf abzielte, die 
Puritaner aus den Gemeindeverwaltungen, woselbst sie ihre 
Stärke hatten, zu vertreiben. Alle Mitglieder städtischer 
Korporationen hatten , abgesehen vom Suprematseid , die Un- 
gesetzlichkeit von Liga und Covenant wie des Tragens von 
Waffen gegen den König zu beschwören. Niemand sollte in 
Zukunft für ein Gemeindeamt wählbar sein, der nicht binnen 
des Jahres vorher das Abendmahl nach anglikanischem Ritus 
empfangen hatte. Die Korporationsakte verdrängte die An- 
hänger des Puritanismus aus den wichtigsten ihrer Stellungen 
im Staate. Die Uniformitätsakte schnitt ihnen die Möglich- 
keit des Verbleibens in der Kirche ab. Von allen Schlägen, 
die gegen die besiegte Partei geführt wurden, traf keiner so 
schwer wie dieser. Das Common-Prayer-Book , in der revi- 
dirten Form, wie es aus den Berathuugen der Konvokation 
hervorgegangen war, mit allen seinen rituellen Vorschriften 
war das allein giltige gottesdienstliche Muster, und jeder Pfarrer, 
Vikar oder sonst mit kirchlichen Einkünften bedachte Geist- 
liche hatte vor seiner Gemeinde zu erklären, dass er den 
ganzen Inhalt des Buches „billige" und mit ihm ., überein- 
stimme". Von nun an sollte niemand, nicht nur zum Genuss 
einer kirchlichen Pfründe, sondern zur Ausübung der Seel- 
sorge zugelassen werden, der nicht die bischöfliche Ordination 
oder Licenz erhalten hätte. Der gesammte Klerus, die Inne- 
haber von Universitätsämtern, Schulmeister und selbst Pri- 
vatlehrer hatten bei Strafe des Verlustes ihrer Einkünfte oder 
bei Strafe von Gefängnishaft durch ihre Namensunterschrift 
eine Erklärung auszustellen, die ihre Billigung der vorge- 
schriebenen Liturgie verbürgte und den (jesinnungen der 
Loyalität einen noch schärferen Ausdruck gab, als in dem Eide 
der Gemeindebeamten vorgesehn worden war. 

So Hess man sich dazu fortreissen, die bitteren Erfahrungen 
eines Jahrhunderts zu missachten. Die kirchliche Gesetzgebung 
Elisabetir.s, wurzelnd in einem Zeitalter, in welchem die reli- 



44 Der Bartholomäustag 1662. 

giösen Gegensätze Europa in z^yei feindliche Lager spalteten, 
hatte einst durch staatlichen Zwang etwas Dauerndes zu schaffen 
gesucht, und das Werk war misslungen. Nichtsdestoniinder gieng 
man auf das Vorbild dieser Gesetzgebung zurück, ohne sich dar- 
ü1)er Rechenschaft zu geben, um wie viel schwerer jener Zwang 
in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts sich fühl- 
bar machen werde als in der zweiten Hälfte des sechzehnten. 

Der 24. August 1662, der Bartholomäustag, war der Ter- 
min, bis zu welchem Unterwerfung unter die neue Uniformitäts- 
akte gefordert wurde. Es war ein Tag der Trauer für den 
Puritanisuius , dessen sämmtliche Glieder fortan wieder ein 
Loos theilten : zu dulden , wo Widerstand unmöglich war. 
Wie mancher hatte den harten Kampf in sich auszufechten, 
ob er zum Heuchler oder zum Märtyrer werden sollte. WMe 
schwer wurde den meisten der Abschied von dem gewohnten 
Heim und der trauernden Gemeinde, wie ungewiss war die 
Zukunft so vieler Familien! Aber in dieser Krisis zeigte der 
Puritanismus aufs neue seine moralische Stärke, und mancher 
garstige Makel, der seine Erscheinung in den Tagen des 
Glücks befleckt hatte, verwischte sich in den Tagen der Noth. 
Die Zahl der Verjagten kann nicht festgestellt werden. 
Es ist ohne Zweifel eine übertriebene Annahme, dass ihrer 
über zweitausend waren, aber in die Hunderte belief sich die 
Masse der Ausgestossenen sicherlich ('). Auch von Milton's 
alten Bekannten wurden nicht wenige, darunter die drei über- 
lebenden Verfasser des Smectymnuus, durch den Racheakt 
der Restauration betroffen. 

Der König war noch immer gewillt, die Härten der Ge- 
setzgebung zu mildern, nicht so sehr um das Schicksal der 
Konkonformisten zu erleichtern , als vielmehr aus Theilnahme 
mit der traurigen Lage der Katholiken. Gegen Ende dessel- 
ben Jahres, in welchem die Uniformitätsakte in Kraft getreten 
war, erliess er eine Deklaration, in der er sich gegen den 
Vorwurf vertheidigte , ein Beförderer des Papismus zu sein, 
zugleich aber seine Absicht kundgab , zu Gunsten religiöser 
Toleranz von bestehenden Gesetzen zu dispensiren. Es war 
ein erster Versuch, jener verhängnisvollen Theorie Geltung 



Indulgenzerklärung des Königs. 45 

ZU verschafifen , welche mehr als alles sonst das Misstrauen 
des Parlamentes weckte und für Jahrzehnte seine Vertheidi- 
gung verfassungsmässiger Rechte mit den Forderungen der 
Toleranz in einen unheilvollen "Widerspruch setzte. Auch 
wurde die Bill, die auf Grund jener Indulgenzerklärung den 
Häusern vorgelegt ward, mit Entschiedenheit zunickgewiesen. 
Ihre Wirkung war nur gewesen, den alten Hass gegen die Mit- 
glieder ^ler katholischen Kirche aufzureizen und die Verfol- 
gungen, denen sie ausgesetzt waren, zu verschärfen. Inzwi- 
schen wurde von Tag zu Tage klarer, dass die Uniformitäts- 
akte ihren Zweck nicht erreichte. Trotz der angedrohten 
Strafen, trotz des Eifers bezahlter Spione und der Wachsam- 
keit misstrauischer Behörden dauerten die religiösen Zusam- 
menkünfte der Nonkonformisten jeder Schattirung fort. Wohl 
wurden nicht wenige, wie einst die Pilgerväter, dazu getrie- 
ben, nach den Kolonieen jenseits des Oceans auszuwandern, 
wo man der hochkirchlichen Unduldsamkeit zu entfliehen 
hoffte, die in dem Mutterlande ihre Triumphe feierte. Aber 
tausende blieben zurück, die den Kampf mit den heimischen 
Gewalten aufnahmen. Ihre Häuser wurden überwacht, ihre 
Konventikel zersprengt. Viele wurden beschuldigt, Aufstände 
vorzubereiten, und die Gefängnisse wurden nicht leer von ver- 
folgten Sektirern. Allein die Gefahren, die ihren gottesdienst- 
lichen Vereinigungen drohten, steigerten ihre Standhaftigkeit 
und ihre A'orsicht. Wo sie nicht wagen konnten , bei Licht 
zusammenzukommen, stärkten sie sich durch Gebet und Pre- 
digt im Dunkeln. Noch lange nachher bezeichnete die Ueber- 
lieferung des Volkes in den Wäldern bei Norwich, Hitchin 
und Duckinfield die Plätze, wo der geächtete Geistliche unter 
den Wipfeln ehrwürdiger Eichen und unter dem Dach des 
Himmels eine kleine Gemeinde getreuer Anhänger um sich 
geschaart hatte. 

Die Konventikelakte vom ]Mai 1664 sollte unmöglich machen, 
was durch die Uniformitätsakte nicht hatte vei-hindert werden 
können. Hatte diese in erster Linie den Geistlichen gegolten, 
so war das neue Gesetz auf die ketzerischen Laien gemünzt. 
Sobald über fünf Personen von mehr als sechzehn Jahren sich 



46 Kouventikelakte. Fimfmeilenakte. 

bei religiösen Zusammenkünften betreffen Hessen, die von den 
vorgeschriebenen Formen abwichen, verfielen sie in Strafe. 
Auf das erste I\Ial stand Gefängnis bis zu drei Monaten 
oder eine Busse von 5 £. Im Wiederholungsfall trat eine 
Steigerung auf 10 £ oder Gefängnis bis zu sechs Monaten 
ein. Nach dreimaliger Verletzung der Akte erfolgte Ver- 
urtheilung auf Zahlung von 100 ^ oder Deportation auf sieben 
Jahre. Wer vor der Deportation einen Fluchtversuch machte, 
war des Todes schuldig. Die Kouventikelakte hatte nur eine 
vorläufige Wirksamkeit auf drei Jahre, aber dieser Zeitraum 
war lang genug, um zahllose neue Opfer der kirchlichen Ty- 
rannei zu fordern. Bald reichten die Räume der Gefängnisse 
nicht mehr aus, bis ansteckende Krankheiten hier und da die 
Masse der zusammengepressten Sträflinge lichteten. — Aber 
noch waren die Mittel des antipuritanischen Zelotismus nicht 
erschöpft. Den Schluss- Stein seines Systems bildete die Akte 
des Jahres 1665, nach der es den nonkonformistisehen Geist- 
liehen bei schwerer Strafe verboten wurde, im Bezirk der näch- 
sten fünf Meilen in der Umgebung eines parlamentarischen Wahl- 
fleckens oder irgend eines Ortes, in dem sie seit Erlass der In- 
demnitätsakte Seelsorge geübt hatten, sich dauernd aufzuhalten. 

Die ganze Stufenleiter, die sich erdenken Hess, war von 
der reaktionären Gesetzgebung durchlaufen worden. „Die 
Uniformitätsakte hatte die nonkonformistischen Geistlichen 
von den Kanzeln der Pfarrkirchen verbannt. Die Kouven- 
tikelakte hatte die Kongregationen zersprengt, welche diese 
Geistlichen seit dem Bartholomäustage heimlich um sich ge- 
sammelt hatten. Die Fünfmeilenakte trieb sie in die Verban- 
nung und überlieferte sie vielleicht dem Hungertode" (^). 

In dem allgemeinen Zusammenhang der Dinge erlitt denn 
auch die auswärtige Politik des englischen Reiches eine gründ- 
liehe Aenderung, welche gleichfalls als eine Wendung gegen 
die Tendenzen des Puritanismus zu betrachten war. Sie hatte 
unter der Einwirkung puritanischer Ideen gewissermassen einen 
religiösen Charakter erhalten. Den Einfluss Englands auf 
dem Festland zu stärken, um unter englischer Führung die 
Gesammtinteressen der reformirten Welt zu fördei-n, galt als 



Auswärtige Politik. • 47 

ein Ziel , für dessen Erreichung alle Kräfte anzuspannen 
wären. Allerdings war es unerlässlich gewesen, hei der 
Einmischung in die Angelegenheiten des Kontinents ein Ein- 
verständnis mit Frankreich zu suchen. Aber eine Verbindung 
mit dieser Macht sollte keine Unterordnung unter sie bedeu- 
ten, und die Erwerbung Dünkirchens schien dafür zu bürgen, 
dass die französische Eroberungslust an dem festen Willen 
des englischen Bundesgenossen eine Grenze finde. Karl II. 
schlug andere Bahnen ein. Von einer Erweckung des prote- 
stantischen Gemeingefühls durch England war nicht mehr die 
Rede. Von Eingriffen in die politischen Verwicklungen des 
Festlandes wurde für lange Zeit Abstand genommen. Der 
Bundesgenosse Frankreichs verwandelte sich in seinen Va- 
sallen, und Dünkirchen, die Eroberung Oliver CromwelFs. 
wurde für gutes französisches Gold an Ludwig XIV. ver- 
handelt. 

Wohin man sah: die Reaktion gegen den Puritanismus 
ergrift" alle Gel)iete, die gesellschaftlichen Gewohnheiten, die 
schöne Literatur, das kirchliche Leben, die auswärtige Politik. 
Und doch war die geistige Macht des Puritanismus nicht er- 
storben. In eben dieser Zeit setzte ihm sein nmthigster Wort- 
führer ein unvergängliches Denkmal. Sieben Jahre nach der 
Rückkehr der Stuarts erschien das verlorene Paradies. 



Drittes Kapitel. 
Das verlorene Paradies. 



In seiner Jugend, als das Leben noch wie eine Land- 
schaft im Glanz der Morgensonne vor ihm lag, hatte der 
Dichter sich gleichsam durch sein Ehrenwort gebunden, die 
Welt mit einem erhabenen Werke seiner Muse zu beschenken. 
Aus den „wenigen Jahren", die er als „Frist zur Entrichtung 
jener Schuld'^ erbeten hatte, war fast ein Menschenalter ge- 
worden, und der Abend warf lange Schatten auf seinen Weg. 
Aber niemals hatte Milton jenes stolzen Gelöbnisses vergessen. 
Auch über den Gegenstand und die Art seiner Behandlung 
war er seit Jahren zu voller Klarheit gelangt. Wir wissen, 
wie tief ihn früher der Gedanke ergriffen hatte, ein Stück 
aus der vaterländischen Sage oder Geschichte für ein grosses 
Heldengedicht auszuwählen. Noch war er zu keinem festen 
Entschluss gekommen, als sich ihm in der Bibel ein nicht 
weniger reiches Feld dichterischer Vorwürfe darzubieten schien. 
Und schon damals hatte von diesen letzten einer vor allen 
seine Aufmerksamkeit gefesselt. Nicht weniger als vier jener 
dramatischen Skizzen aus der Jugendzeit sind ihm gewidmet, 
lieber einem von ihnen findet sich ausdrücklich als Titel 
„Das verlorene Paradies". Sucht man nach weiteren Spuren 
einer Beschäftigung mit diesem Thema , so wird man sie an 
zahlreichen Stellen der prosaischen Schriften unschwer be- 
merken (i). Aber es dauerte lange, bis der Dichter, inmitten 



Frühe Beschäftigung mit dem Gegenstande. 49 

der Anforderungen des täglichen Lebens, „seine Lippen von 
dem heiligen Feuer berührt fühlte", bis es ihm gelang die 
schwankenden Gestalten festzuhalten, und auch so vergieng 
manches Jahr vom ersten Ansetzen bis zum Niederlegen der Feder. 

Edward Phillips erinnert sich, dass die Phantasie seines 
Oheims sich „ernstlich und vornehmlich mit dem verlorenen 
Paradiese beschäftigte", als er in dem Hause von Petty 
France wohnte. Aubrey verlegt mit Bezug auf denselben 
Gewährsmann den Anfang der Abfassung auf „ungefähr 
zwei Jahre, ehe der König zurückkam", das Ende auf 
„ungefähr drei Jahre nach der Restauration". Das schliesst 
nicht aus, dass dieses und jenes Bruchstück schon früher vor- 
handen war. Derselbe Phillips, und er nicht allein, will 
mehrere Jahre, (nach Aubrey „fünfzehn oder sechszehn") ehe 
die Ausarbeitung des Gedichtes begann, einige Verse gesehn 
haben, die ihm damals noch als Einleitung zu einem Drama 
bezeichnet wurden. Es ist jene grandiose Ansprache Satan's 
an die Sonne, die man im Anfange des vierten Buches findet. 
Sie würde in der That die Exposition eines in antikem 
Geiste gedachten Bühnenstückes höchst würdig eröffnet haben. 
Allein so bedeutungsvoll für den Aufbau des Gedichtes es 
auch blieb, dass seinem Stoffe ursprünglich die Form des 
Dramas bestimmt gewesen war, so Hess doch ein richtiger Takt 
Milton zu dem alten Lieblingsgedanken eines Epos zurückkehren. 
In diesem konnte er weit eher hoffen jenem poetischen Ideale 
nahe zu kommen, das er einst mit einer beinahe religiösen 
Inbrunst gepriesen hatte. 

Alles in allem währte die Zeit, in der das Werk ernst- 
lich in Angriff genommen und zum Abschluss gebracht wurde, 
fünf bis sechs Jahre. An eine ununterbrochene Arbeit in 
diesem Zeiträume ist aber nicht zu denken. In seinen Anfang 
fallen noch diejenigen prosaischen Schriften, durch welche 
Milton die sinkende Republik zu vertheidigen suchte. Die 
Rückkehr des Königthums und die Gefahren, die sich mit 
ihm einstellten, störten seine Müsse auf's neue. Erst als er 
sich einigermassen geborgen und vergessen wusste, konnte er 
das Begonnene in Ruhe zu Ende führen. 

Stern, Milton n. s. Z. II. 4. 4 



50 Zeit der Abfassung. 

Von den angegebenen Unterbrechungen abgesehn, war 
indess noch eine Eigenthümlichkeit seiner Muse dem stetigen 
Fortsehritt der Produktion hinderlich. Milton gehörte nicht 
zu den glücklichen Geistern, die, fortgerissen durch einen 
rastlosen inneren Drang, ohne, Rücksicht auf äusserliche Um- 
stände den einmal gefassten künstlerischen Gedanken wie in 
einem Guss ausgestalten. Es gab Monate, in denen er so 
gut wie gar nichts vor sich brachte. Sein Neffe versichert, 
dass ihm von Anfang an bei seinen Besuchen das Gedicht, 
wie es allmähüch entstand und wuchs, mitgetheilt worden sei, 
je nachdem zehn, zwanzig, dreissig Verse. Der Dichter musste 
sie so lange im Kopfe behalten, „bis jemand zur Hand war", 
der sie niederschreiben konnte. Eines Tages — es war beim 
Herannahen des Sommers — frug Phillips den Oheim, warum 
er so lange nichts von dem Gedichte zu sehn bekommen habe. 
Milton erwiderte ihm, „dass seine poetische Ader nur von 
der Herbst- bis zur Frühlings-Nachtgleiche glücklich fliesse. 
Nichts falle zu seiner Befriedigung aus, was er ausserdem 
versuche, wie sehr er seine Phantasie auch anstrenge". Auch 
Milton's Frau Elisabeth bestätigt dies. „Ihr Mann — er- 
zählte sie später — pflegte besonders im Winter zu dichten 
und diktirte ihr, wenn er Morgens erwacht war, mitunter 
zwanzig, dreissig Verse". Es wäre nicht zu verwundern, 
wenn bei dieser langsamen und unbehilflichen Art der 
Komposition die erste Handschrift des verlorenen Paradieses 
ein sehr unordentliches Ansehn gewonnen hätte. Aus- 
streichungen, Zusätze, Veränderungen bis herab zur Recht- 
schreibung und Interpunktion nach der Anweisung des Blinden 
waren unvermeidlich. Selbst als das Werk vollendet war, 
mag noch längere Zeit darüber verstrichen sein, bis es in 
einem reinlichen Manuskript diesem und jenem Freunde vor- 
gelegt werden konnte (^). Mit der Veröffentlichung wurde selbst 
dann noch, aus welchem Grunde auch immer, zurückgehalten. 
Eine erste verlässliche Angabe über das Dasein des Ge- 
dichtes stammt aus dem Jahre 1665. Dieses Jahr war für die 
Stadt London von verhängnisvoller Bedeutung. Seit kurzem 
war der Krieg zwischen England und Holland, den Cromwell 



Die Pest 1665. — iMilton iu Chalfont. 51 

einst zu einem glücklichen Ende gebracht hatte, mit erneuter 
Gewalt wieder ausgebrochen. Mit Spannung lauschte die 
englische Hauptstadt den Siegesnachrichten, die von der Flotte 
anlangten, aber der Jubel über die Erfolge, deren man sich 
rühmen konnte, gieng unter in den angstvollen Klagen, die 
sich am eigenen Heerde erhoben. Die Pest, die während 
Milton's Jugend mehr als ein Mal gewüthet hatte, trat da- 
mals mit einer Gew^alt auf, welche alles früher Erlebte hinter 
sich Hess. Es gab Wochen, in denen die Todtenlisten an 
10000 Opfer zählten, und man rechnete, dass im ganzen gegen 
100000 Menschen der furchtbaren Krankheit erlagen. Ihret- 
wegen kam im Herbst das Parlament nicht in London sondern 
in Oxford zusammen. Eine allgemeine Panik ergriif die Be- 
völkerung. Wer dazu im Stande war, suchte das Weite. 
Die Nachbarschaft von Milton's Wohnung musste als besonders 
gefährdet erscheinen. Damals begann man die Felder von 
Bunhill als einen öffentlichen Begräbnisplatz zu benutzen und 
die Opfer der Krankheit haufenweise in ihnen zu betten (^). 

Milton hielt es für rathsam, der verpesteten Luft der 
Hauptstadt für einige Zeit zu entfliehen und sich auf dem 
Lande einzumietheu. Er \yandte sich zu dem Ende an jenen 
jungen Quäker Thomas Ellwood, der zu seinen gelehrigsten 
Schülern gehört hatte und damals im Hause der Familie 
Pennington lebte. Es war die Zeit, da die Sekte durch die 
neuen Strafgesetze am schwersten betroffen wurde. Ellwood 
selbst w-ard am 1. Juli 1665 mit mehreren Genossen, im Be- 
griff einem der Freunde das letzte Geleit zu geben, auf Be- 
fehl eines Friedensrichters verhaftet und in das Gefängnis von 
Aylesbury abgeführt. Indess noch vorher hatte er für Milton 
ein „hübsches Häuschen" miethen können, etwa eine englische 
Meile von der Wohnung der Penningtons entfernt, in Chal- 
font St. Giles. Als Milton mit seiner Familie vor der furcht- 
baren Krankheit in diesem ländlichen Asyl Zuflucht suchte. 
Sassen Pennington und Ellwood noch in Haft. Ueber einen 
Monat wurden sie festgehalten. Nicht sobald waren sie in 
Freiheit gesetzt, als Ellwood seinen alten Lehrer aufsuchte. 
Er war es dann, der damals, als einer der ersten, von dem 

4* 



52 Milton in Chalfont. — Ellwood liest das Gedicht. 

Kunstwerk Kenntnis nahm, das nach ihm tausende zur Be- 
wunderung hingerissen hat. „Nachdem wir uns eine Zeit 
lang unterhalten hatten — so schildert Ellwood jenen Besuch 
bei Milton — Hess er ein Manuskript herbeiholen. Er über- 
gab QS mir und gestattete mir, es mit mir zu nehmen und in 
Müsse durchzulesen, damit ich ihm bei der Rückgabe mein 
Urtheil sagen könnte. Als ich nach Hause kam und zu lesen 
begann, fand ich, dass es jenes herrliche Gedicht sei, welches 
er das verlorene Paradies betitelt hatte. Ich las es mit 
grösster Aufmerksamkeit durch und gab ihm bei meinem 
nächsten Besuche mit bestem Dank für die Gunst, die er mir 
durch die Mittheilung erzeigt hatte, sein Buch zurück. Er 
frug mich, wie es mir gefiele und was ich davon hielte, und 
ich sprach mich mit Bescheidenheit aber Freimuth darüber aus". 
Es ist schwer denkbar, dass das Gedicht, mit dem sich 
Ellwood vertraut machen durfte, seinen Gönnern, den Penning- 
tons, unbekannt hätte bleiben, dass der Dichter selbst nicht 
auch dieser Familie, mit der ihn so manches geistige Band 
verknüpfte, sehr nahe hätte treten sollen. Und so mag man 
sich sein Still -Leben im reizendsten Lichte ausmalen. Er 
selbst im Gefühle der Befriedigung über ein lange vorbereitetes, 
endlich zum Abschluss gebrachtes Werk, in seiner unmittel- 
baren Nähe ein junger Freund, der mit Begeisterung an seinen 
Lippen hieng, ausser ihm jene religiös gestimmte Genossen- 
schaft charakterfester Männer und anmuthiger Frauen, deren 
Gesinnung und Schicksale ihn zur Theilnahme aufforderten, 
ein Kreis, dem bald nachher die Verbindung mit William 
Penn eine noch höhere Bedeutung gab. Der kleine Fleck 
englischer Erde, auf dem sich diese Persönlichkeiten zusammen- 
fanden, ist durch die Erinnerung an jene Tage gleichsam für 
immer geheiligt worden. Freilich bheb der Genuss dieses 
vertraulichen Daseins nicht lange ungetrübt. Die Pest forderte 
auch in Chalfont ihre Opfer. Isaac Pennington wurde schon 
einen Monat nach seiner Rückkehr wieder gefänglich ein- 
gezogen. Dreiviertel Jahre lang lag er im Kerker von 
Aylesbury, wo gleichfalls die Krankheit wüthete. Seine 
Familie wurde aus dem Hause vertrieben, seine Frau mit den 



Ellwood und Peuuiugtoa verhaftet. — Brand von London 1666. 53 

jüngeren Kindern beiiab sich zu dem Gefangenen, bis sie in 
einer kleinen Farm in Chalfont ein Obdach gefunden hatte. 
Dorthin kehrte auch ihre Tochter Guli zurück, die nach 
Bristol zu Bekannten geflüchtet war, von Ellwood geleitet. 
Dieser selbst blieb nur kurze Zeit im Besitz seiner Freiheit. 
Derselbe Friedensrichter, der erst kurz zuvor so entschieden 
gegen die Quäker dieser Gegend aufgetreten war, löste eine 
jener Versammlungen auf, bei der sich Ellwood eingefunden 
hatte, und nahm ihn mit einigen anderen im März 1666 ge- 
fangen. 

- Milton hat einen Theil dieser Verfolgungen seiner Freunde 
noch an Ort und Stelle erlebt. Alle die Fragen, die er so 
oft durchdacht, für die er so oft die Feder ergriffen hatte, 
traten ihm hier, da es sich um den Kampf des Staates mit 
einer neuen religiösen Gemeinschaft handelte, noch einmal 
lebendig entgegen. Hätte er irgend einer Bestärkung seiner 
früheren freien Ansichten bedurft, die Erfahrungen, die er 
damals machte, hätten sie ihm gewährt. Es bleibt ungewiss, 
wie lange er in Chalfont verweilte. Nach Ellwood's Zeugnis 
kehrte er erst dann nach London zurück, „als die Krankheit 
vorüber, die Stadt gereinigt und wieder sicher bewohnbar 
war''(^). Sein Aufenthalt in Chalfont könnte daher noch den 
Winter über gedauert und sich bis in's Jahr 1665 hineiu- 
erstreckt haben. Jedenfalls hat er das neue grössere Unheil, 
von dem London in diesem „annus mirabilis" betroffen wurde, 
daselbst durchmachen müssen. 

Es war der grosse Brand, der am 2. September in 
Pudding-Lane, einem der bevölkertsten Quartiere, ausbrach, 
mit rasender Schnelligkeit die Holzhäuser und Magazine der 
Nachbarschaft ergriff und durch einen starken Ostwind als- 
bald über die engen und winkeligen Strassen verbreitet wurde. 
Die Unschlüssigkeit des Lordmayor , der es nicht über sich « 
gewinnen konnte rechtzeitig eine Anzahl von Häusern nieder- 
reissen zu lassen, und die Verzweiflung der Bürger, die nur 
auf Rettung ihres Lebens und ihrer Habe bedacht waren, 
gestatteten dem rasenden Element immer weiter um sich zu 
greifen. Fünf Tage und fünf Nächte lang glich die City einem 



54 Brand von London 1666. — Englisch-niederländischer Krieg. 

gewaltigen Flammenmeer. Die Thürme'der Kirchen, unter ihnen 
derjenige der Kathedrale von St. Paul, stürzten zertrümmert 
in die Gluthen. Die Themse, bedeckt mit Schiften und Booten, 
wurde durch einen sprühenden Funkenregen überschüttet. 
Meilenweit sah man die dichtgeballte schwarze Rauchwolke, 
die über der zerstörten Hauptstadt lagerte. Ein blinder Arg- 
wohn, der Fremde und Katholiken als Brandstifter bezeichnete, 
trug dazu bei, die Aufregung der Masse zu steigern, die 
obdachlos und zusammengewürfelt auf den Feldern kampirte. 
Als man dazu kam, den Schaden zu überschlagen, fand sich, 
dass der ungeheure Halbkreis vom Tempel über Cripplegate 
bis gegen den Tower hin, mehr als 13000 Häuser, 89 Kirchen 
und die meisten der übrigen öff'entlichen Gebäude, einem 
einzigen Schutthaufen glich. An Eigenthum waren gegen eilf 
Millionen '£. zu Grunde gegangen, während man glücklich 
genug war nur wenig Menschenleben beklagen zu müssen. 
Auch die Strasse, in der Milton das Licht der Welt erblickt, 
in der er seine Jugend verbracht hatte, war ein Opfer der 
Flammen geworden, und mit ihr das väterliche Haus „zum 
fliegenden Adler" (^). 

Zu diesem Ruin der Hauptstadt gesellte sich der be- 
denkliche Verlauf des Krieges. Dryden glaubte in seinem 
grossen Gedicht über das „wundersame Jahr" noch prophe- 
zeien zu dürfen, dass man einen zweiten punischen Krieg 
erleben würde. Aber seine Voraussagung wurde nur zu bald 
durch die Thatsachen Lügen gestraft. England sah sich in 
dem schweren Kampfe, den es unternommen hatte, völlig ver- 
einzelt, während sein Gegner an Frankreich und Dänemark 
einen Rückhalt fand. Die gewaltigen Rüstungen und See- 
schlachten des Sommers 1666 hatten die Kraft des Reiches 
schon beinahe errchöpft, als jenes plötzliche Unheil eine all- 
gemeine Verwirrung aller Geschäfte hervorrief. Man war zu 
stolz um sogleich auf die Fortsetzung des Krieges zu ver- 
zichten, aber es Hess sich voraussehn, dass die Mittel des 
Staates auf die Dauer sich unzureichend erweisen würden. 
Die Flotte war denen der Gegner nicht gewachsen. Die 
Festungswerke an der Küste waren nicht im besten Stande. 
Im Lande regten sich die unterdrückten Parteien. Ausser- 



Englisch-niederländischer Krieg. 55 

liall) der Grenzen wiesen die verjagten Königsrichter und 
Republikaner schadenfroh auf die sichtbaren Strafen des 
Himmels hin oder traten wohl gar mit den Feinden ihres 
Vaterlandes in Verbindung. Die Holländer machten sich die 
ausserordentliche Gunst der Umstände zu Nutze, um einen Schlag 
gegen ihren Feind zu führen, der seine ganze Schwäche ent- 
hüllte und ihn vor den Augen der Welt aufs tiefste demüthigte. 
Schon war zwischen Ludwig XIV. und Karl H. das beste Ein- 
vernehmen hergestellt, seit dem Mai 1667 tagte der Friedens- 
kongress in Breda, man durfte hoffen, dass hier eine Ver- 
ständigung zwischen den Niederlanden und England erreicht 
werden würde. Als indessen die holländischen Forderungen 
Widerstand fanden, und der Republik selbst durch die 
Wendung der europäischen Angelegenheiten Gefahr drohte, 
entschloss sie sich unter Leitung Johann's de Witt zu einer 
Ueberraschung des Feindes, die ihn zum Frieden zwingen 
sollte. Den 8. Juni erschien eine starke holländische Flotte 
an der Themsemündung. Eine Abtheilung nahm Sheerness, 
erzwang sich den Eingang in den Medway, warf in drei 
Kriegsschiffe, die hier vor Anker lagen, Feuer und kehrte un- 
gestraft zu der Hauptmacht unter de Ruyter zurück. Einige 
Wochen lang konnte der feindliche Admiral triumphirend als 
Herrscher des Kanals die englische Küste unsicher machen. 
Damals, als der Donner der holländischen Kanonen in London 
gehört wurde, erwachte selbst in loyalen Kreisen die Erinne- 
rung an den Heros der puritanischen Revolution. „Jeder- 
mann — erzählt der gute Royalist Samuel Pepys — denkt 
an Oliver und spricht von seinen tapferen Thaten, und wie 
alle Nachbarfürsten ihn fürchteten'' {^). Wie sollte Milton 
dies Gefühl nicht getheilt haben, der Cromwell so viel näher 
gestanden hatte als tausend andere! 

In dieser Zeit, als man eben anlieng nach den Eindrücken 
so vieler erschütternder Ereignisse aufzuathmen, erschien das 
verlorene Paradies. Der Vertheidiger der Pressfreiheit musste 
sich wohl oder übel bequemen sein Manuskript dem Censor 
einzureichen. Durch eine Akte von 1662 waren die Censur- 
behörden erneuert. Milton's Werk fiel in die Domäne des 



5ß Erscheinen des verlorenen Paradieses. 

damaligen Erzbischofs von Canterbury, Dr. Gilbert Sheldon, der 
durch seine Kapläne das Censoren-Amt verwalten Hess. Das 
verlorene Paradies wurde dem erzbischöflichen Hauskaplan 
Thomas Tomkyns, zur Beurtheilung überwiesen, einem jungen 
Manne, der sich indessen l^ereits durch ein paar Schriften als 
Streiter für Thron und Altar bekannt gemacht hatte. Später 
hat er ein Werk über „die Unzuträglichkeiten der Toleranz" 
verfasst, und seine Grabschrift weiss von ihm zu rühmen, 
dass er die anglikanische Kirche wacker „gegen die Schis- 
matiker" vertheidigt habe(^j. Milton's Name war bekannt 
genug, als dass ein Censor von Tomkyns' Gesinnungen sich 
nicht versucht haben sollte ihm schart auf die Finger zu sehn. 
Auch wird versichert, dass er gezögert habe die Druck- 
erlaubnis zu ertheilen. Unter den Stellen die ihm Anstoss 
erregten, war namentlich (I. 594 ff.) ein Vergleich des ver- 
dunkelten Glanzes Satan's mit dem der Sonne, die durch den 
Mond verfinstert, ein verhängnisvolles Zwielicht auf die Erde 
wirft, sodass Könige 

Aus Furcht vor einem Schieksalsweehsel zittern. 
Schliesslich Ijeruhigte sich indessen der Eifer des loyalen 
Kaplans. Man besitzt noch das erste Buch des Gedichtes in 
der Handschrift, welche ihm zur Durchsicht eingeliefert wurde, 
mit seiner Bescheinigung, dass dem Drucke nichts entgegen- 
stehe. Die übrigen Bücher haben sich nicht vorgefunden. 
Nachdem dieser Akt vorüber war, galt es sich mit einem 
Verleger zu einigen. Unter den Buchhändlern, mit denen Milton 
bisher zu thun gehabt hatte, war Matthew Simmons gewesen, 
derselbe, bei dem „das Urtheil Butzer's" „das Recht der 
Könige", der „Bilderstürmer" erschienen war. Dessen Sohn 
war vermuthlich jener Samuel Simmons „in Aldersgate-Street, 
die nächste Thür beim goldenen Löwen", welcher den Dnick 
und Verlag des verlorenen Paradieses übernahm. Der Vertrag 
zwischen ihm und dem Dichter vom 27. April 1667 mit Milton's 
Siegel und mit einer Namensunterschrift, die nicht von seiner 
Hand heiTühren kann, zählt heute zu den am meisten an- 
gestaunten Reliquien des britischen Museums. Er gehört zu 
den schlagendsten Beweisen dafür, in einem wie geringen 



Erscheinen des verlorenen Paradieses. — Quellen. 57 

Verhältnis der irdische Gewinn des Genies zu seinem Ruhme 
bei der Nachwelt stehn kann. Fünf Pfund zahlte der Buch- 
händler dem Dichter für Ueberlassung seines Werkes aus. 
Dieselbe Summe versprach er ihm zu geben, sobald die erste 
Auflage erschöpft sei, und ebensoviel für eine zweite und 
dritte. Mit dem Verkauf von dreizehnhundert Exemplaren 
sollte die erste Auflage für erschöpft gelten, doch war es, 
wohl mit Rücksicht auf die Vergabung von Widmungs- 
e.xemplaren, dem Verleger gestattet, fünfzehnhundert zu 
drucken. Noch dauerte es beinahe vier Monate, bis der 
übliche Eintrag in die Register der Stationers erfolgte. Man 
ersieht aus ihm, dass das Gedicht bei seinem ersten Er- 
scheinen nur zehn Gesänge enthielt. Erst später hat sich 
Milton entschlossen, das, was ursprünglich den siebenten und 
zehnten Gesang bildete, noch einmal zu theilen. In einigen 
Abzügen war der Verfasser mit vollem Namen genannt, in 
anderen waren nur die Anfangsbuchstaben desselben zu sehn, 
wie denn in den Titeln, und selbst über diese hinaus, manche 
Abweichungen der Exemplare jener ersten Ausgal)e zu be- 
merken sind(^). 

Seit Voltaire in seinem Essay über die epische Poesie 
seine Vermuthung über den Ursprung des verlorenen Paradieses 
in die Welt geworfen, hat man nicht aufgehört den Quellen 
nachzuforschen, aus denen der Dichter habe schöpfen können, 
und auf frühere poetische Erzeugnisse hinzuweisen, die ihm 
die erste Idee seines eigenen Werkes sollen eingegeben haben. 
Der Vorwurf masslosen Plagiats, den um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts ein gewissenloser Fälscher gegen Milton erhob, 
diente nur dazu, der Frage eine noch grössere Anziehungs- 
kraft zu verleihen. Im Laufe der Zeit sind ein paar dutzend 
von Schriftstellern genannt worden, bei denen der Dichter 
des verlorenen Paradieses zu Gaste gegangen sein soll. Heute, 
nachdem man die gesammte Literatur der Völker Europas 
darauf hin durchsucht hat, dürfte es schwer sein, diese Liste 
noch zu bereichern. Einen unläugbaren Vortheil hat diese 
Durchmusterung gehabt. Sie hat demjenigen, der es vorher 
noch nicht gewusst hatte, die Augen darüber geöffnet, dass 



58 Quellen. — Caedmon. 

der tiefsinnigste Mythus des alten Testaments in Verbindung 
mit der ausgebildeten Engellehre ein uralter und oft benutzter 
poetischer Vorwurf war. Sie hat aufs deutlichste erkennen 
lassen, dass das verlorene Paradies mit den frühesten Offen- 
barungen des germanisch-christlichen Dichtergeistes durch eine 
lange, unzerreissbare Kette verbunden ist. 

Als Michelangelo die eine Schmalwand der Sixtina mit 
der Darstellung des jüngsten Gerichtes schmückte, behandelte 
er einen Gegenstand, an dem sich hunderte vor ihm ver- 
sucht hatten. Die Idee des Ganzen war niemandem fremd. 
Die Anordnung im grossen war durch eine geheiligte Ueber- 
lieferung gegeben. Und doch denkt sich heute unwillkürlich 
jeder unter dem Bilde des jüngsten Gerichts jenes einzig- 
artige Erzeugnis einer gigantischen Phantasie, welches selbst 
in dem traurigen Zustande seiner Verdunkelung zeigt, dass 
der Künstler aus einem sattsam ausgenutzten Stoff etwas bis 
dahin Ungeahntes geformt habe. Milton, auf den die Wand- 
und Deckengemälde eben dieser sixtinischen Kapelle einst 
Eindruck gemacht haben mögen, befand sich in einer ähn- 
lichen Lage wie ihr Schöpfer. Der alte angelsächsische Dichter, 
der unter Caedmon's Namen gieng, hatte von den Geschlechtern 
der Engel, dem Falle des obersten derselben und seiner Ge- 
nossen, der Erschaffung der Erde, der Versuchung des ersten 
Menschenpaares gesungen. In den geistlichen Spielen des 
Mittelalters war dieses Thema, selbst in dramatischer Form, 
lebendig im Volksbewusstsein geblieben. In lateinischer, 
italienischer, spanischer, portugiesischer, französischer, holländi- 
scher und englischer Sprache gab es eine Reihe von Dich- 
tungen, die es in seiner Allgemeinheit oder doch von einer 
bestimmten Seite behandelten. Milton gehörte zu den am 
meisten belesenen Menschen seiner Zeit. Auch abgelegene 
Werke der Literatur , wie das alte lateinische Epos des 
Alcimus Ecdicius Avitus über den Ursprung der Welt, den 
Sündenfall, das Gericht Gottes, die Sarcotis des Jesuiten 
Jakob Masenius u. a. m. mögen ihm bekannt gewesen sein. 
Sein gutes Gedächtnis musste ihm namentlich nach der Er- 
blindung unschätzbar werden. Was liegt näher als die An- 



Caednion. Du Bartas. Die Fletcher. 59 

nähme, er habe diesen und jenen Zug einem seiner Vorgänger 
entlehnt, wohl selbst zu einigen bedeutenden Wendungen von 
ihnen sich leiten lassen. Man hat es im einzelnen nachzu- 
weisen gesucht, ohne immer die richtige Grenze innezuhalten, 
völlig abzuläugnen wird es nicht sein. Namentlich ein Blick 
auf das Werk des du Bartas wird die Ueberzeugung erwecken, 
dass in Milton die Jugenderinnerung an dies hochangesehene 
Lehrgedicht mit seinen eingetlochtenen Schilderungen, astrono- 
mischen Betrachtungen, Anrufungen der Gottheit keineswegs 
erstorben war (s. o. I. 38). Ebenso ist der geistigen Ein- 
wirkung der beiden Fletcher auf den Schöpfer des verlorenen 
Paradieses schon gedacht worden (s, o. I. 172). In Abraham 
Cowley's Davideis war ihm die Gestalt des Lucifer ent- 
gegengetreten, als „des mächtijaen Gefangenen, stolz in seinem 
W^eh und Tyrann in seinen Ketten", Aehnlich erschien sie 
in der jüngeren Genesis, welche eine Lücke der sog. 
Caedmon'schen Genesis ausfüllte, und von diesen Gedichten 
hatte Milton vielleicht durch seinen Freund F. Junius gelegent- 
liche Kunde erhalten. Diese und jene Episode, die als originell 
zu bewundern man bei flüchtiger Betrachtung besonders 
geneigt sein könnte, wie . z. B. die Erfindung von Pulver 
und die Herstellung von Artillerie durch Satan während 
des Himmelskampfes, erscheint bei genauerem Studium auch 
nur als Nachahmung fremder Vorlagen. 

Allein was beweist alles dies für den Ursprung des Ge- 
dichtes? Hier kann nicht, wie beim Comus, eine Summe von 
einzelnen Momenten der Aehnlichkeit geltend gemacht werden, 
da Handlung, Charaktere, Tendenz gleichsam eine grosse Erb- 
schaft ausmachen, die ein Geschlecht dem anderen überliefert 
hatte. Es müssen sehr viel stärkere Gründe in's Feld geführt 
werden, um uns mit dem Glauben an eine erste äussere Anregung 
zu erfüllen. Betrachtet man aber die hauptsächlichsten Werke, 
die sich hier anführen lassen, so wird man sehr misstrauisch 
gegen voreilig gemachte Schlüsse werden. Der Adamo 
Andreini's, auf den Voltaire hingewiesen hat, ist seitdem einer 
gründlichen Kritik unterzogen worden. Dafür, dass Milton 
das biblische Drama dieses Dichters in Italien habe aufführen 



60 Andreini's Adamo. — H. Grotius. Adamus exul. 

sehn, liegt auch nicht die Spur eines Beweises vor. Auch 
bleibt es nur eine geistreiche Vermuthung, dass er es in einer 
der beiden Ausgaben, die damals vorhanden waren (von 1613 
und 1617), mit sich nach England genommen habe. Seine 
eigenen dramatischen Entwürfe zeigen allerdings in ihrem 
Personenregister eine gewisse Uebereinstimmung mit dem- 
jenigen Andreini's. Aber wenn sie neben den Gestalten 
Adam's und Eva's, des Erzengels Michael und Lucifer's u. a. 
gleichfalls dem Neide, dem Hunger, der Arbeit, der Krank- 
heit u. s. w. eine Stelle einräumen, so folgen sie darin nur 
der allgemeinen Ueberlieferung , wie sie z. B. auch bei du 
Bartas hervortritt. Sie kommen damit ausserdem nur der auf 
das Allegorische gerichteten Neigung des Zeitalters entgegen. 
Die Chöre bei Andreini dienen nicht unwesentlich selbst- 
ständigen musikalischen und ballettmässigen Aufführungen, 
bei Milton sind sie offenbar mehr als recitirende Kommentatoren 
der Handlung gedacht, in der Art, wie sie ihm in den antiken 
Tragödien erscheinen mochten. Die Handlung selbst endlich 
hätte nach Milton's Skizze einen würdigeren, einfacheren Ver- 
lauf genommen als bei seinem italienischen Vorgänger, der 
sich in einer bunten Fülle schnörkelhafter Zuthaten gefiel. 
Bezeichnend ist, dass dieser sich nichts daraus macht, Gott 
Vater auf die Bühne zu bringen, während Milton höchstens 
an die Darstellung des Begriffes der „himmlischen Liebe" zu 
denken wagte und auch davon in dem ausführlichsten Ent- 
wurf abgekommen zu sein scheint. 

Blieb der Adamo Andreini's aller Wahrscheinlichkeit nach 
Milton vollkommen fremd, so lag es ihm um so näher, von 
dem „vertiiebenen Adam" des Hugo Grotius Kenntnis zu 
nehmen, je lebhafter er sich seines persönlichen Zusammen- 
treffens mit dem grossen Gelehrten in Paris erinnern musste. 
Das genannte lateinische Drama war 1601 von dem jungen 
Grotius vei'öffentlicht worden und konnte Milton leicht zu- 
gänglich sein. Auch mag man annehmen, dass einzelne Züge 
sich seinem Gedächtnis der Art eingeprägt hatten, dass sie 
ihm bei Beginn seines eigenen Werkes vorschwebten, so das 
Gespräch Adam's und des Engels im zweiten Akt, die Be- 



Vondels Lucifer. 61 

Schreibung der Schlange ii. a. m. Indessen daraus schliessen 
zu wollen, dass der Plan des verlorenen Paradieses auf Grotius 
Einwirkung zurückzuführen sei, wäre um so mehr gewagt, da 
bei Grotius der Kampf um den Himmel gar nicht zur Geltung 
kommt. 

Nicht anders verhält es sich mit Vonders Lucifer. Das 
grossartige Drama des l)erühmten holländischen Dichters war 
dreizehn Jahre vor dem verlorenen Paradies im Druck er- 
schienen. Es konnte Milton um so leichter bekannt werden, 
da er vielfache Beziehungen zu den Niederlanden hatte und 
durch Roger Williams in die holländische Literatur eingeführt 
wurde. Auch stellt sich nicht selten eine überraschende Aehn- 
lichkeit zwischen beiden Werken heraus. Das Motiv der 
Rebellion Satan's ist zwar bei Vondel ein anderes. Auch hat 
sein Satan noch die Wahl Rebell zu werden oder nicht, und 
es fehlt ihm die titanenhafte Grösse und Sicherheit der 
Schöpfung Milton's. Aber unverkennbar sind die Ansätze zu 
der Charakteristik des Milton'schen Satan schon bei Vondel 
vorhanden. Unverkennbar ist auch die gleiche, von der Ueber- 
lieferung so sehr abweichende Auffassung der übrigen Engels- 
gestalten. Und dazu kommen so manche auffallende Anklänge 
im einzelnen wie z. B. in der Schilderung der Empörung und 
der Himmelsschlacht, in epigrammatisch zugespitzten Aus- 
sprüchen, dass man sich der Ueberzeugung nicht wohl er- 
wehren kann, Milton habe Vondel hie und da geradezu als 
Vorbild benutzt. Allein an eine Ein^Yirkung auf die Konception 
ist auch hier nicht zu denken, da die dramatischen Ent- 
würfe Milton's viel älter sind als Vondel's Tragödie. Und 
was sich von Vondel'schen Zügen im verlorenen Paradies vor- 
findet, ist wieder so eigenthümlich verarbeitet, dass sich ein 
mögliches Plagiat in eine Neuschöpfung verwandelt (0- 

Ueberblickt man alles, was Sammelfleiss und Scharfsinn 
zur Aufhellung der Frage versucht haben, so wird man in 
das Urtheil Chateaubriand's einstimmen: „Ein originaler 
Schriftsteller ist nicht der, welcher niemanden nachahmt, 
sondern der, welchen niemand nachzuahmen im Stande ist"(^). 



Q2 Der Gegenstand. 

Milton selbst scheint denn auch in der Einleitung seines 
Gedichtes die Ursprünglichkeit der Erfindung für sich in An- 
spruch zu nehmen. Doch will es noch etwas mehr bedeuten, 
wenn er hier äussert, er wolle Dinge singen, „an die sich 
Vers und Prosa nie gewagt". Auch Ariost hatte sich einst 
vorgesetzt, zu künden ,,Cosa non detta in prosa mai, ue in 
rima". Aber Milton, der die Worte von ihm entlehnt, fühlt, 
dass er sich in ganz anderen Bahnen bewegen wird wie seine 
grossen Vorgänger. Was waren ihm der Zorn des Peliden. 
die Irrfahrten des Dulders Odysseus, die Thaten des frommen 
Aeneas odev des frommen Gottfried von Bouillon, die viel- 
gerühmten Kämpfe und Liebesgeschichten tapferer Ritter und 
schöner Damen, verglichen mit dem erhabenen Gegenstande, 
den er sich erwählt hatte: 

Vom Fall des ersten Menschen, dem Geuuss 
Von des verbotneu Baumes Fi-ucht, die Tod 
Und alles Weh gebracht hat in die Welt, 
Uns Eden raubte, b'is ein grössrer Mensch 
Den Sitz des Heils uns wiederum errang, 
Sing" Himmelsmuse, die du auf des Horeb. 
Auf Sinai's verborgnem Gipfel einst 
Den Hirten hast begeistert, der zueilst 
Dem auserwählten Volke kundgethan, 
Wie Erd und Himmel aus dem Chaos stiegen. 

So ist es denn, wie er an anderer Stelle sagt „keine der 
neun Musen", die er anruft, keine von denen, „die auf der 
Höhe des alten Olymp wohnen". Es ist „die Sionitin" , die 
Muse dei- religiösen Poesie, die „Nachts seinem Schlummer 
naht und ihn besucht, wenn den Ost der Morgen purpurn 
färbt". Sie ist ihm gleichbedeutend mit dem heiligen Geiste, 
„der von Anbeginn war und einer Taube gleich mit mächtig 
ausgespreiztem Flügelpaar über dem ungeheuren Abgrund 
brütete". Der Dichter selbst, den sie inspirirt, fühlt sich ein 
höheres Wesen werden. Er nähert sich jenem Ideale des 
Poeten, das er vor Jahren den Dichterlingen des Tages in 
leuchtender Erhabenheit vorgeführt hatte (s. o. I. 257). Er 



Der Gegenstand. 63 

wird zum Lehrer, zum Prediger, denn er will sich nicht frei 
dem Spiele seiner Phantasie überlassen, sondern 
Kechtfertigen die ew'ge Vorsehung 
Und Gottes Wege vor den Menschen preisen. 

Die ganze eigenthümliche Grösse, aber auch die ganze 
unvermeidliche Schwäche, welche die Wahl des Gegenstandes 
mit sich brachte, war in diesen Worten gegeben. Die er- 
habensten, furchtbarsten und lieblichsten Schilderungen, zu 
denen Himmel, Hölle und Erde den Anlass boten, drohten 
abzuwechseln mit den trockensten, nüchternsten und schwer- 
fälligsten Auseinandersetzungen über die Prädestination, die 
Verwerfung und Erwählung. Der Fortschritt der Handlung 
konnte beständig unterbrochen werden durch lehrhafte Vor- 
träge. Die Freiheit der Erfindung musste sich nicht selten 
gehemmt sehn durch die Rücksicht auf die kirchliche Ueber- 
lieferung. Der Dichter wurde zum Theologen, das Epos wurde 
zur Theodicee. 

Man hat mitunter das lebhafteste Bedauern darüber aus- 
gesprochen, dass Milton einen solchen Stoff gewählt habe, 
einen Stoff, den Goethe keinen Anstand nimmt als „abscheu- 
lich, äusserlich scheinbar und innerlich wurmstichig und hohl"^ 
zu bezeichnen (0- Man hat bemerkt, dass sich die Artussage, 
die Milton in seiner Jugend gefesselt hatte, aus rein poetischen 
Gründen weit eher empfohlen haben würde. So hoch das 
verlorene Paradies auch stehe, er habe, wenn er seiner ersten 
Neigung treu geblieben wäre, noch Höheres schaffen können. 
Hypothetische Betrachtungen der Art fallen nicht unter die 
Aufgabe des Biographen. Für diesen muss es genügen darauf 
hinzuweisen, dass Milton so gewählt hat und warum er so gewählt 
hat, wie es geschehn ist. Die Jahrzehnte gewaltigster Er- 
schütterungen, welche sein Vaterland erlebt, die Kämpfe und 
Sorgen, die er selbst auszuhalten gehabt hatte, waren auch 
an seinem dichterischen Genius nicht spurlos vorübergegangen. 
Von jeher hatte dieser einen puritanischen Anhauch gehabt. 
Von jeher war ihm eine didaktische Neigung eigen gewesen. 
Aber die unbefangene Freude am Schönen, auf welcher Seite 
es sich finden mochte, die mächtige Einwirkung der Antike, 



(54 Der Gegenstand. 

das Strahlende Vorbild Edmund Spenser's: alles dies hatte in 
Milton's Seele ein glückliches Gegengewicht gegen Einseitig- 
keit und Tendenz gebildet. In seiner Jugend erschien er als 
begeisterter Herold der Renaissance, wenn auch von einer 
religiösen Grundstimmung beherrscht. In seinem Alter 
erscheint er als der grosse Dichter des Puritanismus, 
wenn auch durch die Vorstellungen der Renaissance be- 
reichert. Er war zum Manne geworden während einer Um- 
wälzung, welche dem religiösen Gefühl einen mächtigen Im- 
puls gab. Er selbst hatte sich, an den Ereignissen lebhaft 
betheiligt, in eine Stimmung versetzt, die an den höchsten 
Fragen der Spekulation viel mehr Gefallen fand als an den 
bunten Bildern ritterlicher Romantik. Die umfassenden Kennt- 
nisse, die er sich aneignete, hiengen sich wie schwere Fesseln 
an seine ursprüngliche Dichterkraft. Die theologischen Studien, 
denen er sich hingab, lenkten ihn auf natürliche Weise bibli- 
schen Stoffen zu. Trübe häusliche Erfahrungen, ein schweres 
körperliches Gebrechen, bittere Enttäuschungen jeder Art 
mussten nothwendig den Ernst und die Strenge des Dichters 
steigern. Seine Muse bedurfte eines „grossen Gegenstandes", 
d. h. eines solchen, der sich von selbst „zur Höhe des Helden- 
gedichtes erhöbe", auch ohne von Helden im üblichen Sinne 
zu handeln. Und so fiel „nach langer Wahl" die Entschei- 
dung. Einst im Allegro hatte sich der Dichter mit Wonne 
„unter das geschäftige Summen der Menge" versetzt, zum 
glänzenden Turnier, wo voi' schönen Damen die Ritter und 
Barone um die Ehre kämpfen , „zu Pomp und Fest und 
Schmauserei". Diese Zeiten waren vorüber. Nun hielt er es 
recht im Gegensatze zum Geschmack der herrschenden Kreise 
für unwürdig, sogenannte „heroische" Thaten zu besingen, 
„mythische Schlachten . . fabelhafte Ritter", 

Wettlauf und Turnier 
Das Kampfgeräth, der Schilde Wappenprank, 
Mit närrischen Enablemen, das Getrab 
Der goldbefransten Rosse, Ritters Schmuck 
Beim Ring- und Lanzenstechen und das Mahl, 
Von Seneschall und Truchsess aufgetischt. 



Der Gegenstand. 65 

Das alte Testament hatte die Heldensage verdrängt. Die 
Frage nach dem Fall Adam's und Eva's war wichtiger als 
die Frage nach dem Verrath Mordred's. Die Kämpfe zwischen 
den himmlischen Heerschaaren und den rebellischen Engeln 
bedeuteten mehr als die Kämpfe sämmtlicher Ritter der 
Tafelrunde gegen Riesen und Ungeheuer. Die unschuldigen 
Wonnen des Paradieses überstrahlten alle Wunder des Zauber- 
waldes von Breceliand. 

Es war kein schmerzliches Opfer, das der Dichter brachte, 
wenn er den spröderen Stoff wählte. Er fühlte sich vielmehr 
durch eine immer stärker werdende Neigung zu ihm hin- 
gezogen. In diesem Stoff war eingeschlossen, was ihn und 
tausende seiner Zeitgenossen mit ihm bewegte: die grosse 
Streitfrage über den Ursprung des Uebels, die Vorherbestim- 
mung des Schöpfers und den freien Willen der nach seinem 
Bilde Geschaffenen, eine Streitfrage, welche ebenso sehr an 
die ersten Anfänge des Menschengeschlechts anknüpfte, wie 
sie zu Ausblicken auf den Verlauf seiner ganzen Geschichte 
nöthigte. Der Kampf des bösen und des guten Princips, die 
schreckensvollen Gebilde von Sünde und Tod, die verneinen- 
den und zerstörenden Kräfte in der Gestalt Satan's: alles 
das lebte mehr oder weniger klar in den Vorstellungen grosser 
Volksmassen und wartete nur auf die Hand des Künstlers, 
um feste Formen zu gewinnen. 



Der Gegenstand des verlorenen Paradieses ist als ge- 
geben zu betrachten. Statt ^lilton einen Vorwurf daraus zu 
machen, dass er ihn gewählt, wird man fragen müssen, wie 
er ihn verwerthet hat. Sucht man sich hierüber Rechenschaft 
abzulegen, so wird nichts so bald auffallen wie die vielfachen 
Anklänge des Milton'schen Epos an die Form des Dramas. 
Man erinnert sich, dass der Dichter den Stoff ursprünglich 
für diese bestimmt hatte. Indem er noch unter dem Banne 
dieser früheren Idee stand , gewann er den unschätzbaren 

Stern, Jlilton vi. s. Z. II. 4. 5 



(56 Dramatischer Charakter des Gedichtes. 

Vortheil, der Handlung einen straffen, energischen Zug ver- 
leihen und der psychologischen Entwicklung der Charaktere 
eine vornehme Stelle einräumen zu müssen. Eine grosse Ge- 
fahr, welche sein Thema mit sich führte, die Versuchung, sich 
lehrhafte Abschweifungen zu gestatten, wurde damit zwar 
durchaus nicht abgewandt, aber doch in etwas gemindert. 
Andrerseits wurde der natürlichste Anlass gegeben, die drei 
Anfangskapitel der Genesis, um die es sich in erster Linie 
handelte, ohne Anstoss poetisch auszufüllen. — Ein kurzer 
Ueberblick über den Gang der Fabel wird ihren dramatischen 
Aufbau in's Licht stellen. 

Hält man sich an die Eintheilung in zwölf Bücher, zu 
der Milton selbst sich in der zweiten Auflage entschloss, so 
wird man diese unschwer in drei gleich starke Gruppen 
theilen können. Die ersten vier Bücher eröffnen Hölle, Him- 
mel und Erde vor unseren Blicken und zeigen uns das erste 
Mensehenpaar , ahnungslos zwischen die streitenden Mächte 
von Gut und Uebel gestellt. Der Sturz der rebellischen 
Engel wird im Beginne des Gedichtes als eben geschehen ge- 
dacht. Satan's Erwachen aus dem Flammenpfuhl des boden- 
losen Abgrunds, seine trotzige Unterredung mit Beelzebub, 
dem Genossen seiner Qual, bilden gleichsam die erste Scene. 
Die Besitzergreifung des höllischen Reiches schliesst sich 
daran. Eine IMusterung der teuflischen Heerschaaren führt 
kriegerische Massen auf die Bühne, die der heroischen An- 
sprache des Führers mit geschwungenen Waffen zujubeln. 
Die Versammlung des Teufelsparlamentes, des grossen Rathes 
der Hölle, im kunstvollen Pandämonium entrollt ein anderes 
jener Bilder, die dem historischen Drama geläufig waren. 
Eine pomphafte Ansprache des Fürsten, wechselnde Rath- 
schläge seiner Paladine, der Beschluss, sieh an Gott zu rächen 
durch einen Angriff „auf jene andere Welt, den seligen Sitz 
des neuerschaffenen Volkes, Mensch genannt" : das alles reiht 
sich in lebendigem Foitschritt an einander. Die grosse Staats- 
aktion ist vorbereitet. Satan selbst nimmt es auf sich, den 
erwählten Angriffspunkt zu rekognosciren. Sünde und Tod, 
phantastische Gebilde von unfassbarem Graus, öffnen die 



Inhaltsangabe. Buch 1—4. 67 

Höllenpforten. Er gelangt emporfliegend in's Reich des Chaos 
und der alten Nacht und erfragt von ihnen den Weg nach 
jener neuen Welt, die vom Himmel heral)hängt „an goldner 
Kette schwebend, an Umfang gleich einem Stern von letzter 
Grösse dicht am Mond". 

Die Scene wechselt, indem wir dem Gegenbilde der Hölle, der 
hohen himmlischen Wohnung, angenähert werden. Auch hier 
entwickelt sich das Gedicht in dialogischer Form. Gott Vater, 
„der das Einst und Jetzt undKünft'ge sieht", weist seinen Sohn 
auf das Unternehmen Satan's hin und sagt den Fall der Menschen 
voraus. Gott der Sohn legt Fürbitte für das Menschengeschlecht 
ein und erbietet sich als INIittler. Das Opfer des himmlischen 
„Vicekönigs" wird angenommen, und wie der Chor der Teufel 
den Rathschluss ihres Hauptes mit Jubel begrüsst, so erschallt 
der pui-purglänzende Himmel von den heiligen Gesängen und 
den goldenen Harfen der Engel. Währenddess ist Satan, mit 
Mühe durch das Chaos sich durcharbeitend, an die Grenze 
des Weltsystems, zu dem die Erde gehört, gekommen. Es 
ist die „erste Wölbung", welche die „leuchtenden kleineren 
Sphären" in sich einschliesst. Sie hat an ihrem oberen Pol 
eine Oeftnung, dieselbe, durch die ein Weg zum Thor des 
Himmels führt. Durch diese erblickt Satan die ganze neue 
Welt. Er nimmt durch unzählbare Sterne, ,,um deren 
glückliche Bewohner er sich nicht kümmert", den Weg zur 
Sonne, deren Glanz ihn am meisten anzieht. Dort findet er 
Uriel, einen der sieben Erzengel. In der Verkleidung eines 
Cherub weiss er ihm die Kunde zu entlocken, w^elches unter 
den Sternen die Erde ist, und wo auf der Erde das Paradies. 
Beim Anblick desselben verhärtet er sich, seiner Leidenschaft 
Luft machend, in seinem Vorsatz, überspringt die bewaldete 
Gebirgsmauer und lässt sich als ein Rabe auf den Baum des 
Lebens nieder. Von dort aus „sieht er voll Grimm die ganze 
Pracht Eden's, die Ueppigkeit der Pflanzen, die Fülle der 
friedlich bei einander wohnenden Thiere. das erste Paar der 
Menschen, von allen Reizen der Jugend und Unschuld um- 
spielt. Er verwandelt sich in dies und jenes der Thiere, um 
das holde Geplauder Adam's und Eva's besser belauschen zu 

5* 



QQ Buch 1—4. — Buch 5—8. 

können. Jener spricht von dem Verbote Gottes, die Früchte 
des Baumes der Erkenntnis zu kosten. Diese gedenkt ihres 
ersten Erwachens unter Blumenschatten, ihres ersten Be- 
gegnisses mit dem Geliebten. Mit Neid sieht Satan seitwärts 
auf ihre Küsse, auf das „glücklichere Eden, eins in des an- 
deren Arm", Er beschliesst, sie zu verderben, indem er jene 
Lust der Erkenntnis in ihnen wecken will, die Gott ihnen versagt. 

Während er im Hintergrund verschwindet, und die Sonne 
sinkt, gleitet Uriel auf einem ihrer Strahlen hernieder. Er 
hat die Maske des Erzfeindes durchschaut, sein Beginnen 
verfolgt und warnt die Wächter des Paradieses. Die Abend- 
dämmerung bricht an. Adam und Eva suchen nach ein- 
fachem, formlosem Gebet in duftender Laube ihr weiches 
Lager auf und entschlummern nach sündlosem Liebesgenuss 
„von Nachtigallen eingesungen, von Rosen überstreut". Zu 
Eva's Ohr schleicht Satan, als Kröte hingestreckt, um ihre 
Phantasie durch lockende Träume zu reizen. Ihn finden zwei 
der Engels-Wächter. Vom Speer des einen berührt, schnellt 
er in seiner wirklichen Gestalt empor und lässt sich vor 
Gabriel führen, den Obersten der paradiesischen Hut, um ihn 
und seine Schaar zum Kampfe herauszufordern. Aber der 
Ewige hängt seine „Wage", in der er jegliches Erschaffene 
wog, am Himmel aus. Satan's Schale steigt, er flieht, „und 
mit ihm flieht die Dunkelheit der Nacht". 

In den nächsten vier Büchern kommt die Handlung so 
gut wie zum Stehen. Als der Morgen naht, schlägt Adam 
die Augen auf und sieht Eva mit wirren Locken und glühen- 
der Wange noch unruhig schlafen. Von ihm geweckt, erzählt 
sie ihren Traum, in dem sie, durch eine Engelserscheinung 
verführt, von der verbotenen Frucht gekostet hat. Adam 
tröstet sie und küsst ihr die Thränen aus den Augen. Sie 
sprechen ihr Morgengebet, wiederum ein reiner Ausdruck 
der Naturreligion und wiederum „unvorbedacht", wie es 
ihnen ihr Herz eben eingiebt. Dann eilen sie zu ihrem ge- 
wöhnlichen Tagewerk, der einzigen „Arbeit", die das Para- 
dies kennt, schwankende Blumenstengel zu stützen, den üppigen 
Trieb früchtebeladener Bäume zu hemmen, die Ulme mit der 



Buch 5—8. 69 

Rebe zu umranken. Es sind harmlose Gegenstände tändeln- 
der Geschäftigkeit, wenig ernster, als diejenige der Elfen im 
Sommernachtstraum. Mitleidig sieht sie Gott und beauftragt 
den Engel Raphael, als Warner zu Adam zu eilen, „auf dass 
er nicht mit Wissen sündigend als Vorwand Ueberraschung 
nennen kann". — Es ist schwüler Mittag, als der Engel im 
Paradiese anlangt. Adam sieht ihn von weitem vor seiner 
Laube, während Eva drinnen das Mahl aus „schmackhaften 
Früchten" bereitet. Man wird einig, den hohen Gast einzu- 
laden, und Eva beeilt sich hausmütterlich, noch für einige 
ausserordentliche Gänge zu sorgen, selbstverständlich streng 
nach vegetarianischer Vorschrift. Bei Tische spricht der 
himmlische Bote Speise und Trank ganz menschlich zu, gleich 
als wäre es „Engelskost". Adam, wissbegierig, schon ohne vom 
Baume der Erkenntnis gegessen zu haben, nimmt daher Gelegen- 
heit, dem herablassenden Fremden mit einer harmlosen Wen- 
dung Kunde „von den Dingen über seiner Welt" zu entlocken. 
Und nun folgt nach geschickter Ueberleitung ein aus- 
führlicher Bericht von dem, was vor dem Beginne des Ge- 
dichtes und vor der Schöpfung „dieser Welt" als geschehen 
zu denken ist: von der Proklamation des einzigen, einge- 
borenen Gottessohnes als „Vicekönigs'' des Reiches, von der 
Empörung eines der ersten Erzengel — ,, jetzt heisst er 
Satan, sein früh'rer Name ward getilgt im Himmel" — und 
seiner Genossen gegen diesen Herrscherspruch, von dem ge- 
waltigen Kampf um den Himmel und den Thaten ewigen 
Ruhmes, die der Erzähler mit erlebt hat, von der Besiegung 
der Rebellen durch den Gottessohn, der sie mit seinen „zehn- 
tausend Donnern, von glänzendem Streitwagen herabgeschleu- 
dert, niederschmettert zum schwarzen Schlund der Hölle. Die 
Moral der Geschichte ist eine ernstliche Warnung vor dem 
Ungehorsam, vor den Lockungen des Versuchers. Adam ver- 
spricht für sich und „seine schwächere Gefährtin" Gottes Ge- 
bote zu halten. Aber „wie einer, der den Durst sich kaum 
gelöscht, zum Strom hinabblickt, dessen Rauschen ihm aufs 
neue Durst erweckt", so wünscht Adam weitere Kunde über 
das ihm näher Liegende, über die Entstehung von Himmel. 



70 Buch 5—8. 

Luft und Erde zu hören. Der Engel giebt einen kurzen Ab- 
riss der Schöpfungsgeschichte, nach welcher Gott der Sohn 
im Auftrag Gott des Vaters die Welt in's Leben gerufen hat. 
Adam würde vollkommen dadurch befriedigt sein, wenn ihm 
jene astronomischen Zweifel benommen würden, über die sich 
Raphael in sehr bemerkenswerthen, früher angeführten Worten 
ausspricht (s. B. L 279). Schon beim Beginne dieses wissen- 
schaftlichen Gesprächs zieht Eva es vor, sich zu entfernen. 
Adam aber erzählt, nachdem sein Wissensdrang vorläufig be- 
friedigt ist, dem Gaste seinerseits von seines Daseins Anfang, 
von seiner Sehnsucht nach einem gleichartigen Geschöpf, von 
der Erfüllung seines Wunsches, als Gott ihm Eva geschenkt 
hatte : 

Ich sah sie 
Ganz wie ich sie im Traum erblickt, geschmückt 
Mit allem, was sie liebenswerth zu machen 
Nur Erd und Himmel spenden kann. Sie kam, 
Von ihres unsichtbaren Bildners Euf 
Geleitet, näher, eingeweiht durch ihn 
In Heiligkeit und Brauch des Ehebunds, 
Anmuth in jedem Schritt, in ihrem Auge 
Der ganze Himmel, voller Huld und Würde. 
Und wonnetrunken rief ich jubelnd aus : 
,,Xun ist mein Wunsch vollendet, ia du hast 
Erfüllt, Allgüt'ger, was du mir versprachst, 
Neidloser Geber alles Schönen, dies 
Ist deiner Gaben schönste" ....... 

Sie hörte mich ; geführt von Gott empfand 
Sie doch jungfräulich Beben, holde Scham, 
Des reinen Fraueuwerthes sich bewusst, 
Der ungeworben nicht, nicht ungesucht 
"Von selbst sich hiugiebt, lieblich widerstrebt, 
Damit Gewährung doppelt köstlich sei. 
Unwissend, was sie that, gehorchte sie 
Der Stimme der Natur und wandte sich 
Bei meinem Anblick ab. Ich folgte ihr; 
Mit keuscher Würde, stolzer Fügsamkeit 
Gab sie mir nach. Zur hochzeitlichen Laube 
Führt" ich die morgengleich Erröthende. 
Der Himmel und die Sterne gössen Licht 
Des Glücks auf diese Stunde aus, die Erde 



Buch 9—12. 71 

Rief unserm Bund von jedem Hügel Heil, 
Die Vögel jauchzten, sanfter Lüftchen Hauch 
Durch flüsterte den Hain, von ihren Schwingen 
Streuten sie Rosenduft und würz'gen Balsam, 
Bis uns die Nachtigall das Brautlied sang 
Und eilen hiess den nahen Abendstern, 
Damit er uns die Hochzeitsfackel zünde. 

Mit solchem Entzücken schildert unser Urahn sein ehe- 
liches Glück, tlass der Engel ihm sehr puritanisch vorhält, 
nicht „Liebe" und „Leidenschaft" zu verwechseln und mit 
einer nochmaligen ernsten Verwarnung, „festzustehn" von dem 
gastfreundlichen Heim des ersten Menschenpaares Abschied 
nimmt. 

In den letzten vier Büchern schreitet die Handlung wie- 
der fort. Sieben Tage und Nächte hat Satan die Erde um- 
kreist. In der achten Nacht weiss er auf's neue in das Paradies 
einzudringen und schlüpft, den Zwang dieser Selbsterniedrigung 
verfluchend, in eine schlafende Schlange, als das geeignetste 
Werkzeug seiner Anschläge. Beim Anbi'uch des Morgens, 
des letzten der paradiesischen Unschuld, schlägt Eva dem 
Gefährten eine kurze Trennung vor, da die „Arbeit" beiden 
besser von der Hand gehn werde, wenn Geplauder und Ge- 
kose sie nicht unterbreche. Adam ist nicht sehr erbaut von 
diesem Vorschlag. Er erlaubt sich , Eva daran zu erinnern, 
dass ihr allein leicht Gefahr und Verführung drohen, Sie 
schmollt ein wenig, beide werden in Rede und Gegenrede 
etwas gereizt, zuletzt behält sie ihren Willen. Sie geht mit 
ihrem „Gartengeräth", lieblich wie „Pomona" oder die „jung- 
fräuliche Ceres", um hängende Blumenkronen mit Myrthen- 
reisern emporzurichten, „sie selbst, der Blumen schönste, 
stützelos, so fern dem besten Halt, so nah dem Sturm". 
Sogar Satan, als Schlange näher kriechend, wird einen Augen- 
blick zur Bewunderung hingerissen und bleibt eine Weile 
„dummgut entwaffnet, seiner eigenen Bosheit entfremdet". 
Dann aber erwacht die „heisse Hölle" wieder in seiner Brust. 
Emporgeringelt mit erhobenem Kopf — so wie die Schlange 
auf so manchen der altdeutschen und italienischen Bilder er- 
scheint — umtanzt das Thier Eva, küsst die Spur ihrer 



72 Buch 9—12. 

Füsse und redet sie schmeichelnd an. Dass es reden kann, 
erklärt es selbst der Verwunderten als Folge des Genusses 
der verbotenen Frucht und reizt dadurch ihre Neugier nur 
noch mehr. Der Zug gehört Milton an und nicht der Bibel, 
aber wie er wenige Verse derselben zu verwerthen, psycho- 
logisch zu vertiefen und rhetorisch auszuschmücken weiss, 
zeigt vielleicht keine Stelle seines Gedichtes so deutlich wie 
die Ausmalung dieser ganzen Scene. 

Die That ist geschehen. „Die Erde fühlte die Wunde, 
tief seufzte die Natur in ihrem ganzen Bau vor Schmerz, dass 
alles nun verloren war." Eva aber, erhitzt und berauscht,, 
segnet den Baum , ja erweist ihm Götzendienst. Sie denkt 
einen Augenblick daran , „die Ueberlegenheit der Kenntnis 
für sich zu behalten, '^ dadurch die Schwäche ihres Geschlechts 
auszugleichen und Adam's Liebe zu steigern. Wie aber, 
wenn Gott sie mit dem Tode strafte, wenn Adam, „mit einer 
anderen Eva verbunden", leben bliebe? Lieber soll er Wohl 
oder Wehe mit ihr tragen. Sehnsüchtig kommt er ihr schon 
entgegen mit einem Kranze, den er für sie gewunden hat. 
Seinem Entsetzen, nachdem er ihr Bekenntnis gehört, folgt 
sein Entschluss, ihr Loos zu theilen. Er nimmt aus ihrer 
Hand die Frucht und isst, „von Frauenreize sanft besiegt". 
Und wieder „erbebt der Erde Schoos, stöhnt die Natur ein 
zweites Mal; der Himmel verdunkelt sich und weint dumpf- 
donnernd schwere Tropfen". — Die erste Folge des Sünden- 
falles ist das Entbrennen „fleischlicher Begierden". Die Un- 
schuld ist dahin, beide sind wie „von neuem Weine 
trunken", und zum ersten Male dient ihr schattiges Blumen- 
bett der wilden Lust der Sinne. Sie erwachen, anders wie 
sonst, aus wüstem Schlafe, dunklen Sinnes, beschämt über ihre 
Nacktheit. Der Schurz aus Feigenblättern, die sie sich 
pflücken, kann ihre Schuld nicht verdecken, mit W^einen, 
Klagen und Vorwürfen verbringen sie die Stunden. 

Indessen hat der Himmel von Gott Vater erfahren, was dieser 
„längst vorausgesagt" hatte, wird Gott der Sohn entsandt, die 
Gefallenen zu richten. Dieser spielt demnach die Rolle, die 
nach der Genesis dem einigen Gotte zukommt. Er spricht 



Buch V)— 12. 73 

den Fluch über die Schlange, das Urtheil über die Menschen 
aus und kleidet sie mitleidig in Thierfelle. Satan war vor 
dem Anblick des Göttlichen aus Furcht vor augenblicklicher 
Strafe geflohen. Nachts kehrt er zurück, belauscht Adanfs 
und Eva's traurige Gespräche und entnimmt aus ihnen, dass 
sein Urtheil — gemäss dem mystischen, über die Schlange 
ausgesprochenen Fluche — erst in Zukunft vollzogen werden 
soll. Beruhigt und triumphirend eilt er seinem Reiche zu 
und trifft unterwegs auf seine Kinder, Sünde und Tod. die 
gleich nach dem Falle des Menschen, „den Hauch der Sterb- 
lichkeit witternd'", eine kunstvolle und bequeme Brücke von 
der Hölle über das Chaos zur neuen Welt geschlagen haben. 
Er eilt zu seinem Herrschersitz und verkündet seinen Ge- 
treuen den Sieg, aber statt des erwarteten Beifalls muss er 
ein misstöniges Zischen hören. Die Teufel sind sämmtlich in 
Schlangen verwandelt, er selbst sträubt sich vergeblich gegen 
diese ^Metamorphose. Zugleich erwächst vor ihren Augen ein 
Hain mit lockenden Früchten, aber diese werden, als sie sich 
gierig darauf stürzen, zu bitterer Asche. Satan und seine Ge- 
nossen erhalten, wenn die Qual lange genug gedauert hat, 
zwar ihre wahre Gestalt wieder, aber, „wie einige sagen'-, 
müssen sie in jedem Jahre gewisse Tage diese Demüthigung 
erdulden. Man bemerke, wie dem alttestamentarischen Stoff 
romantische Züge beigemischt werden, gleich diesem, deren 
richtige Stelle in den Märchen von Hexen und Zauberern 
oder bei Ariost und Spenser zu suchen wäre. 

Weit besser fügt sich dem Ganzen jene durchgeführte 
Allegorie von Sünde und Tod ein, deren Ankunft im Para- 
diese mit grellen Farben geschildert wird. Sie beginnen ihr 
Zerstörungswerk bei Pflanzen und Thieren. Die Zwietracht, 
der Sünde Tochter, verhetzt die Geschöpfe zum Kampf um's 
Dasein. Gott sieht der Verwüstung seiner „schönen Weif" 
nicht nur gelassen zu, da er des endlichen Sieges seines 
Sohnes über Sünde und Tod gewiss sein kann, sondern thut 
noch das Seinige, um seine Schöpfung zum Schlechteren zu 
„verändern". So wenigstens erscheint in diesem Zusammen- 
hange alles das, was wenig mehr denn ein Jahrhundert später 



74 B"ch 9—12. 

Herder's „Ideen" als Zeichen der „Harmonie, Güte und Weis- 
heit" zu preisen nicht müde wurden: die Schiefe der Ekliptik, 
die Verschiedenheit der Zonen, der Wechsel der Jahreszeiten, 
der Widerstreit der Winde. Mit Schrecken sieht Adam, wie 
die Thiere ihn iiiehen oder grimmig nach ihm blicken. Er 
fühlt das „Elend nach der Seligkeit", den Fluch des Todes, 
in den sich der Segen Gottes „seid fruchtbar und mehret 
euch" verwandelt hat. Er sehnt die Sterbestunde herbei, um 
nicht die Verwünschungen der Enkel hören zu müssen. Aber 
wird der Tod ihm die Wohlthat völliger Vernichtung bringen, 
wird er sich nicht verewigen in dem „endlosen Jammer" 
seines ganzen Geschlechts, das er nicht zu entsühnen ver- 
mag? Seine Gedanken finden keinen Ausweg aus diesen Ge- 
heimnissen. Die dunkle Nacht hört seine Klagen. Eva naht 
sich ihm, um ihn zu trösten, er stösst mit Zornesworten die 
„Schlange hinweg aus seinem Angesichte". Sie wirft sich 
ihm zu Füssen, und er kann ihren Thränen , ihren flehenden 
Worten nicht widerstehn. Es folgt die Versöhnungsscene, 
in deren Schilderung der Dichter vielleicht das selbst Erlebte 
verarbeitet hat (s. o. B. IL 337). Eva's exaltirter Vorschlag, 
durch Selbstmord alle Qualen zu enden und dem göttlichen 
Urtheil die Spitze abzubrechen, weist der kühler gewordene 
Adam zurück. Er sinnt schon auf Mittel, das menschliche 
Dasein erträglich zu machen. Er hofft „durch Reibung von 
zwei Körpern" Feuer zu gewinnen und entwickelt vorahnend 
eine Art Geschichte primitiver Kultur. Beide finden Trost 
im reuigen Gebet. Der Messias legt es am Thron des Vaters 
nieder, und dieser gewährt die Bitte, dem ]\Ienschen eine 
Frist des Lebens zu gönnen. Aber ihn länger im Paradiese 
zu belassen, verbietet das Gesetz der Natur. Eine Thronrede 
macht den versammelten Engeln hiervon officielle Mittheilung. 
Der Erzengel Michael erhält den Befehl, mit einer Kohorte 
von Cherubim das Beschlossene auszuführen. 

Noch ahnen die Menschen nicht, was ihnen bevorsteht, 
aber böse Vorzeichen künden ihnen Unheil an. Sie vernehmen 
MichaeFs Botschaft. Eva jammert, dass sie ihre „Blumen", 
ihre ., hochzeitliche Laube" lassen soll, Adam bangt vor dem 
Gedanken, dass eine Verbannung aus dem Paradies eineVer- 



Buch 9—12. 75 

bannung aus der Nähe Gottes sein werde. Der Erzengel 
tröstet ihn mit dem Hinweis auf die göttliche Allgegenwart. 
Zur Bestätigung dessen verspricht er ihm, seinem Auftrag 
gemäss, ein Bild „zukünftigei- Tage" zu zeigen, den „Kampf 
der göttlichen Gnade mit menschlicher Sünde", daraus Geduld 
zu lernen, zu lernen „durch fromme Furcht die Freude massi- 
gen, Günst'ges und Widriges mit Gleichmuth tragen". Wäh- 
rend Eva in Schlaf versinkt, folgt Adam dem Engel auf einen 
hohen Hügel. Er überblickt von dort die ganze Bühne der 
künftigen Thaten und Leiden seines Geschlechts. Eine Vision 
fortlaufender Bilder, an die sich die Belehrung seines Führers 
anreiht, zeigt ihm die Geschichte der Menschen von Abel's 
Tod bis zur Sindfluth, von der Sindfluth bis zur Erlösung 
durch den Messias, und selbst die Ausbreitung des Christen- 
thums und sein Verfall nach dem Eindringen priesterlicher 
„Wölfe" wird mit ein paar flüchtigen Strichen angedeutet. 
Zuletzt prophezeit der Erzengel einen „Weltbrand", in dem 
Satan zu Grunde gehn, eine neue Erde und ein neuer Himmel 
entstehn wird. Beim Entrollen dieses Abrisses der Geschichte, 
soweit sie sich dem Rahmen der Bibel einfügen lässt, einem 
mit Recht bewunderten „Meisterstück poetischer Oekonomie", 
lösen sich Rede und Gegenrede des staunenden Zuschauers 
und des kundigen Erklärers beständig ab. Scenen des Krieges 
und des Friedens — wie auf dem homerischen Schilde des 
Achilleus — Darstellungen von Lebenslust, Arbeit, Kunst- 
übung, von Krankheit, Verzweiflung, Tod wechseln mit ein- 
ander und regen sich widersprechende Gefühle auf. Das 
ganze vielverschlungene Gewebe des menschlichen Daseins 
breitet sich aus, und die Erött'nung einer unendlichen Per- 
spektive hebt den Geist über den Schmerz des Augenblicks 
empor. Adam bezweifelt nicht mehr, dass der Mensch, wenn 
er mit „dem Wissen" die gute „That" verbindet, „ein schö- 
neres Paradies" in sich selbst tragen wird. Und so findet er 
Eva wieder, schon erwacht und durch heilverkündenden 
Traum getröstet, Sie folgt ihm gerne: „du bist mein alles 
unterm Himmelszelt, mit dir gehn, heisst im Paradiese bleiben". 
Schon ziehen die Cherubim näher, .,vor ihnen Gottes Flam- 



76 Die Charaktere. 

menschwert wie ein Komet". Au der Hand des Engels ge- 
langt das Menschenpaar zum Thore. Koch einmal schauen 
sie sich um nach den Schreckgestalten und weinen. Aber 
bald trocknen sie ihre Thränen. 

Vor ihuen lag die weite "Welt zur Wahl 
Der ueueu Kuhestatt, ihr Führer : Gott. 
Sie nahmen Hand in Hand mit zagem Schritt 
Durch Eden lancrsam ihren stillen Wec;. 



Es wird nicht mehr auffallend erscheinen, warum das ver- 
lorene Paradies das am meisten dramatische aller epischen 
Gedichte genannt worden ist. In der That, wenn man von 
dem Stillstand der mittleren vier Bücher und von der Di- 
gression in den zwei letzten einmal absieht, so fällt es nicht 
schwer, sich den Rest zu einer bühnenmässigen Handlung 
umgestaltet zu denken. Die Form , in der sich die Dichtung 
bewegt, ist vorwiegend die des Dialogs oder des Selbstge- 
sprächs Der Schauplatz wechselt mit einer Leichtigkeit, die 
für die grossen dramatischen Dichter England's zur Mode ge- 
worden war. Hie und da glaubt man auf Effekte der Be- 
leuchtung und Dekoration zu stossen , die wie dem Theater 
entlehnt erscheinen. Fasst man aber die Charaktere in's 
Auge, durch deren Spiel und Widerspiel Milton die Handlung 
sich entwickeln lässt, so wird man alsbald seine Schwäche 
gegenüber den grossen Meistern der dramatischen Poesie seines 
Landes gewahr werden. Für ihn giebt es nicht jenen ge- 
heinmisvolleu seelischen Hintergrund, auf dem die Gedanken 
sich haschen und fliehen wie die verschwommenen Bilder 
eines hin- und herschwankenden Spiegels, jenes Gemisch von 
Neigung und Abneigung, Erinnerung und Ahnung, Stärke und 
Schwäche, aus dem die Entschlüsse sich bilden und die Thaten 
hervorgehn. Seine Charaktere sind fast niemals verwickelt, son- 
dern in der Regel einfach, durchsichtig, ja mitunter ohne indi- 
viduelles Leben, in blosse Schemen aufgelöst, eben gut genug, 
dem Dichter als Maske zu dienen, durch deren "Shmd er nach 
Gefallen rhetorisch, polemisch, dialektisch seine eigene Mei- 



Satan und die Teufel. 77 

niing an den Mann zu brinfjen sucht. Eben damit hängt 
sein auffallender Mangel an Humor zusammen. Es giebt viel- 
leicht keinen zweiten englischen Dichter, dem diese glückliche 
echt englische Gabe in dem Grade abgienge wie ihm. Er 
kann sich das Leben nicht als ein buntes, leicht bewegliches 
Kaleidoskop denken, in welchem Scherz und Ernst, Lachen und 
Weinen in raschem Wechsel sich ablösen und in einander über- 
gehn, weil er selbst einer solchen Beweglichkeit der Stimmung 
nicht fähig ist. Versucht er es je einmal , das Gebiet des 
Komischen zu streifen, so geräth er in Gefahr, gi'otesk zu 
werden oder sich mit geschmacklosen Wortspielen abzufinden. 
Immer ist es seine Subjektivität, welche durchbricht, seine 
sittliche Hoheit, sein Pathos, sein Idealismus, und selbst die 
Verkörperung des bösen Princips lässt uns den Schöpfer nicht 
über seiner Schöpfung vergessen. 

Es wird wenig Leser des verlorenen Paradieses geben, 
auf welche die Figur des Satan nicht die grösste Anziehungs- 
kraft unter allen den Charakteren ausübt, die überhaupt in 
dem Gedichte vorgeführt werden. Seine Gestalt drängt sich 
so sehr hervor, dass Addison keinen Anstand genommen hat, 
ihn den „Heros" des Epos zu nennen. Und ohne Zweifel 
lässt dieses Wort sich rechtfertigen. Es ist freilich unbe- 
streitbar, dass INIilton, der „den Fall des ersten Menschen" 
besingen wollte, von einem epischen Helden im üblichen Sinne 
mit vollem Bewusstsein absah. Allein unvermerkt wächst die 
Figur des Satan in diese Piolle hinein. Er ist der Führer im 
Kampf und der erste im Rath, gleich den Völkerhirten der 
nationalen und romantischen Epen. Er erdenkt die listigsten 
Anschläge und besteht die gefährlichsten Abenteuer gleich 
Odysseus und Orlando. Seine Kraft ist selbst nach seinem 
Sturz mit menschlichen BegritTen nicht zu messen. Sein 
Körper bedeckt, auf dem Flammenpfuhl schwimmend, „Aveit 
ausgestreckt, viele Hufen". Gegen seinen Speer gehalten, ist 
die grösste norwegische Fichte, die einem Admiralschitf als 
Mastbaum dienen soll, „nur eine dünne Gerte". — Gigantisch 
wie alles, was mit seiner äusseren Erscheinung zusammen- 
hängt, stellt sein geistiges Wesen sich dar. Wir verlieren 



78 Satan und die Teufel. 

niemals aus dem Auge, dass dieser Teufel ein gefallener 
Engel ist, „einer der Erzengel, wenn nicht der Erzengel 
ei'ster", von Haus aus mit allen grössten Anlagen ausgerüstet. 
Nur eine Eigenschaft beraubt sie sämmtlich ihres Werthes: 
unbezähmbarer Ehrgeiz, der ihn, den Prometheus der christ- 
lichen Mythologie, den Vorläufer des Byron'schen Lucifer, zur 
Empörung treibt. Aber eben diesen Grundzug seines Cha- 
rakters sind wir am leichtesten geneigt zu verzeihen. Es 
fehlt nicht viel, dass wir für den stolzen Revolutionär Partei 
nehmen, der sich einem verletzenden Ceremonialgebot nicht 
fügen will. Es wird uns schwer, das Rachegefühl des Be- 
siegten zu tadeln, der nur dem ,.üonner", der physischen 
Gewalt, erlegen ist. Ein Satan, der ungebrochenen Muthes, 
glühenden Hasses voll, den Schmerz besiegend, in die eines 
Cäsar's würdigen Worte ausbricht ., Besser in der Hölle 
herrschen, als Knecht im Himmel sein", stellt sich als ein 
Wesen .dar, aus nicht gemeinem Stoff gemacht. Und wie- 
derum ein Satan , der fast zu Thränen gerührt wird , als er 
zum ersten Male des unschuldigen Menschenpaares ansichtig 
wird, beweist deutlich genug, dass er kein „wissentlicher 
Feind" ist, dass er das Böse nicht aus Lust am Bösen sucht. 
Mit einem Worte: diese Gestalt entlockt uns eben diejenige 
Empfindung, welche nach Lessing dem „Helden der Epopöe" 
zukommt. Wir „bewundern" diesen, während wir den Helden 
des Trauerspiels „bemitleiden" (^). 

Es ist klar, dass mit dieser Zeichnung des Satan ein 
ungeheurer Fortschritt über die volksthümliche Auffassung 
hinaus gemacht wurde. Freilich der jMilton'sche Teufel ist 
noch nicht zu dem spöttischen Mephistopheles , dem bösen 
Geist der modernen Gesellschaft , zusammengeschrumpft . der 
im grossen nichts vernichten kann und es nun im kleinen 
anfängt. Aber er ist auch nicht mehr das nordische Phantom 
mit Hörnern, Schweif und Klauen. Man hat wohl Recht ge- 
habt, zu behaupten, dass Milton zuerst den Satan und seine 
Wohnstätte der noch obwaltenden populären Verzerrung mit 
Erfolg entrissen habe. Eine solche Umwandlung gieng freilich 
nicht ganz ohne Schaden für die plastische Greifbarkeit ab. 



Satan uud die Teufel. 79 

Kolossal, wie die ]\Iilton"sche Hölle und der Milton'sche 
Teufel ersclieiuen, fehlen ihnen doch die bestimmten Umrisse 
und Farben, welche der angstvollen Phantasie des gemeinen 
Mannes unentbehrlich waren. Aber der Eindruck des Grausi- 
gen und Unheimlichen wird dadurch verstärkt, dass die kör- 
perliche Erscheinung der höllischen Mächte, eines mannich- 
fachen Wechsels fähig, in geheimnisvollem Helldunkel auf- 
und absch wankt (^). 

Mitunter ist die Frage aufgeworfen worden, ob zu INIilton's 
Satan nicht eine der grossen Persönlichkeiten Modell gesessen 
habe, die in den gewaltigen Kämpfen seiner Zeit auf den 
Schauplatz getreten waren. Die Frage liegt um so näher, für 
je wahrscheinlicher man es hält, dass Vondel's Lucifer dem 
englischen Dichter bekannt war. Auch in Vondel's Drama 
hat man Anspielungen auf die Geschichte seines Vaterlandes 
gefunden, und die Holliinder erblicken im Lucifer den rebel- 
lischen „Statthalter", Wilhelm von Oranien. Dem würde es 
am besten entsprechen, das Urbild zu Milton's Satan in Crom- 
well zu suchen. In der That ist dieser Gedanke aufgetaucht, 
und er hat unläugbar viel Bestechendes. Das überaus Kraft- 
volle , Beherrschende, Selbstbewusste , das titanenhafte sich 
Aufbäumen dessen, der sich gegen den „gesalbten" Himmels- 
könig empört hat , um Tyrann in der Hölle zu werden : das 
I alles waren Züge, die sich in Oliver Cromwell vorfanden. 
Wenn Satan sich auf die „W^ahl" seiner Genossen beruft, die 
ihn um seiner Verdienste willen an die Spitze gestellt haben, 
wenn er beständig mit Freiheit athmenden Reden seine dik- 
tatorische Gewalt rechtfertigt, wenn er sich zur Entschuldigung 
seines Thuns auf den Staatszweck beruft, auf die „Nothwen- 
digkeit", „den Rechtsgrund der Tyrannen", wie Milton hinzu- 
fügt, so glaubt man den gewaltigen Protektor selbst, sogar 
nach dem W' ortlaute seiner Reden, wiederzuerkennen. Allein 
wie viel auch immer von Cromwell's Helden- und Herrscher- 
natur auf die Gestalt des Satan übertragen worden sein mag, 
dass mit diesem eine Satire des Protektors gegeben werden 
sollte, ist nicht zu erweisen. Es ist wahr: Milton hatte keinen 
Grund dazu, Cromwell als seinen Abgott zu verehren, aber 



gQ Satan und die Teufel. 

er brauchte ihn darum noch nicht als den obersten der Teufel 
zu hassen. Und er hätte ein gutes Stück seiner eigenen 
Vergangenheit verurtheilt, wenn er damals unter den Augen 
der übermüthigen Sieger den Heros des Puritanismus in teuf- 
lischer Maske dargestellt und dem Spotte preisgegeben hätte. 
Auch gab es noch andere Grössen seiner Zeit, deren An- 
denken neben dem Andenken Cromweirs sich wie von selbst 
der Einbildungskraft des Poeten aufdrängen mochte. Wer 
hatte eine unbeugsamere Willenskraft, eine stolzere Haltung 
zur Schau getragen als Sti-afford ? Wo war ein besseres Ur- 
bild des Despoten, des Listigen, des noch im Unglück Vor- 
nehmen und Fesselnden zu finden als in Karl I. ? Wer hiess 
dem Dichter mit mehr Piecht ein schlauer Heuchler, ein Ver- 
räther der Freiheit, der „um schändlicher Dinge willen nach 
Ehre strebt" als ]\IonkV Man wird eben nur dies sagen 
dürfen, dass eine Reihe politischer Charaktere, die vor Milton's 
Augen ihre Rolle gespielt hatten, ihm für die Zeichnung der 
Centralfigur seines Epos brauchbare Züge lieferte, ohne dass 
man seiner frei schaffenden Phantasie irgendwie Gewalt an- 
thun dürfte (1). 

Nicht weniger gemahnen die Genossen Satan's in ihrer 
scharf ausgesprochenen Individualität an diese und jene Ge- 
stalt des wirklichen Lebens. In Whitehall oder in West- 
minster ist der Dichter ihnen schon begegnet. Er hat sie 
alle gelegentlich kennen gelernt: jenen Moloch, den wilden 
Kriegsteufel, dessen Sinn nur auf Mord und Zerstörung steht, 
jenen Belial, den „graciösesten Kavalier der Hölle', von 
aussen „erhaben und würdig, aber innen falsch und hohl, 
dessen Zunge von Lianna überfliesst" , jenen Mammon, den 
gemeinen Geldteufel, der am Himmel nichts mehr bewundert 
als den Schmuck von Gold und Edelsteinen, jenen Beelzebub, 
den Senator von gedankenschwerer ]Miene, der als ein „Pfeiler 
des Staates", als ein „Weiser mit Atlantenschultern" sich 
darstellt. Die grosse Meisterschaft, mit der die ganze höllische 
Rathsversammlung geschildert wird, lässt die Vertrautheit des 
Dichters mit dem Gange lebhafter parlamentarischer Debatten 
erkennen. Und in dem wilden Sturm der gefallenen Engel 



Gott, Gottes Sohn und die Engel. 81 

gegen die „geschlossene Phalanx" der himmlischen Heer- 
schaaren erbraust aufs neue der kecke Angi-iff von Ruperts 
Reiterschaaren gegen die eiserne Schlachtreihe der gottbe- 
geisterten Heiligen. 

Gegenüber der Hölle und ihren Geschöpfen ist der Himmel 
mit seinen Bewohnern entschieden zu kurz gekommen. Hier 
ist die Stelle, an der ein Poet am ehesten scheitern musste, 
den seine Aufgabe dazu verlockte, die höchsten Gegenstände 
der Theologie sinnlich vorzustellen, und in dem doch der 
Theologe zu stark war, als dass er hätte wagen können, 
seiher anthropomorphischen Neigung die Zügel schiessen zu 
lassen. Das Ergebnis war ein Kompromiss, das die Frommen 
nicht befriedigen kann und die Dichtung nicht rettet. Wir 
fühlen uns in dem Milton'schen Himmel unbehaglich wie auf 
dem glatten Parkett eines grossen Palastes und bei jedem 
Schritt stossen wir auf die steife Grandezza einer vornehmen 
Hofhaltung. In diesem durchdufteten, blumengeschmückten 
Räume, in dem es auch an reichbesetzten Tafeln mit Perlen- 
glanz und Goldgefässen nicht fehlt, glaubt man sich in der 
That, mit einem geistreichen Franzosen zu reden, wie nach 
Whitehall versetzt (^j. Die Hofkapelle der Engel musicirt, 
und das sogar „eine ganze Nacht lang", Tänze werden auf- 
geführt, bei Gelegenheit des grossen Staatsaktes wird ein 
ausserordentlicher militärischer Pomp entfaltet, alles mit ge- 
höriger Abstufung von „Hierarchieen, Ordnungen und Graden". 
Gott selbst erscheint nicht in der lebendigen Hoheit der 
grossen nationalen Epen oder des alten Testaments, so manche 
einzelne Züge ihnen auch abgeborgt worden sind. Er re- 
präsentirt wie ein Monarch. Die Etikette Karls I. umgiebt 
ihn, und sein Mund tliesst von der theologischen Weisheit 
Jakob's I. über. Er ist allmächtig und bespricht sich doch 
mit seinem Sohne über die drohende Gefahr, das Reich zu ver- 
lieren. Er ist allgütig und lässt es doch zu, dass sich seiner 
Allgüte zum Trotz die Sünde in seine neue Schöpfung einschleicht. 
Wir werden noch Gelegenheit haben, zu bemerken, in- 
wiefern Milton bei der Erläuterung des göttlichen Willens 
von den Satzungen des strengen Calvinismus abwich. So viel 

Stern, Milton u. >. Z. II. 4. 6 



82 Gott, Gottes Sohn und die Engel. 

ist gewiss: auch seine Erklärung des Centraldogmas der re- 
formirten Kirche kann der poetischen Gestaltung des Gött- 
Hchen nicht zu statten kommen. Ein Kampf der höheren 
Gewalten, über dessen Ausgang man ernstlich zweifelhaft 
wäre, oder das Walten einer dunklen, selbst vom göttlichen 
Willen nicht schlechthin abhängigen Schicksalsmacht ist für 
den Dichter von christlich-reformirter Anschauung unmöglich 
geworden. Der Wille seines Gottes ist das „Fatum". Bleibt 
auch dem menschlichen Willen gegenüber diesem noch ein 
weiter Spielraum, der ihm die Wahl zwischen Gut und Böse 
gestattet, so hat doch das göttliche Wesen wenigstens mit 
aller Sicherheit „vorhergewusst", wohin sich diese Wahl neigen 
werde. Die ganze himmlische Maschinerie kann daher wohl 
als eine Art von Observatorium für die menschlichen Hand- 
lungen gelten, aber sie greift recht wirksam in dem Augen- 
blick erst in das irdische Dasein ein, nachdem die entschei- 
dende That geschehen ist und die Strafe herausfordert. 

Man könnte glauben, dieser so fühlbar lückenhafte poe- 
tische Zusammenhang zwischen Makrokosmos und Mikrokos- 
mos würde durch die Gestalt des Messias hergestellt, der sich 
als die schöpferische erscheinende Gottheit enthüllt. Allein 
auch hier wieder sah sich Milton genöthigt, den Anforde- 
rungen der religiösen Formel die dichterische Wirkung auf- 
zuopfern. Seine Auffassung des göttlichen Sohnes entfernt 
sich zwar nicht weniger weit vom Standpunkt der Recht- 
gläubigkeit wie seine Auffassung des göttlichen Willens, aber 
gleichfalls ohne sonderlichen Nutzen für die Bedürfnisse seiner 
Dichtung. Man fühlt es, welchen Schaden diese durch jene 
Theilung der Gewalten leiden musste. Der eine väterlich 
ehrwürdige Gott der Genesis ist verschwunden. Für den 
Messias, den „Vicekönig des Himmels", muss erst mit aller 
Anstrengung ein Feld der Thätigkeit gesucht werden. Seine 
Gestalt Hesse sich mit Leichtigkeit aus dem Gedicht heraus- 
nehmen. Selbst zu der Empörung Satan's und seiner Genossen 
hätte sich unschwer ein Motiv erfinden lassen, für das die 
Figur des zu einem höheren Range erhobenen Gottessohnes 
entbehrlich gewesen wäre. Wie einfach, erhaben und doch 



Gott, Gottes Sohn und die Engel. — Adam und Eva. 83 

persönlich greif])ar wirkt nach dem Vorbilde des Buches 
Hiob „der Herr'- im Prolog zum Faust, so wenig Worte er 
auch spricht. Wie kalt, ceremoniell und abgeblasst bleiben 
Gott Vater und Gott Sohn bei Milton mit allen den theolo- 
gischen Dissertationen, die sie uns zum besten geben. — 
Man wird sich ebenso wenig durch die verschiedenen Engels- 
gestalten befriedigt fühlen, die er kommen und gehen lässt. 
Sie sehen sich alle zum Verwechseln ähnlich, kaum dass sich 
hie und da der Ansatz zu einer individuellen Charakteristik 
findet. Will der Dichter die Vorgänge und die Gestalten des 
Himmels unserem Verständnisse näher bringen, so weiss er 
wenig besseres zu thun, als auf antike Vorbilder zurückzu- 
greifen. Die Himmelsspeise ist Nektar und Ambrosia, der 
Kampf mit den rebellischen Engeln nimmt die Formen des 
Titanenkampfes an, und Raphael, im Begriff, zum Paradiese 
hinabzufliegen, sieht sich herrlich an „wie Maja's Sohn". 

Milton täuscht sich nicht darüber, welches sein „Heimat- 
element" sei, weder die Hölle noch der Himmel, sondern die 
Erde. Hier fühlt man sieh, nachdem man die unteren und 
oberen Regionen an seiner Hand durchwandelt hat, mit ihm 
zu Hause. In den sprachbegabten Bewohnern dieser kleinen 
Welt erkennt man mit Freude seines gleichen. Wenn alle 
übrigen Theile des Milton'schen Epos veralten sollten, das 
anmuthige Idyll des paradiesischen Lebens, das durch den 
Gegensatz zu den beiden anderen Schauplätzen der Handlung 
noch mehr gehoben wird, würde immer im frischen Glänze 
ewiger Jugend strahlen. Der Dichter kann es bei dieser 
Schilderung des seligen, unschuldigen Daseins mit den grossen 
Meistern anderer Künste dreist aufnehmen, mag er nun ein 
wundervolles Bild üppiger Landschaft entwerfen oder das erste 
Menschenpaar inmitten dieser Schönheit und Frieden athmen- 
den Umgebung uns vor Augen führen. Man glaubt die un- 
sterblichen, reinen Klänge der Haydn'schen Schöpfung zu 
hören, wenn Adam und Eva, vom Satan belauscht, zuerst in 
die Erscheinung treten, die beiden „edlen Gestalten, aufrecht, 
schlank, mit angeborner Würde angethan, in nackter Ma- 
jestät". 



84 Adam und Eva. 

Sein Wesen ernstes Denken, tapfre That, 

Ihr Wesen milde Anmuth, süsser Reiz, 

Er nur für Gott, und sie für Gott in ihm. 

Sein kühner Blick, die schöne hohe Stirn 

Verkündeten den Herrscher. Kraus und dicht 

Hieng von dem Scheitel ihm das dunkle Haar 

Bis auf der Schultern breiten Bau herab. 

Ihr flössen goldne Locken, luftig, frei 

In losen Ringeln ohne fremden Schmuck, 

Gleich einem Schleier um die schlanke Hüfte . . . 

Sie giengen Hand in Hand; ein hold'res Paar 

Hat nie seitdem in Liebe sich umarmt. 

Adam, der schönste seiner Menschensöhne, 

Und Eva ihrer Töchter lieblichste. 

Es sind ein paar Naturkinder, Ideale von Schönheit, 
Gesundheit und Naivetät, etwa so, wie sich das achtzehnte 
Jahrhundert die ßlücklichen Bewohner der Südseeinseln aus- 
zumalen liebte. Oder vielmehr sie sollten es sein, wenn nicht 
der Dichter selbst allzu häufig einen Strich durch die Rech- 
nung machte und die Anschauungen, welche ihm und seinem 
Zeitalter eigen sind, auf das Paradies zu übertragen sich ge- 
drungen fühlte. 

Allerdings wird es immer bewundernswerth bleiben, mit 
welcher Feinheit er gewisse allgemein menschliche Züge, und 
eben solche, die zur unterscheidenden Charakteristik des 
Seelenlebens der beiden Geschlechter dienen, zu treffen ge- 
wusst hat. Es ist .ihm vorzüglich gelungen , den Forschungs- 
trieb, den Thatendrang und die Selbstbeherrschung des Mannes 
in Gegensatz zu der grösseren Genügsamkeit, Empfänglichkeit 
und Nervosität des Weibes zu stellen. Adam's erstes Ge- 
schäft, nachdem er zum Dasein erwacht, ist, den Himmel zu 
betrachten, aufzuspringen und Land und Thiere ringsum in 
Augenschein zu nehmen. Eva blickt zuerst in den Spiegel 
eines klaren Teiches und freut sich ihres reizenden Bildes. 
Adam kann sich nicht satt hören an dem Bericht von fremden 
Dingen, den ihm der Erzengel Raphael ertheilt. Eva „spart 
sich den Genuss, bis Adam Erzähler sei, sie einz'ge Hörerin; 
sein Wort zog sie des Engels Worten vor". Adam verstummt 
vor Schmerz, als er vernimmt, dass die Verbannung aus dem 



Adam und Eva. 85 

Paradiese unabwendbar sei. Eva verrath durch lautes Jam- 
mern das Versteck, in dem sie die Botschaft gehört hat. 
Diese Züge werden wegen ihrer psychologischen Wahrheit 
zu allen Zeiten ansprechen, andere indessen, die dem Bilde 
des ersten Menschenpaares angehören, werden den modernen 
Leser abstossen. Mit so lebhaften Farben IMilton das Glück 
ihres Zusammenseins schildert, so lässt er doch darüber keinen 
Zweifel aufkommen, dass er das Weib für ein Wesen von 
untergeordnetem Range hält. Er sagt es ausdrücklich: die 
beiden Geschöpfe stehen sich „nicht gleich". Er versäumt 
keine Gelegenheit, diesen Gedanken eindringlich zu wieder- 
holen. Eva äussert sich gegenüber Adam mit einer Unter- 
würfigkeit, die freilich so ernst nicht gemeint ist, von ihm 
aber doch als baare Münze angenommen wird. Die himm- 
lischen Besucher des Paradieses behandeln sie sämmtlich mit 
ausgesuchter ünhöflichkeit. Alles, was sie reizend und un- 
widerstehlich macht, die Schönheit ihrer Erscheinung, die 
Schmeichelkunst ihrer Rede, bildet nur die Folie zu ihrer 
Schwäche, welche die beständige Führung des Mannes erfor- 
dert. Der puritanische Republikaner Milton begegnet sich 
in diesem Punkte mit dem ultramontanen Legitimisten Bonald. 
Man wird nicht irre gehn, wenn man in der herben Beur- 
theilung des weiblichen Geschlechts eine Nachwirkung eigener 
Lebenserfahrungen des Dichters erblickt. Seitdem er die 
erste Schrift über die Ehescheidung geschrieben hatte, stand 
seine Meinung hierüber fest. In seinem theologischen Traktate, 
mit dem er sich bis gegen das Ende seines Lebens beschäf- 
tigte, nahm er keinen Anstand, sie in aller Schärfe zu wieder- 
holen. Aber man muss zu gleicher Zeit bedenken, wie sehr 
sein Thema dieser Auffassung entgegen kam. Nach der Bibel 
war das Weib geschaffen, um eine „Gehülfin" des Mannes zu 
sein. Es war das Weib, welches der Versuchung der Schlange 
erlag. Des Weibes Wille wurde ausdrücklich von Gott dem 
Willen des Mannes „unterworfen". Kein Wunder, wenn 
Milton hierin eine Bestätigung seiner eigenen Lleen fand und 
gleichsam gezwungen wurde, sich in ihnen zu bestärken. 

Es wird noch etwas anderes zu erwägen sein , um der 



gß Adam und Eva. 

Zeichnung der ersten Menschen, wie sie Milton gefallen hat, 
vollkommen gerecht zu werden. Er unternahm es, mensch- 
liche Wesen zu schildern, deren Vergangenheit beinahe einem 
unbeschriebenen Blatte glich, deren Blicke nie über die Gren- 
zen ihres schönen Gartens hinausgeschweift waren, deren Er- 
innerungen beschränkter waren als die eines Kindes. Mit 
ihnen fieng die Geschichte der Menschheit an. Sie zuerst 
hatten die Erfahrungen der einfachsten Vorgänge ihres 
eigenen Lebens und der sie umgebenden Natur zu machen. 
Wie schwierig musste es sein, nur ihrem Ges'präche die rich- 
tige Färbung zu geben, nur für ihre tägliche Beschäftigung 
von allen Voraussetzungen abzusehn, die für den paradiesi- 
schen Bildungszustand, wenn das Wort erlaubt ist, zu hoch 
gegriffen gewesen wären. Hier hätte ein Homer bei jedem 
Schritte straucheln müssen, man darf einem Milton nicht übel 
nehmen, wenn sein Gang unsicher wird. Er war sich dieser 
bedenklichen Seite seiner Aufgabe wohl bewusst, bei keiner 
Stelle mehr, als wo der Erzengel seinen Gastfreunden vom 
Kampf um den Himmel erzählt. Er lässt ihn sagen, dass er 
versuchen müsse, „Himmlisches mit irdischem Masse zu mes- 
sen", aber was konnte diese Herablassung seinen Zuhörern 
nützen, für welche die Begriffe Standarte und Streitwagen 
wie so viele andere erst einer weitläuftigen Erklärung bedurft 
hätten, da sie auch mit „irdischem Masse" für sie nicht mess- 
bar waren. ]\Ian wird einen ähnlichen Einwand machen, wenn 
Adam sich danach sehnt, in der Erde zu ruhn, wie ,,in seiner 
Mutter Schooss", er, der keine Mutter gehabt hat, oder wenn 
Eva vorschlägt, die üppigen Gebüsche ,,zu beschneiden'", sie, 
deren Hausrat so geringfügig ist, dass sie sich die Thränen 
mit ihren blonden Locken trocknen muss. Beständig drängt 
sich die Unmöglichkeit auf, vom historischen Menschen zu ab- 
strahiren und sich in einen reinen Naturzustand zu versetzen. 
Allein es wäre eben so pedantisch, Milton deshalb einen 
Vorwurf zu machen, wie sich darüber aufzuhalten, dass er das 
Problem der Entstehung der Sprache in derselben naiven 
Weise gelöst sein lässt wie die Bibel. Die ästhetische Wir- 
kung wird dadurch nicht berührt. Sobald aber dies in Folge 



Adam und Eva. 87 

des Hineintragens fremder Begriffe der Fall ist, werden wir 
den Dichter verantwortlich machen. Es geht nun freilich zu 
weit, wenn man in Adam den ehrenfesten Wähler seiner Graf- 
schaft, das whigistische Mitglied des Hauses der Gemeinen, 
in Eva das Muster der wackeren, auf Haus und Hof bedach- 
ten Landlady hat finden wollen, obw^ohl dem Bilde der ersten 
Menschen von dem englischen Dichter einige nationale Züge 
ganz natürlich beigemischt worden sind. Hätte er es indessen 
nur bei diesen bewenden lassen, w^ürfe er den nackten Ge- 
stalten der unschuldigen Kinder nicht dann und wann den 
faltigen, schwarzen Talar um die Schultern, drückte er ihnen 
nicht von Zeit zu Zeit die viereckige Kappe aufs lockige 
Haupt, so dass sie sich in dieser Verkleidung wie Baccalaurei 
von Oxford und Cambridge geriren, um mit einer Weisheit 
und mit einem Eifer, die auf das Katheder passen würden, 
diese und jene These zu verfechten! Vor allem Adam leistet 
in dieser Verkleidung das Stärkste. Er docirt gegenüber 
Gott über die Un Vollkommenheit des Junggesellenlebens, ge- 
genüber dem Erzengel Raphael über die Freiheit des Willens, 
gegenüber Eva über die Unwürdigkeit des Müssigganges, über 
die Vortrefflichkeit eines haushälterischen Weibes, über die 
gefährlichen Wirkungen der Phantasie, über die höheren 
Zwecke der Liebe und über was sonst nicht. 

Alles zusammengefasst : die Charakteristik der handelnden 
Personen des verlorenen Paradieses bleibt hinter dem Aufbau 
der Handlung an Reichthum und Folgerichtigkeit bedeutend 
zurück. Die Gestalten der Hölle werden am besten, diejenigen 
des Himmels am wenigsten gelungen erscheinen. Die Men- 
schen stehn auch hier in der Mitte, sie werden das Auge oft 
im höchsten Grade entzücken, oft im höchsten Grade er- 
müden. — 

Von der Fabel wie von den Charakteren des Gedichtes 
mag eine wenn auch leichthingewoifene Skizze einigermassen 
einen Begriff geben. Diejenigen seiner Schönheiten, welche 
ihm recht eigentlich sein episches Gepräge verleihen, können 
nur gewürdigt werden, wenn man sich die lohnende Mühe 
nimmt, das Werk in der Ursprache zu studiren. So mächtig 



38 Das epische Element. 

das dramatische Element in ihm hervortritt, so kommt doch 
auch, wie man bemerkt haben wird, das deskriptive durch- 
aus zu seiner Geltung. In den grandiosen und lieblichen 
Schilderungen, in Bildern und Vergleichen von unerhörter 
Grossartigkeit und Mannichfaltigkeit, in der Erfindung der 
kühnsten und wirksamsten Allegorieen feiert die Phantasie 
des Dichters ihre höchsten Triumphe. Das Alter hat ihr 
nichts an Kraft entzogen, die Blindheit hat ihr nichts an 
Feuer genommen. Ja man darf vielleicht sagen, dass, was 
das Unglück des Menschen war, dem Dichter hie und da zu 
statten gekommen ist. Wenn sich so auffallend viele Stellen 
in dem verlorenen Paradiese vorfinden, in denen Lichtwirkun- 
gen der verschiedensten Art und Abstufung mit ausserordent- 
lichem Glück aufs feinste ausgemalt und poetisch verwendet 
werden, so wird man zu der Frage gedrängt, ob nicht manche 
dieser berühmten Verse eben der Blindheit ihres Autors zu 
verdanken sein mögen. Er schilderte den Glanz der Sonne, 
den Schiinmer des Mondes, die Gluth emporlohender Flammen 
und das Farbenspiel bunter Blumen nicht mit dem Behagen 
dessen, dem jeder Tag diesen Anblick gewähren kann, son- 
dern mit der Sehnsucht dessen, dem dieser Anblick auf immer 
geraubt ist. Umgeben von undurchdringlicher Nacht , suchte 
er sich in einer Art schmerzlicher Lust gerade diejenigen 
Bilder zurückzurufen, welche den grössten Gegensatz zu diesem 
Dunkel ausmachten. Allein diese gezwungene Abgeschieden- 
heit von der Aussenwelt hatte noch einen anderen Vortheil. 
Ungestört durch den zerstreuenden Eindruck der Gegenstände 
des täglichen Lebens, erhob sich der Dichter zu den unge- 
wohntesten und umfassendsten Vorstellungen. Der übliche 
Mass-Stab war ihm abhanden gekommen. Ein grenzenloses 
Gebiet that sich vor seinem geistigen Auge auf, um sich jeder 
beliebigen Eintheilung und Füllung zu fügen. So baut er 
über dem unermesslichen Chaos den unermesslichen Himmel 
auf. So lässt er nach Niederwerfung der Empörung Sa- 
tan's ein Stück des Chaos als Sitz der Hölle ausscheiden, ein 
anderes durch den göttlichen Schöpfungsakt zu dem gebildet 
werden, was uns das Weltall ist. Und doch erscheint dieses 



Kopernikanisches oder ptolemäisches System? 89 

Universum mit allen seinen unzählbaren Gestirnen dem Satan 
von ferne nicht grösser als uns einer der kleinsten Sterne. 
Selten hat die Einbildungskraft eines Dichters der sinnlichen 
Anschauung etwas ähnliches zugemuthet. 

Hier entsteht nun die Frage, zu welchem astronomischen 
Systeme sich Milton bekannt habe, und ob es dasselbe sei, 
welches er der Maschinerie seines Gedichtes zu Grunde ge- 
legt hat. Darüber, dass dieses das ptolemäisch-alphonsinische 
war, kann für den aufmerksamen Leser des Werkes kein 
Zweifel übrig bleiben. Eine Anzahl von Stellen beweist es, 
und es sind eben solche, in denen der Dichter nicht etwa 
andere sprechen lässt, sondern selbst das Wort nimmt (\). 
Aber es wäre ebenso voreilig, daraus schliessen zu wollen, 
dass er von der Richtigkeit dieses Systems überzeugt gewesen 
wäre, wie gelegentliche poetische Phrasen vom guten und 
bösen Einfluss der Gestirne zu benutzen, um ihn zu einem 
Anhänger der Astrologie zu stempeln. i\Ian ]>edenke, welcher 
Aufgabe er sich gegenüber befand. Seine nächste Vorlage 
war auch hier das alte Testament. Von dessen Schöpfungs- 
geschichte durfte er so wenig wie möglich abweichen, wenn 
er die theologische Grundlage seines Werkes nicht überhaupt 
zertrümmern, das Auge seiner bibelkundigen Leser nicht aufs 
schwerste beleidigen wollte. Mit welchem Systeme Hess sich 
aber die biblische Kosmologie besser verbinden: mit dem- 
jenigen, das erst eben im Begriife war, dem kopernikanischen 
den Platz zu räumen oder mit diesem, das noch keineswegs 
zu den Schätzen des allgemeinen Bewusstseins gehörte? Ln 
verlorenen Paradiese mussten nothwendig Sonne, Mond und 
Sterne zum Nutzen der Erde gemacht sein, musste die Erde 
nothwendig als jMittelpunkt der ., neuen Schöpfung" gedacht 
werden, da sie und ihre menschlichen Bewohner auch im 
Mittelpunkte des gesammten Interesses standen. Auf diese 
Weise liess sich durch die sinnlichsten Mittel ein leichtfass- 
licher und greifbarer Zusammenhang zwischen den einzelnen 
Theilen des poetischen Universums, Hölle, Chaos, Welt und 
Himmel, herstellen. Auf diese Weise wurde ferner am besten 
Raum gewonnen für die Anlage jenes „Narrenparadieses", mit 



9Q Kopernikanisches oder ptolemäisches System? 

dessen luftigen Gestalten sich im Verlaufe der Menschheitsge- 
schichte die äussere Oberfläche der letzten Sphäre füllen 
sollte. Auch dieses war nur eine Ausgeburt der Phantasie, 
auch hierauf Hesse sich das Goethe'sche „Willst du Dichter 
ganz verstehn, musst in Dichters Lande gehn" mit vollem 
Rechte anwenden. Aber mit demselben Rechte gilt es für die 
ganze Kosmologie, zu der sich Milton aus poetischen Gründen 
verstand. 

Er lässt es indess an deutlichen Fingerzeigen in Betreff sei- 
ner wahren Ansicht nicht fehlen. Es ist doch sehr bemerkens- 
werth, wie fast an jeder Stelle des Gedichtes, wo ein natur- 
wissenschaftlicher Zweifel sich vordrängen kann, gleichsam zur 
Beschwichtigung desselben, ein abschwächender oder erläu- 
ternder Zusatz gemacht wird. Als von den klimatischen 
Veränderungen die Rede ist, die nach dem Sündenfall in Folge 
der eintretenden Schiefe der Ekliptik fühlbar werden, heisst 
es ausdrücklich, dass diese Neuerungen nicht plötzlich, son- 
dern „langsam" erfolgt seien. Als Satan durch unzählbare 
Sterne auf die Sonne zufliegt, sind diese Sterne nicht einfach 
am Firmament aufgehängte Lampen, sondern „andere Welten", 
von deren Bewohnen! indessen nichts Näheres gesagt wird, da 
Satan die Glücklichen nicht heimsucht. Adam „scheint es" 
nur so, als ob die Leuchten des Himmels ausschliesslich für 
die Bedürfnisse der Erde bestimmt seien , aber er ist nicht 
ganz gewiss darüber. Und in derselben zweifelnden Weise wer- 
den das alte und das neue astronomische System nebeneinander 
gestellt, als Uriel's Reise auf einem Strahl der Sonne zu er- 
wähnen ist. Am stärksten drängt sich indessen jenes Ge- 
spräch zwischen Raphael und Adam der Beachtung auf, in 
welchem die Grundzüge der beiden Systeme entwickelt werden 
(s. 0. B. L 279). Es ist im höchsten Grade bewundernswerth, 
wie der Dichter durch ungezwungene Einflechtung dieser 
Stelle die grosse Schwierigkeit überwunden hat, die darin ge- 
legen war, jene ihm unentbehrliche Maschinerie beizubehalten 
und doch durchschimmern zu lassen, dass auch sie in späterer 
Zeit, wenn Zweifel und Forschen unwiderruflich an Stelle des 
gläubigen Vertrauens treten werde, mit dem „verlorenen Pa- 



Kopernikanisches oder ptolemäisches System? 91 

radies" ferloren gehen müsse. Zu gleicher Zeit aber gab er 
seiner eigenen Meinung einen ziemlich unverblümten Ausdruck. 
Es wäre höchst unpassend gewesen, sich durch den Mund 
des Erzengels etwa mit der Bestimmtheit zu äussern, die sich 
Davenant in seinem Gondibert gestatten durfte (0. Aber der 
Spott, mit dem alle jene vergeblichen Anstrengungen verlacht 
werden, die Schäden der alten Lehre auszuflicken, ist zu 
bitter, als dass es ferner erlaubt wäre, ]\Iilton unter ihre auf- 
richtigen Verehrer zu zählen. Ja eine Wendung kommt in 
dieser Auseinandersetzung des Erzengels Raphael vor, die mir 
zu beweisen scheint, dass Milton viel tiefer in die naturwis- 
senschaftlichen Forschungen seiner Zeit eingedrungen war als 
man gewöhnlich annimmt. Er begnügt sich nämlich nicht, 
von einer ,,dreifachen Bewegung" der Erde zu sprechen (^). 
Er wirft YIII. 122 ff", die Frage auf, denn anders lassen sich 
seine Worte nicht verstehn, ob nicht eine gegenseitige 
Anziehung der Sonne, als des Mittelpunktes der Welt, und 
der anderen Gestirne stattlinde. 

AYhat if the suu 

Be eentre to the world aud other stars, 
By his attractive virtue and their own 
Incited, dance about him various rounds. 

So schreibt er zwei Jahrzehnte vor dem Erscheinen von Xew- 
ton's „Principia". 

Man sieht: es war nicht allein die Erinnerung an Ga- 
lilei, die in Milton nachwirkte. Er hatte auch nicht ohne 
Gewinn den Umgang so mancher der Männer genossen, die 
zu den Mitgliedern der Royal Society gehörten. Mögen sich 
in seinen Jugendgedichten Ausdrücke vorfinden, welche be- 
weisen, dass er damals noch in den mittelalterlichen An- 
schauungen der Sternkunde befangen war, in seinen späteren 
Jahren hatte er sich nicht nur aus diesen herausgearbeitet, 
sondern er hatte auch, soweit das einem theilnehmenden Laien 
möglich war, für die grösste naturwissenschaftliche Idee seiner 
Epoche Verständnis gewonnen. Ueber die blosse Skeptik 
Bacon's, dessen Anregung er sonst so viel verdankte, war er 
weit hinausgeschritten, und dennoch durfte er es wagen, an 



92 Das lyrische Element. 

einer poetischen Illusion festzuhalten, an der vielleitht selbst 
Bacon Anstoss genommen haben würde (^). Er durfte es, weil 
sein Zeitalter doch nur eine geringe Anzahl von Köpfen be- 
sass, in denen hinlängliche Klarheit herrschte, um durch den 
frommen Betrug des Dichters verletzt werden zu können. Die 
grosse Masse war den Fortschritten der Forschung noch nicht 
gefolgt, die allgemeinen Vorstellungen bewegten sich höchstens 
in einem unsicheren Dämmerlicht, und zwischen Theologie 
und Wissenschaft eine Grenze zu ziehn, mochte den wenigsten 
möglich werden. Aber man wird sagen dürfen, dass für einen 
Versuch der Art, wie ihn Milton unternahm, nie wieder die 
Möglichkeit gegeben worden ist. Jeder spätere Dichter hatte 
in einem ähnlichen Fall mit dem wissenschaftlichen Gemein- 
gefühl seiner Zeit zu rechnen, und es war ihm nicht erlaubt, 
sich ungestraft in AYiderspruch mit ihm zu versetzen. 



Ein geistreicher Bewunderer des Milton'schen Gedichtes 
hat die Bemerkung gemacht, dass es gleichsam die vier para- 
diesischen Ströme der Poesie in sich aufnehme, die man den 
vier Almen des Stromes von Eden vergleichen kann. Haben 
wir auf die starken dramatischen Züge hingewiesen, die trotz 
der epischen Grundform sich vordrängen, so dürfen wir über 
die vorwiegend lyrischen und didaktischen Elemente, die das 
verlorene Paradies enthält, nicht hinwegsehn. Es giebt in der 
That keinen Gesang dieses Buches, der dem Leser nicht die 
ehrwürdige Gestalt, den edlen Charakter des Dichters vor 
Augen führte. Was er jemals genossen und gelitten, was er 
ersehnt und entbehrt hatte, die Ideale des Jünglings, die 
Kämpfe des Mannes, die Enttäuschungen des Greises, Ur- 
theile über Menschen und Dinge, Erfahrungen des häuslichen 
und politischen Lebens, Worte bitterer Satire und Sprüche 
ruhiger Weisheit: das alles, für jeden theilnehmenden Leser 
unvergesslich , war in die Verse seines Gedichtes verwoben. 
Auch er konnte in mehr als einem Sinne sagen, dass er sein 
Paradies verloren habe, und Trauer bildet den Grundton sei- 
ner Leier. Er ruft das „heilige Licht'' au, die „Erstgeburt 



Das lyrische Element. 93 

des Himrfiels, gleich ewig mit dem Ewigen", aber nur um 
sich zu erinnern, dass es ihm nicht mehr leuchtet : 

Wohl wiederkehrt 
Der Jahreszeiten Lauf; mir kehrt kein Tag 
Zurück, kein Morgen- und kein Abendroth, 
Nicht süsse Frühlingsblüthcn, nicht die Rose 
Des Sommers und der Heerden muntres Spiel, 
Mir lacht der Menschen göttlich Antlitz nicht. 

Er weiss, dass er nicht auf den Beifall der Menschen zu 
rechnen hat, er, das Mitglied der besiegten Partei, im Wider- 
streit mit den herrschenden Mächten und mit dem herrschen- 
den Geschmack: 

In bösen Tagen, unter bösen Zungen, 
Von Finsternis, Gefahr und Einsamkeit 
Umringt. 

Mitunter beschleichen ihn rührende Zweifel an der Kraft sei- 
nes Genius: 

üb nicht 
Die stumpfgeword'ne Zeit, das kalte Land, 
Des Alters schwerer Druck die Schwingen lähmt. 

Aber immer wieder erhebt ihn eine heldenmüthige An- 
strengimg über die melancholischen Gedanken und den Schmerz 
herber Enttäuschungen empor. Er fühlt „das schönere Para- 
dies" in sieh selbst. Je dunklere Nacht ihn umfängt, desto 
heller strahlt ihm „das himmlische Licht im Inneren". Je 
weniger Hörer er für sein Lied zu finden erwartet, desto 
stolzer ist er darauf, dass sie würdig seien, es zu vernehmen. 
Mit den grossen blinden Sängern und Sehern der Vorzeit will 
er wetteifern : 

Begeistert von Gedanken, die sich selbst 
Zu Mass und Wohllaut fügen, wie versteckt 
Aus dichtestem Gebüsch, im Dunkel wach, 
Die Nachtigall ihr Lied erschallen lässt. — 

Der Vergleich war schön, aber er war nicht erschöpfend. 
Die Muse Milton's war zu feurig und zu streitbar, um sich dabei 
zu begnügen, das schmachtende Lied der Nachtigall nachzu- 
ahmen, Sie stimmte eben so oft den alten Schlachtgesang 
an, der die zersprengten Kampfgenossen um die zerfetzte 



g^ Puritanische Tendenz. 

Fahne sammeln und zum Trotz der übermüthigeu Sieger weit- 
hin erschallen sollte. Man brauchte nicht lange zu suchen, 
um die „frechen :\Iiethlinge der Kirche" zu finden, die „jedes 
Gewissen mit weltlichem Zwang binden wollten". Man hatte 
nur nach Whitehall zu gehn, um ,.das erkaufte Lächeln feiler 
Dirnen*' zu erblicken oder den „rohen Lärm" der tobenden 
Bacchanten zu hören. 

Die Zelte, die so reizend schienen, sind 

Der Bösen Wohnungen, in ihnen haust 

Des Brudermörders Stamm. Wohl sind sie klug, 

Bedacht auf Künste, die das Leben schmücken, 

Doch ihres Schöpfers, der sie klug gemacht 

Vergessen sie, verachten seine Gaben . . . 

Du sähest jene schöne Frauenschaar, 

Göttinnen gleich, so schmeichelnd, fröhlich, hold. 

Doch jeder Ehre baar, mit der geschmückt 

Das Weib des Hauses edle Zierde wird, 

Erzogen nui" für Sinuenlust und Tand 

Zu fi-echem Tanz und lüsternem Gesang, 

Zum Zungendreschen und zum Augeuspiel. 

Für sie wird jener ernste Männerstamm, 

So fromm, dass man sie Gottes Söhne hiess. 

Die Tugend schmählich opfern und den Euhm. 

Besiegt vom buhlerischen, süssen Reiz 

Gottloser Schönen, schwimmen sie in Lust. 

Jetzt lachen sie — bald schwemmt die Fluth sie weg, 

Und einen Strom von Thränen weint die Welt. 

Es ist der Erzengel Michael, der diese Worte an Adam rich- 
tet, indem er ihm die Verbindung derer, welche als „Söhne 
Gottes" erschienen waren, mit den Töchtern Kain's vorführt. 
Aber jeder fühlt, dass der Dichter auch seine eigene Zeit im 
Auge hat, die Lockerung von Zucht und Sitte, für welche die 
höheren Stände das Beispiel gaben, die Herrschaft leichtfer- 
tiger Schönen, die mitunter erst aus dem Ausland eingedrun- 
gen waren, die Verweichlichung englischer Männer, die erst 
wenige Jahre vorher unter dem Scepter puritanischer Strenge 
gestanden hatten. Und so bricht au zahlreichen Stellen des 
Gedichtes die religiöse, politische oder ethische Tendenz der 
besiegten Partei durch, sei es im Lobe des improvisirten Ge- 



Das didaktische Element. Die Weltanschauung. 95 

betes der ersten Menschen oder in der Verweisung des mön- 
chischen „Plunders" in's Narrenparadies, in der Anempfehlung 
des Masshaltens beim Genuss oder in den Ausfällen gegen 
„fürstlichen Pomp und goldbetresste Schranzen", So oft die 
Fragen von Befehl und Gehorsam, Herrschen und Dienen be- 
rührt werden, erkennt man den Verfasser des Bilderstürmers 
und der Vertheidigung des englischen Volkes wieder. Er 
hält die Grundsätze aufrecht, die er damals verfochten hat, 
und wenn einer der gefallenen Engel seine Genossen auffor- 
dert, „die harte Freiheit dem leichten Joch glänzenden Dien- 
stes vorzuziehen", so scheint der Gegner des Salmasius 
wieder wie vor Jahren mahnend zu seinen Landsleuten zu 
sprechen. Aber er täuscht sich auch nicht darüber, dass 
jene „äussere Freiheit" ohne Bändigung der „inneren unwür- 
digen Mächte" nicht zu erringen ist. Er kennt keine poli- 
tische Reform ohne sittliche Grundlage, Und so lange es an 
dieser fehlt, erscheint ihm die Herrschaft eines „starken Herrn" 
als ein Ausfluss der göttlichen Gerechtigkeit. Es war eine 
grosse Summe schmerzlicher Erfahrungen in den wenigen 
Worten zusammengepresst : 

• Tyrannei muss sein, 
Doch mindert dies nicht des Tyrannen Schuld. 

So entsagungsvoll dieser Ausspruch auch klingt, so ist es 
doch nicht der Eindruck verzweifelnder Resignation, mit dem 
der Dichter uns entlässt. Die Weltanschauung, welche aus 
seinen Versen hervorleuchtet, die Moral, die er aus seinem 
Gegenstande zu ziehen weiss, lässt der Hoffnung Raum und 
fordert zu muthigem Handeln auf. Didaktisch wie sein Werk 
nach seinen ersten Zeilen sich einführte, gipfelte es in einer 
Lehre, die beiläufig schon oft genug in den früheren Schriften 
Milton's aufgetaucht war, hier aber den philosophischen Hin- 
tergrund für das ganze Gedicht bildete. Die Weltgeschichte 
ist dem Dichter ein beständiger Kampf zwischen Licht und 
Finsternis, zwischen Gott und dem Teufel. Für das böse 
Prineip wird die Älöglichkeit des Eingriffs gegeben durch die 
Willensfreiheit des Menschen. Denn gleich seinem hingerich- 



9ß Das didaktische Element. Die Weltanschauung. 

teten Freunde Henry Vane kann Milton sich nicht dazu ent- 
schliessen, die menschliche „Fähigkeit des Urtheilens und 
Wählens" zu Gunsten einer starren höheren ^Nlacht abdanken 
zu lassen (^). Er lässt vielmehr Gott vom Menschen wie von 
den Engeln sagen (III. 98 ff.): 

Ich schixf ihn gut und recht, 
Kräftig zum Stehen, doch fähig auch des Falls. 
So schuf ich auch des Himmels Geisterschaar, 
Die treu Geblieb'nen, die Gefairnen frei. 
Denn wären sie nicht frei, was spräche mir 
Für ihre Liebe und Beständigkeit? 
Wenn sie nur thäten, was sie thun gemusst, 
Nicht, was sie wollten? AYelches Lob für sie, 
Und am Gehorsam welche Lust für mich? . . . 
Sie klagen fälschlich ihren Schöpfer an, 
Ihr Dasein, ihr Geschick, als hätt' ein Schluss 
Von unbedingter Kraft, Vorherbestimmung, 
Voraussicht ihren Willen übermannt. 
■ Sie selbst beschlossen ihren Fall, nicht ich. 
Dass ich die Sünde schon vorher gewusst, 
Macht sie nicht minder schuldig. Sicherlich, 
Auch unvorhergewusst, trat Sünde ein. 

Eben dieser Gedanke von der Möglichkeit zwischen Gutem 
und Bösem zu wählen, von der Freiheit „zu stehn oder zu 
fallen" wird in den mannichfaltigsten Wendungen variirt. 
Gieng nach der W^ahl der ersten Mensehen das Paradies auch 
verloren, so verbleibt ihrem Stamm doch die Fähigkeit, gleichfalls 
durch Bethätigung der Willensfreiheit seine Zurückeroberung 
zu versuchen. Die Idee der allmählichen Entwicklung der 
Menschheit durch ihre eigene Arbeit war erst damit gegeben. 
Und Milton's Optimismus hält an dem Glauben fest, dass diese 
Entwicklung eine „Erhebung nach Stufen des Verdienstes" 
zum Göttlichen sein • wird. Auch der Teufel ist ihm nur ein 
Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das 
Gute schafft. Die ganze neue Welt war hervorgerufen, um 
einen Ersatz für die Empörung Satan's zu bieten. Der Sün- 
denfall selbst bildete „einen Riesenschritt in der Geschichte 
der Menschheit". Die beiden idealsten Naturen, welche der 
englische und der deutsche Boden hervorgebracht hat, begeg- 



Milton und Bunyan. 97 

nen sich in demselben erhabenen Gedanken. — Die Engel 
singen von Gott: 

Wer sich vermisst 
Dich zu verkleinern, wider Willen dient 
Er deiner Macht, und was er Uebles will, 
Weiss deine Hand zu gi'össrem Gut zu nutzen. 

Und Adam giebt, nachdem er von den Schicksalen seines 
Geschlechtes Kunde erhalten hat, seiner feurigen Bewun- 
derung Ausdruck : 

ew'ge Güte, Güte ohne Mass 
Die all dies Gute selbst aus Bösem schafft 
Und selbst das Böse noch in Gutes wendet: 
Weit wunderbarer als die Schöpfung war, 
Die Licht zuerst aus Finternis erschuf. 



Es wird kein Zweifel darüber bestehn : das Epos Milton's 
ist das grossartigste Denkmal des Puritanismus. Er würde 
an idealem Schimmer unendlich in der Geschichte verlieren, 
wenn er dieser poetischen Urkunde beraubt wäre. Man stellt 
ihr mitunter eine zweite an die Seite, auf die er unbestreitbar 
gleichfalls ein Recht hat, stolz zu sein, die Pilgerreise John 
Bunyan's. Zu der Zeit, als das verlorene Paradies erschien, 
hatte der arme Kesselflicker von Elstow, der während des 
Protektorats zum feurigen Baptisten - Prediger geworden war, 
erst einen Theil seiner fast zwölfjährigen Haft hinter sich. In 
der Gefangenschaft begann er das Werk, das seinen Namen 
einige Jahre nach Milton's Tode berühmt gemacht hat. Und 
mit gutem Grunde hat es bis zum heutigen Tage seine ausser- 
ordentliche Volksthümlichkeit bewahrt. Die Ungezwungenheit 
der Allegorie, die Lebhaftigkeit des Dialogs, die Sicherheit 
der Charakterzeichnung, die eigenthümliche Verbindung kind- 
lichen Humors mit pathetischem Ernst, endlich eine Sprache, 
die jeder Bauersmann und Handwerker fassen konnte, haben 
die Pilgerreise nächst der Bibel vielleicht zum verbreitetsten 
Buche englischer Zunge gemacht. Die Gespräche Adam's und 

Stern, Milton u. s. Z. II. 4. 7 



9g Milton und Bunyan. 

Eva's erschienen gekünstelt, verglichen mit den Gesprächen 
des christlichen Pilgers und der Herren Biegsam, Weltklug 
und Hoffnungsvoll. Wer die Milton'sche Hölle und den Mil- 
ton'schen Himmel vollständig würdigen wollte, bedurfte eines 
wissenschaftlichen Kommentars. Das Thal des Todesschattens, 
die Burg des Zweifels und die Stadt Sion's waren jedem ver- 
ständlich, auch wenn er nie etwas von Mulciber oder von 
Ambrosiaduft gehört hatte. Und dennoch wäre es eine un- 
verzeihliche Verkennung der künstlerischen und der allgemein- 
geschichtlichen Bedeutung beider Werke ihnen den gleichen 
Rang anzuweisen oder gar Bunyan als poetisches Genie und als 
poetischen Vertreter des Puritanismus über Milton zu erheben. 
In jenem erschien der Puritanismus der Heiligen, er- 
füllt von Visionen, aber ohne höhere Kultur, ein laut reden- 
des Zeugnis für die schwärmerischen Ideen, welche gewisse 
Schichten einer Nation in einer kurzen Epoche bewegt hatten. 
Mit diesem suchte der Puritanismus an alle Elemente der 
Bildung anzuknüpfen, die während der Jahrtausende der 
Menschheitsgeschichte wie zu einem grossen Gemeingut an- 
gesammeft waren. Die Sagen und Erzählungen des Orients, 
die Mythologie der Griechen und Römer, rabbinische und pa- 
tristische Ueberlieferung, antike und moderne Poesie, Philo- 
sophie und Theologie, Geographie, Geschichte und Astronomie: 
alles dies war dem Dichter geläufig, aus allem suchte er 
Steine für den Rohbau oder für die Ausschmückung seines 
Werkes zu brechen. Je schwerer er an der Masse des über- 
kommenen Bildungsstoffes zu tragen hatte, desto bewunderns- 
werther erscheint es, dass sich seine Phantasie, wenn nicht 
immer, so doch vielfach über das Hindernis lastender Gelehr- 
samkeit emporzuschwingen wusste. Je weiter sein geistiger 
Horizont sich ausdehnte, desto mehr Gestaltungskraft erfor- 
derte es, ihn mit poetischen Gebilden anzufüllen, stark genug, 
um die Träger seiner Gedanken zu werden. Für den ehr- 
lichen Kesselflicker, der nur die Bibel, das Buch der Mär- 
tyrer und die Geschichte des Sir Bevis von Southampton ge- 
lesen hatte, waren freilich Schwierigkeiten, wie sie sich dem 
Genius Milton's entgegenstellten, nicht zu überwinden. Dafür 



Milton und Klopstock. 99 

wusste er auch nicht Bilder vorzuführen, deren Erhabenheit 
oder Lieblichkeit ihres gleichen sucht, Jamben zu dichten, 
deren Kraft und Anniuth sich für immer dem Gedächtnis ein- 
prägt und dem Rahmen einer uralten morgenländischen Mythe 
eine ganze "Weltanschauung einzufügen. 

Mit anderen berühmten Dichtungen hat man das ver- 
lorene Paradies zu vergleichen, um ihm den verdienten Platz 
in der Weltliteratur anzuweisen. Ein Epos von religiösem 
Inhalt, wie es nun ein Mal ist, stellt es sich neben die grössten 
epischen Werke desselben Charakters in deutscher und ita- 
lienischer Sprache (^). Es wäre eine Aufgabe für sich, zu 
zeigen, welchen Einfluss Milton auf die Entwicklung der deut- 
schen Dichtung im achtzehnten Jahrhundert gehabt hat. So 
viel steht ausser allem Zweifel, dass einer der ersten Geister, 
dem wir die Wiederbelebung unserer schönen Literatur ver% 
danken, die nachhaltigsten Einwirkungen von seinem engli- 
schen Vorgänger empfangen hat. Zwischen Klopstock und Mil- 
ton, so verschieden übrigens ihre Naturen waren, bestand eine 
Art von Wahlverwandtschaft, und die Messiade, wie sie vor- 
liegt, ist kaum zu denken ohne das verlorene Paradies. Auch 
die Entstehungsgeschichte beider Werke bietet mehr als eine 
Analogie. Klopstock wie Milton suchte zuerst nach einem 
vaterländischen Helden, als Gegenstand für ein Epos. Hein- 
rich der Vogler war dem Deutschen, was König Arthur dem 
Engländer. Als der eine wie der andere Dichter den bibli- 
schen Vorwurf wählte, geschah es nicht so sehr aus ästheti- 
schen Gründen als aus innerem religiösem Drang. Beide 
bereiteten sich durch sorgfältige Studien für ihre Aufgabe 
vor, beide gebrauchten Jahre, sie zu lösen. 

Wer wollte indessen den gewaltigen Unterschied verken- 
nen, der zwischen dem einen und dem anderen Werke be- 
steht. Ich wage es auszusprechen: Die Messiade überragt an 
literaturgeschichtlicher Bedeutung das verlorene Paradies 
um eben so viel, als sie an dauerndem künstlerischem Werth 
hinter ihm zurückbleibt. Klopstock kam mit freudiger Be- 
geisterung den Erwai'tungen und Anforderungen des Zeit- 
alters entgegen und erregte daher einen Enthusiasmus der 

7* 



10() Milton uud Klopstock. 

Nation, der ohne gleichen war. Milton wandte sich stolz 
und eiTist von den Idolen des heiTSchenden Geschmacks hin- 
weg und blieb Jahre lang der Liebling einer auserwählten, 
nur langsam wachsenden Gemeinde. Auf Klopstock sah eine 
schwärmerische Genossenschaft nachstrebender Jünger als auf 
den bahnbrechenden Meister. Milton verharrte in einsamer 
Grösse für sich, ohne einen Bund gleichgesinnter Barden um 
sich zu sammeln. Klopstock war schöpferisch nicht nur im 
Stoff, sondern auch als Erneuerer und Vorbildner der Form. 
Milton brauchte das übliche poetische Handwerkszeug nur zu 
ergreifen und blieb bei der "Wahl seiner Versform ohne nen- 
nenswerthe Nachahmer. Und dennoch droht der eine Dichter 
für sein Volk ein blosser Name zu werden, während der an- 
dere für das seinige noch immer eine lebendig wirkende Kraft 
ist. Heutzutage ist man fast versucht, das bekannte Lessing- 
sche Epigi'amm noch für zu milde zu halten. Klopstock wird 
in "Wahrheit von jedem gelobt, aber fast von niemandem ge- 
lesen. Milton dagegen gehört nicht nur noch immer zu den 
Lieblingsdichtern der Gebildeten englischer Zunge, sondern 
ist auch bei uns in zahlreichen Uebersetzungen verbreitet. 
Der Grund davon ist nicht schwer zu erkennen. Die theolo- 
gischen Vorträge und die lehrhaften Abschweifungen bei Milton 
kann man überschlagen, und man wird dennoch übergenug 
von reiner, erquickender Poesie zurückbehalten. Bei Klop- 
stock hingegen geht es nicht an, einzelnes unseren Geschmack 
Abstossendes auszuscheiden, man hat sich durch das ganze, 
unergründliche Meer von Gefühlsweichheit und Ueberschwäng- 
lichkeit hindurchzuarbeiten. An ^Milton's Hand fühlt man sich 
sicher geführt , man wird genöthigt , der dramatischen Ent- 
wickelung zu folgen, man findet sich immer bestimmten Cha- 
rakteren gegenüber, wenn sie auch mitunter an Folgerichtig- 
keit und Lebenswahrheit etwas zu wünschen übrig lassen. 
Den Faden des Klopstock'schen Epos verliert man über den 
lyrischen Ergüssen und rhetorischen "VN^eitschweifigkeiten hun- 
dert ^lal aus dem Gesicht, und die Theilnahme erlahmt, da 
dem Dichter die Fähigkeit plastischer Gestaltung so gut wie 
ganz abgeht. Die Hexameter der Messiade fallen immer 



Miltou und Daute. 101 

gleich volltönend in"s Ohr, aber mau vergisst auch leicht, bei 
ihnen etwas anderes als die musikalische Wirkung zu empfin- 
den , weil man nicht mehr fähig ist , mit dem Dichter in 
„Thränen der Wonne" oder in ,, Entzückungen stammelnder 
Freude zu zerfliessen". Die Jamben Milton's wollen anschau- 
liche Bilder vor das Auge stellen, welche ihren Reiz behalten, 
so lange ihre Gegenstände den Menschen noch anziehen und 
das menschliche Auge dasselbe bleibt. — 

Klopstock wird je länger je mehr gegen IMilton verlieren. 
Dante hält ihm vollkommen das Gegengewicht. Wie oft man 
auch eine Parallele zwischen dem italienischen und dem eng- 
lischen Sänger gezogen hat, man wird immer aufs neue durch 
die Aehnlichkeit ihrer Schicksale und ihrer Individualitäten 
überrascht. Beide sind verflochten in die gewaltigen Kämpfe 
ihrer. Zeit. Beide sind erfüllt von hohen Idealen einer Um- 
gestaltung des kirchlichen und staatlichen Lebens. Beiden 
raubt der Gang der Ereignisse ihre theuersten Hoffnungen. 
Beiden bleibt der Trost stolzen Selbstgefühls und melancho- 
lischer Betrachtung. Und so sammeln sie beide in Jahre 
langer Arbeit ihre beste Kraft zur Ausführung zweier Kunst- 
werke, die auf ihre ganze Laufbahn einen unauslöschlichen 
Glanz zurückwerfen. Sie zeigen erst hier ihren Genius in 
voller Entfaltung. Sie erscheinen ausgerüstet mit allen Schätzen 
des Wissens ihrer Zeit. Sie umspannen Irdisches und Ueber- 
irdisches in einem weiten Rahmen. Nicht weniger als Milton 
weiss Dante alles, was er jemals empfunden und erfahren hat, 
seine Freuden und Schmerzen, seine Hoifnungen und Befürch- 
tungen in sein Gedicht zu legen und es in erhabenem Zorne 
zu einem Spiegel seines Zeitalters zu machen. Nicht weniger 
als bei Milton löst sich bei Dante der spröde, lehrhafte Stoft" 
nicht immer in die reine poetische Form auf, ohne dass die 
Kraft des Dichters in den ermüdenden, scholastischen Spitz- 
findigkeiten völlig verloren gienge. 

Allein bei aller Aehnlichkeit doch auch welche Verschie- 
denheit! Schon dadurch büsst der Vergleich sehr viel an Rich- 
tigkeit ein, dass Dante Italien erst eine volksthümliche Schrift- 
sprache geschaffen hat, während Milton eine fein ausgebildete 



102 Milton und Dante. 

Schriftsprache vorfand, deren Vergangenheit nach Jahrhun- 
derten zählte. Der eine wird der Vater der Poesie seines 
Volkes, der andere steht am Ende der grössten poetischen 
Penode des seinigen. Sodann bedingt der Aufbau beider 
Kunstwerke ihre Ungleichartigkeit. Dort eine Reihe sich ab- 
lösender Bilder, die langsam am Auge des Dichters vorüber- 
ziehen, aber er selbst immer die Hauptperson, dessen wun- 
derbare Wanderung, dessen Fragen und Betrachtungen sie 
mit einander verknüpfen. Hier eine dramatisch bewegte Er- 
zählung, ein Kampf zwischen den himmlischen und höllischen 
Mächten, über dessen Schilderung der Dichter zwar sich selbst 
nicht vergisst, in den er aber keinen Anlass hat, sich einzudrän- 
gen. Bei der Ausmalung im einzelnen dort eine Kraft und oft 
bizarre Naivetät der Zeichnung, der man es anmerkt, dass der 
Zeichner mit scharfen Augen seine Studien nach der Natur 
gemacht hat, hier eine Fülle gewaltiger aber schwankender 
Vorstellungen und Gleichnisse, die dem Stubengelehrten grossen 
Theils aus seinen Büchern bekannt geworden waren. Bei 
Dante blickt einer der Verdammten die Wanderer an „mit 
dem Augenblinzeln eines Schneiders, der eine Nadel einfädelt". 
Bei Milton schlagen Tod und Sünde eine Brücke zur neuen 
Welt, „gleich der des Xerxes, durch die er Asien an Europa 
band". Die Dante'sche Hölle, der Trichter im Schooss der 
Erde, in eine bestimmte Anzahl von Ringen getheilt, erscheint 
messbar und darstellbar. Die Milton'sche Hölle, der boden- 
lose Abgrund unterhalb des Chaos, der als ein „ewigbrennen- 
des Schw^efelmeer" in „äusserster Finsternis" ruht, entzieht 
sich jeder bildlichen Wiedergabe. Der Dante'sche Lucifer 
steht dank den genauen Angaben des Dichters in festen, 
schauerlichen Zügen vor uns. Es ist ein dreiköpfiges Mon- 
strum, mit einem rothen, einem schwarzen und einem gelblich- 
weissen Gesicht. Er hat sechs Flügel, grösser als irgend ein 
Segel, das Dante jemals gesehen hat, ohne Federn, wie die 
der Fledermaus. Aus seinen sechs Augen strömen Thränen 
und blutiger Geifer auf seine drei Kinne. Mit seinen drei 
Mäulern zermalmt er drei Verdammte „wie in einer Hanf- 
breche". Der Milton'sche Satan wechselt beständig seine 



Milton und Dante. 103 

Gestalt. Bald gleicht er dem Meerthier Leviatlian, in dessen 
Schuppenhallt der Schiffer, im Glauben, es sei eine Insel, sei- 
nen Anker wirft. Bald ragt sein Wuchs in die Wolken „wie 
der Atlas oder Teneriffa". Bald schreitet er „gleich einem 
gemeinen Soldaten letzten Ranges" durch die teuflischen 
Schaaren. 

Und doch , obwohl die ehernen Terzinen der göttlichen 
Komödie unzählige Bilder von unvergesslicher Lebenswahrheit 
und Anschaulichkeit vorführen : der Sinn des Ganzen und der 
Sinn des Einzelnen ist geheimnisvoll - dunkel , während das 
verlorene Paradies dem Leser keine Räthsel aufgeben will. 
Milton erzählt, als sei alles, was er meldet, wirklich geschehen, 
seine Worte sind buchstäblich und lediglich buchstäblich auf- 
zufassen. Dante bewegt sich in beständigen Allegorieen, seine 
Rede ist beladen mit „Sphinx- und Themis - Sprüchen" wie 
die seiner Beatrice und fordert eine mehrfache Deutung her- 
aus. Der eine ist eben ein Kind des Mittelalters, der andere 
ist ein Kind der Neuzeit. Wenn jener das ptolemäische Sy- 
stem mit gläubigem Vertrauen annimmt, so überhäuft dieser 
es, obwohl es ihm für seine poetische Maschinerie unentbehr- 
lich ist, mit bitterem Spott. Wenn jener sich für eine Welt- 
monarchie und für ein gereinigtes Pabstthum begeistert, so 
findet dieser sein Ideal in einem freien, nationalen Gemein- 
wesen und in der Trennung von Kirche und Staat. Die gött- 
liche Komödie mündet aus in eine traumhafte Vision , für 
deren Schilderung „die Sprache nicht mehr genügt", in das 
selige Anschauen des Göttlichen, vor dessen Strahlen alles 
menschhche Wollen zerschmilzt. Das verlorene Paradies endigt 
mit dem Ausblick auf die arbeitsvolle Geschichte des mensch- 
lichen Geschlechts, dessen energischer Wille dazu berufen wird, 
sich ein neues Eden in sich selbst zu erobern. 

Erhabene Denkmale zweier Weltanschauungen in gross- 
artiger künstlerischer Fassung überdauern beide Dichtungen 
die Jahrhunderte, während der Strom der Zeit die schwach 
gezimmerten Götzen des Tages erbarmungslos wegschwemmt. 



Viertes Kapitel. 



Das wiedergewonnene Paradies. Simson 
der Athlet. 



-Das verlorene Paradies war ein in sich abgeschlossenes 
Kunstwerk. Die poetische Aufgabe war, so weit der Gegen- 
stand es' zuliess, vollständig gelöst. Wer sich durch diese 
Lösung nicht befriedigt fühlte , wer eine Fortsetzung forderte, 
konnte wohl aus theologischen, aber nicht aus ästhetischen 
Gründen dazu bestimmt werden. Dies war der Fall des 
jungen Quäkers Thomas Ellwood, dem Milton zuerst in Chal- 
font Einsicht in das Manuskript gegönnt hatte. Ellwood 
selbst theilt uns mit, wie er bei der Rückgabe der Hand- 
schrift Milton gegenüber diesen Gedanken geäussert, und wie 
der Dichter seine Worte aufgenommen habe. „Nach einigem 
weiterem Gespräch über sein Werk sagte ich im Scherz zu 
ihm : Du hast uns viel vom verlorenen Paradies erzählt, aber 
was hast du uns vom gefundenen zu berichten? Er antwortete 
mir nicht, sondern blieb eine Zeit lang in Nachdenken ver- 
sunken. Dann brach er das Gespräch ab und verfiel auf 
einen anderen Gegenstand. Als die Pest vorüber, die Stadt 
gereinigt und wieder sicher bewohnbar war, kehrte er dorthin 
zurück. Und als ich ihn hierauf dort besuchte, was ich selten 
zu thun versäumte, so oft ich gelegentlich nach London kam, 
zeigte er mir ein zweites Gedicht, das wiedergewonnene 
Paradies, und sagte scherzend zu mir: Dies verdankt man 



Entstehung des wiedergewonnenen Paradieses. 105 

dir, denn die Frage, die du in Chalfont an mich gericlitet 
hast, hat mich dazu geführt, während ich vorher nicht daran 
gedacht hatte" (M. 

Gebührt somit Ellwood das Verdienst, die erste An- 
regung zu dem Plane des zweiten Epos gegeben zu haben, 
so hatte dieser Plan an sich für Milton einen grossen Reiz. 
Und kam in den Worten des Quäkers, dessen eigene Poesieen 
wenig Talent verrathen, nur ein i-eligiöser "Wunsch zum Aus- 
dmck, so suchte der Dichter ihm, unbeschadet seiner früheren 
Schöpfung, so gut es angieng, künstlerisch gerecht zu werden. 
Im, verlorenen Paradies hatte er einen Weheruf erhoben 
über den Lauf der Welt, die dahin geht „den Guten feind- 
lich und den Schlechten hold, erseufzend unter ihrer 
eignen Last". Er hatte den Sieg der teuflischen Gewalten 
an dem ersten grossen Beispiel gezeigt, das er an der 
Schwelle der Menschheitsgeschichte vorfand. Aber dies war 
nicht der Weisheit letzter Schluss. Niemand sollte damber 
in Zweifel sein , dass das Licht zuletzt doch über die Finster- 
nis triumphiren werde. Da sich dieser Triumph für i\Iilton 
nothwendig in die Formen des christlichen Glaubens kleiden 
musste, so wurde der Mythus des alten Testamentes mit be- 
ständigen Hinweisungen auf die Gestalt des Messias erfüllt. 
Durch seine Erscheinung wurde das verlorene Paradies wieder- 
gewonnen, und den dunklen Mächten der sicher geglaubte 
Sieg wieder entrissen. Eine Messiade zu schreiben, das ganze 
Wirken und Leiden des Erlösers zu schildern, würde dennoch 
dem Zwecke Milton's wenig entsprochen haben. Für ihn kam 
es darauf an, einen Moment aus diesem Leben herauszu- 
greifen, in dem der Gegensatz des verlockenden Bösen und 
des unerschütterten Tugendhaften dramatisch hervortrat. Er 
konnte die Figur des Satan , die im verlorenen Paradies fast 
die Rolle des Heros gespielt hatte, nicht entbehren. Er suchte 
nach einer Situation, die eben diesen Satan im Ringen mit 
Jesus zeigte. Da bot sich ihm jener sinnige Mythus von der 
Versuchung Christi in der Wüste dar. Man weiss, dass auch 
dieser Stoff schon mehrfach dichterisch behandelt war, u. a. 
in dem „Sieg und Triumph Christi" von Giles Fletcher. Aber 



1Q5 Verhältnis zum verloreiien Paradies. 

es wäre unbillig, dies zu Ungunsten der Ursprünglichkeit 
Milton"s geltend zu machen, der seinen Vorgängern höchstens 
einzelne Züge zu entlehnen hatte. Indem er den biblischen 
Mythus mit anderen Stellen der Evangelisten verknüpfte und 
das einfache Gerüst der Handlung mit den Schätzen seiner 
Eilindung und Gelehrsamkeit ausschmückte, wusste er dem 
verlorenen Paradies ein Gegenbild zu schallen , das man ganz 
falsch beurtheilt. wenn man es für ein Bruchstück hält(^). 
Freilich an Reichthum und Farbenglanz kann es nicht mit 
dem gi-ossen Epos verglichen werden. Es fehlt der in über- 
wältigenden und lieblichen Bildern wechselnde Schauplatz, 
die Masse der handelnden Personen, die Steigemng der 
Handlung, das Pathos der Sprache, der Schmelz der Schil- 
derung. Die vier kurzen Bücher, in die der Stoff getheilt 
ist, sind kaum ein Epos zu nennen, sondern etwa eine didak- 
tische Erzählung in Versen ;2). Allerdings hat Milton dafür 
gesorgt j dass der Leser immer an sein fiiiheres Werk erinnert 
wird. Gleich die ersten Zeilen weisen darauf zuriick: 

Der ich gesungen, wie das Paradies 
Verloren ward durch eines Menschen Schuld, 
Besinge nun, wie eines Menschen Treu 
Der ganzen Menschheit es zurückgewann. 

Auch hier wird ein Höllenparlament gehalten, in dem 
Satan sich mit seinen „mächtigen Pairs*" berathschlagt. Auch 
hier erklingt der Himmel vom Worte des Höchsten und von 
den Chören der Engel, Aber die übersinnliche Maschinerie 
spielt eine sehr nebensächliche Rolle. Das Interesse koncen- 
trirt sich auf die Gespräche zwischen Satan und Jesus, und 
diese selbst sind möglichst auf ein irdisches Niveau herab- 
gedrückt. Satan hat nur wenige Augenblicke, in denen er 
als der trotzige Rebell, prometheisch und titanenhaft, ei-scheint, 
wie wir ihn von früher her kennen. Er hat sein heroisches 
Zeitalter gehabt, die Jahrtausende der Thätigkeit, die er 
unserem Planeten gewidmet hat, haben ihn civilisirt, wenn- 
schon er noch nicht in dem Grade von der Kultur beleckt 
worden ist wie Goethe's Mephistopheles. Nicht minder ver- 



Inhaltsangabe. 107 

ändert ist die Gestalt Christi. Es ist nicht der Yicekönig 
des Himmels, der siegreich auf glänzendem Streitwagen ein- 
herfahrende Gottessohn, der uns entgegentritt, sondern der 
„vollkommene Mensch", der Mann von unerschütterlichen 
Grundsätzen, das Ideal eines Puritaners. Aus puritanischem 
Geiste sind beide Werke hervorgegangen. Das wiedergewonnene 
Paradies ist ebenso von einer bestimmten Tendenz durchzogen 
wie das verlorene Paradies. Es richtet gleichfalls strafende 
Worte an das entartete Zeitalter und stellt ihm die Möglich- 
keit des Sieges über verführerische Mächte an dem edelsten 
Muster vor Augen. Es ist daher erklärlich, das dem Dichter 
dieses Kind seiner Muse nicht weniger lieb war als jenes und 
wohl glaublich, dass er mit Unmuth hörte, wenn man das 
eine nicht gleich günstig beurtheilte wie das andere. Die 
„Thaten", die er neuerdings pries, erschienen ihm „mehr als 
heldenhaft, wenn auch still vollführt, ungerühmt Jahrhunderte 
lang, obwohl wie keine des Besingens werth". 

Vergleicht man das Gedicht mit den beiden kurzen 
Stellen des Evangeliums Matthaei und Lucae, so bemerkt 
man, wie viel Spielraum der ergänzenden Phantasie Milton's 
gelassen war. Er hütet sich, sofort mit der eigentlichen 
Handlung zu beginnen, sondern schickt ihr eine Einleitung 
voraus, die den grössten Theil des ersten Buches füllt. Bei 
der Taufe „dessen, der für den Sohn Joseph's galt", bei der 
Verkündigung, dass der Getaufte der Sohn Gottes sei, lässt 
er Satan zugegen sein. Der böse Feind ahnt, dass die Stunde 
nahe, da der Fall Adam's gesühnt und seine Herrschaft über 
den Menschen gebrochen werden soll. Wie ehemals erbietet 
er sich vor seinen Genossen, um Gottes Absichten zu kreuzen, 
die Expedition auf die P'.rde zu unternehmen. Wie ehemals 
sieht Gott herab auf sein Unterfangen , dies Mal gewiss, dass 
„des Weibes Same allen Versuchungen wiederstehn werde". 
Ein langes Selbstgespräch, das Jesus in der Wüste führt, 
giebt Gelegenheit seinen Charakter zu entfalten. Man hat 
wohl nicht Unrecht, zu vermuthen, dass Milton bei der 
warmen Schilderung' des frühreifen Lerneifers und des idea- 
listischen Strebens seiner eigenen glücklichen Jugend gedacht 



IQg Inhaltsangabe. 

habe. Erst hierauf nimmt der erste Akt der Versuchung 
seinen Anfang, mit dem vierzigsten Tage jenes Aufenthaltes 
Jesu in der Wüste, als der Hunger den Wanderer zu quälen be- 
ginnt. Satan naht sich in der Verkleidung eines alten Land- 
mannes, der jene Offenbarung nach der Taufe mitangehört 
haben will. Er fordert Jesus auf, wenn er wirklich der Sohn 
Gottes sei, ein Wunder zu thun und die Steine in Brot zu 
verwandeln. Erst als er sich zurückgewiesen und durchschaut 
sieht, lässt er die Maske fallen, aber nur um schmeichlerisch- 
beredt die Vorurtheile zu zerstreuen, die über ihn, den 
Teufel, im Schwange seien. Er läugnet, ein ,, Feind des 
Menschengeschlechts" zu sein, durch das er nichts verloren, 
sondern etwas gewonnen hat. Vielmehr suche er den Men- 
schen in Zeichen und Träumen guten Rath zu geben, be- 
wundere alles Schöne und Herrliche und wünsche daher auch 
durch die Weisheit dessen gefördert zu werden, zu dem er 
spricht. Dieser zerreisst das Gewebe seiner Sophistik, nennt 
ihn einen Geist, der es trefflich verstehe, der Lüge etwas 
Wahrheit beizumischen und führt, acht christlich, den INIiss- 
brauch der heidnischen Orakel auf teuflischen Trug zurück. 
Satan behält seine unterwürfige Haltung bei und sucht die 
Anwendung gelegentlicher Nothlügen zu rechtfertigen, zu der 
der „Unglückliche" so leicht gedrängt werde. Aber er bittet 
wenigstens um die Gunst, sich demjenigen ferner nahen und 
Worte der Wahrheit aus dessen Munde hören zu dürfen, 
dessen Vater ja auch den „heuchlerischen und gottesläug- 
nerischen Priester" an seinem Altar dulde. Jesus stellt es 
in sein Belieben. Da die Nacht anbricht, nimmt der Ver- 
sucher mit der Verbeugung eines höflichen Kavaliers von 
ihm Abschied. 

Der Anfang des zweiten Buches , Klagen der Jünger und 
Maria's über das räthselhafte Verschwinden ihres Sohnes, ist 
sichtlich nur, um den Rahmen der dürftigen Handlung zu 
füllen, gedichtet worden. Die neue Berufung des höllischen 
Parlaments steht dagegen mit dem Gegenstande der Fabel in 
natürlichem Zusammenhang, Satan berichtet von seinem Miss- 
erfolge. Er hat sich überzeugt, dass es diesmal ganz anderer 



Inhaltsangabe. 109 

Anstrengungen bedürfen werde als gegenüber Adam und fordert 
guten Rath von den Genossen, Belial, seiner alten Natur 
getreu, ist der Meinung, man solle dem Messias Weiber vor 
Augen und in den Weg stellen. Durch das Weib war der 
Mann schon einmal zu Fall gebracht worden, was lag näher, 
als ihn aufs neue durch „die schönsten Töchter der Men- 
schen" zu verführen. Aber Satan weist diesen Rath zurück. 
Er wirft Belial vor, dass er andere mit eigenem Mass- Stab 
messe. Er führt ihm schulmeisterlich die Beispiele eines 
Alexander und Scipio Africanus vor Augen, die mit geringerer 
Widerstandskraft Frauenreizen nicht erlegen seien. Mit „männ- 
licheren Dingen" will er Jesus verblenden, mit „Ehre, Ruhm 
und Yolksgunst, Klippen, woran die grössten Menschen 
scheiterten", und eine Schaar dienstbarer Geister soll ihm 
seinen neuen Plan ausführen helfen. Währenddess ist Jesus 
hungrig eingeschlafen und hat von Speise und Trank geträumt. 
Dem Erwachenden naht Satan dies Mal in zierlicher Höflings- 
tracht. Er zeigt ihm von weitem einen Tisch, auf dem auf- 
gehäuft ist, was immer alle Welttheile hervorbringen, den 
Gaumen zu reizen. Schöne Jünglinge, liebliche Mädchen 
stehen bereit den Gast zu bedienen, die Luft ist von Wohl- 
gerüchen geschwängert, süsse Musik erschallt; „wie schlicht 
war gegen diese Leckerbissen der Apfel, der einst Eva's 
Sinn verlockt". Und „diese Früchte, bemerkt Satan, sind 
nicht verboten". Aber Jesus wehrt sich gegen die Ver- 
suchung um „des Gebers" willen. Wie in so manchen Epi- 
soden der romantischen Epen verschwindet mit einem Schlage 
der ganze Zauber. Nur der Versucher bleibt zurück, unwillig 
aber nicht entmuthigt. 

Er macht Anstalten, sich seinem Ziele von einer anderen 
Seite zu nahen. Ich merke, ruft er dem ^Messias zu, dass 
nicht gemeiner Hunger dich verzehrt, sondern der Hunger 
nach grossen Thaten. Aber sie können nicht vollführt werden 
ohne grosse Mittel, und Reichthum, den auszuspenden in 
meiner Hand liegt, ist eines der mächtigsten. — Es war ein 
Stück eigener Lebenserfahrung, wenn der Dichter den Erz- 
feind sagen Hess: 



\IQ Inhaltsangabe. 

Das Geld bringt. Ehre, Freunde, Herrschaft, Sieg, 
Indessen Tugend, Muth und Weisheit darben. 

Mit Überlegener Ruhe entzieht sich Jesus dieser neuen 
Schlinge. Auch er entfaltet wunderbarer Weise überraschende 
historische Kenntnisse, wie er denn seinen Widerpart an die 
Uneigennützigkeit und Unbestechlichkeit eines Cincinnatus, 
Fabritius, Curius Dentatus, Regulus erinnert. Nicht minder 
erscheint ihm die Krone des Herrschers verächtlich, die ihm 
Reichthümer verschaffen sollen. Ganz puritanisch, als sollte 
der Hof Karl's H. ihn hören, ruft er aus: 

Die Krone, 
Von aussen Gold, ist nur ein Dornenkranz, 
Und seinem Träger bringt das Diadem 
Gefahr und Sorgen, Nächte ohne Schlaf, 
Die Bürde aller ruht auf seinen Schultern. 
Darin besteht ja eines Königs Amt, 
. Sein Ruhm, Verdienst und Werth, sein höchstes Lob, 
Dass er für's Ganze solche Lasten trägt. 
Doch wahrer König ist, wer sich beherrscht, 
Wer meistern kann Begierde, Wunsch und Furcht, 
Und jeden Edlen ziert dies Köuigthum. 

Einen Augenblick steht Satan beschämt und sprachlos 
da. Dann macht er seiner Bewunderung über so viel Weis- 
heit Luft, aber auch seinem Bedauern, dass sie in der Wüste 
begraben sein soll. Er sucht seinen Hörer dazu aufzureizen, 
sich Ruhm zu gewinnen und hält ihm eine kleine Vorlesung 
über die Heroen des Alterthums, die auf dieser Bahn voran- 
gegangen sind. Jesus erwidert: 

Was ist der Ruhm als leerer Zungen Hauch, 
Des Volkes Lob und selten reines Lob? 
Und was ist Volk als eine wirre Heerde, 
Ein bunter Haufe, der Gemeines preist, 
Das, wohl erwogen, keinen Preis verdient. 
Es lobt, bewundert und es weiss nicht was. 
Nicht wen, der eine spricht dem andren nach. 
Ist es ein Glück, der Menge zu gefallen, 
In deren Mund als ihr Geschwätz zu leben. 
Die den am höchsten ehren, den sie schmähnV 



Inhaltsangabe. 111 

Mit gleicher Bitterkeit hatte sich der Verfasser des 
„Bilderstürmers" üher die „grosse INIasse" ausgesprochen. 
Sein eigenes zürnendes Urtheil vernimmt man auch in den 
folgenden Worten, mit denen Jesus den herkömmlichen Ruhm 
der kriegerischen Eroberer brandmarkt. Es war nur eine 
Variation des Spruches, den der Erzengel Michael, selbst ein 
tapferer Krieger, im verlorenen Paradiese während der Vision 
Adam's über die „Menschenschlächterei" gefällt hatte. 

Im Irrthum lebt, wer es für rühmlich hält, 

Ein weites Reich gewinnen mit Gewalt, 

Das Land verheeren, grosse Schlachten schlagen 

Und Städte stürmen. Ist es heldenhaft 

Zu rauben, brennen, morden, friedliche 

Nationen, die der Freiheit würd'ger sind 

Als ihre Dräuger, nah und fern zu knechten, 

Nichts hinter sich zu lassen weit umher 

Als Schutt- und Trümmerhaufen und durch Krieg 

Des Friedens blüh'nde Werke zu zerstören V 

Und dann, von Stolz geschwellt, sich Götter nennen, 

Wohlthüter für die Menschheit und Befieier, 

Mit Tempeln, Priestern, Opferdienst verehrt? 

Der nennt sich Sohn des Zeus und der des Mars, 

Bis der Erobrer Tod die lasterhaft 

Entwiu-digten für Menschen kaum erkennt. 

Nicht die Vertheidigungskriege zur ,, Befreiung des Vater- 
landes" trifft diese herbe Anklage. Es wäre auch ein selt- 
samer Widerspruch gewesen, wenn derselbe Milton durch den 
Mund des Weisesten tapferen Waffenthaten schlechthin ihren 
Ruhm abgesprochen hätte, der einst zum Ruhmesherold des 
independentischen Heeres geworden war. Aber am höchsten 
stehen ihm doch die unblutigen Siege des Geistes, die an- 
spruchslosen Thaten dessen, der für die Wahrheit kämpft und 
duldet. Hiob und Sokrates — der Messias nennt sie in 
einem Athem — sind seine Ideale. Ihr Ruhm bleibt hinter 
dem der stolzesten Eroberer nicht zurück. 

Satan giebt seine Stellung noch nicht verloren, aber er 
sucht einen würdigeren Gegenstand des Ruhmes vor Augen 
zu führen. Sein Volk zu befreien, sich als Retter an seine 



\\2 Inhaltsangabe. 

Spitze zu stellen , zeigt er als ein Ziel , der edelsten Anstren- 
gung werth. Aber er giebt zu, dass ein Eingreifen in die 
gi-osse Politik ohne vorangegangene Schulung und Einsicht in 
die Weltlage nicht möglich sei. Hier wurde der biblische Mythus 
nach der Anordnung des Evangeliums Lucae wieder brauch- 
bar. Mit grosser Kunst wird jener Scene des Ausblicks von 
dem hohen Berge über alle Reiche der Welt eine Schilderung 
der politischen Verhältnisse der ersten Jahrzehnte unserer 
Zeitrechnung eingeflochten. Kleine geschichtliche Versehen 
laufen mit unter. Aber im ganzen und grossen ist die histo- 
risch-politische Auseinandersetzung geistvoll und richtig. Der 
Vorschlag, zunächst eine Anlehnung bei den Parthern gegen 
die Römer zu suchen, um alsdann nach Befreiung der „zehn 
Stämme" ein selbstständiges Reich zwischen den rivalisirenden 
Mächten zu bilden, macht der satanischen Staatskunst alle 
Ehre. Diese ..politischen Maximen" finden aber bei dem 
Hörer keinen Anklang, Kriegsgeräth ist ihm „ein Beweis 
der Schwäche, nicht der Stärke der ISIenschen". Die „tiefen 
Pläne von Feinden, Beistand, Schlachten, Bündnissen" dünken 
ihn werthlos. Seine abgefallenen Brüder, die zehn Stämme, 
hält er seines Befreiungswerkes nicht für würdig. Er giebt 
zu verstehn, dass seine Aufgabe eine höhere sei. Satan geht 
auch auf diesen Gedanken ein, in der ^leinung, es handle 
sich nicht um die Gründung eines nationalen Reiches, sondern 
um die Erwerbung der Weltherrschaft. Er lässt daher das 
Bild der gebietenden Siebenhügelstadt auftauchen mit allem, 
was sie Grossartiges enthält. Es ist ein glänzendes Gemälde, 
das der Blinde nach seinen liebsten jugendlichen Erinnerungen 
und seinen umfassenden antiquarischen Kenntnissen sich 
rekonstruiren konnte. Zuletzt erscheint die Gestalt des Tibe- 
rius auf Capri in seine Lüste versunken, und der Verführer 
schliesst mit der Aufforderung, mit seiner Hilfe ,,dies Unge- 
heuer vom Thron zu stossen". Jesus bleibt auch durch diese 
„sogenannte Herrlichkeit" ungerührt. Er entwirft das finstere 
Gegenbild der faulen römischen Kultur, die alle Laster er- 
zeugt habe: 



Inhaltsangabe. 113 

Welch Weiser, Tapfrer möchte wohl sich mühn, 
Sie, durch sich selbst geknechtet, zu befrein? 
Wer schafft ein freies Volk aus Sklaveuseelen? 
Kommt meine Zeit, besteig' ich David's Thron, 
Und meines Reiches wird kein Ende sein. 

Durch diese neue Ablehnung gereizt, vergisst Satan seine 
Rolle. Er zeigt sich als der Teufel, der er ist, indem er als 
Bedingung für seine Geschenke fordert, dass Jesus nieder- 
falle und ihn anbete. Alsbald, gehörig zurechtgewiesen, 
nimmt er seinen höflichen Ton wieder an und geht zu dem 
letzten Appell an den Ehrgeiz über, der noch möglich war. 
Wer Kriegsruhm und irdische Herrschaft versehmähte, mochte 
dafür empfänglich sein, mit den Lorbeeren von Kunst und 
Wissenschaft geschmückt, ein Herrscher im Reiche der Geister 
genannt zu werden. Nicht glücklicher liess sich dies Motiv 
ausführen als durch eine blendende Schilderung griechischer 
Bildung. War Rom der eine Brennpunkt antiker Kultur, so 
war Athen der andere. Die „Mutter der Künste und Beredt- 
samkeit" stellt sich von weitem den Blicken dar, der „Oliven- 
hain der Akademie" , die „Schulen der alten Weisen" , die 
geheime Macht „der Harmonie" in den Gesängen der lyrischen 
und epischen Dichter, die Chöre und Jamben der „erhabenen 
Tragiker", die unwiderstehliche Gewalt der „berühmten 
Redner". W^as Milton jemals bei zunehmender Bekanntschaft 
mit den Schätzen des griechischen Genius an Entzücken ge- 
fühlt hatte, findet hier in den Worten des Satan ein voll- 
tönendes Echo. Aber dem Messias erscheint auch dies alles 
als teuflische Lockung. -VY^j. Li(.jj|. 

Von oben, aus dem Quell des Lichts, empfangt, 
Braucht andre Lehren, wiir's auch Wahrheit, nicht. 
Doch falsch sind jene, wenig mehr als Träume, 
Vermuthung, Phantasien auf Sand gebaut. 

Die Ueberlegenheit des reineren Gottesbegriffes, die der 
Spross des auserwählten Volkes sich eigen weiss, reisst ihn 
zu einer höchst parteiischen Vergleichung der beiden Kultur- 
elemente fort, aus deren Verbindung erst eine neue Epoche 
für die Geschichte der j\Ienschheit beginnen konnte. Die 
Systeme der griechischen Philosophen finden keine Gnade vor 

Stern, Milton n. s. Z. II. 4. 8 



W^ Inhaltsangabe. 

seinen Augen, „denn auch der Weiseste bekannte nur das zu 
wissen, dass er nichts wisse". Die Poesie der Hellenen kann 
sich nicht messen mit den Gedichten der „Muttersprache", 
mit ihren Hymnen und Psalmen. Die griechischen Rhetoren 
stehen weit zurück hinter den von Gott begeisterten Propheten. 
Hier ist „Einfachheit und Majestät", „wahrer Preis des Heilig- 
sten", „gediegene Regierungsweisheit", dort nur ein „Trugbild 
der Wahrheit" , gotteslästerlicher und schamloser Fabelwust. 
„Schwulst von Beiwörtern, dick aufgelegt wie Schminke auf 
einer Buhlin Wangen". — Wie viel oder wie wenig Milton 
selbst von diesem Urtheil angehören mag, das wird man sagen 
dürfen, dass er es in seiner Jugend schwerlich, selbst durch 
den Mund eines anderen, ausgesprochen haben würde. Auch 
dazu hatte er durch die Sturm- und Drangperiode des 
Puritanismus hindurchgehen müssen, um den Teufel zum Ver- 
herrlicher der antiken Bildung zu machen und die specifisch 
christliche, aus dem Schoosse des Judenthums erwachsene Idee 
ihr feindselig und triumphirend gegenül)erzustellen. 

Der zweite Tag der Versuchung, dessen Schilderung sich 
tief bis in das vierte Buch des Gedichtes hinein erstreckt, 
ist damit zu Ende. Der letzte Akt des Mythus nach der 
Anordnung des Evangeliums Lucae blieb noch übrig, die 
Versuchung auf der Zinne des Tempels von Jerusalem, welche 
der Dichter auf den dritten Tag verlegt. Auch diesen Schluss- 
akt hat er mit dem schönsten Schmuck seiner Phantasie ver- 
schwenderisch bedacht. Die Schilderung der vorangehenden 
Gewitternacht, des anbrechenden Morgens ist reich an frischen, 
gesättigten Farben. Das Gespräch, welches dem Zauberfluge 
zum Tempel vorausgeht, erinnert mitunter an das grossartige 
Pathos des verlorenen Paradieses. Das Ende hinterlässt einen 
erhebenden und beruhigenden Eindruck. Jesus kehrt „unbe- 
merkt" , als Mann, der seinen Lohn in sich selbst trägt, in 
das einfache Haus seiner Mutter zurück. Aber der Chor der 
triumphirenden Engel lässt einen Freudengesang erschallen, 
in welchem noch einmal die Erinnerung an das grosse Epos 
nachklingt : 



Renaissance und Puritanismus. 115 

Jetzt ward durch deinen reiueu Sieg gerächt 
Die Ueberlistung Adam's, und zurück 
Gewonnen das verlorne Paradies; 
Vereitelt ist, was einst Betrug geraubt. 

Bleibt der innige' Ziisammenhanof der beiden Gedichte 
somit bis zum Schluss erhalten, so gemalint das wiederge\vonnene 
Paradiel zugleich beständig an das erste gi'össere poetische 
Erzeugnis der Milton'schen Jugend, Einem unbefangenen 
Leser wird sich der Vergleich mit dem Comus sofort auf- 
drängen. Wie dort so ist hier die leitende Idee der Tiiumph 
der Tugend über die Verführang. AYie dort so kleidet sich 
hier der Kampf zwischen dem guten und zwischen dem l)ösen 
Prineip in pomphafte Rhetorik. In beiden Fällen tritt die 
dramatische Gestaltungskraft hinter dem ausgesprochenen 
Lehrzweck zurück. Aber weit entschiedener als das Jugend- 
gedicht trägt diese Schöpfung des Alters den Stempel ernster, 
fast finsterer Lebensanschauung. Der Schmelz der heiteren 
Renaissance ist beinahe verflogen, die sorglose Freude an 
der Antike hat der religiösen Beschaulichkeit Platz gemacht. 

In einer anderen Beziehung hingegen hat die Antike 
sichtlich, je älter Milton wurde, einen immer stärkeren Ein- 
fluss auf ihn gewonnen. Es wii'd kaum einen grossen engli- 
schen Schriftsteller geben, dessen Latinismen einen solchen 
Umfang erreichen, als es bei Milton nachweisbar erscheint. 
Die beständige Beschäftigung mit den Autoren des römischen 
Alterthums, die frühe Angewöhnung ihrer Sprache zum 
poetischen und prosaischen Gebrauche, die Nothwendigkeit l)ei 
den wichtigsten Gelegenheiten im Amt und ausser dem Amt. 
zum Angriff, wie zur Abwehr sich des Lateinischen zu be- 
dienen: alles dies hatte auf die Ausbildung des ]\rilton*schen 
Englisch einen wesentlichen Eintiuss ausgeübt und ihm ein 
bestimmtes, im Laufe der Zeit immer schärfer werdendes 
Gepräge gegeben. Es ist hier nicht nur von dem Milton'schen 
Sprachschatz die Rede und von dem Verhältnis, in welchem 
sich die angelsächsischen und romanischen Bestandtheile seines 
Vokabulai-s befinden. Allerdings schon eine Betrachtung dieses 
Gegenstandes hat zu interessanten Ergebnissen geführt. Man 



11(3 Milton's Latinismen. 

hat die poetischen Werke Milton's einer genaueren Unter- 
suchung auf diese Frage hin gewürdigt und gefunden, dass 
von den etwa 8000 verschiedenen "Worten, die in ihnen vor- 
kommen, ungefähr 5300 nicht-germanischen Ursprungs sind. 
Was Shakespeare betrifft, so hält man sich zu der Annahme 
berechtigt, dass von der Summe der 15000 Worte, die seinen 
poetischen Sprachschatz ausmachen mögen, etwa 600b nicht 
dem angelsächsischen Stamm angehören. Milton's Zurück- 
greifen auf nicht germanische Formen in seinen Gedichten 
würde demnach zwar nicht absolut aber relativ bei weitem 
bedeutender erscheinen, als es bei Shakespeare der Fall ist. 
Unter diesen nicht germanischen Wortformen sind viele, die 
erst Milton in die englische Sprache eingeführt hat, wenn- 
gleich es über jedes erlaubte Mass hinausgehen wird, mit 
Tocqueville ihre Zahl auf sechshundert anzusetzen. Unläug- 
bar aber ist, dass die Jugendgedichte einen geringeren Procent- 
satz niclit-sächsischer Worte enthalten als die Gedichte des Alters. 
Und zugleich legen diese beim ersten Blick voll- 
giltiges Zeugnis für das Vorherrschen von Latinismen nach 
anderer Richtung hin ab. Die Syntax Milton's zeigt eine 
entschiedene Hinneigung zu der der lateinischen Sprache und 
dies je mehr, je älter er wurde, je häufiger er selbst Veran- 
lassung gehabt hatte die lateinische Sprache anzuwenden. 
In seinen Jugendgedichten herrscht noch der leichte natür- 
liche Satzbau des elisabethanischen Zeitalters vor, doch 
drängen sich bereits Wendungen ein, die wie ungeschickt aus 
dem Lateinischen übersetzt erscheinen. In den früheren seiner 
englischen Prosaschriften tritt die Einwirkung antiker Vor- 
bilder schon deutlicher hervor. Im späteren "Mannesalter, als 
er jene fein ausgearbeiteten Streitschriften verfasst hatte, die 
alsbald einen europäischen Ruf erlangten, dachte er, auch 
wenn er englisch schrieb, mit Vorliebe in lateinischen Formen. 
Konstruktionen, welche dem Genius der englischen Sprache 
von Haus aus fremd waren, Participialverbindungen . Ver- 
kürzungen durch die Anwendung des absoluten Casus, Aus- 
lassungen, Verschränkungen, Vertauschungen einzelner Rede- 
theile werden immer häufiger. Das wiedergewonnene Paradies 



Der reimlose Jambus. 117 

nicht minder wie das verlorene Paradies sind von Latinismen 
der Art erfüllt, und der moderne Leser wird sich nicht selten 
an einzelnen Härten der Diktion stossen, welche auf diesen 
Ursprung zurückzuführen sind(^). 

Die Form des wiedergewonnenen wie des verlorenen Para- 
dieses zeigt aber noch nach einer anderen Richtung hin eine Ab- 
weichung von den heimischen Gewohnheiten. Alle bedeutenden 
epischen Dichtungen Englands waren in das Gewand gereimter 
Verse gekleidet. Milton wagte es für die beiden Epen, die seinem 
Alter angehörten, den fünffüssigen, reimlosen Jambus zu wählen. 
Diese Verwendung des üblichen Versmasses des Dramas für 
die erzählende Poesie konnte als eine kühne Neuerung gelten. 
Sie erschien um so kühner, da der Reim in jener Zeit sich 
der höchsten Gunst erfreute und selbst Gebiete zu er- 
obern drohte, die ihm bis dahin verschlossen gewesen waren. 
In Butler's Hudibras waren eben durch die gewagtesten, 
kecksten Reime höchst komische Wirkungen hervorgebracht 
worden. Dryden feierte durch die geschickte Handhabung 
der heroischen Stanze die grössten Triumphe. Mit ihm vor 
allem drang der Reim, nach dem verführerischen, französischen 
Muster, zeitweise sogar in"s Drama ein. Erst wenige Jahre 
zuvor hatte Dryden selbst für die Zwecke der Bühne den 
Reim gerechtfertigt, weil „er die Phantasie am besten regele". 
In seinem Essay „über die dramatische Poesie" (1667) hatte 
er diese Ansicht näher ausgeführt. Von Robert Howard des- 
halb angegriffen, hatte er in der Vertheidigung seines Essays 
(1668) die Sache des Reimes im Drama nochmals verfochten. 
In seinem Aufsatz über „heroische Schauspiele" (1672) kam 
er auf die Frage zurück und erst sechs Jahre später l:)equemte 
er sich dazu eine Manier aufzugeben, die dem Genius seines 
Volkes widerstrebte (^). Hatte sich nun aber der Reim gegen 
Ende von Milton's Leben selbst der Bühne zu bemächtigen gewusst, 
so schaltete er in der epischen Dichtung als legitimer Herrscher. 
Allein auch dieser Legitimität gegenüber erhob sich in Milton 
der Revolutionär. Der übertriebene Kultus des Reimes, zu 
dem man sich herabliess, reizte ihn erst recht zum Wider- 
spmch. Er bekannte sich ohne Zweifel mit Wycherley zu 



WQ Der reimlose Jambus. 

der Ansicht, „dass in Folge des Reimes mystischer Nonsens 
von den Kritikern oft für witzig, und Doppelsinnigkeiten von 
den Damen für zart und rührend gehalten würden''. Dieses 
ürtheil schimmert sichtlich durch die Worte hindurch, mit 
denen er genöthigt ward seine unerhörte Neuerung in Schutz 
zu nehmen (^). 

Denn kaum war das verlorene Paradies erschienen, 
als nach der Versicherung des Verlegers viele Leser an 
der Reimlosigkeit des Gedichtes „Anstoss nahmen". Er 
brachte daher 1668 eine Reihe von Exemplaren auf den Markt, 
denen nicht nur , nach lebhaft geäussertem Wunsche, ein In- 
haltsverzeichnis der einzelnen Gesänge vorgedruckt war, 
sondern die auch eine kurze Vorbemerkung Milton's über 
„den Vers" enthielten. In dieser nannte er den Reim ge- 
radezu „die Erhndung eines barbarischen Zeitalters" und, 
namentlich wenn es sich um „längere Werke" handle, nur 
dazu dienlich, „schlechten Inhalt und lahmes Metrum zu ver- 
brämen". Er gab zu, „dass einige berühmte moderne Dichter" 
sich der Mode des „trivialen Reimgeklingels" anbequemt 
hätten. Aber er hielt sich davon überzeugt, dass dieser 
„Zwang" der Güte ihrer Leistungen nur Eintrag gethan habe. 
Für sein Unterfangen, diese „Fesseln abzuschütteln", „als der 
erste in England dem Epos seine Freiheit zurückzuerobern", 
berief er sich auf das Beispiel Homers und Virgil's, der „besten 
englischen Tragiker" und „einiger italienischer und spanischer 
Dichter ersten Ranges" (^). Immerhin war diese Methode der 
Vertheidigung eine sehr bedenkliche. Denn darüber konnte 
kein Zw'eifel obwalten, dass die vorzüglichsten epischen Werke 
der Neuzeit bei allen Völkern die Form des Reimes zur Ver- 
wendung gebracht und eben durch sie einen nicht geringen 
Theil ihrer Volksthümlichkeit erworben hatten. Auch hat 
der Vorgang Milton's auf die Dichter seines Vaterlandes 
wenig Eindruck gemacht. Allein er gieng auch hier stolz 
und unbekümmert den Weg, den er für den richtigen hielt. 
Indem er für das wiedergewonnene Paradies dieselbe Form 
wählte, die einige Jahre vorher in seinem grossen Epos An- 
stoss erregt hatte, zeigte er, dass er nicht gesonnen sei, dem 
Geschmack des Tages das kleinste Zugeständnis zu machen (^). 



BehaudluDg dieser Versform. 119 

Es wild dem Biographen eines grossen Künstlers erlaubt 
sein, über die eigenthümliche Technik, deren sich derselbe 
bediente, noch ein Wort zu sagen. Sucht man sich darüber 
klai" zu werden, welcher Art Milton mit der erwählten Form 
zu schalten gewusst hat, so wird man seinem poetischen Takt 
vollkommen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Im Drama er- 
hält der reimlose Jambus schon durch den Austausch von 
Rede und Gegenrede, der mitten in einem Verse einsetzen 
kann, diejenige Abwechselung, ohne welche er von unerträg- 
licher Eintönigkeit werden würde. Im gleichmässig einher- 
wallenden Fluss des Epos müssen andere Mittel zur An- 
wendung kommen, um das Ohr nicht zu ermüden. Das Ge- 
heimnis des Milton'schen Versbaues liegt nun darin, dass er 
sich von dem Ideal des strengen zehnsilbigen Jambus mög- 
lichst weit entfernt. Jeder seiner Verse trägt zwar die ihm 
zukommende Bürde fünfmaliger, hervorgehobener Betonung, 
aber diese Bürde ist in den verschiedenen Versen sehr ver- 
schieden vertheilt. Mitunter nehmen zwei Silben die Stelle 
von einer ein, mitunter genügt eine Silbe, wo die Regel deren 
zwei erfordern würde. Dadurch wird die Möglichkeit gegeben, 
den Sinn dem Rhythmus anzupassen und bald den Eindruck 
einer spielenden Beschleunigung bald den einer bedeutungs- 
vollen Zurückhaltung hervorzubringen. Zu diesen Mitteln der 
Tonmalerei kommen andere, die der Dichter mit nicht weniger 
feinem Gefühl angewandt hat, vor allem der weise Gebrauch 
der Alliteration und der Assonanz. — Es lässt sich allerdings 
nicht läugnen, dass die Behandlung des reimlosen Jambus im 
wiedergewonnenen Paradies hinter derjenigen im verlorenen 
Paradies zurücksteht. Hier erreicht die Milton'sche Verskunst 
ihre Höhe. Sie erhebt sich über die weichere, glättere Manier 
des Comus zu männlicher Kraft und Würde, ohne deshalb 
rauh und unmelodisch zu werden. In dem zweiten Epos da- 
gegen scheint dem Dichter die Empfindung für die Wirkung 
des Metrums sehr wesentlich abhanden gekommen zu sein. 
Die eilfsilbigen Verse häufen sich im Uebermass, die 
Alliterationen und Assonanzen nehmen ab. Es ist, als wenn 
auch in diesem Punkte das Alter sich fühlbar machte, welches 



120 ' Entstehung des Sitnson. 

stark sinnliche Mittel verschmähte. In noch höherem Masse 
gilt dies von der Versifikation des Dramas, mit dem die 
künstlerische Thätigkeit Milton's abschhesst(^). 



Seiner poetischen Individualität würde ein unentbehrlicher 
Zug fehlen, wenn das wiedergewonnene Paradies das letzte 
Wort des Dichters geblieben wäre. Man erkennt allerdings 
in dieser Aeusserung seines Geistes die fromme Ergebenheit, 
die sittliche Hoheit und den Glauben an den Sieg des Guten, 
die sein Alter vor Verbitterang und Verzweiflung bewahrten. 
Aber man fühlt, dass noch etwas Unausgesprochenes in seiner 
Seele schlummert. Er konnte sich wohl über den Lauf der 
Welt zur Hoffnung auf bessere Zeiten erheben, aber er konnte 
sich nicht mit ihm versöhnen. Er durfte sich nicht damit 
begnügen die leidende Tugend zu preisen, deren Grösse in 
der Abwehr und Verneinung bestand , er lechzte nach einer 
befreienden, männlichen That. Der ..sanfte Heiland" mochte 
das Werk der Vergeltung dem göttlichen Vater überlassen, 
er war ein Mensch, ein Parteimann, mit Hass und Groll gegen 
die freudetrunkenen Sieger erfüllt , welche seine Ideale ver- 
höhnten und auf dem Grabe seiner Hoffnungen ihre triumphiren- 
den Tänze aufführten. Sein Schwanengesang wurde zum 
Fluch über ihre Herrschaft, zur Prophezeiung ihres Falles. 

Die christliche Sanftmuth der evangelischen Erzählungen 
vertrug sich freilich sehr wenig mit einer solchen Stimmung. 
Der Dichter wandte sich daher zurück zum alten Testament, 
der unversieglichen Quelle puritanischer Leidenschaft, und 
fand in „der Geschichte Simson's, des Athleten", den ge- 
waltigen Stoff, aus dem er mit der Kraft eines Älichel Angelo 
ein reckenhaftes Denkmal seines eigenen Schmerzes und Zornes 
herausschlug. Und so erschienen 1671 die l^eiden einander 
ergänzenden poetischen Zeugnisse des Puritanismus gemein- 
sam : das wiedergewonnene Paradies, ein Lobgesang des sieg- 
reichen Duldens, Simson, eine Verherrlichung der rächenden 
That. Vielleicht hatte der Dichter, um diese Zusammen- 



Entstehung des Simson. 121 

Stellung ZU ermöglichen, darauf verzichtet, sein zweites Epos 
früher zum Abdruck zu bringen. Denn so viel daii man aus 
den Worten des Quäkers Ellwood entnehmen, dass es, wenn 
nicht früher, so doch jedenfalls vollendet wurde, als Milton 
nach der Pestzeit vom Lande in die Stadt zurückgekehrt war, 
und ohne Zweifel vollendet war, als das verlorene Paradies 
bekannt wurde. In den nächsten vier Jahren muss der Simson 
entstanden sein. Auch dieser Gegenstand hatte unter den 
dramatischen Entwürfen von Milton's Jugend eine Stelle ge- 
funden, so zwar dass für ihn zwei verschiedene Tragödien in 
Aussicht genommen waren, deren eine das vierzehnte und 
fünfzehnte, die andere das sechzehnte Kapitel des Buches der 
Richter umfassen sollte. Aber nichts spricht dafür, dass an 
die Ausführung dieser Idee schon in früherer Zeit Hand ge- 
legt worden wäre. Gelegentlich wird einmal die Sage von 
Simson zu einem Vergleich in einer dei' kirchenpolitischen 
Schriften benutzt (s o. II. 102j. Besonderes Interesse für 
den Stoff tritt nicht hervoi". Erst im Alter erweckte er eine 
natürliche Theilnahme. und die Dichtung erschien nun. als 
Anhang zu dem wiedergewonnenen Paradiese, wie ein Werk 
aus einem Gusse. Dies Mal scheint Milton selbst die Druck- 
kosten übernommen und in einem Buchhändler, mit dem er 
sonst noch nicht in Verbindung getreten war, nur einen 
Agenten für den Vertrieb gewonnen zu haben (^). 

Lassen wir zunächst den Inhalt des Werkes bei Seite, 
um seiner Form unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nach 
langen Jahren wagte sich Milton wieder an eine dramatische 
Dichtung , von der er erst einmal , in dem Maskenspiele des 
Comus, eine Probe gegeben hatte. Seit dieser Zeit hatte, 
wenn nicht alles trügt, seine Beiirtheilung der dramatischen 
Poesie eine Veränderung erlitten, die wie so vieles in der 
Entwicklungsgeschichte seiner Ideen auf Rechnung des mächtig 
erstarkenden Puritanisnms zu setzen ist. Zwar gieng er 
keineswegs so weit, das Theater als solches zu verwerfen. 
Aber vergeblich sucht man in seinen Schriften eine Wieder- 
holung der Ausdrücke, mit denen er einst die nationale Bühne 
gepriesen hatte. In seiner Schrift über das Wesen der Kirchen- 



122 Antike Form des Dramas. 

Verfassung hatte er Gelegenheit genommen, sieh über drama- 
tische Dichtung auszusprechen. Aber es waren nicht mehr 
„der süsseste Shakespeare" und „der gelehrte Ben Jonson", 
die er als Muster aufführte, sondern die Tragödien des 
Sophokles und Euripides, wo nicht gar das „Pastoraldrama", 
des hohen Liedes oder die „Scenen und Chöre" der Apokalypse. 
Es kam die Zeit, in der das Theater ganz unterdrückt war, 
hierauf die Epoche des Rückschlags, in der es sich für den 
angethanen Zwang rächte und zum brauchbaren Hilfsmittel 
der zügellosen Reaktion herabsank. Für Milton war das ein 
Grund mehr, sich von der allgemein angenommenen Form 
abzuwenden. 

Wieder stellte er sich in den schärfsten Gegensatz zu 
dem angesehensten Dichter des Tages, zu John Dryden. In 
seinem Essay über die dramatische Poesie (1668) hatte dieser 
u. a. die Ueberlegenheit des modernen über das antike Drama 
behauptet. Er hielt immer daran fest, dass das „Muster der 
Alten zu klein für die englische Tragödie" sei. Milton im 
Gegentheile bestärkte sich immer mehr in der Ueberzeugung, 
dass die Form des antiken Dramas am höchsten stehe. Dieser 
Ueberzeugung gab er in einem kurzen Vorwort zum Simson 
„über diejenige Art dramatischer Poesie, die man Tragödie 
nennt," einen unverhohlenen Ausdruck. Er beginnt mit einer 
Vertheidigung der dramatischen Poesie überhaupt und bemft 
sich, wie schon in dem Motto seines Werkes, auf Aristoteles. 
Wenn er dann weiter eine Anzahl von Gewährsmännern her- 
beizieht, unter denen selbst der Apostel Paulus und Gregor 
von Nazianz nicht fehlen, so gemahnt das fast an eine der alten 
Vertheidigungen des Schauspiels aus den Tagen Elisabeth's. 
Er hält indess eine solche Vertheidigung für nöthig, weil die 
Tragödie zu seiner Zeit „bei vielen in Missachtung und sogar 
in Verruf gekommen sei". Diese puritanische Verurtheilung 
erklärt er aus dem Verschulden der Dichter selbst, da sie 
„dem Ernst und der Würde der Tragödie komischen Stoff 
beimischen oder niedere und gemeine Personen in ihr auf- 
treten lassen". Ein derartiges Verfahren gilt „allen Ver- 
ständigen als absurd und taktlos''. Es dient nur dazu, „auf 



Antike Form des Dramas. 123 

unerlaubte Weise die Gunst der grossen Masse zu gewinnen*'. 
Hingegen giebt es ein anderes Ideal der Tragödie, das nicht 
der leiseste Vorwurf treffen kann. Es ist dasjenige der Alten, 
das Ideal, welches Aeschylus, Sophokles, Euripides zu ver- 
wirklichen gesucht haben, „die drei tragischen Dichter, die 
noch niemand sonst erreicht hat". Es giebt „kein besseres 
Muster für irgend jemanden, der eine Tragödie zu schreiben 
unternimmt". Ihnen will, nach dem Vorgang italienischer 
Dichter, auch Milton folgen. Er führt den alten Chor wieder 
ein, ohne diese Neuerung mit der Ausführlichkeit zu recht- 
fertigen, wie Schiller es im Vorwort zur Braut von Messina ver- 
sucht hat. Die Zahl der handelnden Personen ist wie im 
griechischen Trauerspiel äusserst beschränkt. Wie hier ist 
dem „Boten" die Aufgabe zugewiesen, über die Katastrophe, 
die sich dem Auge des Zuschauers entzieht, ausführlich Be- 
richt zu erstatten. Der Schauplatz bleibt von Anfang bis zu 
Ende derselbe. Die Handlung spielt sich „nach alter Regel 
und den besten Mustern" in vierundzwanzig Stunden ab. Un- 
willkürlich fühlt man sich mitunter an den gefesselten Prome- 
theus, mitunter an den Oedipus oder Philoktetes gemahnt. — 
]\Ian braucht nicht zu sagen, dass Milton einen Weg be- 
trat, auf dem er vereinsamt bleiben musste. Empört über 
die theatralischen Erscheinungen des Tages, sprach er ein Ver- 
dammungsurtheil aus, das zwischen der eingebürgerten Kunst- 
form und ihren Auswüchsen keinen Unterschied machte, und 
vor welchem Shakespeare so wenig bestehn konnte wie irgend 
einer der Dramatiker der Restauration. Auch hat er selbst 
sich nicht darüber getäuscht, dass seine Stimme kein Echo 
finden werde. Er hatte, wie er sagt, sein Werk „niemals für 
die Bühne bestimmt" und daher auch jede Eintheilung in 
Akte oder Scenen unterlassen. Bei alledem war es ein glück- 
licher Griff, dem biblischen Stoffe die Form des antiken Dramas 
zu geben. Wurde er damit auch der Bühne entzogen, so blieb 
ihm jene religiöse Weihe bewahrt, die sich auf keine bessere 
Weise erhalten Hess. Und unverloren ist das Werk auch in 
dieser Gestalt der Nachwelt nicht gewesen. Der Mund des 
Schauspielers hat Milton's Dichtung freilich nicht zum Gemeingut 



124 Inhalt. 

gemacht. Aber in Händers majestätischen Tönen hat sie ein 
unvergängliches Dasein gewonnen. 

Fasst man den Inhalt des Simson in"s Auge, so hat man 
ausser den vier bezüglichen Kapiteln des Buches der Richter 
kaum eine andere Stelle des alten Testamentes als Quelle des 
Trauerspiels heranzuziehn. Mit demselben poetischen Takt 
wie in den beiden Epen sucht Milton den biblischen Stoff 
auszunutzen und durch glücklich angebrachte Motive zu be- 
leben. Der letzte Tag Simson's schliesst die ganze Handlung 
ein. Nur durch Rückblicke wird seine grosse Vergangenheit 
beleuchtet, und der historische Hintergrund erhellt. Es ist 
der Tag, an dem die Philister ihrem Götzen Dagon ein Fest 
feiern und dem blinden, zu niederer Sklavenarbeit verurtheilten 
Helden gestatten in frischer Luft zu rasten. Er wird zu 
einer Ruhebank geleitet und bejammert sein schweres Loos, 
dessen gedenkend, „was er einst war und was ei- nun ist''. 

Am lautesten erschallt seine Klage über die Blindheit: 

Blind unter Feinden — ach ein härter Weh 

Als Ketten, Kerker, Armuth, Alters Druck. 

Das Licht, das erste Gotteswerk, erlosch 

Für mich, mir bleibt kein Quell des Trostes mehr . . . 

Oh Dunkel, Dunkel, Dunkel bei dem Glanz 

Des Mittags, ew'ge dichte Nacht und nie 

Die Hoffnung neuen Tag's! 

Du erstgeschatiTner Strahl, du grosses Wort: 

„Es werde Licht, und Licht ward überall" 

Wie bin ich deines Segens so beraubt? 

Schwarz ist die Sonne mir 

Und schweigend wie der Mond, 

Wenn er die Nacht verlässt, 

In seiner finstren Höhle still versteckt. 

Da Licht dem Leben so nothwendig ist. 

Das Leben selbst ist, wenn es wahr, dass Licht 

Auch in der Seele wohnt, 

Und diese allen Theilen gleich gehört, 

Warum ward auf des Auges zarten Ball, 

So leicht getroffen und so schnell zerstört. 

Von der Natur die Kraft des Sehns beschränkt? 

Warum lässt sie es nicht wie das Gefühl 

Durch alle Poren gleicher Weise strömen? . . . 



Inhalt. 125 

Der Chor tritt auf, eine Schaar der Landsleute und Freunde 
Simson's, um ihn zu trösten. Sein alter Vater Manoa er- 
scheint zu gleichem Zweck. Er will versuchen ilin durch 
Zahlung eines Lösegeldes zu befreien und entfernt sich um 
seine Bemühungen fortzusetzen. Nach einem tiefsinnigen Chor- 
gesang über den Wechsel des menschlichen Schicksals naht 
Delila, Simson's Weib, um seine Verzeihung zu ei-flehn. Ein 
Zwiegespräch voll Schärfe und Leidenschaft führt keine Ver- 
söhnung herbei. Nach dem Abgang Delila's spricht sich der 
Chor in einer Weise über die Ehe und das Verhältnis von 
Mann und Frau aus, die Milton's eigene Meinung wieder- 
spiegelt (^j: 

Gottes heilige Gesetzesrollen 
Geben dem Maune Herrscbermaclit 
lieber die Frau. Drum halte er Wacht, 
Dass er sie zügle durch strenges Wollen, 
Möge sie schmeicheln, möge sie schmollen ; 
Sonst bezwingt sie ihn, eh' er's gedacht. 

Der Riese Harapha von Gath, der hierauf vor Simson 
tritt, ist eine Zuthat iMilton's, dem zweiten Buche Samuelis 
(Kap. 21) entlehnt. Der Riese hat grosse Worte, aber er 
wagt nicht den angebotenen Kampf anzunehmen. Seine 
spöttischen Reden haben nur dazu gedient, das alte Kraft- 
gefühl in dem blinden Helden zu wecken, und die Zu- 
stimmung des Chores hebt ihn noch mehr. Ein Bote fordert 
von ihm im Namen seiner „Lords", zu Ehren Dagon's auf dem 
Festplatz eine Probe seiner Kraft zu geben, ein Anschlag, 
den ohne Zweifel dei- beleidigte Riese eingegeben hatte. 
Simson weigert sich unter „Athleten, Kunstreitern, Taschen- 
spielern, Tänzern und Komödianten" aufzutreten. Es bedarf 
des Zuredens des Chores und neuer energischer Mahnung des 
Boten, um ihn zum Gehen zu bewegen. Er geht, das Herz 
von heroischen Entschlüssen erfüllt. Eine Ahnung sagt ihm, 
dass dieser Tag durch eine grosse That bezeichnet oder der 
letzte seines Lebens sein werde. Manoa kehrt zurück und 
macht den Chor zum Vertrauten seiner frohen Hoffnungen. 
Während ihres Gespräches erschallt ein brausender Lärm, es 
ist der Beifall des Volkes, das Simson's Kraftentfaltung zu- 



]26 Inhalt. — Kritik. 

jauchzt. Sie sprechen weiter, da lässt sich ein neues, furclit- 
bareres Getöse hören, „ein allgemeiner Seufzer, als war ein 
ganzes Volk dahingestorben". Vei-stört und athemlos kommt 
ein Hebräer gelaufen, welcher dem Ruin entronnen ist. Er 
sagt das Schlimmste zuerst: Simson ist todt, durch eigene 
Hand gefällt, aber in seinem Sturze hat er seine Feinde be- 
graben. Erst darauf sammelt er sich zu einer gedrängten 
Schilderung des Herganges, die es mit jedem antiken Muster- 
stück der Art aufnehmen kann(i). Die Hörer geben ihren 
Gefühlen lebhaften Ausdruck, Manoa, gefasst und erhoben, 
fordert zu einer grossartigen Leichenfeier auf, und der Chor 
mit seiner Hindeutung auf die Weisheit des Höchsten schliesst 
das Ganze würdig ab. 

Auch in dieser Dichtung springen einige Mängel sofort 
in die Augen. Man hat nicht ohne Grund in den einzelnen 
aneinandergereihten Scenen jede dramatische Steigerung ver- 
misst. Man hat auch hier die Yordringlichkeit der Milton'- 
schen Gelehrsamkeit bemerkt. Simson spricht von „ver- 
zauberten Bechern und lockendem Gesang" , als wären ihm 
die Mythen von Circe und den Sirenen bekannt. Der Chor 
der Hebräer vergleicht die Tugend mit dem „Vogel, der aus 
seiner Asche ersteht", als wäre ihm die Sage vom Phönix 
gegenwärtig. Wortspiele und Bilder, welche an die Künste- 
leien der Donne'schen Schule erinnern, drängen sich ein. 
Aber nicht leicht wird jemand Milton's Tragödie aus der 
Hand legen, ohne von ihrer einfachen Grösse ergriffen worden 
zu sein. Die Charaktere werden klar und bestimmt durch- 
geführt. Die Sprache ist von natürlicher Würde und Hoheit. 
In den Chorgesängen zeigt sich zwar ein bedenklicher Mangel 
des fi-eien, lyrischen Schwunges, desto besser wird der Ton 
reflektirender Theilnahme getroffen, die sich zu allgemeinen 
Betrachtungen erhebt. Die Verflechtung des Chores in den 
Dialog erscheint keineswegs, wie man befürchten sollte, als 
ein trauriger Nothbehelf. Allerdings hat Milton die lyrische 
Bedeutung des Chores noch auf andere Weise abgeschwächt. 
Er verzichtete auf die Theilung in Strophe, Antistrophe und 
Epode. weil, wie er im Vorworte zu seiner Tragödie sagt, seine 



Autobiographische Andeutungen. 127 

Chöre gar nicht auf den Gesang berechnet waren. Dafür 
entschloss er, sich hie und da den Reim anzubringen, dem er 
noch kurz zuvor auf einem anderen Felde den Krieg erklärt 
hatte. 

Den grössten Reiz erhält das Werk durch seine beständig 
merklichen Beziehungen auf die Schicksale und auf die Persön- 
lichkeit des Dichters. Man fühlt es, dass er mit dem Blute 
seines Herzens und mit dem Safte seiner Nerven schreilit. 
Wie Simson, so war auch er ein starker Held gewesen im 
Kampfe für eine verlorene Sache. Wie Simson, so war auch 
er zum Spott seiner Feinde geworden, der Philister der 
Revolution. Auch er hatte immer wie ein „Verlobter Gottes" 
Enthaltsamkeit geübt und den Wahn der anderen nicht ge- 
theilt, dass „Wein und starkes Getränke" besondere Kraft 
gebe. Auch ihn hatte einst ein Weib aus feindlichem Lager 
umstrickt, und der Missgriff hatte ihm die schönsten Jahre 
des Lebens verbittert. Endlich die elende Nacht der Blind- 
heit war ihm gemein mit dem alttestamentarischen Heroen. 
Simson spricht es aus, aber es gab Momente, in denen Milton 
es ihm nachempfand: 

Ich fühl' es, wie das Leben in mir sinkt, 
Verwelkt ist all mein Hoffen, die Natur 
Erschlafft in mir, wie müde ihrer selbst. 
Die Balin des Kuhms, der Schande lief ich durch, 
Bei denen bin ich bald, die friedlich rulm. 

Und nicht bloss die Betrachtung seines persönlichen Schick- 
sals legte dem Dichter einen Vergleich nahe. Der allgemeine 
historisch-politische Hintergrund, von dem sich die Gestalt 
seines Helden abhob, machte sein Werk zu einem ernsten 
Denkmal seiner eigenen Zeit. Wenn Simson die Häupter 
Israels schilt, welche „die grossen Thaten der Befreiung miss- 
achteten , die Gott durch ihn vollführt hatte" , wem sollten 
nicht die Mahnungen einfallen, die der Gegner des Salmasius 
ehemals an seine Landsleute gerichtet hatte? Schmerzbewegt 
ruft er aus: 

Wie oft geschieht's, dass ein entai'tet Volk 
Durch seine Laster bald zum Sklaven wird. 



128 Politische Tendenz. 

Die Fesseln höher als die Freiheit schätzt, 

Höher als schlichte Freiheit goldne Fesselo. 

Dann schleudern sie Verleumdung, Argwohn, Neid 

Auf ihn, den Gottes hohe Gunst erweckt, 

Sie zu befrei'n. Bleibt er der Fahne treu, 

So lassen sie den Muthigen im Stich 

Und häufen Undank auf die \Yackre That. 

Er gedenkt der „ungerechten Tribunale", des feindlichen 
Schwertes der Abgöttischen, das die „Leichen der Erwählten 
den Hunden und Vögeln zum Frass giebt" , und man hört 
den trauernden Freund der Cromwell, Bradshaw und Vane 
reden. Er schildert die verschiedenen Klassen der Sieger, 
die „stolzen und racheschnaubenden Verehrer Dagon's und 
seiner Priesterschaft'' , die Gewinnsüchtigen, welche für ihren 
Privatvortheil „Gott und den Staat zu verschachern bereit 
sind" , die Milderen , die sich mit einem Lösegeld begnügen 
wollen, und man fühlt durch, dass er die Männer der Hoch- 
kirche und der Kavalierpartei nach dem Leben abzeichnet. 
Diese Erinnerungen an" Selbsterlebtes verstärken den melan- 
cholischen Hauch, der über das ganze Drama ausgebreitet 
ist. Aber sie erscheinen verbunden mit dem stolzen Gefühle 
siegesfreudiger Zuversicht. „Der ganze Kampf ist zwischen 
Gott und Dagon" ruft Simson aus, und Milton ruft es mit 
ihm. Er weiss, dass der Sieg bei Gott verbleiben wird, bei 
dem Gotte, in dessen Namen die edelsten Söhne des Puritanis- 
mus ihr Banner erhoben hatten. — Er hat die zweite glor- 
reiche Revolution nicht mehr erlebt, aber weissagend schildert 
er, wie sie gleich dem^ erstarkten Helden an den Säulen der 
stuartischen Herrschaft rütteln und den gleissenden Bau der 
Restauration in Trümmer legen werde. 

In dieser Gestalt des zürnenden Propheten sollten die 
folgenden Geschlechter das Bild des blinden Dichters festhalten. 



Fünftes Kapitel. 
Abschluss der gelehrten Arbeiten. 



Im Gedächtnis der Nachwelt wird Milton immer vor- 
zugsweise als Schöpfer jener drei grossartigen Dichtungen 
fortleben, deren Hervorl)ringung ihm eine unfreiwillige Müsse 
nach der Wiederherstellung des Königthums ermöglichte. Ihm 
selbst galt die Arbeit des Lebens damit nur als zur Hälfte 
gethan. Mit dem Dichter Milton hatte, nicht eben zu dessen 
Vortheil, der Gelehrte Milton von jeher gewetteifert. Als 
er sich einst, um den Tageskämpfen nicht vom sicheren 
Ufer aus zuzuschauen, „auf der stürmischen See lärmenden 
und groben Gezänkes eingeschifft hatte", waren es doch nicht 
bloss poetische Träume seiner „ruhigen und lieblichen Ein- 
samkeit" gewesen, aus denen er sich hatte losreissen müssen. 
Er hatte zugleich jene ernsten und nüchternen Studien ein- 
zuschränken gehabt, die, ohne Rücksicht auf obwaltende 
Streitigkeiten betrieben, ihren Lohn lediglich in sich selbst 
trugen. Doch waren diese rein wissenschaftlichen Bestre- 
bungen deshalb keineswegs ganz in Vergessenheit gerathen. 
Drei grosse Arbeiten gelehrten Charakters waren in Angriff 
genommen worden und zum Theil schon ziemlich weit vor- 
gerückt, als der Eintritt in den Staatsdienst eine neue Unter- 
brechung herbeiführte. Der Verlust des Augenlichtes musste 
die Vollendung jener Aufgaben noch mehr verzögern. Erst 
nach langen Jahren ward es möglich, wenigstens einige jener 

Stern, Milton u. s. Z. II. 4. 9 



]^30 Lateinisches Wörterbuch. 

Werke zu einem gewissen Abschluss zu bringen und ihnen 
ein paar kleinere Erzeugnisse des Gel ehrt enfleisses hinzu- 
zufügen. 

Unter jenen schon längst begonnenen wissenschaftlichen 
Arbeiten hatten sich die Vorbereitungen zur Herstellung eines 
lateinischen Wörterbuches befunden. Es gehört zu den schein- 
baren Widersprüchen im Genius Milton's, dass er, dessen 
Phantasie Himmel, Hölle und Erde zu umspannen wagte, sich 
in der peinlichen Sorgfalt des Excerpirens und Kompilirens 
gefiel. "Wie er sich mehrere wohlgeordnete Sammlungen von 
Lesefrüchten in besonderen Heften anlegte, deren eines erst 
kürzlich zum Vorschein gekommen ist, so wünschte er seine 
umfassende Kenntnis der römischen Literatur in einer prak- 
tischen Weise, die den höchsten Beifall Hartlib's und Co- 
menius' gefunden haben würde , weiter zu verwerthen. Be- 
mühungen dieser Art mussten, nachdem er erblindet war, eine 
schwer -zu überwindende Schranke finden. So begreift man es, 
dass die Vollendung jenes lexikalischen Unternehmens am 
ehesten unmöglich wurde. Nach Phillip's Bericht fuhr er 
zwar „fast bis zu seinem Todestage mit den Sammlungen aus 
seiner Lektüre fort", die zur Herausgabe eines „neuen the- 
saurus linguae latinae nach der Art des Stephanus" dienen 
sollten. Allein die bezüglichen Papiere fanden sich nach 
seinem Tode „in einem so verwirrten und mangelhaften Zu- 
stande vor, dass sie als unbrauchbar für den Druck er- 
schienen". Sie sind indessen doch nicht ganz werthlos ge- 
blieben. „Was von ihnen vorhanden war", fährt Phillips fort, 
„wurde für ein anderes Wörterbuch benutzt", und in der 
That erklären die Herausgeber des sg. Cambridge - Wörter- 
buchs von 1693, die sich enge an Adam Littleton's Wörter- 
buch von 1678 anschlössen, wie dieser selbst, in der Vorrede., 
dass sie „drei grosse Manuskriptbände in Folio, alphabetisch 
geordnet und von dem gelehrten John Milton angefertigt", 
hätten ausbeuten können (^). Es ist vermuthet worden, dass 
Edward Phillips selbst diese Papiere aus dem Nachlasse seines 
Oheims bereitwillig zur Verfügung gestellt habe. Jedenfalls 
scheinen sie sich eine Zeit lang in seiner Hand befunden zu 



Lateinische Grrammatik. 131 

haben. Auch mögen sie ihm für eigene Veröffentlichungen, 
ein „Enchiridion" und ein „speculum linguae latinae" (1684), 
zu gute gekommen sein(^). 

Ein genügendes Wörterbuch war nicht das einzige Hilfs- 
mittel zur Erleichtei-ung der lateinischen Studien, auf dessen 
Zurüstung Milton Mühe und Zeit verwandt hat, 

Seit lange hatte ihn die Frage , auf welche Weise die 
lateinische Sprache am leichtesten erlernt werden könnte, 
lebhaft beschäftigt. In seiner Jugend mit Lily's veralteter 
Grammatik aufgezogen, musste er das Bedürfnis eines neueren 
Lehrmittels bei seiner eigenen pädagogischen Thätigkeit häufig 
empfinden. Durch die Bestrebungen des Comenius wurde er 
angelegt, sich mit diesem Thema weiter zu beschäftigen. 
Während er auf Hartlib's Wunsch seine Ideen über die Er- 
ziehung entwickelte, tauchte es auf's neue vor ihm auf, und 
Hartlib selbst hatte es ein Jahrzehnt danach auf seine Art 
behandelt. Im Jahre 1669 fasste Milton die Ergebnisse 
seines Nachdenkens in einer kurzen englisch geschriebenen 
Grammatik zusammen (-). In einem Vorwort an den Leser 
bemerkt er, wie seit lange, nicht ohne Ui'sache, darüber 
geklM worden sei, „dassmit einer noch dazu sehr mittel- 
mäsöfgeu Erlernung dei" lateinischen Sprache der zehnte Theil 
eines Menschenlebens daraufgehe". Eine Hauptursache davon 
scheint ihm darin zu liegen , dass die Anfangsgründe, wie die 
höhere Grammatik , gesondert und gleich in lateinischer 
Sprache gelehrt werden, noch ehe die Schüler diese verstehn. 
Milton's Reform, und er schmeichelt sich in der That, wie 
er sie einführt, der erste zu sein, besteht also darin, dass 
er die elementaren und höheren Theile der Grammatik ver- 
bindet und zwar in englischer Sprache. „Was Buchstaben 
und Silben betrifft", so ist das darüber zu Sagende weg- 
geblieben, da es „vorher und mit geringen Abweichungen aus der 
englischen Fibel gelernt sein wird, und da sich doch nur 
wenige werden übereden lassen, das Lateinische anders 
auszusprechen wie ihr eigenes Englisch." Anderes, wie Un- 
regelmässigkeiten von Deklination, Geschlecht, Konstruktion 
ist absichtlich ausgelassen, um nicht das Büchlein ,, durch 



232 Geschichte Britanniens. 

Kataloge zu überbürden" und .,die Reihenfolge der Regeln zu 
oft zu unterbrechen". Ein „Wörterbuch mit guten Beleg- 
stellen" scheint IMilton für diesen Zweck besser zu dienen. 
Er tadelt trotz aller sonstigen Anerkennung an seinem Vor- 
gänger Linacre, der eine lateinische Elementargrammatik in 
englischer Sprache für die Prinzessin Maria, Heinrichs VIII. 
Tochter, geschrieben hatte, dass er anderer ]\Ieinung gewesen 
sei. — Man sieht, das vornehmste Bestreben Milton's war 
darauf gerichtet, einen möglichst praktischen Leitfaden her- 
zustellen, nicht nur für den Unterricht Jüngerer, sondern 
auch zur Selbstbelehrung Aelterer. Es hat wiederum etwas 
Rührendes, zu bemerken, wie er dem nützlichen Zweck zu Ge- 
fallen minder bedeutenden Aufgaben seine Kraft zuwandte. 

Ein "Werk von bei weitem grösserer Wichtigkeit, ja ohne 
Zweifel eines der interessantesten, das der Reihe seiner pro- 
saischen Schriften angehört, liess er ein Jahr darauf er- 
scheinen. Es ist die „Geschichte Britanniens, vorzüglich des- 
jenigen Theiles, der heute England genannt wird, von den ersten 
sagenhaften Anfängen bis zur normannischen Eroberung" (\), 
Das Buch war von einem Bilde des zweiundsechzigjährigen 
Autors begleitet, welches der berühmte Kupferstecher William 
Faithorne nach dem Leben angefertigt hatte. Dies war die 
zweite jener gi'ossen Arbeiten, die schon seit Jahren begonnen, 
in ihrer Fortführung aber oft genug unterbrochen worden 
waren. Vier Bücher waren vollendet gewesen, als Milton dem 
Rufe des republikanischen Staatsrathes folgte. Zwei weitere 
Bücher traten im Laufe der Zeit hinzu, und der Aufschub der 
Veröffentlichung konnte der Ausfeilung des Ganzen nur zu 
statten kommen. Ursprünglich war der Plan des Werkes 
noch grossartiger gewesen. Es sollte die vaterländische Ge- 
schichte von den ältesten Zeiten an „bis auf die Gegenwart" 
umfassen. Allein der Erblindete war der Lösung einer 
solchen Riesenaufgabe nicht mehr gewachsen. Auch so indess 
ist seine Leistung, beschränkt auf einen kleineren Umfang, 
aller Achtung werth. 

Während der Revolution war in politischen Schriften 
häufig eine entschiedene Hinneigung zu den vornormannischen 



Miltons historische Befähigung. 133 

Zeiten hervorgetreten. Die bekämpften Zustände waren nicht 
selten in künstlicher Weise auf die Feudalmonarchie, als ihre 
hauptsächlichste Ursache, zurückgeführt worden (^). Milton, 
der geistige Vorfechter jener Revolution, war der erste, 
welcher eine ausführliche und wohlgeordnete Geschichte der 
früheren überlaut gepriesenen Epoche in der Muttersprache 
zu schreiben den Muth fand. Freilich hat erst anderthall) 
Jahrhunderte später das Zusammenwirken von Alterthums- * 
künde, Sprachforschung und Rechtswissenschaft ein richtigeres 
Verständnis jener dunklen Zeiten erschlossen. Allein schon 
die Kühnheit, mit der sich Milton nach seiner Art einen Weg 
durch das Dickicht der Ueberlieferung zu brechen suchte, 
würde ihm für immer einen ehrenvollen Platz in der Ge- 
schichte der englischen Historiographie sichern, auch wenn 
seine Arbeit nicht noch durch andere Vorzüge ausgezeichnet wäre. 
Allerdings wird man zunächst einen leisen Zweifel an 
der Befähigung des Schriftstellers für die Lösung seiner Auf- 
gabe nicht unterdrücken können. Man hat Milton mitunter 
den historischen Sinn ganz abgesprochen. Niemand wird 
läugnen, dass die Art seines literarischen Eingreifens in die 
bewegenden Fragen des Tages Gründe genug für die Abgabe 
dieses Urtheils liefert. Mit schonungslosem Radikalismus 
hatte er mehr als einmal für einen vollständigen Bruch mit 
der Vergangenheit gesprochen. Der abstrakten Idee, nach 
der er die Dinge in Kirche und Staat umgestaltet wissen 
wollte, sollte sich der vorhandene spröde Stoff wohl oder übel 
fügen. Oft schien er dem Baumeister zu gleichen, der sich 
daran genügen lässt, einen kühnen Riss zu entwerfen, ohne 
sich zu fragen, ob er Hände und Steine zu seiner Ausführung 
finden werde. Allein er hatte doch auch niemals das Be- 
dürfnis verläugnet, seine Theorieen durch den Hinweis auf 
geschichtliche Vorgänge zu stützen. Er hatte, wenn auch oft 
genug gewaltsam, den Zustand, den die Revolution geschaffen, 
an einen früheren Zustand der Nation anzuknüpfen gesucht. 
Seine Kenntnis ihrer historischen und rechtshistorischen Denk- 
mäler war beinahe auf jeder Seite seiner Schriften hervor- 
getreten. Dazu kam, dass das Studium der heimischen Vor- 



134 Benutzte Quellen. 

zeit für ihn noch einen besonderen Zweck hatte. Lange Zeit 
von dem Gedanken erfüllt, den sagenhaften und geschicht- 
lichen Schatz der nationalen Vergangenheit in epischer oder 
dramatischer Form poetisch zu verwerthen, hatte er sich die 
Mühe nicht verdriessen lassen, sich mit den Quellen der 
älteren englischen Geschichte genau bekannt zu machen. In 
jener Liste dichterischer Entwürfe, die er bald nach der 
Rückkehr aus Italien angelegt zu haben scheint, war eine 
ganze Anzahl ihm wohlbekannter Autoritäten angeführt. Die 
grossen Sammlungen der englischen Chronisten von Parker, 
Savile und vor allem von William Camden waren ihm zu- 
gänglich. Ein erster Abdruck der angelsächsischen Chronik, 
der ihm sehr zu statten kommen musste, war wenige Jahre, 
ehe er ernstlich Hand an sein Werk legte, erfolgt. Die Be- 
kanntschaft mit Franz Junius konnte dazu dienen, ihn über 
die Zustände der angelsächsischen Epoche mannichfach zu 
belehren. Von Arbeiten über die schottische und dänische 
Geschichte waren ihm wenigstens solche allgemeinen Cha- 
rakters, wie diejenigen von Buchanan und Pontanus nicht 
fremd. Mit den Autoren des klassischen Alterthums endlich, 
von denen namentlich Cäsar und Tacitus für ihn in Betracht 
kamen, war er seit seiner Jugend vertraut. Es war mit einem 
Worte kein kleines Material, dessen er sich zu bemächtigen 
gewusst hatte, und die genaue Angabe der Belegstellen konnte 
die Zuverlässigkeit des Geschichtsschreibers verbürgen. 

Indessen ohne kritische Sichtung wäre für den Erzähler 
die Fülle des Stoffes eher vom Uebel als vom Guten gewesen. 
Heutige Leser von billigem Urtheil, die sich hüten, den Mass- 
stab der Gegenwart an Milton's Leistung zu legen, werden 
finden, dass er auch in dieser Beziehung sich seiner Aufgabe 
wohl gewachsen zeigte. Man darf sagen , dass ihm der erste 
Grundsatz historischer Forschung, möglichst auf die gleich- 
zeitigen Quellen zurück zugehn , unwiderruflich feststeht. Er 
scheidet ohne Schonung vieles aus der beglaubigten üeber- 
lieferung aus, was er als „absurde Erfindung", als „grossartige 
Fabel" kennzeichnet, ohne deshalb läugnen zu wollen, dass 
man „oft in Erzählungen, die als fabelhaft gegolten haben, 



Seine Quellenkritik. 135 

später Spuren und Reste von etwas Wahrem erkannt hat". 
Ueber den sehr verschiedenen Werth der Quellen giebt er 
sich keiner Täuschung hin. Mehr als einmal äussert sich sein 
Urtheil in harten Worten. So wohl ihm ist, wenn er sich 
auf Gewährsmänner der griechisch-römischen Kultur berufen 
kann, so gerne er sieh der Führung eines Baeda anvertraut, 
so heftig sträubt sich sein kritischer und protestantischer 
Sinn gegen eine gewisse „Sorte" von mittelalterlichen Autoren. 
Sie stehen zwar oft „den Dingen, die sie beschreiben, nahe 
genug, da sie sich in ihrem Vaterlande ereignen. Der Zeit 
nach sind sie von den Ereignissen nicht gar weit entfernt, 
einige gehören sogar derselben Epoche an. Aber sie sind 
barbarisch in ihrer Sprache, unzuverlässig, wenn es sich um 
politische Angelegenheiten handelt, Lobredner dessen, was sie 
die heilige Kirche nennen, womit sie in Wahrheit sich selbst 
meinen, in Betrefif der meisten anderen Fragen der Religion 
blind, dumm und abergläubisch: mit einem Worte Mönche". 
Es widersteht ihm, „ihre Legenden für gute Geschichte an- 
zunehmen". Er erklärt, dass, „um einen Band schnell mit 
solchem Bettel zu füllen, nur zwei Dinge, Müsse und Glauben, 
beim Schreiber wie beim Leser vorauszusetzen wären". Die 
angelsächsischen Annalen schätzt er hoch als „Hauptquelle" 
der nationalen Geschichte, als „Grundlage, die den späteren 
Mönchen für ihre Glossen und Kommentare gedient hat" 
(S. 202). Allein ,,der Gedanke erscheint ihm qualvoll", alle 
die „Bände eines Florenz von Worcester, Roger von Hoveden, 
Matthäus von Westminster und vieler anderer von geringerem 
Ruf mit allen ihren Mönchereien durchlesen zu müssen". 
Findet Wilhelm von Malmesbury, „was den Stil und das Ur- 
theil anbetrißt", noch eher Gnade vor seinen Augen, so kennt 
sein Spott und sein Unwille keine Grenzen, Avenn er auf die 
„Fabeleien" Gottfried's von ]\Ionmouth zu sprechen kommt. 
Aber auch modernen Geschichtsschreibern weist er einzelne 
Irrthümer nach. Buchanan muss sieh von ihm sagen lassen, 
dass „die angeborene Eitelkeit von solchen, die ohne Recht 
Historiker genannt werden, oder das Bestreben, die eigene 
Nation wahrheitswidrig zu preisen", oft dazu führe, „ohne 



jgg Populärer Charakter seines Werkes. 

weiteres zu erfinden, was dazu dienlich scheine, das Geschichts- 
werk zu schmücken oder den vaterländischen Ruhm zu er- 
höhen" (S. 104). 

Man sollte wünschen, dass die Kritik Milton's sich hie 
und da nicht bloss auf eine bequeme Negative beschränkt 
hätte. Nicht selten kehren Bemerkungen wieder, wie 
die, „er wolle über Ungewissheiten nicht länger streiten", 
es „habe keinen Zweck, die verschiedenen Königsgenealogieen 
abzuschreiben und sein Buch mit barbarischen Namen anzu- 
füllen". Er überlässt es" häufig dem Leser, sich selbst ein 
Urtheil zu bilden und begnügt sich, die verschiedenen ein- 
ander widersprechenden Ueb erlief erungen neben einander zu 
stellen. Noch öfter hält er es für erlaubt, einzelne Ereignisse 
ganz zu übergehen, deren wirkliches Geschehen ihm nicht 
hinlänglich begründet erscheint. Es ist indessen zu bedenken, 
von welchem Gesichtspunkt aus er seine Arbeit unternommen 
und auf welchen Leserkreis er sie berechnet hatte. An mehr 
als einer Stelle betont er den populären Charakter seines 
Werkes. Es sollte nicht Untersuchungen bieten, sondern die Er- 
gebnisse der Untersuchung zusammenfassen. Mochten immerhin 
streitige Fragen den „Erforschern der Antiquitäten" vor- 
behalten bleiben, ihm kam es auf eine „kurze und glatte"- 
Darstellung an, die man „bis dahin am meisten entbehrt 
habe". Eben deshalb gönnt er, immer mit kritischen Vor- 
behalten, auch den „verrufenen Fabeln", die nun einmal 
Eigenthum des Volksbewusstseins geworden waren, Aufnahme. 
Er gönnt sie ihnen, „wäre es auch nur zu Gunsten der eng- 
lischen Poeten und Rhetoren, die ihrer Kunst gemäss wohl 
wissen werden, sie mit Verstand auszunutzen" (^). So wird 
vor allem die Artussage, die ihn schon früher als poetischer 
Gegenstand gefesselt hatte, in ihren Grundzügen mitgetheilt, 
wennschon es ungewiss bleibt, „wer Arthur war, und ob über- 
haupt jemals ein solcher in Britannien regiert hat". Von den 
bedeutenden historischen Persönlichkeiten steht ihm, wie man 
denken kann, keine höher als die Alfred's des Grossen. Auch 
mit diesem hatte sich seine dichterische Phantasie einst leb- 
haft beschäftigt. In den Blättern seines Geschichtswerkes 



Historischer Stil. 137 

setzte er ihm uun ein Denkmal. Er fjalt ihm offenbar als 
der edelste ^'e)•treter des rein germanischen Staatsgedankens, 
während er die normannische Feudalmonarchie als das „Joch 
des fremden Eroberers" betrachtete. 

Das bisher Gesagte bezieht sich ausschliesslich auf den 
Inhalt der „Geschichte Englands", allein um ihre Bedeutung 
vollkommen zu würdigen, wird man auch ihre Form in's Auge 
fassen müssen. Milton hatte einst in einem Privatbriefe seine 
Gedanken über historischen Stil in Kürze ausgesprochen. Er 
setzte beim Geschichtsschreiber Gesinnungen und Kenntnisse 
voraus, die der Bedeutung seines Gegenstandes angemessen 
wären. Er forderte eine „reine und ungeschminkte, klare 
und würdige Darstellung". Auf besonderen Schmuck der- 
selben legte er weniger Gewicht. „Denn", dies hatte er hinzu- 
gefügt, ich frage einem Historiker nach, nicht einem Redner. 
Ich bin kein Freund häufiger Betrachtungen und weitläuftiger 
Urtheile über das Geschehene, weil der Faden der Erzählung 
dadurch unterbrochen wird, und der Historiker damit dem 
Politiker in's Amt greift." Von allen Geschichtsschreibern 
lateinischer Sprache erkannte er dem Salust den Preis zu, 
und selbst Tacitus schien ihm keines höheren Lobes würdig 
zu sein, als dass er sich bestrebt habe,- „mit allen Kräften 
den Salust nachzuahmen". Bei diesem fand er alle seine An- 
forderungen erfüllt, vorzüglich jene Fähigkeit, „mit wenig 
Worten viel zu sagen", die sich niemand „ohne den feinsten 
Takt und ein^ gewisse Mässigung" zu eigen machen könne (^\ 
Dieses historiographische Ideal vor Augen, befleissigte er sich, 
ihm nachzueifern, ohne deshalb zum sklavischen Kopisten zu 
werden. Seine Sprache ist einfach und nüchtern. Die Sätze 
sind gedankenreich, mitunter gedrungen. Bilder und Ver- 
gleiche werden verschmäht, ebenso „wohlgesetzte Reden, wie 
sie einige Historiker, um die Nachwelt zu täuschen, erfunden 
haben". Nur selten erhebt sich die Darstellung zu höherem 
Schwünge, wie in der Einleitung zum zweiten Buche, die dem 
Preise der griechisch-römischen Kultur gilt. 

Mit den bezeichneten stilistischen Eigenthüralichkeiten 
verbinden sich andere, welche in diesem prosaischen Werke 



138 Historischer Stil. 

Milton's nicht zuerst, aber nur in wenigen der frühereu mit 
gleicher Stärke auftreten. 

Es ist schon von den Latinismen die Rede gewesen, die 
mit immer steigendem umfange in die Gedichte Milton's ein- 
drangen. Seine englischen Schriften in ungebundener Rede 
haben dasselbe Schicksal gehabt. Auch sie erscheinen von den 
Eigenthümlichkeiten des lateinischen Idioms durchtränkt, und 
die gi'osse geschichtliche Arbeit nimmt an dieser Manier 
einen stärkeren Antheil als irgend eine andere. Noch hatte 
sich eine gleichmässige englische Prosa nicht gebildet, aber 
dass man ein durchsichtiges, ja sogar ein anmuthiges Eng- 
lisch schreiben könne, wurde der Nachwelt durch manches 
Memoirenwerk, durch Cowley und selbst durch Clarendon 
hinlänglich bewiesen. Dagegen die vaterländische Geschichte 
Milton's obwohl für einen weiten Leserkreis bestimmt, glänzte 
nicht in dem leichten, gefälligen Gewände, das die ^Massen 
entzückt und einem Schriftsteller die grösste Yolksthümlich- 
keit sichert. Sie Hess auf jeder Seite den genauen Kenner 
des antiken Stiles durchblicken und stellte Forderungen an 
die Denkweise der Leser, welche nur in einem beschränkten 
Kreise derselben erfüllt werden konnten. 

Es wäre möglich, die Bemerkungen über Milton's eng- 
lische Geschichte hiermit abzuschliessen, wenn sie der Kritik 
nicht noch eine sehr beachtensweithe Seite darböte. Er hatte 
allerdings seine Abneigung gegen „häufige Betrachtungen und 
weitläuftige Urtheile" in einer histonschen Arbeit ausge- 
sprochen, allein man darf nicht glauben, dass deshalb seine 
Persönlichkeit hinter der reinen Erzählung ganz zurücktrete. 
Im Gegentheile hat er sich keineswegs enthalten, kurze An- 
spielungen auf neuere Ereignisse, gelegentliche Parallelen und 
moralische Aussprüche anzubringen, Von einem Manne, der 
einen so regen Antheil an der Politik genommen hatte, war 
es kaum anders zu erwarten, als dass er die Vergangenheit 
wie einen Spiegel für die Gegenwart betrachtete. Die Ab- 
sicht, aus den früheren Schicksalen der Nation eine patrio- 
tische Nutzanwendung für das lebende Geschlecht zu ziehen, 
bricht oft genug durch. In diesem Sinne mag man das Wissenschaft- 



Anspielungen auf die Zeitgeschichte. 139 

liehe Unternehmen Milton's nicht völlig von dem Vorwurfe der 
Tendenz freisprechen. — Er leitete sein fünftes Buch mit der 
Bemerkung ein: „Wenn Gottes Rathschlüsse einem sündigen 
Volke die Knechtschaft zugedacht haben, als den einzigen 
Zustand, der seinen Lastern angemessen ist, so sind alle Ver- 
fassungsformen gleich unfähig, dies zu vermeiden". Er knüpfte 
an eine Schilderung König Cnut's die Sentenz an: ,,Es ist 
eine Lieblingsgewohnheit vieler Grossen, erst dann ihre Ge- 
waltsamkeiten aufzugeben , wenn sie das Ziel ihres Ehrgeizes 
erreicht haben, und zu glauben, Gott versöhnen zu können, 
indem sie ihn mit einem Stück der Beute abfinden''. Noch 
deutlicheren Bezug auf zeitgenössische Vorgänge hatte es, 
wenn er die frühere „Harmlosigkeit'' der Irländer mit dem 
Charakter ihrer Nachkommenschaft „heutigen Tages" in Ge- 
gensatz stellte, oder wenn er dem „Heiden Penda", der „das 
Anhören des Evangeliums in seinem Reich nicht verhindert 
habe", vor ., vielen angeblichen Christen seiner und der mo- 
dernen Zeit" den Vorzug gab. Gänzlich Hess er sodann die 
Maske fallen, indem er gelegentlich den „Presbyterianern 
unseres Zeitalters" einen Hieb versetzte, die sehr verschieden 
von gewissen Geistlichen des vierten Jahrhunderts „mit grossem 
Vergnügen auf öifentliche Kosten in einer Synode sitzen", 
ohne deshalb Freunde „der Armuth" zu sein(M. 

Alle diese Anzüglichkeiten werden indess übertroffen 
durch eine sehr wichtige Ausführung, die Milton selbst als 
eine „Digression" bezeichnet, und an welcher der Censor so 
viel Anstoss nahm, dass er es für seine Pflicht hielt, sie zu 
streichen. Sie ist nur dadurch gerettet worden, dass Milton 
einem Bekannten eine Abschrift zum Geschenk machte. Es 
war der Graf von Anglesey, der schon als Mr. Arthur Annes- 
ley zur Zeit des Interregnums keine unbedeutende Rolle ge- 
spielt hatte. Man darf sich billig wundern, einen Mann unter 
der Zahl von Milton's Freunden zu finden, dessen Verdienste 
um die Restauration mit der Grafenwürde belohnt wurden, 
und dem ein Zeitgenosse nachsagt, dass ihm keine Partei 
mehr traute, weil er ^ich selbst nur zu oft an den meist 
Bietenden verkauft hatte. Allein abgesehen von der Unzu- 



140 Die unterdrückte Stelle bezüglich de